Carsten Klook: Letzte Nächte in Boohemia, Episodenroman

 

Meine einzige Entschuldigung ist: ich konnte nicht anders, als Bemerkungen über das Buch von Carsten Klook zu machen, nachdem es sich unvermutet in meiner Jackentasche befand.

In der »gloreichen Zeit«, wie dieser Autor sie nennt, hat mir mal ein Autor nach einer Rezension eine Knarre an den Kopf gehalten. Damit rechne ich diesmal nicht – aber bei Autoren weiß man nie ...

»Letzte Nächte in Boohemia« von Carsten Klook

Ich habe vor langer Zeit aufgehört, Bücher zu kaufen; legen Sie mich nicht fest: vor 15 Jahren? Bis dahin waren Regale gesteckt voll mit Büchern mein einziges Mobiliar, und der Verkauf von Beständen hat mir wenigstens einmal das Leben gerettet.

(Ein Antiquariat in Wien, und es ging um das Buch. [Von Juntz‘ Namenlose Kulte, versteht sich, oder das namenlose Opus im ? Meister des jüngsten Tages: dazu ein anderes Mal mehr.])

 

Ich muss ein Buch nicht besitzen, um es schätzen zu können. Eine ausgezeichnet sortierte Stadtbibliothek, gegebenenfalls die Fernleihe und Geschenke haben ausgereicht, um meinen freilich außerordentlichen Lesehunger zu stillen.

Seit rund zwei Jahren bin ich auf Diät. Ich lese noch allerhand, verschlinge aber keine Bände mehr. Von mehreren hundert Seiten am Tag bin ich auf zehn oder 20 abgemagert. Mehr vertrage ich kaum.

Auf meinem Schreibtisch erheben sich zwei wechselnde Türme mit Büchern, in denen ich bisweilen blättere und die wohl nicht dem demnächst fälligen Autodafé zugewiesen werden.

In alphabetischer Reihenfolge:

In Frank Arnaus Das Auge des Gesetzes (München 1965) schlage ich Daten nach, wenn ich der heimischen Polizei auf die Finger schaue.

Samuel Becketts Malone stirbt (Frankfurt/M. 1977), das ich mir mit 18 zuerst anverwandelte, passt zu jeder Lebenszeit.

Die ausgewählten Schriften von Walter Benjamin, Illuminationen (Frankfurt/M. 1977), liegen als Fetisch da. Wesentliche Absätze könnte ich aufsagen.

Dito Strophen aus Das lyrische Werk von Georg Heym (München 1977).

Mit den Byzantinischen Aufzeichnungen von Erhart Kästner, Aufstand der Dinge (Frankfurt/M. 1976), habe ich schreiben gelernt.

Straßen in Berlin und anderswo von Siegfried Kracauer (Berlin 1987) enthält lauter Feuilletons, die ich zu kopieren versucht habe.

Mein Lesebuch von Günter Kunert (Frankfurt/M. 1983) mit mehreren Diamanten der Dichtkunst, habe ich Robert Musils Fliegenpapier wegen aus dem Staub gezogen.

Von Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht (Frankfurt/M. 1984) wird mir nach ein paar Zeilen schwindlig; mit 20 ahmte ich sie in konstruktivischer Prosa nach.

Die Winterreise von Wilhelm Müller mit Illustrationen von Ludwig Richter (Zürich 1984) ist ein Comic-Band.

In den Essays von Susan Sontag, Im Zeichen des Saturn (Frankfurt/M. 1983), entdecke ich auch beim wiederholten Lesen neue Gedankenverbindungen.

 

Ganz zuoberst liegt nun das Buch, das mir zum 60. Geburtstag geschenkt wurde und mich vor die Herausforderung von 208 Seiten stellt: Letzte Nächte in Boohemia oder: Die schwarzen Augen der Kröte (o. O. 2017).

Aber, als hätte der Autor mein Stöhnen erhört, es ist ein »Episodenroman« und bietet sich zerstreuten Lesern wie mir in neun Teilen an.

Da der Autor förmlich über sich nur das Nötigste mitteilt (»geboren 1959, lebt und arbeitet in Hamburg als Schriftsteller und Kulturjournalist«) werde ich mich hüten, mehr zu verraten. Dabei könnte ich Geschichten erzählen …

So viel immerhin sei vorausgeschickt, ehe ich den Anschein einer Rezension erwecke, dass ich beim ersten Durchblättern des meinen hohen Ansprüchen an Bindung zuträglichen Bandes zusammen zuckte. Zu meiner Seite spritzte eine Fontäne aus einem See von Entengrütze, und es war der heißeste Tag dieses Rekord-Oktobers, als ein Eishauch aus der Zeit mich streifte.

Teil sechs muss ich nicht lesen; kenne ich schon; konnte ich mal aufsagen. Habe ich mal illustriert. 

Als ich mir unter anderem mit dem Ertrag aus Rezensionen das Brot bestrich, hatte ich keine Gelegenheit, ein Buch von Carsten Klook zu besprechen, weil es keines gab. An ihm lag das nicht. Den Korrektor gab es schon, aber kein Verleger erkannte dessen Kunst.

Inzwischen liegen dieses und andere Werke vor, und ich bin nicht genötigt, meine Bemerkungen den Konventionen eines Literaturbetriebs anzupassen, den ich nur als kulturanthropologisches Phänomen wahrnehme, wobei ich nicht in Gefahr bin, in zu große Nähe zum Gegenstand der Betrachtung zu geraten.

Klook selbst macht am Schluss seines Buchs eine Anmerkung zum Entstehungsdatum des Obturator, sodass ich kein Geheimnis verrate, wenn ich mein Veteranengeschwätz vorausschicke. (Veteranen im »Literaturkampf«.)

Jedenfalls kramte ich, bevor ich mich an die Lektüre der böhmischen, Verzeihung, boohemianischen (auch da tilt das Prüfprogramm und macht rote Korrekturkringel) Dorfnächte mache, in einer gewissen Kiste nach den Fotokopien meiner Zeichnungen, von denen sich ein paar Fetzen erhalten haben könnten …

Die Originale sind verschollen wie zwei Blätter, die Klook und ich für eine Comic-Serie bei einem gewissen Verlag einreichten. Verschollen, vergraben, vergessen … »zu depressiv«? (Dazu unten mehr.) Ich höre ja schon auf und komme nach über 600 Vorworten zur Sache.

 

»Have you ever been mistreated? Then you knowowow what I’m talkin‘ about« (Steve Marriott, Five long years)

 

In seinem Vorwort skizziert Carsten Klook das Panoptikum von Boohemia als einen »Reigen von prekären Charakteren«, von »merkwürdigen Figuren, die sich durchschlagen« und »sich als Dissidenten begreifen«.

»Die Boheme ist zum Prekariat verkommen. Manche tauchen ab wie Kröten. In deren schwarzen Augen spiegelt sich die Zukunft.«

Klook hat tief und lange in diese Augen geschaut und sich selbst darin gespiegelt gesehen oder mich und andere, die für die bürgerliche Welt verloren sind. Die Versuchung ist groß, aus seinen Porträts einen soziologischen Extrakt zu ziehen, denn seine Aufzeichnungen aus dem Alltag des Wahnsinns sind von dokumentarischer Präzision. Die albernsten Absurditäten erfindet die Wirklichkeit; die Surrealität liegt nur einen Lidschlag neben der Normalität.

»Segmente des Widerspruchs, der Gegensätzlichkeit. Eine Weiterentwicklung Magritte’scher Zustände, diese Himmelsfarben, herauskristallisiert, aufs Wesentliche reduziert.«

Die in Puppenspiel im Heubarg sezierte Hochzeitsfeier auf dem Lande wirft ein Schlaglicht auf die »Gesellschaft im Spätkapitalismus«, das den Studien der in dieser Gesellschaft befangenen Soziologen entgeht. Und wenige »Schriftsatzsteller« sind schamlos genug, sich mit ihren Ansichten auszustellen. Andere unterhalten ihre anständige Leserschaft mit Kalenderweisheiten; Klook spritzt Vitriol in die Gesichter.

Er spürt den Lebensgefühlen solcher nach, die neben der Spur sind. Sie tragen alltägliche Namen wie Tom oder Torben, Ralph oder Palle, und was sie erleben ist von äußerster Belanglosigkeit. Erzählt wird davon mit peinlicher Genauigkeit, als streife Arno Schmidt nicht durch die Heide, sondern vom Hamburger Hafen zum Schulterblatt. »Peinlich« auch in dem Sinne, in dem es die Autobiografie des Ethnologen Michel Leiris ist, an dessen fremden Blick auf das Eigene in Mannesalter viele Absätze in Boohemia anklingen.

Die literarisch gebildete Leserschaft mag sich einige Bewohner dieses Perle, das hinter den Fassaden von Hamburg steckt, als Beckett-Gestalten vorstellen, die, während sie im Schlamm wühlen, an Frauen und Autos denken.

Manche Autoren – ich gehöre dazu – machen vor, sich mit der Welt zu befassen. Doch auch für sie gilt wie für Carsten Klook, was Giorgio Manganelli über ? H. P. Lovecraft feststellte: »Wann immer Lovecraft als vorbehaltloser und unglaubwürdiger Chronist die abseitigen Fratzen beschreibt, von denen sein Dasein erfüllt ist, beschreibt er das einzige unförmige Monster, mit dem er von Grund auf Erfahrung hat, sich selbst.«

Klooks Hauptfiguren agieren nur unter Zwang, wenn man es denn agieren nennen will. Gelegenheit, aus oberwähnten Benjamin-Band zu zitieren: »Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, dass das Leben lebenswert sei, sondern dass der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.«

Alles nur Puppenspiel, nicht wahr? Jedenfalls schlägt Klook einen solchen Ton an: »Eigentlich bin ich an allem schuld, dachte er und hängte sich vorsichtshalber schon mal ans Kreuz.«

Wovon andere im Hochton der Verzweiflung heulen, bildet in Boohemia Aphorismen. Besagte Hochzeitsfeier auf dem Lande, deren Höhepunkt ein Kasperle-Theater ist, liest sich wie das Skript für ein post-existentialistisches Ohnsorg-Theater.

Zu einigen Seiten fielen mir, schon des Sujets wegen, »Die Gespräche der Haschischraucher« ein, und bei genauer Betrachtung fanden sich weitere Ähnlichkeiten mit Alfred Jarrys 1897 erschienenen Tage und Nächte, dem Roman eines Deserteurs. Etwa der oft satzweise zwischen Reportage und Lyrik wechselnde Tonfall.

Jarrys Protagonist Sengle könnte im Klookschen Panoptikum Platz nehmen. Würde ich mich weiter vorwagen, zeigte sich auch eine Verwandtschaft zwischen den Autoren, zwischen dem »Revolverheld und Radfahrer« Jarry und Klook, dem Gedankenmusiker und Sportwagenfahrer.

Mein Favorit in Boohemia ist Einfall der Wörter, die Geschichte eines Bandnamen (sprich Bändnamen)-Erfinders. »Außenstehende« Leser mögen meine Erheiterung über die im Text gelisteten Wortgebilde nachvollziehen können. Doch die besondere Wirkung dieses Textes auf mich liegt in Sätzen, die der Autor aus meiner Autobiografie abgeschrieben hat: »Ihm war nicht geheuer, was Menschen trieb und was sie so trieben. Er selbst war da ein schlechtes oder auch ein gutes Beispiel.«

 

»Über der Szenerie schwebte ein unsichtbarer Geist. Es konnte der Tod sein, der über allem schwebte, aber das bleibt vage …«

 

Sie erinnern sich? »Eishauch« und »Entengrütze«, als ich Obturator las? Ich würde es mir und Ihnen schenken, und Uwe Wandrey, der Obturator nicht in seine Anthologie … nie wieder neunundzwanzig (Reinbek 1990) aufnahm, würde es vielleicht »zu depressiv« finden – aber es ging so wahrhaftig weiter wie Klooks Sittenbilder sind.

(»Ein Junge auf einem Skateboard erstarrte in vollem Schwung vor ihm. An seiner Silhouette konnte Palle eine Schweißnacht entdecken. Pappenheim, dachte er, 1:1, ganz maßstabsgetreu.« [S. 152] »Zu depressiv«? Dass ich nicht lache!)

Seinen ersten Weg in meiner Jackentasche nahm das Buch durch Neukloster. See, Wald und der Blick über die Elbmarschen lockten einst Ausflügler aus Hamburg in das heute der Stadt Buxtehude zugeschlagene Dorf; der jährliche Pfingstmarkt als größter in der Gegend erinnert daran.

Seit einem halben Jahrhundert zerreißt die »Todesstrecke« den Ort. Einmal zermalmte ein Panzer auf Manöver ein Auto, aber vor allem Fußgänger kamen beim Überqueren der Bundesstraße 73 zu Schaden oder zu Tode.

Das Buch begleitete mich zunächst auf den christlichen Friedhof beiderseits der B 73, wobei wir knapp einem Lastkraftwagen entkamen, der über die Hügelkuppe aus Richtung Stade heran raste.

Anschließend gelangten wir in den FriedWald® von Buxtehude im Neukloster Forst, bevor Letzte Nächte in Boohemia auf meinem aktuellen Bücherhaufen eine vorläufige Ruhe fand.

 

ruprecht.art.blog

 

 

 

 

Vom Wunsch, ein Autor zu sein

Frank Witzel: „Vondenloh“

 

Literatur-Besessenheit und Liebestollheit kreuzen sich im Roman „Vonderloh“ von Frank Witzel. Im Mittelpunkt ein Anti-Held, der versucht, sich als Biograf der erfolgreichen Schrifstellerin Betinne Vonderloh zu etablieren – mit zum Teil hanebüchen-herrliche Ideen. Die Neuauflage eines Schlüsselwerks.

Von Tobias Lehmkuhl

 

Der Held oder Anti-Held von „Vondenloh“, Frank Witzels urkomischem und extrem hintersinnigem Roman, trägt bezeichnenderweise keinen Namen – obwohl er sich doch unbedingt einen machen will, sei es als Romancier, Librettist, Journalist oder Biograph. Die Heldin dieses Buches hingegen verfügt über gleich zwei Namen, ihren Geburtsnamen Helga Dahmel und ihren Künstlernamen Bettine Vondenloh. Sie kann sich diese zwei Namen spielend leisten, denn ihr ist beschieden, was dem Erzähler von „Vondenloh“, ihrem verkapptem Biografen, Schulfreund und Möchtegern-Ehemann, versagt bleibt: literarischer Ruhm.

Bettine Vondenloh ist so erfolgreich, dass schon wenige Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung Symposien zu ihrem Werk abgehalten werden. Das Problem ist nur: Der Erzähler des Romans meint es besser zu wissen als alle ihre Interpreten, denn schließlich ist er mit ihrer Biografie vertrauter als irgendjemand sonst, ja ihr ganzes Werk erklärt sich für ihn einzig aus ihrer Lebensgeschichte. Das heißt aus der gemeinsamen kleinstädtischen Vergangenheit.

„Der Komponist Gottfried Heinzell, dem ich im Frühjahr 1996 ein Libretto über die Kindheit der Schriftstellerin Bettine Vondenloh anbot, schrieb mir in seinem Antwortbrief, er empfinde meine Geschichte in ihrer geradezu symbolischen Überhöhung ergreifend, könne sich aber eine tonale Umsetzung nur schwerlich vorstellen. „Vielleicht“, fügte er hinzu, „haben Sie das Thema literarisch bereits ausgeschöpft, so dass meine Musik nur noch Untermalung wäre, nicht aber, wie ich es mir selbstverständlich für meine Arbeit wünsche, tragendes Element.“ Ich verstehe Heinzells Einwand heute sehr gut.“

Auch Dieter Schnebel und Helmut Lachenmann, die es im Gegensatz zu einem Gottfried Heinzell wirklich gibt, winken ab. Unterkriegen aber lässt sich der Erzähler nicht: Irgendwie muss er sein geballtes biografisches Wissen, dass ihn zudem als besessenen Heimatkundler ausweist, an den Mann bringen. Ein ums andere Mal versucht er, Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ unterzubringen, referiert seinen eigenen unveröffentlichten Roman, schreibt Vorträge für Symposien, zu denen er nie eingeladen wird, gibt sich am Ende gar als Vondenlohs Ex-Mann und Feuilletonchef aus München aus, um wenigstens eins seiner Ziele zu erreichen: Dank seiner arkanen Vondenloh-Dahmel-Kenntnisse allgemein respektiert zu werden, am besten aber in Kontakt zu treten mit der verehrten Autorin und Jugendfreundin selbst. Seit 20 Jahren nämlich entzieht sie sich ihm. Und so liest er ein ums andere Mal ihre ersten Geschichten, die sie in der örtlichen Zeitschrift „Bäckerblume“ veröffentlichte, während er selbst es mit seinen Schreibversuchen gleich beim „Merkur“, bei „Sinn und Form“ und „Akzente“ versuchte, vergeblich, versteht sich.

Marcel Proust und die Bäckerblume

„Ihre dritte Geschichte hieß „Fräulein Linder macht einen Ausflug“. Fräulein Linder war die Sportlehrerin der Mädchen. Bei dieser Geschichte wurde ich allerdings schon damals stutzig. Helga erzählte in kurzen Sätzen, wie Fräulein Linder sich an einer Tankstelle einen Gebrauchtwagen kauft, mit dem sie am darauffolgenden Sonntag ins Grüne fährt. Da sie einen steilen Weg in die Berge wählt, beginnt der Kühler zu kochen. Fräulein Linder weiß sich nicht zu helfen, hält an einem Bach und gießt eiskaltes Quellwasser in den Kühler, worauf dieser zerspringt. Ich war erschrocken von der sich immer mehr verdichtenden Symbolik, die mich einen tiefen Blick in Helgas Psyche werfen ließ. Nicht nur, dass ihr Inneres zum Zerspringen angespannt war, immer und immer wieder, wie ja auch in der Geschichte „Herr Kosslers kauf einen Salat“, tauchte die alles überschattende Unfähigkeit auf, etwas Brennendes oder Aufkochendes zu löschen.“

Angesichts der Versuche des Erzählers, die banalsten Geschichten symbolisch zu überhöhen, wird der Rezensent mit seinen Interpretationen selbst vorsichtig. Zumal dem Roman ein 50-seitiger Anhang beigegeben ist, der als Auszug aus einem Materialienband zum Werk Frank Witzels ausgegeben wird und schon alle Deutungen erhält, die man dem Roman „Vondenloh“ aufzwingen könnte. Ein Aufsatz mit dem Titel „Madelaine und Bäckerblume. Die Logik des Traums bei Proust und Witzel“ findet sich da, ebenso eine hinreißende psychoanalytische Abhandlung, die erläutert, inwiefern der Pseudo-Biograph in einem Akt „homosozialer Übertragung“ die Stelle Peter Handkes im Leben Bettine Vondenlohs einzunehmen versucht. Eine oder ein gewisser Maria-Franz Mondner schreibt zudem über ein angeblich getilgtes Kapitel, in dem Joseph Karl Ratzinger von Günter Grass im Schützengraben an die Literatur herangeführt wird, um schließlich nach dem Krieg mit Thomas Bernhard, der unbedingt Priester werden wolle, die Identität zu tauschen und erfolgreicher Autor zu werden.

„Die bislang in der Forschung etablierte Auffassung, gemäß welcher Witzel dieses Kapitel kurz vor der Erstveröffentlichung umgeschrieben und ersetzt hat, weil er Sanktionen der Erben fürchtete, lässt sich wahrscheinlich nicht aufrechterhalten. Anlass scheint vielmehr die Wahl Joseph Karl Ratzingers zum Papst gewesen zu sein, ein Umstand, der beim Leser leicht die Vermutung hätte aufkommen lassen können, Witzel schließe sich einem allgemeinen Zeittrend an, um an dessen kommerziellen Auswüchsen zu partizipieren. Warum Witzel jedoch nicht einfach Namen und Orte abänderte, bleibt bislang unbeantwortet.“

Die Vogel-Strauß-Taktik der Psychoanalyse

Das Spiel mit echten und falschen Namen, mit Wahrheit und Fiktion, durchzieht Witzels ganzen Roman. Als er den Psychoanalytiker Jacques Lacan in einem Hubschrauber über dem Geschehen kreisen und fast, wie die Honoratioren der Stadt, kopfüber in einen Pappmaché-Nachbau des Freud’schen Behandlungssofas stürzen lässt, behauptet er, der Franzose sei auf diese Weise, durch die Verbindung vom sogenannten „Anderen“, französisch „autrui“, mit dem Vogel Strauß, „autruche“, zu der Wortbildung „autruiche“ gelangt und habe darin das Inbild der Psychoanalyse erkannt.

Derart hanebüchen-herrliche Ideen werden vom Erzähler im höchsten Ernst vorgetragen und fügen sich auf diese Weise ganz natürlich in die Geschichte. Müßig, hier noch vom Flugzeugabsturz zu erzählen, der das Geheimarchiv Bettine Vondenlohs offenlegt, ihre vermeintliche Stasi-Tätigkeit unter dem zweifelhaften Decknamen „Aktion Wiegenköder“, die absurde Affäre des Erzählers mit einer Siegfried Lenz-Verehrerin, der Bau einer Joseph-Goebbels-Statue aus Stanniol-Papier oder der finale Vondenloh-look-alike-contest.

Es scheint unmöglich, dieses Buch auf einen Begriff zu bringen: Groteske, Humoreske, Literaturbetriebs-Satire, von Bedeutungen und Referenzen überquellender postmoderner Abenteuer- und Detektiv-Roman, der zudem tief in deutscher Geschichte wühlt, zugleich auch Pop-Erzählung, die den Stones-Hit „Jumping Jack Flash“ noch einmal ganz neu deutet. Man fühlt sich von dieser literarisch-philosophisch-psychologischen Wundertüte ein ums andere Mal hin- und hergeschleudert, mitgerissen und gnadenlos überfahren. Von einem Autorennen übrigens, soviel sei noch gesagt, handelt dieses Buch auch. Und hinterm Steuer sitzt, wie könnte es anders sein, eine Autorin.

 

Deutschlandfunk, 31. 10. 2018

 

 

 

FM4 Radiobeitrag

 

Kilian Jörg: Die Clubmaschine. Über das Berghain

21. 10. 2018

 

Podcast IM SUMPF -> 

 

 

 

 

 

 

 

Michaela Ott: A – Affizierung

 

Kleiner Stimmungsatlas in Einzelbänden Bd. 18, Gustav Mechlenburg, Nora Sdun (Hsg), 118 Seiten, Textem Verlag, Hamburg 2018

Unter „A“ verzeichnet die hervorragende Reihe Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden bereits die Bände Albernheit und Angst. Nun kommt ein sehr viel abstrakterer Titel hinzu. Affizierung bezeichnet die Autorin Michaela Ott, Professorin für Ästhetische Theorien an der HFBK Hamburg, in ihrem umfassenden Werk Affizierung: zu einer ästhetisch-episthemischen Figur (2010) als unabdingbar für eine reflektierende Wahrnehmung. In diesem Band verhandelt sie den Begriff am Beispiel von Filmen aus sogenannten peripheren Ländern, die in ihrer Dramaturgie eigentlich zu schlicht und in ihrer Aussage zu düster seien, um den Entertainment-Ansprüchen des Publikums zu genügen. Die Frage, was diese Filme an sich haben, dass sie in anspruchsvollen Spielstätten zur Vorführung kommen, führt zu den Affizierungsprozessen, die sie gerade durch ihre „Ästhetik der Armut“ bei den Zuschauer*innen in Gang setzen.

Lerchenfeld Nr. 45, Oktober 2018

 

 

Vielleicht ist Psychoanalyse ja keine Wissenschaft, sondern eine Kunst

Hat man in unserer gehetzten Gegenwart noch Zeit, so unverschämt lange auf einer Couch zu liegen? Die Patienten, die auf dem Sofa in Sigmund Freuds Arbeitszimmer lagen, stellten sich diese Frage kaum. (Bild: Robert Huffstutter)

 

Die psychoanalytische Zeitschrift «Riss» macht den Relaunch: Die Siglen Freud und Lacan treten in den Hintergrund. Aber interpretiert wird noch immer, dass es eine reine Freude ist.

 

Ein wenig mehr Psychoanalyse, und die Welt wäre besser. Statistisch belegbar ist dieser Satz natürlich nicht, aber erfahrungsgemäss gilt: Wer um seine Schwäche weiss, muss keine Stärke demonstrieren. Und doch weht der Psychoanalyse ein rauer Wind entgegen.

Während die akademische Psychologie das «unwissenschaftliche» Wissen des Sigmund Freud ausgeschieden hat, ist der psychologischen Therapeutik ein Verfahren, das keine eng getaktete Zielerreichung postuliert, sondern der Zeitlichkeit der Seele folgen will, verdächtig. Viele Sozial- und Geisteswissenschaften schliesslich haben in ihrer Forschung das «Unbewusste», die Pièce de Résistance der Psychoanalyse, aufgegeben. Aber wie soll man ohne diesen Begriff sinnvoll die Wissenschaften von den Menschen betreiben? Beständig sind sie mit ihren latenten Regungen beschäftigt.

 

Schuldlos an ihrer misslichen Lage ist die Psychoanalyse nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann insbesondere in den USA eine Orthodoxie die Oberhand, die ihre Patienten einem rigiden Geschlechterdualismus unterwarf. Der Mann, der seine Männlichkeit, und die Frau, die ihre Weiblichkeit leugnete, sie mussten zwangsläufig in psychische Nöte geraten. Homosexualität galt als Abnormität, und die Frauen, hiess es, litten am «Penisneid». Bis heute will daher der Vulgärfeminismus nichts von Freud wissen, auch wenn dessen einschlägige Ausführungen ambivalent sind. Wir alle, schreibt er, seien als Kleinkinder einmal «polymorph pervers» gewesen.

 

Weg vom Ich

Dazu kam, dass der französische Strukturalist Jacques Lacan, der die Psychoanalyse von ihrer Fixierung auf die Ich-Stärkung befreite, indem er sein «Retour à Freud» und zu dessen Spracharbeit an der Couch praktizierte, sich eines schillernden barocken Vortrags- und Schreibstils befleissigte, der nun gewiss nicht jedermanns Sache ist. Der Stil sollte der Funktionsweise des von Lacan aufgewerteten Unbewussten nahe kommen, kultiviert aber das Hermetische.

«Freud - Lacan»: Eben noch standen die Namen im Titel der psychoanalytischen Fachzeitschrift «Riss», des führenden Organs der an Lacan orientierten psychoanalytischen Bewegung im deutschsprachigen Raum. 1986 wurde der «Riss» in Zürich, im Mekka der Tiefenpsychologie, gegründet: vom Psychoanalytiker und Autor Peter Widmer und vom Psychologen Dieter Sträuli. 

Und jetzt probt die Zeitschrift den Relaunch – ohne Freud und Lacan im Titel, dafür mit pinkfarbenem Softcover, mit dem irritierend leicht rückwärts geneigten I im Schriftzug «Riss», so dass man sich kurz wahrnehmungsgestört wähnt, mit neuem Verlag (Textem, Hamburg) und mit teilweise neuen Redaktoren und Redaktorinnen (siebzehn Köpfe zählt das Kollektiv). Peter Widmer ist noch immer dabei.

 

Eine Art Wissenschaft

Was steht in der ersten neuen Nummer, der Nummer 88? «Fröhliche Wissenschaft» lautet der Schwerpunkt – in Anlehnung an Friedrich Nietzsches wissenschaftskritische Aphorismensammlung aus dem Jahr 1882. Weit hergeholt ist das nicht: Die Psychoanalyse will eine Art Wissenschaft sein, wirft aber den gängigen wissenschaftlichen Methoden Kurzsichtigkeit vor. Einige der «Riss»-Texte tun indes, was zu erwarten war: Sie betreiben raunend und exzessiv Exegese.

Da wird Lacan mit Freud und Nietzsche, Nietzsche mit Freud, Freud mit Derrida und Bataille gedeutet, wie schon in den 1980er Jahren. Das kann noch immer erhellend sein; unter dem Brennglas der Psychoanalyse verliert jedes Phänomen seine Eindeutigkeit – für die klassische Wissenschaft fürwahr eine Herausforderung.

Doch die Schriftauslegung ist oft nur penibel. Monique David-Ménards Meditationen zum Beispiel über den Nihilismus der russischen Anarchisten, mit dem sich Nietzsche befasst habe, ist von einer Eingeweihten für Eingeweihte zu Papier gebracht worden. So verschanzt die Psychoanalyse sich im Ghetto, das ihr der wissenschaftliche und psychologische Mainstream zuweist. Man kann dort ewig seine Mantras wiederholen, aber wen kümmert's?

 

Der Wahn hat Sinn

Einen frischen Ton schlägt Bettina Kupfer an: Nicht ganz stolperfrei schildert sie, wie ihr die Analyseerfahrung bei der Arbeit als Schauspielerin in die Quere kam und wie sie sich tastend als Analytikerin mit Flüchtlingen versucht. Judith Kasper denkt darüber nach, was es heisst, in unserer gehetzten Gegenwart unverschämt viel Zeit für das Liegen auf der Couch zu investieren. Jonas Diekhans erinnert die Therapeuten mit einer Geschichte aus der Frühneuzeit daran, dass der Wahn der Schizophrenen einen Sinn habe.

Alexander Waszynski steuert eine so feine wie elegant formulierte Beobachtung zu einer Frage – einer Frage nur! – des amtierenden US-Präsidenten bei. Und Volker Renners in den USA geschossene Fotoserie von leeren Rahmen, die ihrer Reklametafeln entledigt nun mit stummen Neonröhren auf den blauen Himmel verweisen, gibt dem Heft einleitend und abschliessend eine offene Klammer, wie es einer psychoanalytischen Zeitschrift gut ansteht: Der Platz ist da, was kommt Ihnen in den Sinn, wie wäre er zu füllen? Ja, ein Riss geht durch das Reale.

 

Riss. Zeitschrift für Psychoanalyse. Nr. 88 (2018/2): Fröhliche Wissenschaft. Textem, Hamburg. 231 S., Fr. 24.–. «Riss» erscheint mindestens zweimal jährlich. Jahresabonnement Fr. 79.– zuzüglich Porto.

 

Urs Hafner, NZZ, 11.10.2018

 

 

 

 

Mittelmäßig? - Normalität

WDR 5 Das philosophische Radio | 21.09.2018 | 55:30 Min.

Die Kategorie der Normalität hat eine enorme Bedeutung in Politik, Gesellschaft und insbesondere in der Wissenschaft. Doch was ist überhaupt normal? Studiogat: Lara Huber, Philosophin; Moderation: Jürgen Wiebicke

Lara Huber: N – Normal

 

Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden

Hg. Gustav Mechlenburg, Nora Sdun 

Gestaltung: Christoph Steinegger/Interkool 


Textem Verlag, Hamburg 2018 

Druck: Druckhaus Köthen 

ISBN: 9783864851278 

136 Seiten, 12 Euro

 

Podcast: https://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/podcast/weltweit/fsk0/174/1740257/wdr5dasphilosophischeradio_2018-09-21_mittelmaessignormalitaet_wdr5.mp3

 

http://www.textem.de/index.php?id=2869

 

 

Geisteraustreibung und Geisteskur zugleich

 

"Vondenloh" von Frank Witzel wurde erstmals 2008 im Textem Verlag veröffentlicht und wird nun von Matthes & Seitz neu aufgelegt. Es geht um den deutschen Literaturbetrieb und ist ein einziger großer Spaß: Amüsant und abgründig, komisch und extrem klug.

Wüßte man nicht, dass Frank Witzel den nun neu aufgelegten Roman "Vondenloh" erstmals 2008 in einem kleinen Verlag veröffentlicht hatte, könnte man denken: Dies hier ist die Rache – an einem Literaturbetrieb, der einen wie ihn allzu lange sträflich ignoriert hat.

Auf den ersten Blick liest "Vondenloh" sich nämlich wie eine groteske Satire auf die Welt der Literatur. Im Mittelpunkt steht die – fiktive – Bestseller-Autorin Bettine Vondenloh, die ein Werk hinterlassen hat, das alle zum Raunen bringt und Symposien füllt. Ihre Markenzeichen: Kurze Sätze, ein makelloser Stil – und kein Roman länger als 120 Seiten.

Ihre Gegenfigur ist der Ich-Erzähler. Auch er ist Schriftsteller – nie aber zu Ruhm gekommen wie Vondenloh, mit der er einst in der Kindheit befreundet war. In seinem 40. Lebensjahr ereilt ihn eine heftige Krise – und er schickt sich an, der Schriftstellerin ein Denkmal zu setzen.

Vertracktes Spiel mit Fakten und Fiktion

Es sind seine Aufzeichnungen von Leben und Werk der Vondenloh, die wir lesen. Und die sich als ein vertracktes Spiel mit Fakten und Fiktion erweisen, das schwindelerregende Haken schlägt, um den Leser Schritt für Schritt auf ganz anderes Terrain zu führen.

Denn, ja: Einerseits begegnen wir den üblichen Verdächtigen des Literatur- und Medienbetriebs, die Witzel hier teilweise bei Klarnamen nennt. Jörg Drews und Hubert Winkels geistern ebenso durch den Roman wie Peter Handke oder Rainhold Kunella. Es wird gedeutelt und wild interpretiert; die einen erweisen sich als Parvenüs, die anderen als Stalker.

Doch der Roman – in dem sich abenteuerlichste Verwicklungen in rascher Folge aneinanderreihen – funktioniert wie eine Falltür: Ehe man sich versieht, landet man im Keller der deutschen Geschichte – und damit im Maschinenraum der Witzel’schen Poetik. Diese übt sich seit Anfang an in der Kunst der Ausgrabung all dessen, was sich unter der schönen Oberfläche der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte und damit auch unserer Gegenwart verbirgt.

Hinab in die Tiefe der deutschen Erde

In "Vondenloh" geht es deswegen oftmals hinab in die Tiefe der deutschen Erde: Verschollen geglaubte Manuskripte lagern in einstigen Bombenkratern; vermeintliche Schätze stören die stillschweigende Übereinkunft der Nachkriegsgemeinschaft, dass man das Alte besser in Frieden ruhen lasse. Das fatale Nachkriegsschweigen, dem eine bis heute anhaltende Sprachordnung folgte, war auch Gegenstand in Witzels jüngsten Roman – und wie aus alten Neurosen neue Störungen in anderem Gewand erwachsen.

Lacan, Freud und Reich feiern deswegen in "Vondenloh" ebenso ein Stelldichein wie überraschende Verwandlungen und beängstigende Permutationen: von Orten, Menschen, Bedeutungen. Das Vergangene ist hier nicht vergangen, sondern feiert fröhliche Wiederkehr.

Dass Witzel als gewiefter Autor am Ende dann alles in Frage stellt, was sein Erzähler uns eben erst als Wahrheit auftischen wollte, ist Teil seiner Methode. Hier ist die Literatur Geisteraustreibung und Geisteskur zugleich. Kurzum: "Vondenloh" erweist sich als einziger großer Spaß: Amüsant und abgründig. Extrem komisch – und extrem klug.

Frank Witzel: Vondenloh, Roman, Textem Verlag

 

Claudia Kramatschek

Deutschlandfunk Kultur 14. 9. 2018

 

 

 

Als der Pop nach Deutschland kam

 

Der Kulturwissenschaftler Christian Huck zeigt in seinem neuen Buch, dass Popkultur in Deutschland immer auch eine Frage neuer Vertriebswege war - für Romane, Musik und Alkohol.

 

Von Birthe Mühlhoff

 

Bücher über Popkultur haben bisweilen die nervige Eigenschaft, dass sie ähnlich cool sein wollen wie ihr Gegenstand. Nicht selten sind es dann auch ehemals eingeschworene Fans, die den Werdegang ins Akademische vollziehen - ganz so wie die Popstars, die von ihnen angehimmelt wurden, ins Autobiografische wechseln. Als wäre es nicht, bei Lichte betrachtet, etwas sonderbar, die eigenen Jugenderfahrungen - Comics, Punk, Techno in den frühen Neunzigern - in universitäre Eichenfässer einzulagern, quasi als nächsten logischen Schritt der Coolness: Erst tritt man als größter Fan, dann als kundigster Chronist auf.

Man kann vermuten, dass Christian Huck, Professor für Englische und Amerikanische Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität Kiel, sich eine gewisse Faszination für Jeans, Breakdance oder Indianer nicht erst anlesen musste, sondern bereits mitgebracht hat. In seinem Buch "Wie die Popkultur nach Deutschland kam" geht es allerdings weder um seine eigene Person noch um seine Generation. Auch sonstige Zugehörigkeitszuschreibungen, Abgrenzungen und Animositäten sind nicht die eigentliche Triebkraft seiner Studie. Genüsslich, aber dank seiner distanziert-akribischen Haltung keineswegs gehässig, erzählt Huck von der Ankunft des Populären.

Zum Beispiel Breakdance: In Deutschland wurde Breakdance vor allem inspiriert durch Filme, zum Teil der Popkultur, als die ursprünglichen Tänzer aus der New Yorker Bronx längst anderen Interessen nachgingen. Amerikanische Spielfilme wie "Wild Style!" von 1982 gaben sich zwar authentisch, waren es aber vor allem hinsichtlich ihrer Begeisterung für etwas, das leider schon vorbei war.

An der Bar sind sich alle fremd

Was man unter Populärkultur eigentlich zu verstehen hat, wird gleich im ersten Kapitel deutlich: Im Jahre 1902 wird in Hamburg nach amerikanischem Vorbild die erste "Bar" gegründet, die "Hamburg-Amerika Bar" auf der Reeperbahn. Erst zwei Jahre zuvor hatte es das Wort "Bar" überhaupt in den Duden geschafft. An einem neuartigen Möbelstück (dem Tresen) werden dort neumodische Getränke verkauft (Cocktails) und tragen so zu einer ganz neuen Form von Geselligkeit bei.

Die Bar ist eben keine Weinstube und auch kein Herrenclub, in dem man gesellschaftliche Regeln zu kennen und zu beachten hätte. Genauso wenig sollte man sie jedoch mit der Schankwirtschaft verwechseln, die einen mir nichts dir nichts dazu bringt, mit fremden Tischgenossen auf Bruderschaft zu trinken.

An der Bar lässt es sich auf Barhockern nebeneinander allein sein, fremd sind sich hier alle. Kein Wunder, dass sich die Bar vor allem in Hafenstädten und Metropolen grösster Popularität zu erfreuen begann. Man kann die Bar als Chiffre für das Populärkulturelle schlechthin begreifen. Sie ist weder ein Produkt der Hochkultur, noch lässt sie sich ohne Weiteres der Massen- oder Volkskultur zuschlagen. "Eine solche inklusive Exklusivität, wie sie nur die Populärkultur bieten kann, ist allerdings ein instabiles Ereignis", schreibt Huck. "Leicht kippt es in eine Subkultur, die sich abschottet, leicht kippt es in eine Massenkultur, die keinen Zusammenhalt mehr erzeugt." Es kennzeichnet sie ein barrierefreier Zugang, der potenziell jedem offensteht, aber - zumindest im historischen Augenblick - nicht von allen genutzt werden will.

Ganz ähnlich war es mit der Begeisterung für Groschenromane wie "Buffalo Bill". Auch diesem Phänomen ging eine Erschliessung von bis dato unbekannten Vertriebswegen voraus. Lesestoff liess sich jetzt nicht mehr nur in alteingesessenen Buchhandlungen erwerben, sondern schnell und einfach am Kiosk mitnehmen, sammeln, tauschen und verleihen. Hilfreiche Erkenntnis: Der Buchhandel und die grossen Verlage sind auch vor Zeiten des Internets bereits schwer unter Druck geraten.

Die vielleicht am weitesten verbreitete Ikone der Popkultur aber ist die Jeans, die Hose der Rebellion, der Halbstarken, in der schon einige Kulturwissenschaftler eine kreative Verarbeitung, Umwandlung und Aneignung der amerikanischen Vorbilder erkannt haben. Nüchtern hält Christian Huck dagegen, dass die ersten "Nietenhosen" in Deutschland durch die sogenannten Steg-Geschäfte Verbreitung fanden, in denen Restbestände der Wehrmacht, und später auch der Besatzungsmächte verkauft wurden. Und schon 1954 wurde die Jeans im Otto-Versandkatalog angepriesen - "also noch bevor James Dean und Marlon Brando die Kinos und die 1956 gegründete Bravo eroberten".

Die Jeans, zeigt Huck, war keine Hose nur für Outsider, im Gegenteil, sie war die erste Hose "für die ganze Familie". Und auch das hatte seine - materiellen bzw. materialistischen - Gründe: Sie bestand aus einem Material, das nicht nur sehr widerstandsfähig war - das waren andere Hosenstoffe auch - sondern die eigentümliche Eigenschaft besass, an ästhetischem Wert zu gewinnen, je abgenutzter sie aussah.

Während es Bars, Jeans und Krimis nach wie vor gibt, ist eines der heiss diskutierten popkulturellen Veranstaltungsformate der Nullerjahre allerdings schon wieder verschwunden, und auch das hat mit Hucks Zentralthese zu tun, dass Pop vor allem eine Frage der Distributionswege ist: Den LAN-Partys ist im wahrsten Sinne des Wortes die materielle Grundlage weggebrochen.

Ist die Populärkultur ein reines Phänomen?

Seit Mitte der Neunzigerjahre stellten Jugendliche ihre Computer in Hobbykellern und Turnhallen auf und verkabelten sie, um gegeneinander in PC-Spielen anzutreten (zu zocken halt!). Seit das Internet schnell und günstig genug ist, um online miteinander zu spielen, hat sich die räumliche Unterbringung unter einem Dach erübrigt, und mit ihr eben auch alles, was mit diesen eltern- und aufsichtsfreien Zusammenkünften einherging.

Die Popkultur kam auf ganz unterschiedlichen Pfaden nach Deutschland - aber aus Amerika, so viel steht für den Amerikanisten Huck fest, kam sie ganz gewiss.

Über K-Pop, Mangas, Bollywood oder Döner müsste ein anderes Buch geschrieben werden. Aber hätte in das Buch die anglofone Popkultur aus Grossbritannien (mit den Beatles und sämtlichen Musikrichtungen, die nach ihnen kamen) nicht noch hineingepasst? Und wie verhält sich die Popkultur, wenn wir schon über die USA im Jahrhundert ihres Imperiums sprechen, eigentlich zu dem, was in der Geopolitik "Softpower" genannt wird?

Der französische Soziologe und Philosoph Jacques Ellul hat bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts auf den möglichen propagandistischen Gebrauch der Populärkultur hingewiesen. Auch China verfolgt heute erklärtermassen das Interesse, nicht zuletzt auch in diesem Bereich zur Supermacht aufzusteigen, die es in ökonomischer Hinsicht längst ist. Und das liesse sich auch untersuchen, ohne dass man sich unverzüglich eines Antiamerikanismus verdächtig machte. Aber für Huck ist Populärkultur reines Phänomen: das, was erklärt werden muss. Und nur erklärt werden kann, wenn man von der Kultur einmal absieht und sich Vertriebswegen und Materialeigenschaften zuwendet.

 

Christian Huck: Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

 

Copyright: Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH

Quelle: SZ vom 07.07.2018

 

 

 

 

 

Puzzle teilen

 

Jockson Pollocks "Convergence" (Quelle: wikipedia)

 

Jackson Pollocks »Convergence« aus dem Jahr 1952 zählt zu den berühmtesten »Drip-Paintings« des amerikanischen Malers. 1964 wurde es zum ersten Mal als Puzzle verlegt und seitdem mehrere 100.000 Mal verkauft. Schon damals zählte es zu den schwersten Puzzles der Welt, obwohl es nur aus 340 Teilen bestand. Heute wird es als 1000 Teile Puzzle angeboten, sodass das Scheitern vorprogrammiert zu sein scheint. Oder nicht? Ein Selbstversuch zeigt, worin der Reiz, aber auch die Krux des Puzzles liegt: An guten Tagen findet man fünf passende Teile, an schlechten kein einziges, so Verworren ist das Motiv, so zusammenhanglos wirken die Ausschnitte. Ein Rezensent auf Amazon.com schreibt als Warnung: »May lead to insanity in previously sane people; may bring sanity to previously insane people.« Vielleicht hätte das Puzzle Jackson Pollock bei seinen psychischen Problemen geholfen? Wahrscheinlicher ist jedoch, dass bisher unauffällige Puzzler in den Wahnsinn getrieben werden und das Scheitern kennenlernen.

Ganz sicher aber lernt man genaues Sehen, denn nur in dem Vergleich der verschiedenen Ebenen der Reproduktion liegt die Chance das Rätsel zu lösen. Dieses sogenannte »vergleichende Sehen« schult auch die Betrachtung des Künstlerbuches von Volker Renner. Für das Buch »Reconstructing Jackson Pollock« hat der Künstler jedes einzelne Puzzle-Teil auf Leinwand fotografiert und in eine Abfolge gebracht.

Statt die Teile des Puzzles zusammenzusetzen, bringt er sie in die für seine Arbeitsweise charakteristische Form der Serie. Die Teile werden dadurch nicht nur zu einem Bild, sondern auch zu einer Metapher für die Fotografie.

Denn ein Foto stellt immer nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit als Ganzem dar, deren Verhältnis zueinander viel diskutiert, aber letztlich ungelöst bleibt – wie das Pollock-Puzzle.

Neu bei textem:

Volker Renner: Reconstructing Jackson Pollock. 1008 Seiten Re- und De-Konstruktion. Textem Verlag, 2018.

 

 

05.08.2018

https://www.fixpoetry.com/fix-zone/2018-08-05/puzzle-teilen

 

 

 

Rezension: Ted Serios. Serien

 

Beeindruckt in allen Bereichen

Vorweg: wer sich auf dieses Buch wirklich einlässt, begibt sich in ein Abenteuer. Er blickt einerseits aus der sicheren Entfernung von mittlerweile rund 50 vergangenen Jahren auf eine Welt und in eine Zeit zurück, die einer Mischung aus Superman-Comics, Spionagefilmen und bedingungsloser Technikgläubigkeit entsprungen zu sein scheint. Andererseits findet er ständig Parallelen zu aktuellen Themen wie virtuelle Realität, Gedankensteuerung von Maschinen oder den Möglichkeiten der Manipulation menschlichen Bewusstseins. Damals wie heute scheint nichts für die Forschung interessanter zu sein, als eine Brücke zu finden, mit deren Hilfe Gedanken zu Materie werden und umgekehrt.

Das Thema

Thema des Buches ist die Gedankenfotografie mit Hilfe von Polaroids am Beispiel von Ted Serios, der in den 1960er Jahren von sich behauptete, mittels Gedankenübertragung Bilder auf Polaroidfilm entstehen zu lassen. Eine Behauptung, die damals weder bestätigt noch widerlegt werden konnte.

Handelnde Personen

Theodore Judd Serios, 1918 – 2006, der von 1964 bis 1967 nach eigenen Angaben die Fähigkeit besaß, mittels Gedankenkraft Bilder auf Polaroidmaterial zu übertragen. Er schaffte es mit dieser Fähigkeit bis in US-amerikanische Fernsehshows, scheiterte aber in seinen Bemühungen, wissenschaftliche Anerkennung zu finden.

Dr. Jule Eisenbud, 1908 – 1999, Professor für Psychiatrie an der Universität Denver. Eisenbud war davon überzeugt, dass Gedankenübertragung und andere parapsychologischen Phänomene existieren und zur Kommunikation genutzt werden können.

Romeo Grünfelder, geb. 1968, Autor und Filmemacher in Hamburg und Berlin, Herausgeber des Buches und darin mit zwei hochinteressanten Textbeiträgen zur Entwicklung der Fotografie und zum Werdegang von Ted Serios vertreten.

Das Buch

„Ted Serios- Serien“ liegt hervorragend in der Hand. Abmessungen und Gewicht passen sehr gut zusammen, der Umschlag besitzt vorne und hinten seitengroße Klappen mit zusätzlichen Infos und erhält dadurch zusätzliche Stabilität. Texte, Fußnoten und Abbildungen sind drucktechnisch ohne Tadel, das Layout ist äußerst reduziert und lässt das Buch im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung erscheinen. Das Cover ziert ein ganzseitiges Foto von Ted Serios bei der Arbeit. Auf Titel oder Covertext wurde verzichtet. Schon im geschlossenen Zustand lassen sich Text- und Bildteil an der Färbung des Papiers unterscheiden. Inhaltsverzeichnis vorne, sogenannte Zeugenaussagen und ein Literaturverzeichnis hinten ergänzen den Inhalt.

Schöner Zusatz: dem Buch liegen mehrere Reproduktionen des Titels sowie einzelner Polaroidfotos auf Karton gedruckt in Postkartengröße bei.

Der Inhalt

Der Inhalt gliedert sich in zwei Textteile, die den Bildteil umschließen. Die Kapitel sind überschrieben mit…

Textteil 1:

  • Vorwort (Romeo Grünfelder)
  • The Psychic Photography of Ted Serios (von Pauline Oehler)
  • The World of Ted Serios (Jule Eisenbud)
  • Sichtbar / Unsichtbar. Kritik einer Zweiteilung (Peter Geimer)
  • Moment mal (Romeo Grünfelder)
  • Die Fotografie als Spur eines Wirklichen (Philippe Dubois)
  • Dalli klick (Romeo Grünfelder)
  • Mischung von Fakt und Artefakt (Peter Geimer)j

Bildteil mit Aufnahmen diverser Sitzungen

Textteil 2:

  • Kleine Geschichte der Gedankenfotografie (Bernd Stiegler)
  • Zeugenerklärungen
  • Session-Protokolle
  • Literaturverzeichnis
  • Danksagungen

Umfang und Inhalt der Texte lassen sowohl Neueinsteiger in das Thema Gedankenfotografie als auch versierte Leser wertvolle Informationen finden. Man erfährt vieles über das Experiment von Ted Serios, wie beispielsweise die Intention, die Aufnahmebedingungen während der sogenannten „Sessions“, die Ergebnisse oder die Rezeption in der damaligen Öffentlichkeit. Ergänzt werden die dokumentarischen Aspekte des Buches durch wissenschaftliche Beiträge zum Thema an sich.

Eng verknüpft mit der Entstehung und Weiterentwicklung der Fotografie werden zu Anfang des 20. Jahrhunderts magische Phänomene propagiert, die in der Seelen- oder Geisterfotografie ihren Höhepunkt finden. Oft auf unzureichend kontrollierbare chemische Prozesse zurückzuführende Anomalien in der Entwicklung des Filmmaterials, wurden von findigen Propagandisten ins Reich des Okkulten erhoben und dem gutgläubigen Publikum teuer verkauft. Kein Wunder, dass die Gedankenfotografie schnell ebenfalls in die parapsychologische Ecke geriet und von der sogenannten seriösen Wissenschaft nicht anerkannt wurde. Weite Teile des Buches sind daher der Erläuterung der Bemühungen gewidmet, die damals angestrengt wurden, um alle Manipulationsmöglichkeiten von vorne herein auszuschließen. Dennoch blieb Ted Serios die wissenschaftliche Anerkennung versagt. Zu viele Elemente der chemischen Entwicklung von Polaroidaufnahmen sind systembedingt nicht kontrollierbar, so dass eine schattenhafte Abbildung immer als reiner Zufall gedeutet werden könnte.

Der umfangreiche Bildteil des Buches besteht aus den in Originalgröße abgedruckten Polaroids verschiedener Sitzungen. Zu Anfang jeder Session wird genau beschrieben, wann und unter welchen Bedingungen die Aufnahmen entstanden. Das Entstehungsprinzip ist immer dasselbe. Ted Serios hält die Polaroidkamera mittels eines röhrenförmigen Abstandshalters, „Gizmo“ genannt, der die Gedanken fokussieren soll, vor sein Gesicht und drückt ab. Oft erhält er dadurch komplett schwarze Aufnahmen (Blacks), manchmal weiße (Whites), manchmal jedoch sogenannte Treffer (Hits), auf denen wenn auch schattenhaft Details von Bildern zu erkennen sind, die er zum Zeitpunkt der Aufnahme vor seinem geistigen Auge hatte.

Unabhängig davon wieviel Glauben der Leser den Versuchen von Ted Serios schenkt, fasziniert das Thema an sich. Nicht nur die Tatsache, dass sich Menschen als Medium oder als angesehene Wissenschaftler ernsthaft damit beschäftigen, sondern auch die Möglichkeit, dass an der Sache vielleicht etwas dran sein könnte und es bekanntlich mehr zwischen Himmel und Erde gibt als wir uns gemeinhin vorstellen können, kann begeistern. Denjenigen, die mit beiden Beinen auf vermeintlich festem Boden stehen, bleiben noch die sorgfältig abgedruckten Zeitdokumente, teilweise als Faksimile, die zu einer Reise in ein anderes Jahrtausend einladen und gleichzeitig eindrucksvoll dokumentieren, dass wir Menschen schon immer auf der Suche nach Dingen sind, die über alltägliche Erfahrungen hinausgehen. Und sei es nur durch das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden…

Für wen ist dieses Buch geeignet?

  • Für Interessierte an Parapsychologie
  • Für Interessierte an Fotografiegeschichte
  • Für Freunde skurriler Typen und deren Lebensgeschichte
  • Für Polaroid-Fans
  • Für alle, die gerne über den Tellerrand schauen
  • Für Freunde hochwertig gemachter wissenschaftlicher Bücher
  • Für Menschenfreunde

Fazit

„Ted Serios – Serien“ beeindruckt in allen Bereichen. Romeo Grünfelder und dem Textem Verlag ist eine beeindruckende und umfassende Abhandlung gelungen. Sowohl Inhalte als auch Aufmachung und Umfang sind hochwertig und komplett. Selbst wer keinen Zugang zum Thema findet, wird durch die weit gefassten Informationen bereichert und erlebt ein weiteres Beispiel dafür, wozu Menschen in der Lage sind.  Alle 5 Sterne.

Die Daten

Romeo Grünfelder (Hrsg.): Ted Serios. Serien erschien am 24. September 2016 im Textem Verlag. 564 Seiten mit 352 Abbildungen, 16,5 cm x 24 cm, Klappenumschlag

ISBN: 978-3-941613-46-1

Preis: 38,00 Euro

 

Rezension: Gerhard Reininger, 26. Juni 2018 bild-akademie.de

 

 

 

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

 

Ein unterhaltsamer Abriss transatlantischer Kulturimporte im 20. Jahrhundert.

Dieses Buch atmet den Geist der akademischen Kulturwissenschaft, ach was, der Volkskunde: Also gerade nicht den von Elite, sondern den Staub von Seminaren, in denen Dozenten und Dozentinnen in geduldigem Provinzsingsang den Unterschied zwischen Populär- und Popularkultur erklären. Es werden nicht Diederichsen und Barthes zitiert, sondern Kaspar Maase und Gabriele Klein. Es geht um Hamburger Cocktails um 1900 und „Counter-Strike“-Partys im hessischen Reiskirchen um 2000, nicht um Stockhausen und Bowie. Alles also ein wenig bräsig und sympathisch zugleich, denn Christian Huck, Professor in Kiel, hat hier populärwissenschaftlich im besten Sinne aufbereitet, wie ein imaginiertes und reales Amerika die deutsche Kultur des 20. Jahrhunderts jenseits der alten Vorstellungen von high und low prägte. Hucks ansprechend gestalteter Abriss macht neun Stationen, alle abseits der üblichen Pop-Geschichtsschreibung, forciert keine neue Theorie der Popkultur, sondern liefert kursorische Einblicke in spielentscheidende Diskurse von Masse, Verblendung und Langeweile – und unterhaltsame Anekdoten.

Steffen Greiner, Musikexpress 7/2018

 

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Christian Huck 

Broschur, ca. 320 Seiten 

Format ca. 16 x 24 cm mit zahlreichen Abbildungen

978-3-86485-187-2, 24 Euro

 

 

 

Wie der Cocktail nach Hamburg kam

 

zu Christian Hucks Buch: »Wie die Populärkultur nach Deutschland kam«

 

LINK ->

 

Volker Behrens, Hamburger Abendblatt, 22. Mai 2018

 

 

 

 

 

 

Buffalo Bill in Dresden

Deutschlandfunk zu Christian Huck: »Wie die Populärkultur nach Deutschland kam«

-> Audio

 

Deutschlandfunk Kompressor, 17. Mai 2018

 

 

Suche nach dem Echten

Von Niklas Dommaschk

Hat Götz Kubitschek einen Eiswürfel an Stelle eines Herzens? Kann man als neurechter Ideologe mitfühlend sein? In dem Roman »Die schwache Stimme« von Andi Schoon begegnet uns Alois Paschen, der diese Frage aufwirft. Der unglückliche Unternehmensberater und Kammermusikliebhaber ist eigentlich zu sensibel, um der Mensch zu sein, der aus ihm geworden ist. Er schwankt zwischen Träumen von einer »reformatorischen Landwehr« und seiner Verachtung für die ordinäre Art eines Freundes, der zum neurechten Vordenker wurde und seine Kinder ­Nazi-Liedgut trällern lässt.

»Die schwache Stimme« ist das literarische Debüt von Andi Schoon, früher Sänger und Gitarrist bei Jullander, heute Professor für Kultur- und Medienwissenschaft an der Hochschule der Künste Bern. Schoon reiht vier kurze Episoden aneinander. Es geht um die Suche nach Sinn, an der Schoons ­Figuren verzweifeln. Alle wollen etwas »Echtes« finden, das ihrem Leben Bedeutung gibt. Der Anthropologe Dieter Ganske etwa reist nach Tanger, um »authentische« Zeugnisse der dortigen Kultur zu finden, ist aber ver­unsichert, wenn er damit konfrontiert ist. So unterschiedlich die Lebensläufe sind, die der Text skizziert, – es werden zugleich auch die unheim­lichen Ähnlichkeiten offenbar. Das mag ein wenig nach »Ideendichtung« klingen, aber zum Glück bleibt der Roman angenehm vieldeutig und hat es nicht nötig, Botschaften zu verbreiten.

Wir lernen Sarah Tobler kennen, eine Hamburger Künstlerin, die zusieht, wie Familienleben und der Job bei Gruner + Jahr aus ihrem Freund einen Spießbürger machen, während sie zwischen Ausstellungen und Kindererziehung zu navigieren versucht. Einmal wird »die schwache Stimme« laut, wenn Sarah nachts »Ihr Arschlöcher« in Richtung Hamburger Hafen brüllt. Sie steht vor dem Golden Pudel Club, das Gebäude von Gruner + Jahr ist nicht weit entfernt. Wer eigentlich gemeint ist, bleibt offen.

Andi Schoon: Die schwache Stimme. Textem Verlag, Hamburg 2018, 120 Seiten, 14 Euro

Jungle World 17. Mai 2018

 

 

 

 

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

TV-Serien, Cocktails, Groschenhefte, Jeans und Saxophone – das transatlantische Ereignis der Populärkultur im 20. Jahrhundert ist ein ganz besonderes. Fremde verlockende Angebote verwandeln den gewohnten Alltag und eröffnen Möglichkeiten, die über das Gegebene hinausgehen. Das ist insbesondere für diejenigen attraktiv, die mit dem Gegebenen nicht zufrieden sind. 

Populärkultur öffnet die Orientierung an Schicht, Geschlecht oder Herkunft hin zur Anziehungskraft des Neuen, die individuelle wie soziale Unterschiede zumindest zeitweise außer Kraft zu setzen vermag und damit exklusive Momente gleichwürdiger Zusammenkunft ermöglicht. Eine solche inklusive Exklusivität, wie sie nur die Populärkultur bieten kann, ist allerdings ein instabiles Ereignis: Leicht kippt es in eine Subkultur, die sich abschottet, leicht kippt es in eine Massenkultur, die keinen Zusammenhalt mehr erzeugt. 

Christian Huck verbindet in seinem Buch "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert" unterschiedliche Facetten und Aspekte der Populärkultur des 20. Jahrhunderts und erzählt transatlantische Geschichten, die unser Bild von Gemeinschaft, Vergnügen und Freiheit bis heute bestimmen. Heute ist er zu Gast im ByteFM Mixtape und hat den passenden Soundtrack dabei. 

Mixtape mit Vanessa Wohlrath, Byte FM 16. Mai 2018

Aktuell ist Christian Huck mit seinem Buch auf Lesereise, präsentiert von ByteFM: 

16.05.2018 Kiel - Landesbibliothek 

21.05.2018 Hamburg - sanktpaulibar 

06.06.2018 Frankfurt am Main - Blumen - Restaurant in der Bar

 

https://www.byte.fm/sendungen/bytefm-mixtape/2018-05-16/12/wie-die-populaerkultur-nach-deutschland-kam/

 

 

 

Deutschlandfunk Kompressor

Das Lesen der anderen

Kultur & Gespenster Nr. 19 »Medienzeit – Computerspiele«

https://www.ardmediathek.de/radio/Kompressor-das-Kulturmagazin/Lesen-der-Anderen-Computerspiele/Deutschlandfunk-Kultur/Audio-Podcast?bcastId=47760956&documentId=52424058

 

 

 

„Aus Beschränkung befreit“

 

Spaltungen für einen Moment überwunden: Der Kieler Kulturwissenschaftler Christian Huck hat ein Buch über Populärkultur zwischen den USA und Deutschland geschrieben

 

Interview Alexander Diehl  

https://www.taz.de/!5504844/

 

taz: Herr Huck, wovon sprechen wir, wenn wir von „Populärkultur“ sprechen – oder vielmehr: Wovon sprechen Sie? Das ist ja ein kleines bisschen sperrig … 

Christian Huck: Für mich geht es immer um etwas, das ich „Ereignisse der Populärkultur“ nenne: Ereignisse, die sich im Rahmen einer gespaltenen, unzusammenhängenden Kultur der Moderne ereignen. Seit es immer größere Kulturen gibt – Nationen und Fabriken werden immer größer – haben die meisten Menschen das Gefühl, dass Männer und Frauen, Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige, Alte und Junge nicht mehr in einer Welt leben. Und nur vor dem Hintergrund dieses Gespaltenen kann sich dann profilieren, was ich das „Ereignis der Populärkultur“ nenne. 

Inwiefern? 

Wenn sich Populärkultur ereignet, so versuche ich auszuführen, dann gelingt es, zumindest für diese Momente, von denen ich schreibe, sich aus Beschränkungen zu befreien – und einander, ich nenne es: gleichwürdig zu begegnen. Diese Ereignisse werden dann immer wieder eingehegt, eingefangen, mit neuen, anderen Spaltungen überschrieben. 

Ist Populär- gleich Popkultur? Der Theoretiker Diedrich Diederichsen macht ja einen deutlichen Unterschied zwischen beidem aus. 

Da würde ich auch von zwei ganz und gar verschiedenen Bereichen sprechen. Popkultur, das sehe ich ähnlich wie Diederichsen, ist eher eine Reflektion auf den Zustand der unzusammenhängenden Kultur der Moderne. Und Popkultur hat gerne auch einen leicht avantgardistischen Touch. Bei Populärkultur geht es mir wirklich um Sachen, die aus der Mitte kommen; die dann zwar keinen Bestand haben, aber in der Mitte etwas geschehen lassen, wo die Spaltung für einen Moment überwunden werden kann. 

In Ihrem Buch geht es um das Saxofon und die Bluejeans, aber auch LAN-Partys, die 1902 eröffnete „Amerika Bar“ in Hamburg-St. Pauli oder Breakdance in Kiel. Wie kam diese Mischung zustande? 

Zum einen sollte es möglichst weit gefächert über das 20. Jahrhundert sein. Zweitens beleuchten alle Phänomene etwas andere Aspekte: Mal ist so etwas wie Vertrieb wichtig, mal sind es die Massen von Menschen, mal die Medien; da sollte sich nichts doppeln. Es war mir auch ein Anliegen, möglichst originäre Forschung zu betreiben. 

Hat das geklappt? 

Zu Jeans gibt es natürlich schon ein bisschen was, das ist ein Sonderfall. Aber zur „Hamburg-Amerika Bar“ oder Basketball in Bamberg gibt es eigentlich noch keinen einzigen Text. Da war mein Wunsch schon, nicht Mengen von Sekundärliteratur durchzuarbeiten, und dann die x-te Interpretation von etwas zu geben – wie Kultur- oder Geisteswissenschaft ja manchmal betrieben wird; sondern an den Materialien selbst Aspekte herauszuarbeiten, die noch nicht so vorgedacht waren. 

Die Materiallage war sicher recht unterschiedlich.

Genau. Manche Sachen haben sich aus dem Grund dann auch nicht ergeben. Ich wollte gerne etwas zu Steakhäusern machen, zu einer bekannten Kette aus Hamburg. 

Ich ahne, welche … gerade dieser Tage fiel mein Blick auf so eine Filiale. Da stand draußen dran: „Best steaks since 1968“. Ich habe mich gefragt: „Warum steht das da eigentlich auf Englisch?“

Der „Block House“-Gründer, Eugen Block, ist damals in Amerika gewesen, zwei Jahre lang, glaube ich, ist er herumgereist, hat Ideen gesammelt. Ich habe ein altes Foto gefunden, von der Eröffnung einer der ersten Filialen: Da hat er Leute rankarren lassen, die sahen aus wie aus einem Karl-May-Film, mit Pfeife und Cowboyhut. Aber trotz langer Verhandlungen, und gar nicht mal aus Böswilligkeit, hat es sich einfach nicht ergeben, da an das Material ranzukommen. Und wenn sich das Material nicht ergab, und es nur aus Sekundärquellen möglich gewesen wäre, dann hab ich es nicht gemacht. 

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem „transatlantischen Ereignis der Populärkultur“.

Das hat erst mal damit zu tun, dass sich eine Notwendigkeit, eine heterogene Gruppe zu einigen, in den USA früher ergab: Da stand man ja vor dem Problem: Die Leute, die herkommen, haben möglicherweise nichts miteinander zu tun. So etwas wie die Dime-Novels, die Groschenhefte, sind dann auch so entstanden: für eine Leserschaft aus Leuten, die kaum Englisch konnten und also auch keine komplexen Geschichten lesen; die nach Bildern verlangten. Und diese Technik ist dann sozusagen als Formel nach Deutschland zurückgekommen und dann wieder in andere Richtungen gewendet worden. Die meisten Sachen sind ja hin und her gegangen. 

Dass etwas aus den USA komme, ist bis heute ein Verkaufsargument. Im Zusammenhang mit der frisch eröffneten „Neuen Altstadt“ in Frankfurt/Main war dieser Tage zu hören, es handele sich um ein architektonisches Disneyland; oder die gern bemühte Chiffre von der „McDonaldisierung“. 

Da gibt es so Schlagworte, die gehen aber meist über historische und materielle Unterschiede hinweg. Man kann nicht global sagen, Phänomene aus Amerika werden so oder so aufgenommen. Man kann aber sagen: Es gibt Zusammenhänge – größere Offenheit, zersiedeltere Leserschaft –, die sich ähneln, hier und dort. Aber ein Heft, ein Sport oder eine Art von Musik treffen in Deutschland jeweils auf eine ganz andere Art von Hintergrund. 

Sie thematisieren im Vorwort auch den Titel des Buches: „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“, das sei „ein wenig irreführend“. 

Genau: Das könnte man falsch verstehen, als wenn da etwas schon fertig wäre, wie ein Container, der nur noch rübergeschifft wird. Es kommt aber vielmehr etwas, das in den USA Populärkultur war, und hier wird es zu einer anderen, einer deutschen Populärkultur. 

Sehr gefreut hat mich das Kapitel über Breakdance in Kiel. Die taz nord hat sich vor einiger Zeit mal des Themas Hip-Hop in – oder aus – der norddeutschen Provinz angenommen. Kiel haben wir dabei auch gestreift, aber nicht so richtig ausgeleuchtet. 

Da ist einiges passiert, bis hin zu größten Ehren: Ali Aksoy von der Breakdance-Crew „The Fantastic Devils“ hat es ja bis in Feridun Zaimoglus „Kanak Sprak“ geschafft, also in die große deutsche Literatur.  

 

Christian Huck, 46, ist Professor für Kultur- und Medienwissenschaften in Kiel, wo er die Theorie der Populärkultur erforscht und lehrt.  

 

BUCH: Christian Huck: „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“, Textem Verlag 2018, 319 S., 24 Euro  

 

Buchvorstellung: Mi, 16. 5., 19 Uhr, Kiel, Landesbibliothek, Wall 47/51 

Lesung: Mo, 21. 5., 19 Uhr, Hamburg, Sanktpaulibar, Spielbudenplatz 29 

 

12./13. Mai 2018 taz kultur nord

https://www.taz.de/!5504844/

 

 

 

Amerika

 

Keine Dokumentation im üblichen Sinn. Einzig der Buchtitel selbst, »Amerika«, gibt Orientierung. Das Buch, im Hamburger Textem Verlag erschienen, aktiviert Erinnerungen, die im amerikanischen Kontext gespeichert sind. Aber muss »Amerika« deshalb in Amerika entstanden sein? Fragen über Fragen, die der in Hamburg lebende Künstler Carsten Rabe, Jahrgang 1975, auf intelligente Weise mit seinem Band auslöst. Am Ende der Lektüre könnte es gut sein, dass der Betrachter mehr über sein eigenes Bild von Amerika weiß als über die Wirklichkeit. Und ja, da ist sie schon, die nächste Frage: Was eigentlich ist Realität, was Fiktion?

 

Carsten Rabe: »Amerika«

97 Abbildungen

205 x 275 mm, 184 Seiten

Geprägter Leineneinband, Kapitelbändchen rot, Fadenheftung

Mit Texten von Nina Lucia Groß und Martin Kreyßig

ISBN: 978-3-86485-184-1 

Textem Verlag, Hamburg 2017, 39 Euro

 

Informationsdienst Kunst, Mai 2018

 

 

Den Kopf extra weit nach oben recken

 

Von Basketball bis Kühlschrank: Der Kieler Medienwissenschaftler Christian Huck stellte am Samstag seine mit großer Entdeckerfreude verfasste Studie „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“ im Acud vor

 

Die Bar „Hamburg-Amerika“ am Spielbudenplatz im Stadtteil St. Pauli bot zu Anfang des 20. Jahrhunderts nichts als Neuerungen. Nie zuvor hatten Gäste in Deutschland Cocktails trinken und für so wenig Geld eine Tasse Kaffee kriegen können, und das auch noch rund um die Uhr. 

Hier konnten sie ihre gesellschaftliche Stellung draußen vor der Tür warten lassen, um drinnen mit Vertretern sämtlicher Schichten feuchtfröhlichen Klassenverrat zu begehen. Was hier stattfand, veranlasste Christian Huck, Professor für Kultur- und Medienwissenschaften in Kiel, zu untersuchen, „wie die Populärkultur nach Deutschland kam“. In seinem gleichnamigen, im Textem Verlag erschienenen und am Samstagabend im Acud vorgestellten Buch beschreibt Huck diese Populärkultur sinngemäß als Möglichkeit, die überall dort beginnen konnte, wo Berufsausübung und die Erfüllung familiärer Pflichten endeten. Die Besucher der Hamburg-Amerika-Bar lieferten ihm ein sprechendes Beispiel. Denn es handelte sich zumeist um junge bis nicht mehr ganz so junge, unverheiratete Männer, die hier hocherfreut ein Medikament gegen Einsamkeit und damit einen Einstieg in die Gegenwart fanden. Doch außerhalb der Bar meldeten sich auch wenige begeisterte Stimmen, die nicht eingeschüchtert klingen, sondern als seriöse Bedenkenträger anerkannt werden wollten.

Um zu zeigen, wie sie sich anhörten, verweist Huck auf die „Soziologie der Geselligkeit“, wie sie der Soziologe Georg Simmel entwarf. Für Simmel bot die schiere Anwesenheit anderer Menschen in einem vielbevölkerten Schankraum eben nicht die Aussicht, an den besten Unterhaltungen ihres Lebens teilzunehmen, sondern drohte im Gegenteil, „die … Geselligkeit (zu) zerstören“. Es gehört zu den schönen Verdiensten des von Huck mit großer Entdeckerfreude geschriebenen Buchs, herauszuarbeiten, wie Klemmigkeit und Überschwang im selben Moment aufeinanderprallten. Der Autor zeigt an vielen Beispielen, vom Basketball in der Universitätsstadt Bamberg über die auf dem Cover einer Satirezeitschrift Saxofon spielende, von Masken lechzend begaffte Josephine Baker bis zu US-Serien im Fernsehen der DDR, wie angloamerikanische Kultur sich verbessern oder unterhaltsamer werden ließ. Amerika unterbreitete Vorschläge, bis manche Europäer das Abendland untergehen sahen.

Den Höhepunkt der Veranstaltung im Acud erreicht Christian Huck, nachdem er einige dieser von ihm gesammelten transatlantischen Geschichten gelesen hatte. Nun steht er vom Lesetisch und von seinem Laptop auf, legt den gelben Pullover ab und lädt die Anwesenden im T-Shirt ein, durch die Lösung eines auf der Leinwand hinter ihm gezeigten Bilderrätsels einen Songtitel zu erraten.

Was jetzt passiert, ist absolut verblüffend. Etliche erwachsene Menschen verlieren in bester Absicht jede Contenance. Sie entdecken wieder das Spielkind in sich und denken sehr laut darüber nach, auf welches Lied die abgebildete Frau, die einen leer geräumten Kühlschrank abtaut, wohl verweisen mag. Schließlich ruft einer: „Uptown Girl!“ Mit dieser Demonstration von Populärkultur gewinnt Huck mithilfe des selbstverständlich US-amerikanischen Songwriters Billy Joel sämtliche Sympathien.

Im Gespräch danach berichtet er von den Geschichten, die es nicht in sein Buch geschafft haben. „Eine dreht sich ums Essen“, sagt Huck. „Ein Restaurantbetreiber reiste auf der Suche nach Verbesserungen seines Geschäftsmodells nach Amerika. Zur Ausbildung seiner Kellner gehörte, den Blick gen Boden zu richten, sobald sie sich Gästen näherten. In Amerika erlebte er dagegen Kellner, die die Umsätze nach oben trieben, indem sie den Kopf extra weit nach oben reckten.“

Für einen weiteren Band zur Populärkultur dürfte es Huck demnach kaum an Material fehlen.

 

Christian Huck: „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam: Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert“.

Textem Verlag Hamburg, 2018,

320 Seiten, 24 Euro

 

Kristof Schreuf, taz Berlin 7. Mai 2018

 

 

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme

 

Nicht an einem Supplement zum Siegeszug der schwachen Stimme in der Popmusik versucht sich der Kultur- und Medienwissenschaftler und Musiker Andi Schoon in seinem Erzählband, sondern er wirft in vier Geschichten kühl erzählte Schlaglichter auf durchschnittlich verstörende Biografien. An seinem letzten Arbeitstag bei einer Consulting-Firma in Berlin-Mitte bemerkt der weltentrückte Waldgänger Alois Paschen, dass der zu ihm sprechende preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz nicht wirklich von seinen Kolleginnen verstanden wird. Auch die Medienkünstlerin Sarah Tobler, eine typische Vertreterin des neuen Kleinbürgertums, stellt bei einem gemeinsamen Käsefondue-Essen mit anderen Schweizer Expats in der Hamburger Diaspora fest, dass die verschiedenen schizophrenen Stimmen nicht mehr exklusiv, sondern zu dominanten Selbst-Techniken geworden sind.

Der Berner Theologe und Ordinarius für Homiletik Konrad Bruckner hält im Berner Münster eine Musterpredigt zum Römerbrief, in der es ihm gelingt, die Widersprüche zwischen Freiheit und Unterworfensein über Karl Barths dialektische Theologie ins Lot zu bringen. Für seine langjährige Freundin, die in Indien an der Botschaft arbeitet, ist all das zu glatt. Wie die anderen Figuren bewegt sie sich in einem geschlossenen Kreis. Ihr Problem: das „Volk“, das sie von den Populisten „verführt“ sehen. Baptiste, der Kunsthallenleiter, erkennt die Künstlichkeit dieser Welt, zerstört die Installationen in seiner Kunsthalle und flieht dann in eine noch geschlossenere Welt, in die Psychiatrie. Andi Schoon versteht es, in diesen unaufgeregten Miniaturen in sympathisch-hellhöriger Weise den schwachen Stimmen in einer Zeit der Latenz auf die Spur zu kommen.

Pascal Jurt, Spex, Mai 2018

Andi Schoon: Die schwache Stimme, Textem Verlag 2018 ·  120 Seiten ·  14,00 Euro ISBN: 978-3-86485-189-6 

 

 

 

Imprint (Jungle World, 5. April 2018)

 

Auszug aus Christian Huck: »Wie die Populärkultur nach Hamburg kam« in der Jungle World. Das Buch erscheint im Mai 2018.  

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Christian Huck 

Broschur, ca. 250 Seiten 

Format ca. 16 x 24 cm mit zahlreichen Abbildungen

978-3-86485-187-2 

24 Euro 

Erscheint Frühjahr 2018

http://www.textem.de/index.php?id=2879

 

 

 

Der Predigtplan empfahl

 

Jonis Hartmann, 4.4.2018 Fixpoetry 2018

 

Frisch ist bei Textem eine kurze Erzählung Die schwache Stimme von Andi Schoon erschienen. Die griffige Buchgestaltung erinnert an Diskursbücher der 60er, der Inhalt greift an derselben Stelle an. Obwohl er alles auserzählt und nicht unbedingt stilistische Wunder bemüht, schafft es Schoon, aus seinen vier Diskurs-Marionetten, irgendwo im Post-...beheimatet, eine durchgehend spannende, anregende Lektüre ihrer krud-singulären bis eitlen, aber vor allem insgesamt hilflosen Geisteswelten zu kreieren. Der üble Wirtschaftler, die Medienkünstlerin, der Musik-Anthropologe und der Theologe wanken durch ihren Alltag, beziehungsweise ihre Alltagsfuge und lassen keine Theorie, der sie sich jeweils verschrieben haben, schadlos. Sie hören und horchen, regen sich auf und diskutieren sich weg. Am Ende bleibt die Ahnung von etwas, das mit Aufhebung zu tun haben könnte. Oder Schwachsein an sich.

Besonders gelungen ist der Part um das Interview mit dem alternden Paul Bowles in Tanger. Es wird wiedergegeben, als ob es sich tatsächlich so ereignet hätte. Bowles, der natürlich ein großer Schriftsteller und zuvor Komponist war, dessen Werken in Marokko aber mehr als zwielichtig zu sein scheint, ein Imperialist seiner selbst scheint's, durchbricht alle Theorien mit einer stoischen Selbstvergewisserung selbst im Angesicht härtester Vorwürfe, die wohl stellvertretend für die Kreativität im Zeitalter der Post in Bezug auf die Quellennutzung fremden (Geistes-) Materials stehen könnten.

Sehr schön an dem Band ist die Typographie, die mal dienend, mal forcierend den Inhalt begleitet. Auch das Übertreten der Erzählregeln durch Schoon macht an dieser Stelle Spaß. Natürlich ist er sich allem bewusst, und die Verknüpfungen à la "schauen wir mal, was der Anthropologe Dieter Ganske dazu sagt..." heben die potentielle Schwere des Erzählten zurecht auf.

»Und ich sage Ihnen noch einmal: Für korrekte und ausgewogene Darstellungen bin ich nicht zuständig. Ich bin Schriftsteller, ich schreibe, was ich will. Das ist mein einziges Privileg. Jetzt beruhigen Sie sich und trinken Sie Ihren Tee. Ich habe heute interessante Post bekommen.«

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme, Textem Verlag 2018 ·  120 Seiten ·  14,00 Euro ISBN: 978-3-86485-189-6 

 

 

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme

 

Andi Schoon kann schreiben, das will ich gleich vorweg stellen. Man liest das Buch in Nullkommanichts, und dabei ist es kein Krimi- oder Fantasy- oder Liebesschmöker. Ich betone das deshalb, weil gut geschriebene Bücher gar nicht so häufig sind, wie man denkt. Die äußere Gestaltung passt kongenial dazu: viel Schwarz mit invertierter Kritzelei, mutwillig vielleicht drei Viertel des Covers bedeckend – nicht mehr –, das macht Freude, das hat schon dieses Suhrkamp-Feeling, das man gleich etwas ganz Tolles zu lesen bekommt.

Und wie gesagt: Der Text ist toll zu lesen. Auch wenn er mir ein wenig wie eine Stilübung vorkommt, ein hastiger Entwurf von Figuren, die Szenarien und Denkprobleme der heutigen Zeit durchspielen sollen (und können). Man kann es ja auf der Buchrückseite lesen: Alois Paschen, Sarah Tobler, Dieter Ganske, Konrad Bruckner werden in vier Miniaturen zum Leben erweckt in ihren jeweiligen speziellen lebensweltlichen und soziologischen Kontexten. Paschen reibt sich an der neuen Zeit, Tobler an der Sättigung, am Rückzug ins Biedermeierliche. Auch Ganske und Bruckner müssen sich auseinandersetzen mit sich selbst und den Dingen um sie herum. Die meiste Zeit gelingt das den Figuren auch glaubhaft. Immer wieder aber kippen die Erzählungen gefühlt in eine Auseinandersetzung der Autorenfigur mit der Welt, ein sprachliches Durchdeklinieren von verschiedenen Lebensmodellen. Die Paschen, Tobler und Co. sind dann eher Vehikel, Sparringspartner, Pappkameraden. 

Mir persönlich hat das Buch gerade dort gefallen, wo die Figuren lebendig werden, wo eine Art von Zorn, ein vitalistischer Ansatz überwiegt. Der wütende, leidende Paschen, die schmollende, unzufriedene, unsichere Tobler – diese Miniaturen haben mich direkt mitgenommen. Etwas weniger wurde es bei Ganske (hier fängt für mich aber die flirrende Welt Marokkos vieles auf), Bruckner erschien mir endgültig gefangen im Klein-Klein einer imaginierten, deutlich theoretisierten Lebenssituation (wobei der Text gerade hier in sich auf eine stärkere Lebenswirklichkeit von Bruckners Schaffen abzielt). 

Um das Ganze zusammenzufassen: Vier Bruchstücke, Bewusstseinssplitter, nehmen sich die Zeit und die in ihr vorkommenden Menschen vor. Das gelingt in einem Text, der sich nur so runterliest. Es gibt Verknüpfungen zwischen den einzelnen Textstücken, die man aber auch hätte aussparen können. Es gibt – natürlich – kein richtiges Ende, am ehesten einen sphärischen Hauch mit Rückbezug zum Buchtitel. Ich hätte mehr lesen können und wollen von Paschen, Tobler und Co. Aber da haben wir wieder den Volksmund: Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Auch das ist in diesem Buch eines von Andi Schoons aufscheinenden Talenten.

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme, Textem Verlag 2018 ·  120 Seiten ·  14,00 Euro ISBN: 978-3-86485-189-6 

 

Dieser Beitrag wurde unter Wöllecke liest abgelegt am 4. April 2018

 

 

LEICA-NEWS

 

Zwei neue Fotobücher des Textem-Verlags beschäftigen sich mit Sehnsuchtsorten als Kulisse für unsere Fiktionen.
Sehnsucht, Melancholie, Einsamkeit und ein bisschen Weltschmerz – eine eindeutige Übersetzung des portugiesischen Gefühls „Saudade“ scheint nicht möglich, was den Hamburger Musiker und Fotografen Jakob Sinn im Jahr 2016 dazu inspirierte, in Lissabon auf die Suche nach seiner ganz persönlichen Interpretation des Wortes zu gehen. Sein kleines, intimes Buch nimmt den Leser und Betrachter mit auf eine Reise, an deren Ende natürlich keine klassische Übersetzung des „Saudade“-Begriffs steht, aber sehr wohl ein eindeutiges Gefühl vermittelt wird. 
Carsten Rabes Bilderzyklus „Amerika“ bewegt sich vom klaren, leuchtenden, farbigen Bild zum verfallenen, verschwommenen, grauen Bild. Das sind die Stellen, an denen der „American Dream“ kippt, wo sich die Kehrseite des Ortes der Sehnsüchte zeigt. Amerika als Kulisse, als Fiktion, strahlend hell und gleichzeitig düster, unscharf, unheimlich. Rabes hintergründige Bilder stellen den  Mythos einmal mehr in Frage.

Weitere Informationen unter: Textem Verlag und Jakob Sinn


Leica Fotografie International 26.01.2018