11. Februar 2024

Zum Tee in Langenbroich

 

Im Februar 1974 war Heinrich Böll zwei Tage lang Gastgeber von Alexander Solschenizyn.

Von Bruno Arich-Gerz

 

„Wenn Alexander Solschenizyn kommt, dann erhält er bei uns Tee, Brot und ein Bett.“

Vor fünfzig Jahren, am 14. Februar 1974, zitierte der Bonner General-Anzeiger Heinrich Böll mit dieser Aussage. Markus Schäfer stellte den Satz im Sommer 2008 einer Skizze voran [1], die Bölls Verhältnis zu dem damals gerade verstorbenen russischen Schriftsteller zum Thema hatte: ein Verhältnis, das Lew Kopelew 1962 angebahnt hatte, der Böll auf den damals noch unbekannten Solschenizyn hinwies, ehe es in persönlichen Begegnungen und wiederholter literarischer Wertschätzung Bölls für den Russen seine Fortsetzung fand.

Hintergrund für das Angebot von Kost und Logis war die Verhaftung und Ausweisung Solschenizyns aus der UdSSR nach Erscheinen von Der Archipel GULAG, einem Dokumentarroman basierend auf eigener Erfahrung als Lagerhäftling, im westlichen Ausland. Die Veröffentlichung in Frankreich und Deutschland folgte einer Praxis, für die das Russische die Abkürzung Tamizdat kennt (tam für ‚dort‘ und ‚izdat‘ für Verlag), nachdem der Text zuvor in selbst verlegten und vertriebenen Ausfertigungen (Samizdat, sam für ‚selbst‘) in der Sowjetunion zirkuliert war. Solschenizyn hatte sich auf die Möglichkeit der Ausreise eingelassen und die Wohnadresse Bölls und seiner Familie als Zielort angegeben. ‚Zum Tagebau’ in Langenbroich lautete die; Solschenizyn traf am 13. Februar 1974 ein und reiste zwei Tage später wieder ab. Über die Schweiz gelangte er an die US-Ostküste, wo er dauerhafter Wohnung nahm.

 

Langenbroich, Gemeinde Kreuzau, Kreis Düren. Die Adresse von Solschenizyns Stopover lautet inzwischen Heinrich-Böll-Straße 22. Sechs Jahre nach Bölls Tod wurde das Haus zum „Ort der Selbstfindung“ [2] für bedrängte Kunstschaffende in der Nachfolge Solschenizyns, getragen und bis heute unterstützt von der Stadt Düren und der Heinrich Böll Stiftung. Noch bevor der erste Stipendiat einzog, fand im Juni 1991 ein ‚Deutsch-„sowjetisches“ Schriftsteller- und Schriftstellerinnen-Treffen‘ statt [3], das umständehalber nicht ohne doppelte Anführungszeichen auskam. Glasnost und Perestroika hatten dafür gesorgt, dass dem Staat der Garaus gemacht worden war, der Solschenizyn 1974 ausgewiesen hatte: Das „Sowjetische“ war Geschichte. Mit der Konferenz setzten Lew Kopelew, der Leningrader Literaturwissenschaftler Efim Etkind, der wenige Monate nach Solschenizyn im Haus der Bölls Aufnahme fand, und weitere Intellektuelle eine erste postsowjetische Duftmarke in dem frisch um- und eingeweihten Haus.

Die letzte Marke dieser Art setzte, Stand heute, der russische Schriftsteller und Publizist Viktor Jerofejew. Im Frühjahr 2022 navigierte das Navi seines BMW ihn mit Frau und Töchtern nach Langenbroich, um für ein halbes Jahr Wohnung zu nehmen. Die Anreise hatte mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs etwas von einer Odyssee. In seiner Erzählung Der große Gopnik gibt Jerofejew Auskunft über seine Abkehr von Russland unter Wladimir Putin, die Passagen tragen den anspielungsreichen Titel ‚Flucht aus dem Totenhaus‘ [4]. Auch sonst sind die Parallelen zu Solschenizyns Exil im Haus der Familie Böll unübersehbar. Jerofejew, dessen Erstlingsroman Moskauer Schönheit just zu der Zeit durch die Decke ging und in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt wurde, als die deutschen und „sowjetischen“ Expert:innen 1991 in Langenbroich tagten, hat sich über die Vorbewohner informiert und auf seine Weise ausgelassen:

Im Bibliothekszimmer hängen Fotografien von Böll und Solschenizyn – sozusagen die Apotheose der Freundschaft zwischen zwei literarischen Berühmtheiten. Der ewig mürrische, für sein vom Kommunismus unterdrücktes Vaterland leidende, hochgewachsene Solschenizyn mit der markanten Narbe auf der Stirn kam nach seiner Ausbürgerung aus der UdSSR hierher. Der ganze Hof war damals voller Journalisten mit Mikrofonen und Fernsehkameras. Sie schubsten einander, und jeder versuchte sich zum Gewissen der russischen Nation vorzudrängeln. Neben Solschenizyn der eher kleine Böll mit seinem ausdrucksvollen Gesicht eines Clowns – daher vermutlich der Titel seines wichtigsten Buchs, Ansichten eines Clowns [5].

Für Jerofejew ergänzen die Fotografien seine Erinnerung an Solschenizyn und Böll. Den einen hat er „nie getroffen, aber in meinem Leben war er ständig gegenwärtig“ [6], dem anderen ist er persönlich begegnet. Als Mitherausgeber von Metropol, einer Sammlung staatskritischer Texte, die wie Solschenizyns Archipel GULAG in der UdSSR nur im Samizdat kursieren, dafür im Tamizdat Nordamerikas erscheinen konnte, traf er Heinrich Böll Ende der 1970er Jahre in Moskau: „Ich als junger Schriftsteller konnte mit ihm lediglich einen Händedruck und ein paar Worte wechseln. Er verstand, dass ich der Urheber dieser literarischen Bombe war – und er lächelte mich gütig an“ [5].

 

Wenige Tage vor Solschenizyns Eintreffen in Langenbroich hatte Heinrich Böll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die deutsche Übersetzung der ersten beiden Teile von Archipel GULAG als künstlerische Bewältigung eines sensiblen Themas besprochen: „Ist sie gelungen? – Ja, ja und nochmals ja“ [7]. Überhaupt sparte Böll nicht mit Lob für seinen Vorgänger als Literaturnobelpreisträger („eine sehr glückliche Entscheidung“) [8] und fast gleichaltrigen Zeitgenossen. 1978 notiert er: „Ich bin sicher, daß auch Alexander Solschenizyns, der heute sechzig wird, in der Sowjetunion gedacht wird“ [9] wie den mit Museen bedachten Literaten Tolstoi, Tschechow, Gorki oder Bulgakow. In die umgekehrte Richtung fiel die Wertschätzung eher privat und weniger öffentlich aus.

Für beide in gleichem Maß gilt, dass viele ihrer Ansichten und Einschätzungen über Solschenizyns Herkunftsland nicht gut gealtert sind: etwas, das beim Vergegenwärtigen der zweitägigen deutsch-„sowjetischen“ Hausgemeinschaft von vor fünfzig Jahre nicht übersehen werden sollte.

Dabei kannte Böll bis zu seinem Tod nur den Horizont UdSSR. Als Realpublizist unterstützte er 1974 eine Bewertung Solschenizyns zu den Bedingungen des bei allem Wunschdenken politisch Gegebenen (und artikuliert dabei immerhin den Wunsch nach Wandel): „Keinem vernünftigen Menschen auf dieser Welt kann an einem Umsturz in der Sowjetunion liegen, jedem aber an einer Wandlung, und wo es immerhin Begnadigungen gegeben hat, sollte es auch Gnade geben können. Gnade gegen sich selbst“ [9].

Von eigenen – Gorbatschow – oder anderen Gnaden setzte sich nach Bölls Tod die Sowjetunion selbst in Anführungszeichen. Plötzlich ging es um Aufnähen statt Wandel. Das U und die beiden S in UdSSR lösten sich auf, die ehemaligen Kernländer der sowjetisch-sozialistischen Union nannten sich im Dezember 1991 GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten).

Böll war mit dieser Einschätzung – wenn auch nicht in seinem christlich tingierten Wunschdenken von einer Gnade der bisher Gnadenlosen gegen sich selbst – aus dem Leben geschieden. Solschenizyn überlebte ihn um mehr als zwei Jahrzehnte. Sein Nachruhm ist somit ein kürzerer und anderer, aber unter dem Strich kein besserer.

Bereits 1990 wurde Solschenizyn zum Verfechter eines neogroßrussischen Projekts, das auf die leidvolle Sowjetzeit folgen sollte. Ein passendes Manifest dazu, aus dem erneut der nationale Vergangenheitskenner spricht, veröffentlichte er 1990 unter dem Titel Russlands Weg aus der Krise. Einige sowjetische Teilrepubliken, heißt es darin, werden sich abnabeln und für eine GUS unter russischer Führung nicht in Frage kommen: das Baltikum etwa, und „ja, auch Moldawija“ [10]. Anders die Ukraine mit „dem kostbaren Kiew, ‚von dem aus das russische Land seinen Anfang nahm‘, wie die Nestorchronik berichtet“. In der Semantik des Abspaltens, die aus der Dynamik der Zeitläufte nach 1990 zu verstehen ist, und damit anders formuliert als heute, wo die Ukraine, ginge es nach dem Kreml, mit Kriegsgewalt wieder Teil eines neuen Großrusslands werden soll, beansprucht Solschenizyn die Teilrepublik für die GUS. „Warum die Hand zum Schlag erheben, um von unserem lebendigen Körper die Ukraine abzutrennen (auch jene Gebiete, die gar nicht zur Ukraine gehört haben: […] die Krim und der Donbass bis fast zum Kaspischen Meer)?“

Solschenizyn wurde von Moskau rehabilitiert, er rückemigrierte nach Moskau und wurde in einer Volte, die einem schlechten Roman zu entstammen scheint, vor seinem Tod inszeniert als literatursachverständiger spiritus rector von Wladimir Putin. Erneut ist es Viktor Jerofejew, der es in dem Nachruf auf seinen Landsmann pointiert formuliert:

Sein rätselhafter ‚Roman‘ mit Putin, der ihn auf seiner Datscha als Freund besuchte, ist vor dem Hintergrund seiner Biografie besonders unverständlich: Das Opfer des Tschekismus (Tscheka – sowjetische Geheimpolizei der frühen Jahre) mit einem ehemaligen Tschekisten beim gemeinsamen Teetrinken – ein einer Karikatur gleichendes Pärchen [6].

 

Alexander Solschenizyns Gegenüber beim Tee könnten kaum unterschiedlicher sein. Zuerst Böll 1974 im Langenbroich, nun Putin in einem russischen Wochenendhaus. In den mehr als drei Jahrzehnten dazwischen hatte sich viel verändert. Ein deutscher Nobelpreisträger hatte das Zeitliche gesegnet, was seine Auslassungen über den Schriftstellerkollegen aus „der Sowjetunion“ einerseits historisiert, andererseits neu und anders lesen lässt. Der andere Preisträger wandelte sich vom Dokumentierenden des UdSSR-Unrechts zum Apologeten von neuerlichen großrussischen Bestrebungen, die heute anders und intensiver als 1990, als er sie formulierte, gelesen sein wollen.

In der breiten Auslegbarkeit, die seine publizistischen Einwürfe immer kennzeichnen, kommt auch in diesem Fall der verblüffende Effekt zum Tragen, dass der Zwei-Tage-Gastgeber Heinrich Böll Dinge so formuliert, dass sie über den Tag hinaus und unter gänzlich veränderten Umständen gültig bleiben. Über Solschenizyn notierte er (schon) 1978: „Da mag’s Ärgernisse geben, sogar Ärgerliches, nicht nur bei seinen Feinden, unvermeidliche Mißbräuche und Mißverständnisse, willkommene und unwillkommene Wirkungen und Auswirkungen“ [9].

 

[1] Markus Schäfer, „Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen“ – Alexander Solschenizyn und Heinrich Böll“. Heinrich Böll Stiftung, 4 August 2008. https://www.boell.de/de/content/bei-mir-ist-jeder-fluechtling-willkommen-solschenizyn-und-boell.

[2] Michael Bengel, „Ein Ort der Selbstfindung“. Kölner Stadt-Anzeiger, 10. Juni 1991.

[3] Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), Literaturen in der „Sowjetunion“. Köln 1991.

[4] Viktor Jerofejew, Der große Gopnik. Berlin 2023.

[5] Viktor Jerofejew, „Haus mit Hüter“, Die ZEIT, 7. August 2022. https://www.zeit.de/2022/32/heinrich-boell-haus-literatur-sowjetunion-russland.

[6] Viktor Jerofejew, „,Archipel Gulag‘ zerstörte die Sowjetunion“, Übers. von Manfred Quiring, Die Welt, 4. August 2008. https://www.welt.de/kultur/article2273669/Archipel-Gulag-zerstoerte-die-Sowjetunion.html.

[7] Heinrich Böll, „Die himmlische Bitterkeit des Alexander Solschenizyn“. F.A.Z., 9. Februar 1974.

[8] Heinrich Böll, „Kommentar zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Alexander Solschenizyn“. Kölner Stadt-Anzeiger, 9. Oktober 1970. In: Schriften und Reden 1969-1972, S. 158.

[9] Heinrich Böll, „Gruß an Solschenizyn“. F.A.Z., 9. Dezember 1978.

[10] Alexander Solschenizyn, Russlands Weg aus der Krise. München: Piper.