Kultur & Gespenster: NO BALANCE
Anna-Lena Wenzel: L - Liebe
Christian Bernhardt: Jana Jana Jana

Neue Rezensionen und Texte

  

 

Heartfield und Beuys 

Der Platz, von dem aus politisch etikettiert wird, gerät im Moment der Zuweisung selten selbst zum Problem. Als ob alle Etikettierer die goldene Mitte einnähmen. Und als ob die Rechts-Links-Einordnungen unbesehen durch die Jahrzehnte sich einfach so durchschieben ließen. Aber irgendwie scheint man sich doch zu verstehen. Oder täuscht das nur? 

 

 

 

Spricht Rainald Goetz von „Passivität“ als dem Modus einer Protokollierung des Effekts, so korrespondiert dies mit der Aussage Francis Bacons, dass das Eigenleben des Zufalls oft zu schnell vom Willen seiner Definition gestoppt wird.

Denkbar ist, dass beide Künstler eine Ästhetik des Zufalls verfolgen, der eigen ist, dass zunächst undefinierte und unbestimmte Ereignisse durch Protokoll (im Text) und Strich (im Bild) zur Form einer ästhetischen Anschauung gebracht werden.

 

 

Eintauchen in die Vergangenheit: Folge den Saxofonmelodien von Ornette Coleman ... Nimm beispielsweise, selbst wenn aus seinem beeindruckenden, voluminösen Oevre, das eher weniger spektakuläre "Ornette!“, herausgebracht im Jahr 1962. Gelbtürkisfarbenes abstraktes Cover mit experimentellem Ornette-Schriftzug. Free Jazz auf der Schwelle zu Harmolodics. Musikstücke mit zwar traditionsbezogenen Elementen, doch im Grunde konsequente Innovation.

 

Bei Von der Sorberwenden Wesenheit und Herkommen, einem absichtlichen Fall vorgetäuschter Geschichts-/Anthropologiefiktion im Sinne eines Pynchon-haften Enzyklopädismus in der Belletristik (hier aber ohne Fabel) ist der Clou, dass der Wissenschaftsfake erbaulich funktioniert. Er verdient das Attribut: besser als die Wahrheit. 

 

 

Das 19. Jahrhundert kannte noch nicht den Taschenspielertrick des folgenden Jahrhunderts, mittels eines einfachen Ironiesignals schlechte Kunst in "gute" Kunst umzuwandeln. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde Ironie durch weitere Hilfsmittel ersetzt, die zum gleichen Ergebnis führten. Fast will es scheinen, dass im 19. Jahrhundert zum letzten Mal der Gegensatz von schlechter und guter Kunst durchführbar war, denn nach 1900 begann man nicht mehr, jedenfalls nicht mehr allein, von guter, sondern von notwendiger Kunst zu sprechen. Die gute alte klassische Ästhetik war am Boden, es wucherten personalisierte Ästhetiken.

 

Es ist ein gewagtes Schreibexperiment, das Armen Avanessian da vor den Augen seiner Leser_innen unternimmt, ein Akt gezielter Selbstüberforderung und
-überrumpelung, und zugleich eine konsequente Dekonstruktion des eingangs geäußerten Vorsatzes, endlich mal „mit etwas Ruhe nachzudenken“. Das soeben erschienene Resultat, 
Miamification, verwirft alle Erwartungen, die man an einen philosophischen Text stellen könnte, und löst sie auf höherer Ebene doch wieder ein.