»Untragbar«

 

Deutschlandradio 11.06.2013 · 15:05 Uhr

Corso-Gespräch mit Annette Geiger über das preisgekrönte Magazin "Untragbar"

Das Gespräch führte: Thekla Jahn

Das gerade im Textem-Verlag erschienene Modemagazin "Untragbar" der Hochschule für Künste Bremen ist beim Wettbewerb "die schönsten deutschen Bücher" der Stiftung Buchkunst mit dem "Förderpreis für junge Buchgestaltung 2013" ausgezeichnet worden.

 

Eine hochkarätig besetzte Jury von Gestaltern und Hochschulexperten wählte "Untragbar" für sein innovatives Gestaltungskonzept als einen von insgesamt drei Gewinnertiteln aus insgesamt 184 eingereichten Wettbewerbsbeiträgen aus.
"Untragbar" zeigt Arbeiten von Studierenden des Studiengangs "Integriertes Designs" der Hochschule für Künste Bremen. Kollektionen wurden fotografisch in Szene gesetzt, Zitate zu Konzepttexten kuratiert, Essays und Interviews vervollständigen das Magazin.

Wer von Mode erwartet, dass sie einfach nur funktioniert, hat sie nicht verstanden. Denn das Ausloten der Grenzen zum Unpassenden bildete schon immer eine wichtige Inspirationsquelle für die Gestaltung unserer Kleider. Überschreitungen machen interessant, sie lassen uns hinsehen, sie wecken auf. Mode kann ihre Unabhängigkeit also nur bewahren, wenn sie an Orten des Experiments stattfindet - wie in diesem Hybrid aus Magazin und Katalog.

Nadja Barth, Eike Harder und Marion Kliesch entwickelten unter Betreuung der HfK-Professorinnen Ursula Zillig, Anna Lena von Helldorff, Annette Geiger sowie des Fotografen Joachim Baldauf Konzept und Gestaltung des Magazins.
Im Corso-Gespräch: Annette Geiger, Professorin für Theorie und Geschichte der Gestaltung ander Hochschule für Künste Bremen

"Untragbar", ISBN 978-3-86485-038-7, Preis: 12 Euro

Nachhören: Mode untypisch in Szene gesetzt

 

 

Wunderlicher Rebell

 

Pünktlich zum 100. Jahrestag von Alfred Adlers Neurosenlehre verleiht der Hamburger Schriftsteller Carsten Klook der psychischen Störung in kleinen Kurzgeschichten ein neues urbanes Gesicht

 

Vielleicht hat man sie schon einmal in der U-Bahn gesehen oder im Café, oder auf der Straße: Die Figuren, die der Hamburger Schriftsteller Carsten Klook in seinem neues Buch „Seinsgründe“ porträtiert, sind erfunden und haben doch Eigenheiten, die einem vertraut erscheinen: Jörg, dessen Namen man wie „Yörg“, wie Yes oder New York ausspricht, war schon Comic-Zeichner, Musiker, Filmer, New York-Stipendiat und seine neueste Idee ist, „einen Laden in Berlin aufzumachen“. Der Fake-Jazzmusiker Marc wird nach seinem Musikwissenschaftsstudium als Straßenmusiker gesichtet, Rob studiert das weiße Papier seiner Schreibmaschine, das er in kürzester Zeit mit Nikotin vergilbt. Rahel hat eine Wohnungsbesichtigungssucht …

43 Neurosen stellt der Autor in seinen Stories, Szenen und Porträts vor. Wenn er von einer Frau erzählt, die sich selbst anzündet, weil die den Zwang hat, sich zu verletzen, befremdet das. In den meisten Geschichten sind die Neurosen aber eher etwas. das man salopp „Macken“ nennen würde. Merkwürdige Verhaltensweisen, über die man den Kopf schüttelt, aber mit einem Schmunzeln. Weil man weiß, dass man selbst auch mindestens eine davon hat. Laut dem Psychologen Alfred Adler liegt das vielleicht daran, dass die psychische „Störung“ Neurose mit etwas zusammenhängt, das man, eingezwängt in die Anspruchshaltung seiner Umwelt, allzu gut kennt. Adler, den Klook in seinem Nachwort zitiert, schreibt in seiner Neurosenlehre: „Jede Neurose kann als Versuch verstanden werden, sich aus einem Gefühl der Minderwertigkeit zu befreien, um ein Gefühl der Überlegenheit zu gewinnen.“ Die zwanghaften Handlungsweisen, die aus diesem Gefühl des Mangels von den Betroffenen entwickelt werden, sind für den Schriftsteller Klook eine Steilvorlage zum Erzählen. „Der Zwang gebiert sozusagen seine eigene Geschichte.“

Das wirkliche, zugrunde liegende Problem wird durch die Neurose nicht gelöst. Sie führt in die Isolation. In „Seinsgründe“ wimmelt es nur so von beziehungsunfähigen Männern und Frauen, Langzeitsingles, Paaren, die zusammen sind und doch allein. Auch das kennt man, besonders in einer Metropole wie Hamburg.

Carsten Klook, der in seinen bisherigen Büchern („Korrektor“, „Stadt unter“) sehr viel mit Sprache experimentierte, hat sich bei seinem neuen Bändchen für eine sehr klare, lineare Erzählweise entschieden. Innerhalb eines Jahrzehnts sind so eng verdichtete, höchst originelle Großstadt-Stories entstanden. Eine zusätzliche Deutungsebene wird eröffnet, indem sich Klook (der viele Jahre als Musikjournalist arbeitete) intertextuell auf Songs bezieht. Vielen Texten ist ein Anspieltipp nachgestellt, der oft mit dem Inhalt korrespondiert. Manchmal ist das auch als Joke gemeint, als kleines ironisches Augenzwinkern. So wird die Neurose ein bisschen zum coolen Rebellen, zum Markenzeichen. Über sein eigenes hüllt sich Carsten Klook allerdings in Schweigen.

 

Carsten Klook „Seinsgründe. 43 Neurosen“, Textem Verlag, 208 Seiten, 14.- Euro

Carsten Klook liest am 24. 6. um 21 Uhr im Pudel.

 

Katharina Manzke, Szene Hamburg Juni 2013 

 

 

Spannende Grenzgänge

 

Nach dem großartigen »Der schöne Mann« erscheint jetzt das bereits preisgekrönte Magazin »Untragbar«.

 

Schon das Format bringt das Thema auf den Punkt. Herrlich unhandlich im 4 x DIN A4 Format ist das neue Magazin von Studierenden des Integrierten Designs an der Hochschule für Künste Bremen, das sich ganz um Untragbarkeit dreht.

 

Was in Fotostrecken gestylt, inszeniert und fotografiert wird, ist im wahren Leben oft eine Sache der Unmöglichkeit, »Untragbar« eben - und genau mit der Grenze zwischen Zumutbaren und der Grenzüberschreitung ins Untragbare haben die Studierenden sich beschäftigt. Und sie zeigen, wie wichtig es für die Innovation ist, die Grenze immer wieder zu überschreiten und Tabus zu brechen.

 

Die Studierenden haben die Kollektionen entworfen, Fotografie und Styling entwickelt, das Konzept geschrieben und das Layout des Magazins entwickelt, das mit dem Förderpreis für junge Buchgestaltung 2013 ausgezeichnet wurde.

 

Nach »Der schöne Mann« übernahm erneut Joachim Baldauf die Artdirektion Fotografie, der auch zu den Herausgebern gehört.

 

Untragbar - Mode-MagazinTextem Verlag 2013, 154 Seiten, ISBN 978-3-86485-038-7, 12 Euro, bestellbar auch unter versand(at)textem.de

 

 

 

 

 

Ausstellung im Untergrund, dokumentiert auf 13 Metern

 

"Der große Künstler von morgen wird in den Untergrund gehen", schrieb der Surrealist und welterste Konzeptkünstler Marcel Duchamp 1961 in Philadelphia. Das hatten sich rund 60 Künstler im Herbst 2011 in Hamburg zu Herzen genommen und umgesetzt. Die engagierten Künstler mit dem poetischen Namen "Friends and Lovers in Underground" hatten, vom Verkehrslärm umtost, nach langem behördlichem Hin und Her die Tiefgarage gegenüber dem alten "Spiegel"-Hochhaus dazu auserkoren, in ein temporäres Museum verwandelt zu werden.

Darin sollten sich, auf Augenhöhe und ohne Beschriftung, die Werke der meist jungen Künstler und die sehr prominenter Kollegen wie Francesco Goya, Francis Picabia, Robert Rauschenberg oder Asger Jorn begegnen. Nachdem das Projekt schon mehrmals totgesagt war, weil die ursprüngliche Idee, das Ganze in einem alten U-Bahn-Tunnel zu realisieren, an bürokratischen Hürden scheiterte, gelang die Realisierung schließlich und wurde zu einem fulminanten Erfolg, den nun nachträglich ein Katalog dokumentiert.

Jeder, den das wundervolle Projekt damals begeistert hat, aber auch jeder, der es nicht sehen konnte, kann jetzt in den Genuss kommen, es ein bisschen nachzuerleben. Dank der Idee des Fotografen Felix Krebs, alle Räume und Perspektiven bruchlos miteinander zu verbinden, kann der Katalog als 13 Meter langer Leporello ausgelegt werden. So lässt sich die Ausstellung sogar physisch noch einmal erleben - indem man langsam daran entlang flaniert und die Werke wirken lässt.

Teuer würde dieses Unterfangen, das wussten die Künstler von vornherein. Deshalb fertigten sie 40 Multiple-Boxen an, die für jeweils 500 Euro verkauft wurden und das Katalog-Projekt finanzieren halfen. Der Katalog "Friends and Lovers in Underground" ist im Textem Verlag erschienen und kostet 35 Euro.

Hamburger Abendblatt, 2. 4. 2013

 

Neues aus der Wildnis

 

“Wir waren drei Brüder und auf eine Million Dollar versichert”: Ein gescheiterter Roadtrip nach Detroit, erzählt auf kleinstem Raum.

Constantin Göttfert ist Spezialist für düstere Familienszenarien, das hat er mit seinem Erzählungsband In dieser Wildnis und dem Roman Satus Katze gezeigt – ein sehr interessantes Interview zu dem Roman kann man etwa im TUBUK-Blog lesen.

Jetzt ist im Hamburger Textem Verlag eine kurze Erzählung mit dem Titel “Detroit” erschienen, die auf nicht einmal dreißig Seiten von einem gescheiterten Roadtrip erzählt, drei sehr unterschiedlichen Brüdern und brüchigen Familienstrukturen – wohl nicht zufällig vor dem Hintergrund einer zerfallenden Stadt wie Detroit, die hier zu einem schrägen Sehnsuchtsort verzerrt erscheint.

Eng bedruckt, unauffällig geheftet, könnte man diese Veröffentlichung leicht übersehen. Das sei tunlichst zu vermeiden.

Constantin Göttfert: Detroit. Erzählung. Textem Verlag, 2012, 28 Seiten, 3 Euro

The Daily Frown, 31. Januar 2013

 

 

Batman & Robin

 

Die "Geschichte", die Batman von anderen Comic-Helden abhebt, hat mit seinem jugendlichen Gehilfen Robin zu tun und mit dem homoerotischen Verhältnis, das den beiden immer wieder unterstellt wurde. Dirck Linck, Literaturwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, hat sich im Zuge eines Forschungsprojekts zur Rezeption von Pop Art und Popliteratur mit Batman und Robin und deren Einfluss auf die deutschsprachige Literatur beschäftigt.


1939 erschien die erste Ausgabe des Comics über den Fledermaus-Menschen, der - um die Ermordung seiner Eltern zu rächen - die dunkle Stadt Gotham City vom Verbrechen befreien will. Robin wurde Anfang der 1940er Jahre in die erfolgreiche Comic-Reihe eingeführt - eigentlich als Gesprächspartner für Batman, erzählt Dirck Linck.

Die Beziehung zwischen Batman, dem muskulösen Helden, und Robin, dem Knaben in engem Beinkleid, wurde in den USA der 1950er Jahre sogar zu einem politischen Streitfall: Der Psychiater Frederic Wertham analysierte und konstatierte, dass in den Comics die gleichgeschlechtliche Liebe propagiert würde. 1954 gab es einen Senatsausschuss zur Frage, ob Comics ihre Leser kriminell machen können. Bei dieser Gelegenheit trug der Psychiater Wertham seine Thesen vor – viele Comic-Leser fanden seine Übertragung einer übersteigerten, fiktiven Abenteuerwelt auf das reale Leben schlicht grotesk.

Im Textem Verlag ist ein Essay erschienen, in dem Dirck Linck den Folgen dieser Psychologisierung der Comic-Figuren und deren Einfluss auf die Pop Art und die Popliteratur nachgeht. Denn Werthams aus heutiger Sicht abstruse Thesen hinterließen auch in Bildender Kunst und Literatur Spuren: Man amüsierte sich über den prüden Moralismus und machte Batman zu einem Fetisch. Und das hatte wiederum Auswirkungen auf die Comics und auch auf die begleitende TV-Serie, so Linck: sie wurden bunter und poppiger.

Auch in der deutschsprachigen Popliteratur der 1960er Jahre wurde das Motiv Batman & Robin oft herangezogen, um Männerbilder zu thematisieren. In Heinz von Cramers Roman "Der Paralleldenker" etwa betritt ein femininer, junger Mann das Büro einer deutschen Firma, die von Herren alten Schlags dominiert wird.

17.1.2013 Leporello, ORF http://oe1.orf.at/programm/326040

 

 

Passivität

 

Nichts erscheint selbstverständlicher als die Hochschätzung des aktiven, handelnden und herstellenden Menschen. Es gehört gleichsam zu seinem Wesen, dem Faktischen nicht tatenlos ausgesetzt zu sein. Dieses Lob der vita activa wird allerdings zunehmend in Frage gestellt.

Die Appelle an Eigeninitiative und Selbstmotivierung schlagen bisweilen in ihr Gegenteil, in Verweigerung und Krankheit um. Auch die Überproduktion und ihre Folgen veranlassen, den Blick auf Theorien der Passivität zu rücken, nicht, um mehr Zeit zur Regeneration einzufordern, sondern um das Oppositonsschema von Aktivität und Passivität zu durchbrechen.

Die reclambuch-kleinen Stimmungsatlanten im Hamburger Textem Verlag sind einzelnen Themen wie ‹Angst›, ‹Albernheit›, ‹Bildzweifel› oder ‹Modernität› gewidmet. Mit ‹Passivität› hat sich die Kulturtheoretikerin Kathrin Busch auseinandergesetzt – wunderbar geschrieben und äusserst anregend!

 

Kathrin Busch: Passivität. Kleiner Stimmungsatlas in Einzelbänden. Jan-Frederik Bandel u. Nora Sdun (Hg.). Textem, Hamburg 2012

 

Kunst Bulletin 1-2/2013

 

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