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22. 6. 2021 

Mit S., S. und D. zur Weißwurst in der Außengastronomie verabredet. In dem Moment, als ich mich in die S-Bahn ans Fenster setze, landet draußen auf der Scheibe eine grüne Blattwanze. Sie sitzt direkt vor mir, mit dem Kopf nach oben und ich betrachte ihren blassen Bauch und ihre Füßchen. Während die Bahn losfährt, frage ich mich, ob sie sich wird halten können.

 

Lesen im Blog

Michael Hopp: Mann auf der Couch (Roman)
Jörg Heiser: Freiheit ist kein Bild
Susanne Lorenz (Hg.): grund – Übung, Haltung / Exercise, Approach

Neue Rezensionen und Texte

  

 

In lesekulturindustriell durchgestylten und zudem pandemisch aufgerauten Zeiten ist Erste Schritte, letzte Wege mit seinem leisen Duktus, auf den man sich einzuhören bereit sein muss, vielleicht ‚schwer vermittelbar‘, wie eine Story über einen Regalauffüller im Supermarkt titelt. Das muss man kaufen, dann wird man belohnt. Den fetzigen Serviervorschlägen für „Doseneintöpfe, Markklößchensuppe, Königsbergerklöpse, Mais, Erbsen und Karotten“ (S. 122) setzt Ralf Schob kein famos eingekochtes literarisches Zartgemüse entgegen, sondern frische Bilder- und Schreib-Ware.

 

„Meine Arbeit besteht darin, mich nicht zu bewegen.“

 

Unter anderem weil Lyrik per se scheitern müsse, räumt Lyriker Ben Lerner ein, selbst diese Art Superpoesie namens Lyrik zu hassen. Das rhythmische, melodische, zutiefst empfundene Menschlichkeitsohrensausen sei laut Lerner simple Verklärung. Sie wäre immer noch zu schreiben, die Lyrik, doch „es gibt keine echte Lyrik; es gibt am Ende nur und bestenfalls einen Ort dafür“. Und weiter: „das fatale Problem bei der Dichtkunst: Gedichte“.

 

Lenny Ureña Valerios Ansatz schaut neu und in dieser Ausführlichkeit erstmals auf ein komplexes Nord-Nord-Süd-Gefüge mit teleskopischen Beziehungen von Kolonisator und vermeintlich oder tatsächlich Kolonisierten. Es ist die postkoloniale Perspektive innerhalb dieses nicht nur dichotomischen (Polen und Deutsche), sondern Nord-Nord-Süd-Settings der Kolonialität, die Colonial Fantasies, Imperial Realities zu einer besonders lohnenden (und übersetzenswerten) Lektüre macht.

 

Das Buch aus dem MaroVerlag ist eine bedeutende Veröffentlichung, die sowohl mutig als auch gekonnt auf sich nimmt, in die abwechslungsreiche Stimme einer der bedeutendsten Dichterinnen der USA der letzten Jahrzehnte hineinzufinden.

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