Polaroids von Ted Serios

Gedankenfotografie ist harte Arbeit

Schwitzend und biertrinkend zauberte der ehemalige Hotelpage Ted Serios in einem geschlossenen Raum in Chicago vor Publikum Gesichter oder indische Tempel auf Polaroid. War er ein Betrüger? Ein Spinner? Oder doch ein Künstler? 

Muss die Geschichte der Fotografie nicht korrigiert werden? Hat man ihn nicht allzu schnell als Spinner abgetan, den ehemaligen Hotelpagen Ted Serios aus Chicago, der in den sechziger Jahren seine inneren Bilder direkt auf Polaroidfilm bannte, ohne den Umweg über eine sichtbare Realität? Schaut man heute den Film an, den ein deutsches Fernsehteam damals drehte, dann kommt einem Psychokinese wie Schwerstarbeit vor: Ted Serios raucht und trinkt während der stundenlangen Sessions, er stöhnt und flucht ob der vielen Fehlversuche, und irgendwann zieht er sein Hemd aus und steht mit nacktem Oberkörper vor der Kamera wie ein Straßenarbeiter, der in gleißender Sonne den Boden teeren muss. Falls man sich Gedankenfotografie« als etwas Leichtes, Elegantes vorgestellt hat, wird man hier eines Besseren belehrt. Es ist harte Arbeit unter strenger Kontrolle: Immer wieder betonen die Teilnehmer des TV-Versuchs, wie gewissenhaft alles getan wurde, um einen Betrug unmöglich zu machen. Und schließlich klappt es: Aus der Polaroidkamera kommen Bilder, die beim besten Willen nicht durch Gegenstände, Körper oder Lichteffekte im Raum entstanden sein können. Hatte Ted Serios zuvor angekündigt, mit seinem Gehirn das Bild eines Urmenschen auf den Film zu werfen, das er zur Sicherheit mit dem Stift skizziert hatte, so erscheint plötzlich tatsächlich dieser hockende Mensch auf dem Papier. Im Ernst, wie will man das erklären? Serios – allein der Name! – macht dann allerdings seriöse Fotos, auf einem ist der Petersplatz in Rom zu sehen, auf einem anderen ein indisches Baudenkmal. Schon lange hat die Menschheit davon geträumt, irgendwann einmal auf den Umweg über Sprache, Gesten oder Malerei verzichten zu können. »Geh, wir haben grobe Sinne«, schrieb Georg Büchner. »Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.« Ted Serios hat von sich aus den ersten Schritt getan und seine Gedankenwelt mit der Kamera kurzgeschlossen. Ein Hamburger Verlag erinnert jetzt an ihn: Der Herausgeber Romeo Grünfelder ernennt die Polaroidkonvolute zu »Serien« und legt dem Gedankenfotografen damit ganz vorsichtig den Schutzmantel der Outsider-Kunst um. Das Buch »Ted Serios – Serien« (Textem Verlag, 564 Seiten, 38 Euro) befasst sich skrupulös mit verschiedenen Aspekten des Werks, zeigt aber vor allem auch die Polaroids, die manchmal klare Fehlbelichtungen sind, manchmal aber auch unheimlich und unerklärlich konkret. Wahrlich: Kunst aus dem Off! // ralf schlüter

art magazin 1 / 2017 LINK >

 

Ted Serios. Serien

Romeo Grünfelder (Hrsg.)

564 Seiten mit 352 Abbildungen

Autoren: Philippe Dubois, Peter Geimer

Romeo Grünfelder (Hrsg.), Bernd Stiegler

38,- Euro, ISBN 978-3-941613-46-1

Textem Verlag 2016

 

 

Sven Neygenfind folgt zu Beginn einer Arbeit keiner spezifischen Idee, sondern versucht eine Grundbewegung zu erzeugen, ohne bestimmten Regeln zu folgen – und er verwendet keinerlei Titel. Stellt man sein Werk in den Kontext der aktuellen Malerei mit ihren oft wiederkehrenden Codes der Gesellschafts- und Kunstkommentare, widerstreben sie dem zeitgenössischen Perzeptionsverhalten. Diese Bildern tendieren ins Unbekannte, nicht ins Wiedererkennbare. So wie Literatur oft Auslöser für seine Bildfindungen sein kann, befasst sich Neygenfind auch selbst mit dem Schreiben und hat anlässlich der Ausstellung in Ahrensburg jetzt seinen ersten Roman „Der Streichholzblick“ (Textem Verlag) veröffentlicht. Er befasst sich darin – wie in seinen Bildern – mit optischer Wahrnehmung und deren Techniken und lässt den Protagonisten zu der kaum überraschenden Erkenntnis gelangen: „Aha-Effekte waren nicht gerade das, wonach er auf der Suche war.“ 

artline Kunstmagazin I 2017, Peter Boué

 

Sven Neygenfind: Der StreichholzblickRoman 

ISBN: 978-3-86485-178-0, Textem Verlag 2017

232 Seiten, 16 Euro

 

 

Jedes gute visuelle Schweigen sei schwarz, konstatiert Boris von Brauchitsch angesichts von H. Zobernigs Pavillon in Venedig 2015.

Dieser schwarze Raum sei eine intellektuelle Oase im fernsten Winkel des grünen Parks, ein Fremdkörper, ein «Nichts, das alles ist».

Schwarz ist das Thema des Büchleins, dessen Beobachtungen und Analysen über Schopenhauer und Ad Reinhardt bis zu Malewitsch, E. Kelly oder On Kawara driften. Frühere inspirierende Stimmungsatlanten waren u. a. «Arglosigkeit», «Geheimmis», «Angst» gewidmet.

Kunstbulletin 12/2016

Boris von Brauchitsch, «Schwarz», Dunkel gestimmt im Licht der bildenden Kunst, Kleiner Stimmungsatlas, Hamburg 2016

 

 

 

DAS DING, DAS KOMMT 

Unsichtbares auf Film

Auf Hunderten von Polaroid-Fotos hat ein gewisser Ted Serios in den 70er-Jahren seine Gedanken eingefangen – wenn man das denn glauben möchte 

Als wäre das mit der Fotografie nicht an sich schon magisch genug: So richtig be-zaubernd fand, wer es je miterlebte, wohl, was eine Sofortbildkamera machte. Was ansonsten in der Einsamkeit des Labors geschah (oder irgendwann in den Automaten, die das Entwickeln besorgten), hier passierte es vor den Augen des Laien: Wie aus dem Nichts schält sich da etwas aus grau-homogener Fläche heraus, wandeln sich Chemikalien unter Lichteinfall, eine Manifestation des vielleicht auch noch in echt vor einem Stehenden, aber vielleicht auch längst wieder verschwundenen abgelichteten Objekts.

Diese Methode, die sich nie recht befreien konnte vom Ruch des Gadgets, also der technischen Spielerei, ist dabei kaum jünger als die Fotografie insgesamt: Eine frühe Form des Sofortbilds gab es schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entwickelt in Paris. Nochmal ein knappes Jahrhundert später dann hielt ein gewisser Edwin Herbert Land die erste Sofortbildkamera im heutigen Sinne in Händen – vermarktet dann durch sein eigenes Unternehmen namens Polaroid.

Zwar gab es die Jahrzehnte hindurch auch Konkurrenz, aber ganz so, wie bestimmte Papiertaschentuch- oder Klebestreifenmarken zeitweise für das Papiertaschentuch oder den Klebestreifen an sich standen, so stand Polaroid lange auch für das Sofortbild. Das geht so weit, dass die Firma sich seit 2010 sogar wieder mit einer Sofortbildkamera auf den Markt wagte – in einer Zeit also, da mit der Digitalisierung die sofortige Verfügbarkeit des Bildes zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Ehe Polaroid in den frühen 70er-Jahren die Integral-Methode entwickelte, die in der beschriebenen Weise vor den Augen des mehr oder minder staunenden Zuschauers automatisiert ablief, gab es fast 30 Jahre lang „peel apart“, das Trennbild, bei dem der Nutzer noch mitwirken musste. Kein bisschen weniger magisch wirken aber jene rund 400 Polaroids, um die es geht, wenn die Rede ist von Jule Eisenbud und Ted Serios.

Eisenbud war Psychiater in New York, unter anderem, und das bedeutete in jenen Tagen wohl, sich nicht um jeden Preis auch sortenrein abzugrenzen gegen das Übernatürliche, das Paranormale: 1964 stieß er auf jenen Serios, den viele als kein bisschen seriös wahrgenommen haben dürften: Serios beanspruchte für sich die Fähigkeit, Gedanken aufs Sofortbild übertragen zu können, also sichtbar zu machen – „Gedankenfotografie“ hieß dann auch das Buch, das Eisenbud 1975 dazu veröffentlichte. Dieses wiederum ist die Grundlage eines jetzt erscheinenden Bandes, den der Hamburger Filmemacher Romeo Grünfelder herausgegeben hat: „Ted Serios. Serien“ versammelt etliche jener damals in nur wenigen Jahren entstandenen Bilder: 1967 nämlich sei Serios seine Fähigkeit wieder abhanden gekommen.

Die Zeit befasste sich vor über 40 Jahren reichlich pikiert mit der Sache – und wies Serios respektive Eisenbud Täuschung beziehungsweise das Erzählen von „Märchen“ nach. Dabei ist die Frage, ob Serios nun ein Hochstapler war (und Eisenbud sein Komplize), eigentlich so interessant nicht – verglichen mit der, warum ein Thema wie das Fotografieren-Können von Unsichtbarem derart fasziniert. Andererseits. War hier nicht am Ende doch Übernatürliches im Spiel? Immerhin fehlen heute etliche der einst verfertigten Fotos in den Archiven – und das, obwohl Eisenbud nie welche vernichtet haben soll … ALDI

Romeo Grünfelder (Hg.): „Ted Serios. Serien“, Textem 2016, 564 S. mit 352 Abb., 38 Euro

Buchvorstellung: Mi, 2.11., 21.15 Uhr, Metropolis Kino, Hamburg

taz, 29. 10. 2016

 

 

Kultur & Gespenster 17

 

Ein dickes „Ding“, diese Zeitschrift aus Hamburg, die sich also dem Thema „Ding“ widmet. Das sei „von einer semantischen Vagheit umgeben, der es seine Autorität überhaupt erst verdankt“, wie es im Editorial dazu heißt. Dazu sei gestattet, dass man nicht nur die Texte, sondern auch die Illustrationen hervorhebt, etwa den Comic von Jul Gordon, oder die witzigen Einlassungen von Heiko Neumeister

„Heimsuchungen in der Haushaltung“ betitelt dann Mona Körte ihren umfangreichen Beitrag; Günter Oesterle geht der „Dingpoetik bei Eduard Mörike“ auf den Grund; Friedrich Heubach denkt übers Heimwerken als Hobbytätigkeit nach. Und, wie gesagt, die Illus: Nicole Messenlehners Aquarelle etwa, Guido Reddersens „Outfit“-Fotos. Ein gut Ding ist’s geworden. > www.kulturgespenster.de

 

Buchkultur August/September 2016

 

 

Deutschlandfunk Drucksachen

Gespräch zwischen Natascha Freundel und Nora Sdun (Herausgeberin des Magazins »Kultur & Gespenster«) 24. 7. 2016

Text und MP3 >

 

 

KULTUR & GESPENSTER Nr. 17

Ausgestopfte Tiere und Clogs, der “zeitgenössische Film” und Stephen Kings “The Shining”, Arno Schmidt, Lewis Carroll und Eduard Mörike – was auf den ersten Blick vielleicht nach einer wilden Mischung klingt, ist das stimmungsvolle Ensemble der Kulturzeitschrift Kultur & Gespenster. Wie immer kommt es natürlich ganz darauf an, was für ein Leser Du bist und was Du erwartest. Demzufolge kann die Lektüre dann erhellend und erheiternd sein oder ermüdend und frustrierend. Verstörend gar – oder einfach nur einen schönen Sonntagnachmittag ausfüllen.

Über all diesen Erfahrungen steht in der 17. Ausgabe von Kultur & Gespenster der Mut zur Lücke. Und zwar die Lücke zwischen den Themenfeldern Wort und Ding, oder die zwischen Lyrik und Prosa. Oder die zwischen akademischem Essay und verständlichem Text. Denn auch wenn sich Kultur & Gespenster immer bemüht, zugänglich zu bleiben und dennoch in die Substanz zu gehen – ohne Fußzeilen geht es manchmal nicht.

Ist schon okay. Wer als Leser selbst den Mut aufbringt, nämlich den, seine Zeit zu investieren, der bekommt von diesem fast 350 Seiten dicken Bookzine dann auch geliefert. Dazwischen Gedichte.

Warum soll ich das lesen?

Schreiben sie ja selbst: Fun ist ein Stahlbad. Und Kultur & Gespenster alles in allem ein bunter Brocken, der Dich gerne mit Tiefgang erschlägt.

Risiken und Nebenwirkungen

Gibt es.

> Kultur & Gespenster online

 

Sven Job, 28. Juni 2016, voll auf die presse

 

 

S wie Kohlrabenschwarz

Der Fotograf, Autor und Kurator Boris von Brauchitsch hat ein Buch über die Farbe Schwarz geschrieben. Der Band ist in der Stimmungsatlas-Reihe des Textem Verlags erschienen, die sich nach und nach mit Einworttitel füllt: A wie Arglosigkeit, P wie Passivität, V wie Verkrampfung... (Die HfbK-Professorin Michaela Ott plant einen Band zu „Affektionen“). 

Kaum hatte ich das Büchlein aus dem Briefkasten geholt und ausgepackt, dann ein paar Stunden etwas anderes gemacht, war auch schon ein Kaffeefleck auf dem Einband. Einerseits nichts besonderes, andererseits aber doch interessant. Es war, als wollte es mir sagen: Zwar ist der Einband schwarz, aber schwärzer geht immer noch! Es gibt eben doch, so die Nachricht des Buches an mich, sehr viele verschiedene Schwarztöne. 

Auch die Bedeutungen, die der Farbe Schwarz zuerkannt werden, erweisen sich bei der Lektüre schnell als vielfältig, ja widersprüchlich. Ist das reine Schwarz das Abbild von höchster Abstraktion und vollkommener Abwesenheit von Emotionen – oder ist es der Ausdruck von rauschhaftem Verlangen? oder Trauer? Steht man einer Mauer unerbittlicher Faktizität gegenüber oder verliert man sich in einem Dunkel ohne Anhaltspunkt? Ist das Schwarz Abwesenheit von Farbe oder deren Überfluss?

Auf die Frage, warum das Schwarze eigentlich für Absolutheit und Abstraktion steht, findet von Brauchitsch eine simple aber einleuchtende Antwort: Schwarz kommt in der Natur kaum je als Fläche vor. „Es ist sicher einfacher, bei einer grünen Fläche an eine Wiese zu denken oder bei einer blauen an einen Himmel, als bei einer schwarzen an einen dichten Schwarm Krähen bei Nacht.“

Aber nicht jeder Künstler will die schwarze Farbe, die er verwendet, schwer mit Bedeutung aufgeladen wissen. Pierre Soulages, der für seine großflächigen Schmierbilder bekannt ist, schreibt, wahrscheinlich schulterzuckend: „Wenn man mit schwarzer Tinte schreibt, muss es sich deswegen doch nicht gleich um ein Beileidsschreiben handeln.“. – Sowieso: Boris von Brauchitsch hat in seinem Buch eine schöne Zitatsammlung von Künstlern zusammengetragen.

Die ersten Seiten des Buches sind jedoch, leider, eine kleine Bleiwüste, etwas beschwerlich zu durchqueren. Ohne rechtes Ziel stromert der Text an allerhand schwarzen Gegenständen vorüber. Er streift die Frage, welche Charakterzüge es wohl sind, die Menschen dazu bringen, schwarze Kunst zu kaufen. Auch die schwarze Hautfarbe wird, ganz nach dem Prinzip preaching to the converted vom offensichtlich antirassistisch eingestellten Autor dem antirassistischen Leser erklärt. Er erzählt von seiner eigenen Erfahrung, dass in Stuttgart Polizisten „mit Vorliebe diejenigen kontrollieren, die hautmäßig dunkler sind als sie selbst“ (S. 14). Racial Profiling ist ein Thema, stellt sich doch die Frage, warum ich ein Buch lesen soll, in dem mir nicht mehr darüber mitgeteilt wird, als dass dem Autor das auch schon mal aufgefallen ist. Der erklärende Nachsatz macht es tatsächlich nur noch schlimmer: „Das ist keine ideologisch gefärbte, sondern eine rein empirische Beobachtung, die wie alle weiteren Beobachtungen nicht wertend, sondern tendenziell wissenschaftsästhetisch zu verstehen ist.“. Mit Wissenschaftsästhetik hat das wenig zu tun, selbst wenn es sich bei einer Beobachtung auf dem Stuttgarter Bahnhofsvorplatz um Wissenschaft handelte. Vor allem würde doch aber jemand, in dessen Augen es sich bei der Beobachtung des Racial Profilings um eine (links-)ideologisch gefärbte handelte, von diesem Satz nicht vom Gegenteil überzeugt werden. Es mag etwas gemein sein, dass ich diese offensichtlich schnell hingeschriebene Stelle herausgreife, zumal sie nicht wirklich etwas mit dem eigentlichen Thema des Buches zu tun hat. Es ist jedoch ein Phänomen, das mir oft auffällt und meistens stört, oft aber zu wenig, um es zum Gegenstand von Kritik zu machen. Mir steht bei solchen Gelegenheiten immer das Bild einer Pfadfindertruppe vor Augen, die durch den Walt marschiert. Und der vorderste dreht sich immer wieder um und fragt „seid ihr noch alle daaahaa?“ „jaaaahaa“. Gut, genug davon – es lohnt sich durch den Wald, bzw. die Bleiwüste, hindurchzustapfen, denn zur Mitte hin wird das Buch immer interessanter.

Inwiefern gleicht ein schwarzes Gemälde einem anderen schwarzen Gemälde? Das ist eine Frage, die im Buch an keiner Stelle explizit gestellt, aber immer irgendwie mitgeführt wird. Was passiert, wenn Pierre Soulages seine Leinwände kalligraphisch so ausfüllt, dass kaum mehr etwas vom weißen Untergrund zu sehen ist? Oder Arnulf Rainer seine Gemälde so oft übermalt, dass sie sich dem Schwarzen nähern? Man will fast fragen, ob es sich überhaupt noch um die gleiche Farbe handelt, aus der Malewitsch’ majestätisches Quadrat besteht. Und tatsächlich führen die Beschreibungen der einzelnen Künstler von Brauchitsch schließlich zu einer bemerkenswerten Kaskade, die deutlich macht, mit welcher Vielfalt wir es bei monochromer Malerei zu tun haben:

„Soulages pflegt den Pinselstrich, den Stella negiert, Stella zeigt den Rationalismus, den Rainer mit großer Geste hinwegwischt, Rainer deckt die Gegenstände zu, die bei Malewitsch gar nicht existieren, Malewitsch kultiviert ein vergeistigtes Schwarz, das bei Kelly zum Farbkörper gerinnt, Kelly predigt die extrovertierte Materie, während Soulages im Schwarzen nur die Spur des Lichts aufnimmt.“ (S. 65f). 

Zahlreiche Abbildungen begleiten den Band, Werke, von denen die meisten als „Hommage“ an die erwähnten Künstler betitelt sind und in deren Stil und Material ausgeführt sind. Doch die Angaben zu Größe, Material und Ort sind frei erfunden. Die Werke der entsprechenden Abbildungen gibt es nicht. „Die Bilder“ sagt von Brauchitsch „sind also existent und nicht existent zugleich“. Gleiches könnte man über die Abbildungen selbst sagen, die zwar – wortwörtlich – schwarz auf weiß vor mir liegen, aber, da ihnen ihre Originale fehlen, eigentlich keine Abbildungen sind. „Das schien mir zum Thema Schwarz besonders gut zu passen, bei dem es etwas vereinfacht gesagt doch darum geht, dass man etwas sieht, was man nicht sieht. Eine Fläche eben, die weitgehend das Licht absorbiert, die gegenwärtig ist, aber zugleich auslöscht.“ 

Die Gründe, warum eine Leinwand mit schwarzer Farbe bedeckt wird, können mannigfaltig sein. Boris von Brauchitsch führt diese Tatsache an einer langen Leine spazieren, ohne sie lehrmeisterlich erklären, begründen oder zu einer kunstwissenschaftlichen Theorie machen zu wollen. Seine „Abbildungen“, könnte man behaupten, illustrieren genau das: wie unterschiedlich schwarze Flächen sein können und dass selbst eine Hommage, die ein Werk getreu nachahmt, nicht das gleiche ist wie das Original, aber ebensowenig eine Kopie.

 

Boris von Brauchitsch

S – Schwarz

Ca. 100 Seiten, 12 €

Textem Verlag 2016

ISBN: 978-3-941613-90-4

Die neue Ausgabe Kultur & Gespenster vom Textem Verlag ist übrigens auch da. Muss ich dringend reinschauen.

 

Brite Müllhoff, rhizome HFBK Juni 2016

 

 

Deutschlandradio Kultur »Kompressor« vom 14. Juni 2016

Ein Gespräch mit Mitherausgeberin Mona Körte

Zur neuen Ausgabe »Kultur & Gespenster« Nr. 17 DING DING DING

MP3 >

 

 

 

 

Eine Art Resignation

Philosoph Michael Hirsch erklärt Gründe für und gefährliche Folgen von einer politischen Kunst

taz: Herr Hirsch, braucht ein Politiker Sinn für Ästhetik?

Michael Hirsch: Er sollte auf jeden Fall Geschmack haben, um zu wissen, was in der Gesellschaft insgesamt los ist. Und er sollte schon verstehen, welche Rolle Kunst in der Gesellschaft spielt.

Inwiefern ist Kunst ein politisches Mittel?

Na ja, ich denke da zum Beispiel an das Theater, das immer eine große politische Rolle gespielt hat. Es ist sicherlich eine politische Institution. Aber wenn man sich die gegenwärtigen Verhältnisse anschaut, erkennt man in den aktuellen Kunst-Projekten generell eine Art von Politisierung. Das ist für mich etwas suspekt.

Was genau irritiert Sie denn daran?

Man sollte die Rolle der Kunst von Politik trennen: Die Kunst ist schließlich ein ästhetisches Ausdrucksmedium. Und es ist die Aufgabe von Politik, für die Gesellschaft verbindliche Entscheidungen zu treffen.

Wie definieren Sie eigentlich Politik?

Politik ist der Bereich, in dem es um den Kampf um Rechte geht. Da soll man entscheiden, ob gesellschaftliche Rechte verändert oder konserviert werden – zum Beispiel in Bezug auf Eigentumsrechte oder soziale Rechte.

Wenn das so ist, wie vermischen sich dann die Rollen von Kunst und Politik?

Meine Hypothese ist, dass es seit mehreren Jahrzehnten auf der Ebene der Politik und der Gesellschaft eine Art Resignation gibt. Man verliert immer mehr Hoffnung, dass sich auf der Ebene der Rechte und der wirtschaftlichen Macht etwas verändert. Stattdessen wandert Politik mehr in den Ausdrucksbereich der Ästhetik, wo man Protest und Unzufriedenheit aufzeigt. Auf diese Art und Weise zeigt künstlerische Subversion ein Symptom der politischen Krise auf, in dem sich Protest und Widerstand in eine Art von Folklore umwandeln.

Wie lässt sich dieser Effekt verhindern?

Durch das Überwinden der Resignation. Außerdem muss man auch überlegen, was ein fortschrittliches Projekt sein kann. Eine progressive Forderung soll alle möglichen sozialen Gruppen betreffen – auch die, die quasi am Rand der Gesellschaft stehen. Es geht zum Beispiel um den Kampf um Arbeitsplätze, Geschlechtergleichheit oder ökologische Nachhaltigkeit.

Interview: Anna Dotti, taz Hamburg, 20. 5. 2016

Michael Hirsch, 50, ist Philosoph, freier Autor und Politikwissenschaftler. Er lebt und arbeitet als Privatdozent in München.

 

Michael Hirsch: LOGIK DER UNTERSCHEIDUNG - ZEHN THESEN ZU KUNST UND POLITIK 

48 Seiten, 150 x 100 mm, broschiert, 8 Euro
Redaktion: Elias Wagner, Steffen Zillig, Grafik: Max Prediger
Textem Verlag, Hamburg 2015 ISBN 978-3-86485-090-5

 

 

Unheimlich schön - »von hundert« zu »Kultur & Gespenster« 

von hundert 4/2016

 

Über die aktuelle Ausgabe „SOS Fantômes“ – mit drei Fragen an Gustav Mechlenburg, Co-Herausgeber

 

 

„Kultur & Gespenster“. Was ist das? Ein hochwertiges Druckerzeugnis. Schwer. Fast schon ein Buch. Auf jeden Fall irgendwie solide, aber nicht glossy, kein Hipster-Heft. Was dann? Der klangvolle, aber auch etwas kindische Titel der etwa ein- bis zweimal jährlich im Hamburger Textem Verlag erscheinenden Publikation macht eine Zuordnung schwer, das Objekt allerdings umso begehrenswerter. Schließlich will man lernen – und am liebsten etwas Neues. Und gern auch selbst mal wieder eine Entdeckung machen. Das kommt ja nur noch selten vor, wo alles schon zerlegt und analysiert wurde, und nurmehr Müdigkeit sich vor der Auslage der aktuellen Kunst- und Kulturmagazine breit macht. In „Kultur & Gespenster“ allerdings gibt es noch einiges zu entdecken. 

Eine innere Ordnung der Dinge scheint gegeben – ein derart durchgestaltetes Druckerzeugnis muss schließlich durchdacht sein. Es ist eine intelligente Publikation und amüsant noch dazu. Man könnte es im Geiste der Zeit ein „Hybrid“ nennen, als Verschmelzungsversuch von Kultur- und Geschichtswissenschaften, Philosophie, Literatur und Kunst verstehen. Eigentlich aber spricht das große Et-Zeichen als Paarformel zwischen der Kultur & den Gespenstern gerade gegen eine Hybridisierung und stattdessen deutlich für das sich gegenseitige Ergänzen der Disziplinen. Misch-Ehen dieser Art werden fast automatisch den Kulturwissenschaften zugeordnet, einer dankbaren Wissenschaft, der nichts zu fremd, aber alles zueigen ist. Im Falle dieser Zeitschrift – oder ist es ein Magazin? – die ja schon die Kultur im Titel trägt, ist das nicht vollkommen verfehlt. Allerdings auch nicht sonderlich hilfreich, denn wem hilft es zu wissen, dass in dem Heft theoretisch alles Mögliche erscheinen könnte? Stellt sich also vielmehr die Frage nach dem Wie und Warum. 

Bemerkenswert, aber nicht verwunderlich und keineswegs uninteressant, selbst jenseits von Elbe und Alster, ist der Hamburg-Schwerpunkt der Publikation. „Kultur & Gespenster“ hat eine loyale Redaktion und ein treues Publikum, und bleibt – wie ein Vergleich mehrerer Hefte nahelegt – seinen Beitragenden, FreundInnen, Bekannten und dem Geschehen in der näheren Umgebung verbunden. Eine kleine Umfrage unter Freunden zeigt die Tendenz: wer einmal „Kultur & Gespenster“ gelesen und gemocht hat, wird es immer wieder tun. 

Ein weiteres Merkmal ist, dass entgegen dem Trend zur Internationalisierung der Kunsttheorie „Kultur & Gespenster“ ohne englische Übersetzung erscheint. Eine rein deutschsprachige Zeitschrift muss auf ein internationales Publikum verzichten und kann auch bestimmte Vertriebswege nicht nutzen. Was aber eine oftmals teure, wenn gute, Übersetzung aus dem Budget ziehen würde, kann stattdessen in längere Artikel und gute Gestaltung investiert werden. Auf jeden Fall wird hier alles gegeben. So gelungen und leicht kommt es daher, dass keiner merkt, dass die Bedingungen, unter denen solche Spezialpublikationen entstehen – auch in Hamburg – prekär sind. Das ist schon ein Akt; einer, der nur mit Durchhaltevermögen, guten Kontakten und einiges an Idealismus zu leisten ist. 

„Kultur & Gespenster“ ist, könnte man sagen, eine große Zeitschrift unter den schmalen und kleinen: Großzügig wird mit dem Platz umgegangen, sowohl die Länge der Textbeiträge als auch die mehrseitigen Bildstrecken zeugen davon, dass Inhalte über äußeren, formalen Begrenzungen oder Vorgaben stehen. Groß ist auch die Liebe, die im Layout den Details zuteil wird, und groß sind nicht zuletzt die Themen, an die sich Autoren, Künstler und Redaktion heranwagen. In früheren Ausgaben ging es u.?a. um Wahrheit, um Märchen und, ­unter dem Titel „Stabile Seitenlage“, um den aktuellen Zustand des Kulturbetriebes. In zwei Ausgaben handelte es von Drogen und mehrere Hefte widmeten sich den mutmaßlichen „Hochstaplern“ – oder Helden – der Kultur. Es geht also um nichts weniger als die Kultur. Eigentlich auch schon ein Gespenst. Und vor allem ein absolut unzeitgemäß großes Wort, das sich niemand mehr so recht zu verwenden traut. Doch bei „Kultur & Gespenster“ traut man sich – und die Erweiterung des Titels um die Gespenster erweist sich als glücklicher Kunstgriff. 

 

 

Alice Goudsmit Ist das „Gespenster“ in „Kultur & Gespenster“ als Anerkennung der Bedeutung von Geschichte zu verstehen? 

Gustav Mechlenburg Ja, auch, wir graben ja gern auch immer wieder mal nicht mehr so bekannte Autoren oder Geschichten aus der Vergangenheit wieder aus. Aber es gibt natürlich auch aktuelle Gespenster und gespenstische Begebenheiten. Außerdem war uns das Wort „Kultur“ allein im Titel doch allzu ehrwürdig ;-) 

 

Der Titel „Kultur & Gespenster“, vielleicht einst als kleiner Jux entstanden, gibt tatsächlich Aufschluss über den Inhalt und seine Formen. Es ist eine Zeitschrift mit dem Schwerpunkt Kultur, aber zugleich auch eine Zeitschrift über Gespenster, im weitesten Sinne. Ehemals zur Auflockerung und als Gegengewicht zum übermächtigen K-Wort entstanden, sind die Gespenster in den vergangenen 10 Jahren und 16 Ausgaben immer wieder Thema oder Stichwortgeber geworden. Dabei wird das gesamte spielerische, ironische und obskurantistische Potenzial dieser Wortkombination ausgeschöpft, aber eben auch Aufklärungsarbeit geleistet. 

Der schelmische Titel ermöglicht vieles, was unter einem anderen Namen einer härteren Prüfung unterzogen werden könnte. So hat die Redaktion beispielsweise keine Hemmungen, querbeet und trend-unabhängig alte Geschichten neu aufzulegen oder ausgewählte Ausschnitte aus bestehenden Publikationen erneut zu veröffentlichen, wodurch Theoretiker, Autoren und Künstler unterschiedlichsten Alters und verschiedenster Schulen zusammengebracht werden. Dieses „Mehrgenerationenprojekt“ gelingt auch darum so gut, weil es die gewachsenen Verbindungen zu den Institutionen und Strukturen der Hansestadt und des geografischen Nordens nutzt. 

Das Wiederkehren – oder Für-immer-Dableiben – ist ein besonderes Merkmal des Gespenstischen. Dieses Merkmal trägt auch die Struktur dieser Publikation. Zum Beispiel durch die durchgehend gleichbleibenden Titel der Rubriken. So schön und verheißungsvoll verdienen sie es, hier genannt zu werden, die Überschriften der Rubriken des aktuellen 16. Bandes: 

 

DIE LUST UND DIE NOTWENDIGKEIT / DIE SINNLICHE GEWISSHEIT / DER SICH ENTFREMDETE GEIST. DIE BILDUNG / DIE VERSTELLUNG / DAS GESETZ DES HERZENS UND DER WAHNSINN DES EIGENDÜNKELS / DAS GEWISSEN, DIE SCHÖNE SEELE, DAS BÖSE UND SEINE VERZEIHUNG / DIE TUGEND UND DER WELTLAUF. 

Seit dem ersten Erscheinen von „Kultur & Gespenster“ im Jahre 2006, einem Heft, das dem Hamburger Schriftsteller und Ethnografen Hubert Fichte (1935–86) gewidmet war, entwickelt sich die Reihe von innen, scheinbar einer eigenen, sich fortwährend entfaltenden Logik folgend. Für Systematiker gleichermaßen wie für Ästheten ist es beim Durchblättern der früheren Ausgaben eine Freude zu entdecken, dass die Titel der Rubriken, Dossiers und Bildstrecken in jedem Heft, ungeachtet des übergeordneten Themas und der untergeordneten Titel einzelner Beiträge, mit kleinen Modifikationen, wie oben bereits geschildert, die Gleichen geblieben sind. Der ästhetische Anspruch, der so vieles zu entscheiden scheint, ist auch in den literarischen Vorlieben der Redakteure zu finden. Nicht nur in den Titeln. Viele der Textbeiträge weisen sprachliche Besonderheit auf und bilden in ihrem uneinheitlichen Zusammenspiel kleine anthologische Kompositionen innerhalb einzelner Ausgaben. Zugleich aber ist „Kultur & Gespenster“ auch ein klassisches Magazin für Kunst und Kultur – mit normkonformen Rezensionen, ausführlichen Bildstrecken und Werbung. Der Redaktion und ihrem trefflichen Gestalter Christoph Steinegger/Interkool (auch Co-Herausgeber) gelingt es dabei auch ohne Hochglanz, dem Heft eine durchgehende Ästhetik zu verleihen. Es sind wirklich alle Seiten sehenswert, selbst das Impressum. 

 

 

Goudsmit Leben Gespenster davon, dass man an sie glaubt? 

Mechlenburg Schon, aber sie haben wohl auch ein Eigenleben und man wird sie selbst dann nicht so schnell los, wenn man sich alles rational erklären wollte. 

 

Um diesem Eigenleben der Gespenster, das sich auch innerhalb der Publikationsreihe manifestiert, gerecht zu werden, sind nun in Folge zwei Ausgaben ganz den Geistern gewidmet. Ging es im Heft Nr. 15 mit dem Titel „Ghostbusters“ um die heimatlosen Seelen der Amerikaner, so geht es im vorliegenden Heft 16, „SOS Fantômes“, erschienen im Herbst 2015, um ihre europäischen Kollegen. 

Ausgesprochen gespenstisch sind die im einleitenden Text „Urbane Kriegsführung: Durch Wände gehen“ beschriebenen Kriegsszenarien. In diesem Auszug aus dem Buch „Sperrzonen, Israels Architektur der Besatzung“ von Eyal Weizman, erschienen 2009 bei Edition Nautilus in Hamburg, wird geschildert, wie postmoderne Denkmodelle in militärischer Strategie wirksam werden. Der Textauszug ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie ehemals gut gedachte, umstürzlerische Theorien uns in ihrer ideologischen Umkehrung heimsuchen können. Ebenso exemplarisch zeigt er, wie die Gespenster der Geschichte aus zeitgenössischer Kulturtheorie und Praxis kaum wegzudenken sind. 

Eben dieses Zeit-Raum-Kombinat wird in besonderer Weise von „Kultur & Gespenster“ thematisch erschlossen. Geschichte wird revitalisiert, mal in Auszügen und Zitaten, mal thematisch und mal andeutungsweise, aber immer ist sie da. Fast schon gespenstisch. 

Ein schönes Beispiel offenkundiger Geschichtsbegeisterung und Geisterbeschwörung ist ein Gespräch zwischen Jan-Frederik Bandel und Ulrich Raulff über die Theorielektüre der 70er-Jahre. Ebenso geschichtsträchtig erscheint mir Ralf Schultes Besprechung des Buches „Philosophie des Jazz“ von Daniel Martin Feige. 

Man lernt tatsächlich beim Lesen. Vor allem Dinge, von denen man nie geahnt hätte, dass sie einen interessieren könnten. Ich zum Beispiel wusste bis eben nicht, dass mich Theorien der Kriegsführung interessieren können, oder Männer mit Plüschhasenohren. Auch war mir nicht klar, dass ich mich über die Machenschaften des Hochschulsenats der HFBK aufregen könnte, aber die wunderbar zornige Schimpfe Nora Sduns über die geistesschwache Verramschung der Bestände der Kunstbibliothek ist auch als allgemeinpolitische Lektüre empfehlenswert. Wer sucht, der findet. Und wer nicht sucht, sondern nur blättert, findet auch. Und obwohl nicht alles gefällt, so doch auf jeden Fall, dass „Kultur & Gespenster“ keineswegs gefällig ist. 

Zum Beispiel gefällt mir auch, dass der inzwischen verstorbene ehemalige Stadtrat Willi Müller aus Gelsenkirchen, dem maßgeblich zu verdanken ist, dass das Gelsenkirchener Musiktheater mit den Werken Yves Kleins geschmückt wurde, hier posthum zu Worte kommen darf. In einem monolog-ähnlichen Interview, aufgezeichnet von Michael Glasmeier im Jahr 1978, spricht eine Stimme aus einer fernen Vergangenheit zu uns. Wie Glasmeier es treffend in seiner Einführung schreibt, „macht der Monolog klar, dass richtige Entscheidungen zur Kunst unabhängig von Theorien getroffen werden können, dass sich die hauptberufliche Kunstszene, die mehr und mehr den Alltag weit hinter sich gelassen hat und sich als Geheimbund zelebriert, vielleicht doch zu wichtig nimmt.“ (S. 85). Humorvolle Entschärfung der Lage ist nicht nur für Glasmeier ein Thema, sondern auch als durchgehendes Anliegen der Reihe „Kultur & Gespenster“ anzusehen. Sich über Kunst zu amüsieren, ist ein seltenes Phänomen und meist mit Fremdschämen oder Unverständnis verbunden. Aber es gibt auch Blickwinkel, wo nicht Ulk betrieben wird, sondern die Strategie des Vergleiches angewandt wird, um über Lustiges aus der Kunst ohne Häme zu berichten. So ist auch der Bericht darüber, wie Künstler dazu kommen, Kunstfelsen für Zoos zu bauen, kein Sich-lustig-Machen, wohl aber ein amüsanter und aufschlussreicher Bericht aus einer ganz anderen Kunstwelt. 

 

Die Bildstrecken dieses Bandes allerdings sind in der Hauptsache themenfern. Zwar sind die Abbildungen der recht historisierend daherkommenden Kleider aus dem Maßanfertigungsatelier „morgentau“ von Marzena Sochacka-Szczepanska im klassischen Sinne hübsch, sie verkommen aber in diesem Kontext zu eher blassem Füllmaterial. Ebenso ergeht es den Fotografien von Kerstin Cmelka und Martin Hoener, nur dass diese in Farbe und Glanz sich deutlich besser durchsetzen. Die Schriftzeichnungen Friederike Feldmanns bekommen berechtigt viel Raum, aber ebenfalls eher als grafische Raumteiler der Texte, was zwar dekorativ ist, aber den Bildern nicht wirklich gerecht wird. Katharina Kohls Dossier „Personalbefragung – Innere Sicherheit“ mit Porträts und Zitaten involvierter Personen aus dem NSU-Prozess gewährt Einblicke in eine weit entfernte und absonderlich erscheinende Parallelwelt. In Jonis Hartmanns illustriertem Reisebericht aus Nepal vor dem Erdbeben sind Bild und Text aus einer Hand und verbinden sich gut zu einer flirrenden Reportage aus einem „Gespensterland“. Am allerschönsten jedoch funktionieren, finde ich, die schweigsamen Bilder der Arbeiten „Ohne Titel“ von Jeanette Fabis, die in ihrer formalen Strenge Ruhe ins Blättern bringen. 

 

 

Goudsmit Gilt es, Gespenster zu bändigen? Einzufangen? Ins Jenseits zu befördern? Oder ist eine bleibende Parallelwelt denkbar und wünschenswert? 

Mechlenburg Ersteres funktioniert wohl eher nicht so. Aufklärung hilft etwas, dann ist ein Parallelauskommen mit gegenseitigem Lernen vielleicht möglich. Es gibt auch nette Gespenster :-) 

 

Mögen die netten Spukgestalten, die es immer gut gemeint haben mit „Kultur & Gespenster“, auch weiterhin in ihrem Wirken ungestört bleiben und Geistreiches wie Schönes aus dem Hause Textem unter dem Namen „Kultur & Gespenster“ entstehen lassen. Es ist zu hoffen, dass hier auch weiterhin Aufklärungsarbeit zum Wirken der Gespenster geleistet wird, dass diese uns nicht so bedrohlich erscheinen und wir mit ihnen als Verbündete unser kulturelles Lernprojekt fortführen können. Alice Goudsmit 

 

 

„Kultur & Gespenster“ erscheint im Hamburger Textem Verlag, die 16. Ausgabe „SOS Fantômes“ wurde im Herbst 2015 veröffentlicht. Preis 16 Euro

 

»von hundert«, Ausgabe April 2016

 

Kompletter Artikel als PDF

 

 

 

PERFORMANCE

Welche Würmer geben die meiste Energie?

Heutzutage muss man kein Verrückter sein, um an die Apokalypse zu glauben. Insofern sind Prepper womöglich so was wie die Avantgarde der kommenden Krise. Denn um ihr Überleben in Krisenzeiten sicherzustellen, stellen sie sich rationale Fragen wie: Wie viele Kerzen brauchen wir, um ein halbes Jahr zu überleben, wenn die Bombe hochgegangen ist? Welche Würmer geben die meiste Energie? Wo gibt’s die günstigsten Konserven? Welche Antworten Kunst und Philosophie auf diese Fragen haben könnte, beschäftigt die erste Séance des Hamburger Kulturmagazins „Kultur und Gespenster“.

Nach der Performance von Johannes Büttner und der Lesung von Philipp Schönthaler wird Çaykh die Gespenster des Abends mit spiritueller Musik wieder einfangen.

Kultur und Gespenster – Séance: Survival: Acud Macht Neu, Veteranenstraße 21, 27. 2, 20 Uhr, Eintritt frei

taz, 25. 2. 2016

 

 

 

 

Buchbesprechungen zu

 

Robin van der Akken und Timotheus Vermeulen: 
ANMERKUNGEN ZUR METAMODERNE

64 Seiten, 150 x 100 mm, broschiert, 8 Euro

Redaktion: Elias Wagner, Steffen Zillig
Übersetzung: Elias Wagner
Grafik: Max Prediger
Erschienen im Textem Verlag, Hamburg 2015
ISBN 978-3-86485-091-2

 

Michael Hirsch: LOGIK DER UNTERSCHEIDUNG -

ZEHN THESEN ZU KUNST UND POLITIK 

48 Seiten, 150 x 100 mm, broschiert, 8 Euro

Redaktion: Elias Wagner, Steffen Zillig
Grafik: Max Prediger
Erschienen im Textem Verlag, Hamburg 2015
Vertrieb über SoVA
ISBN 978-3-86485-090-5

edition-uhlenhorst.de

 

Carsten Rabe: blossom

Preis: 35 Euro

Seitenzahl: 112 Seiten

Ausstattung: Hardcover, Leinen

Format: 200 x 275 mm (Hochformat)

ISBN: 978-3-86485-109-4

Auflage: 500 Exemplare

Fotografie: Carsten Rabe

Text: Alexander Rischer 

Druck: Druckhaus Köthen

Textem Verlag 2015

 

artline, 2016

 

 

 

Schwarz

Boris von Braunschweig 

Boris von Brauchitsch konstatiert: Jedes gute visuelle Schweigen ist schwarz.

Das Schweigen kann dabei sehr wohl auch sprechend sein, das Schwarz ist nicht bloß die völlige Lähmung, sondern auch die absolute Entfesselung der Fantasie. Im Nichts ist wiederum Alles enthalten. Von Brauchitsch untersucht die schwarzen Bilder von On Kawara bis Blinky Palermo, ihre Verweigerung und Negation, ihre Leere und Vielfalt, die Übermalungen und Vergeistigungen, die Finsternis und Spuren von Licht. Er widmet sich der metaphorischen, theoretischen und sinnlichen Erfahrung der schwarzen Fläche, des dunklen Raums und liefert dabei eine präzise Beobachtung der Abgrenzungs-, Provokations-, und Innovationsstrategien der jüngeren Kunstgeschichte.

Sprache: Deutsch

Salon für Kunstbuch, 2016

 

 

Gibt es ein Gespür? Ist der Begriff keine Erfindung, bloß kulturelle Konvention, verwaschene Rede von phantasmagorischer Innerlichkeitswut? Wer ein gutes Gespür hat, den schätzen wir; ertragen wir aber auch, wenn jemand gar kein Gespür hat? Ein Gespür zu besitzen, das meint eine Fähigkeit, die kaum ordentlich zu lernen, sondern situativ zu erwerben ist, im Lebensvollzug. Es kann dazu befähigen, richtig und angemessen zu handeln – oder eben falsch und unangemessen. Es gibt ein solches Gespür und dennoch kann ich ganz falsch liegen. Leben Menschen ohne Gespür schlechter, sind sie gescheiterte Existenzen?

Dieser Band erkundet die verstreute Kulturgeschichte des Gespürs und der Suche danach als eine Forschungszeitreise zu Samuel Pepys, Honoré de Balzac, Thomas Lehnerer, Wolfgang Hogrebe, Mario Perniola, Meike Lobo, Einar Schleef, Rainald Goetz, Andreas Neumeister, Paul Nizon, Peter Handke, Ulrich Pothast, Michel Serres, Jean-Luc Nancy, Joseph Vogl, Eugene T. Gendlin, Thomas Palzer, Frank Zappa, Jacques Attali, Jim Jarmusch, PJ Harvey, Klaus Theweleit, Antonio Damásio, Joseph Bauer, Erich Wolfgang Skwara und David Bowie.

Kritische Begleiterin dieser Studie ist eine Forscherin (dokumentiert von Guðný Guðmundsdóttir), die im Laufe des Bandes verschiedene Apparaturen der Sinne probeweise anlegt: eine Selbstversuchsserie in Sachen Gespür.

Kulturtechnik HU Berlin, 2016

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