Neue Rezensionen und Texte

  


Geoffrey Farmer bietet eine auf sehr trendy und cool gebürstete Ästhetik. Sie inszeniert sich theatralisch, muss dies aber auch tun, da nur Eigenschaften wie Größe und Exzentrik Farmers breites kaleidoskopisches Spektrum abbilden können. Am Ende bleibt die Frage, was ohne Dunkelheit geschehen könnte? Und doch: Dass die Sonne wieder aufgehen wird, ist höchstwahrscheinlich.

 

 

Kaka-Kommando, Schulbrote schmieren, Kinderbringdienste. Alexander Poschs neuer Roman „Sie nennen es Nichtstun“ blickt in die alltägliche Fließbandarbeit eines Systemzombies. Poschs Held ist Familienvater, hat eine Frau gefunden und lebt im Speckgürtel Hamburgs mit drei Kindern in Rahlstedt. Der moderne Klassiker. In einer Art Bernhard’scher Erregungsrhetorik parodiert Posch das postmoderne Familienglück. Abenteuer und Zivilisation sind für Papi Lichtjahre entfernt. Parataktisch wird mit schwärzestem Humor, manchmal etwas zu eintönig, über die entromantisierende Wirkung des Hausmannsdaseins geklagt. Poschs Roman unterhält und nimmt die Angst, schlimmer dran zu sein. In seinen besten Teilen lebt er von einer realistischen Darstellung, die auf jegliche poetisierende Virtuosität verzichtet.

 

 

Die Think Tanks, die für die Zeit des Kalten Krieges treffender mit Denkpanzer anstatt Denkfabrik zu übersetzen wären, haben heute mit den zahlreichen Unternehmensberatungen ein privatwirtschaftliches Alter-Ego erhalten, das, obgleich anderen Logiken verpflichtet, den Gestus eines „silent club“ geerbt und beibehalten hat. Wenn diese neuen, auf ökonomische Rationalität gepolten Tanks auch nicht von den Eiswürfeln das Kalten Krieges gekühlt werden, so gibt How Reason Almost Lost Its Mind zumindest Anlass dazu, darüber nachzudenken, welche Formen der „rationality“ unsere intellektuelle Welt heute durchdringen, wo ihre Ausläufer überall hinführen und welches Feld sie umspannen.

 

 

Über zehn Jahre lang hat Beat Wyss geduldig den grausamen Maulkorb getragen, aber mit dem vorliegenden Buch wird das Schweigen gebrochen. Um es vorwegzunehmen: Beat Wyss ist kein Antisemit. Das zeigt der Artikel, der am Anfang des Buches abgedruckt wird, eindeutig. Dafür zeigt er etwas anderes, das sich leider durch das gesamte Buch zieht: Der Autor ist ungenau. (...) Es würde sich lohnen, für dieses Buch einen Banalitätsdetektor zu entwickeln. Ein Beispiel für Aufgeblasenes: Im Kapitel Ruinenrevolution liest man: "Eine Reise fiele wie ein nicht erinnerter Traum in die Nacht des Vergessens zurück, würde sie nicht durch Aufschreiben dokumentiert." Jedem Einkauf droht das gleiche Schicksal. 

 

 

Es gibt wahrscheinlich nichts Absurderes, als in Kriegszeiten Anarchist zu sein. Ein Gehirn, das an Auflösung denkt, muss zur Kenntnis nehmen, dass auch die Heimatfront hart wird, weil der Feind sich nicht im Inneren befindet, sondern draußen. Wenn aber der Anarchist selber noch verbürgerlicht, dann tendiert die Lage zur Groteske. Natürlich hat auch Erich Mühsam nicht mit einem sich so in die Länge ziehenden Waffengang gerechnet. Aber so sitzt er 1916, seit einigen Monaten verheiratet, mit einer kleinen, ziemlich vertrackten Erbschaft, in München in seiner neuen Wohnung und liest Zeitungen. Tag für Tag. Woche für Woche. Unerträglich für einen "revolutionären Pazifisten".

 

                                                                                                                                                                 

Volker Renner: Der große Preis
Rupert Gaderer: Q - Querulanz
Jennifer Bennett: Wenn ich ein Blümlein wär`