Kuppelmutter Rom

 

Ein skurriler Band will zeigen: Die Welt ist rund wie das Pantheon

Zum Beispiel N wie Narrenturm: Mit dem Bau des Pantheons lud der römische Kaiser Hadrian einst sämtliche Götter ins Zentrum des antiken Weltreiches ein; in Wien dagegen sollte fast zweitausend Jahre später der Bau der ersten psychiatrischen Anstalt Kaiser Joseph II. als Herrscher einer rationalen Welt erweisen. Beide Gebäude sind rund wie das Universum, haben Kreis und Kugel als Konstruktionsprinzipien. Auf fünf Ringen zu 28 Kassetten steigt die römische Kuppel bis zum Opaion auf, dem im Sommer wie im Winter offenen Lichtauge; auf fünf Stockwerken wiederum durften die Narren einst durch je 28 Fensterschlitze lugen.

Seit Christoph Grau sich irgendwann in den 1970er Jahren in das antike Architekturwunder verliebte, erscheint ihm die Welt, wie er gern zugibt, 'pantheongefiltert', verweist ihm das 'Weltzeichen' zu Rom auf alles wie nichts. Wenn er nun in 47 Texten einen Einblick in die 'Wunderkammer ohne stoffliche Sammlung' gewährt, so unterwirft er sie für uns Uneingeweihte nur eben der notdürftigsten Ordnung: der alphabetischen, in der freilich wiederum das Nachwort erst knapp vor den Narren und das Vorwort kurz vor dem Schluss kommt.

Mit dem 'Pantheon Projekt' liegt eine der merkwürdigsten Buchmarkterscheinungen im nostalgischen Oktavformat mit farbigen Lesebändchen vor, visuell nicht weniger anziehend mit Rundheiten aus Malerei und Fotografie gefüllt als textlich. Denn auch im persönlichen Weltreich des Herrn Grau - eines pensionierten Kunsterziehers und Galeristen, wie allerdings erst ein Anruf beim Verlag enthüllt - führen alle Wege nach Rom: von den Vorratskammern der verstorbenen Großmutter bis zur ersten Rolex zum fünfzigsten Geburtstag, von der Strebenkonstruktion einer aufgeschnittenen Zitrone bis zum Film 'Truman Show', in dem einst Jim Carrey die Grenzen seiner privaten Welt unter einer Kuppel fand. Denn 'das Pantheon erkennt, das Pantheon ordnet'.

Wie der Tempel schon in der Spätantike eine Umwidmung zur Kirche erfuhr, so weiht es nun Christoph Grau zur Opferstätte seiner selbstverständlich höchst subjektiven Privatreligion. Wer gläubig wird, findet in diesem Oberpriester einen gebildeten, charmanten, geistreichen und kultivierten Seelenführer; wer ungläubig bleibt, dem aber taugt das skurrile Bändchen nicht einmal zum Reiseführer. 

CHRISTOPH GRAU: Pantheon Projekt. Textem Verlag, Hamburg 2011. 578 Seiten, 28 Euro.

 

MICHAEL STALLKNECHT, Süddeutsche Zeitung, 2. Februar 2012

 

 

 

Stimmungs-Atlanten

 

Ein Wort, ein Buch, ein "Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden": Kolumnen und Essays aus der Gegenwart, mit Ausrutschern in die Vergangenheit und scheuen Blicken in die Zukunft. Die ersten fünf schmalen, kleinformatigen Büchlein aus dem Hamburger Textem-Verlag widmen sich jeweils einem Thema, das mit einem Schlagwort um die Ecke schnellt und in prägnant formulierten Untersuchungen und Meinungsdekreten sich, wie Michael Glasmeier und Lisa Steib, zum Beipsiel mit der "Albernheit" beschäftigt. Um die Begriffsbedeutung "albern" herum bauen die Autoren ihr Haus aus vielfältig konstruierten Glasbausteinen wie "Kalauer", "Thomas Kapielski" oder die Kunst des "Erwin Wurm". Thomas Gann hingengen schaut auf die "Angst", Armin Chodzinski kümmert sich um die "Verkrampfung", Dieter Wenk blickt auf die "Modernität" und Stefan Ripplinger hat viele "Bildzweifel". Kurzweilig und unterhaltsam, philosophisch und ironisch, packend und liebevoll: der Start einer Buchreihe, die niemals enden sollte.

 

Klaus Hübner, Westzeit 2/2012

 

 

Vision zu Mann und Mode

 

Der Hamburger Textem Verlag bringt das Magazin „Der schöne Mann“ in den Umlauf

„Männer dürfen nicht so dick auftragen wie Frauen, sie haben sich in subtileren Codes mitzuteilen“, schreibt Anette Geiger in einem Essay zur Kleidung von Künstlern und Intellektuellen im neuen Männermode-Magazin „Der schöne Mann“. Dennoch: Die Modewelt entdeckt den männlichen Körper für sich. Aber auch die Männer interessieren sich mehr für ihr Äußeres. Ein Blick auf die Webblogs von The Sartorialist und Street Etiquette genügt als Beweis. Studierende der „Hochschule für Künste Bremen“ untersuchten den Trend jetzt genau. Sie führten Interviews mit internationalen Fotografen und Designern, wählten Essayisten und Philosophen für Gastbeiträge aus, entwarfen fünfzehn Kollektionen und schrieben nieder, was sie zu ihren Arbeiten inspirierte. Wie kleidet sich eigentlich ein Hausmann?

Was trägt ein west-östlicher Dandy? Und warum sind reiche Männer selten schön? Eigene Vorurteile werden hinterfragt, Kindheitserinnerungen geweckt und Modetrends auf die Spitze getrieben. So war die Kleidung von Obdachlosen Vorbild für die abgewetzten Looks vieler bekannter Designer, wie John Galliano, Vivienne Westwood oder Patrick Mohr.

HFBK-Student Harm Coodes hingegen lässt sich in seiner klaren Kollektion „Niemals allein, immer einsam“ von Emotionen der sozialen Außenseiter leiten. Eine am Bauch viel zu weite Hose symbolisiert schlicht Hunger. Dem Hamburger Textem Verlag sei Dank, dass diese bereichernde Sammlung frischer, tiefschürfender Gedanken jetzt jeder erstehen kann, solange der Vorrat von 1.500 Stück reicht.

Anette Geiger, Kai Lehmann, Ursula Zillig: „Der schöne Mann. Das Magazin“, Textem Verlag, 292 Seiten, 14 Euro

ALI, Szene Hamburg, Februar 2012

 

 

Carsten Klook: Ein Mann, viel Kunst

 

Eine Wasserleiche spielt eine große Rolle in Carsten Klooks neuem Buch "Stadt unter". In Lauenburg wird sie aus dem Fluss gefischt. Wieso sie den Drehbuchautor Marc schier zur Verzweiflung treibt, erfahren Besucher heute Abend ab 20 Uhr im Café Mondmann. Dort liest Carsten Klook auf Einladung von Professors Pierangelo Maset von der Leuphana Universität in der Reihe "Kunst und Pop".

"Ich habe in dem Roman Krimi-Klischees hochgenommen. Der Drehbuchautor Marc der unbedingt einen Krimi abliefern will, hat nur diese kleine Idee mit der Wasserleiche, doch dann verheddert er sich immer wieder und die Geschichte dekonstruiert sich selbst", sagt der Hamburger Autor. Aber nicht nur ein Kriminalfall und ein Autor, der sich mit einer Schreibblockade herumplagt, finden in dem Text Platz. Es bleibt auch noch Raum für eine Liebesgeschichte und die wiederum nimmt Einfluss auf den Verlauf der Krimihandlung.

An dem Ort der Handlung, in dem kleinen Städtchen Lauenburg, kennt sich Carsten Klook gut aus. Dort war er vor einigen Jahren Stipendiat im Künstlerhaus. Anders als in seiner Heimatstadt Hamburg war es für den 52-Jährigen in Lauenburg leicht, sich auf die Schriftstellerei zu konzentrieren. "Neben dem Austausch mit anderen Künstlern, war der Blick auf die Elbe einfach großartig. Damit muss man erst einmal klar kommen, mit dem ganzen Wasser." Viele gute Ideen seien ihm draußen, auf der Terrasse, meistens jedoch in Flussnähe gekommen.

Auf einer Veranstaltung in Lauenburg sprach ihn schließlich auch Professors Pierangelo Maset an und lud ihn ein, Studierenden sein Buch vorzustellen. Immer wieder bitten die Lüneburger Wissenschaftler Menschen, die im Kulturleben als Galleristen, Verleger, Übersetzer, Künstler oder Schauspieler aktiv sind, etwas über ihre Arbeit zu erzählen. Beleuchtet werden sollen Lebensmodelle und Strömungen, gerne auch abseits des Kunst-Mainstreams. Carsten Klook hat sich bisher künstlerisch auf sehr vielen verschiedenen Feldern ausprobiert und ist damit prädestiniert über Anknüpfungspunkte zwischen Kunst und Pop zu sprechen. Der Hamburger war schon immer kreativ: in den 80er- und 90-er Jahren schrieb der Journalist und Autor Musikkritiken. Später erarbeitete er selbst Hörspiele und Audio-Collagen. Im Lauf der Jahre hat er vier CDs veröffentlicht und für Radio Bremen das Hörspiel "Die Reise nach Worpswede" realisiert.

Auch im Schreiben und Zeichnen fühlt sich Klook zu Hause. Unter anderem für die Wochenzeitung Die Zeit hat er Literaturkritiken geschrieben. Aber auch eigene Texte hat er verfasst. Eine Figur aus seinem ersten Roman "Der Korrektor", das im Jahr 2005 erschienen ist, spukte ihm besonders lange im Kopf herum. Schließlich wurde sie im aktuellen Texte neu verarbeitet. "Das war so ein Kriminalkommissar, wie man sich ihn vorstellt. Und es macht Spaß, mit solchen Klischeefiguren zu spielen", sagt der Schriftsteller. Genregrenzen interessieren ihn dabei nicht besonders.

Gute Ideen schon. Und davon hat Carsten Klook viele. Anschaulich zu bestaunen sind einige davon in dem Buch "Tattoovorschläge für Headbanger und Bedhanger", das im Ausnahmeverlag erschienen ist. Delfine, Rosen, Tribals und andere Tattoo-Motive, die hunderttausendfach auf Waden, Steißbeinen und Oberarmen durch Deutschland getragen werden, sind darin nicht zu sehen. Er habe möglichst abwegige Vorschläge für den Langzeit-Körperschmuck gesucht, sagt Klook. Wer seinen Vorschlägen folgt, kann sich den durchsichtige Stoiker auf Partnersuche oder den leise nörgelnden Eremiten in die Haut stechen lassen und sich einigermaßen sicher sein, dass er das Motiv exklusiv hat. Mitgeliefert wird ein Stück fleischfarbene Folie mit Haar, um zu sehen, wie sich die kleinen Kunstwerke auf Haut ausnehmen.

Heute sieht er sich in erster Linie als Autor, auch wenn er nicht ausschließen könne, dass noch einmal ein Gitarrenalbum von ihm erscheint, sagt Carsten Klook lachend. Gestern hat er hat die Textstellen ausgesucht, die das Publikum heute Abend zu hören bekommt. Aufgeregt ist er nicht. Aber gesundes Lampenfieber hat er doch.

Die Lesung heute im Lüneburger Café Mondmann, Lünertorstraße 20, beginnt um 20 Uhr, der Eintritt ist frei. Das Buch "Stadt Unter" ist im Textem Verlag erschienen, 178 Seiten, 14 Euro

Hamburger Abendblatt 26. Januar 2012

 

 

 

 

Radiobeitrag zum "Schönen Mann" im MDR 25.01.2012

 

 

 

 

Männer-Magazin

 

»Herrenmode darf eigentlich nicht schön machen, denn Männer fürchten die Schönheit. Nur, was sollten sie dann darstellen?« Diese und andere Fragen um Männer, Schönheit und Mode versuchen Studierende des Integrierten Designs an der Hochschule für Künste Bremen in ihrem Magazin »Der schöne Mann« zu beantworten. Entstanden ist ein hübsches Bilder- und Lesebuch für Schöngeister. Zu sehen gibt es Bilder von fünfzehn eigens entworfenen Kollektionen, zu lesen ein pointiertes Mode-ABC, Interviews mit Designern, Essays beispielsweise vom Philosophen Wolfram Bergande und von der Kunst- und Kulturwissenschatlerin Annette Geiger. (rud.)

 

Der schöne Mann - Das Magazin, Texten Verlag 2012

 

Neue Zürcher Zeitung, 23. Januar 2012

 

 

 

LEIBHAFTIG

 


Man mag zweifeln, ob es sich beim „Zweifel“ tatsächlich um eine Stimmung handelt und nicht viel eher um eine Haltung, mithin um eine willentlich und bewusst eingenommene Einstellung. Während Stimmungen meist diffus aufs Gemüt ein- und nicht selten hinter unserem Rücken fortwirken, ist ein Akt wie der „Zweifel“ zweifellos bewusst. Wer zweifelt weiß, dass er zweifelt. Ob er auch weiß, dass er denkt und ergo ist, wie weiland der notorische Zweifler Descartes dem hochgelehrten Publikum glauben machen wollte, sei dahingestellt. Klar aber ist: Stimmungen überkommen, ja überfallen uns, Haltungen nehmen wir ausdrücklich ein.

 

Aber vielleicht wäre das ein Streit um Kaisers Bart. Und man muss nicht gleich mit Heideggers „Stimmung“ als Stimmungskiller daherkommen, um Idee und Projekt des Textem-Verlags schlicht zu bewundern. Seit 2011 bringt er in unsortierter Reihenfolge in kleinem Format, aber mit großer Chuzpe die Enzyklopädie „Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden“ heraus, wo von A wie „Angst“ oder „Albernheit“, über L wie „Laune“ oder P wie „Passivität“ ein Alphabet von Stimmungen erscheint, das weniger auf intellektuelle Begriffskunde zielt als auf die stets riskante Befragung der je eigenen Gegenwart. Verantwortet von Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun, könnte man die Reihe getrost als eine Art Gegengift gegen jene „Realitätsverkennung“ lesen, die den befällt, der den Dingen entweder zu nahe rückt oder ihnen zu fern bleibt.

 

Erstes wäre dem atemlos Umtriebigen geschuldet, letzteres dem spröden Academicus. Wer also Stimmungen anvisiert, braucht vorab ein Gespür für den richtigen Abstand und ein Timbre, das verbindlich in der Sache, doch zugleich geschmeidig ist. Auf den Ton kommt es an. Und den hat Stefan Ripplinger vorzüglich getroffen. Sein Essay über „Bildzweifel“ ist eine blitzgescheite Miniatur über eine Attitüde, die einnimmt, wer zwischen blinder Idolatrie und blindwütigem Ikonoklasmus eine dritte Position auszumachen sucht. Es gilt, das Bild und seine Macht ernst zu nehmen, ohne sich ihr negativ, wie der Bilderstürmer, oder positiv, wie der Bildfetischist, rückhaltlos zu unterwerfen. Bildern wohnt ein Zauber inne, den tückischerweise auch der, der ihn zu brechen begehrt, voraussetzt. Ihre Macht verdanken sie jenem inneren, auf Ähnlichkeit gegründeten Verhältnis, das zwischen Bild und Bildgegenstand am Werk ist, und das eben nicht, wie etwa beim Zeichen, nurmehr äußerlich und arbiträr ist, durch bloße Konvention gestiftet. Bilder machen leibhaftig gegenwärtig, was leibhaftig nicht gegenwärtig ist. Das ist ihre Magie, ihre Macht. Sie ist geliehen, gewiss, dem Bildgegenstand geschuldet; nichtsdestotrotz ist sie beängstigend, faszinierend, ebenso diabolisch wie numinos, im vollen Wortsinne: gewaltig. Der Monotheismus, von Echnaton über Moses bis zu Jesus, Paulus und Mohammed, wusste genau, mit was er es zu tun hatte.

Was die ersten Menschen der Steinzeit empfanden, als einer der ihren mit Holzkohle und Ruß irgendwelche Konturen bei fahlem Feuerschein an einer Höhlenwand nachzog und plötzlich eine „Gestalt“ erschien? Wir wissen es nicht; auch nicht, ob dieser erste Zeichner alsbald eine steile Karriere in seiner Sippe hinlegte oder sein Tun womöglich gar nicht überlebte. Was wir aber wissen ist, dass der Mensch, seitdem er als homo pictor reüssierte, in einer grundlegenden Gefühlsambivalenz dem Bild gegenüber verharrt. Die Geschichte des Bildes ist auch die Geschichte von Ikonoklasmus und Idolatrie, von Bildersturm und –anbetung.

Der Bildzweifel nimmt diese Ambivalenz zwar ernst, entscheidet sie aber nicht, verweigert sich der Eindeutigkeit. Seine Arbeit am Bild, mit und gegen das Bild zielt auf anderes. „Der Bildzweifel“, so der Autor, „ist sowohl von der Idolatrie als auch vom Ikonoklasmus kategorisch unterschieden, denn zwar braucht er das Bild, aber nicht, um es zu verehren oder zu vernichten. Er setzt die beiden Komponenten – Abgebildetes und Abbildung –, die die Verehrung miteinander verklebt hat, sorgfältig voneinander ab. Er trennt sie aber nicht vollständig wie der Bilderstürmer.“

Stefan Ripplinger, Journalist und Mitbegründer der Zeitschrift „Jungle World“, folgt exemplarisch den Spuren des Bildzweifels, dem eine Bildarbeit auf dem Fuße folgt, die nicht erst in der Kunst der Avantgarde – etwa bei Malewitsch oder Rodtschenko, bei Yves Klein, Isa Genzken, Luis Buñuel oder George Grosz – die Grenzen des Bildhaften rigoros austestet. Wie sehr schon die theologische Tradition des Abendlandes von Fragen umgetrieben wurde, die dann die Moderne ästhetisch durcharbeitete, zeichnet das schmale, doch gehaltvolle Bändchen luzide nach. An Marcel Duchamp, einem der sicherlich reflektiertesten Künstler der Moderne, wird zuletzt deutlich, dass man sinnvoll nur mit Bildern an Bildern zweifeln kann. „Der Bildzweifel will sich des Bildes nicht entledigen, er braucht es. Das Bild ist, gerade weil es schwach ist, sein Weg in die Welt.“

Stefan Ripplinger: „Bildzweifel. Reihe: Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden“ Textem Verlag, Hamburg 2011. 85 Seiten. ISBN 978-3-941613-82-9. EUR 12

 

Michael Mayer, artnet, 20. Januar 2012

 

 

Die Kunst der Albernheit

 

“Hör auf damit, wir müssen seriös wirken!” – Was das weite Feld der Kunst angeht, sei es zeitgenössisch oder historisch, begegnet man den Werken stets mit einer gewissen Strenge und Ernsthaftigkeit. Wird es albern, werden Augenbrauen in die Höhe gezogen und Mundwinkel verzogen – Kunst hat nicht albern zu sein! Dabei ist gelegentliches Rumblödeln doch durchaus nützlich für den künstlerischen Prozess, erklären Michael Glasmeier und Lisa Steib in ihrer Abhandlung “Albernheit“. Diese reiht sich in den “Kleinen Stimmungsatlas in Einzelbänden” des Textem Verlages ein.

“Albernheit ist unberechenbar. Als Einzelgängerin im Feld des Komischen macht sie sich verdächtig, kennt sie doch weder Grund noch Ziel. Mit ihrem vermeintlichen Gegenspieler, dem Ernst der Lage, verbündet sie sich, um am Rand der Erschöpfung unbemerkt ihren Einsatz vorzubereiten. Erbarmungslos, plötzlich und in aller Unangemessenheit schlägt sie zu, wenn das Opfer es am wenigsten erwartet.”

Jeder kennt diese Situation: Lachen wäre jetzt wirklich ziemlich unangebracht, die Situation erfordert absoluten Ernst. Doch das Kitzeln wird immer stärker, nur mit aller Kraft lässt sich der Ausbruch noch unterdrücken – bis es schwallartig aus einem herausprustet, das Kichern und Lachen. Diesem Phänomen, welches im Gegensatz zum gepflegten, vorzeigbaren Salonhumor so gar keinen Anstand hat, gehen Glasmeier und Steib in ihrem höchst lesenswerten Essay nach.

Angewandte Situationskomik

“Vom Charakter der Albernheit”, “Methoden der Albernheit” und “Angewandte Situationskomik” heißen die Kapitel unter anderem, die nach verstaubter, wissenschaftlicher Abhandlung klingen und doch soviel Sprachwitz beinhalten, der seinerseits allerdings nie ins Alberne abrutscht.

Besonderes Augenmerk richten die beiden Autoren auf das Thema der Albernheit in der Kunst: Nur selten nehmen sich Künstler und Künstlerinnen die Freiheit, einmal herrlich sinnfrei herumzublödeln. Passiert es doch, so stehen Kunstkritiker, Galeristen und Kuratoren zur Stelle, die dem Kunstwerk bereitwillig eine verkopfte Theorie anheften.

Nicht immer funktioniert diese Strategie allerdings: Bei der 1979 enstandenen “Wurstserie” von Peter Fischli & David Weiss handelt es sich um abfotografierte Alltagsszenen zwischen sauren Gürkchen, Rettichstücken und Wurstaufschnitt. Eine Arbeit, die zwar in jedem Text über das Duo erwähnt, aber selten ausführlicher besprochen wird, da sie “dem Ergebnis eines kindlichen Spiels näher als einer andeutbaren künstlerischen Strategie” stehen, heißt es.

Doch bereits die Dadaisten verstanden sich auf die Kunst des albernen Humor, ebenso hatten Paul Klee, Marcel Duchamp und Alexander Calder (mit seinem berühmten Zirkus) ihre Momente. Mit seinen “One Minute Sculptures” und der Aufforderung an die Museumsbesucher, sich mitunter leere Plastikeimer auf den Kopf zu setzen, bildet Erwin Wurm ein prächtiges Beispiel dafür, dass Albernheit auch heute noch in der Kunst zu finden ist. Doch es könnte mehr sein, beschließen die Autoren: Vielleicht könnte es gerade “die Albernheit sein [...], die jene verloren gegangene Potenz der Künste in der leeren Grazie der Grundlosigkeit wieder erwecken könnte”?

In der Reihe “Kleiner Stimmungs Atlas in Einzelbänden” sind bereits erschienen: “A – Angst”, “A – Albernheit”, “B – Bildzweifel”, “V – Verkrampfung” und “M – Modernität”.

Michael Glasmeier, Lisa Steib, Kleiner Stimmungs Atlas in Einzelbänden. A – Albernheit, Textem Verlag, Frankfurt a.M 2011, broschiert, 127 Seiten, 12 Euro. ISBN 978-3-938801-77-2

 

Kunst Magazin am 18. Januar 2012 von Julia Schmitz

 

 

Der schöne Mann im Deutschlandradio 13.01.2012

 

 

 

Der schöne Mann

 

Wie »Der schöne Mann« aussieht, wollen wir natürlich alle wissen. Ein gerade erschienenes, gleichnamiges Magazin versucht Antworten zu geben.

 

Darf Mode Männer eigentlich überhaupt schön machen oder sind sie dann keine »echten« Männer mehr? Eine der Fragen, um die es in Essays, Fotostrecken und Interviews in diesem von Studierenden des Integrierten Designs an der Hochschule für Künste Bremen erarbeiteten Magazin geht. Niemand geringerer als Joachim Baldauf übernahm die Art-Direktion Fotografie für »Der schöne Mann«, das an der Hochschule entworfene Kollektionen auf Fotos von Studenten zeigt. Dazu kommen Texte über Themen wie »Die Schönheit des Antihelden«, »Die Auferstehung der Brustbehaarung« oder »Don Drapers konstruierte Männlichkeit in der Serie ›Mad Men‹«. Die Bildergalerie gibt einen Einblick die interessante Fotoästhetik. 

 

 

Hg. Annette Geiger / Kai Lehmann / Ursula Zillig, Hochschule für Künste Bremen

Art Direction Fotografie: Joachim Baldauf, Berlin

Art Direction Grafik: Tania Prill, Zürich

 

»Der schöne Mann – Das Magazin« 

ISBN: 978-3-86485-002-8

14,00 Euro

Textem Verlag, Hamburg

 

 

17.01.2012 Page: Claudia Gerdes

 

 

 

Schwan frisst Skript. Hamburger Fernsehdramen

 

Stadt unter – Carsten Klook

 

Ein Drehbuchautor hat eine Schaffenskrise und das in Hamburg. Er scheppert sich so durch die Tage und sucht immer noch nach einer Kriminalstory. Dabei lässt er keine Quelle aus, seine Freunde verwandeln sich zu einem Teil der Geschichte, Artikel aus Zeitungen werden gezielt nach möglichen Krimiereignissen abgesucht und hinter jedem Busch vermutet er eine Leiche oder einen Mörder.

   So ist das, wenn man verzweifelt ein Drehbuch schreiben muss, das Fernsehen den Termin festgelegt hat, und man eigentlich eher sich verlieben möchte, als an dieser Geschichte nun weiterzubasteln. So fliegt dann das Skript auch aus dem Fenster und wird prompt gefressen von einem Schwan, der auf der Elbe schwimmmt.

   Die Versuche gehen dann noch weiter. Wer schon einmal an einer längeren schriftlichen Arbeit gesessen hat, kann das, was da der Hauptperson passiert ist, nachvollziehen.

   Ein sehr lebendiger und manchmal auch lustiger, sprachlich oft brisanter Roman, der zunächst als Krimi daherkommt, dann eher Schreibkrise, Liebesgeschichte zum Gegenstand der Erzählung hat.

   Carsten Klook lebt als Schriftsteller in Hamburg. Vor Stadt Unter (Titel) erschienen bereits andere Romane von ihm.

 

Birgit Friebel, Letterbox-Pirilamponews  3. 1. 2012

 

 

 

 

Das Seufzen der Masken

 

Eine wundersame, süße Maske fesselte den Blick – wären da nicht diese Spaghetti. Und Häute. Und die Pommes. Was der Hamburger Künstler Dirk Meinzer erschafft, das irritiert. Denn es lebt, irgendwie. Seine Bilder widmen Federn, Zangen, Schwänze um zu Augen, Nasen, Mündern wilder Masken. Ein "ästhetischer Begegnungsprozess mit dem körperlich Anderen", nennt es ein Kritiker. Seine Kunst will uns verleiten, im Bekannten das Fremde zu erkennen. Wir zeigen Bilder aus seinem neuen Band Seufzen II (Textem Verlag).

 

ZEIT online, Januar 2012

http://www.zeit.de/kultur/kunst/2011-12/fs-dirk-meinzer