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DING DING DING

 

Deutschlandradio Kultur »Kompressor« vom 14. Juni 2016

Ein Gespräch mit Mitherausgeberin Mona Körte

Zur neuen Ausgabe »Kultur & Gespenster« Nr. 17 DING DING DING

 

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Unheimlich schön - »von hundert« zu »Kultur & Gespenster«

 

»von hundert«, Ausgabe April 2016

http://www.textem.de/fileadmin/kundg/pressestimmen/vonhundert.pdf

 

 

Kunstfelsen

Zeitschriftenschau

 

"Ghostbusters" lautet das Thema der neuen Kultur & Gespenster, doch Geister werden darin nur in dem allgemeinsten Sinne verfolgt, in dem man auch Luftschlössern und -spiegelungen nachjagen kann. Mein liebster Beitrag sind Fotos, die Hank Schmidt in der Beek in Landschaftsmalerpose vorgeblich in den bayerischen Alpen, in der Bretagne und in Claude Monets Garten in Giverny zeigen. "Im Winter nämlich tu ich dichten / Und im Sommer tu ich mal'n" - unter diesem, Spitzweg verpflichteten Motto hat er sich mit der Staffelei ins Grüne begeben. Was er dort allerdings treibt, hat mit Pleinairmalerei nur insofern zu tun, als der Farbauftrag unter freiem Himmel stattfindet. Die Arbeit am Kunstwerk indes zeigt den Maler in quergestreiftem Pulli oder Shirt dabei, sein aktuelles Oberbekleidungsmuster auf die Leinwand zu bannen. Bilder wie "Am Walchensee, Bayern" verdoppeln so nur, was der Künstler beim Malen trägt, während die teils unscharfen Fotografien mit ihren verwaschenen Farben ihn unter bleigrauem Himmel zeigen. Ein abgründiges Strickmuster, das den Maler als Ivoirien zeigt, als Nicht-Sehenden, um einen Kalauer aus Jim Jarmuschs Night on Earth unterzubringen. Dass er blind für das Draußen ist und nur die Textilmuster dupliziert, die er am Leib trägt (Allerweltsmuster, die auf großer Leinwand indes wie gestandene Werke erscheinen), spottet jeder Landschaftsmalerei, ja, der Malerei überhaupt und lässt den Maler zum Reproduzenten von Ready-mades werden: ein abgründiger Kommentar zur Produktion und Rezeption von Kunst, ein durchtriebener Scherz und eine aparte Verbeugung vor Marcel Duchamp. 

Kultur & Gespenster 15: Ghostbusters. € 16,00

 

Am Erker Nr. 69, 2015

 

 

Zeitschriftenschau

Kultur & Gespenster #15

 

Kultur & Gespenster ist als Magazin für Theoriebegeisterte mit gehobenem Anspruch nah am Puls der Zeit. Thema der soeben erschienenen Ausgabe ist „Ghostbusters“, und die Geister, um deren Vertreibung es laut Editorial geht, sind die der jungen Vergangenheit. Diese abstrakt anmutende Stoßrichtung wird wenig streng und dafür vielfältig ausgelegt. Sabine Falk etwa beschreibt in einer bemerkenswerten Reportage ihre Arbeit als art fabricator, bei der sie an der Fertigung von Jeff Koons’ Skulpturen mitgearbeitet hat. Zwei Monate Arbeit an einem Vorderbein des berühmten „Balloon Dog“, als einzige Frau in einem Team von über 30 Handwerkern, mit Angst vor der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde: Die Innensicht dieser „fordistischen“ Kunstproduktion ist einer der Texte, die Kultur & Gespenster zu einem besonders lesenswerten Beitrag zu kunst- und kulturtheoretischen Debatten machen.

® www.textem.de/kulturgespenster.html

 

Buchkultur April/Mai 2015

 

 

Abseits von Humbughausen

 

Die neue Kultur & Gespenster zeigt, welche spirituellen Maßlosigkeiten dem heutigen Kriegsklima in Politik und Kunst vorausgingen

Von Christof Meueler

 

Ein Nominalismus, bei dem man mit muss. Die besseren Zeitschriften tragen ihr Pogramm merkfähig im Titel, oder zumindest im Untertitel. Früher gab es Die Beute aus Frankfurt am Main als »Zeitschrift für Politik und Verbrechen«, heute nennt sich der famose Berliner Drecksack »Lesbare Zeitschrift für Literatur«.

 

In Hamburg erscheint schon seit längerem Kultur & Gespenster. Eine sehr treffende Bezeichnung für das Leben in, neben, mit, über und unter der Kulturindustrie. In der neuen, fünfzehnten Ausgabe wird der Titel erstmals präzisiert: Es geht um den Schwerpunkt »Ghostbusters«. Das ist ein alter Ohrwurm aus einem recht lustigen Hollywood-Trashfilm und gleichzeitig eine smarte Absichtserklärung, mit den üblichen spirituellen Maßlosigkeiten aus Akademie, Feuilleton und Humbughausen aufzuräumen.

 

Für die Gespenster, »die uns aus der jüngeren Vergangenheit anfallen«, soll ein »Abwehrzauber« entwickelt werden, heißt es im Editorial. Andere nennen es auch Historischen Materialismus. Drei Texte machen diese Ausgabe sehr empfehlenswert.

 

In »Into the White Cube« gibt Philipp Felsch Einblick in sein Buch »Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte, 1960 bis 1990«, das die bundesrepublikanischen Wechselbeziehungen zwischen emanzipatorisch gemeinter Theorie, Kunst und Politik untersucht und das in den einschlägigen Zirkeln bestimmt noch das ganze Jahr rauf und runter diskutiert werden wird. Hier zeigt er am Beispiel des Westberliner Merve-Verlages, wie auf der Suche nach einer »häretischen Intensität« Ende der 70er Jahre die »Trennung zwischen Kunst und Nicht-Kunst« aufgehoben wurde, indem »nach einem halben Jahrhundert avantgardistischer Experimente (…) die Kunst endlich die Immaterialität von Theorie erreicht« hatte. Letztlich stärkte dieser Move den bis dahin äußerst provinziellen Kunstmarkt in Westberlin.

 

Die merkwürdig wiederkehrenden Moden und Klischees des BRD-Kunstmarkts betrachtet Roberto Ohrt, indem er sie ins Verhältnis zur postfaschistischen Gesellschaft setzt. In seinem schon 2008 geschriebenen Aufsatz »Die schöne Kunst und das Biest der deutschen Geschichte« verweist er auf die erstaunliche Dauerverdächtigung des Expressionismus und seiner Fortläufer (von Baselitz bis Meese) als gewalttätig, machistisch und fragwürdig. Doch mit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die politischen Rahmenbedingungen verschoben, in denen diese Moralverdikte gefällt werden, denn »im Laufe der 90er Jahre wurde der ›Gerechte Krieg‹ als aggressive Argumentationsfigur auf der Bühne der internationalen Beziehungen etabliert«, was zur Folge hatte, dass »große Teile der Linken ihre ›politische Gewalt‹ ganz offen an staatliche Militärmaschinen abtraten«. Der Bellzismus folgte der Selbstpazifizierung einer tatsächlich gespenstisch begrifflos, aber emotional auftretenden Ex-Linken.

 

Die sprichwörtlichen Grenzen selbstbestimmter künstlerischer Tätigkeit beschreibt Sabine Falk in ihrem Text »Wie arbeitet man einen Jeff Koons?«. Sie schildert, wie sie Ende der 90er Jahre in Los Angeles mit 100 anderen den Prototyp der Koons-Skulptur »Balloon Dog« herstellte – in einer Fabriksituation bei fast völliger Abwesenheit des Künstlers. Bis zur ersten Präsentation des »Balloon Dog« beliefen sich dessen Herstellungskosten auf 1,3 Millionen Dollar, die von Koons Galeristen vorgestreckt bzw. durch die Vermarktung von Vorkaufsrechten eingesammelt worden waren. Allerdings wurde 2013 in London eine dieser »Ballon Dog«-Skulpturen für 43 Millionen Euro versteigert.

 

Kultur & Gespenster, Ghostbusters, Ausgabe 15, 16 Euro, www.kulturgespenster.de

 

Junge Welt, 6. März 2015

 

 

 

Ghostbusters

 

Kultur & Gespenster »Ghostbusters«

 

Kultur jagt Gespenster in der 15. Ausgabe des Kulturmagazins mit „etwas unklarem Profil“ (Wikipedia). Laut Selbstauskunft widmet sich Kultur & Gespenster diesmal den Geistern, die uns aus der jüngeren Vergangenheit anfallen. Inklusive Abwehrzauber-Vorschlägen. Wieso kann der Kunstbetrieb nicht mehr ohne Theorie und wird die Theorie der Kunst wirklich immer ähnlicher? Was macht deutsche Malerei zum Exportschlager? Und warum gibt die ländliche Provinz den idealen Schauplatz für Horrorfilme ab? Solchen und ähnlich gruseligen Fragen wird nachgegangen. 

 

Besonders schön, vor allem vom Titel her, sind Nora Sdun Aufzeichnungen aus dem laufenden Betrieb einer Hamburger Galerie: „Weiterwursteln“ nennt sie das – vielen wohlvertraute Lebensphilosophie. Ihr einleitendes Zitat: „Da es aber weder Schein noch Sicherheit gibt, bleibt das einzige probate Mittel, nicht unsicher zu werden: gar nicht erst sicher sein zu wollen“ (Walter Serner). Und auch toll: Streifenpullis vor Landschaften in „Und im Sommer tu ich malen“ von Hank Schmidt in der Beek, fotografiert von Fabian Schubert. Ja, Wikipedia hat vielleicht Recht. Aber das macht dieses Magazin aus dem Textem Verlag ja gerade so wunderbar. Die Releaseparty wird wild, sagen sie. Das hoffen wir!

 

Almuth Strote, Szene Hamburg März 2015

 

 

Das Lesen der Anderen

 

Kultur & Gespenster

 

Sendezeit:

2. März 2015, 14:32 Uhr

Autor:

Ohrt, Roberto; Sdun, Nora

Programm:

Deutschlandradio Kultur

Sendung:

Kompressor

Länge:

05:24 Minuten

MP3:

Audio abspielen

 

 

Zeitschriftenschau

 

Lange gab es keine »Kultur & Gespenster« mehr, und entspre­chend groß war die Neugier auf Nr. 14, die sich primär dem Radio zuwendet, ohne dabei wesent­lich mehr zu sein als ein Reader zu einer 2009/10 in Hamburg durchge­führten Fortbildungs­reihe, deren Beiträge wohl als Bausteine zu einer Radio­theorie im Licht der Erfah­rungen des Internets beschrieben werden können. Immerhin schafft die Bild­strecke "Radiotürme" von Michaela Melián mit ihren asseligen Schwarz-Weiß-Fotos von Sende­masten und Antennen, die qua Nähmaschine be- und übernäht wurden, mit leichter Hand abgründige visuelle Reflexions­räume. Wie gut, dass es außerhalb des Haupt­themas noch anregende Beiträge über die Osterinsel, über Hipster­katzen als "Inventors of Tradition" am Beispiel des Scottish Style und über die "Verfer­tigung der Subkultur beim Reden" (eher: über deren Beschwörung am Beispiel des Hamburger Gänge­viertels) gibt. Nicht zu vergessen die Bildstrecke "Miami" der 2013 98-jährig verstor­benen Fotografin und Hubert-Fichte-Freundin Leonore Mau. 

 

Am Erker 67, Juni 2014

 

 

Kultur & Gespenster Nr. 14 - Radio

 

TP Am Anfang hielt man das Radio für Zauberei. Aus dem Nichts brachte der Apparat Stimmen an den Küchentisch, ohne dass die dazugehörigen Körper ebenfalls in der Küche versammelt gewesen wären. Der österreichische Philosoph Günther Anders sprach in einem Essay aus dem Jahr 1930 mit dem Titel Spuk und Radio von der sogenannten hereness. In der hereness liegt eine Freiheit, die vom Radio, sobald wir es anschalten, gewissermaßen erfunden und verwirklicht wird: die Trennung von Körper und Geist, Zeit und Raum. Egal, wo man sich befindet, kann man mit dem Ohr am Radio auch ganz woanders sein – und das zeitlich wie räumlich. Vergangenes können wir im Präsens hören. Und was jetzt passiert, kann uns morgen erst zu Ohren gebracht werden, als wäre Gestern heute.

 

In Sein und Zeit schreibt der Philosoph Martin Heidegger:

 

Spr Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe. Alle Arten der Steigerung der Geschwindigkeit, die wir heute mehr oder minder gezwungen mitmachen, drängen auf Überwindung der Entferntheit. Mit dem „Rundfunk“ zum Beispiel vollzieht das Dasein heute eine in ihrem Daseinssinn noch nicht übersehbare Ent-fernung der „Welt“ auf dem Wege einer Erweiterung und Zerstörung der alltäglichen Umwelt.

 

TP 91 Jahre nach Beginn des Sendebetriebs hat das Radio nichts von seiner Faszination verloren, wohl aber von seinem Schreckenspotential, uns vom Dasein zu entfernen. Gut, wir halten die Stimmen, die aus dem Kasten kommen, nicht mehr für Spuk. Aber seine hereness überzeugt nach wie vor. Mehr als alle anderen elektronischen Medien der kybernetischen Gegenwart ist Radio das Medium der Vergegenwärtigung. Was wir im Radio hören – egal, wie lang die Aufzeichnung zurückliegt -, ist für uns Hörer im Vollzug des Hörens reale Gegenwart. Radio besitzt wegen seiner hereness, der Nähe des Dargebotenen, grundsätzlich Live-Charakter. Am Radio sind wir mit Zeit und Raum vernetzt. Vielleicht schalten deshalb vier von fünf Menschen täglich das Radio an und bleiben laut einer kürzlich erhobenen Analyse mehr als vier Stunden dran.

 

Spr KULTUR & GESPENSTER aus Hamburg

 

TP Das Hamburger Intelligenzblatt KULTUR & GESPENSTER hat nun sein inzwischen 14. Heft vorgelegt. Thema: Angesichts des Radios. Wie gewohnt ist ein imponierend dickes Magazin herausgekommen, das mit vielen klugen Essays und inspirierenden Bildstrecken aufwartet, so dass ein schlechtes Gewissen nicht ausbleiben kann: Stumm rufen 352 Seiten jedes Mal, wenn der Blick das Magazin streift, danach, gelesen, betrachtet oder wenigstens durchgeblättert zu werden.

 

SPR Mensch, Medium, Message. Spukmedien, elektronische Präsenz von der Fotografie bis zur Television: Radio und Schizophrenie.

 

TP Als der Wiener Schriftsteller und Kritiker Alfred Polgar einmal für zwei Wochen verreiste, vergaß er, sein Radio abzustellen. Der Kopfhörer blieb auf dem Tisch liegen und musizierte, dozierte und redete ohne Unterlass in die Tischplatte hinein. Dramen und Börsenkurse, Wetteransagen und Lyrik: Hunderte Stimmen teilten sich dem Tisch mit. Nach seiner Rückkehr fand Polgar den Kopfhörer vor und wunderte sich, dass die Dauerbeschallung des Tisches keine Spuren hinterlassen hatte. Polgar schreibt:

 

SPR „Wenn ich denke, ich hätte während der vierzehn Tage den Wasserhahn offen gelassen! Es ist doch gut, dass der Geist keine Substanz hat.“

 

TP Der Geist hat zwar Substanz, allerdings keine materielle, möchte man Polgar präzisieren. Wie dem auch sei, die immaterielle Beschaffenheit des Geistes jedenfalls ist Voraussetzung für die deshalb so genannten Gespenstermedien – also für die elektronische Präsenz von Bild und Ton. Die Freiheit, die dabei besonders dem Radio eignet, hat mit dem Hörsinn zu tun, mit dem Ohr, das für Nebentätigkeiten frei macht. Wobei nie ganz klar ist, ob die Nebentätigkeit im Hören liegt oder in der Nebentätigkeit, die der Zuhörer gerade ausübt.

 

SPR Ein großes Paradox der Moderne besteht darin, dass die Städte, die einerseits größere Gemeinwesen herstellten, andererseits zugleich zu einer Verstärkung der individuellen Entfremdung führen konnten. Dasselbe zentrale Paradoxon ist im Rundfunk am Werk: Die Einführung der Technik erweiterte die Möglichkeiten der öffentlichen Kommunikation und verstärkte damit zugleich die Erkenntnis der eigenen individuellen Isolation. Durch die ursprüngliche semantische Assoziation mit der Schifffahrt, dem Meer und fernen Ländern rief der Rundfunk das Wunder der Kommunikation über weite Entfernungen auf, auch leichtes Unbehagen über die abgrundtiefe und unentrinnbare Leere, die diese Technologie der Welt offenbart hatte. Der Äther wurde auf einmal zu einem eigenen Ozean, gewaltig und weiträumig, der Forscher dazu verführte, durch seine unergründlichen Tiefen zu navigieren…

 

TP …. schreibt der amerikanische Medienhistoriker Jeffrey Sconce in Spukmedien. Elektronische Präsenz von der Telegrafie bis zur Television, einen tiefschürfenden Essay, den KULTUR & GESPENSTER ins Deutsche übertragen hat.

Das Surfen im Netz, wie es in den 1990ern begeistert propagiert wurde, hat seinen Vorläufer also im Frequenzfischen der frühen Radiotage. Und 40 Jahre vor Marshall McLuhan soll ein Kommentator der COLLIERS WEEKLY über das Radio geschrieben haben, es sei…

 

SPR … nicht der Gehalt der Kommunikation ohne Kabel, sondern ihre schiere Tatsache, die fesselt.

 

TP In seinen Anfängen war der Rundfunk vor allem als eine nautische Technik gedacht, die über die riesigen Entfernungen auf dem Meer hinweg transatlantischen Kontakt herstellen sollte. So wurde zum Beispiel Harold Bride, der Funker der Titantic, in den Tagen nach der Katastrophe zum Nationalhelden. Und zum Mythos des Radios gedieh Orson Welles‘ Hörspiel War of the Worlds, der vor allem dazu diente, die beängstigende Macht der Medien über ihr Publikum zu illustrieren. Die Öffentlichkeit diskutierte die Frage, ob das Radio zum stärksten Arm eines Diktators werden könne, wenn es doch ein ganzes Land auf die Größe eines Zimmers zu reduzieren vermöge. Hitler und der Volksempfänger waren da nicht mehr weit. Im August 1938 hieß es in DER RUNDFUNK. BLÄTTER FÜR NATIONALSOZIALISTISCHE KULTURGESTALTUNG:

 

SPR Die Rede des Führers glauben wir unmittelbar mitzuerleben und alle Technik vermag nicht, uns das Gefühl des Dabeiseins zu nehmen. Dass die Mittel von Sender und Empfänger notwendig sind, ist nicht zu bestreiten, aber sie rechtfertigen nicht, hier einen Schnitt zu machen, der mittelbare und unmittelbare Ansprache voneinander trennt.

 

TP Das Zitat stammt aus Ole Frahms luzidem Essay Radio und Schizophrenie, der sich mit dem Umstand beschäftigt, dass kein Medium ohne Gespenster und wahnhafte Projektionen auf seine Möglichkeiten auskommt – abgedruckt im aktuellen Heft von KULTUR & GESPENSTER. In der kulturellen Imagination sind Frahms Lesart zufolge Bewusstsein, Strom und Information zum Phantasma des Mediums amalgamiert worden – Medium im spiritualistischen Sinn, zu einem Phänomen zwischen Wahn und Wahrheit, bei dem Empfänger und Sender zusammenfallen.

1959 publizierte Ottoheinz Leiling, Justitiar beim hiesigen Bayerischen Rundfunk, ein Buch mit dem Titel Funk – ein neues Weltreich. Darin heißt es:

 

SPR Die Ätherwellen sind die Nerven … des Rundfunks … könnte man jede Welle in einer bestimmten Farbe sichtbar machen, würde ein dichtes Netz entstehen, und zwar nicht nur über unseren Köpfen … sondern auch um uns herum, ja, durch uns hindurch.

 

TP Medien vermögen Sender und Empfänger auf eine Weise zusammenzuschalten, dass deren Rückkopplungseffekte eine Welt erzeugen, die dem radikalen Konstruktivismus nahe kommt, in demwo es kein Außen mehr gibt. Wenn elektrische Medien die Verlängerung unserer Nerven in die Welt darstellen – dann ist die Welt „da draußen“ nur ein Produkt unserer Nerven, mentale Repräsentation einer Wirklichkeit, die in Wahrheit [nur „Wirklichkeit“ ist,] nur Wahn und Erfindung. Das Radio spricht in die Köpfe hinein, und aus den Köpfen heraus spricht es in die Mikrophone der Radios – fertig ist die Paranoia.

 

Ole Frahm in Kultur & Gespenster:

 

SPR Sigmund Freud hat diesen Mechanismus der Projektion eines inneren Zustands skizziert, der von den Kranken als von außen wiederkehrend beschrieben wird, – mit einer überraschenden Folge für die eigene Theoriebildung. Freud schreibt: „Es bleibt der Zukunft überlassen zu entscheiden, ob in der Theorie mehr Wahn enthalten ist, als ich möchte, oder in dem Wahn mehr Wahrheit, als andere heute glaublich finden.“

 

TP Die Phonotechnik bleibt bis zu ihrer Digitalisierung abhängig von dem Material, das vorher aufgezeichnet und in ihr abgelegt wurde. Sie vermag nur zu reproduzieren. Es sind Stimmen aus zeitlicher Ferne, die man auf dem Grammophon, der Schallplatte oder dem Tonband hört. Räumlich entfernte Stimmen überträgt das Telefon, jener Apparat, der nahezu zeitgleich mit dem Grammophon und dem Phonograph erfunden wird. Das Telefon sorgt für akustische Präsenz, während Schallplatte und Magnetband akustische Vergangenheit vergegenwärtigen. Phonomedien vermögen also nur aus einer gewissen raumzeitlicher Distanz heraus zu reden. Später wird man im Radio sogar Tote sprechen hören, wenn Aufnahmen aus dem Archiv gesendet werden. Doch Tote, deren Stimmen man akustisch nicht hat fixieren können, bleiben weiterhin stumm. Es dreht sich bei diesen ersten Phonomedien um reine Aufzeichnungsmedien, die auf das menschliche Original angewiesen sind und deren Funktion es ist, dem Echo Dauer zu verleihen. Einerseits entkoppeln sie die Stimme vom Körper, andererseits führen sie körperliche Ausdrucksformen wie Hauchen, Atmen, Sprechen ins musikalische Register ein. Hier fehlt ein Satz, um das Zitat einzuleiten, in dem es nicht um Entkoppelung oder Musik geht.

 

Noch einmal zurück zu Jeffrey Sconce, George Orwell in und Kultur & Gespenster:

SPR Als Orson Welles Hörspiel War oft he Worlds ausgestrahlt wurde, bot sich das Radio schon nicht mehr als verlockendes Mittel an, dem banalen Kreis der gesellschaftlichen Ordnung zu entkommen (indem es die Toten und Außerirdischen jenseits dieser Grenzen erreichte), sondern war stattdessen vollständig in den Alltagsbetrieb der gesellschaftlichen Ordnung verstrickt.

 

TP Das Radio hat das Stimmenhören zu einem ubiquitären Phänomen gemacht. Wir alle hören jetzt Stimmen. Man bedenke, dass mit dem Wort Stimme ja eine reichhaltige Symbolik verbunden ist: Man gibt seine Stimme ab; man enthält sich der Stimme; man zählt die Stimmen; man ist in Stimmung oder Missstimmung oder ein Sachverhalt ist unstimmig. Stimmen verkörpern eine höhere, normative Instanz. Kant spricht von der Stimme der Vernunft und die Offenbarungsreligionen von der Stimme Gottes, die aus dem Dornbusch oder vom Berg Sinai spricht. Es gibt die Stimme des Volkes und die des Gewissens.

 

Stimmenhören bedeutete zunächst also, Befehlen von oben zu lauschen und dunkle Aufträge anzunehmen. Seitdem das Radio im Netz angekommen ist, ist es damit vorbei. Heute kann jeder, der mag, in die Welt hinaus senden – Kultur oder Gespenster. Das ist die große Freiheit, die mit dem Radio verbunden ist.

 

KULTUR & GESPENSTER erscheint mehr oder weniger vierteljährlich im Textem-Verlag, Hamburg, und kostet im Einztelverkauf € 16.

 

Thomas Palzer, Nachtstudio, Wildes Denken, die Erste, Bayern 2, Dienstag, 29.04.2014

 

 

 

Gespenstische Momente

 

Über emanzipatives Radio

 

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift »Kultur & Gespenster« verdankt ihren Schwerpunkt einer Reihe von hochinformierten Debatten im Freien Sender Kombinat Hamburg (www.fsk-hh.org). Laut Editorial geht es um die »emanzipative Wirkung des Radios, welche nur durch die Vergegenwärtigung der gespenstischen, unheimlichen und paranoiden Momente des Mediums (…) zum Tragen kommt«. Erstmals auszugweise ins Deutsche übertragen wurde Jeffrey Sconces Dissertation »Haunted Media« (Duke University Press, Durham 2000) über die Entwicklung vom regen Funkertreiben um 1900, bei dem die einzelnen Stationen der Seefahrer und Amateurfunker noch als Sender und Empfänger fungierte, hin zum Radio, wie man es heute kennt. Aus der angeblichen Massenhysterie, die Rosen Welles` Sci-Fi-Hörspiel »War of the Worts« 1938 auslöste, zieht Sconce interessante Rückschlüsse auf die institutionelle Autorität des Hörfunks als Massenmedium. Aufschlussreich sind auch Ole Frahms Ausführungen zu den »Aufzeichnungen eines Nervenkranken« des sächsischen Gerichtspräsidenten Daniel Paul Schreber von 1903, die als radiotheoretisches Frühwerk unterschätzt sind. 

 

Freie Radios sind ein probates Mittel gegen die eingefahrenen Sender/Empfänger-Strukturen im Hörfunk. Klemens Gruber schreibt in »Kultur & Gespenster« darüber, wie sich ein solches Radio, das »niemandes Sprachrohr sein wollte«, im italienischen Bologna etablieren konnte. Zur Ergänzung bietet das Heft im Buchformat kürzere historische und literarische Texte. 

 

Die 16 Euro sind auch eine Art Solibeitrag für potenzielle Opfer verdachtsunabhängiger Personenkontrollen, denn der Textem-Verlag, in dem die Zeitschrift erscheint, liegt im neuen Hamburger Gefahrengebiet. Die dort geräumten Esso-Häuser besingt Schorsch Kamerun auf dem letzten Album der Goldenen Zitronen. Am Montag, 0.05 Uhr, wird Kameruns WDR-Hörspiel »Kann mir nicht vorstellen, dass es weitergeht« (2012) auf DKultur wiederholt. Und zu Arno Schmidts 100. läuft dessen »Gelehrtenrepublik« (So., 18.20 Uhr, SWR 2 und Mi., 20 Uhr, NDR Kultur).

 

Rafik Will, Junge Welt, 10. Januar 2014

 

 

 

CORAX, FSK UND „KULTUR & GESPENSTER" ZUM THEMA RADIO

 

Neben den öffentlich-rechtlichen und den privaten Radiostationen in Deutschland gibt es auch noch die freien Radios. So wird das duale Rundfunksystem von Sendern ergänzt, die keine Rundfunkbeiträge einnehmen und auch keine Werbung ausstrahlen. Freie Radios sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Gegenöffentlichkeit und natürlich auch auf kulturellem Gebiet aktiv. Das Hallenser Radio Corax (959.radiocorax.de) bringt in seiner Sendungsreihe „Freispiel“ beispielsweise jeden Sonntag zwischen 20 und 21.30 Uhr „Ungewöhnliches im Radio, das sich früher möglicherweise Hörspiel nannte“. Ganz sicher eine gute Alternative zum Tatort.

  

Auch die theoretische Auseinandersetzung mit dem eigenen Medium kommt im Bereich der freien Radios nicht zu kurz. 2009 und 2010 wurde im Freien Sender Kombinat Hamburg (www.fsk-hh.org) das „Freie Sender Kolleg“ durchgeführt. Den dortigen Debatten verdankt sich die Ausarbeitung des thematischen Schwerpunkts Radio, den die seit 2006 im Hamburger Textem Verlag erscheinende Zeitschrift „Kultur & Gespenster“ für ihre im Herbst erschienene 14. Ausgabe gewählt hat.

 

Im Editorial zu dem Hörfunk-Extra, das die gesamte zweite Hälfte der rund 354 Seiten von „Kultur & Gespenster“ Nr. 14 umfasst, schreiben Ole Frahm, Torsten Michaelsen und Andreas Stuhlmann: „Die folgenden Beiträge widmen sich der emanzipativen Wirkung des Radios, welche nur durch die Vergegenwärtigung der gespenstischen, unheimlichen und paranoiden Momente des Mediums und der mit ihm verbundenen Projektionen und Ereignisse zum Tragen kommt.“

 

Und tatsächlich wird im Editorial nicht zu viel versprochen. Begonnen wird das Dossier historischer und vor allem aktueller Artikel von dem kurzen Text „Spuk und Radio“, den der Schriftsteller und Philosoph Günther Stern (der sich später Günther Anders nannte) 1930 veröffentlichte. Stern geht auf den medientheoretischen Hintergrund von im Radio gespielter Musik ein und macht dabei drei befremdliche, spukhafte Aspekte aus. Erstens die Zerstörung der „Raum-Neutralität“ des Musikstücks, zweitens die Verfielfältigung des gleichen Stücks in einer Unzahl von Empfangsgeräten und drittens den rechtmäßigen Anspruch jeder dieser Kopien, „das Stück selbst zu sein“. Mit diesen Überlegungen erinnert Stern den Leser direkt wieder an einen Gedanken des Schweizer Kulturphilosophen Max Picard, der dem Radio-Editorial von „Kultur & Geister“ Nr. 14 als Zitat vorangestellt ist. Es handelt sich um einen kurzen Auszug aus Picards „Die Welt des Schweigens“ (1948). In dem Abschnitt beschreibt er das eigenartige Gefühl eines Passanten, dem aus verschiedenen offenenen Fenster fetzenweise die gleiche Tschaikowsky-Symphonie entgegenfällt. „Überall, wohin er sich bewegt, ist schon diese Musik, sie ist allgegenwärtig, es ist, als ob sich der Mensch nicht fortbewegt hätte, es ist, als ob er immer auf der gleichen Stelle bliebe, obwohl er sich fortbewegt: die Realität der Bewegung wird unwirklich gemacht. Unabhängig von Raum und Zeit, selbstverständlich wie die Luft, erscheint das Geräusch des Radios.“

 

Sowohl Stern als auch Picard beschäftigen sich mit Phänomenen, die dem institutionalisierten Rundfunk zuzuschreiben sind. Was vor dessen Etablierung war, resümiert Jeffrey Sconce. Seine 2000 bei Duke University Press (Durham) erschienene Dissertation „Haunted Media: Electronic Presence from Telegraphy to Television“ haben Andreas Stuhlmann und Ole Frahm erstmals auszugsweise ins Deutsche übertragen. Die von ihnen ausgewählten Ausschnitte handeln zum einen von der Frühzeit des Radios, genauer: von der Zeit des „wireless radio“. Mit diesem Begriff bezeichnet Sconce das rege Funkertreiben, bei dem die einzelnen Stationen (unter denen auch zahlreiche Amateurfunkstationen waren) sowohl als Sender als auch als Empfänger fungierten. Im darauf aufbauenden zweiten gewählten Ausschnitt widmet Sconce sich dem auf das „wireless radio“ folgenden „broadcasting“, dem gewöhnlichen Rundfunk. Fokussiert wird zunächst das 1938 von Orson Welles inszenierte Hörspiel „War of the Worlds“ (nach einer Romanvorlage von H.G. Wells). Anknüpfend an die Invasion der Marsianer in einem Live-Hörspiel, analysiert Sconce die Katastrophenfaszination und ihr Verhältnis zu den Macht ausstrahlenden Rundfunkanstalten. Der Text ist kurzweilig, natürlich auch spukbezogen. Andreas Stuhlmann bezeichnet in seinem Vorwort zum Artikel Sconce als einen der „wenigen Medienwissenschaftler, die in der Nachfolge Marshall McLuhans Interessantes zuwege bringen“.

 

An aufschlußreichen und interessanten Texten gibt es dessen ungeachtet in der 14. Ausgabe von „Kultur & Gespenster“ noch eine ganze Menge. Einer von ihnen heißt „Radio und Schizophrenie. Anmerkungen zu Daniel Paul Schrebers Radiotheorie avant la lettre“ und stammt von Ole Frahm. Frahm geht auf wesentliche Fragen ein, die das Radio als Massenmedium mit sich bringt. Z.B. die, ob das Radio einen faschistischen Kern birgt. Der Autor untersucht, welche indirekten Aussagen das Radio als Massenmedium vermittelt und was es eigentlich mit dem (spiritistischen) Medium im Medium auf sich hat. Er erklärt, warum die 1903 vom kurzzeitigen sächsischen Gerichtspräsidenten Schreber veröffentlichten „Aufzeichnungen eines Nervenkranken“ ein radiotheoretisches Frühwerk sind. Auch warum sie kaum als solches gelesen wurden, legt Frahm offen – und liefert dabei gleich einen pointierten Ritt durch die deutsche und internationale Hörspieltheorie.

 

Es gibt natürlich noch viel, viel mehr Futter für am Radio Interessierte, auch „On Air“ ein längeres erzählendes Gedicht Brandon LaBelles, vom radio- und soundartaffinen Berliner Verlag errant bodies press. Sogar außerhalb des expliziten Radioteils gibt es Radio, denn im ersten Teil ist Frieder Butzmann – auch im Hörfunk ein umtriebiger „Crachmacheur“ – mit seiner 97er Story „Die Hamburg Connection“ vertreten. 

 

Auf dem Cover ist ein filigran mit Faden und Nähmaschine bearbeitetetes Foto von einem Sendemast zu sehen. Aus dieser trotz ihrer Statik eigenartig flirrend wirkenden Werkreihe gibt es im Heftinneren mehr zu sehen. „Radiotürme“ (2012; Maschinennaht, Faden, Papier, A4) stammt von der Hörspielerin und Musikerin Michaela Mélian. Präsentiert in klarem und ansprechenden Layout, erfüllen die Texte tatsächlich ein Versprechen, das schon im Titel der Zeitschrift aufflammt. Dass nämlich „Kultur & Gespenster“ Nr. 14 den Anspruch hat, das Transzendente und das Unheimliche im Medium Radio ausfindig zu machen und von undogmatischen Standpunkten aus zu analysieren. Für den Rundfunk zum Hören, der seit diesem Jahr in Deutschland ein 90jähriges Bestehen vorweisen kann, war eine solche multiperspektivische Betrachtung überfällig.

 

„Kultur & Gespenster 14. Radio“; 354 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-941613-06-5, Textem Verlag, Hamburg, 2013

 

SWR2 DOKUBLOG, 16. 12. 2013

 

 

Radio

 

Pressegespräch zur neuen Ausgabe von

 

»Kultur & Gespenster« Nr. 14 mit dem Dossierthema Radio

 

mit Ole Frahm

 

Hier zum Nachhören: Audiofile >

 

 

 

 

11. Dezember 2013, Deutschlandradio Kultur

 

 

 

Stabile Seitenlage

 

Selbstständig atmend, aber nicht ganz bei Bewusstsein: Der Kulturbetrieb.

Wie in der letzten testcard geht es hier um das Prekariat im weitesten Sinne. Und die dreizehnte Ausgabe von Kultur & Gespenster ist irgendwie schräg, nämlich schief abgeschnitten – stabile Seitenlage oder statische Schläue, wie März-Verleger im Editorial sagt. Das Ding hält und im Falle von Gustav Mechlenburg, Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Christoph Steinegger, die das Ding bei Textem herausbringen, seit 2006.

Neben der FDP, den Finanzmärkten, Griechenland, den Geschlechterverhältnissen und der parlamentarischen Demokratie ist auch die Universität in der Krise. Entdemokratisierung, Konkurrenz, Einflussnahme und neoliberale Denkmuster sind nur einige der Punkte zum Zustand der deutschen Hochschulen in der lesenswerten Schrift von Pierangelo Maset und Daniela Steinert. Der amerikanische Professor William Pannapacker ergänzt den Schwerpunkt mit seinen Kolumnen, in denen er unterhaltsam vom Promovieren in den Geisteswissenschaften abrät.

Eine universitäre Krise anderer Art ereilte eine Studentin im Jahre 1966. Sie wandte sich an ihren Professor Theodor W. Adorno, nachdem sie die Sommerferien mit der Lektüre seiner Werke verbrachte und depressiv wurde. Adorno antwortet: „Schönsten Dank für Ihren Brief, er hat mich sehr bewegt“, und schlägt ein Treffen vor. Er warnt vor unüberlegten Handlungen, das richtige Leben im Falschen betreffend: „Der Weg vom Denken zur sogenannten Praxis ist viel verschlungener, als man es im allgemeinen heute sich vorstellt.“

Weniger feinfühlig ist der Rat an einen schwulen Wiener Kunststudenten, der sich vollkommen verzweifelt an Adorno wandte. Er bitte um Verständnis, dass er sich nur ums Prinzipielle und nicht um Einzelfälle kümmern könne und „nicht die leisesten Neigungen nach dieser Richtung“ verspüre.

Manchmal mag die Popularität des Denkers in der Praxis aber doch helfen: Beim geplanten Ausbau einer Straße in Amorbach im Odenwald nutzt er sein durch heimatliche Gefühle erworbenes „geistiges Mitspracherecht“ und wendet sich an die Herren von der Stadtverwaltung. Die von Philipp Felsch und Martin Mittelmeier ausgegrabenen und kommentierten Korrespondenzen im Faksimile sind sehr unterhaltsame Dokumente. „Ich war ehrlich überrascht und erschrocken, wie umfangreich Sie geantwortet haben“, gibt einer der Briefschreiber zu.

Außerdem finden sich im – wie immer – hochwertig gestalteten Heft Gedanken zum Aufsatz „Der Künstler und die Zeit“ des Dada-Mitbegründers Hugo Ball zum Verhältnis von Wissenschaft, Kunst und Religion, ein Gespräch mit dem Soziologen Joachim Häfele zur Broken-Window-Theorie, in dem erläutert wird, wie das Streben nach Kontrolle die Stadtentwicklung beeinflusst. Als Hochglanz-Spezial gibt es eine Rückschau auf den Ausstellungszyklus „Reihe:Ordnung“ des Kunstvereins Harburger Bahnhof. Und der schöne Titel „Ein Gespräch über die Liebe zur Kunst und wie man in Persien Affen fängt“ von Paul Maenz sowie Fotos von Heiko Neumeister und bunte ornamentale Zeichnungen von Anke Wenzel. Cousin Edward kommt in einem Comic von Jul Gordon zu Besuch und lässt sich die Nägel lackieren.

Die Kultur & Gespenster scheint zur testcard ein ähnlich verwandtschaftliches Verhältnis zu haben. Die schicke Cousine aus Hamburg, dem verarmten Adel entstammend, mit weniger Platten im Schrank, aber richtiger Kunst an der Wand.

 

Kultur & Gespenster #13. Stabile Seitenlage, Textem Verlag 2012

 

Fiona Sara Schmidt, testcard 22

 

 

Zeitschriftenschau

 

 

Die 13. Ausgabe von Kultur & Gespenster kommt wieder in altgewohnter Pracht daher. Größter Leckerbissen und der Reproduktionen wegen auch optisch ein Lesevergnügen ist eine Auswahl Briefe, die Adorno in den 60er Jahren mit alten Bekannten und Jugendfreunden, Studenten, Lesern und Rezensenten gewechselt hat.

Da meldet sich eine 92-jährige Pädagogin, die den Professor noch als Knaben gekannt haben will (sie verwechselt ihn allerdings mit seinem Cousin). Da schreibt „ein alter, längst verschollener Freund“ und steuert schon im zweiten Satz auf einen „bösen Schnitzer“ in den Minima Moralia zu, den es „auszumerzen“ gelte. Da erkundigt sich ein Rezensent von Quasi una fantasia nach dem „Bindungscharakter“ der Beiträge und wird von Adorno mit einer die Konstellation der Essays erläuternden Antwort bedacht, die wohl unterblieben wäre, wenn er gewusst hätte, dass sein Briefpartner 1946 in Chur zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, u.a. weil er den Anschluss der Schweiz ans Großdeutsche Reich betrieben haben soll. Und beantwortet werden will auch ein Brief vom März 1968, der mit dem Satz beginnt: „Ihre Einstellung zur Homosexualität, die ich als Homosexueller als die einzig richtige anerkennen muss, ermutigt mich, [mich] mit einer kleinen Bitte an Sie zu wenden.“

Adornos stets um Freundlichkeit bemühte Antwortschreiben (Typoskriptdurchschläge auf Pergamentpapier) sind eine Wonne, auch wegen Formeln wie „Schönsten Dank für Ihren Brief; er hat mich sehr bewegt“ oder „Ich selbst bin nicht, wie Sie anzunehmen scheinen, homosexuell, verspüre auch nicht die leisesten Neigungen nach dieser Richtung.“

 

Am Erker Nr. 63

 

 

 

AMORBACH RETTEN, WENN SCHON NICHT DIE WELT

Leserbriefe an Adorno

 

Adornos Präsenz in den frühen sechziger Jahren - nicht nur an der Universität und in Buchpublikationen, sondern auch im Radio und gelegentlich im Fernsehen - machte ihn zu einer Figur, von der sich mancher einen philosophisch informierten Rat auch in privaten Dingen versprach. Philipp Felsch und Martin Mittelmeier machen auf die Vielzahl von unverlangt eingesandten Briefen aufmerksam, die sich im Nachlass des Philosophen finden (",Ich war ehrlich überrascht und erschrocken, wie umfangreich Sie geantwortet haben'. Theodor W. Adorno korrespondiert mit seinen Lesern", in: Kultur und Gespenster, Band 13, 2012). Der Grund dafür war, dass Adornos Werk die Grenzen geistiger Arbeitsteilung überschritt und Anweisungen zum Musikhören ebenso liefern konnte wie, in den "Minima Moralia", die Analyse konkreter Lebenslagen.

 

Gerade zu diesem Buch meldete sich Roland F. Jaeger, ein Jugendbekannter, der sich an Übersetzungen von Paul Claudel versucht hatte, die ungedruckt blieben. Dem "lieben Teddy" kreidet er dort gleich in den ersten Sätzen einen "bösen Schnitzer" an, ohne sich mit dem Werk ansonsten auseinanderzusetzen; nur erging der Rat an Adorno, die Bekenntnisse des Augustinus "als Ausgleichsgymnastik" zu lesen. Bei dem "Schnitzer" handelte es sich darum: "Ein ,Lichtjahr' ist kein Zeit-, sondern ein Längenmaß - Unkenntnis in den besprochenen Realia macht sich selbst bei einem Hegelianer nicht gut." Der Fehler wurde in den folgenden Auflagen korrigiert. Im Antwortbrief vom 9. September 1963 bedankte sich Adorno für den Hinweis nicht ohne einige Verdrießlichkeit: "Mir kommt das etwa so vor, wie wenn jemand, der ein Konzert hört, in dem so allerhand musiziert wird, nichts wahrnimmt, als dass ein Ton des Klaviers verstimmt sei. Ich fürchte, diese Verhaltensweise war Dir nie ganz fremd." Es gibt keine richtigen Leserbriefe im Falschen.

 

Im Übrigen gibt es neben Kuriosa auch ernsthafte und zum Teil berührende Leseranfragen. Rudolph Bauer, ein Hörer der Vorlesungen, fragt im Herbst 1965 im Sinne der 11. Feuerbach-These von Marx nach dem Verhältnis der Philosophie zur Veränderung der Welt und merkt an: "Ich komme nicht drum rum, Marx etwas differenzierter zu nehmen." Das Schreiben blieb unbeantwortet, aber eine Reaktion kam trotzdem, indem Adorno dann eine gesamte Vorlesung den Fragen Bauers widmete: "Meine Damen und Herren, ich habe aus Ihren Reihen einen mich außerordentlich bewegenden Brief erhalten . . ." Dann folgte ein Plädoyer gegen den "Praktizismus".

 

Das gleiche Problem, in die private Lebensführung gespiegelt, ergab sich nach dem Brief einer jungen Dame, die die "totale Negativität" erkannt zu haben glaubte und in eine existentielle Krise hineinsteuerte. Ihr konnte er 1966 durch Zureden helfen: "Lassen Sie mich heute, ohne dass Sie es als väterliches Auf-die-Schulter-Klopfen missverstehen, nur noch hinzufügen, dass ich Ihnen abraten möchte, in einer Art von Kurzschluss aus Gedanken, für die ich mehr oder weniger verantwortlich bin, allzu rasch reale Konsequenzen zu ziehen." Solche Reservationen wurden, je näher das Jahr 1968 rückte, zu Adornos Hauptgestus.

 

Sein Brief an die Stadtverwaltung von Amorbach atmet dagegen eichendorffschen Geist, der gegen die planerischen "Verwüstungen" der Moderne aufgeboten wird. Die Umgehungsstraße B 47, gegen die Adorno sich aussprach, wurde dennoch gebaut.

 

L.J., 09.05.2012, F.A.Z., Geisteswissenschaften

 

 

Zeitschriftenlese

 

Den geheimnisvollen Titel Kultur & Gespenster trägt ein opulent aufgemachtes, geistig anre­gendes Magazin, das kürzlich zum 13. Mal, 300 Seiten stark, in Hamburg erschienen ist. Die Redaktion interessiert sich für philo­sophische und sozio­logische Fragen, widmet sich der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst und der Fotografie.
  Pierangelo Maset und Daniela Steinert, ein Dozent und eine Studentin, beide mit hoch­schul­politischen Erfah­rungen, beklagen die „wahnwitzige Lage“ an den deutschen Univer­sitäten, also die Ökonomisierung der Bildung und all die techno­kratischen Reformen, die uns die „unter­nehmerische Hochschule“ beschert haben - auch eine Folge der radikalen Forderungen von 1968, denn: „Der Kapitalismus hat die Wünsche nach Authen­tizität und Selbstverwirklichung sowie nach Leis­tungs­gerechtigkeit und flachen Hierarchien aufgesogen.“ Auch mit den Studenten ist nicht mehr viel los, sie sind angepasst, haben eigen­ständiges Denken nicht gelernt.
  So jammern die beiden Autoren seitenlang auf hohem Niveau. Tenor: Alles wird immer schlimmer durch Zentra­lisierung, Büro­krati­sierung, Controlling, die böse EU. Und weit und breit keine Bereitschaft zum Widerstand. Am Ende retten sich die Kriti­ker in die mehr als vage Hoffnung, es könnten sich „die wenigen Beherzten“, dem „Geist“ der Universität verpflichtet, „zu selbst organisierten Neu­grün­dungen“ aufraffen.

Dass Theodor W. Adorno ein einfühlsamer Brief­partner war, wusste ich schon vorher. Denn in Alexander Kluges Fünftem Buch, das in diesem Jahr erschienen ist, sind zwei erstaun­liche, sehr persönliche Briefe des „alten Teddie“ an den „lieben Axel“ von 1967 abgedruckt. Kultur & Gespenster zeigt nun, wie Adorno in eben diesen 60er Jahren, auf dem Höhe­punkt seiner öffentlichen Wirkung, mit einigen seiner Leser korres­pondiert hat. In Faksimile sind dort, geistreich kommen­tiert von Philipp Felsch und Martin Mittel­meier, acht Briefe an Adorno sowie dessen Antworten zu lesen. Auch wenn ihm manche Zuschrift lästig gewesen sein mag, stets ant­wortet der berühmte Philo­soph schnell und höflich, geradezu pflicht­bewusst, etwa einer sehr alten Dame, die ihn an seine Knabenzeit erinnert hat, dabei vorsichtig Miss­verständ­nisse korrigierend. Ein längst ver­schollener Schulkamerad, der sich dem großen Mann gegenüber ein wenig aufspielt, wird vorwurfs­voll zurecht­gewiesen, doch um­gehend wird ihm auch, was rührend anmutet, ein Gesprächs­angebot gemacht. Und eine ob der „Erkennt­nis der totalen Nega­tivi­tät“ ver­zwei­felte Studentin warnt Adorno vor Kurz­schluss­hand­lungen, vor „Gedanken, für die ich mehr oder minder ver­ant­wort­lich bin“, und schlägt zugleich ein Zusammentreffen vor.
  Um 1965 tauchen im Auditorium die ersten kritischen Marx-Leser auf, Vorboten der Studenten­revolte. Einer von ihnen, Rudolph Bauer (was mag aus ihm geworden sein?), wendet sich an den Professor und spricht, ausgehend von Marx´ berühmter 11. Feuerbach-These, das prekäre Verhältnis von Theorie und Praxis an. Entgegen seiner Gewohnheit hat ihm Adorno keinen Antwortbrief geschickt, sondern seiner Nachfrage die komplette folgende Vorlesungsstunde gewidmet.

 

Michael Buselmeier, Saarländischer Rundfunk, 15. 5. 2012

 

 

DAS WUNDER IN DER SPRECHSTUNDE

 

Kritische Theorie im Praxistest: Was Theodor W. Adorno seinen Lesern antwortete

Es war im Sommer 1966, als das Fräulein, deren Namen wir nicht kennen, keinen anderen Ausweg mehr wusste und ihm schrieb. Ihm, der ihr Leben verdunkelt hatte, beziehungsweise, der ihr die Augen geöffnet hatte für die Dunkelheit der Welt, in der wir alle leben. Im Sommersemester des Jahres zuvor hatte sie in Frankfurt seine Vorlesung über Metaphysik gehört und war erschüttert über die Unmöglichkeit der Flucht aus dieser falschen Welt, der Welt nach Auschwitz. Erschüttert auch über die Gleichgültigkeit, mit der ihre Kommilitonen diesen Bannspruch über die Gegenwart aufnahmen und weiterlebten, einfach so. Sie konnte es nicht, las alle Schriften des Professors und erkannte "die totale Negativität" in allem. Ein Leben ist entzweigegangen durch die Schriften dieses Mannes, sie hat den Kontakt abgebrochen zu allen Freunden, die weiter so dahinleben, als wäre nichts geschehen, und zu den anderen, die Trost suchen in der Religion oder resignierendem Ästhetizismus. Und jetzt schreibt sie an ihn: "Ich finde niemanden, der mir irgendwie helfen könnte." Außer ihm, Theodor Wiesengrund Adorno, dem Autor der "Minima Moralia", der "Dialektik der Aufklärung", der jetzt, im Sommer 1966, dem Höhepunkt seines Ruhmes entgegenstrebt.

    Er ist der Monopolist des kritischen Denkens in der frühen Bundesrepublik, er bespielt das Massenmedium Radio nach Belieben, Horkheimers und sein Diktum "Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils" ist der Generalbass der Epoche. Er ist das geistige Zentrum der kritischen Welt, das Medium der Negativität. In welchem Ausmaß er bereit war, diese Rolle bis in kleine Alltagsfragen hinein zu spielen, das kann man jetzt erst so richtig erahnen: Die Zeitschrift "Kultur und Gespenster" veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe eine kleine Auswahl von Briefen, die Adornos Leser, ferne Freunde und Studenten an den Meister schrieben, und vor allem auch seine Antworten darauf. Es ist eine Art Praxistest der Kritischen Theorie. Die Finder, Herausgeber und Kommentierer dieser Briefe, Philipp Felsch, Professor an der Humboldt-Universität, und Martin Mittelmeier, Lektor beim Luchterhand-Verlag, sagen, es gebe im Archiv der Akademie der Künste, wo sie diese Briefe fanden, weit mehr als hundert solcher Kurzbriefwechsel Adornos mit hoffnungsfrohen Ratsuchern. In der aktuellen Nummer der Zeitschrift haben sie nur eine erste Auswahl veröffentlicht. Aber schon diese ist phänomenal.

    Dem verzweifelten Fräulein zum Beispiel antwortet er sofort, offenbar das Schlimmste befürchtend, ihr Brief habe ihn sehr bewegt, er beschwört sie geradezu und rät dringend davon ab, "in einer Art von Kurzschluß aus Gedanken, für die ich mehr oder minder verantwortlich bin, allzu rasch reale Konsequenzen zu ziehen". Und er fügt an: "Der Weg vom Denken zur sogenannten Praxis ist viel verschlungener, als man es im allgemeinen heute sich vorstellt." Ein Philosoph steht erschüttert im Wirkungsfeld seiner eigenen Worte und versucht, den Faden zwischen Theorie und Praxis verzweifelt zu kappen. Selbstmord also ist unbedingt keine Lösung, wie dunkel er die Welt auch beschrieben habe, und das Fräulein möge am besten umgehend, sobald er aus den Ferien zurück sei, in seine Sprechstunde kommen. Sie kommt - und wird geheilt. Im nächsten Brief spricht sie von einem "Wunder", das sie erlebt habe, und dass sie erst jetzt verstanden habe, dass sie nicht Trost gesucht habe bei ihm, "sondern Solidarität in der Trostlosigkeit".

    Schon ein Jahr zuvor hatte er sich vor einem Enthusiasten der Praxis mühsam schützen müssen. Der Student Rudolph Bauer zeigt sich verwundert darüber, dass Adorno in seiner Vorlesung über "Negative Dialektik" die Marxsche Feuerbachthese, nach der es in der Philosophie darauf ankomme, die Welt zu verändern, als "veraltet" zurückgewiesen habe. Der Student bemüht sich freundlich, Adorno darauf hinzuweisen, dass dies nicht im Sinne seiner eigenen Philosophie sein könne: "Vielmehr will ich meinen, daß ihre kritische Intention einer Veränderung der Welt und ihrer Verhältnisse die Sporen gibt." Und fügt, wie nebenbei, die Fragen aller Fragen an: "Zielen Ihre Bestrebungen auf eine Veränderung der Welt ab?"

    In diesem Brief stecken erste Spuren jenes Sprengstoffs, der den Meister der Kritischen Theorie wenige Jahre später, von den bloßen Brüsten revolutionärer Studentinnen verstört, aus dem Hörsaal treiben wird. Adorno muss geahnt haben, welche Energie sich in diesem Brief andeutete. Er ließ es nicht bei einem Antwortbrief bewenden. Seine Vorlesung am 23. November 1965 beginnt er mit den Worten: "Ich habe aus Ihren Reihen einen mich außerordentlich bewegenden Brief erhalten", um anderthalb Stunden lang wortreich das drohende Unheil einer überstürzten Transformation von Theorie in weltverändernde Praxis zu beschwören. Und Marx schließlich kurzerhand auf den Kopf zu stellen: "Die Welt ward wahrscheinlich auch deswegen nicht verändert, weil sie zu wenig interpretiert worden ist." Den revolutionären Mut der theoriebewaffneten Studenten vermochte er durch solche dialektischen Volten nicht mehr lange einzudämmen. Adorno ahnte vielleicht schon, dass aus seinen Worten eines Tages Taten werden würden.

    Die Briefe an Adorno, die wir jetzt lesen dürfen, sind großartige Dokumente mutiger Menschen, die sich entschlossen haben, jene Linie zu entdecken, welche die Unheilsdiagnose mit ihrer Lebenswirklichkeit verbindet. Adorno antwortete stoisch, fleißig, unermüdlich. "Ich war ehrlich überrascht und erschrocken, wie umfangreich Sie geantwortet haben", schreibt ihm ein Leser zurück.

    Besonders bewegend ist der Brief eines achtzehnjährigen Homosexuellen aus Wien, der schreibt, seine Veranlagung wäre an sich kein Problem für ihn, "wäre ich nicht mit einer unwissenden, haßerfüllten, tyrannischen, kein ,anderssein' duldenden Welt konfrontiert". Vermutlich hatte er Adornos Artikel "Sexualtabus und Strafrecht heute" gelesen, der ihn ermutigt hatte, dem Professor zu schreiben. Er fleht Adorno an: "Bitte schreiben Sie mir", "Ich bin jung und verzweifelt, aber ich will nicht den Glauben an mich verlieren . . .", und ob Adorno nicht vielleicht eine "homosexuelle Zeitschrift kenne", in der er über ähnliche Schicksale lesen könne. Adornos Antwort ist beschämend abwehrend. Er müsse ihn missverstanden haben, er sei keineswegs homosexuell (das hatte der Briefschreiber gar nicht behauptet) und "verspüre nicht die leisesten Neigungen in dieser Richtung". Und eine solche Zeitschrift könne er selbstverständlich auch nicht empfehlen, denn solche Blätter seien ohnehin "nur Versuche zur kommerziellen Ausbeutung irgendwelcher Triebrichtungen". Auch hier, man muss es sagen, versagt die Kritische Theorie im Praxistest.

    Einen glücklichen Ausgang immerhin gab es noch. Ein Brief aus Amorbach hat ihn erreicht, der Ort im Odenwald, in dem die Wiesengrunds Urlaub machten und den er einmal "den einzigen Ort auf diesem fragwürdigen Planeten" nannte, "in dem ich im Grunde mich zu Hause fühle". Ein unglaublich rührender Brief von einer frühen Freundin aus den Urzeiten vor dem Krieg. Ein Brief aus deutschem Idyll, das bedroht ist, so schreibt sie ihm, vom Bau einer Umgehungsstraße, und ob er, der berühmte Mann, nicht helfen könne. Da lässt Adorno sich nicht zweimal bitten. Noch im selben Monat schreibt er an die Stadtverwaltung und beschwört die Herren, der drohenden "Verwüstung", dem "Unheil", Einhalt zu gebieten. Er fleht geradezu, "alles zu unterlassen, was den in seiner Weise einzigartigen Platz häßlich machen könnte". Mit Erfolg. Die Straße wurde Jahre später zwar gebaut, aber mit anderer Streckenführung. Ein kleiner Sieg der Theorie. Ein Sieg der Schönheit. Für einen Moment.

Volker Weidermann, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15. April 2012

 

Zeitschriftenlese

 

Zu den großen Unverstandenen der modernen Poesie zählt auch der häretische Dichter und Mystiker Hugo Ball, der zwar als Wegbe­reiter des Dadais­mus und Ga­lions­figur der lite­rari­schen Avant­garde­bewe­gungen zu einiger Berühmt­heit ge­lang­te, dessen Spät­werk aber bis heute haar­sträubenden Fehl­deu­tungen ausgesetzt ist. Da sich Hugo Ball nach seiner dadaistischen Periode wieder dem Katho­lizis­mus zuwandte und in seinen späten Schrif­ten eine Apolo­getik der Askese und der Gotter­geben­heit ent­wickelte, gilt er den aufge­klärten Zeit­genos­sen von heute als reli­giöser Eskapist. In einem philo­sophisch weit aus­grei­fenden und direkt in die Gegenwart weisenden Essay ver­sucht nun der Theologe Johannes Hoff Hugo Balls späten Aufsatz „Der Künst­ler und die Zeit­krank­heit“ aus dem Jahr 1926 als „weg­weisende Inter­vention in eine anhal­tende Krisen­konstel­lation“ zu lesen. Dieser Aufsatz findet sich in der überaus lesens­werten und wunder­bar unbe­rechen­baren Zeit­schrift „Kultur & Ge­spenster“, die in ihrer aktuel­len Nummer 13 einige groß­artige Beiträge zu bieten hat. Johannes Hoff unter­nimmt es hier, Hugo Balls Zeit­diagnose von 1926 mit Begriff­lichkeiten der Gegen­warts­philo­sophie auf­zu­rüsten. Dabei würde es genügen, Hugo Balls eigener Denk­bewegung zu folgen. Hat der ketze­rische Mystiker Ball in seiner Analyse der „Zeit­krank­heit“ doch eine ver­blüffende Hier­archie ent­worfen: Unten steht bei ihm der Bürger, oben der „Exorzist“, in der Mitte aber, als Ver­mittler, der Künst­ler, den Ball auch „Psychiker“ nennt. Dieser Hierarchie-Ge­danke geht auf einen Autor des Mittel­alters zurück, den vermutlich syrischen Philo­sophen Dionysius Areopagita, der zu Beginn des 6. Jahr­hunderts lebte. Während er in seiner Dada-Zeit den alle Sinne mobi­li­sie­ren­den Künstler zum Idealtyp erklärte, sieht der späte Hugo Ball im „Exor­zisten“, also im Teufels­aus­treiber die Persön­lich­keit, die zum „immer schärferen Erfas­sen des Sub­stan­ziel­len“ befähigt ist. 
  Ein ebenso inspirierter Beitrag in „Kultur & Gespenster“ widmet sich dem ambi­tio­niertesten Experimentallabor für die Gegenwartsliteratur, das vor einem hal­ben Jahr­hundert eröffnet wurde. „Die Begriffs­bildung der Sprache hat mit der tech­nischen Entwicklung nicht Schritt gehalten“: Mit solchen Thesen berei­tete der un­ermüd­liche Pro­jek­te­macher Walter Höllerer 1959 die Grün­dung einer experi­men­tier­freudigen Insti­tution zur Moder­nisierung der Lite­ratur vor. Im August 1961 startete dann die Zeit­schrift „Sprache im tech­nischen Zeitalter“, die sich die experi­mentelle Erfor­schung der Lite­ratur unter den ver­änderten techno­logi­schen Be­din­gungen zur Aufgabe gemacht hatte. 1963 folgte dann die Grün­dung des „Lite­rarischen Collo­quiums Berlin“, des Proto­typs aller Schreib­insti­tute in der Bundes­repu­blik. Till Greite rekon­stru­iert nun in „Kultur & Gespens­ter“ die Anfangs­jahre dieser Berliner „Agentur des Kreativen“, die ganz im Zeichen der ästhe­tischen Grund­lagen­for­schung zur Materialität der Sprache stand. Der Sprach­philosoph Max Bense räso­nierte damals über „die Pro­gram­mierung des Schönen“, Höllerer selbst initi­ierte akus­tische Sprach-Dokumen­tationen auf Ton­bän­dern und Schall­platten. Es ist hier ver­blüf­fend zu lesen, in welcher Weise die klassi­sche Autor­funk­tion in Frage ge­stellt wurde – etwa durch die Ani­mierung eines kol­lektiv verfassten Grup­pen­romans, der das isolierte Autor-Ich in einen offenen Arbeits­pro­zess mit Kollegen stellen sollte. Ein Vor­gang, der heute, im Zeitalter for­cierter Indivi­duali­sierung, kaum noch denkbar scheint.
  Dass sich Walter Höllerers Gründungsidee bis heute ihre Frische bewahrt hat, zeigt sein programma­tischer Aufsatz aus dem Jahr 1961, der im Jubiläums­heft 200 der immer noch sehr lebendigen Zeitschrift „Sprache im tech­nischen Zeitalter“ nach­zulesen ist. Höllerer erörtert hier die litera­rischen und wis­sen­schaft­lichen Mög­lich­keiten, wie der uni­versel­len „Erstarrung der Sprache“ zu entkommen sei.

 

Michael Braun, Zeitschriftenlese, Saarländische Rundfunk April 2012

 

 

Triebrichtung und Adornos Fanpost

 

„Kultur & Gespenster“ fungiert als intellektueller Rettungsdienst. Der Titel „Stabile Seitenlage“ ist kein Hinweis auf lebensrettende Maßnahmen, sondern auf Ausreißer intellektueller Art.



 

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Kultur & Gespenster trägt den Titel „Stabile Seitenlage“, und wenn das Assoziationen mit einer Publikation des Rettungsdienstes weckt, dann ist das nicht verkehrt. Nur liegt das Interesse der vom Hamburger Textem Verlag herausgegebenen Zeitschrift nicht auf Autobahnen. Sie selbst bezeichnete sich einmal als „Katalog gegenwärtiger ästhetischer Praxis und Theorie“. Wenn es also hier um lebensrettende Maßnahmen nach Unfällen geht, müssen damit Ausreißer intellektueller Art gemeint sein.

Zum Beispiel die „broken-windows-theory“. Sie besagt, dass, wo Graffiti Straßen säumen, wo Kaugummis kleben oder Müll neben der Tonne liegt, eine höhere Kriminalität herrscht. In einem Gespräch erörtern Joachim Häfele und Marie Luise Birkholz den Einfluss dieser Theorie auf die gegenwärtige Stadtentwicklung.

Mittlerweile sei sie zum Leitkonzept der Stadtentwicklung unter dem Paradigma der Kontrolle avanciert. Monochrome Fassaden und geschlossene Flächen seien folgerichtig die dominanten Merkmale heutiger Architektur-Regime. Allein: In ihrer Sterilität provozierten sie erst den Eindruck von Unordnung. Da mutiert alles zu Unkraut, selbst der „Risikofaktor Mensch“. Dass der Sterilitätswahn bis in deutsche Wohnzimmer gelangt sei, sieht Birkholz darin bestätig, dass der Verbrauch klinischer Reinigungsmittel in Privathaushalten zunehme. 

Es ist eine paradoxe Situation: Während überall Abweichung gefordert wird – und sei’s nur der Iro im Bewerbungsgespräch – scheint die Toleranz gegenüber Differenz zu schwinden. Zumindest aber ist sie im Neoliberalismus vollkommen neutralisiert und lässt sich einspeisen in ökonomische Verwertungszusammenhänge. Pierangelo Maset und Daniela Steinert von der Leuphana-Universität Lüneburg liefern in dieser Hinsicht eine längst überfällige Sprachkritik der „unternehmerischen Universität“. Kreativität, Selbstverwirklichung, Freiheit – sie nennen es „Wording“, in dem die Ausbeutungsimperative der neoliberalen Leistungskultur gründen. Abweichung, unbedingt auch kritisch sein, nur zu, aber bitte nur, wenn sie direkt umgemünzt werden kann und die Universität als Marke, zu der sie im „akademischen Kapitalismus“ (Richard Münch) gerinnt, zum Leuchten bringt.

Neben ihrem Engagement in Sachen Institutionskritik kümmert sich die Zeitschrift Kultur & Gespenster auch um die Pflege von Denkmälern der kritischen Tradition. Philipp Felsch und Martin Mittelmeier kommentieren einen Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und seinen Lesern. Mit archäologischem Gespür versuchen sie die Figur des universellen Intellektuellen freizulegen, die in der Lawine der subjektkritischen Attacken des französischen Poststrukturalismus spätestens in den 70er Jahren verschütt ging. Zu Tage fördern sie einen Adorno, der sich umgänglich zeigt.

Egal ob es um die Verhinderung eines Straßenbaus in Amorbach im Odenwald oder um einen ratsuchenden homosexuellen Studenten geht, der Hinweise auf eine Homosexuellenzeitschrift bei Adorno erbittet. Während Adornos Engagement sich ungebremst gegen den Straßenbau richtet, der die „Amorbacher Kulturlandschaft aufs empfindlichste verletzen würde“, fällt die Antwort an den Studenten verhaltener aus. Er kommentierte: homosexuelle Zeitschriften sind nur „kommerzielle Ausbeutung irgendwelcher Triebrichtungen“. Das sind überraschende Briefe, die hier in Faksimile vorliegen.

Apropos intellektuelle Ausreißer: Dass der Job dieser Zeitschrift als intellektueller Rettungsdienst zermürbend ist wie beim echten Notdienst, muss wohl nicht betont werden. Wie lässig diese Zeitschrift das trotzdem macht und dabei schön aussieht und unverkrampft ist, davon kann man sich auch in der aktuellen Ausgabe ein Bild machen.

taz, Philipp Goll, 10. April 2012

 

 

 

 

KREUZFAHRT DURCH DEN KREATIVSEKTOR

 

Manchmal sind Titel nicht nur zündend, sondern auch visionär. Zumindest scheint es so. Als die Macher der Zeitschrift „Kultur & Gespenster“ ihre 13. Nummer mit dem Titel „Stabile Seitenlage“ planten, dachten sie vielleicht an Prekariat, Selbstausbeutung oder Erste-Hilfe-Kurse. Sie ahnten aber wohl kaum, dass im Januar 2012 vor der toskanischen Küste ein Kreuzfahrtschiff mit dem sprechenden Namen „Costa Concordia“ auf Grund laufen und havarieren sollte. Die Rettungsaktionen verliefen, wie man weiß, dramatisch. Menschen kamen zu Schaden und ums Leben. Wer die Bilder des ramponierten Traumschiffs auf sich wirken ließ, kam kaum umhin, ihnen neben dem dokumentarischen auch einen allegorischen Wert beizumessen. Aus Traum und Traumreise war ein Albtraum geworden, der auf die Vorstellung der euro-amerikanischen Upper Class, sich den geschundenen Erdball als Spielwiese zur unverfänglichen Erbauung herrichten zu lassen, seinen Schatten warf. Im Gegensatz aber zum spektakulären Inferno der „Titanic“, die vor ziemlich genau 100 Jahren mit einem Eisberg kollidierte und Tausende in den Tod riss, kippte die „Costa Concordia“ schlicht zur Seite und blieb fürs Erste liegen. In dieser stabilen Seitenlage geisterte sie noch eine Weile durch Gazetten, Internet und Funk und Fernsehen, verschwand aber alsbald, während das baugleiche Schwesternschiff, die „Costa Serena“, trotz des Unglücks ein paar Tage später ausgebucht in See stach.

 

Dieses „Business as usual“ im Angesicht des Desasters sagt vielleicht mehr über unsere Situation aus als uns lieb sein könnte. Deutet es doch an, dass die Katastrophe, auf deren Eintreffen wir in einer Mischung aus virtueller Panik und Nervenkitzel starren, womöglich längst stattgefunden hat. „Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe“, notierte einst Walter Benjamin, nicht ahnend, welches Haltbarkeitsdatum seinem Aperçu beschieden sein würde. „Stabile Seitenlage“ jedenfalls ist nicht nur ein gewitzter Einfall für eine Zeitschriftennummer, sondern auch eine hochpräzise Metapher für ein gewiss nicht ohne Grund weitverbreitetes Lebensgefühl.

 

Dabei ist „Kultur & Gespenster“ ohnehin eine der innovativsten Erscheinungen der letzten Jahre auf dem deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt: 2006 erstmals erschienen und von Jan-Frederik Bandel, Gustav Mechlenburg, Nora Sdun und Christoph Steinegger verantwortet, 2010 mit der Auszeichnung in Silber beim LeadAward, einem deutschen Medienpreis, mehrfach gewürdigt. Als Kulturzeitschrift apostrophiert, steht das Journal womöglich für die Tendenz, nach der Flut an soft-seichten Hochglanzheften, an Lifestyle- und Zeitgeist-Magazinen wieder verstärkt die intellektuelle Debatte zu suchen, ohne in den bärbeißigen Jargon früherer Jahre wie dessen Textlastigkeit zurückzufallen. Dabei wird die Unschärfe, was genau der Gegenstandsbereich von „Kultur & Gespenster“ sein soll – Bildende Kunst, Literatur, Politik, Wissenschaft und Hochschule, Kultur und Kulturwissenschaften – zumindest billigend in Kauf genommen.

 

Die neueste Nummer ziert das Faksimile der ersten Seite eines handschriftlichen Briefes an Theodor W. Adorno. Philipp Felsch und Martin Mittelmeier kommentieren diese und weitere Korrespondenzen, die Adorno, dem vielleicht letzten „universellen Intellektuellen“ von Format, mit seinen Lesern pflegte. Dass ihr Interesse dabei nicht nur ein historisches ist, steht zu vermuten. Denn sichtbar werden in den Leserbriefen an den Maestro nicht nur die „Kollateralschäden einer Theorie ums Ganze“, sondern zwischen den Zeilen auch deren Notwendigkeit, dieses Ganze heute anders und mit anderen Mitteln zu denken. Man glaube doch bittschön nicht, dass ausgerechnet Foucault, Deleuze, Derrida & Co. diesen Anspruch platterdings preisgegeben hätten. Die Tristesse an den Universitäten etwa hat vielleicht nicht nur mit rapide steigenden Studentenzahlen und chronischer Unterfinanzierung zu tun, sondern mit einer akademischen Kleinteiligkeit, ja Kleingeistigkeit, die gar nicht mehr wagt, auch nur ansatzweise über den Tellerrand der drittmittelfinanzierten Forschungsprojekte hinauszuschauen. Pierangelo Maset und Daniela Steinert protokollieren die institutionalisierte Depression des deutschen, William Pannapacker die des amerikanischen Universitätsbetriebs punktgenau. Die von Johannes Hoff an Hugo Ball, einem der entscheidenden Protagonisten der Dada-Bewegung zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, rekonstruierte Neubestimmung des Verhältnisses von Wissenschaft, Kunst und Religion wird vor diesem Hintergrund verstörend aktuell.

 

Was es sonst noch zu entdecken gibt? Beispielsweise eine ausführliche Rückschau mit den Kuratoren Britta Peters und Tim Voss und allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern auf die Ausstellungsserie „Reihe:Ordnung“, die von 2007 bis 2009 im Kunstverein Harburger Bahnhof entwickelt und dortselbst realisiert wurde; ein mitreißendes Comic von Jul Gordon (Cousin Edward kommt zu Besuch); ornamentale Zeichnungen von Anke Wenzel (Arcadia Diabola) sowie ein überreiches Potpourri an Bildern, Fotos, Zeichnungen und Aufzeichnungen, Notizen, Rezensionen, Essays, Gedichten – und vieles mehr. Die Lektüre lohnt sich.

 

Jan-Frederik Bandel, Gustav Mechlenburg, Nora Sdun, Christoph Steinegger (Hg.): Kultur & Gespenster, Nr. 13: Stabile Seitenlage. Textem Verlag, Hamburg 2012. 296 Seiten. ISBN 978-3-941613-05-8. EUR 12,00

 

Michael Mayer, artnet März 2012

 

 

Zeitschriftenschau

 

Wenn die Sprache von einer feindlichen Macht übernommen wird – in diesem Fall vom Büro bzw. dem Jargon, der in ihm gepflegt wird –, dann bemerkt man das zuerst an den Worten, die von ihr in den allgemeinen Gebrauch eingepflegt werden: Selbstoptimierung, Assessment-Center, Ich-Kapital, Audits.

Das Leben im Büro hat mit Wortmasken die Sprache kolonisiert – und das dazugehörige Denken mit dem sogenannten Bologna-Prozess die deutsche Hochschule. Das Autoren-Doppel Daniela Steinert und Pierangelo Maset hat für die aktuelle Nummer von Kultur & Gespenster einen gleichermaßen erhellenden wie erschreckenden Essay zur Lage der Bildungsnation in der sogenannten Wissensgesellschaft beigesteuert:

"Die Reformen, die ... gegenwärtig eine Überbietung aller Bürokratie-Albträume realisiert haben, verbanden konsequent das bürokratische italienische Hochschulsystem mit dem kontrollintensiven angelsächsischen. Die europaweite Reform ... kann vor allem dadurch charakterisiert werden, dass eine zentralistisch angelegte politische Steuerung die Geschicke der Hochschulen leitet ... Das bereits absehbare Ergebnis ist eine europäische Hochschullandschaft eines – mit Verlaub – höchst porösen Europa, die weniger mit der Freiheit von Forschung und Lehre als weitaus mehr mit den Verfahren von Controlling und Benchmarking zu tun hat. Exzellenz-Rhetorik, begleitet von durch BWL-Kenntnisse korrumpierter Forschung halten ihren Einzug in die Hochschulen ebenso wie ununterbrochene Preisverleihungen und sinnwidrige Prestigeprojekte."

Daniela Steinert und Pierangelo Maset

 

Bildung ist zum profitablen Feld für Controller verkommen, die es wie Vandalen verheeren. Statt Autonomie der Bildung wird diese radikal ökonomisiert und wirtschaftlichen Interessen unterworfen. Was im radikalen Gegensatz zu Artikel 5 des Grundgesetzes steht, wo es heißt, dass die Freiheit von Forschung und Lehre unbedingt zu wahren sei. Wissenschaft wird dagegen zum Dienstleister degradiert; der Beamte zum Unternehmer stilisiert. In den Fluren der Hochschulen regiert akademischer Darwinismus. Jeder beißt den ihm Nächsten weg. Man lasse folgenden O-Ton aus einem Antrag zur Einwerbung von Drittmitteln im eigenen Gehörgang sein dürftiges Leben aushauchen:

 

"Projekte mit der Kreativwirtschaft im Bereich der visuellen Kunst haben von der Besonderheit des Weiterbildungsprozesses bzw. der Wertbildungskette der künstlerischen Produktion auszugehen ... Im Prinzip ist es durchaus möglich, im Bereich von lediglich drei- oder vierstelligen monetären Größen und der individuellen Arbeitszeit eines Produzenten, die sich auf weniger als eine Woche beläuft, Produkte zu generieren, die auf dem Markt Preise in etwa sechsstelliger Höhe erzielen."

aus einem Drittmittel-Antrag

 

Man spricht von der unternehmerischen Hochschule. Der esoterische Bluff der Wortkulissen aus dem Hause McKinsey & Konsorten ist zum autokratischen Maßstab promoviert.

Wir sind sicher, dass das nur passieren konnte, weil zum Zeitpunkt der Einführung dieses Maßstabs – irgendwann Ende der 90er – die meisten Menschen gesessen haben. Statt auf einer Couch zu liegen und den Junk mit lässiger Armbewegung in die Senkgrube zu befehlen. Das Autorenduo schreibt in Kultur & Gespenster:

 

"Was von McKinsey & Co. entwickelt wurde, sind im Grunde manipulative Psychotechniken, die die Aufmerksamkeit und das Denken mit einer bestimmten Matrix besetzen sollen."

Daniela Steinert und Pierangelo Maset

 

Anders gesagt: McKinsey ist das neue Scientology. Nehmen wir die Einführung externer Hochschulräte. Das ist etwa so, als wenn man eine externe Bundesregierung einführt, die, sagen wir, von den Kaiman-Inseln aus das Parlament des Bundestags betört. Damit sind demokratische Verfahren außer Kraft gesetzt. Die Esoterik McKinseys trifft hier ihren eigenen Kern.

Zur Verdeutlichung dessen, wozu Hochschulen inzwischen degeneriert sind, betrachte man den Werbespot der Universität Lüneburg unter: www.leuphana.de.vu – vom amtierenden Präsidenten übrigens als erfolgreiche „virale Kommunikationsstrategie“ gepriesen, obwohl der Film ursprünglich – und Achtung: jetzt wird man sich vor Lachen gleich auf die Chaiselongue schmeißen – die Satire eines kritischen Geistes darstellte. Wäre es nicht so absurd, könnte man es nicht glauben.

Universitäten wandeln sich unter dem Diktat zu Zuchtanstalten gleichförmiger Kadetten, die sich mit ihrem von ökonomischen Weisheiten vernebelten Hirn als Elite begreifen. Die Angst vor dem Individuum ist epidemisch. Auf das Artensterben folgt das Geistessterben.

Ein weiteres Highlight im aktuellen Kultur & Gespenster sind die Kolumnen von William Pannapacker, die aus dem im kiosk schon öfter empfohlenen The Chronicle for Higher Education stammen und von Kultur & Gespenster-Mitherausgeber Jan-Frederik Bandel ins Deutsche übertragen wurden.

 

"‚Du machst natürlich auch Theorie, oder?‘, fragte die Frau neben mir. Das war in einem meiner ersten Hauptseminare in Englisch. Sie trug eine lederne Motorradjacke voller Reißverschlüsse, und ihre Dreadlocks waren orange gefärbt. Es war in den frühen Neunzigern... Theorie wurde eine Hochstapelei, eine Methode, die nicht zu stemmende Arbeitslast auf ein paar Schlagwörter runter zu kürzen. ‚Ach bitte, die Intention des Autors ist hier wirklich irrelevant.‘ ‚Alles ist politisch.‘ ‚Es gibt nichts außerhalb des Textes.‘ ... In unserem Alltag lebten wir in geradezu sklavischer Anpassung, und gleichzeitig wurde uns beigebracht, subversive Geister zu verehren, ihnen nicht nur in Sachen Theorie nachzueifern, sondern auch in unserer Kleidung, Stimmlage und Körpersprache. ... Orthodoxe Meinungen durften niemals in Frage gestellt werden, nicht einmal spaßeshalber... Ich kannte eine Studentin, die ihre sexuelle Orientierung wegen einer Wochenendlektüre von Gender-Theorien änderte, und das war eine höchst ernsthafte Angelegenheit, nicht etwa eine Absurdität. Ich habe gehört, dass sie sich inzwischen wieder umentschieden hat."

William Pannapacker: The Chronicle for Higher Education (übersetzt von Jan-Frederik Bandel)

 

Der Begriff Theorie ohne bestimmten wie unbestimmten Artikel ist inzwischen zum unantastbaren Losungswort einer schamanistischen Praxis verkommen – in den USA wie bei uns. Unter den Adepten hält man weiter Ausschau nach dem nächsten großen Ding, auf das man aufspringen könnte, als wäre es

 

"der letzte Hubschrauber, der einen aus Saigon rausholt."

Kultur&Gespenster

 

Nicht im Sitzen, sondern nur im Liegen kann man eine Stabile Seitenlage einnehmen. Also in der idealen Haltung, um nachzudenken. So hat auch das aktuelle Kultur & Gespenster klugerweise seinen Themenpark mit diesem Begriff versehen. Befehl von ganz unten: Unbedingt lesenswert!

Kultur & Gespenster erscheint vierteljährlich im Textem-Verlag, Hamburg, und kostet im Einzelverkauf € 12,00

Thomas Palzer, Zeitschriftenschau, Bayern 2, März 2012

 

Wo sind all die Gedanken hin?


„Merkur“, „Kursbuch“ & Co.: Intellektuelle Zeitschriften sind (wieder) im Kommen. Welche Sehnsucht spricht daraus?

 

Wie umstürzlerisch war dem „Kursbuch“ einmal zumute. Seine Autoren und Leser hatten den Kampf gegen die Notstandsgesetze im Sinn, die Befreiung Lateinamerikas, den Widerstand gegen den amerikanischen Imperialismus und später die Situation der politischen Gefangenen. Und nun, 170 Nummern nach dem ersten, 1965 von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Band, nach Verlags-, Konzept- und Formatwechseln und einem vierjährigen Exitus, fordert der Münchner Soziologe Armin Nassehi dazu auf, die Idee eines unmittelbaren politischen Eingreifens aufzugeben. In seinem Leit-Essay beschreibt der neue Herausgeber des früheren Zentralorgans der APO die Krisenhaftigkeit der Moderne als produktiven Normalfall.

 

Statt mit der Anmaßung eines Souveräns im Ausnahmezustand aufzutreten, komme es darauf an, endlich die Selbstorganisation der Gesellschaft zu akzeptieren. Die gelassene Beobachtung aus systemtheoretischer Sicht hat die Zentralperspektive ersetzt. Das revolutionäre Vokabular ist ausgeglüht: Die alten Leser, für die das „Kursbuch“ um 1968 ein geistiges Lebensmittel war, das den Ausweg aus Kiesingers unerschütterlich prosperierender Bundesrepublik versprach, hätten wahrscheinlich gar nicht verstanden, was Nassehi mit „Krisen lieben“ meint, seinem Thema zum Neuauftakt.

 

Das „Kursbuch“ ist nicht die einzige intellektuelle Zeitschrift mit politischer Ausrichtung, die sich und ihre Aufgaben gerade neu definiert. Seit Januar hat der Kunsthistoriker Christian Demand, wie Nassehi Jahrgang 1960, den „Merkur“, die 1947 gegründete Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken übernommen. Auch die linksliberalen „Blätter für deutsche und internationale Politik“, 1956 zum ersten Mal erschienen, haben eine erfolgreiche Vitalisierung hinter sich. Mehrere Neugründungen sind zu verzeichnen. Die Halbjahreszeitschrift „Polar“ bringt mittlerweile zum elften Mal Politik, Theorie und Alltag zusammen und widmet sich unter dem Motto „wild & gefährlich“ dem Thema Sicherheit. „Kultur & Gespenster“ wiederum wildert zum dreizehnten Mal in kulturhistorischen Gefilden: In der aktuellen Ausgabe „Stabile Seitenlage“ wird unter anderem gegen die aktuelle Hochschulpolitik polemisiert.

 

Keine dieser Zeitschriften wird je wieder die kultische Verehrung des alten „Kursbuchs“ genießen. Einfluss und Auflage, Kurz- und Langlebigkeit hängen wie damals entscheidend vom Geist der Zeit ab. So erschien Nummer 13 mit dem Generalthema „Die Studenten und die Macht“ 1968 im Suhrkamp Verlag mit einer Erstauflage von 50000 Exemplaren – das neue „Kursbuch“ im Hamburger Murmann Verlag bescheidet sich, bei einem Einzelpreis von 19 Euro, mit 8000 Exemplaren und liegt damit deutlich über verwandten Unternehmungen.

 

Die Druckauflage des „Merkur“ beträgt rund 4500 Exemplare, die von „Polar“ 4000, die von „Kultur & Gespenster“ 2000. Eine Ausnahme bildet, mit einer Auflage um die 20000 Exemplare, nur „Lettre International“, das seit 1984 erstklassige Essays und Reportagen veröffentlicht. Sie alle aber folgen eher einer Idee als wirtschaftlichen Interessen. Das geht, wo die Mitarbeiter nicht an den eigenen Geldbeutel gehen, oft nur mit fremder Hilfe. So ist der „Merkur“ eingebunden in die Ernst H. Klett Stiftung, „Kultur & Gespenster“ wurde zeitweise vom Deutschen Literaturfonds alimentiert.

 

Was hat sich verändert? Das eine ist die politische Großwetterlage. Der von Klaus Wagenbach herausgegebene „Freibeuter“ etwa – 1979 im Namen von Pier Paolo Pasolinis „Scritti corsari“ angetreten und 1999 nach 80 Nummern eingestellt – war in den ersten Jahren ein Beiboot der grünen Flotte, die das deutsche Parlament von links eroberte. Mit der Wandlung der Grünen zur bürgerlichen Partei verlor er seinen Schwung.

 

Das andere ist die publizistische Situation. Die Feuilletons der überregionalen Blätter wurden zum Forum von Debatten, die früher fast ausschließlich in Zeitschriften stattfanden. Beide müssen inzwischen die Substanz ihrer Beiträge gegen die Meinungsstürme verteidigen, die ihnen aus dem Internet entgegenwehen. Und schließlich hat das Sendungsbewusstsein vieler Intellektueller abgenommen, vielleicht auch ihr Talent zur geschliffenen Äußerung und eine Lust auf Theorien, die geeignet wären, die seit Jahrzehnten regierenden Denkmuster von Frankfurter Schule, Poststrukturalismus oder Luhmannscher Systemtheorie zu überwinden.

 

„Intellektuell liegt die Republik am Boden“, schimpft der leitende „Polar“- Redakteur Peter Siller, „wir leben in Zeiten, in denen die Stichwortgeber Peter Sloterdijk, Richard David Precht und Helmut Schmidt heißen. Es gibt in Deutschland herausragende Wissenschaftler, aber kaum öffentliche Intellektuelle, die sich an einem ernsthaften politischen Orientierungsdiskurs beteiligen. Die aktuelle Finanzkrise zeigt dies überdeutlich: Statt einer Reaktivierung der politischen Sphäre – auch des politischen Denkens – starren alle auf ökonomische Experten, die ihrerseits am Schwimmen sind."

 

Man muss dafür gar nicht die Idee einer Gegenöffentlichkeit mobilisieren, die das „Kursbuch“ in seinen Anfängen propagierte. Denn das alles beherrschende Zentrum, das Abweichungen definieren würde, hat sich verflüchtigt. Im Bewusstsein, dass die Welt, die das „Kursbuch“ hervorbrachte, ein für allemal untergegangen ist, zielt Nassehi vielmehr auf eine diffuse Mitte, die zwar alles weiß, aber „nichts Hegemoniales mehr hat. All die eindeutigen, ihrer selbst gewissen Expertisen in Politik und Ökonomie machen sich doch nur deshalb nicht lächerlich, weil der größte Segen dieser Gesellschaft das schnelle Vergessen ist. Dieselben, die vor 2008 erklärten, es könne keine Krise kommen, erklären nun, wie es zur Krise kommen musste. Das exakt zu erklären, ist subversiv.“

 

Nassehis magisches Wort lautet „Rekombinationskompetenz“. Sie soll die im eigenen Saft schmorenden Partialwelten von Politik, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenführen: „Es geht um Problemlösungen, nicht um ihre Simulation in Weltanschauungsdebatten.“ Doch bezeichnen links und rechts allen „What’s left“-Debatten der vergangenen 30 Jahre zum Trotz nicht immer noch unterschiedliche Wahrnehmungen von Welt, unterschiedliche Lösungen, ja unterschiedliche Empfindungen, was überhaupt als Problem zu definieren wäre? Siller geht die Verabschiedung der Begriffe mit Recht zu schnell. Der 1970 geborene Jurist, lange mit den Grünen assoziiert und heute Geschäftsführer des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe- Universität, versteht „Polar“ jedenfalls als dezidiert linke Zeitschrift. „Links im Sinne eines Zugewinns an Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Demokratie.“ Jeder einzelne dieser Begriffe mag als Hülse dienen können, aber Sillers Anliegen ist es gerade, ihnen in postdemokratischen Zeiten ihre Sinnhaftigkeit zurückzuerstatten.

 

Dabei wird sich, so Siller, auch die „gehobene Mittelschicht“, der er sich selbst und die „Polar“- Leser wohl oder übel zurechnet, in Frage stellen müssen. „Sie ist Teil des Problems geworden“, sagt er. „Sie verteidigt ihre Besitzstände und zieht Stacheldraht um ihre Häuser. Wie eine linke, solidarische, von unten durchlässige Mitte aussehen könnte, ist eine interessante Frage: Wie denkt man die Interessen derer mit, die das Blatt weder lesen noch darin schreiben? Journalismus sollte seiner Klientel, ähnlich wie Parteien, ruhig etwas zumuten.“

 

Die Zumutung liegt vielleicht schon im Ton. Nassehi hat die etablierten, mittel bis gut gebildeten 30- bis 55-Jährigen im Auge, „die sich nicht mehr an die Debatten der 70er und 80er Jahre erinnern und an die Ästhetik der schnellen, klaren, ökonomisierten Lösungen glauben. Die muss man erreichen und ihnen andere Sprech- und Denkweisen nahe bringen.“

 

Die großen Tageszeitungen können das nur bedingt leisten. Sie stehen im Dienst der aktuellen Information und haben inzestuöse Reflexe und Rituale entwickelt, die sie zum sofortigen Schlagabtausch verurteilen. Siller mag monieren, dass ihr politisches Feuilleton in weiten Teilen „unglaublich ausgewogen und unpositioniert“ oder aber „provokativ, kurzlebig und beliebig“ sei. Doch im Ganzen muss man wohl feststellen: Es herrscht vor allem Aufgabenteilung – nicht zuletzt bei den möglichen Textlängen. Im Feuilleton, sagt Jan-Frederik Bandel, der 1977 geborene Mitherausgeber von „Kultur & Gespenster“, seien 12 000 Zeichen das Höchste der Gefühle. „Da werden wir gerade erst warm“ – wobei die Geduld des „Merkur“ bei 40 000 Zeichen auch ein Ende findet.

 

Das Privileg der Zeitschriften besteht in einer langsameren Umschlagsgeschwindigkeit und dem Luxus, sich etwa zu Gedenktagen nicht äußern zu müssen. Ihre Chance kann, wie Nassehi erklärt, darin liegen, dass sie dem Anspruch auf Überblick, den das Feuilleton vor sich herträgt, nicht als Spartenangebot genügen müssen. Die Aufgliederung der Zeitung in Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Sport sei „bis in den Habitus der entsprechenden Redaktionen hinein Ausdruck einer Gesellschaft, deren Differenzierung und Komplexität zur Sprachlosigkeit zwischen den Ressorts führt.“

 

Die angelsächsischen Schlachtrösser, das Londoner „Times Literary Supplement“ und die „New York Review of Books“, machen vor, wie das Gegenteil aussehen könnte. Und ihr jugendliches Pendant, das 2004 gegründete „n+1“, beweist, dass sich ein Magazin, weit über die gedruckten Beiträge seiner Autoren Mark Greif, Keith Gessen oder Elif Batuman hinaus als intellektuell und literarisch prägend erweisen kann. Diese Kraft resultiert auch daraus, dass hier im Wesentlichen die Stimmen einer in den Mittsiebzigern geborenen Generation versammelt sind. Auch „Polar“ ist Siller zufolge ein Projekt von 25- bis 45-Jährigen. „Es heißt aber nicht, dass wir uns als Generationen-Sprachrohr verstehen. Die Generation gibt es ohnehin nicht, es gab sie auch 1968 nicht.“

 

Was gemessen an den Vorbildern hierzulande geht, ist allerdings eine andere Frage. Nassehi mag die Essaykultur des „New Yorker“ auch für sein „Kursbuch“ verlockend finden – ein größeres Publikum konnte sich dafür nie begeistern. Es gehört zu den bitteren Erfahrungen der deutschen Pressegeschichte, dass Hans Magnus Enzensberger sein an den „New Yorker“ angelehntes Reportagemagazin „Transatlantik“, das er 1981 zusammen mit Gaston Salvatore in einer Startauflage von 150000 Exemplaren vom Stapel ließ, nie flott bekam. Schon im Jahr darauf wurden die beiden Dioskuren gefeuert, auf Sparkurs schleppte sich das Blatt mit wechselnden Redaktionen noch neun Jahre dahin.

 

So wenig die Erfahrung ausreicht, einer gemeinsamen Generation anzugehören, so sehr braucht es ein Minimum an gemeinsamer sozialer Energie. „Kultur & Gespenster“ setzt dabei aufs Informelle der eigenen Kreise. „Die einzige Alternative wäre der institutionalisierte Wahn eines ,Call for Papers’“, sagt Bandel. „Das mag in der Wissenschaft möglich, ja nötig sein, spielt sich bei uns aber durch gegenseitige Anregung und Aufregung ab.“ Der „Merkur“ zieht die Form eines Kolloquiums vor, das allvierteljährlich rund zehn Gäste in die Redaktionsräume der Berliner Mommsenstraße führt. „Wir müssen uns, weil wir nur drei Leute sind, die Redaktion eben ins Haus holen“, sagt Demand. Siller verweist stolz darauf, dass es inzwischen eine richtige kleine „Polar“-Community gebe, die sich in den Berliner Sophiensälen, der Galerie KOW in der Brunnenstraße oder der Frankfurter Karl-Marx- Buchhandlung treffe: „Texte ohne öffentlichen Austausch sind tot.“

 

Das Netz als virtueller Treffpunkt ist dabei hilfreich, aber kein Ersatz für leibhaftige Begegnungen. „Für Vertrieb, Fama und Kommunikation ist das Internet unentbehrlich“, sagt Bandel, der „Kultur & Gespenster“ aus der Website www.textem.de mitentwickelt hat. „Ansonsten liegt es uns fern, Blogs zu schreiben, Digitalbohème zu spielen oder von der demokratisierenden Wirkung des Web 2.0 zu schwärmen.“ Siller lässt zwar die Texte online stellen, ist aber überzeugt, dass Print nicht nur eine konzentriertere Art des Lesens bedeute, sondern auch zu einem konzentrierteren Prozess des Schreibens zwinge.

 

Umgekehrt hat Christian Demand in Form eines geplanten Blogs etwas nachzuholen. „Das Schöne am ,Merkur’ ist ja, und da lebt man vom symbolischen Kapital der Vorgänger, dass er sich einen gewissen autoritativen Gestus leisten kann“, sagt er. „Dieser Gestus signalisiert, dass es nicht nur um dahergelaufene Meinungen geht. Deshalb wäre es formatfremd gewesen, wenn man jemals eine Leserbriefecke eingerichtet hätte.“ Doch er ist überzeugt, dass die Attacken auf die politische Ausrichtung des „Merkur“ unter seinen Vorgängern glimpflicher ausgefallen wären, wenn ein Dialog möglich gewesen wäre. Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel hatten sich mitunter bis zur Lächerlichkeit gegen die vermeintliche Übermacht eines linken Gutmenschentums aufgelehnt, sie sangen das Lob des amerikanischen Irakkriegs und beschworen das Wunder der kapitalistischen Selbstheilungskräfte.

 

Intellektuelle Zeitschriften grenzen sich indes nicht nur gegen das Feuilleton ab, wo sie viele ihrer Autoren finden. Sie halten auch Distanz zu den Hochschulen. „Die Universitäten sind verödet“, sagt Bandel: „Administrationsregimes, Antragsprosa, Bachelor-Unwesen ohne Ende.“ Der promovierte Literaturwissenschaftler will sie dennoch nicht für tot erklären. Denn wo, fragt er, haben die, die vielleicht gegen die Akademie, vielleicht auch außerhalb von ihr denken und schreiben, ihr Handwerkszeug gelernt?

 

Das weiß auch Christian Demand, der für die Stelle beim „Merkur“ seine Professur an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste aufgegeben hat. „Klar wird da produktiv gedacht“, sagt er. „Da sind viel zu viele schlaue Menschen auf einem Haufen.“ Und Nassehi, der seinen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians- Universität behalten hat, erklärt: „Die Hochschulen sind ein Problem, weil sie sich dem Diktat des Schnellen und der universalistischen Erfolgsmessung unterwerfen. Sie sind aber auch die Lösung, weil dort die unterschiedlichen Kompetenzen versammelt sind, die sich aufeinander beziehen müssen.“

 

Vielleicht ist das, in zeitgenössischer Fortführung des Humboldtschen Bildungsideals, die letzte Utopie, die das „Kursbuch“ noch formulieren kann. Als solche wäre sie aber kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

 

10.03.2012 Der Tagesspiegel, Gregor Dotzauer

 

 

Kultur & Gespenster 12

 

Interessante Literaturzeitschriften gibt es viele und in ihnen verstecken sich so manche Perlen. „Am Erker“-Redakteur Andreas Heckmann sorgt dafür, dass wir den Überblick behalten; er wird von nun an regelmäßig über interessante neue Hefte berichten. Diesmal: Kultur & Gespenster, die horen und poet.

Kultur & Gespenster 12


„Als Graf Geert noch jung war, ging er in die Schule, um Bischof zu werden; dachte aber nicht an ritterliche Werke. Er war so arm, daß er keine Burg im ganzen Lande hatte und unter den Bürgern in Rendsburg wohnte auf dem Hakenspieker über dem Wasser, und hatte nichts eigenes, als ein paar graue Wildhunde, die man zu der Zeit für ganz edel zur Jagd hielt, wie die Jäger sagen. Da kam aber Hartwig Reventlow zu ihm und gab ihm Pferde und Harnisch. Und alsobald wuchs ihm der Mut und der junge Fürst ward ein solcher Held, daß man ihn mit Recht den Großen genannt hat.“

Dieser Text stammt nicht von Ror Wolf, sondern aus Karl Müllenhoffs „Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg” (1845), die in der 12., den „Märchen“ gewidmeten Ausgabe von „Kultur & Gespenster” in Auszügen abgedruckt sind. Das dreihundert Seiten starke, im Format leider von einst 28 x 21 auf nun 23 x 16,5 cm geschrumpfte Heft bringt neben erquicklichen Sagen und Legenden aus Schleswig-Holsteins dänischer Vorzeit ein Gespräch des Literaturwissenschaftlers Hartmut Freytag mit dem Künstler Alexander Rischer, der 2010 auf einer Fahrradtour die Plätze fotografiert hat, an denen die Texte spielen.


Schöne S/W-Fotos zeigen Waldeinsamkeit, Findlinge, vom Westwind modellierte Baumkronen, Wegkreuze, Grabmäler, Backsteingotik, einen ausgebrannten Mähdrescher auf freiem Feld, Friedhöfe, Taufbecken, und es scheint, als rufe im Schlehdorn noch das Käuzchen, als streiche die Muhme noch um die Teiche. Bereits in der siebten Ausgabe von K&G ging es um Rischers Ausstellung „Die dunckle Finsterniß hatte hier allenthalben ihren Schweins-Braten ausgestreuet“, in der der Künstler seltsame historische Landmarken gesammelt und faszinierend kommentiert hat.

Kultur & Gespenster 12: Märchen

 

CulturMag, ANDREAS HECKMANN, 3. AUGUST 2011

 

 

Zeitschriftenschau

 

In der elften Ausgabe von Kultur & Gespenster geht es um Drogen. Dem Heftschwerpunkt vorangestellt ist die unbedingt lesenswerte Abschiedsvorlesung "Gymnasiale Kulturhistorie als Weg in die Soziologie" des in diesem Jahr 75jährig verstorbenen Katastrophenforschers Lars Clausen, die 2003 erstmals im Mitglieder-Rundbrief der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft erschien. Clausens Anliegen ist es, den Kieler Erstsemestern vor seiner Emeritierung vor dem Hintergrund seiner soziologischen Laufbahn und doch konkret und nahezu leiblich nachvollziehbar zu machen, wie es sich anfühlte, 1948-54 in Hamburg Teenager zu sein, und welche Erfahrungen wie und vor welchem Hintergrund für ihn (und seine Kohorte) bedeutsam waren, ihn geprägt haben. "Knickende Gewissheiten" ist ein Kapitel überschrieben, untergliedert in "Gar kein Führer mehr", "Weder Deutschland noch Reich", "Ohne Preußen", "Hanseatische Alternative".

Karla Schneider schrieb mir neulich über ihr neues Kinderbuch-Projekt: "Mein Anliegen ist in etwa, den Kindern der ferngeheizten Wohnungen und der Autos mit Klimaanlage von der eisschranklosen Hitze der Sommer damals zu erzählen. Und von den Wintern mit 17 Grad Kälte in so gut wie ungeheizten Wohnungen. Den Kindern der Supermärkte von der Rationierung praktisch aller Dinge des Lebens zu erzählen. Und wie wenig 'behütet', verglichen mit heute, man damals als Kind lebte. Dass stundenlanges unbeaufsichtigtes Streunen normal war, ebenso die Ansicht, Kinder unterschiedlichen Alters könnten sehr wohl auf sich selbst aufpassen. Dass Finden tausendmal erhebender war als Geschenktkriegen. Auf welcher anderen Basis die Genussfähigkeit stand. Dass man, wenn man sein Herz an jemanden hängte, man total ungeleitet (d.h. ohne Fernsehszenen als Vorbild) liebte, phantasievoll und eigentlich ganz ohne Erwartung von Gegenleistung. (Ich meine natürlich vor der Pubertät!)" - so muss man sich auch Clausens Vorlesung vorstellen, freilich ins Intellektuelle gewendet und für ein junges akademisches Publikum.

 

Am Erker, Heft 60

 

 

Genie und Drogen

 

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Dass die damit verbundene Debatte, ob nicht die kreative Entfaltung durch Rauschmittel zwangsläufig zum Persönlichkeitsverlust führen müsse, in diesen Wochen neuen Auftrieb erfährt, dürfte sich nicht zuletzt mit dem jüngsten »Kultur & Gespenster«-Heft aus dem Hamburger Textem-Verlag erklären: »Drogen & Drogen«. Allein die Liste der beteiligten Autoren und Künstler, darunter Diedrich Diederichsen, Hubert Fichte und der bekennende Grasraucher und Koksdiskurser Tim Stüttgen, spricht Bände.

Zusammengestellt hat das längst in jedem gut sortierten Laden konsumbereit, gleichwohl nur mit einer ungefährlichen Mineralien-Leckstelle versehene Quartal-Magazin kein Geringerer als Hans-Christian Dany (in Kooperation mit Max Hinderer), der unumstrittene Drogen-Papst unter den deutschen Kunstjournalisten. Die Pop-Literaten – von Rainald Goetz bis zu Benjamin von Stuckrad-Barre – plänkeln bekanntlich seit knapp 20 Jahren mit dem Drogen-Thema.

Ein uralter Stoff. Der scheint zur Zeit neu zu wirken, weil sich das gesellschaftliche Umfeld verändert hat. Schniefte und/oder spritzte sich der existenzielle Draufgänger noch in den Achtzigern nicht selten in die Abhängigkeit und häufig in den sozialen Abstieg, scheint mittlerweile das Gros der Drogen, ob illegal oder legal, allgemein verfügbar, zum Freizeitprogramm einer im Kulturellen berufstätigen Szene zu gehören.

 

...

 

www.lindinger-schmid.de/documents/KUNSTZEITUNG_11_2010_Titelstory.pdf

 

 

 

Non vitae

 

Warum die Antike?

 

Über die Gründe dafür, im Gymnasium Latein und Griechisch zu lehren, wird seit Jahrhunderten diskutiert. Teils galt die Antike als Vorbild, teils hieß es, man müsse sie kennen, weil in ihr die Voraussetzungen der europäischen Kultur lägen. Hegel fand am Griechischen und der Beschäftigung mit der Antike sinnvoll, dass die Sprache schwer und die Antike fremd wie nah zugleich sei. Alexis de Tocqueville notierte, an klassischen Schriftstellern lerne man eine Dichtung kennen, deren Autoren sich noch Mühe gegeben hätten, weil sie nicht für den Tag schrieben. Bis vor kurzem konnte man meinen, jede denkbare Antwort auf die Frage "Warum die Antike?" schon gehört zu haben.

 

Am 20. Mai dieses Jahres ist der Kieler Soziologe Lars Clausen, eine der ungewöhnlichsten Erscheinungen seines Faches, gestorben. Schon ein Blick in seine Bibliographie zeigt, welch ein ungewöhnlicher Forscher er war. Man findet darin Publikationen zu einem Gebiet, das er selbst begründet hat, die Soziologie der Katastrophen, eine des Tauschs, eine der Wirtschaftswerbung und eine der Jugend, einen Band mit dem Titel "Entsetzliche soziale Prozesse" sowie Aufsätze über den Einfluss der haitianischen Revolution auf Kleist, über die Vorwegahnung von politischen Umbrüchen in der Musik, über Arno Schmidt und über die Analyse verschiedener letzter Züge in einer Schachpartie.

 

Wie ungewöhnlich Clausen war, kann jetzt auch dem Nachdruck einer vor zehn Jahren gehaltenen Vorlesung entnommen werden ("Gymnasiale Kulturhistorie als Weg in die Soziologie", in: Kultur & Gespenster, Heft 11, Textem Verlag, Hamburg 2010). Darin erzählt der 1935 geborene Forscher seinen Weg in die Soziologie anhand des eigenen Gymnasialunterrichts und seiner Umstände in den ersten Nachkriegsjahren. Er tut es in einem hinreißenden Vortragsstil: "Ich begrüße die nach einer Woche hinhaltsamer Erwägung neu Hinzugestoßenen" oder "Ihnen allen wohl vom Weghören bekannt: Theodor Mommsen" oder "Zehn Jahre habe ich meine humanistische Bildung praktisch nicht gebraucht. Wäre ich nach acht Jahren gestorben, so hätte ich gesagt, ich habe meine Schulzeit falsch angefangen. (Ein irrationaler Konditionalsatz, denn ich blieb leben.)" Und liefert dabei unter der Hand eine bemerkenswerte Begründung für die Beschäftigung mit griechisch-römischen Altertümern.

 

Die Umstände jener Schulzeit, das waren die Flucht der Familie aus Pommern nach Hamburg, die englische Besatzungszone, der Einsturz soeben noch gültiger Strukturen, vom Hitlergruß über die Geographie Deutschlands bis zu Preußen. Was Clausen später im Titel seines Aufsatzbandes "Krasser sozialer Wandel" ansprach, dafür war die Zeit von 1945 bis 1950 beispielhaft. Man ging "sommers barfuß ins Gymnasium", und nicht nur die Unbemittelten, sondern alle waren noch etwas ärmlicher. "Dann aber, ab 1948, erlebte ich die erste wirkliche Revolution meines Lebens" - die Währungsreform. Gestern waren die Schaufenster leer - die Produzenten hatten in Erwartung des neuen Geldes Lager gebildet -, und plötzlich waren sie voll. Worauf sofort Arbeitslosigkeit entstand, weil die Firmen sofort Zahltag in DM hatten. Trotzdem wurde das Jammern seltener, und es rollten die Wellen durchs Land: Fress-, Wohn-, Reise-, Autowelle.

 

Seiner Vorlesung schickt Clausen die Bemerkung voraus, der "Vorteil einer langen und falsch angewandten Jugend des Jahrganges 1935" sei die Erfahrung gewesen, dass die Gesellschaft niemals stillstehe. Und inmitten dieses normalen Dauerumbruchs dann Tacitus und Thukydídes. Zunächst, so Clausen, hätte die Beschäftigung mit ihren unverwendbaren Sprachen die Angst vorm Lernen unbekannter Sprachen überhaupt genommen. Außerdem habe man "einen ganzen von der Neuzeit unbeeinflussten Kulturkreis kennengelernt". Fast übersetzt man sich das nach dem Gesagten mit "einen Kulturkreis, der seinen krassen sozialen Wandel schon hinter sich hatte". Homer wurde als Berichterstatter eines Handelskrieges gelesen, die Lehre von den Herrschaftsformen und von der Tyrannis fand versuchsweise auf Hitler - ein hässlicher Alkibiades? - Anwendung. Von den Mietsoldaten am Ende des Peleponnesischen Krieges schien es nicht weit zu den Freikorps, die von der SA eingesammelt wurden.

 

Es wurde, mit anderen Worten, munter anachronistisch gelesen. Wie denn auch anders? Die Antike erschien, nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise übersichtlichen Textmenge, als Welt im Kleinen, in die jedwede Frage aus der Welt im Großen hineinprojiziert werden konnte: Grundsatzmaterial gewissermaßen. Vor allem aber: Sie schien in jenem krassen Wandel stabile Deutungen, "wohlgeordnete Geschichten" (Clausen) bereitzuhalten. Die Antike steckt voller Beispiele, auch wenn man nicht sofort weiß und es umstritten bleibt, wofür es Beispiele sind. Es müssten nicht alle Oberschüler sein, meint Clausen, die mit diesen Stoffen vorwärtskommen sollten. Aber es sei unverhandelbar, dass es sechs bis zehn Prozent eines jeden Abiturjahrganges zu sein hätten.  

 

Jürgen Kaube, F.A.Z., 15.09.2010

 

 

 

Keine Macht den Drögen

 

Das Magazin "Kultur & Gespenster" untersucht Rauschmittel

 

Man könnte es als das Vereinsblatt des kulturwissenschaftlichen Prekariats bezeichnen: "Kultur & Gespenster" versammelt bereits seit vier Jahren so intelligente wie überraschende Texte neben Modestrecken, Comicstrips und - nur als Beispiel - geschmackvollen Schwarzweißfotografien ländlicher Puffs in Deutschland. Was das vierteljährlich erscheinende Magazin vor allem auszeichnet, ist der verschwenderische Umgang mit den Ressourcen Zeit und Platz. Alle Beitragenden, unter ihnen auch renommierte Autoren wie Diedrich Diederichsen, Kathrin Röggla und Jörg Schröder, arbeiten unentgeltlich. Im Gegenzug dürfen sie sich frei von Genrevorgaben ausbreiten. Das führt, neben dem stark schwankenden Umfang, dazu, dass der geneigte Leser es bei jeder Ausgabe mit einer reichlich gefüllten Wundertüte zu tun bekommt. Denn jenseits aktueller Beiträge fördern die Herausgeber mitunter vergessene Schätze wie ein 1986 geführtes Interview mit dem für seine konsequente Interviewverweigerungshaltung bekannten Thomas Bernhard zutage.

 

Anders als in den vorangegangenen Ausgaben zu eher voraussetzungsreichen Themen wie "Literarische Hermeneutik" oder dem Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt hat man für die Sommerausgabe einen vergleichsweise populären Gegenstand gewählt: Drogen. Ein funkelndes, für Lesarten zwischen Kulturgut und Schreckgespenst offenes Thema, folgerichtig ist der Schriftzug "Kultur & Gespenster" auf der aktuellen Ausgabe durch "Drogen & Drogen" ersetzt. Das dazugehörige Titelbild, eine psychedelische Kugelschreiberzeichnung, macht allein vom Hinsehen ganz high.

 

Inhaltlich wurde das Magazin in der Vergangenheit mitunter der Humorlosigkeit bezichtigt - ein Irrtum. So kommt das Editorial schon mal als eine mit Strichlinien und mit "Die Redaktion" versehene leere Seite zum Selbstausfüllen daher oder kündigt, wie im aktuellen Heft, eine (dann leider doch nicht) enthaltene Leckstelle an, mit deren Hilfe der Leser durch Einspeicheln seinen Mineralstoffhaushalt ausgleichen könne. Auch ein mit Amphetaminen getränkter Quadratzentimeter wäre denkbar gewesen - und hätte die Verkaufszahlen in womöglich nie dagewesene Höhen getrieben.

 

Das im kleinen Hamburger Textem-Verlag erscheinende Magazin ist einzigartig offen für thematische Ausfransungen und textliche Mischformen, die sich weder als rein akademisch noch als genuin literarisch bezeichnen lassen und deswegen in keinem anderen deutschen Kulturmagazin denkbar sind. Von dem Briten John Barker etwa liest man einen Marx zitierenden und postfordistisch argumentierenden Erlebnisbericht aus dem Arbeitsleben eines modernen Tagelöhners, der Kokain als das Mittel der Wahl für die heute in der Kulturproduktion geforderte Leidenschaft beschreibt.

 

Damit ist auch der rote Faden benannt, der sich durch den 330 Seiten starken Sammelband zieht: die Rolle von Drogen bei der Steigerung der Produktivkraft. Es geht viel weniger um die Modi des disparaten oder hedonistischen Ausknipsens, sondern um das genaue Gegenteil: Erwerbsarbeit. Nicht um "abgerissene Leute mit bleichen Gesichtern", sondern den "diskret Drogen nutzenden Leistungsträger" und beflissenen "Benutzer des pharmakologischen Werkzeugkastens", wie die beiden Kuratoren schreiben. Der eine, Max Hinderer, ist Künstler und Kunsttheoretiker, der andere, Hans-Christian Dany, ist Autor des Buches "Speed - eine Gesellschaft auf Droge" und damit ein Mann vom Fach.

 

Statt delirierender Reportagen aus den Clubs dieser Welt finden sich also Texte, die um die ökonomischen Aspekte des Rauschmittelkonsums kreisen und somit viel eher in mit Einheitsteppich ausgelegten Büroräumen spielen - ob nun Diedrich Diederichsen im Interview, ausgehend vom Prinzip des Eigenblutdopings, über neoliberale Produktionszusammenhänge spricht oder Aldo Legnaro über Drogen in der Kontrollgesellschaft schreibt, in der die Selbstkontrolle zum entscheidenden Produktionsfaktor wird. Von "drugs" im Sinne der angelsächsischen Bedeutung erzählt Astrid V. W. im Tagebuch einer Krebserkrankung, das über die Dauer von fünf Monaten akkurat sämtliche Symptome und Medikamenteneinnahmen auflistet.

 

Die Dichte der theoriegesättigten Texte wird durch eine stimmungsvolle Bildserie explodierender Blumenkästen aufgelockert, die von der Künstlerin Annette Wehrmann stammt. Etwas rätselhaft wirkt hier der Bezug zu den Rauschmitteln schon. Geht's um die Sprengkraft von Drogen? Oder sollte man das als Aufforderung nehmen, es mal wieder so richtig knallen zu lassen - was allerdings im Gegensatz zur sonstigen Ausrichtung der Ausgabe stünde?

 

Wenn dann der Betreiber des Coca-Museums im bolivianischen La Paz wie in einem Chemie-Oberstufenkurs eine halbe Seite lang über die chemischen Unterschiede zwischen pflanzlichem Coca und chemischem Kokain referiert, wird der Leser an den Umstand erinnert, dass das Wort "Drogen" vom niederländischen Wort "droog", trocken, abstammt. Und dass der Museumsmann wenig später für die chemische Verbesserung und Industrialisierung von Kokain wirbt, das ist nur eine der Volten, die dieses liebenswerte Magazin so gerne schlägt.

 

Da Drogen ja anscheinend alle angehen, gibt es die aktuelle Ausgabe dieses eigenwilligen, schlauen und ästhetisch ambitionierten Magazins erstmals am Kiosk zu kaufen. Was hoffentlich auch ohne MDMA-Gimmick (vulgo: Ecstasy) zu einer exorbitant wachsenden Leserschaft führt. ANNE WAAK

 

"Kultur & Gespenster", Heft 11, 12 Euro

 

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.08.2010, Nr. 34 / Seite 27

 

 

Lust und Notwendigkeit


"Kultur & Gespenster" ist auf Droge: Die elfte Ausgabe des Kunst-, Comic- und Theoriemagazins widmet sich in einem üppigen Schwerpunkt allerlei Sucht-, Betäubungs- und Arzneimitteln. Wie immer ein berauschendes Heft.


Sie haben es mal wieder geschafft: Die Macher des Hamburger Kunst- und Comic- und Theoriemagazins "Kultur & Gespenster" haben eine 326 Seiten dicke, schön gestaltete Ausgabe herausgebracht, die elfte insgesamt, und so feierten sie am Montagabend eine Release-Party im Golden Pudel Club.

Grund zum Feiern hatten sie allemal, denn für die vier Herausgeber Gustav Mechlenburg, Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Christoph Steinegger ist "Kultur & Gespenster" ein halsbrecherisches Projekt. Nicht wegen seines immensen intellektuellen Anspruchs, sondern finanziell. Keiner der Beteiligten bekommt ein Honorar, wie viele der 2000 gedruckten Magazine wann verkauft werden, ist nicht vorhersehbar. Wirtschaftlich sei das Magazin meist ein Nullsummenspiel, sagt Mechlenburg, sie könnten "gut einen Sponsor gebrauchen".

 

Zum ersten Mal am Kiosk

 

Die elfte Ausgabe hat allerdings beste Chancen, ein Erfolg zu werden. Weil "Kultur & Gespenster" zum ersten Mal am Kiosk verkauft wird. Vor allem aber, weil über das Thema Drogen noch nie so offen in einem Magazin geschrieben worden ist. Um Kontrollgesellschaften und die dazu passenden Medikamente geht es, "aber auch um den modischen Wirbel, der speziell im Sektor der Kulturproduktion um den Konsum von Drogen gemacht wird", schreibt der Verlag in der Ankündigung.Der Künstler, Autor und Kurator Hans-Christian Dany und der Künstler und Kunsttheoretiker Max Hinderer sind für den Schwerpunkt verantwortlich. Beide haben sich seit Jahren mit dem Thema Drogen auseinander gesetzt. Dany zum Beispiel hat in seinem Buch "Speed - Eine Gesellschaft auf Droge" kritisiert, dass Amphetamin als Pharmazeutikum "die normalste Sache der Welt" sei, die Kinder und Soldaten legal zugeteilt bekommen würden, um "zu leisten, was von ihnen erwartet wird", und dass dasselbe Amphetamin, wenn es "Speed" heißt, als "Killerdroge" verrufen sei.Wie immer sind die Zwischenüberschriften im Heft Zitate aus Hegels "Phänomenologie des Geistes": Unter "Die sinnliche Gewissheit" sind Fotografien von Blumenkasten-Sprengungen zu sehen, angefertigt von der kürzlich verstorbenen Künstlerin Annette Wehrmann. Der thematische Schwerpunkt ist unter "Die Lust und die Notwendigkeit" zu finden.Dany und Hinderer analysieren in ihrem einführenden Text "Mittel & Wege" Gründe für den Drogenkonsum, schildern die Wünsche des Konsumenten und die Realität: Drogennutzung, um "eine zur Norm erklärte Bringschuld erfüllen zu können", also besser zu funktionieren.

 

Reise zu einem Schamanen

 

Die Künstlerin Ines Duojak schildert ihre Reise zu einem Schamanen in Peru, die Erfüllung ihrer Sehnsucht, den eigenen Körper hinter sich zu lassen, und etwas zu finden, was sie "wahrhaft außer sich" bringt. Berührend ist das sehr persönliche tabellarische Tagebuch einer krebskranken Frau, die über mehrere Monate jeden Tag notiert, welche Medikamente sie bekommt, wie ihr physischer Zustand ist und wie ihr psychischer, welche Gedanken und Hoffnungen sie hat.

Der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro schreibt über "Drogen im Szenario einer Kontrollgesellschaft", von der Queer-Theoretikerin Beatriz Preciado ist ein Textauszug aus "Testo Junkie. Sex, Drogen und Biopolitik" abgedruckt, und Max Hinderer spricht mit Diedrich Diedrichsen unter dem wunderbaren Titel "Sich mit sich selbst vollknallen" über Eigenblutdoping.Bleibt zu hoffen, dass die Lead-Award Auszeichnungen für "Kultur & Gespenster" und die Anerkennung der Feuilletons sich dieses Mal auf die Verkaufszahlen niederschlagen.

 

Kultur & Gespenster Nr. 11: "Drogen". Textem Verlag, Hamburg; 12 Euro.

 

Ingeborg Wiensowski, Spiegel Online, 24. 8. 2010

 

 

 

Zweite Sieger

 

Hans Imhoff et al. in der Zeitschrift Kultur & Gespenster

 

Von Alexander Reich

 

Zwischen zwei der 343 Seiten der zehnten Ausgabe von Kultur & Gespenster liegen ein Aufkleber und ein »Errata«-Zettel. Auf dem Aufkleber weist der Eierkopf Humpty Dumpty aus »Alice im Wunderland« darauf hin, daß die superdicke Zeitschrift »jetzt mit Gedichtinterpretationen« erscheint. Im Editorial erklärt der Eierkopf, daß ein Wort, wenn er es gebraucht, genau das heißt, was er für richtig hält. »›Es fragt sich nur‹, sagte Alice, ›ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.‹« »›Es fragt sich nur‹, sagte Humpty Dumpty, ›wer der Stärkere ist, weiter nichts.‹«

 

Im Innenteil geht es u. a. um Rimbaud, Mallarmé, Celan und den Frankfurter Postangestellten Hans Imhoff. Der hat auch Gedichte geschrieben, und zwar nach seiner Einschätzung »die besten seit Walt Whitman. Ihr wißt ja, in den letzten Jahrhunderten gab es nur drei Dichter, den Goethe, den Hölderlin und den Walt Whitman.« Diese Aufzählung machte Imhoff, der inzwischen auf Rente ist, am 5. Februar 1976 in einer Stuttgarter Buchhandlung. Ein legendärer Abend, wie die Abschrift des lückenhaften Mitschnitts in Kultur & Gespenster beweist.

 

Imhoff hatte damals einige große Auftritte in der Studentenrevolte von 1968 hinter sich. Für seine in einem Adorno-Seminar angekündigte Antrittsvorlesung auf dem »Lehrstuhl für Asozialistik« enterte er im November während einer Habermas-Vorlesung das Podium. Der Dozent verließ den Saal. Imhoff schwieg sich vor seinen extrem gespannten Kommilitonen eine Zeit lang aus. Dann schrieb er »Hans Imhoff ist weise« an die Tafel.

 

Ab 1972 machte er den Euphorion-Verlag zum »größten Selbstverlag der Gegenwart«, wobei keines seiner gut 50 Bücher jemals in einer Bestsellerliste auftauchen sollte. »Ich verkauf’ ja im Moment keine Bücher«, sagt er in der Stuttgarter Buchhandlung. »Ich druck’ sie für mein Geld, stehn neben mei’m Bett, behindern die Sicht. Das muß mal anders werden. Meine nächste Auflage ist 1200.« Dann erklärt er der Welt, die nicht bereit ist für seine großen Würfe, was ihr so alles fehlt; »natürlicher Sinn und lebendige Einheit«, zum Beispiel: »Im Gegensatz zum Feudaladel, der seinen Untertanen einreden konnte, das Leben, das er ihnen bereitete, sei gottgewollt, ist die Bourgeoisie so verfault und dumm, daß selbst die Avantgarde ihrer Kunstlakaien (…) keinen Schimmer einer Hoffnung mehr entdecken kann.

 

Das irritiert uns aber nicht.« Wir Imhoffs tragen euch hübschen Wirrköpfchen einfach bis zur Revolution pathetische Poeme wie »Den Lehrern« vor: »Wir folgen bald als zweite Sieger dem Sowjetstaat/ Alle Zukunft muß über diese Schwelle und kochen wie der Stahl.«

 

Im Laufe des Abends gerät Imhoff, der sich als »unmittelbarer Vorläufer eines Klassikers« wie Klopstock fühlt, immer wieder mit seinen Zuhörerinnen aneinander, die in der Abschrift »die gepflegte Blonde«, »die Dunkle« oder »die Alte« heißen, und nicht erst, wo es um den vaginalen Orgasmus geht. Hanns Eisler erklärt er für den Satz zu seinem Vorbild: »Solche Schlachten wie die bei Stalingrad werden doch geschlagen, damit wir uns über die Interpunktion bei Shakespeare unterhalten können«. Im übrigen habe der Komponist, nachdem er Brecht abriet, das »Kommunistische Manifest« in Hexameter zu setzen, »sich ’n Monogramm in ’n Arsch gebissen«, wie man in hessischen Dörfern sage (»die kennen so einzelne Ausdrücke aus der gehobenen Sprache«).

 

Einzig »die Alte« hält in den hitzigen Wortgefechten einigermaßen dagegen. Sie will unbedingt wissen, wie Imhoff sich in der Arbeiterbildung macht. Ihr scheinen seine Ausführungen für diese Lehrtätigkeit zu abgehoben. Imhoff antwortet nur indirekt, als einer ein Gedicht von Sappho im Wortlaut parat hat, um das es gerade geht: »Mit so Leuten und mit Arbeitern kann ich umgehn. Alles was dazwischen liegt, hab ich Schwierigkeiten.«

 

Wahrscheinlich ist Imhoff über den Patrizier Hans im Hof (1260–1341) entfernt mit seinem Kölner Namensvetter verwandt, dessen Stollwerck AG (Sarotti, Sprengel, Alpia) nach dem Mauerfall viele Schokoladenfabriken im Osten übernahm, bevor sie von der Schweizer Konkurrenz geschluckt wurde, weil der Patriarch es nicht übers Herz brachte, seinen Sohn Hans Imhoff junior zum Nachfolger aufzubauen. Genug Stoff für eine Verwechslungskomödie, in der der Postangestellte das Imperium vergesellschaftet. Einstweilen hat nun immerhin die Kultur & Gespenster nachdrücklich an ihn erinnert, auch mit dem lustigen »Errata«-Zettel, der sich ausschließlich auf Imhoffs Vortrag bezieht. Der »gröbste Schnitzer« findet sich auf Seite 55: »In der langen Passage heißt es richtig: ›bei uns ist es die Regel, gell, ich red nicht nur von mir‹ (Es heißt auf keinen Fall ›geil‹).«

 

Am Ende des Heftes trauert ein Tiger in einem wortlosen Farbcomic um seinen geliebten Fisch; flennt, massakriert den Kadaver und sich selbst, bevor er sich zur befreiten Kreatur aufschwingt. So etwa sollte man es mit den Revolten der 60er und 70er halten. Die nächste Kultur & Gespenster zum Thema Drogen wird im Laufe des Sommers fertig.

 

Kultur & Gespenster Nr. 10: Literarische Hermeneutik, Textem-Verlag, 343 S., 12 Euro

 

Junge Welt, 24. Juni 2010

 

 

Kultur & Gespenster Nr. 10 - Der Vortrag

 

Die Zeitschrift "Kultur und Gespenster", von der soeben der zehnte Band erschienen ist - das Wort "Heft" verbietet sich bei einem Umfang von 343 Seiten -, gehört zu den derzeit erfreulichsten und erregendsten intellektuellen Produkten. Allerdings ist sie auch ein wenig esoterisch. Ihre Abteilungen tragen Zwischenüberschriften, die aus Hegels "Phänomenologie des Geistes" stammen: "Der sich entfremdete Geist. Die Bildung", "Die Lust und die Notwendigkeit", "Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeihung", "Die sinnliche Gewissheit" und am Ende "Die Tugend und der Weltlauf". An Hegels Programm besticht, dass die Philosophie bei aller logischen Ableitung doch in konkreten historischen Bewusstseinsgestalten dargestellt wird.

 

Solche Formen und Gestalten gibt, wenn man von der eigentlichen Philosophie einmal absieht, vor allem die Dichtung, auf die sich schon Hegel bezog, wenn er etwa die Antigone des Sophokles oder die Prosa Diderots als Stationen der Bewusstseinsentwicklung nahm. Bei "Kultur und Gespenster" sind es diesmal Aischylos, Mallarmé, Ingeborg Bachmann - und Hans Imhoff. Dem Heft liegt deshalb sehr zu Recht ein Aufkleber bei, auf dem man den Eierkopf Humpty Dumpty sieht, aus "Alice im Wunderland" bekannt, und dazu den Text: "Kultur und Gespenster - jetzt mit Gedichtinterpretationen".

 

Mit Imhoff eröffnet der Band, abgedruckt wird der vollständige Text des "Großen Stuttgarter Vortrags", der am 5. Februar 1976 gehalten wurde. Dass er in die Abteilung des sich entfremdeten Geistes fällt, der Bildung, ist ganz richtig. Denn Imhoffs Vortrag entfaltet ein Bildungsprogramm des höchsten Niveaus, das mit einem unerhört autoritativen Anspruch auftritt. Hätte der Vortrag die Form einer Abhandlung, dann würde man in seinem Verfasser einen marxistisch geschulten Altphilologen und Poetologen vermuten. So liest man etwa, die Literatur müsse, ",wenn sie heute bestehen will, solidarisch mit der Arbeiterklasse, offensiv in ihren Organisationen und gelehrt, mit dem Wissen aller Zeiten gewappnet, kämpfen.' Dieser Satz ist eine Reverenz an Tacitus."

 

Nur dass der Vortrag keiner ist. Nur dass er diplomatisch getreu dem seinerseits lückenhaften Tonbandprotokoll folgt, mit allen dialektalen Lizenzen, Stockungen, Abschweifungen, Selbstkorrekturen, Flirts mit Zuhörerinnen oder der Lehrerrolle abgelauschten Rügen an Zuhörer ("Wer beschwert sich da?", "Ich kann nicht lesen, wenn ihr redet!"), Unterbrechungen durch verspätete Gäste, und dass er sich zeitweise in ein strenges Examen der Anwesenden verwandelt. Die objektive Textgestalt, die faktische Formulierung des "Großen Stuttgarter Vortrags", steht in einer solchen Spannung zum Titel, dass man nun nicht anders kann, als hier selbst im Zerfall eine strenge Form anzunehmen.

 

Einmal wird der Name Klopstock eingeworfen. Imhoff darauf: "Da denke ich oft dran, an den Klopstock. Und mit Vorbedacht kenne ich den nicht. Manchmal denke ich, dass ich auch so einer bin - nach dem kamen ja auch die wirklich Bedeutenden, Aber der hat die Bedingungen geschaffen. Hölderlin ohne Klopstock? Schiller ohne Klopstock? Gibt s des? Nee, gibt s glaub ich nicht. - So. Was machen wir noch?"

 

Der Stoff höherer Bildung wird in ganzer Breite durchgenommen, stets auch und vor allem mit Blick auf Imhoff. Nach Richard Wagner gefragt, erklärt er: "Ich hab ne Schwäche in puncto Musik: Ich kann nur Beethovensche Symphonien hören. Wer versteht das? Wer kann mir das je erklärn? Ich kann keine Musik hören, nur Beethovensche Symphonien. Ist das nicht ein Phänomen? Ja, die Stones, ,You can't always get what you want', das kann ich auch noch hörn. Das geht mir direkt immer an die Nieren." Gehalten wurde der Vortrag in der Stuttgarter Buchhandlung von Wendelin Niedlich, der damals einen großen Namen in der Literatur hatte.

 

Herausgeber der Zeitschrift ist Jan Frederik Bandel. Gemeinsam mit Sascha Hommer hatte er in den vergangenen Jahren einen täglichen Comic in der "Frankfurter Rundschau", in dem unter dem Titel "Im Museum" das weiße Kaninchen aus "Alice im Wunderland" mit zwei Kindern und allerhand Tieren die neuere Weltgeschichte und Kunsttheorie durchlief. In der Zeitung ist er leider nicht mehr zu sehen, dafür ist soeben ein neuer Band erschienen. Der Titel "Im Museum" ist ein Programm. Durch Aufnahme in ein Universalmuseum kann alles Vergangene seinen Platz finden und zugleich entschärft werden, sich in Heiterkeit auflösen - selbst ein gemütlicher "Führer", der erst durch ein Fernsehinterview Ernst Jüngers in der "Kulturzeit" die Nachricht der Einnahme von Paris erfährt. Ursula Panhans-Bühler steuert in der Zeitschrift einen Beitrag zu diesem Comic bei: "Schöne neue Welten des Panmusealismus". Man findet ähnliche Gedanken in der Ästhetik von Bazon Brock. So stehen im Hintergrund des Comics wie der Zeitschrift ernsthafte, ebenso kunsttheoretische wie geschichtsphilosophische Probleme, und die hegelianisierenden Zwischentitel sind kein unverbindliches Spiel, sondern erheben einen deutlichen Anspruch.

 

Lorenz Jäger

 

Text: F.A.Z., 02.06.2010, Nr. 125 / Seite N3

 

 

 

"Kultur & Gespenster" und die Besserwisserei

 

In der Bar Zentrale des Thalia Theaters findet morgen ab 20 Uhr eine Party der besonderen Art statt: Die ambitionierte Zeitschrift "Kultur & Gespenster" feiert dort das Erscheinen ihrer kommenden Ausgabe zum Thema "Literarische Hermeneutik". Denn es gibt einiges zu feiern: Dreimal hat das Magazin bei den diesjährigen Lead Awards gewonnen, der Layouter und Mitherausgeber Christoph Steinegger gewann sogar Silber in der Königsdisziplin "Visual Leader".

 

In der kommenden Ausgabe geht es um Besserwisserei bei der Empfindung - mit Texten von Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Martin Heidegger oder Hans Imhoff. Um dem Geist im Anschluss auch Entspannung zu verschaffen, wird es auch eine Comic-Lesung aus dem Strip "Im Museum" mit anschließendem Pop-Konzert mit der Band Brokof geben. Eintritt 5 Euro.

 

DIE WELT, Kajta Engler, 13. April 2010

 

 

 

 

Zeitschriftenschau

 

War die erste der beiden Hochstapler-Ausgaben von Kultur & Gespenster noch sehr unterhaltsam, so hat sich der Rezensent bei deren jüngerer Schwester rasch gefragt: Wozu jetzt das? Nachdem das Pulver nahezu verschossen ist? Immerhin gibt es eine charmante Fotostrecke mit Werbepostkarten der Berliner Look-Alike-Agentur Rosemarie Fieting, die 1987 im Märkischen Viertel gegründet wurde und manche "Madonna Louise Ciccone" und "Norma Jeane Mortenson" im Angebot hatte. Und Sebastian Burdach schreibt über Herbert Achternbuschs Bierkampf (1976) viel Kluges, etwa: "Achternbusch spielt hier einen Anti-Hochstapler, der nur vorgibt, ein Hochstapler, ein falscher Polizist zu sein. Er gibt sich aber gar keine Mühe, irgendwelche Erwartungen an diese Polizisten-Rolle zu erfüllen. Im Gegenteil ist er von der ersten Minute an, als er sich uniformiert durch die Menschenmenge drängt und dabei immer wieder 'Vorsicht, Polizei' ruft, nur darauf aus, die Rolle selbst, die er gerade vorgeblich spielt, als untauglich vorzuführen und zu zerstören. Er hat die Uniform nur angezogen, um damit Dinge zu tun, die ein echter Polizist oder ein vergleichbar Respekt heischender staatlicher Amtsträger bei der Ausübung seines Berufs keinesfalls tun würde."

 

Am Erker Nr. 59, Juni 2010

 

 

 

Neuer Ernst und alte Tugenden

 

Die Botschaft der diesjährigen Hamburger Lead-Awards lautet: Journalisten haben wieder mehr Lust auf Inhalte

 

Es ging erstaunlich unpoppig zu bei den diesjährigen Lead-Awards in Hamburg. Grässlich entstellte Opfer von sowjetischen Atomversuchen, Kinder in Kibera, dem Slum von Nairobi, verstümmelte Fußballer aus Sierra Leone oder die Steinigung eines eingegrabenen Ehebrechers in Somalia - das sind die prägenden Eindrücke von der Selbstpreisung der deutschen Magazin-Presse, die jährlich in den Hamburger Deichtorhallen stattfindet. Ein Anflug von neuem Ernst und alten Reportage-Tugenden erlebt in Zeiten der Krise eine Renaissance als Kriterium bei den Riesen-Jurys, die über die Auszeichnungen für besonders gelungene Magazin-, Werbe- und Web-Produkte abstimmten. 29 Experten aus allen Teilen der Branche, darunter einige Fotografen, die sich schamlos selbst mitprämierten, kürten etwa die Gewinner im Bereich Fotografie, der für die große Ausstellung der Preisträger in den Deichtorhallen am meisten hermacht.

 

Eine zarte, ganz unplakative Fotoreportage von Armin Smailovic über die Trauer nach dem Massaker von Srebrenica oder Johan Bävmans tiefe Einsichten in das Fernfahrerleben in Schweden zeigen gerade in ihrer Verbindung von sozialer und ästhetischer Kompetenz, wie sich die Zone zwischen Kunst und Dienstleistung erobern lässt. Das setzt Maßstäbe eines intelligenten und zweifelnden Journalismus, gegen den vieles aus der angewandten Fotografie wie eine Überdosis Luxus-Verdruss wirkt: Seien es maximal gekünstelte Werbestrecken von Steven Meisel für Prada oder Erwin Wurms Versuche, seine lustigen One-Minute-Sculptures mit Claudia Schiffer als Modell weiter kommerziell auszuschlachten.

Die Lust, nur oberflächlich zu sein, wirkt momentan ein wenig wie die Kleidungsversuche eines lecken Öltanks. Dass der Spiegel zum besten Heft, ein Titel des Zeit-Magazins zur Katholiken-Krise zum schönsten Cover und der Web-Auftritt des Freitag zum interessantesten Online-Angebot gewählt wurden, passt zu dieser neuen Nachdenklichkeit - bei der man allerdings nie ganz sicher ist, ob der Sinneswandel vielleicht doch auch Pose ist. Die Botschaft jedenfalls klingt so: Journalisten haben wieder Sehnsucht nach Inhalten, Auseinandersetzung und schwierigen Themen. Das reicht bis zu den Kuriositätenpreisen für die besten Newcomer, wo so spröde, querdenkende Intellektuellen-Magazine wie Kultur und Gespenster zu den Siegern gehören. Deren fotografischer Vergleich von Elvis und Joseph Beuys in allen Lebenslagen gehört dann auch zu den prämierten Beispielen des Anti-Comedy, der sich von der Gegenwart des Humors absetzt. Subtil und trotzdem leicht.

Die Krise hat so einiges verschärft - bei manchen ganz offensichtlich auch das Denkvermögen.

 

Süddeutsche Zeitung, Till Briegleb, 8. April 2010

 

 

Wir raten zu

 

Kultur & Gespenster

 

Sie wollen »mehr als eine Zeitschrift« sein, aber zugleich »noch kein Buch«, so haben es die Gründer von Kultur & Gespenster um Gustav Mechlenburg einmal formuliert. Wer sich also bereits genretechnisch bewusst zwischen die Stühle setzt, hat einen idealen Gestaltungsraum: Denn zwischen den Stühlen (die man in diesem Fall Theorie & Praxis, Kulturwissenschaft & Pop, Kunst & Literatur oder Text & Bild nennen könnte) schwebt man kurz, hat Luft zum Atmen, und direkt darunter ist, man beachte die Fallhöhe, der Boden der Wirklichkeit. Genau in diesem Zwischenreich entsteht jener »Diskurs-Pogo« (Enno Stahl) von Kultur & Gespenster, der dieses Zeitschriftenbuch zu einem der interessantesten deutschen Phänomene macht, die man abonnieren kann. Die aktuelle Ausgabe ist dem Thema »Hochstapler« gewidmet – und wie sich hier die Lust auf grafisches Spiel, rücksichtslose Intelligenz, grenzenlose Neugierde und stilistische Vielfalt auf 250 Seiten mischen, ist, um tiefzustapeln: zumindest erhebend. Es spricht für das Rhythmusgefühl von Kultur & Gespenster genauso wie für deren so weiten wie präzisen Kulturbegriff, wie hier nicht nur feinsinnige Bildstrecken auf grobkörnige Bleiwüsten folgen, sondern auch, wie historische Texte lässig und konsequent mit Zeitdiagnosen verknüpft werden. Es sind immer die interessantesten Phänome, die selbst ein neues Genre begründen. Wir raten dringend zum Abonnement.

 

DIE ZEIT, 12. 11. 2009, Florian Illies

 

Kultur & Gespenster Nr. 9/2009; Textem Verlag, Hamburg (www. textem.de); 246 S., 12,– € (Abo: 4 Hefte 45,– €)

 

 

Die Spannung des Nicht-Wissens

 

VERSCHÜTTETE MÖGLICHKEITEN

 

TV-Soaps oder Klassik: Die "Naturphilosophie" von Paul Feyerabend verbindet Realität, Medium und Wahrheit

 

VON CORD RIECHELMANN

 

Das Magazin Kultur und Gespenster leistet sich in seiner aktuellen, dem Hochstapler gewidmeten Ausgabe einen subtilen Witz. "Erkenntnis und Bilder", der erste Text des Heftes, ist dem Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend (1924-1994) gewidmet.

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Paul Feyerabend gilt mit seinem Schlagwort vom "Anything goes" als einer der Stichwortgeber postmoderner Theorie- und Praxisbildung. Den einen, in der Regel Künstler und sich anarchistisch gerierende Studenten, wurde er damit zu einer Art Säulenheiligen. Anderen aber, in der Regel sich seriös dünkenden Philosophieprofessoren und Wächtern über die strenge und korrekte Lehre der Wissenschaften, erschien Feyerabend als Scharlatan und der entscheidende Türöffner von Geistlosig- und Beliebigkeit nicht nur an den Universitäten. Unrecht hatten beide Seiten, das zeigt der Autor des Textes "Erkenntnis und Bilder", der Bremer Kunstwissenschaftler Michael Glasmeier, argumentativ so einleuchtend, wie man es sich nur wünschen kann.

Unbearbeiteter Rest

Feyerabend ging es mit seinem Plädoyer für einen Methodenpluralismus um eine Wiedergewinnung des Möglichkeitssinns in der Entscheidungsfindung. Da jede Entscheidung, ob staatspolitisch oder individuell, mit dem Ausschluss anderer Möglichkeiten arbeiten muss, bleibt immer ein unbearbeiteter Rest. "Wir untersuchen einige dieser Möglichkeiten - andere verwerfen wir einfach ohne auch nur einen Blick in ihre Richtung, denn allen weisen Menschen aller Zeiten ist es noch nicht gelungen, auch nur zu beginnen mit einem vollständigen Studium aller möglichen Lebensgeschichten", schreibt Feyerabend in "Wissenschaft als Kunst" 1984.

Das heißt, jede Entscheidung verschüttet Möglichkeiten, und dem kann man nach Feyerabend nur mit einem bedingungslos demokratischen Kulturverständnis antworten. " … ich sagte, Die Kunst DES Volkes sei Dallas oder Jerry Cotton und daß man erst diese studieren müsse, wenn es einem daran gelegen sei, Kunst und Volk ein wenig näher zu bringen", erläutert Feyerabend seine Position in einem Brief an den Ethnologen Hans Peter Duerr. In der von Duerr herausgegebenen Anarchozeitschrift Unter dem Pflaster liegt der Strand fasste Feyerabend in einem Essay sein Programm im Titel zusammen: "Wie die Philosophie das Denken verhunzt und der Film es fördert".

In Glasmeiers Text wird daraus eine Beschreibung der Arbeitssituation des Philosophen. Während Feyerabend an "Wissenschaft als Kunst" arbeitet, laufen zeitweilig zwei Fernseher, auf denen US-amerikanische Shows und Soaps zu sehen sind, daneben liegt ein Prachtband über die Impressionisten. In Glasmeiers Annäherung wird die in Fernseh- und Filmkonsum sich austobende Bildersucht Feyerabends aber nicht zu einem augenzwinkernden Bekenntnis zum Kitsch, den Intellektuelle sich leisten können. Sie wird zu einem Erkenntnismodell, das sich, wie auch die Philosophiegeschichte, den Fragen von Realität, Medium und Wahrheit stellen muss. Methodenpluralismus ist für Feyerabend also nichts anderes als der Versuch, der Sackgasse der einseitigen Entscheidung zu entkommen. Trash und Soaps stehen dabei neben dem klassischen griechischen Theater, ohne das eine der Optionen die andere dominiert oder ausschließt. Wobei der Ausschluss zum Schreckgespenst Feyerabends überhaupt wird.

Deshalb wehrt er sich bereits als Philosophieprofessor in den 60er-Jahren in Berkeley gegen Kapazitätsbeschränkungen in den Seminaren und benotet alle Studenten prinzipiell mit "sehr gut". Deshalb auch wird ihm der Dadaismus in den Sechzigerjahren zum Erkenntnisinstrument. Dada war im Unterschied etwa zum Surrealismus keine Schule, sondern eine Bewegung. Und Bewegungen unterscheiden sich von Schulen dadurch, das sie keine reine Lehre vertreten und in der Folge auch auf Ausschlussverfahren und Tribunale verzichten können. Und das die von Glasmeier im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft aufgespannten pluralistischen Maximen Feyerabends überhaupt nichts mit Beliebigkeit oder "Anything goes" zu tun haben, kann man jetzt an seiner aus dem Nachlass veröffentlichten Naturphilosophie studieren. Es ist nicht übertrieben, Feyerabends Naturphilosophie als sein bestes und aktuellstes Werk zu bezeichnen. Es geht darin um eine Darstellung der Denkformen über die Natur von der Steinzeit bis heute.

Scheinbare Ruhe

Das Werk ist so bildgesättigt, wie man es nach Glasmeiers Essay nur erwarten kann. Es enthält eine knappe, aber präzise Darstellung der archaischen Kunstformen und eine Kritik ihrer Deutungen. Dass Tierbilder eine magische Funktion haben, Abbildungen von schwangeren Tieren oder Frauen eine Rolle in Fruchtbarkeitsriten spielen oder nicht identifizierbare lange oder rundliche Gegenstände sexuell konnotiert sind, wie es die deutende westliche Wissenschaft behauptet, hält Feyerabend weder für richtig noch für beweisbar.

Denn "der Kreis der Vorstellungen einer Menschengruppe ist viel umfassender, als was sich aus ihren Kulturspuren allein ermitteln läßt", heißt es in der Naturphilosophie. Das meint: Es ist prinzipiell unmöglich, eine Lebenswelt, an der man nicht teilhat, angemessen zu beurteilen. Die alten Griechen wussten das noch. So wird bei Homer und Hesiod die Welt ein aus vielen kleinen Ereignisreihen zusammengesetzter gigantischer Prozess, in dem die Ruhe nur scheinbar ist, weil sie nur das Ergebnis von Tendenzen ist, die kurzzeitig und vorübergehend ein Gleichgewicht schaffen. Es ist in diesem naturmythischen Denken also immer alles in Bewegung, und - das ist Feyerabends Pointe - die Natur schließt hier immer auch die Gesellschaft ein. Die Trennung von Natur und Gesellschaft erfolgt bei den Griechen mit Parmenides, der der Natur mithilfe mathematischer Beschreibungen die Bewegung nimmt, in dem er sie mit ruhenden und zur Veränderung grundsätzlich unfähigen Prinzipien erklärt. Die Trennung von Natur und Menschengeschichte hat hier ihren Ursprung und bleibt bis ins 19. Jahrhundert das bestimmende Paradigma von Wissenschaft und Geschichte, das sich in der Floskel von den "ewigen Naturgesetzen" Ausdruck verschafft.

Im 19. Jahrhundert aber, mit Darwin zum Beispiel, beginnen sich Natur und Begriffe wieder in der Geschichte zu bewegen. Sie fließen sozusagen und bieten die Möglichkeit einer Kombination moderner Wissenschaft mit dem Gedankengut steinzeitlicher Philosophen und Wissenschaftler. Und wie die aussehen könnte, davon handelt der Philosoph Michael Hampe im "Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte". "Nach Feierabend" heißt das Periodikum und widmet sich aktuell dem Nichtwissen. Wobei Nichtwissen für Hampe zu einem wesentlichen Movens existenzieller und wissenschaftlicher Revolutionen wird. Nur da, wo man nicht weiß, wie man mit etwas umgehen soll, das in der Welt passiert, entsteht ein Veränderungsdruck auf die relative Geschlossenheit wissenschaftlicher oder persönlicher Systeme. Nur in der Spannung von Nichtwissen und einem Außendruck wird die Entwicklung neuer individueller Stimmen von Personen oder Disziplinen notwendig. Die Lage an den Universitäten und in der Gesellschaft scheint gerade neue Töne gebrauchen zu können, und die drei Texte sind Werkzeuge, mit denen die ewige Perpetuierung der angeblichen Alternativlosigkeit derzeitiger Handlungsmuster sehr gut aufgehoben werden kann.

 

Kultur & Gespenster Nr. 9: "Hochstapler". Textem, Hamburg 2009, 247 S., 12 Euro

 

tageszeitung, 28. 11. 2009

 

 

 

 

Scharfer Blick auf aktuelle Konfliktlagen

 

Viele schöne, seltsame und kuriose Gewerbe gehen zunehmend verloren. Scheckbetrüger, Heiratsschwindler, Hoteldieb und Hochstapler. Oder haben sich die Berufsbilder nur gewandelt, hat die Gesellschaft lediglich neue Termini gefunden? Die beiden Hochstapler-Hefte des stets lobenswerten Magazins Kultur & Gespenster gehen diesen Fragen nach. Friedemann Sprenger auch …

 

Die zentrale europäische Figur zum Thema ist natürlich Walter Serner, dessen Verlag seine Werke – die man dringend wieder, wieder und wieder lesen soll – damit bewarben, sie seien „verfaßt von dem kontinental berüchtigten internationalen Hochstapler Dr. Walter Serner“. Serners Beiträge zur Geburt des Kriminalromans aus dem Geiste des Dadaismus und Surrealismus sind kaum zu unterschätzen. Enno Stahls kompaktes und kluges Porträt mit dem schönen Titel: „Die Welt will betrogen sein, gewiss. Sie wird sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust. WALTER SERNER – Presse Blague, Hochstapelei und der Nihilismus des l’ennui“ spart Berge von Besinnungsaufsätzen zum Thema, und setzt Serner genau in die Kontexte, die heute noch so aktuell sind wie 1910: Serner hat immer wieder die „umfassende Sinnlosigkeit aller humanoiden Betätigungen herausgestrichen“ und ist damit zu den ersten Ansätzen einer „außermoralischen Ethik“ gelangt, die in letzter Konsequenz dazu führt, dass man sich „die Zeit in der Leere angenehm (…) vertreiben“ sollte. Sehr menschlich, sehr subversiv, sehr brauchbar, wenn man sich die Geschichte der Kriminalliteratur und ihre Sinnerzwingungsmaschinchen mal andersrum anschauen möchte.

 

Von Dada zu Alfred Jarry und Père Ubu ist es logischerweise nicht sehr weit und insofern ist es auch systematischerweise nur folgerichtig, dass Robert Ohrt ein paar Fallstudien zu aktuellen Hochstaplern (mit Schwerpunkt auf einer Dame, die die dänische Kunstszene jahrelang geblufft, düpiert und vermutlich sehr hübsch ausgeplündert hat) „Herr Ubu mit blonden Zähnen“ übertitelt. Ohrt zieht natürlich konsequent die Linie von den marginalisierten Hochstaplern in den Schönen Künsten (von Arthur Cravan bis – überraschenderweise – Francis Picabia) hin zu den „etablierten Hochstaplern“ – den Politikern, den Experten, den Houdinies der Finanzwelt.

 

Auch dieser feine Aufsatz hat im Konzept der beiden Hefte seine logische Fortsetzung, die evidentermaßen zu Bernie Madoff (siehe auch SiK vom 04.7.09) führt und den 65 Billionen (!!!!) Dollars, die dieser absolut erfolgreichste Geldvernichter aller Zeiten in den Sand gesetzt hat. Das ist groß – wie und warum es funktioniert, hat Harald Nicolas Stazol mit ein paar interessanten Seitenblicken auf Tom Ripley unter dem Titel „IMPOSTORS REVISITED – oder warum Hochstapler hochstapeln“ rekonstruiert.

 

Um jetzt nicht in die Gefahr zu geraten, die beiden Hefte von hinten bis vorne zu referieren und auch noch die sehr gelungenen Bildstrecken zu loben (warum ist so oft Joseph Beuys in verschiedenen Zusammenhängen zu sehen?), noch zwei Hinweise:

 

Erstens auf eine schöne Hommage von Michael Glasmeier an den Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend: „Erkenntnis und Bilder. Paul Feyerabend“, wobei natürlich die Aufnahme Feyerabends in den Kontext der Hochstapelei ein sehr ironischer Reflex auf die Reaktionen des offiziellen Wissenschaftsbetriebs ist, der, als 1975 „Wider den Methodenzwang“ erschien, einen ziemlich heftigen Geifer-Ausstoß hatte.

 

 

Zweitens auf den Artikel von Daniel Künzler: „COUPÉ DÉCALÉ: Ostentativer Konsum im Dunstkreis von Betrug und Bürgerkrieg.“ Coupé Décalé ist ein spezifischer Mix aus Rap, kongolesischem Rumba, ivorischem Zouglou und anderen Einschüssen, der sich in Paris in afrikanischen Discos und Klubs formiert hat.

 

Konstitutiv für Coupé Décalé ist aber der lifestyle, die Statussymbole – teure Uhren, Kaviar, Zigarren etc. –, deren Herkunft so ostentativ unklar sein muss wie ihre ostentative Pratz-Funktion. Die Ursprünge liegen in den killing fields Westafrikas, in der Côte d’Ivoire, in Liberia und anderen Gegenden, wo traditionelle Eliten von Warlords abgelöst worden sind und wo sich Kleptokratie sozusagen als Medium des sozialen Aufstiegs jenseits althergebrachter Familien-Strukturen den Weg frei geschossen hat. Die ambianceurs, wie die Aficionados und Heroen des Coupé Décalé heißen, sind die notfalls waffenstarrenden Hochstapler und Parvenus, die von „herkömmlichen Formen der sozialen Mobilität ausgeschlossen sind“ und ihre neuen Wege zum sozialen Erfolg in eine Musikkultur überführt haben, die man als Popmusik der „Kriegsgewinnler“ bezeichnen könnte.

 

Fazit: Die beiden Hochstapler-Hefte pflegen den scharfen Blick auf die wirklich interessanten Konfliktlagen unserer Tage. Wie gute Kriminalliteratur.

 

Friedemann Sprenger

 

 

Robert Ohrt et al: Hochstapler I/II (= Kultur & Gespenster 8 und 9). Hamburg: Textem Verlag 2009. 231 und 247 Seiten. jeweils 12,00 Euro

 

 

titel Magazin, Dezember 2009

 

 

 

 

Hochstapler

 

Roberto Ohrt, der Situationismus-Experte aus Hamburg, hat die neue Ausgabe von Kultur & Gespenster zusammengestellt, die sich dem Thema Hochstapler widmet, aber nicht einfach so, sondern „I/II“. Ob man dabei (wie der Rezensent) ein braunes Cover mit dem jungen Schmalz-Elvis oder ein graues Cover mit dem alten Fett-Beuys erwischt, ist eine Sache des Zufalls.

Es soll Leute geben, die das Wort Hochstapler hören können, ohne dabei sofort an Walter Serner zu denken. Ihnen, aber auch den altgedienten und hart gesottenen Serner-Fans zu Freud und Frommen beginnt das Heft mit einem Auszug aus Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen, einem Buch der Tricks und Finten, aber auch des Handwerksstolzes und des aufrechten Gangs trotz diebisch züngelnder Gaunerfinger. Das Buch, spätestens seit Helmut Lethens Verhaltenslehren der Kälte als ein zentraler Text der klassischen Moderne kanonisiert, wird vom zunehmend unentbehrlichen Enno Stahl heiter kommentiert, ehe Frank Apunkt Schneider über den „Fake als künstlerische Strategie“ schreibt und dann – auch mit Roberto Ohrt – über Georg Paul Thomann plaudert, einen „von der Wien-Graz-Bamberger Gruppe monochrom erfundenen österreichischen Großkünstler, dessen Weg durch das späte 20. Jahrhundert markante Punkte und Positionen der Gegenkulturgeschichte sowie der künstlerischen Avantgarde miteinander verbindet“. In diesem turbulenten Gespräch purzeln die Erkenntnisperlen nur so aufs mit schwarzer Auslegeware geschmückte Diskursparkett: „Also Thomann [so Schneider] kann sich immer auf alles beziehen, was wir wissen. Und ich finde diese Art von investigativer 70er- und 80er-Jahre-Kunst auch gut, aber es fehlt immer der Spaß dabei. Bei einem Günter-Wallraff-Buch kann man ja kaum lachen. – Du meinst diesen humorlosen politischen Ansatz [so Roberto Ohrt], vorneweg geht es um Aufklärung, und die unfreiwillige Komik bei Wallraff ist kein Thema, die Selbstporträts, die man dann kennt: Klebt sich einen Bart an, sieht aus wie Günter Grass, kann sich dann einschleichen mit ’nem Käppi auf – das sieht doch alles ganz lustig aus. Gelten soll aber nur die Aufklärung.“

Einmal mehr überzeugen die Bildbeiträge der neuen Ausgabe, vor allem die sechzehn spannungsvollen Parallelporträts aus dem Video „Elvis Beuys“ von Manuel Zonouzi, die die beiden Herren in sich oft verblüffend gleichenden Posen und Settings zeigen, als würden sie bloß erstaunlich ähnliche öffentliche Erwartungshaltungen bedienen, was bei Beuys stärker überraschen mag als bei Elvis. Sehr schön auch Thorsten Passfelds Comic „Ulrike und die Anderen“, ein Lebensdrama, das im Kreißsaal beginnt, wo die lieben Mitgeborenen Sätze wie „Ich bin aus reinem Gold!“, „Ich kann fliegen!“ oder „Ich kann Karate!“ ausstoßen, während es bei Baby Ulrike nur zu „Oje. Ich habe nichts und kann auch noch nichts. Am besten stell ich mich schlafend“ reicht.

 

Am Erker, Zeitschrift für Literatur

32. Jahrgang 2009. Nr. 58

 

 

 

Schuld und Bühne

 

Wirtschaft als das Leben selbst

 

Ein Jahr, bevor Christoph Schlingensief an Krebs erkrankte (worüber er dann ein Buch veröffentlichte), drehte Cordula Kablitz-Post einen Dokfilm über das Verhältnis von Leben und Kunst bei dem Theatererweiterer. »Die Piloten« heißt dieser Film. In einer Szene liegt Schlingensiefs Vater »ganz real im Sterben«, wie der Zeitschrift Polar, Heft 2/2009, zu entnehmen war. »Auch dies wird in eine mediale Inszenierung überführt: Schlingensief streichelt in der Talkshow die Hand eines Schauspielers, der seinen Vater darstellt. Nach der Sendung ist er vom Gedanken an den sterbenden Vater, aber auch über den Zynismus seiner Inszenierung zu Tränen erschüttert. Er weint. Ein Moment größter Wahrhaftigkeit. Doch Schlingensief schaut mit verheulten Augen ins Objektiv und sagt: ›Ja, das ist ja jetzt auch Scheiße. Mit der Kamera ist das auch nicht echt‹.«


Schlingensief will die Widerspiegelungstheorie beim Wort nehmen und bis an ihre Grenze gehen: »Talk to end all talk« war angeblich das »Motto« des Dokfilms. Fast noch »naturalistischer« hat das jetzt der schwedische Filmer Patrik Eriksson angepackt – die Trauer. Seine Freundin hat ihn verlassen, er sucht krampfhaft – über alle Medien – nach einer neuen. Dabei filmt sich der selbstmitleidige Regisseur selbst mitleidlos: »An Extraordinary Study in Human Degradation«. »Aufrichtig« nennt die Filmkritik das.

Schreiber ertappen sich in interessanten Situationen mitunter dabei, daß sie bereits mit dem Formulieren, also mit der Verwertung, beschäftigt sind. Sie hätten das gar nicht nötig, denn anders als bei Film oder Hörfunk können sie sich auf ihre Erinnerung verlassen, müssen keine Bilder oder O-Töne aufnehmen.

Seit dem Boom der Internet-Foren und der Handy-Fotografie sollen immer mehr reale Lebenssituationen durch den Einsatz von Medien etwas werden, das tatsächlich stattgefunden hat. Unweigerlich führt das zu einer »Krise der Wirklichkeit«, die immer mehr zu einer medialen wird. Die llusion wird das Reale.

Für Hochstapler gilt das schon lange, sagt der Publizist Thorsten Pannen, und zitiert Felix Krull: »Die wirkliche Welt ist in Wahrheit nur die Karikatur unserer großen Romane!« Pannen hat sich ausführlich mit den Spezialisten für Standesunterschiede befaßt: »Ingeniös beherrschen sie alle relevanten Vokabulare – und ob sich dahinter eine Wirklichkeit verbirgt, ist für sie völlig irrelevant. Sie setzen Realität!«

Die allgemeine Medialisierung ist auch an Pannens Hochstaplern nicht spurlos vorübergegangen. In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Kultur & Gespenster über »Hochstapler« schreibt Pannen: »Der postmoderne Hochstapler ist keiner mehr, weil er sich seiner Täuschung nicht mehr bewußt werden kann. Er ist die Täuschung, und sie ist der Kern seiner täglichen Arbeit, sein Material, an dem er sich professionell und verdienstvoll abarbeiten kann.«

Für alle Hochstapler gilt: »Die Täuschung (das Vortäuschen der Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Schicht, H.H.) muß immer weiter gehen als der Verdacht« (La Rochefoucauld).

Umgekehrt verfahren die »Tiefstapler«; eine interessantere, aber auch seltenere soziale Spielart, weil sie viel mehr abverlangt. So meinte zum Beispiel der Hochstapler Gert Postel in einem späteren Interview, er »hätte ja nicht die Rolle des Bäckers spielen können«, weil er dabei sofort aufgeflogen wäre. Aber als falscher Psychiater und Weiterbildungsbeauftragter der Ärztekammer konnte er sich sogar »Krankheitsbegriffe« ausdenken: »Keiner da traut sich, eine Frage zu stellen.«

 

Junge Welt, Helmut Höge, 27.10.2009 / Feuilleton / Seite 12

 

 

 

 

Hochstapler - Marionetten des Status quo

 

WDR, 20. 10. 2009, Mario Angelo

 

Die Nummern 8 und 9 des famosen Magazins "Kultur & Gespenster"

Version 1.0

 

 

Autor

Wir sind uns schon lange nicht mehr sicher. Ständig fragen wir

 

Ton 1

(Diverse Stimmen:) Echt? / Wirklich? / Jetzt echt? / Tatsächlich? / Ne? Echt? / Wirklich wahr? / Echt? / Jetzt wirklich, oder? / Echt? / Echt?

 

Autor

Nachdem die Welt dank technischer Entwicklung und Eskalation ein fortgeschrittenes Stadium ihrer technischen Reproduzierbarkeit erreicht hat, ist uns die Idee und Empfindung des "Echten" abhandengekommen, hat buchstäblich an Bedeutung verloren. Der kürzlich enttarnte Analogkäse imitiert mit seinen Pflanzenfettbestandteilen das genuine Milchprodukt. Echt? - Nein, dafür immerhin analog. Auto- und Maschinenbauer, Baumeister und Statiker prüfen die Materialsicherheit ihrer Konstruktionen in der virtuellen Realität von Computersimulationen. Echt? - Ja, einfach mal angenommen. Auf dem Buchmarkt reüssieren erfundene Tatsachenberichte. Echt ausgedacht. Wer eine fremde Gegend wie seine Westentasche kennt, muß nicht zwangsläufig (körperlich) dort gewesen sein.

 

Mit den zunehmenden Verwandlungsmöglichkeiten der dinglichen Welt haben sich auch deren Bewohner Camouflagen zugelegt, die Selbstschönfärbern und Selbstzweckdienern Überlebensgelegenheiten in Gestalt fingierter Existenzen eröffnen. So mancher Eigenartgenosse entpuppt sich als charaktersimulierender Möchtegern. Wer an sich selbst glaubt, muß nicht zwangsläufig der sein, den er uns glauben macht.

 

Blender, Bluffer und Bauernfänger, Hasardeure, Heiratsschwindler und Hochstapler sind geläufige Figuren, die die Wirklichkeit und ihre Abbilder in reicher Zahl bevölkern. In mannigfaltigen Masken pflegen sie den Betrug in Handel und Wandel. Unstudierte Ärzte und Rechtsanwälte, geschichtenlose Abenteurer, ahnungslose Anlageberater nähren sich eindrucksvoll von dem Umstand, daß der Schein unser Sein bestimmt. Die Welt will betrogen sein, sagt der Volksmund.

 

Ton 2

Was mich daran reizte, war, daß wie weit man Menschen kriegen kann, derartige Geschichten zu glauben und jeder hätte wissen müssen, das kann nicht sein.

Jürgen H., Hochstapler

 

Autor

Nun macht eine ungewöhnliche Zeitschrift darauf aufmerksam, daß die Facetten der Individualitätssimulation über das schnöde Betrugswesen hinausreichen und erzählt von den Gespenstern, "die am Rand der Medien die Kontrolle über ihre Identität riskieren, ob nun vorsätzlich oder unfreiwillig, als Kriminelle oder Doppelgänger, durch offizielles Photo-Shop-Lifting oder als virtuelle Investition."

 

Das dreimal jährlich in dickem Buchformat erscheinende essayistische Periodikum "Kultur & Gespenster" widmet jede seiner Ausgaben - streng und schräg, poetisch und sachlich, witzig und gehaltvoll - einem einzigen Thema. Manchmal wuchern die Ideen und Stimmen der ins Visier genommenen Gegenstände und die Herausgeber des extravaganten Magazins breiten ihr Thema über zwei Hefte aus. Die neue (und neunte) Ausgabe von "Kultur & Gespenster" setzt das (in der im Frühjahr erschienenen Nummer acht) begonnene Thema fort: Hochstapler.

 

Keiner kurzatmigen Aktualität verpflichtet, flanieren Autoren aus Literatur, Kunst und Kulturwissenschaft, Fotografen, Bildende Künstler, Comic-Zeichner durch das weite Terrain der Vortäuschung des Andersseins. Die beiden "Kultur & Gespenster"-Buchhefte addieren sich zu einem 480 Seiten starken Kompendium der Posen, Masken und Fassaden inszenierter Selbstbehauptungen.

 

Ton 3

Ich hatte nie ein Produkt. Ich hab nur Luft verkauft wie einen Traum.

Marc Z., Hochstapler

 

Autor

Roberto Ohrt erzählt in seinem Essay "Herr Ubu mit den blonden Zähnen" die Geschichte der ersten Direktorin des 1996 eröffneten Kopenhagener Kunstmuseums "Arken". Anna Castberg wurde 1948 in der dänischen Kleinstadt Holbaek geboren, ihr Vater war ein weltberühmter Atomphysiker namens Jörgensen, der in die USA auswanderte. Sie studierte in Oxford und an der Sorbonne. Sie promovierte in London in Kunstgeschichte, in Kopenhagen machte sie ihren zweiten Doktor. Anna Castberg beriet die Regierung der Tschechoslowakei bei Kunsteinkäufen, geriet im faschistischen Spanien Francos ins Gefängnis und wurde eineinhalb Jahre lang gefoltert und vergewaltigt. Nach der Freilassung heiratete sie einen amerikanischen Millionär und beriet als kundige Kunsthistorikerin die großen Londoner Auktionshäuser. Die dänischen Behörden waren von ihrer Biographie und ihren zahlreich vorgelegten Empfehlungsschreiben beeindruckt und kürten sie 1993 zur Herrin über das neue Museum ohne eigene Kunstbestände. Anna Castberg sollte mit ihrem ganzen Fachwissen und ihren glänzenden Kontakten in der internationalen Kunstwelt eine eigene gewichtige Kunstsammlung aufbauen.

 

Im Sommer 1996, kurz nach der Eröffnung des Hauses, kündigte der Museumsvorstand seiner autoritär und unnahbar regierenden Direktorin, weil sie nach drei Jahren noch immer keine greifbaren Ergebnisse vorweisen konnte. Anna Castberg, deren Aussehen alle, die mit ihr zu tun hatten, an Meryl Streep erinnerte, holte sich noch schnell zwei, drei Munch-Bilder aus dem nationalen Kunstdepot und verschwand spurlos. Der Ankaufsetat des Museums auch. Ihre Biographie hielt der Überprüfung nicht stand und löste sich in allen Details in Luft auf.

 

Ohrt entdeckt in der Geschichte der Museumsdirektorin Parallen zu anderen öffentlichen Figuren, die nach ihrer Ermächtigung auf die Bedingungen ihrer Vollmachten nicht mehr reagieren. Und er spannt in seinem Text einen Bogen von der Politik des bundesrepublikanischen Kohl-Systems und Alfred Jarrys "König Ubu" bis zu den konturlosen, ins Ungefähre strahlenden Politikern von heute und zu jenen deutschen Schauspielern, die vorwiegend Vertreter der Staatsgewalt spielen und bei Filmpremieren erzählen, wie sehr sie doch die Rolle aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz gestalten konnten, um am Ende die modernen Hochstapler als "mehr oder weniger Marionetten des Status quo" einzuordnen.

 

Ton 4

Ich war ja auch mal Arzt und da konnt' ich über alles mitreden. Und ich hab aber überhaupt keine Ahnung von Medizin, aber ich hab mal ein medizinisches Buch gelesen, ein medizinisches Fachbuch.

Torsten S., Hochstapler

 

Autor

In einer Fotogalerie der ersten "Hochstapler"-Ausgabe von "Kultur & Gespenster" montiert der Künstler Manuel Zonouzi Standfotos aus seinem Video "Elvis Beuys": Elvis Presley und Joseph Beuys in ähnlichen Mienen, Haltungen und Show-Posen parallell nebeneinander gesetzt: Elvis mit Teddybär, Beuys mit totem Hasen / Elvis als US-Soldat, Beuys in Wehrmachtsuniform / Elvis spielt Gitarre, Beuys formt eine Fettecke und so weiter. Zwei, die Kontrolle über ihre Identität auszuüben schienen und dabei einander verblüffend glichen.

 

 

Ton 5

Und das ist wichtig, wenn Sie betrügen wollen: Sie müssen die Geschichten einfach erzählen, nicht verkomplizieren. Die Geschichte muß einfach und logisch sein. Oder extrem unlogisch.

Marc Z., Hochstapler

 

Autor

Frank Apunkt Schneider von der österreichischen Künstlergruppe "monochrom" erzählt, wie er und seine Mitstreiter den fiktionalen Künstler und Schriftsteller Georg Paul Thomann kreierten, der als nicht-existierender Kulturschaffender in den Strukturen des Kunstmarktes beachtliche Bekanntheit erlangte und 2002 die Republik Österreich auf der Sao Paulo-Kunstbiennale in Brasilien vertreten durfte.

 

In einem Essay wird der größte Profiteur der gegenwärtigen Finanzkrise, der amerikanische Investmentbanker Bernie Madoff, der 65 Milliarden Dollar vernichtete, mit Alkibiades, einem Geliebten des Philosophen Sokrates in Beziehung gebracht, der sich ebenso wichtigtuerisch wie unnahbar in Szene setzte, goldene Sandalen trug und große Auftritte liebte, bis man ihn zum Oberbefehlshaber der griechischen Flotte ernannte - was deren Untergang zur Folge hatte. Der Autor dieses Textes kommt nach solchen und anderen Abschweifungen in die Geschichte des Persönlichkeitsplagiats zum finalen Verdacht: "Ist das Hochstapeln wohl - gehen wir zu weit? - ein Negieren der Sterblichkeit?"

 

Und zwischen solchen ausufernden und blitzgescheiten Essays aus dem Hier und Jetzt finden auch verblichene Autoren ihren Platz im Heft: Der Dadaist Walter Serner und sein "Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen" zum Beispiel. Oder der österreichischen Erzähler und Publizist Karl Emil Franzos mit einem 1897 veröffentlichten Bericht über Peter von Boor, einem vermögenden Kaufmann und Kunstmäzen, der als geschätzter Freund Kaiser Franz Josefs und als hochangesehener, dem Gemeinwohl verpflichteter Bürger das österreichische Sparkassenwesen begründete und am Ende seines Lebens - im Alter von 71 Jahren - als lebenslanger Banknotenfälscher demaskiert wurde, dessen Tun erst auffiel, als er fast erblindet weiter fälschte und die Qualität seiner Blüten nachließ.

 

Jörg Schröder, der Gründer des März-Verlages und unverwüstliche Erzähler selbsterlebter Räuberpistolen, steuert der monumentalen "Hochstapler"-Doppelausgabe eine launige Geschichte aus der bundesrepublikanischen Unterwelt der 1970er Jahre bei: "Die Doktormacher". Er schildert die fantastische Karriere zweier Knastrologen und ihren schwunghaften Handel mit falschen akademischen Titeln, deren Urkunden tatsächlich auf den Maschinen der Gefängnisdruckerei in Butzbach verfertigt wurden.

 

Ton 6

Jeder hätte das überprüfen, jeder hätte das in Erfahrung bringen können: […] Es ist Kasperletheater, schlichtweg Kasperletheater. Aber das haben die Kunden nicht getan.

Jürgen H., Hochstapler

 

Autor

Die Texte in "Kultur & Gespenster" sind festen redaktionellen Rubriken mit kryptopoetischen Titeln zugeordnet: "Die Lust und die Notwendigkeit", "Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels" oder "Die sinnliche Gewißheit". Sie stammen - aus ihrem Zusammenhang gerissen - aus Hegels "Phänomenologie des Geistes".

 

Aus solchem Assoziationsmaterial läßt sich ablesen, daß die Zeitschrift von einem offenen Kultur- und Wissenschaftsbegriff lebt: Hochkultur und Trash genießen dieselbe Wertschätzung, theoretische Schwere darf in aller Fußnotenfestigkeit leicht daherkommen, akademischer Nuanciertheit ist Poesie gestattet. Und so läßt sich über die beiden wuchtigen "Hochstapler"-Themenausgaben sagen, was schon für die vorausgegangenen Hefte dieses unterhaltsamen Dickbrettbohrer-Organs galt: Sie sind ab- und vielseitig gehaltvoll, gründlich und streng, ausufernd und leidenschaftlich, klug und witzig, unterhaltsam und geistreich; und nicht zuletzt visuell modern, im besten Sinne graphisch unaufgeregt, abwechslungsreich, anmutig und ansprechend gestaltet. Die Texte sind allesamt sehr gut geschrieben, die meisten sogar saugut und in ihren frei flottierende Argumentationslinien immer wieder überraschend und dabei gleichermaßen triftig wie frappant.

 

Ton 7

Auf der anderen Seite macht es mir natürlich Angst, weil es zeigt, daß mein Umfeld, die Welt, in der ich bin, eine Welt ist, die auf keinem realistischen Boden mehr steht.

Jürgen H., Hochstapler

 

 

Autor

Die ungelernten Hochstapler von einst seien heute die flächendeckend agierenden Fachhochstapler, die in biederer Seriosität ihren Geschäften nachgehen, schreibt einer der Kulturgespenster-Autoren, Hochstapelei sei mittlerweile "krudes Expertentum und eben nicht mehr das große Theater."

 

Der steigende Grad von Virtualität und Fiktionalität, der das System der Bewertungen, die Übereinkünfte über die Bedeutung von Vertrauen und Mißtrauen verändert hat, zwingt uns, die eigene Identität und Persönlichkeit ständig in Frage zu stellen und geschmeidig den neuen Gegebenheit anzupassen. "Damit", notiert der Autor, "wurden die Fähigkeiten des Hochstaplers gleichsam aus der Illegitimität überführt in die Anforderungsprofile für das moderne Management, der Wunsch, ein anderer zu sein, ist übergegangen in die Aufforderung, immer anders zu sein."

 

Wie gesagt: Wir sind uns schon lange nicht mehr sicher. Ständig fragen wir

 

Ton 1 (Reprise)

(Diverse Stimmen:) Echt? / Wirklich? / Jetzt echt? / Tatsächlich? / Ne? Echt? / Wirklich wahr? / Echt? / Jetzt wirklich, oder? / Echt? / Echt?

 

(Die Originaltöne 2 – 7 stammen aus dem Presskit des 2006 vom Bayrischen Rundfunk produzierten Fernsehdokumentarfilms “Die Hochstapler“ von Alexander Adolph. Die Musikfragmente sind aus John Williams Filmmusik von Steven Spielbergs “Catch me if you can“)

 

 

 

Kultur & Gespenster

 

Deutschlandradio Büchermarkt vom 29. 6. 2009

 

Hubert Winkels und Enno Stahl über das Magazin "Kultur & Gespenster"

 

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/06/29/dlf_20090629_1610_4b868760.mp3

 

 

 

 

Kultur & Gespenster Nr. 8: Hochstapler

 

LITERATUR

Hamburger Zeitschrift "Kultur und Gespenster"

 

Kulturjournal - Anna Soucek

oe1.orf.at/konsole/otoninfo

 

In die Zeitung von heute wird morgen der Fisch eingewickelt - diese Redewendung beschreibt die Kurzlebigkeit von tagesaktuellen Meldungen, von Zeitungen und Magazinen. Das Gegenteil trifft auf eine Zeitschrift aus Hamburg zu, eine Zeitschrift für Literatur, Theorie, Bildende Kunst und Comic. "Kultur und Gespenster" heißt sie und sie ist - laut ihren Herausgebern "mehr als eine Zeitschrift, aber weniger als ein Buch".

 

Die Ausgaben sind jeweils einem Thema oder einer Persönlichkeit gewidmet: dem Essayisten und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt etwa oder dem Thema „Interview als Form". Die neueste Ausgabe zum Überbegriff "Hochstapler" wird übermorgen in Hamburg präsentiert.

 

Link: kulturgespenster.de

Textem - Kultur & Gespenster

 

ORF, Di, 16.06.2009, Länge: 4:28 min

 

 

Kreatives Beben

 

Nackte Amerikaner und Bordelle in der Provinz: Die Leistungsschau der deutschen Print- und Werbeszene wird auch dieses Jahr Maßstäbe setzen. Sie veranschaulicht, was kommt und was bleibt.

 

Nach einer Krise bei den Printmedien sieht es in den Deichtorhallen nicht aus. Am Wochenende Warteschlangen vor der Kasse, täglich jede Menge Besucher bei der Ausstellung der "Visual Leaders 2009", der Schau über das "kreative Leistungspotential der deutschen Zeitschriften- und Werbebranche". Hier wird "Das Beste aus deutschen Zeitschriften" gezeigt.

 

Und das Allerbeste wird am 1. April mit Gold-, Silber- und Bronzepreisen in den vier großen Kategorien Zeitschriften, Fotografie, Anzeigen und Online prämiert, die wiederum in 18 Bereiche aufgeteilt sind.

 

Bei Zeitschriften zum Beispiel gibt es Preise für das Cover des Jahres, für den Beitrag, das Feature, die Illustration, den Newcomer, den VisualLeader und das LeadMagazin des Jahres. Dafür sind in diesem Jahr "Brand Eins", "Stern", und "Zeit Magazin" nominiert. Der Preis für den Beitrag des Jahres wird an den "Stern", an "Vanity Fair" oder an den SPIEGEL gehen, für die Titelgeschichte "Der Bankraub / Die Chronik der Ereignisse, die zur Finanzkrise führten".

 

Alle Nominierungen sind ausgestellt, manche mit den Originalseiten, andere groß abgezogen.

 

Die Entscheidungen über die Preise treffen 120 Juroren, eine Jury hat beim Durchforsten von 350 Zeitschriften und 200 Websites die jetzt nominierten Beiträge herausgefiltert. Darauf ist Markus Peichl stolz, denn dies sei "der einzige Medienpreis, bei dem es keine Einreichungen gibt", sagt der Vorsitzende der "Lead Academy für Mediendesign und Medienmarketing e.V.", die den Preis organisiert und zum achten Mal vergibt.

 

Zwei Neuerungen gibt es allerdings: Die Ausstellung ist schon vor der Preisverleihung zu sehen, und die Besucher können online über einen Publikumspreis abstimmen. Bestenfalls erst dann, wenn sie die gesamte Schau angesehen haben.

 

Nominiert sind Giorgia Fiorio mit Fotos zu Ritualen verschiedener Religionen, Michael Schirner, der aus Nachrichtenfotos Bildelemente herausretuschiert hat und Ryan McGinley. Dessen sechs Farbfotos mit nackten und übermütigen jungen Amerikanern aus dem "Zeit Magazin" könnten auch in einer Galerie hängen, nicht nur weil sie entsprechend groß präsentiert werden, sondern weil McGinley eigentlich als Künstler gehandelt wird. Der überhitzte Kunstmarkt der vergangenen Jahre feierte ihn und seine aus der Werbe-und Modefotografie kommende Ästhetik als große Entdeckung.

Vor den Online-Nominierungen drängen sich die Besucher an vier Computern, jeder will sich durch die Sparten klicken: Nominiert bei den Magazinen sind Bild.de, Baunetz und Byte FM. Außerdem werden WebTV, Weblogs und eine Webcommunity prämiert.

 

Im selben Raum hängen die Vorschläge für den Preis in der Kategorie "Architektur- und Still-Life-Fotografie". Zweimal ist das "Zeit Magazin" nominiert: mit fotografierten Vogelschwärmen und mit allen 52 Fotos von Peter Langer, mit denen er wöchentlich die "Stilfragen" illustriert hat.

 

Aus "032c", dem Lead Magazin 2008, könnten die vier wunderbaren Fotos der Künstlerin Collier Schorr preisgekrönt werden. Und vielleicht bekommt die Serie "Bordelle in der Provinz" von Herbert Perl eine Auszeichnung. Überraschend, dass die Fotos hier hängen, denn sie sind aus "Kultur und Gespenster", einem im Kunstkontext erscheinenden Hamburger Magazin in kleiner Auflage - die Jury hat gründlich geguckt.

 

In der Abteilung "Mood- und Mode-Fotografie" hängen die wilden Musterbilder von Steven Meisel, ebenfalls nominiert sind die bunten Fotos von Nan Goldin und die verblüffenden, auf den Kopf gestellten Fotos von Anuschka Blommers und Niels Schumm. Dreht man sie um, haben die Modelle deformierte Gesichter.

Um das "Foto des Jahres" konkurrieren "Das Duell /McCain und Obama" ("Stern"), das bereits ausgezeichnete, erschütternde Bild "Georgienkrieg/Zwei Brüder" (SPIEGEL) und "Beinaheabsturz /Landung in Hamburg-Fuhlsbüttel" ("Stern").

 

Wer das alles gesehen hat - von vielem war gar nicht die Rede - ist erstmal erledigt. Aber nicht vergessen, vor dem Heimweg noch schnell per Computer über den Publikumspreis abzustimmen: Welches von 56 Fotos ist das Beste? Bis zum 20.3. hatten schon 6000 Besucher 206.000 Mal geklickt (bis zum 30.3. möglich unter www.abendblatt.de/daten/2009/03/12/1083108.html ).

 

Nach dem 1. April sollte man noch einmal in die Ausstellung gehen: Dann sind die Trends und die Trendmacher benannt, das "kreative Beben, das noch nie Dagewesene, Richtungsweisende", wie Peichl sagt.

 

Und es wird sich streiten und kommentieren lassen: Wie oft SPIEGEL und "Stern"? Was hat "032c", was "Dummy" nicht hat? Und warum wurde "Vanity Fair" eingestellt, wenn es so gute Geschichten hatte? Sind die Großverlage einfallslos? Hat Kreativität mit Selbstausbeutung zu tun? Und was ist schnell noch mal "Kultur und Gespenster"?

 

"Lead Awards 2009. Visual Leader 2009. Das Beste aus Deutschen Zeitschriften". Hamburg. Deichtorhallen. Bis 26.4., Tel. 040/32 10 30.

 

Ingeborg Wiensowski, DER SPIEGEL, 24. 3. 2009

 

 

 

 

Der Ekel vor den eigenen Bedürfnissen

 

Blick in deutsche Zeitschriften

 

"Kultur & Gespenster" erkundet postmoderne Triebstauungen

 

Den Verächtern der visuellen Kultur wird momentan das Leben schwer gemacht. Denn auch von akademischer Seite springt man ihr längst bei. Am verblüffendsten vielleicht der Aachener Philologe Ludwig Jäger im Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte „Nach Feierabend“. Unter Rückgriff auf evolutionsbiologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse rollt er die Frage nach Herkunft und Natur der Sprache auf. Allgemein anerkannt ist längst die These, dass die Aufrichtung des Gangs ein entscheidender Moment für die Entwicklung der menschlichen Spezies war.

Überraschender ist die Einsicht, dass das Freiwerden der Hand nicht nur die technische Entfaltung des Menschen möglich machte, sondern auch die Entwicklung einer vielschichtigen Gebärdensprache. Erst nach vermutlich vielen hunderttausend Jahren „fand dann offenbar mit der Auslagerung der Sprache aus dem gestisch-visuellen in das vokal-auditive System eine zweite Befreiung der Hand statt: Sprachliche Instruktion und technisches Handeln konnten nun in ein neues komplexes Verhältnis treten, das offensichtlich zu einem revolutionären kulturellen Schub führte.“

 

Wort gegen Bild, ein hegelianisches Erbe

 

Für die Gestensprache, zu der man Ansätze schon bei Primaten findet, macht Jäger die Spiegelneuronen verantwortlich, jene Hirnzellen, die nicht nur bei Tätigkeiten ihres Besitzers aktiv werden, sondern auch, wenn er Handlungen seiner Artgenossen beobachtet. Hier liegen die Wurzeln für eine „gemeinsame Kodierung von Rezeption und Aktion“ und damit für eine symbolische Darstellung von Handlungszusammenhängen.

 

Genau dieses Vermögen zur Nachahmung führte zur Gebärdensprache, die als Inszenierung im Ausdrucksbereich der Hand nicht weniger begrifflich und abstrakt war, als die heutige Wortsprache seit jeher an impliziten Bildern reich ist. Jäger erinnert daran, dass das medienkritische Ressentiment gegenüber der „Aufdringlichkeit des Piktoralen“ auf Hegel und den deutschen Idealismus zurückgeht, der das Wort im Namen der befreienden Abstraktion gegen das Bild in Stellung brachte.

 

Mitfühlen aus der Distanz des Theaters

 

Auf ganz anderem Wege kommt der Bonner Germanist Helmut J. Schneider zu einem vergleichbaren Ergebnis. In der „Deutschen Vierteljahrschrift“ widmet er sich dem Neuentwurf von Öffentlichkeit, der in der Guckkastenbühne des achtzehnten Jahrhunderts zum Ausdruck kam. Anders als im höfischen Theater, wo die Grenzen zwischen Zuschauern und Spielern verflossen, löscht man nun das Licht und macht das Publikum zu stummen Voyeuren von Darstellern, die wiederum so tun, als gäbe es eine vierte Wand zum Publikum. Die vor allem von Lessing und Diderot dazu entwickelte Theorie sieht vor, dass das Auditorium von den aufgeführten Dramen gerührt, ja in ein synchrones Beben der Sympathie mit den Leiden der Figuren versetzt werde.

 

"Nach Feierabend" bringt Wort und Bild gegeneinander in Stellung

 

Die körperliche Ferne bei gleichzeitiger emotionaler Nähe zu den Charakteren sollte das menschliche Geschick geistig erfahrbar machen und die Gesellschaft als Ganze in einem allgemeinen moralischen Gefühl verbünden. Was im wirklichen Leben an Leidenschaften grell, egoistisch und anstößig erscheinen mochte, wurde im Theater auf annehmbare Weise temperiert und – man möchte sagen: durch die Aktivität der Spiegelneuronen – als symbolischer Wert des menschlichen Daseins konsumierbar gemacht. Bei der Uraufführung von Lessings „Miss Sara Sampson“ soll das Publikum dreieinhalb Stunden leise vor sich hin geweint haben: vereint im Gefühl der geteilten Humanität.

 

Die geopferte Fleischeslust

 

Im Guckkastentheater erkennt Schneider den Archetypus für „die abstrakten Kollektive der Moderne“, für Solidaritäten, die sich von persönlicher Bekanntschaft emanzipieren. Er weist darauf hin, dass den heute selbstverständlichen Meinungs- und Sympathiekartellen ein abstrahierender Schnitt und eine kategoriale Trennung zwischen Fühlendem und dem, mit dem er sympathisiert, vorausging. Im Rückgriff auf Jochen Schulte-Sasse spricht Schneider sogar von der „Opferstruktur der Moderne“.

 

Die "Vierteljahreschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte" schaut in den Guckkasten

 

Was geopfert wird, um sich eins mit dem Rest der Welt fühlen zu können, ist das „fleischliche Begehren“. Vom Zuschauer der Sara Sampson, der heulend im Dunkeln sitzt, führt ein direkter Weg zu der Empathie des einsamen PC-Benutzers. Was er für ihm elektronisch zugestellte Wirklichkeit halten mag, ist ein seit Jahrhunderten präformiertes symbolisches Ereignis, das seinen Trieb zur unmittelbaren Kontaktaufnahme diszipliniert.

 

Der Ekel des postmodernen Individuums vor der Lust

 

Auch der Linzer Kulturwissenschaftler Robert Pfaller („Kultur & Gespenster“) traut den sinnlichen Verheißungen der Gegenwart nicht. Als Grund des Übels sieht er die „endlose Affäre, die postmoderne Individuen mit sich selbst unterhalten“, verurteilt dazu, „ihre ganz persönliche Identität“ ständig neu zu „sampeln“. Bei den Vorlieben, Eigenarten und Leidenschaften, zu denen sie sich bekennen, gehen sie immer schon davon aus, dass der nächste sie nicht teilt. So kommen sie nicht länger in den Genuss jener kollektiven Dimension, die einst Aberglaube und kulturelle Riten garantierten.

Im Gegensatz zu den erzindividualistischen Möchtegernhedonisten von heute ist Pfaller aber der Ansicht, dass nur eine verbindliche Kultur den Einzelnen zur periodischen Überschreitung seiner Genusshemmung bewegen kann. Es ist noch nicht lange her, da verlangte der öffentliche Raum geradezu, dass man beim Eintritt in ihn aus sich herausging. Zum Rauchen spazierte man ins Café, zum Trinken in die Bar, zum Singen in die Kirche, und wer zum Tanzen zog, hatte gefälligst ein Mädchen aufzufordern. Heute beherrscht die Öffentlichkeit der Ekel vor diesen Bedürfnissen, und sie werden hinter die vierte Wand der heimischen Stube verbannt.

Doch weil auch der Einzelne sich ohne kulturelle Stütze vor seinen Bedürfnissen zu ekeln beginnt, leben wir in einer „extrem lustfeindlichen, asketischen Kultur“, die „Scharen von Spielverderbern und Nasenbohrern auf allen Ebenen erzeugt“. Nur rituelle Entgrenzungsfeste und -zonen, über die frühere Kulturen verfügten, haben es dem Einzelnen erlaubt und ihn geradezu dazu gezwungen, seine persönliche Hemmschwelle zu überwinden. „Sublimation“ nennt Pfaller diese kollektive Lust pikanterweise.

 

FAZ, Ingeborg Harms, 07. November 2008

 

 

Höhenflieger und Bruchpiloten

 

Kultur & Gespenster aus Hamburg ist keine literarische Zeitschrift, sondern ein cross over-Projekt, das die Künste mit deren Reflexion auf unterschiedliche Weise kurzschließt und das Spielfeld des Bedenkenswerten in Bild und Text mit lässig anmutender dabei staunenswert überlegen geführter Hand erweitert. In der sechsten Ausgabe bedenkt Kai van Eikels anhand der musikalischen Formation „Broken Social Science“ die Möglichkeiten, als Künstler in einem Schwarm exzellenter Talente nicht unterzugehen, sondern strahlend zur Entfaltung zu kommen, sein Potential in einer Art Genie-Pool in beflügelndem Wettbewerb zu steigern und stets bereit zu sein, in wechselnden Formationen Neues zu probieren. So schön und plausibel sich das anhört: Auch hier gilt gewiss das alte Kir Royal-Motto „Wer reinkommt, ist drin.“

Und wie weit es vom Schwarm bis zur Qualifizierung als „die üblichen Verdächtigen“ durch die wie üblich unverdächtig außen vor Gebliebenen ist, wird auch nicht thematisiert.

Der erfrischende Polemiker Enno Stahl macht sich in dem Text „Bolz, Hörisch, Kittler und Winkels tanzen im Ratinger Hof“ über die apokalyptischen Anwandlungen besagter Geisteswissenschaftler und Großkritiker lustig, denen der Pogo der achtziger Jahre nun als ordinarienartiger Diskurs-Pogo in die Glieder gefahren sein soll, weswegen sie immerfort das Ende der Buchkultur verkünden – in Büchern, wie sich versteht.

Ole Frahm untersucht „Antisemitische Stereotype in Hergés ‚Tim und Struppi’“ und fördert Überraschendes zutage. Nathalie Grenzhaeusers Schwarzweißfotografien aus Spitzbergen zeigen eine unwirtliche, durch die Eingriffe des Menschen versehrte Landschaft, in der nicht zu sein man sofort froh ist, um sich dann freilich – von Angstlust und einem Hang zur schönen Leere angezogen – den Bildern immer wieder zuzuwenden.

In einem Comic von Alessandro Tota genügt es einem Partyschnorrer nicht, sich zu betrinken und Mädchen mit plumpen Sprüchen anzumachen, sondern er klaut auch noch ein T-Shirt und die Uhr des Gastgebers, bekommt dafür aber ordentlich was aufs Maul: ein schönes Seitenstück zu Blake Edwards’ „Partyschreck“. Und Roman Schramms „Living as an Art“ versammelt so elegante wie schwule Fotografien – herrlich der mit weit ausgefahrener Zunge vor Fliesenhintergrund Eis schleckende Beau mit Einstecktuch –, deren Überdeutlichkeit in leichtfüßige Ironie umschlägt.

 

Andreas Heckmann, Am Erker, Zeitschrift für Literatur, 31. Jahrgang 2008. Nr. 56

 

 

Fluter-Interview

 

 

Der Journalist Gustav Mechlenburg (40) sagt über das Magazin Kultur & Gespenster, das er vor zwei Jahren zusammen mit zwei Kollegen gegründet hat: "Wir haben, glaube ich, ein Magazin erfunden, das Texte in einer Länge zulässt, die es sonst nicht gibt." Die Kulturzeitschrift aus Hamburg erscheint in dem ebenfalls selbst gegründeten Textem-Verlag, in dem auch noch Bücher und Büchlein von unter anderem Raul Zelik, Frank Schäfer, Ludwig Tieck und Klabund erscheinen. Drittes Standbein ist die Seite textem.de, in der seit dem Jahr 2000 Buch-, Film und Musikkritiken zu lesen sind. Zum fluter-Interview-Termin kam Gustav mit einer Wrestlingmaske – ein Hinweis auf die Gespenster, mit denen er zu tun hat.

 

Kultur & Gespenster erscheint vierteljährlich in einer Auflage von 2.000 Stück, kostet 12 € und ist über die Textem-Seite und in guten Buchhandlungen erhältlich.

 

 

Fluter, Tal Sterngast | 22.2.2008

 

www.fluter.de/de/66/lesen/6630/

 

 

 

Kein Abgefeiere

 

Diskurs-Pogo statt Germanistengelaber: Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Kultur Gespenster

 

 

Kennst du den? Den Typus des sich selbst »kulturbegeistert« titulierenden Bildungsbürgers? Im Rentenalter hat sie oder er sich noch einmal immatrikuliert. Und zwar für Germanistik und Geschichte, Germanistik und Philosophie oder etwas ähnliches, was der Vater einst nicht finanzieren wollte. Im Hörsaal belegt der ehemalige Anwalt bzw. die frühere Hals-Nasen-Ohren-Ärztin den besten Platz schon eine Stunde, bevor es losgeht. So wie im Urlaub auf Mallorca der Liegestuhl direkt am Pool auch schon vor dem Frühstück mit einem Handtuch versehen wird. Dieser Typus wird sich, hat er einmal auf dieser Liege Platz genommen, nicht der Lektüre von Kultur & Gespenster widmen.

 

Für Traditionsgermanisten bietet diese Zeitschrift wenig. Sie meidet konsequent den Abgesang auf das ewig Wahre, Gute und Schöne von Kunst und Literatur. Abgefeiere von Autoren, die einen rentablen Beitrag zum kulturellen Kapital der Nation geliefert haben, braucht man hier nicht zu befürchten. Der Zeitschrift fehlt: das Überflüssige. Zunächst kommt sie etwas sperrig daher: DIN-A4-Format, dick wie ein mittleres Taschenbuch. Das Inhaltsverzeichnis bringt die einzelnen Beiträge in eine Grobstruktur, die jedoch kaum als Orientierungsanleitung gedacht sein kann. Denn was sagt eine Überschrift wie »Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeihung« schon über die darunter subsumierten Beiträge aus? Nichts. Zumindest ist nicht ersichtlich, weshalb sie nicht austauschbar wären mit den Texten der Rubrik »Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels«. Irgendwie richtig gemein, daß dieses Inhaltsverzeichnis einfach jede Orientierung verweigert! Was tun? Na ja, ist doch eigentlich total peinlich, so lange auf dem Zehn-Meter-Brett zu stehen und ins Wasser zu gaffen. Also springen! In diesem Fall: Lesen.

 

Die Texte beginnen meist vollkommen unspektakulär. Ihr Ausgangspunkt ist eine alltägliche Situation, ein banaler Gegenstand oder ein Gefühl, das jeder kennt. Doch was daraus entwickelt wird, ist alles andere als belanglos. Ein Beitrag beginnt zum Beispiel mit einer Anekdote: Treffen sich Anfang der 80er Jahre Norbert Bolz (Medien- und Kommunikationstheoretiker), Jochen Hörisch und Friedrich Kittler (beide Literatur- und Medienwissenschaftler) sowie Hubert Winkels (ehemals wissenschaftlich unterwegs, heute Kritiker) bei einer Fachtagung in Düsseldorf. Abends gehen sie gemeinsam in den Ratinger Hof, wo damals die Punks tanzten. Anfangs stehen sie am Rande der Tanzfläche und kommentieren das Geschehen aus wissenschaftlicher Distanz. Irgendwann stürzen sie sich ebenfalls ins headbangende Pogo-Gewühl. Diese Geschichte, verbürgt durch Freunde des Autors Enno Stahl, veranlaßt letzteren zu einer folgenreichen These: »Was damals rein körperlich-sportiv begann, setzte sich später auf einer ganz anderen Ebene, der öffentlichen und wissenschaftlichen Rede, deutschlandweit fort: Diskurs-Pogo.« Nun entfaltet Stahl die Grundgedanken der vier Theoriemogule. Während er Hörisch, Kittler und Winkels durchaus einiges zugute zu halten hat, führt er Bolz gnadenlos als verkappten Rechten«, so eine Art Techno-Skin«, vor. Fascho-Bashing at its best.

 

Auch anderswo im Heft werden Storys und Theorie gemixt. So beginnt Frank Schäfer seinen Text »Geisterbeschwörung« damit, die Entstehung seiner Begeisterung für die Band »Thin Lizzy« zu schildern, um schließlich in eine Diskussion über die Bedeutung des Kunstwerks im Zeitalter der »digitalen Reproduzierbarkeit« einzusteigen. Oliver Wittchow stellt fest, daß die musikalische Sublimierung von Handy-Tönen den Lärm auch nicht angenehmer macht. Und Ove Suttner stellt in seiner Rezension des »Handbuch 1968 zur Kultur und Mediengeschichte der Studentenbewegung« (hrsg. von Martin Klimke/Joachim Scharloth) klar, was wirklich gar nicht geht: Der unreflektiert-bürgerliche Standpunkt der Autorin Sara Hakemi verkleistert den Blick auf die staatliche Gewalt. Das Bürgertum hat doch schließlich den Souverän in seiner Gewaltausübung an das Recht gebunden, so Hakemi. Diese juridisch-formale Perspektive verstellt ihr den Blick aufs reale Geschehen völlig. Aber ganz ehrlich: Einer ehemaligen Volontärin und Stipendiatin der FAZ traut man Revolu tionsbegeisterung nicht so recht zu.

 

Erzählungen, Literatur- und Musiktheorie, Kunstbesprechungen, Fotografie und ein Comic – das Heft ist vielseitig, nicht oberflächlich. Sogar der Comic von Alessandro Tota ist klasse. Handlung: Zwei Typen gehen auf eine Party. Der eine klaut dem Gastgeber ein T-Shirt aus dem Schrank, bekommt es schließlich wieder abgenommen und muß halbnackt und kraß verdroschen nach Hause. Das hat so gar keine Pointe, daß es schon wieder cool ist: ein Comic mit Komik.

 

Die Illustration des Heftes gibt sich postmodern-avangardistisch: Die in die Texte eingefügten Fotos verweigern deren synchrone Bebilderung. Das Bild ist der Schrift nicht bestätigend und unterstreichend untergeordnet, sondern behauptet sich als gleichberechtigtes Werk neben ihr: So zum Beispiel die Kombination der Landschaftsmotive von Nathalie Grenzhaeuser mit dem Text »Smart Mobs« von Kai van Eikels.

 

»Sinn« und »Bedeutung«, das sind Kategorien, über die man lange nachdenken kann, aber vielleicht gar nicht sollte. Der Untertitel des Heftes (und zudem der einzige Satz auf der ersten Seite in dicken Lettern) lautet: »Ich will nicht Mr. Pink sein.« Das bezieht sich nicht nur auf die Rolle von Steve Buscemi in Tarantinos »Reservoir Dogs« (1997), sondern auf alles Mögliche.

 

Anja Trebbin, Junge Welt, 18. 2. 2008

 

* Kultur & Gespenster 6, Ausgabe für den Winter 2008, 240 Seiten, 12 Euro, Textem Verlag 2008

 

 

 

Geistreich

 

Zu Quentin Tarantino scheint alles, wirklich alles gesagt. Aber wie beeinflusste Disneys "Bambi" das Werk des Regisseurs? und welche Bedeutung hat Madonnas "Like A Vergin" für "Reservoir Dogs"? Diesen Fragen spürt "Kultur & Gespenster" in seiner neuen Ausgabe nach. Das Magazin in Buchformat widmet sich Hochkultur und Trash mit derselben Sorgfalt. Geistreich und trotzdem vergnüglich.

 

Stern Nr. 5, 24. 1. 2008

 

 

 

 

Die Perlen des Mr Pink

 

 

Die Hamburger Zeitschrift "Kultur und Gespenster" speist sich aus dem brachliegenden Potential, das in der Kulturwissenschaftler-Szene zu finden ist. Die Feuilletons jubeln - und nun kommt die neue Ausgabe

 

Es war im Sommer 2006, es war heiß und in den Feuilleton-Redaktionen konnte man die Wörter "Fußball WM" nicht mehr hören. Man hatte Fußball-Ausstellungen besprochen, Fußball-Theaterstücke rezensiert, Fußball-Bücher vorgestellt. Zuvor hatten ständig PR-Agenturen angerufen in dem Glauben, die Feuilletonisten müssten dem Fußball dankbar sein, dass er ihnen einen Sommer lang vom hohen Ross hilft. Und die Feuilletonisten waren auch dankbar. Und noch dankbarer waren sie, als Anfang Juli diese Zeitschrift in der Post war: "Kultur und Gespenster" hieß sie, war dick wie ein Buch und brachte Texte, die mit allem Möglichen zu tun hatten, aber nicht mit Mainstream.

Es war ein furioser Start. FAZ, DeutschlandRadio, Tagesspiegel, alle schrieben und lobten und sicher war ein Grund dafür, dass "Kultur und Gespenster" von keiner PR-Agentur beworben wurde. Die Zeitschrift aus Hamburg kam leise daher und entwickelte eine Aura, die anzog: Hier gibt es etwas selbst zu entdecken, verstanden die Redakteure. Und es geht nicht ums Geld.

"Kultur und Gespenster" erscheint vierteljährlich und enthält sehr lange Artikel ohne Bezug zu aktuellen Ereignissen. Es gibt jeweils einen Schwerpunkt in den Heften, zum Beispiel das Werk des Hamburger Dichters Hubert Fichte oder das Interview als solches, mal betrachtet als Textsorte und Realitätskonstrukt. Neben den Schwerpunkten gibt es frei florierende Artikel, eine Bildstrecke eines bildenden Künstlers, eine Modestrecke, einen Comic und Rezensionen. Das Lay-Out behält aufgrund der seitenlangen Artikel ganz von selbst die Ruhe, und trotzdem gibt es gestalterische Kniffe: Die Zeitschrift arbeitet beispielsweise mit verschiedenen Papier-Typen oder spielt mit einem kontinuierlich wandernden Blocksatz. Letzteres zeigt sich bei der sechsten Ausgabe namens "Ich will nicht Mr Pink sein", in der es viel um Tarantino geht und die am 24. Januar präsentiert wird.

Gemacht wird die Zeitschrift von den Hamburgern Gustav Mechlenburg, Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun, und zwar von zu Hause aus. Man kommuniziert per E-Mail miteinander, und das Netzwerk ist der Motor des Projekts: Es gibt da zum Beispiel die Kontakte zur Kulturwissenschaftler-Szene, die "Themen haben, die sie woanders so nicht unterbringen können", sagt Mechlenburg. Dieses Potential wolle man in den Gebrauch überführen, sagt Sdun, und mitunter kommen dabei Perlen zu Tage, auf die auch kommerzielle, aber weniger gut vernetzte Medien scharf wären: Ein Interview mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard zum Beispiel, das 1986 von einem damals jungen und naiv fragenden Literaturwissenschaftler geführt und noch nie in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.

Weder die drei Redakteure noch die Autoren und Künstler bekommen ein Honorar, die Zeitschrift will lediglich mit einer schwarzen Null dastehen - was nur durch einen Zuschuss aus dem Deutschen Literaturfonds möglich ist. Die Auflage liegt bei 2.000 Stück pro Ausgabe und wenn die FAZ berichtet, werden auf einen Schlag 50 Hefte bestellt, aber nicht mehr. Für ein größeres Publikum ist das Heft zu speziell - und das soll es auch bleiben: "Das Ziel ist, das so lange zu machen, wie es Spaß macht", sagt Sdun. "Mich wundert, dass so etwas nicht mehr Leute machen."

 

KLAUS IRLER, tageszeitung, 19. Januar 2008

 

Kultur & Gespenster Nr. 6 Release-Party inklusive Lesung von Frank Schäfer aus dessen neuem Buch "Homestories": 24. Januar um 20 Uhr im Hafenklang Exil, Hamburg

 

 

 

Kultur & Gespenster im Interview

 

Die Zeitschrift Kultur und Gespenster erscheint mit der Nummer 6 zu Tarrentino, Schwärmen und einem langen Gespräch mit Ilya Kabakov. Am 24. Januar ist die Release-Party in Hamburg. Zwei der Herausgeber im Interview.

 

Lorettas Leselampe, Freies Sender Kombinat, 14. Januar 2008

 

www.freie-radios.net/portal/content.php

 

 

 

Tiefere Einsichten

Frauen, Männer und Schießstände

 

Nach einer monografischen Ausgabe über Georges-Arthur Goldschmidt kommt Deutschlands beliebtestes Dickbrettbohrer-Magazin nun bunt und poppig daher, sein Erscheinen wird auch entsprechend groß gefeiert. Kultur & Gespenster No. 6 widmet sich vor allem der Musik und dem Kino – fast ohne Fußnoten. Die Kunst kommt auch diesmal nicht zu kurz: Peter Piller lieferte die Abbildungen zum Thema Film und Gewalt. Von Roman Schramm stammt eine ausgezeichnete Fotostrecke über Männer als Zielgruppe von Magazinen – eine genaue Studie zur Frage: „Was ist sexy und warum?“ J.M.

 

Kultur & Gespenster No.6 – Releaseparty mit u.a. Jan Jelinek, The Crimes, Musikgruppe und den Djs Nina Schwabe und Gregor Kessler, Hafenklang Exil, 24.1.2008 ab 20 Uhr, www.kulturgespenster.de, www.romanschramm.com

 

Szene Hamburg, Januar 2008

 

 

Lust am Schmerz

 

Zwei Mal Georges-Arthur Goldschmidt

 

Eine neue Erzählung von Georges-Arthur Goldschmidt ist erschienen, parallel dazu bietet eine Zeitschrift Einblick in die Arbeitsweise des Schriftstellers.

 

„In dem Internat, in dem ich war, bekam ich den Pop versohlt, noch mit 18. Und das war eine völlig erotische Affäre. In Frankreich heißt das übrigens ‘fessée‘, ein wunderbares Wort, das völlig erotisch besetzt ist. Nicht wie im Deutschen, wo bei Prügeln das Totschlagen mitschwingt, den anderen Eliminieren. In Frankreich ist das ein erotischer Strafspaß, würde ich sagen.“ In einem Gespräch gibt Georges-Arthur Goldschmidt in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Kultur & Gespenster“ Auskunft über „Lesen und Übersetzen“. Das gesamte, schön illustrierte Heft ist dem 1928 in Reinbek bei Hamburg geborenen Goldschmidt gewidmet – seiner literarischen Arbeit, seinen Eichendorff-, Moliére- und Kafka-Lektüren, seiner Übersetzertätigkeit. Es bietet zudem einen Ausschnitt aus einer entstehenden Erzählung und eine Passage aus seinem Rousseau-Buch, das 1978 in Frankreich erschien.

...

Wie kaum ein anderer Autor, der sich mit dem Holocaust und der eigenen Biografie beschäftigt, gelingt es Goldschmidt die verschiedenen, verstörenden psychischen Gemengelagen des jungen Arthur aus dem Keller seiner Seele ans Licht zu bringen: Es scheint die große Menschheitskatastrophe der Judenvernichtung in der irrationalen und umso vehementeren Scham des Überlebenden auf, der aber eben zugleich ein Pubertierender und damit in einem Zustand noch unerklärter Erregung ist. In einem Leben, das keinen Halt mehr hat, gibt das Internat samt seiner Richten die „Form“ vor, in die er sich einfügen kann.

 

rüd, Saarbrücker Zeitung, 4. Januar 2008

 

 

 

Release-Party

Kultur & Gespenster

 

24. 1. 2008, 20 Uhr, Hafenklang, Hamburg

 

Das Magazin „Kultur & Gespenster“ trägt nicht nur einen rätselhaften Namen, es liest sich bisweilen auch so: Die Rubrik, in der Comics vorgestellt werden zum Beispiel heißt: „Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeihung“. Genauso schön vertrackt geht es auch bei der Releaseparty zur sechsten Ausgabe zu. Frank Schäfer liest aus „Homestories – Zehn Visiten bei Schriftstellern“, The Crimes spielen Garagenrock und Jan Jelinek gibt Rätsel auf: Der Berliner lässt es klicken und klacken, seine Alben tragen Namen wie „Kosmischer Pitch“.

 

Kultur News, Januar 2008

 

An der Sprachleine

"Kultur & Gespenster“ widmet sich Georges-Arthur Goldschmidt

 

Wie lebt es sich zwischen den Sprachen? Der deutsch-französische Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt würde diese Frage zurückweisen; er findet nicht, dass sie jede für sich ganz unterschiedliche Stühle wären, zwischen denen man zu sitzen kommen könnte. Lieber drückt er das Verhältnis von Sprachen in einem Paradox aus: Für ihn sind sie immer anders und doch gleich. Ihre Asymmetrie, schreibt der Kulturwissenschaftler Rainer Guldin in einem Essay des neuen Themenhefts der Zeitschrift „Kultur & Gespenster“, ereigne sich für Goldschmidt „vor dem Hintergrund eines gleich bleibenden unbenennbaren Urgrundes“ – Goldschmidt selbst hat für diese Vorstellung einmal das Bild eines „Stuhls mit zwei Lehnen“ gefunden, auf dem der Mehrsprachler zu sitzen komme. Der Urgrund, von dem aus Goldschmidt denkt und schreibt, ist das Unbewusste. Neben Guldins Essay über die Bilingualität des Goldschmidtschen Werks spukt es als Grundfaszinosum auch durch alle anderen Beiträge der wie immer prächtig gestalteten Zeitschrift, die diesmal von dem Literaturwissenschaftler und Übersetzer Tim Trzaskalik zusammengestellt wurde. Dieser windet seinem Thema selbst den schönsten Kranz, wenn er in einem weitgreifenden Interview Goldschmidt an einer Stelle fragt, ob für ihn nicht der Schriftsteller so etwas wie ein Spürhund an einer „Sprachleine“ sei – und gleich darauf ins Französische wechselt.

 

Florian Kessler
Süddeutsche Zeitung, 2. 1. 2008, S. 14

Die wichtigsten Termine im Januar

 

An ambitionierten Zeitschriften, die sich durch das Unterholz zwischen Kunst und Literatur kämpfen, herrscht kein Mangel. Eher an solchen, die dieses Feld mit der richtigen Mischung aus theoretischer Schwere und textlicher Leichtigkeit beackern. Das heute seine sechste Ausgabe feiernde Heft "Kultur & Gespenster" gelingt genau das, weshalb hier problemlos eine Abhandlung über Gewalt in den Filmen von Quentin Tarantino neben einem Gespräch zwischen Boris Groys, Ilja Kabakow und Pavel Pepperstejn über die Beziehung zwischen Kunst und Künstler stehen kann. Zur Feier dieses erneut gelungenen Spagats haben die Herausgeber entsprechend unterschiedliche Einladungen ausgesprochen. Erwartet werden sowohl der Berliner Elektroniker Jan Jelinek als auch die Hamburger Punk-&-Roll-Rabauken The Crimes. Und zwischendurch - so viel Kulturkarambolage kommt den Machern gerade recht - liest dann Frank Schäfer noch einen Text über seine Jugend mit Thin Lizzy und signiert anschließend auf freundliche Nachfrage womöglich sogar "Homestories". Das ist sein just im angeschlossenen Textem-Verlag erschienenes Buch über Hausbesuche bei Wolf Wondratschek, Helge Schneider, Max Goldt und anderen Kauzen.

 

Financial Times Deutschland, 28.12.2007

Goldschmidt spricht

Die Zeitschrift Kultur & Gespenster zum Fünften

 

Das ging aber schnell. Erst die fünfte Nummer der Zeitschrift "Kultur & Gespenster" - und schon ein neues Format und Layout: Statt des engbedruckten Ziegelsteins ein üppiges großes flaches Heft; besser lesbar, aber auch mainstreamiger, weniger crazy. Ein bisschen schade ist das.

Trotzdem bleibt's dabei: Diese Zeitschrift, gemacht von drei klugen jungen Leuten in Hamburg, besticht durch ihre Ernsthaftigkeit - konkret: durch die Gratwanderung zwischen akademischer Finesse und poetischem Bekenntnis. Das neue Heft ist dem deutsch-französischen Schriftsteller und Essayisten Georges-Arthur Goldschmidt gewidmet, Tim Trzaskalik betreute den Schwerpunkt. Nach zwei Heften zu Hubert Fichte nun also der 1928 in Reinbek geborene Goldschmidt, der die Nazizeit in einem katholischen Kinderheim der französischen Alpen überlebt; dort rituell von der Heimleiterin geschlagen wird, was er zum dunklen Leitmotiv seines späteren Schreibens erhebt: der Schmerz als Rettung.

Doch bleibt es verwunderlich, und von dem geradezu kindlichen Staunen ist bei Goldschmidt immer die Rede, dass der versteckte deutsche jüdische Junge in Rousseau und in Karl Philipp Moritz die engsten Verbündeten findet - die Literatur ist für ihn keine Historie, sondern greifbarste Wirklichkeit.

Goldschmidt, der in diesem Heft verschiedentlich gedeutet wird, der mit einem unveröffentlichten Text in Erscheinung tritt und in einem großartigen langen Interview zu Wort kommt, spricht über sich selbst ausschließlich im Bewusstsein, dass sein Denken, Fühlen und Handeln dominiert wird vom Unbewussten.

Das Thema der Scham (überlebt zu haben; sexuelle Lust zu verspüren; die tote Mutter zu beweinen...) hat Goldschmidt wie kaum ein anderer seiner Generation bearbeitet, genauer: analysiert. Psychoanalysiert. Das unterscheidet seine Selbstdarstellung so himmelweit von der verzweifelt um Ganzheitlichkeit und Souveränität bemühten Selbstdarstellung eines Günter Grass, um nur das prägnanteste Gegenbeispiel zu nennen.

 

INA HARTWIG
FR-ONLINE, Kultur & Medien, 20.11.2007

 

 

Den Frechen gehört das Himmelreich

Helden unserer Zeit: Warum sich Krieger wieder für Ruhm und Ehre schlagen sollten

 

Das aktuelle Doppelheft des "Merkur" ist der Dekadenz gewidmet. Unter diesem Vorzeichen beschäftigt sich der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler mit postheroischen Gesellschaften und der Auswirkung, die das, was Werner Sombart schon 1915 die "Verfettung des Kapitalismus" nannte, auf ihr militärisches Ethos hat.

Weil Helden in der Regel keine Freunde der tagtäglichen Arbeit sind und ihre freie Zeit lieber der sportlichen Fettansatzvorbeugung widmen, waren ihre Gemeinschaften meist in eine Gesellschaft unheroischer Arbeiter eingebettet. Für ihren Lebensunterhalt zahlten sie mit einer Schutzgarantie.

 

Wichtiger noch als die Ernährung allerdings war dem Helden schon immer die Ehre, die er den Dichtern verdankt. Denn um Anerkennung als Held zu genießen, muss jemand seine Taten bezeugen und loben: Gesellschaften ohne Literatur sind keine heroischen Gesellschaften, sondern allenfalls solche, in denen Gewalttätigkeit an der Tagesordnung ist. Weil postheroische Gesellschaften ihre Krieger aber mehr schlecht als recht in Kauf nehmen und pragmatisch durch Geld alimentieren, geht mit dem Ruhm auch das Bewusstsein der literarisch fixierten Ehrenkodizes verloren. Wenn ihre Anonymität modernen Militärs auch die Lust nimmt, das symbolische Kapital der Ehre durch sinnloses Draufgängertum aufzustocken, so erleichtert sie andererseits den Verstoß gegen internationale Menschenrechtskonventionen. Um die Warlords der neuen Kriege zur Gewaltlimitierung zu bewegen, müsste man sie nach Dafürhalten Münklers statt für Macht und Geld wieder für Ruhm und Ehre interessieren.

 

Von der französischen Philosophin und Romanautorin Julia Kristeva hat das Kriegshandwerk allerdings keine Aufwertung zu erwarten, auch wenn das Mitglied der einst einflussreichen Tel-quel-Gruppe den militärisch konnotierten Avantgarde-Begriff schätzt. Er betone, so Kristeva in einem Gespräch mit der "Zeitschrift für Ideengeschichte", die Gewalt des ästhetischen Akts, die in seiner schöpferischen Natur begründet ist. Kein Wunder, dass die eigenwillige Denkerin der psychoanalytisch inspirierten Linken radikale Singularität gegen die Heuchelei der egalitären Demokratie setzt. Als militant versteht sie sich dennoch nicht. Auf brutale Ablehnungen sei sie nie zu antworten versucht gewesen. Gegen den männlichen Krieg setzt sie metaphorisch die Geburt: Die wirkliche Bewährungsprobe, die Dramatik liegt im Neuanfang.

Deshalb wertet Kristeva die mit dem Mai 68 anbrechende Epoche als große Zeit, die man jetzt diabolisieren will. In Wahrheit hätten die damaligen Exzesse des Imaginären das alte Frankreich gewaltlos von seiner Starre erlöst.

 

Auch die unter der Edition Nautilus firmierenden deutschen Situationisten haben ihre anarchistischen Impulse aus Frankreich empfangen. Die damalige Universitätsszene diesseits des Rheins allerdings beschreibt Nautilus-Herausgeber Lutz Schulenburg in "Kultur & Gespenster" als bleierne Zeit der ungenießbaren marxistischen Besserwisserei: Man musste sich ständig rechtfertigen dafür, dass man keine Gefangenenbefreiung gemacht oder diese und jene ganz finstere militante Demo nicht unterstützt hat. Was Schulenburg beeindruckt, sind Einzelgänger, die sich schräg zu etablierten Linien bewegen, Kunst mit sozialer Revolte verbinden und kreative Alternativen zu eingefahrenen Situationen finden. Da Pazifismus nicht zu den Tugenden der Anarchie zählt, fällt bei ihm dabei durchaus auch Bewunderung für die RAF und ihre Bereitschaft ab, das eigene und das fremde Leben einer Überzeugung willen zu opfern.

 

Dem schöpferischen Moment, auf den Kristeva in der Kunst setzt, entspricht im Leben oft die Frechheit. Der Magdeburger Soziologieprofessor Rainer Paris bescheinigt ihr im "Merkur" eine epidemische Verbreitung. Meist siegt sie, weil ihre Leidtragenden sie als Ausnahme durchgehen lassen oder weil die Regeln, gegen die sie verstößt, keine unbefragte Geltung mehr besitzen, so dass der ihr Entgegentretende selbst leicht ins moralische Zwielicht gerät. Jede Frechheit birgt die Möglichkeit einer Eskalation, die bis zum Umsturz der verletzten Ordnung führen kann. Besteht doch die Gefahr, dass sich die Zuschauer solidarisieren. Denn wie der Held braucht der Freche ein Publikum. Das Ziel der Frechheit ist ja: Aufmerksamkeit ohne Sanktion. Weder dem Herunterschlucken des Ärgers noch dem Aufbegehren gegenüber dem Übeltäter kann Paris eine heroische Note abgewinnen. Aller Glanz kommt in der Abwehr der Frechheit der überraschenden kreativen Wendung zu. Die Lacher sind auf Seiten des Betroffenen, wenn er die Situation als eine Art Spiel zu deuten vermag und den Ball geschickt zurückwirft. Allerdings bedarf es zum gut sitzenden Konter einer bestimmten inneren Freiheit, einer nonchalanten Souveränität gegenüber den Zwängen der Situation, kurz: selbst einer guten Portion Frechheit. Erschwert wird sie durch den Umstand, dass der Freche mit Vorliebe Autoritäten auf die Schippe nimmt, die manches zu verlieren haben, sobald sie sich auf sein Niveau begeben.

 

In dieser Zwickmühle befand sich der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas, als er Opfer einer Aktion des notorisch aufsässigen Adorno-Promovenden Hans Imhoff wurde. In einem "Kultur & Gespenster"-Beitrag zur historischen Rolle der Coolness zitiert Dirck Linck den Wortwechsel, der sich 1968 ergab, als Imhoff durch die damals den Professoren vorbehaltene Tür in eine Habermas-Vorlesung spazierte. Der vorgewarnte Professor bot dem Eindringling Stuhl und Mikro an. Umsonst: Der Störenfried verharrte in penetranter und hermetischer Präsenz und provozierte Habermas schließlich zu einer entblößenden Drohung.

 

Für Linck gehört Imhoffs Dreistigkeit zu einem Verfremdungs-Repertoire, das die Achtundsechziger mit zehnjähriger Verspätung von der amerikanischen Beat Generation bezogen. Die Empfehlung der Coolness als subversiver Erkundungspanzer konnten sie auch schon bei Ernst Jünger finden. Der seelisch obdachlosen Jugend der zwanziger Jahre empfahl der national gesinnte Autor den Habitus der Kälte. Er sollte ihre aggressiven Impulse maskieren und es möglich machen, unerkannt "in Bürgerzimmern zu kampieren". Bis heute fasziniert Coolness, weil in ihr etwas von der Camouflage vor drohender Gefahr steckt und das kriegerische Vermögen, existentielle Ängste zu verbergen. Im Verzicht auf intuitive Gegenwehr gleicht Julia Kristeva den Coolen, in der Umleitung ihrer Aggression auf einen kreativen Neuanfang ist sie ihnen voraus und beweist doch, dass künstlerische Avantgarden immer Kinder des Krieges sind.

 

Ingeborg Harms

 

Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite 36

 

 

 

Literaturkritik.de Nr. 7 Juli 2007

 

Zwischen Entfremdung und Sinnlichkeit

 


Die Zeitschrift "Kultur und Gespenster" versammelt auch in der dritten Ausgabe ein reichhaltiges Themenspektrum

Besprochene Bücher ...

 

Die erste Ausgabe überraschte ob der dargebotenen Vielfalt der Themen, mit einer erfrischend unkonventionellen Aufmachung und einer ungemein lesenswerten, ausführlichen Auseinandersetzung mit Hubert Fichte - gut gelungen also, das Debüt. Die nächste Ausgabe zum Thema "Unter vier Augen" bot gar ein bislang unveröffentlichtes Interview mit Thomas Bernhard. Und was kommt jetzt?

 

"Wirklich wahr", so lautet das Thema der dritten Nummer, eine Doppelausgabe. Der vorliegende Teil beschäftig sich mit dem Schwerpunkt Literatur, der zweite Teil mit dem Film. Und so sind auch die meisten der Beiträge in der Literatur zuhause: Enno Stahl arbeitet in seinem Aufsatz "Kneipenjobber und Kulturschaffende" knapp, aber nicht uninteressant die "pseudo-dokumentarische[n] Lebens- und Arbeitsentwürfe" in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur heraus; Ove Sutter befasst sich in einem längeren Artikel mit dem deutschen Dokumentarhörspiel der 1970er-Jahre; Holger Schultze schreibt über "Audiopietisten" und Jens Ruchatz stellt sich unter anderem anhand von Oliver Stones recht zwiespältiger Fidel-Castro-Doku "Comandante" die Frage, ob und inwiefern das Interview sein Versprechen nach Authentizität einlösen kann. Weitere Artikel befassen sich etwa mit Peter Weiss' "Die Ermittlung" und der Repräsentation von Realität nach Auschwitz, Ernst Jünger, Ilse Aichinger, der "Väterliteratur" Ror Wolfs, Hermann Peter Piwitts und Thomas Lehrs oder "Der Entzauberung der Welt in der Ideologie der Gegenwart". Unbedingt zu empfehlen ist auch das von Mitherausgeber Jan-Frederik Brandel geführte Interview mit den Edition Nautilus-Verlegern Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg über die Geschichte des Verlages, der heutigen Rolle des Revolutionärs von einst und die Linke in Deutschland.

 

Bunt gemischt ist also auch diese monumentale Doppelausgabe von "Kultur & Gespenster", und man kann bereits auf die vierte Ausgabe gespannt sein.

 

A.S
Literaturkrtik.de Nr.7 Juli 2007 

 

Nr. 53 - Dienst an der Waffe

 

Aus neuen Zeitschriften (Nr. 53)

 



Dem Phänomen "Kultur und Gespenster" wurde gerade vom Deutschen Literaturfonds eine hohe Förderung zugesprochen, vermutlich war das bitter nötig, denn ein solches Unternehmen kann man nur mit einem gewaltigen und riskanten Feldzug vergleichen. Plötzlich war dieses Kulturmagazin da, als sei es zehn Jahre lang in der stillen Tiefe des Raums vorbereitet worden. Das erste Heft ist das dünnste und geschlossenste, es beschäftigt sich mal enger, mal weiter mit Hubert Fichtes Werk und Welt, vom Leben seiner exzentrischen Bekannten bis zur "Künstlerischen Feldforschung in Tansania". Seitlich dazu angeordnet sind typische intellektuelle Lieblinge wie Alexander Kluge. Germanistische Kryptiker surfen über Medienthemen, um zu zeigen, was einem dazu so einfallen kann, dazwischen gibt es merkwürdige Fotostrecken und Werbeanzeigen von Hipster-Unternehmungen, die bis vor kurzem noch "Plattformen" hießen. Kathrin Röggla erledigt zuverlässig ihren Job. Ein großes raunendes Crossover - aber: Das Sammelsurium hält hohen Ansprüchen stand. Besser lektoriert als die besten Tageszeitungen dieser Republik, legt diese Zeitschrift auch inhaltlich einen Maßstab vor, allerdings bleibt die Frage, wer das Material bewältigen soll, und manches ist sehr geschmäcklerisch.
Das Nachfolgeheft 2 "Unter vier Augen" beschäftigt sich grob gesagt mit dem Interview, doch wird die ausufernde Bandbreite zur reinsten Leistungsschau. Dass thematisch einiges aus dem Ruder läuft, macht aber auch hier nichts, denn immer ist "K&G" interessant, wie eine "Vanity Fair" für Dr. phil.´s. Jörg Schröder fahndet verkleidet nach Reemtsma, Thomas Bernhard wird gehuldigt, während er selbst live grantelt. Wieder sind Kluge und Röggla im Boot, und dass man den Primärtext kaum von der Forschung unterscheiden kann, finden die Herausgeber vermutlich richtig klasse. Diskurse darüber, ob Interviews nicht per se Manipulationen darstellen, sind schlicht langweilig. Anschließend macht K&G dem "Kunstforum International" Konkurrenz, dann folgt der göttliche Text vom göttlichen Robert Neumann, "Spezis in Berlin" (1966), den jemand wiederentdeckt hat, und zum Schluss wird das Thema Comics abgedeckt. "Aufhör´n", möchte man japsen und muss doch das meiste lesen.
Heft 3a setzt an zum Overkill. "Wirklich wahr", dieses Allzweckthema bezeichnet das Eingeständnis, dass eine Grenzensetzung nicht mehr möglich ist - und Teillieferung 3b soll erst noch kommen. Ernst Jünger wird mit den Beatniks verglichen, na gut, Jünger wird seit Jahrzehnten mit allem verglichen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, und diesmal sind auch Frösche mit dabei. Bekifft geht es weiter: Die Alt-Anarchos der Edition Nautilus reden auf sehr sympathische Weise sehr verworrenes Zeug. Fotostrecke und Comic. Dinge, von denen man noch nie etwas gehört hat: Audiopietisten. Bildende-Kunst-Strecke. Enno Stahl fordert mal wieder mehr Arbeiter in der Literatur. Eine Fotostrecke, leider so interessant wie Gerümpelräume. Eine wichtige, weil handfeste Untersuchung über Copyrightprobleme, von Sebastian Burdach. Und Rezensionen. Und Comicdiskurs und und und bis zur Formlosigkeit. Wann kommt der Herzinfarkt, liebe Herausgeber? Manko: Die Schrifttype ist zu klein, und Autorenangaben fehlen. Fazit: einfach plättend, einfach zu viel, einfach danke.

 

MARCUS JENSEN,
AM ERKER  Nr. 53, Mai 2007

 

 

taz

 

Den Kapitalismus abschalten


Schriften zu Zeitschriften: Die "Kommune" betreibt linke Trauerarbeit und bringt noch einmal einen Schwerpunkt zur RAF, "Kultur & Gespenster" freut sich über den Geist der Anarchie und arbeitet sich an Wolfgang Kraushaar ab

Die Gewaltfrage kann urplötzlich beim zweisamen Couchgespräch vor dem Fernseher auftauchen: Hast du schon mal jemanden töten wollen, mehr oder weniger in Gedanken, aber dennoch ohne innere Zweifel? Wenn gerade ein Krimi läuft, wirkt solche bierselige Spekulation meist selbstgefällig. Doch wer einmal Todesangst oder eine drohende Vergewaltigung erlebt hat, der hat auch dann eine konkrete Empfindung.

Angesichts von vermummten Steinewerfern auf dem Bildschirm stellt sich die Frage diesseits der Notwehr: Wer von denen würde abdrücken, wenn er statt des Steins eine Knarre in der Hand hält? Das dargebotene bizarre Aufstandspiel mit allerlei einstudierten militanten Taktiken ist ja nicht nur ein folgenloses theatralisches Ritual. In der leidenschaftlichen oder coolen Gewalttat offenbart sich eine immanente Symbiose aus Spiel und Ernst. Alles könnte stets in Sekundenschnelle
kippen; der Grat ist schmal und zudem unsichtbar. Man kann durchaus ins Sinnieren geraten über die Überlebenschancen von George W. Bush oder des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann auf Rostocker Seitenstraßen am Samstag. Ussama Bin Laden hätte höhere gehabt.

Das psychologische Fantasieren über die Gewalt befeuert auch die RAF-Debatte, über deren Wiederaufflammen viele seit Monaten nur den Kopf schütteln können. Alles schien dazu seit Jahren geschrieben und gesagt. Der RAF-Themenschwerpunkt im aktuellen Heft der Kommune zeigt noch einmal, warum dies dennoch eine Vergangenheit ist, die nicht vergehen
will: Obwohl der lange Abschied von der Revolution 1968 ff. so eindeutig und nachhaltig ausfiel, fehlte es angesichts des überstandenen kollektiven Wahns an "linker Trauerarbeit", so Martin Altmeyer. Am 20. Mai 1973 hatte Ulrike Meinhof an Horst Mahler über die Möglichkeiten von Befreiung und Heilung geschrieben: "Gewalt gegen die Schweine: Knarre, Bewusstsein, Kollektiv." Um "Komplexitätsreduktion mit der Waffe" (Herfried Münkler) geht es. "Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt", wusste bereits Carl Schmitt. Und mit der Auslöschung des Feindes hofften die Täter daher, sich von allen inneren Fragen und Widersprüchen zu erlösen.

Moralisch hätte die Grenze zu solcher Inhumanität von vielen Linken Kurt Edler zufolge leicht überschritten werden können: "Seien wir ehrlich: dass die RAF in ihrem Werben um Mittäter so erfolglos blieb, … lag nicht an der Moralität des Widerspruchs, sondern - typisch für die neomarxistische Linke damals - am strategischen Realismus all jener am Diskurs Beteiligten, die den RAF-Gründern damals widersprochen haben." Interessant wird es wieder in der psychologischen Fantasie: Wer von den heute in ihren Funktionen agierenden Ex-K-Grüpplern und einstigen Maoisten hätte nach einer erfolgreichen Revolution "im Dienste der Sache" Hinrichtungslisten unterschrieben, irgendwann Abweichler "notgedrungen" liquidiert oder solche Taten in Artikeln gerechtfertigt? Diese existenzielle Unsicherheit über die furchtbaren Möglichkeiten des eigenen Ichs, über die knapp entronnenen Folgen ideologischer Verblendung rumort individuell. Sie dürfte heute die von Ewiggestrigen und ignorant-romantischen Kulturlinken belächelte und befehdete linke Trauerarbeit von Koenen, Kraushaar & Co. antreiben.

"Und Wolfgang Kraushaar bestimmt, was über die Linke noch zu denken ist", meint denn auch pseudoprovokativ der unschuldig nachgeborene Jan-Frederik Bandel, Mitherausgeber von Kultur & Gespenster. Sein denkwürdiges Interview mit Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg, den jahrzehntelangen Machern des Verlags Edition Nautilus, ist eine Performance über linkes Denken, die situationistische Bewegung, über Politik, Revolution, Kultur, Literatur, Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion, kurz: eine mal dämlich-befremdliche, mal anarchisch kreative Wahnwelt mit antiautoritären Genen. Die Knarre wird von Schulenburg trotz aller verbaler Sprengsätze zum Glück im Schrank gelassen: "Der Kapitalismus muss sofort abgeschaltet werden und zwar schnell, weil dann das, na ja …" Wer fühlte sich dabei nicht an die ähnlich inhaltsschweren Botschaften des G-8-Protest erinnert?

ALEXANDER CAMMANN
taz vom 5.6.2007, S. 13

 

 

 

Büchertisch

 
»Sie wollen ein Geheimnis bleiben?« – »Richtig. Wer ich wirklich bin, ist komplett uninteressant. Ich bin zufrieden mit der Kunstfigur, die ich für mich entwickelt habe. Was sich dahinter verbirgt, will ich nicht wissen.« – »Vielleicht nichts.« – »Möglich. Vielleicht lauert hinter der Maske nur eine gigantische Leere. Das halte ich nicht für unwahrscheinlich.« Das sagte der Interviewkünstler André Müller im Gespräch mit Harald Schmidt, und Jens Ruchatz stellt es seinem Aufsatz als Motto voran. Authentizität als Versprechen des Interviews handelt davon, dass wir glauben wollen, das Interview enthülle den wahren Kern der Person, zugleich wissen können, dass es eine andere Form der Inszenierung ist. Die Pilatusfrage »Was ist Wahrheit?« bestimmt die jüngste Ausgabe dieser anarchisch gestimmten, leicht chaotisch wirkenden Zeitschrift, die auf hohem Niveau und mit subtilen Illustrationen die Fraglichkeit unserer Weltwahrnehmung sichtbar macht.

 

Kultur & Gespenster Nr. 3, Wirklich wahr, 2007

ULRICH GREINER
DIE ZEIT, 19. April 2007

 

 

 

Geisterforschung
Coole Achtundsechziger in der Zeitschrift „Kultur und Gespenster“

 

Aus dem Abstand von vier Jahrzehn­ten von einer „kulturellen Formation ‚68’“ zu sprechen, heißt der Geschichte der alten Bundesrepublik mit dem Blick des Archäologen zu begegnen. Dirck Linck, Literaturwissenschaftler in Han­nover, hat dem Geist von 68 sogar die Temperatur gemessen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Akteure des be­wegten Aufbruchs bei weitem „cooler" waren, als gewöhnlich angenommen wird, und dass sie keinem auch nur annä­hernd so naiven Kult der Unmittelbar­keit und des warmherzig Authentischen frönten, wie es die Legenden wollen: „Die Szene von 68, die immerhin Stadt-Guerilla und Spaß-Guerilla hervorbrach­te, hat das, was aktuell gegen sie in Stel­lung gerückt wird, immer schon selbst im Repertoire gehabt: Distanz, Rollenbewusstsein, theatralische List, Kälte, Kon­zepte der Mittelbarkeit für ein gegenwär­tiges Leben. Vom Pop lernte 68, was Coolness ist.“ Und von alten Grabenkriegern wie Ernst Jünger lernten die neuen Stra­ßenkämpfer die Chuzpe oder „Désinvolture“: jene göttergleiche Ungeniertheit und dreiste Ungezwungenheit, die sich stets unschuldig weiß, gleich ob sie ihre Ohnmacht bekennt oder mit der Macht im Bunde ist. Joschka Fischer lässt grü­ßen.

 

Django und Aristophanes

 

Lincks materialreiche Überlegungen („Désinvolture und Coolness. Über Ernst Jünger, Hipsters und Hans Imhoff, den Frosch“) sind nachzulesen in einem Schwerpunktheft zum Thema Authenti­zität („Wirklich wahr“) der ebenso schrä­gen und witzigen wie gehaltvollen Zeit­schrift Kultur & Gespenster (Nr. 3, Win­ter 2007, Textem Verlag, Hamburg, 416 Seiten, 12 Euro). Archäologie verbindet sich da aufs Erquicklichste mit Paläographie und Epigraphik, wenn der Autor ent­legene Quellen entziffert, als wären sie verwitterte Inschriften auf antiken Sar­kophagen. So kann er präzise nachwei­sen, dass die „linke“ Rezeption von Ernst Jünger (für die Wiedererweckung der Lehren von Carl Schmitt dürfte Ähnli­ches gelten) nicht erst beim nahen Ende der Bewegung einsetzte, sondern schon im Jahr 1968: Mit dabei waren Horst Bingel, Peter Gorsen, Lothar Baier, Gerhard Zwerenz und Wolfgang Weyrauch.

Und sogar der missing Link zwischen dem Jünger der Zwischenkriegszeit und den Beatnicks der Nachkriegszeit als den unmittelbaren Vorläufern von Pop, Rock und Protest ließ sich ausfindig machen, in Gestalt des in die USA emigrierten Na-tionalbolschewisten und künftigen Beat-Anthologen Karl Otto.Paetel. Linck erin­nert auch an den Kulthelden Django („Wer Django kennt, weiß dass Diskus­sionen manchmal nicht weiterhelfen“) als Vorbild für den einst gefürchteten Frankfurter Aktionskünstler Hans Im­hoff, den die FAZ vor Jahren zum „deut­schen Aristophanes“ kürte.

Wer schon bei der Lektüre eines der wichtigsten Bücher zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts – Helmut Lethens „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) – auf den Gedanken kam, zwischen der 68er-Generation des Verfassers und der im Buch erörterten Generation der Zwi­schenkriegszeit könnte eine geheime Ver­abredung bestanden haben, bietet Lincks Aufsatz manchen Stoff zum Wei­terdenken.

 

VOLKER BREIDECKER
Süddeutsche Zeitung 4.4.7 Seite 14

 

 

 

 

Szene Hamburg April 2007

Eingeflochtene Zöpfe

 

Auch der dritten Ausgabe von „Kultur & Gespenster“ wünscht man wieder viele Leser. Das Konzept der Herausgeber, Comics, ernste Themen, vergessene Kleinode, visuelle Beiträge von Künstlern, große Literatur, Schubladen-Manuskripte und schicke Optik zu verquirlen und neu zu ordnen, hat schon eine Menge Anhänger. Diesmal geht es um das Thema „Authentizität“ und als lustiges Spiel mit dem Genre und wegen der vielen Texte ist ein zweiter Teil angekündigt. Erst mal sollte man sich jedoch in „China White – die Prosa Robert Binghams“ festlesen, oder in Gabi Schaffners finnischem Tagebuch, die auch die Titel-Fotografie geliefert hat. Zwei Frauen, die zur Plauderei über Frisuren der Kindheit anregen, aber wirklich.

 

JM, Szene Hamburg April 2007

 

 

 

 

Mit Hegel beim Dönermann

 

Postidealistische Praxis: Die neue Zeitschrift "Kultur und Gespenster" ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Ein Besuch bei den jungen Herausgebern.

Es könnte eine Geschichte sein, die von Mut, Risikobereitschaft und Engagement erzählt. Es könnte von durchgearbeiteten Nächten und prekären Lebenssituationen die Rede sein, von Leuten, die sich am Rande von Institutionen und Unternehmen aufhalten und ihre ganze Energie auf ein unbezahltes Projekt verwenden. Das Ärgerliche ist jedoch, dass sich die Protagonisten der Geschichte solchen Deutungsmustern verweigern.

Die spielerische Leichtigkeit, mit der Gustav Mechlenburg, Nora Sdun und Jan-Frederik Bandel über den Entstehungsprozess ihrer Zeitschrift "Kultur und Gespenster" sprechen, die sie seit gut einem halben Jahr mit großer Resonanz in der kulturwissenschaftlichen Szene herausgeben, scheint dem intellektuellen Ehrgeiz zu widersprechen, die etwa der jüngst erschienene dritte Band der Zeitschrift erkennbar werden lässt. In der Zweizimmerwohnung von Nora Sdun im Hamburger Schanzenviertel liegt das gut vierhundertseitige Konvolut auf dem Wohnzimmertisch, graphisch avanciert gestaltet und inhaltlich voraussetzungsreich. "Wir machen das aus Idealismus und Leidenschaft", sagt Mechlenburg. Er meint das ironisch.

Lassen wir diese Geschichte auf einer sachlicheren Ebene mit einer Liste von knapp 150 Namen beginnen, die Jan-Frederik Bandel vor einem Jahr auf der Leipziger Buchmesse an Gustav Mechlenburg reichte: In Zusammenarbeit mit diesen Autoren, alles mehr oder weniger Bekannte von ihm, wollte er eine Zeitschrift herausbringen. Ihr Titel: "Kultur" - im Sinne von Pflege - und "Gespenster" - nach dem althochdeutschen Gispanst (Lockung). "Katalog und Laufmappe gegenwärtiger ästhetischer Praxis", so definiert sich die Zeitschrift inzwischen selbst. Mechlenburg, der seit einigen Jahren das Internetfeuilleton "textem" betreibt, zeigte sich irritiert von dem Umfang des Projekts, doch auch gelockt von dem sehr weit ausgearbeiteten Konzept, das Bandel ihm vorlegte.

Er gründete einen Verlag, was ihn achtzehn Euro und einen Besuch bei der Handelskammer kostete. Die technischen Voraussetzungen waren geschaffen, das finanzielle Risiko blieb überschaubar: Alle Autoren, auch der Graphiker und der Anzeigenakquisiteur, arbeiten umsonst. Das Geld, das über den Verkauf eingenommen wird, deckt gerade die Ausgaben für den Druck der zweitausend Exemplare. Ein Mangel, der für Nora Sdun auch einen Luxus begründet: "Wir haben keinen vorauseilenden Gehorsam einem bekannten Lesepublikum gegenüber. Wir müssen uns keinen Leser vorstellen, der während der Lektüre sein Wurstbrot streichen möchte."

Die zugleich als Büro dienende Wohnung in einer Hamburger Sozialbausiedlung lässt schon erkennen, dass "Kultur und Gespenster" nicht aus dem etablierten Kulturbetrieb kommt. Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun arbeiten nebenbei als Ghostwriter und freie Autoren, Gustav Mechlenburg als Korrektor. Von den üblichen Requisiten eines Redaktionsbüros ist außer einem Schreibtisch und einem Computer jedoch nichts zu sehen. Der Kontakt zwischen den drei Initiatoren läuft über Mail und Telefon. Bandel und Sdun bauen in täglichen Assoziationsstunden das Gerüst der Zeitschrift auf. Der Inhalt ergibt sich zwanglos aus privaten Bildungsgeschichten, gemeinsamen Interessen und einer lockeren Vernetztheit der Autoren. Ein Autor empfiehlt einen anderen. Auf diese Weise wächst der Stoff. Der zweite Band hatte schon den doppelten Umfang des ersten, der dritte Band musste angesichts von 800 Seiten Stoff in zwei Ausgaben unterteilt werden. Soll man von einer Erfolgsgeschichte sprechen?

"Das ist schon merkwürdig, wie sich das Magazin herumspricht", sagt Nora Sdun. Glaubt man Gustav Mechlenburg, dann hat es damit zu tun, dass kurz nach der Fußball-Weltmeisterschaft, als der erste Band erschien, eine gewisse Müdigkeit an reflexionsfreier Euphorie entstanden war und ein umgekehrt gewachsenes Interesse an theoretisch-literarischer Beschäftigung. Zweitens damit, dass er gern herumläuft, in Berlin, wo er seit kurzem ein Zweitzimmer unterhält und zahlreiche Medienkontakte pflegt. Release-Partys mit der imagefördernden Präsenz von Rainald Goetz und Diedrich Diedrichsen in Hamburg, Berlin und München taten ein Übriges, um die mediale Aufmerksamkeit zu wecken, die den ersten beiden Bänden zuteil wurde. Es werde sich jetzt mit den Bänden drei und vier zeigen, ob man ein dauerhaftes Publikum erobern kann.

Der Eindruck des Extravaganten, den das Magazin vermittelt, ergibt sich zuerst durch die Rubriken, die mit eindrucksvollen Titeln wie "Der sich entfremdete Geist die Bildung", "Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels" oder "Das Gewissen, die schöne Seele und seine Verzeihung" überschrieben sind. Der Comicteil läuft unter "Das Gewissen, die schöne Seele und seine Verzeihung", die bildende Kunst unter "Die sinnliche Gewissheit".

Es handelt sich dabei jedoch nicht um Erfindungen der Autoren, sondern um Bruchstücke idealistischer Philosophie. "Wir saßen hier im Schanzenviertel, aßen Döner und hatten Hegels ,Phänomenologie des Geistes' dabei. Da steht das alles drin", sagt Mechlenburg. "Das ist sehr spielerisch, aber das passt manchmal super." Manchmal passt es gut, manchmal aber auch nicht. Denn zum einen ist in vielen Beiträgen ein Unterton vernehmbar, der eine reservierte Haltung gegenüber der stofffernen Reflexion der "alten Philosophie" verrät (worunter eben auch Hegel fiele) und sich eher an den Ansätzen der cultural studies orientiert. Zum anderen verfährt die Zeitschrift nach den Interessen ihrer Autoren, die sie keinem einheitlichen Ansatz unterordnen. So finden sich mitunter in einer Ausgabe sehr unterschiedliche, ja konträre Haltungen zum selben Thema.

Einem Text im ersten Band, der das Alexander-von-Humboldt-Bild in Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" mit einem postkolonialistischen Ansatz kritisiert, folgte etwa eine Reportage über künstlerische Feldforschung in Tansania, die alle kolonialistischen Vorurteile wiederaufleben lässt. Tonlagen und Ausrichtung der Texte sind sehr unterschiedlich. Die Beiträge stammen zumeist von jungen Wissenschaftlern, freien Autoren oder Journalisten, die sich von Pflichtformen befreien wollen und in der Regel einen Essayismus bedienen, der wissenschaftliche Analyse integriert, aber der Form nach über sie hinausgeht.

Die Distanz zu der Trägheit und den Diskursritualen der Wissenschaft verdeutlicht nicht zuletzt ein beigefügter Aufkleber des Comiczeichners Sasha Hommer zum Jahr der Geisteswissenschaften, auf dem drei weiße Kriechtiere schläfrig zwischen grauen Hochhäusern vor sich hin dämmern: Die Zeitschrift gibt sich zwar nicht aktivistisch, will aber engagiert sein. Bei aller Vielstimmigkeit verfügt das Magazin über eine erstaunliche Geschlossenheit.

"Wir hatten schon die Idee, dass es eine Erzähllinie gibt in dem Programm", sagt Bandel, dass also der jeweilige Band ein Thema fortstrickt, das im vorausgegangenen schon angelegt war. Sucht man einen gemeinsamen Ausgangspunkt der Stimmenvielfalt, könnte man ihn also am ehesten in dem Schriftsteller und Ethnographen Hubert Fichte finden, dem sich das Dossier des ersten Bandes widmete und der auch das Prinzip der teilnehmenden Beobachtung prägte, das sich in den meisten Beiträgen erkennen lässt. Der nächste Schwerpunkt wird Georges-Arthur Goldschmidts autobiographischem Schreiben gelten. Es geht auch darum, im akademischen Betrieb unterrepräsentierten Autoren ein Podium zu verschaffen und Formen aufzunehmen, die in traditionellen Literaturzeitschriften fehlen. Neben der Kunststrecke ist dies vor allem die Comic-Rubrik, Ausdruck der lebhaften Hamburger Szene und der fruchtbaren Schule Anke Feuchtenbergers.

Bei aller Skepsis gegenüber ordnenden Begriffen können sich die drei Herausgeber am Ende doch auf ein Prinzip einigen, das ihrer Arbeit zugrunde liegt: Es sei das Moment der Verschwendung, das sich die Autoren gezielt leisten, dass man sich Zeit nimmt, die man im Grunde genommen nicht zur Verfügung hätte, sagt Nora Sdun. Sie selbst verwende eigentlich ihre ganze Zeit für das Magazin. Was jedoch nicht weiter schlimm sei, weil sie es als eine fortgesetzte Bildungsmaßnahme betrachte. Außerdem mache es ihr "einen ganz blödsinnigen Spaß". Sie meint es durchaus unironisch.

THOMAS THIEL
F.A.Z., 14.03.2007, Nr. 62 / Seite 40


 

 

Ist das wahr?
Schon das dritte Heft von "Kultur & Gespenster" ist fertig


Sie sind jung, sie sind fleißig, sie sind (hoffentlich nicht allzu) arm, und sie sind verdammt neugierig. Sie sind traditionsbewusst und innovativ, sie sind zwar noch nicht so richtig superprofessionell, aber das macht wiederum gerade den Reiz aus. Über all ihrem Tun und Forschen und Grübeln liegt Werkstattcharakter. Die Anti-Glamour-Offensive aus Hamburg, die sich unter dem Titel Kultur & Gespenster versteckt, hat jetzt schon innerhalb eines dreiviertel Jahres das dritte dicke Heft herausgebracht; dick sind die Hefte immer (der Fleiß!), und sogar recht günstig (sie arbeiten ja nicht für Geld), und wir wollen hoffen, dass nicht allzu schnell die Krallen der Festanstellung diesem zauberhaften biographischen Zwischenstadium ein Ende bereiten. 12 Euro kostet ein Exemplar, für über 400 Seiten; das reicht zum Schmökern eine Weile, zumal es auch viel zum Schauen gibt. Die Szene, die sich hier formiert, hat Augen im Kopf.

Und da Hamburg über die lebhafteste Comic-Szene in ganz Deutschland verfügt, kommt der eher kultur-, geistes- und literaturwissenschaftlich gepolte Leser dieser Hefte in den Genuss, eine Zeichensprache gleich mit kennenzulernen, die ihm sonst vielleicht verschlossen bliebe. Es ist, nebenbei bemerkt, ohnehin auffällig, dass das zunehmend ins Netz drängende Leben, dass der durch elektronische Bilder und Bilderzeugungen durchwirkte Alltag sich "ruhige" Gegenflächen schafft: Die altmodisch, manchmal geradezu naiv anmutende Zeichnung von Hand ist nämlich längst wieder zurückgekehrt in die tonangebenden Medien.

In Hamburg lehrt die Zeichnerin Anke Feuchtenberger, und sie muss eine sagenhaft gute Lehrerin sein - mal ganz abgesehen davon, dass sie eine ganz eigene Bildsprache etablieren konnte nach der Wende. Aus dem Osten an die Elbe gekommen, tut die 1963 geborene Berlinerin gesamtdeutsche Wunder der Inspiration. Auch in diesem dritten Kultur & Gespenster-Heft, das unter dem Obertitel "Wirklich wahr" steht - womit die Klaviatur des Authentischen gemeint ist -, tummeln sich ihre Schüler und unterhalten sich über den "Fetischismus des Kaffeetrinkens".

Nun dürfte der Fetischismus so ziemlich das Gegenteil des Authentischen meinen - woraus man ruhig schließen darf, dass die Konzeption der einzelnen Hefte niemals zu bornierten Antworten führt. Ganz im Gegenteil, borniert will hier niemand sein. Das Redaktionsteam, bestehend aus Gustav Mechlenburg, Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun, straft alle Ideologieverdächtigungen Lügen. Wir befinden uns definitiv jenseits der Ideologien, oder genauer: nach den Ideologien; so etwas wie Utopie erscheint dann fast als Folklore - aber der Folklore wird wiederum Platz eingeräumt.

Denn Kultur & Gespenster ist offenkundig auch ein generationenübergreifendes Projekt: Man schaut in die Vergangenheit, bindet sie ein, mitunter fragend, mitunter bewundernd, oder beides zugleich. So wurde das erste dicke K&G-Heft dem Schriftsteller Hubert Fichte gewidmet, über den Jan-Frederik Bandel einfach alles weiß. Doch der Besessene nimmt nicht alles hin, und so bedachte Bandel den letztes Jahr postum erschienenen Band Die zweite Schuld (bei S. Fischer) - Abschluss des Zyklus' Die Geschichte der Empfindlichkeit - mit einer gnadenlos kritischen Langbesprechung.

K&G knüpft ein bisschen an das legendäre Schreibheft von Norbert Wehr an, das ähnlich ausufernd-obsessiv sich dem je ausgerufenen Sujet respektive Autor verschreibt. Und so ist es mehr als eine schöne Geste, wenn Marc Degens in seiner regelmäßigen Kolumne "Blätterwald" (wo in Heft 2 dankenswerterweise auf die Netz-Zeitschrift La mer gelée hingewiesen wurde) eine tiefe Verbeugung vor dem Schreibheft macht als der "ersten Adresse" unter den deutschsprachigen Literaturzeitschriften. Höflich, diese jungen Menschen!

Hart erarbeitet

Und wie sieht es nun mit dem Thema "Wirklich wahr" aus, dem ein Fortsetzungsheft demnächst nachfolgen soll? Klar, das Authentische ist eine begriffliche Krücke wie der Fetisch auch, und doch gibt es das natürlich: die Idee und Empfindung des "Echten" einschließlich der ästhetischen, sozialen, politischen Folgen. Das Verhältnis zur Arbeit an den Polen Fetischismus und Authentizität zu überprüfen, ist nicht dumm. Aber was überhaupt ist Arbeit? Einen gesellschaftskritischen Hauch meint man bei all der fußnotensatten Strenge des Heftes schon zu spüren, wenn etwa Enno Stahl über die nicht-arbeitenden Bohème-Geschöpfe einer Judith Hermann stöhnt und halbwegs zustimmend Sven Regener zitiert, der schrieb: "Es ist gut und nützlich, in einer Kneipe zu arbeiten." Mehr ist nicht übrig geblieben von der Arbeits- und Arbeiterästhetik?

Nö. Beziehungsweise: nur die Erinnerung daran. Abgründig und aus aktuellem Anlass aufschlussreich ist das Gespräch mit zwei Altlinken, den Gründern des Nautilus-Verlags (ansässig in Hamburg) Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg; anarchische Hippies und Ex-Revoluzzer, die für Günter Grass ("Staatsschriftsteller"), Jan Philipp Reemtsma ("das Geld ist ja nun von Millionen Rauchern hart erarbeitet und dank der Protektion der Nazis vermehrt worden") und Wolfgang Kraushaar ("Hilfspolizeiforschung") nur Hohn und Spott übrig haben.

Hanna: "Die RAF ist eine dankbare Projektionsfläche geworden."

Lutz: "Was ist denn Marlon Brando in Außer Atem anderes als Andreas Baader?"

Hanna: "Belmondo!"

Lutz: "Okay, okay, Belmondo! Oder Bonny and Clyde, Viva Maria. Kraushaar kann doch zum Frisör gehen, aber nicht mehr ins Kino. Überall sieht er nur Baader! Die unverstandenen Helden sind überall."

Und - ist das wahr?

 

INA HARTWIG
Frankfurter Rundschau, 07.03.2007

 

 

Eine Kulturzeitschrift zum Verlocken & Pflegen

 

Kulturzeitschriften finden sich in der Mehrzahl in einem randständigen Markt. Wenn sie überwiegend vom Engagement der Macher getragen sind und nicht von starken Verlagen oder satten Werbeaufträgen, kommt es umso mehr auf dieses Engagement an.

Im August 2006 erschien die erste Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift Kultur & Gespenster. Herausgeber sind Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg. Auf die Frage, wie man diese Publikation nennen kann, antwortet das Team: "Schubladen klemmen immer. Natürlich ist es keine Literaturzeitschrift, denn wir drucken ja keine Erzählprosa oder Lyrik. Wir sind eine Kultur- und Gespensterzeitschrift. Und wer sie lesen möchte, dem werden wir keine Hausordnung mit auf den Weg geben." Im ersten Heft hieß es dazu, Pflegen & Verlocken sei die Programmsetzung der Kulturzeitschrift, wobei das Verlocken vom altdeutschen gispanst /Gespenst kommt, demnach sei " Kultur & Gespenster ein ernst zu nehmender Ratgeber für alle kulturellen Verlockungen, von denen man noch nicht weiß, wohin sie einen führen". Er erscheint im Textem-Verlag von Gustav Mechlenburg, der bisher eine Reihe kleinerer Literaturpublikationen in Heftchenformat, einen verwegenen Experimentalroman von Carsten Klook (Korrektor, 2005) und die Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde von Klabund herausbrachte. Zarte Anfänge noch, aber die Internetseite des Verlags ist ein dynamisches interaktives Forum, und die Zeitschrift Kultur & Gespenster (Auflage 2000) kann man wohl als das Flaggschiff der Szene betrachten.

 

"Wir machen ein Angebot"

 

Der in seinem vielfältigen Schaffen noch unterbelichtete Hubert Fichte scheint eine zentrale Bezugsfigur dieser Szene zu sein, das Heft 1 war ihm in den Hauptbeiträgen gewidmet, Jan-Frederik Bandel verantwortet auch selbständige Publikationen zu Hubert Fichte. In der zweiten, schon wesentlich umfangreicheren Dezember-Ausgabe (400 Seiten, Thema: Unter vier Augen) mit Schwerpunkt Interview/Gespräch bezieht auch Kathrin Röggla ihre Medienautorschaft auf Fichte. Insgesamt hat das Thema Gespräch und Interview eine umfangreiche und breite Themenpalette ergeben, auch die Auswahl der Autoren aus Literatur, Wissenschaft, Kritik, Kunstpublizistik und Bildkunst lässt auf ein in Zukunft größeres Spektrum hoffen. Die Herausgeber haben einen "offenen, aber emphatischen" Begriff von Kultur und wollen sich dem Fetisch der Aktualität nicht unterwerfen: "Aktuell ist alles, was uns, unsere Autoren fasziniert, beschäftigt, in Rage versetzt. Aber mit irgendwelchem spezialistischen Insidergemunkel haben wir genauso wenig am Hut wie mit didaktischem Absichtsgehabe. Wir wollen nicht vermitteln, wir machen ein Angebot. Es liegt alles vor. Es gibt mehr Texte und Bilder als Kartoffeln." Aus dem Vorliegenden lässt sich in der Tat vieles auf intelligente Weise verbinden, unter anderem wird ein Interview mit Thomas Bernhard ausgegraben, erstmals in deutscher Sprache publiziert, ein Essay von Robert Neumann aus dem Jahr 1966 über die Gruppe 47 (Spezis in Berlin) führt geballte Polemik vor Augen und ein Essay zur aktuellen Kunst von Pierangelo Maset warnt vor dem Gespenst des Mainstreams und dem "Verlust des Randes".

 

Wir sind die Dicksten

 

Über publizistische Vorbilder ist man sich nicht ganz einig: "Unser Anzeigenakquisiteur sagt: der "Teutsche Merkur". Andere behaupten: amerikanische Quarterlies, die "Beute", "John Sinclair" und "Texte zur Kunst". Aber das ist alles Quatsch. Kultur & Gespenster ist am dicksten." Es ist wirklich dick und erinnert im Format auch ans Kunstforum International, bringt eine sorgfältige Auswahl von gut reproduziertem Bildmaterial (Kunst, Fotografie, Comic) und insgesamt ein originelles, nicht überstrapaziertes Layout. Nur die Schrift ist leider viel zu klein. Man spricht im Verlagsjargon von Augenpulver, das auch große Verlage leider oft genug in ihrer Buchware vor allem für das jüngere, zahlungsschwache Publikum verwenden. Auch Beipackzettel auf Pharmazieerzeugnissen oder das Kleingedruckte in der Lebensversicherung sind Augenpulver, aber eins kann man den Machern von Kultur & Gespenster nicht vorwerfen - dass sie publizistisches Augenpulver verstreuen. Die Beiträge sind seriös und (meist) journalistisch oder essayistisch (also lesbar) geschrieben, die redaktionelle Mischung ist anregend und die allgemeine Tendenz lässt auf Dauer frisches Gedankengut erwarten. Die selbstsicher geäußerte Motivation der Macher jedenfalls verspricht Durchhaltevermögen: "Das Bedürfnis, dazwischenzuquaken, verwandelt in Machbarkeitsfantasien und Gestaltungswut".

 

Martin Zähringer,

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion, Februar 2007

 

 

Dandy und Désinvolture



Die der Coolness inhärente Selbstironie verrät sie als eine Technik, die typischerweise der Dandy erprobt. Und ein Vertreter dieser Spezies, der 1998 gestorbene Literat Ernst Jünger nämlich, ist der Schöpfer jenes Begriffs, der gewissermaßen die Vorform der Coolness benennt: die Désinvolture.
Désinvolture ist die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Lebensideal habilitierte Contenance, deren oberstes Motto - wie das der Coolness - fordert, nichts und niemandem zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Bei der Désinvolture kommt aber noch etwas hinzu: Die Unschuld der Macht. So formulierte es der Erfinder des Begriffs, Ernst Jünger, selbst.
Was dem Dandy nicht passt: die Mühen der Ebene, die Niederungen der Politik, der Schweiß der Ehrgeizigen kurz: das Engagement. Unter der Würde, sich für das Augenfällige auch noch zu engagieren! Anders gesagt: Nichts ist dem Dandy so verhasst wie die Paradiese, die die Didaktik verheißt. Vielleicht ist darum, so denke ich mir, Jünger am Ende seines Lebens zum Katholizismus konvertiert. Bloß nicht verstanden werden wollen!
Mit Jüngers Dandytum ist der Übergang vom ZIG zu Kultur & Gespenster geschafft, der zweiten wichtigen Neugründung auf dem deutschen Intellektuellen-Zeitschriftenmarkt in den vergangenen 8 Monaten. Dieses Magazin kommt vierteljährlich aus dem Hamburger Textem-Verlag, der bislang nur durch seine Aktivitäten im Internet bekannt war. Wie das ZIG bevorzugt Kultur & Gespenster das Themenheft. Zwei Themenhefte von Kultur & Gespenster sind bereits publiziert.
Und jetzt das dritte Heft. Eine Doppelnummer, deren zweite im April erscheinen soll. Thema: Der Dokumentarismus in Literatur und Film. Wirklich wahr nennt die Redaktion das Heft und karikiert damit jenes kleine Wörtchen namens echt, das wir alle gern ans Ende unserer Sätze hängen. Echt?
Was mir an Kultur & Gespenster sehr gefällt: dass der Jargon, den es pflegt, zwischen Seminarismus und dessen beinahe dandyesker Parodie schillert, zwischen Überbietungsgestus und Unterhaltungswillen.
Wirklich wahr - also die dritte Ausgabe des Magazins - beinhaltet einen Aufsatz mit dem Titel „Désinvolture und Coolness. Über Ernst Jünger, Hipsters und Hans Imhoff, den Frosch“. Autor: Dirck Linck, Literaturwissenschaftler in Hannover.
Wer ist Hans Imhoff? Ich schlage das Heft auf und lese: „Imhoff, entflammter Leninist, Nationalist, selbsternannter Volkskommissar von Frankfurt, Goethe-Fan und Begründer der A-Sozialistik, geht aus dem denkbar beatfernen Milieu der Kritischen Theorie hervor. Seit inzwischen vier Jahrzehnten arbeitet er an einem umfangreichen literarischen Werk, das er von Anfang an unzugänglich hält, indem er es nicht in den Buchhandel gibt. Ende der 60er Jahre, Imhoff ist Promovend bei Adorno, bestimmen nicht die ersten dieser eher geheimen Bücher seinen Credit in der Szene, sondern eine Reihe von sehr öffentlichen Aktionen. Sie richten sich stets gegen die Mandarine der Linken: Habermas, Alfred Schmidt, Mitscherlich, den Doktorvater Adorno. Plötzlich taucht der Frosch in ihren Veranstaltungen (oder bei Handke-Lesungen und Suhrkamp-Verlags-Empfängen) auf und sprengt die Events, indem er den repräsentativen Körper des Intellektuellen attackiert.“ Zitatende.
Imhoff, seiner Unberechenbarkeit wegen als Frankfurter Frosch apostrophiert, steht prototypisch für die Unschuld der Machtlosen. An Imhoff zeigt der Kultur & Gespenster-Autor die Evolution des Dandys von Jünger zu seinem getreuen Gegenteil: der 68er Spaßgerilja. 68 gelang es, die Unschuld der Macht in die Unschuld der Machtlosen zu verwandeln, in antiautoritäres Gebaren.
Den Gesetzen dieser Emanzipationsbewegung gehorchend, schlägt unter dem Zugriff der Studentenbewegung Jüngers Désinvolture um in Coolness. Diese, so Dirck Linck, erweist sich als nichts anderes, denn die programmatische Weigerung, verstanden zu werden, sich lesen zu lassen. Coolness entzieht sich dem Lektüreprozess und der damit verbundenen Wut des Verstehens.
Hot oder cool, beide Begriffe stammen, darauf weist uns der Verfasser hin, aus dem Jargon des Bebop der 40er und 50er Jahre - was in Deutschland erst in den 60ern rezipiert wurde. Coolness besagte für die Beat-Generation und alle, die auf diese noch folgten: die wohlige Temperatur des bürgerlichen Wohnzimmers herunterzudrehen. Kalt werden, und dann den Blick, bevor er zu viel Wärme abstrahlt, mit der Sonnenbrille maskieren. Wie Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg in Außer Atem.
Wenn - so resümieren wir mit dem Autor - Frechheit siegt, ist die Désinvolture egalisiert wie Vornehmheit durch Coolness. Hans Imhoff, Provo und Aktions-Künstler, Rabulist und Dichter, ist cool. Auf die Frage der Studenten, was das Stören der Vorlesungen denn solle, antwortete er von Kopf bis Fuß Dandy: Man muss mich nicht verstehen.
Fromme Wünsche
Kultur & Gespenster ist avanciert und lässt vom Erscheinungsbild her erkennen, dass es zur Avantgarde gehörte, wäre eine solche noch denkbar. Das Magazin verfolgt die Strategie teilnehmender Beobachtung, ist also deutlich weniger aktivistisch als polar.

 

THOMAS PALZER nachtstudio.kleinformat kiosk - internationale Zeitschriftenschau
Dienstag, 30. Januar 2007 20.30 Uhr/Bayern2Radio

 

 

Die Kunst, nichts zu sagen

 

 

"Leute, die ein Gespräch führen wollen, sind mir sowieso schon verdächtig." So lautet der Titel eines aus dem Französischen ins Deutsche zurückübersetzten Interviews, das Werner Wögerbauer am 15. Juli 1986 im Wiener Café Bräunerhof mit Thomas Bernhard für seinen Materialband "Cahiers l'Envers du miroir Nr. 1: Thomas Bernhard" (1987) zwei Jahre vor dem Tod des Autors führte. Abgedruckt ist es nun in der zweiten Ausgabe der mit bisher beachtlichem Presseecho begleiteten Zeitschrift "Kultur & Gespenster", die sich schwerpunktmäßig dem Thema "Unter vier Augen" widmet, genauer: "Worttaschen, Medienspezialisten und die Produktion von Bedeutung. Das Interview als Form".

Die "Zeitschrift" kommt daher als umfangreiches, dickes Buch von 400 Seiten, in dem vor allem Mitherausgeber Jan-Frederik Bandel ein Forum gefunden zu haben scheint. Taucht er doch im Inhaltsverzeichnis gleich fünfmal auf, unter anderem mit seinem 2006 auf der Darmstädter Tagung der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser (GASL) gehaltenen vergleichenden Vortrag über Schmidt und Alfred Andersch. Absolute Highlights der Ausgabe sind jedoch Jörg Schröders und Barbara Kalenders urkomischer Beitrag "Auf der Suche nach Jan Philipp Reemtsma", in dem sich der Verleger und seine Begleiterin an eine skurrile Reise zu einem Hamburger Arno-Schmidt-Vortrag erinnern, und das erwähnte Bernhard-Interview.

Während sich Bandel und die Schriftstellerin Kathrin Röggla in weiteren Artikeln des Hefts weitschweifigen Gedanken über die tieferen Probleme des Interviewgesprächs hingeben, erfrischt Bernhard als österreichischer Klassiker der Totalverneinung durch seinen spitzbübischen Umgang mit der Gesprächssituation: "Na ja, jetzt müssen'S was fragen, und dann kriegen'S a Antwort." Im Folgenden geht es dann, wie so oft bei Bernhard, um lustvolle Rundumschlag-Beschimpfungen, größtenteils jedoch um seine brüske Zurückweisung öffentlicher Zuschreibungen, mit denen Wögerbauer den Schriftsteller konfrontiert.

Ganz wunderbar liest sich dazu auch der einführende Beitrag des jungen Autors Alexander Schimmelbusch, der dem Interview vorangestellt ist: "'Ich sage nichts'. Thomas Bernhard und die Kunst, sich nicht verharmlosen zu lassen." Schimmelbusch, dessen Debütroman "Im Sinkflug" wohl nicht ganz zufällig auf den ersten, mit Anzeigen gepflasterten Seiten der Zeitschrift beworben wird, fiel noch im Frühjahr 2006 beim Frankfurter Thomas-Bernhard-Symposium eher dadurch auf, dass er Alexandra Hennig von Lange, mit der er im Neuen Literaturhaus gemeinsam an einem Podiumsgespräch über Bernhard teilnahm, formvollendet aus dem Mantel half. Ähnlich wie seine für ihre intellektuelle Anspruchslosigkeit berüchtigte Kollegin, die an diesem Abend wie erwartet nicht viel mehr als belangloses Gestammel über Lippenstift an Vodkagläsern beziehungsweise einen netten, Bernhard lesenden Jungen beizusteuern vermochte, der sie im Bett damit beeindruckt habe, dass er ihr aus dem Roman "Auslöschung" vorlas, wusste auch Schimmelbusch - anders als Josef Winkler und Thomas Meinecke - nicht besonders viel zum Thema zu erzählen.

Im vorliegenden Beitrag präsentiert er sich jedoch als Kenner aller Interviews Bernhards und arbeitet in seinem Beitrag die dort auftretenden Widersprüche pointiert heraus. Ergebnis: "Die Überzeugung von der Gleichwertigkeit aller Dinge, von der Unmöglichkeit eines objektiven Urteils und der resultierende Drang zur Relativierung, zur Widersprüchlichkeit, lassen vermuten, dass Bernhard Gespräche, die man mit Journalisten führt, nicht als Form der Kommunikation, sondern als Form der Kunst verstanden hat", und zwar einer "Verweigerungskunst". Das darf man so stehen lassen. Und die Ausgabe der Zeitschrift gehört allein schon wegen des enthaltenen Original-Interviews in die Bernhard-Sammlung eines jeden begeisterten Lesers.

 

JAN SÜSELBECK Rezensionsforum Literaturkritik.de  19.12.2006

 

 

Intelligenz ist gut, Entspannung möglich

 

Um das literarische Interview geht es auch im Schwerpunkt der zweiten Ausgabe von Kultur & Gespenster, dem avancierten Kunst-Kultur-Theorie-Mix aus Hamburg. Adventsstimmung weckt dieser unhanseatisch barocke 400-Seiten-Wälzer, in den man sich nicht zuletzt wegen seiner ästhetischen Anmutung gerne versenkt. Die Autorin Kathrin Röggla spürt dem allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Reden nach; in zwei anderen Beiträgen gerät sie dann selbst mit ihren Büchern "really ground zero" und "wir schlafen nicht" auf die Analysecouch. Altmeister Alexander Kluges Gesprächstechniken werden seziert und der große Verweigerer Thomas Bernhard bekommt seinen grandiosen postumen Auftritt in einem hier erstmals auf Deutsch veröffentlichten Interview aus dem Jahr 1986. Er haut dem Fragesteller seine Wahrheiten um die Ohren: "Das Leben besteht in einer Aneinanderreihung von Blödsinn." Als Künstler kennt er die Grenzen der Theorie: "Wenn man sein Handwerk beherrscht, braucht man ja keine Reflexion."

 

ALEXANDER CAMMANN, tageszeitung, 7.12.2006

 

 

 

Gegen das Gewese

 

Man kann nicht mehr wie Thomas Mann schreiben, muß nicht streben und soll nicht jedes Interview glauben: Die neue Ausgabe von Kultur & Gespenster

 

Viele Texte sind heutzutage so aktuell, daß man sie schnell wieder völlig vergessen hat. Simple Signalwörter vermitteln das trügerische Hochgefühl, man sei vorne mit dabei, hätte jetzt Exklusivinformationen zur Hand – was hängenbleibt, ist morgen Schnee von gestern. Ihr trauriges Gegenstück hat diese verderbliche Infotainment-Ware in Texten, die so angestrengt zeitlos daherkommen, daß man lieber erst gar nicht anfängt mit dem Lesen. Zwischen diesen Extremen kann Lektüre durchaus ertragreich sein. Sie ist es, wenn vorhandenes Wissen erst bestätigt, dann – Hoppla! – über den Haufen geworfen wird. Das passiert selten. Ob der Text vorher zigmal irgendwo erschienen ist, kann dem Leser deshalb schnurzpiepe sein.

Wer bis hier mitgehen kann, sollte die Vierteljahreszeitschrift Kultur & Gespenster prüfen. Die wird im Eigenverlag herausgegeben, kostet zwölf Euro. Nummer eins wurde am 31. Juli in dieser Zeitung besprochen. Seit einigen Wochen gibt es die zweite Ausgabe. Den flotten Einstieg besorgt eine Folge »Schröder erzählt«. Davon gibt es mittlerweile so um die 50. Man sollte das mitbekommen haben: Jörg Schröder, der wiederholt mit dem März-Verlag pleite ging, erzählt Barbara Kalender, der Frau seines Lebens, unverschlüsseltes Zeug von früher. Zusammen gehen die beiden noch mal rüber, verschicken das Ganze dann an Abonnenten. »Roß und Reiter werden genannt«, ist das Prinzip, und so beginnt Kultur & Gespenster mit einem erzählenden Schröder: »Die Affäre seiner Frau mit Rudolf Augstein trieb Christian Schultz-Gerstein endgültig ins ›Connection‹. Nun ist der Abstieg eines Mannes, der einmal in den besseren Etagen des Hamburger Journalismus gesessen hat, ziemlich aufhaltsam, der führt nicht geradewegs in die B-Ebene, sondern wird abgefedert und findet natürlich dennoch statt.« Daß dieses leidige »natürlich« dermaßen passen kann!

Was im Gegensatz dazu nicht als gelungene Literatur gelten darf, wird weiter hinten im Heft fein säuberlich unterschieden. »Die Blechtrommel« z.B.: »Die Geschichte des der Großmama erdgerüchlich unter die Röcke kriechenden kleinen Oskars ist ostpreußische Nachkneipen-Blubo, kraft-saftig, humorisiert von einem Tausendsassa« und Frundsberger, der »den zuverlässig Erfolglosen gegenüber ein guter Kamerad« ist, während er »Nicht-Bewunderern wie Böll oder Peter Weiss« die Auflagen neidet. In der Konkret vom Mai 1966 zeichnet Robert Neumann diesen Frontverlauf: rechts Grass und seine »Gruppe 47«-Blubos, links »die vielen ausgezeichneten Leute, die sich von ihnen abgewandt« haben, alphabetisch von Andersch zu Weiss – »warum jagen sie nicht mit Hilfe der Jungen jene verschlissenen Führerpersönlichkeiten von ihren Sitzen weg?«

Neumann zitiert einen Brief von Thomas Mann, der das Gewese der »Gruppe 47« sieben Jahre nach deren Gründung auf die »lächerliche Wirtschaftsblüte der amerikanischen Lieblingskolonie Westdeutschland« zurückführte, »diesem frechen und unmoralischen Wohlsein nach Schandtaten, (...) an die heute zu erinnern nichts weiter als bolschewistisch ist«. So klar hat sich der Bildungshuber Mann selten ausgedrückt, und das auch erst nach »Joseph der Ernährer«, seinem klarsten Buch, das dennoch schwurbelt, nicht zu knapp. Wofür er heute wie Grass auf dem Lehrplan steht, ist in Kultur & Gespenster so formuliert: »Der war völlig verkrampft und ein typischer deutscher Kleinbüger. Mit einer geldgierigen Frau.« Genau: »Das interessiert ja nur Kleinbürger, so ein Milieu, das der beschreibt, das ist ja ungeistig und dumm, irgendeinen fiedelnden Professor, der irgendwo hinfährt, oder eine Lübecker Familie, liab, aber nicht mehr ist es als Wilhelm Raabe auch.«

Thomas Bernhard speaking. Wiener Schmäh: »Er machte den Bernhard-Sound auf Bestellung, wenn ihm der Sinn danach stand«, heißt es in einer Nachbemerkung zu dem Interview, mit ihm geführt im Sommer 1986 im Café Bräunerhof. Bisher ist es nur in französischer Übersetzung erschienen. Es geht wie immer bei Bernhard um alles: »Das Leben besteht in einer Aneinanderreihung von Blödsinn, wenig Sinn, aber fast nur Blödsinn. Egal, wer das ist.« Am besten verbringt man es manisch-depressiv oder legt sich eine Borderline-Störung zu oder, wie das heute heißt bei den Irrenärzten: »Wenn Sie nur lieben, sind Sie verloren, wenn Sie nur hassen, sind Sie genauso verloren. Wenn Sie gern leben, wie ich, dann müssen Sie halt in einer ständigen Haßliebe zu allen Dingen leben.« Auch wichtig: »Die Welt hat ja einen Sog, der reißt Sie eh mit, da brauchen Sie nicht streben. Wenn Sie streben, werden Sie eben ein Streber. Sie wissen ja, was das ist.« Und am wichtigsten: »Leute, die ein Gespräch führen wollen, sind mir sowieso schon verdächtig.« Damit ist das Gespräch mit Bernhard überschrieben. Das steht auch auf dem Cover von Kultur & Gespenster.

Schwerpunktmäßig geht es in der Ausgabe um Interviews. Hubert Winkels, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, erklärt das »unkrauthafte Wachstum« dieser Kulturtechnik damit, daß es eine »alles zukleisternde Form der individuellen Maskierungstechnik ist, die wir alle brauchen. Im Interview darf ich mir mein Leben so zurechtlügen, wie ich es immer gerne hätte, (...) kann ich mein Selbstbild in aller gleißenden Lügenhaftigkeit entfalten.« Einerseits stimmt das, weil: »Die Techniken, wie ich jemanden – in Anführungsstrichen – knacken kann, die sind natürlich mittlerweile durch jahrzehntelanges Üben und Redak­tionskonferenzen so was von abgenutzt.« Andererseit hat Winkels das nicht so holprig aufgeschrieben, sondern im Interview gesagt, auch wenn das immer mehr ein Brei wird. »Man kann nicht mehr wie Thomas Mann schreiben«, meint Winkels. »Die Tendenz geht hin zur Mündlichkeit. Es hat etwas Unprätentiöses. Es sind bestimmte Überheblichkeiten und Selbststilisierungen, die wegfallen, wenn man dem Mündlichen nahe kommt, wenn man so redet, wie wir das hier tun.«

Demnach erstrahlt das Selbstbild »in aller Lügenhaftigkeit«, wenn »bestimmte Selbststilisierungen« wegfallen. Eine Stilisierung muß keine Lüge sein. Mal ganz anschaulich: Jemand mit einem wölfischen Schreibstil läßt sich in einem Interview nicht knacken – ohne Anführungsstriche. Wer das Spiel kennt, ist unknackbar – dann ist sein Sprechen der Schafspelz. Er wirkt zugänglich, fast bodenständig, überzeugt durch Echtheit, bringt seinen Scheiß rüber. Deshalb, liebe Interview-Endverbraucher, beherzigt die Faustregel des Deutschlandfunk-Redakteurs: »je echter, desto gefakter«. Alternativ könnt ihr es so halten, wie der Lacanianer seinen Beitrag in Kultur & Gespenster schließt: »›Daß man sagt, bleibt verborgen hinter dem, was sich sagt ...‹ – Gibt es eine bündigere Begründung dafür, daß man die Schnauze voll haben kann vom Reden?«

Alexander Reich,  Junge Welt  29.11.2006

 

 

Lüge und Wahrheit

 

Eine neue Zeitschrift namens Kultur & Gespenster ist anzuzeigen, eine in Hamburg erscheinende Vierteljahrsschrift von professionellem Zuschnitt, ausgeschmückt mit Gemälden, Montagen, Comics und Modefotos. Das Magazin pflegt jedoch auch einen theoretischen Anspruch, was Literatur, Kunst, Philosophie und Musik betrifft. Gemacht wird es offensichtlich von jüngeren (Literatur-)Wissenschaftlern, die noch über ausreichend Muße und Einfälle verfügen und nicht ganz frei vom redseligen Zeitgeist und seinem mitunter angestrengten Vokabular sind.

Die zweite Ausgabe versammelt auf sage und schreibe 400 Seiten gescheite Essays, Abhandlungen, Interviews, Kunstkritiken und Buchrezensionen. Vergnügen bereitet beispielsweise die erneute Lektüre von Robert Neumanns brillantem Text Spezis in Berlin, eine bitterböse Polemik gegen die Gruppe 47 aus dem Jahr 1966, die damals erregte Debatten auslöste, zumal die Angegriffenen noch an den Fleischtöpfen saßen. Aufgespießt wird die bis heute gängige Lobhudelei, die ungehemmte, fast mafiose Bereitschaft eines Klüngels von "zweitklassigen" Autoren, sich wechselseitig hochzuloben und Literaturpreise zuzuschanzen. Auch der vielgepriesene Walter Höllerer kommt bei Neumann als flinker "Überalldabei" schlecht weg, von Hans Werner Richter gar nicht zu reden.

Etwas läppisch nimmt sich dagegen der ebenfalls schon bejahrte Beitrag des geschätzten März-Verlegers Jörg Schröder aus. Er stammt noch aus jener Zeit, als Jan Philipp Reemtsma aus guten Gründen darauf bedacht war, nicht fotografiert zu werden, beziehungsweise Fotos von sich aus dem Verkehr zu ziehen. Schröder indes machte sich 1984, mit einer albernen Damen-Perücke verkleidet, zu einer Arno Schmidt-Gedenkfeier auf, um dort Reemtsma, von dem er annahm, er verberge sich hinter dem angekündeten Festredner Heiko Postma, abzulichten. Dabei dürfte ihm schon damals klargewesen sein, dass es sich bei Heiko Postma um einen real existierenden Redakteur der Zeitschrift die horen und nicht um ein Pseudonym des "dumpfen Reemtsma" handelte.

Dem drogenkonsumierenden Apo-Aktivisten Bernward Vesper widmet Mathias Brandstädter seine Aufmerksamkeit. Er wirft auch einen neuen Blick auf sein Erfolgsbuch Die Reise, das er nicht als mehr oder weniger authentisches Tagebuchformat, sondern als ein "auffallend wohlkalkuliertes Textgefüge mit verschiedenen narrativen Abstraktionsgraden" definiert. Die Methode des "Umformulierens und Neukodierens" von tradiertem Material finde man ähnlich schon im Werk von Bernwards geächtetem Vater, dem NS-Barden Will Vesper. Schwerpunktthema ist das Interview als literarische Form. Auch hier geht es zunächst darum, das scheinbar Authentische zu hinterfragen. Denn das rohe Material wird in aller Regel beim Transskribieren geschnitten und umformuliert, ganze Passagen werden weggelassen oder dazuerfunden. So entstehen neue Erzählformen, wie Jan-Frederik Bandel ausführt, eine "Kunstsprache, die fließt und stockt, sucht und widerruft." Hubert Fichte etwa sah im Interview eine eigenständige literarische Form, die sich auch als Inszenierung oder Ritual beschreiben lässt. Er hielt dem jeweiligen Partner nicht einfach ein Mikrofon entgegen, er brachte vor allem seine eigenen Erfahrungen und sexuellen Interessen mit ein. Ähnlich verhält sich Alexander Kluge in seinen artistischen, beharrlich nachhakenden, den Gesprächsgast (und natürlich sich selbst) in seiner Eigentümlichkeit erkennbar machenden Fernsehsendungen.

Mit Thomas Bernhard ein Interview zu führen, war schwierig. Denn der war überzeugt, dass ein Gespräch zwischen Menschen, die sich nicht kennen, unmöglich ist: "Leute, die ein Gespräch führen wollen, sind mir sowieso schon verdächtig." Trotzdem hat Bernhard relativ viele Interviews gegeben. Seine launigen Unterhaltungen mit Journalisten hat er nicht als Kommunikation verstanden, sondern als Kunst, genauer: als Verweigerungskunst und virtuose Rollenprosa. "Es gibt fast nur opportunistische Schriftsteller", wetterleuchtet der Dichter in einem in Kultur & Gespenster erstmals auf deutsch veröffentlichten Gespräch aus dem Jahr 1986, das Werner Wögerbauer in einem Wiener Caféhaus mit ihm führte. Man meint fast Robert Neumann zu hören: "Entweder hängen sie sich rechts an oder links, marschieren dort oder da... Der eine arbeitet mit seiner Krankheit und seinem Tod und kriegt seine Preise, und der andere rennt für den Frieden herum und ist im Grunde ein gemeiner blöder Kerl."

Im Gespräch mit Anne Schülke bemerkt der Literaturkritiker Hubert Winkels, dass Interviews in literarischen Texten eher selten vorkommen. Eine gewisse Hochzeit gab es in den sechziger Jahren im Zusammenhang mit der Dokumentarliteratur, bei Günter Wallraff und Erika Runge etwa. Die Fiktion galt damals per se als bürgerlich-abgehoben, während das scheinbar Authentische für aufklärerisch und realitätsnah gehalten wurde. Heutzutage, da unser öffentliches Leben, Radio und Fernsehen nur noch aus glatten Interviews mit Politikern und Sportlern sowie Talkshows zu bestehen scheinen und klassische Ein-Stunden-Gespräche wie die von Günter Gaus nicht mehr vorstellbar sind (es sei denn bei Alexander Kluge), erweist sich das Interview - so der Radiomann Winkels - "als Medium der Lüge schlechthin", als eine Art Unkraut, das alles überwuchert. 

 

Freitag Die Ost-West-Wochenzeitung Nr. 47 von Michael Buselmeier

 

 

Geister im Dialog

 

Die erste Ausgabe war dem Schriftsteller und Forscher Hubert Fichte
gewidmet. Für ihre Tapferkeit, sperrige Themen aus nicht gerade
gängigen Perspektiven zu betrachten, ernteten die Hamburger Herausgeber
Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg schon viel Lob.
Kultur & Gespenster erscheint vierteljährlich und will die Leser mit
anstrengenden Gedankensprüngen herausfordern. Das macht aber nichts,
denn diese Art, über Kultur zu schreiben, ist erfrischend. Viel
bildende Kunst ist auch dabei. In diesem Monat kommt die zweite Ausgabe
heraus, die das Interview als solches und als Textform beleuchtet und
mit einer Releaseparty groß gefeiert wird. Das alles im handlichen
Buchformat und mit so schön klingenden Rubriken wie "Die Tugend und der
Weltlauf" oder "Die Lust und die Notwendigkeit". JM

 

Szene Hamburg November 2006

 

 

Selbstorganisierte Strenge

 

Zuständig für Kultur sind hierzulande vor allem der Universitätsbetrieb, Alexander Kluges Fernsehen und die Merz-Akademie. Zwischen diesen Optionen changieren gut 70 bis 80 Prozent des bundesdeutschen Denkdiskurses (Think Tank I). In den übrigen 20 bis 30 Prozent tummelt sich, was in den genannten drei Institutionen nicht vorkommt (Think Tank II). Diese prozentuale Aufteilung erhellt die problematische Lage, dass es grundsätzlich zu wenig selbstorganisierte, theoretisierende Medien gibt. Zu denen zählt seit Juli dieses Jahres die bei Textem veröffentlichte Zeitschrift „Kultur und Gespenster“. Es spricht für das zielsichere Händchen der Redakteure, dass sie die Nr. 1 Hubert Fichte widmen. Ein Telefonat mit Kluge, das Thomas von Steinaecker (TT I) führte, ein wahnsinniges Gesprächsprotokoll mit dem Luhmann-Kapitalisten Dirk Baecker und mit Jens Kiefer (TT I), eine revisionistische Geschichte des Kriegsbegriffes Fichtes aus Robert M. Gilletts Feder (TT I) und Ralf Schultes experimentell kritische Rezension von Jan St. Werners und Klaus Sanders „Vorgemischte Welt“ (TT II) gehören zu den Highlights des nicht streng wissenschaftlichen Unternehmens. Diese Nichtstrenge als Strenge in der Behandlung eines strengen Gegenstandes – das CEuvre Hubert Fichtes – ist eine Eigenschaft, die man als faszinierter Leser des strengen Autors als lax finden kann. Doch muss man der Gerechtigkeit halber darauf hinweisen, dass die Vielseitigkeit der Beiträge Lust darauf macht, „Hubert Fichte“ zu lesen. Das haptische Format – eine Zeitschrift wie ein Buch, man kennt´s von „Merkur“, „Texte zur Kunst“ und „Testcard“ – spricht die Sprache von Gebrauchstexten. Das Magazin passt in Bibliotheken, auf Kopierer und in Regale. Es kann also relativ einfach, mit minimalen finanziellem Aufwand, auf die Texte zugegriffen werden. Das ist ein Vorteil, den „Kultur & Gespenster“ mit Büchern und Zeitschriften in den unterschiedlichen Archiven der Welt teilt.

 

Spex Oktober 2006  Text: Christopher Strunz

 

 

Kultur & Gespenster

 

Ein als dickes Taschenbuch im A-5-Format neues Heft, beziehungsweise: Die Nummer 1 einer neuen Zeitschrift stellt sich vor. Laut Impressum erscheint sie im Textem Verlag, Hamburg, und bringt auf über 250 Seiten ziemlich Lesenswertes. Etwa ein gut illustriertes Kapitel über die Hamburger Comicszene. Oder eine "Kunststrecke" genannte Fotofolge von Claus Becker. Der Schwerpunkt des Heftes überstrahlt die Beiträge doch etwas: "Fichte" steht da lässig am Schmutztitel. Also um Hubert Fichte geht es, Aufsätze, Rezensionen, Beiträge u.a. von Gerd Schäfer, Anne Schülke, Kathrin Röggla, Mario Fuhse. Noch sind die Rubriken wie hingefallen und wenig erkennbar für den neugierigen Leser, die aufmerksame Leserin, die Einteilungen unterliegen Titeln wie "Die Lust und die Notwendigkeit" oder "Die Tugend und der Weltlauf", hübsche lyrische Zeilen, an die man sich gewöhnen kann. Vierteljährlich wird "Kultur & Gespenster" erscheinen, der Eizelpreis beträgt 12 Euro.

 

Buchkultur. Das internationale Buchmagazin, Oktober / November 2006

 

 

Kulturmagazin setzt auf die Kraft von Wort und Comic

 

So recht putzig will das Titelbild von "Kultur & Gespenster" nicht erscheinen, macht aber umso neugieriger: Ein süßes Porzellantierchen hat den Kopf verloren, dafür thront auf dem schlanken Hals eine metallisch funkelnde Christbaumspitze. Das neue Magazin im reisehandlichen Kleinformat hat prominente Autoren wie Kathrin Röggla vorzuweisen und kreist in dieser Ausgabe immer wieder um den Hamburger Schriftsteller und Weltenbummler Hubert Fichte, dem Steckenpferd der Redaktion.

"Kultur & Gespenster" - was für ein geheimnisvoll klingender Name. Unter Kultur verstand man früher die Pflege, heißt es in der Redaktion. Gespenst hieß im Altdeutschen "Gispanst" und bedeutete die Lockung. "Pflegen & Locken" möchte das Magazin also, wobei die Pflege hier meint, sich ausführlich mit Themen zu befassen. Mit längeren Texten lehnt es sich an die angloamerikanischen Quaterlys, die Quartals-Blätter, an und will sich damit von anderen deutschen Literaturzeitschriften abgrenzen. Nicht nur durch die Äußerlichkeit der dicken Buchform, das Blatt hat 250 Seiten, auch durch Texte, die stets mehrere Seiten füllen.

Jan-Frederik Brendel, einer der drei Herausgeber aus Hamburg, will Raum für verschiedenste Diskurse schaffen. "Die Leser sind nicht so unemanzipiert in ihrem Leseverhalten, dass man ihnen keinen längeren Texte vorlegen könnte", sagt Brendel. Er wehrt sich gegen das Spezialistentum, deshalb fächert sich die thematische Bandbreite von Josephine Baker, Interviews mit Systemtheoretiker Dirk Baecker und Filmemacher Alexander Kluge bis zu einem Fototagebuch zur Tansania-Erkundung von Dirk Meinzer auf. Besonders gehätscheltes Kind ist dabei der Comic, interessant in seiner Form des "grafischen Erzählens als Hybridform" so Brendel, der mit der Arbeitsstelle für Graphische Literatur in Hamburg zusammenarbeitet. Da gibt es noch viel zu erschmökern, die nächsten Texte erscheinen ja erst in drei Monaten.

 

Aus der Berliner Morgenpost vom 23. September 2006 von Verena Dauerer

 

 

Herrliche Haarspalterei

 

Wie ›zeigt‹ man kybernetisches Denken?« Wie analysiert Alexander Kluge seine Text–Bild-Bezüge? Was entsteht, wenn Kathrin Röggla ein fiktives Gespräch mit Hubert Fichte ersinnt? Was hat letzterer mit Alexander von Humboldt und Daniel Kehlmann gemein? Was passiert in der Comic-Szene Hamburgs? »Kultur & Gespenster« geht um im Feuilleton. Zu Recht, denn die neue, vierteljährige, 250 Seiten starke, schwarz-weiße Zeitschrift begeistert durch diskursive Fragestellungen.

Außer zum ersten Dossier zu Hubert Fichte, zur »Ästhetik des Hyde« oder zu den Stellagen von Oliver Ross zu schuften, sucht man aber auch Sirenen in Tansania, schöngeistert durch Comics und Kunststrecken oder stilisiert sich schnoddrig zum »Fachmagazin des Hair-Entertainments«: »Was Friseure können, können nur Friseure.« Ein schöner Schnitt, so wissenschaftlich wie sympathisch. (as)

 

Kultur & Gespenster, Nr. 2: Ästhetik des Interviews (Oktober 2006),

Nr. 3 Dokumentarismus in Film, Kunst und Literatur (Januar 2007), Textem, Hamburg, 12 €

 

Goon Magazin, September 2006

 

 

Kultur & Gespenster

 

Das im Juli erstmals erschienene Magazin „Kultur & Gespenster“ aus Hamburg will ein essayistisches Kulturmagazin ohne Aktualitätszwang, dafür mit offenen Textformen für intellektuelles Flanieren und gründliche Debatten sein. Die erste Ausgabe widmet sich dem Schriftsteller Hubert Fichte. Trotz der physischen Schwere (256 Seiten) zeichnet sich das nun vierteljährig herausgegebene Kulturformat besonders durch seine Zugänglichkeit aus. Obschon dem Rahmen angemessen theorieschwer, sind die Texte oft überraschend und angenehm versponnen. Literatur wird sich gerne auch literarisch genähert, oft essayistisch und ungezwungen wissenschaftlich. Neben Fichte von allen Seiten gibt es z. B. eine sehr interessante Annäherung an die Sängerin Josephine Baker oder literarische Feldforschung in Tansania. Im letzten Teil werden sehr genau und mit viel Platz Neuerscheinungen des Buchmarktes vorgestellt (sehr toll: Francis Ponge!). Die Künstlergruppe these.null ist mit einer Bildstrecke vertreten, die ihre Arbeiten zum imaginären Werk Hubert Fichtes dokumentiert. Dort heißt es: „Unser Ansatz ist der Beginn einer fruchtbaren Arbeit auf den Spuren Fichtes: Wissenschaftlichkeit nicht in vollem Umfang, sondern wissenschaftliche Analyse als Teil einer Methode, die ihren selbst gesteckten Rahmen permanent zu verlassen droht.“ Und das kann gut für das gesamte Magazin stehen.

 

DE:BUG, Magazin für elektronische Lebensaspekte, September 2006

 

 

Kulturgespenster

 

Man darf auf die nächsten Ausgaben von „Kultur & Gespenster“ sehr gespannt sein. Neben der Mainzer „Testcard“, welche sich schwerpunktmäßig mehr der Musik widmet, könnte „Kultur & Gespenster“ im Bereich literarisch-bildkünstlerisch motivierter Kulturwissenschaft eine echte Lücke ausfüllen.

 

www.satt.org

 

Enno Stahl, satt.org, 19. August 2006

 

 

Deutschland Radio

 

Hubert Winkels: Vorstellung des Magazins "Kultur & Gespenster"

 

 

Büchermarkt, 15. August 2006, 16.30 Uhr

 

 

 

Gespenstisch

 

Texte aus dem kulturell-wirtschaftlichen Niemandsland

Drei wagemutige Herausgeber bringen die neue Zeitschrift für Literatur "Kultur & Gespenster" neben den Markt

 

Gespenster schlafen nicht. Anderthalb Jahrhunderte nachdem ein Gespenst in Europa beim Umgehen beobachtet und theoriekundig wurde, haben sie reichlich Zuwachs bekommen, und auch das ist gut und schön so. Gespenster, vom althochdeutschen "gispanst" für Lockung. "Kultur & Gespenster" heißt eine neue Zeitschrift in anspruchsvoller Buchform, mit der eine dreiköpfige Herausgeber- und Redaktionscrew aus Hamburg lautstark ihren kleinen Marktplatz betritt. Auflage: 2000, 250 Seiten, dicht bedruckt mit Beiträgen, die sich in beeindruckender Kompetenz Themen aus Literatur, Kunst, Kultur widmen und dennoch sehr schön gestaltet. Angestrebt ist ein vierteljährliches Erscheinen.

 

"Was hätten wir sonst tun sollen, wir verdienen ja sowieso nichts?", fragt Mitherausgerberin Nora Sdun kokett, während ihr Mitstreiter Gustav Mechlenburg ergänzt: "das ist ein Realitätsprinzip, das wir nicht akzeptieren." Dabei sind die drei Herausgeber keine Hasardeure: Bisher verursacht die Zeitschrift wenig Kosten: die Autoren und Herausgeber arbeiten umsonst, einige "Gespenster" umschwirren das Team mit freundlicher Unterstützung in Sachen Lay-Out, Anzeigenakquise, Öffentlichkeitsarbeit, und auch einen klar definierte Zielraum hat die Zeitschrift im Blick: das Niemandsland zwischen akademischer und literarischer Welt. Mechlenburg ist darin erfahren, wirtschaftliche Realitäten nicht zu akzeptieren. Seit einiger Zeit betreibt er "textem", ein Literaturportal im Internet, in das jeder hineinschreiben kann, was er will. Womit natürlich nicht jeder gemeint ist, sondern das Prinzip Offenheit, das im Internet herrscht, im Gegensatz zu der Abgeschlossenheit einer gedruckten Publikation.

 

 

"Alle wollten natürlich unbedingt dabei sein", deutet er Konfliktlinien an, denn nur wenige textem-Autoren konnten bei der Erstausgabe von "Kultur & Gespenster" vertreten sein. Neben einem Apparat mit aktuellen Texten zu Neuerscheinungen, Veranstaltungen, Beobachtungen aus den Bereichen Literatur, Kunst, Comic, etc., soll jede Ausgabe von "Kultur & Gespenster" ein Schwerpunkttehma behandeln.

 

In der ersten Ausgabe richtet sich der Blick auf Hubert Fichte, dessen umfangreiches Werk zwischen Dokumentarismus, literarischem Interview, ethnologischem Forschungsprojekten und einer popkulturellen Oberfläche nach wie vor unverdaut in den Bibliotheken liegt. Für Autoren wie Kathrin Röggla oder Ulrich Gutmair liegt dabei der Akzent auf der Auseinandersetzung mit Fichte als Teil der Reflexion eigener schriftstellerischer Arbeit. "Das sind ja keine wissenschaftlichen Texte", erklärt Jan-Frederik Bandel, der dritte der Herausgeber die Idee noch einmal neu, "In den Texten muss die Leidenschaft zu spüren sein."

 

Stefan Hentz

 

Die Welt, Artikel erschienen am Fr, 11. August 2006

 

Kultur & Gespenster, 12 Euro, Erscheinungsweise vierteljährlich, www.kulturgespenster.de

 

 

 

Verlockungen

 

Das Wort Kultur, so erfahren wir im Editorial, "schwappte Mitte des 17. Jahrhunderts in den deutschen Wortschatz und bedeutete zunächst Pflege". Gespenster wiederum "kommt vom althochdeutschen Wort ‚gispanst' für Lockung." Pflege und Lockung, wir ahnen schon: Bei KULTUR & GESPENSTER sind Germanisten am Werk. "Laufmappe und Katalog gegenwärtiger ästhetischer Praxis und Theorie" will das neue Quartals-Magazin sein.

 

Texte zu Hubert Fichte bilden den Schwerpunkt der ersten Ausgabe, die Redaktion hat "Autoren und Künstler eingeladen, Impulse seines Schreibens, aber auch Impulse ihrer Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner Person zu thematisieren."

 

Literaturforschungsberichte, Selbstversuchs-Tagebücher und literarische Anmaßungen zu Fichte - die germanistische Bodenoffensive jagt uns 200 atemlose Seiten lang durch das Werk Hubert Fichtes. Kultur & Gespenster löst das im Titel gegebene Versprechen ein: Die Leser durch intensive Pflege in das Universum des verwunschenen Hamburger Schriftstellers zu locken.

 

Was der alles gewesen ist, gekonnt und gemacht hat! Nicht nur prä-popliterarischer Popliterat, Literaturwissenschaftler, Homosexueller und Spurensammler. Nein, der 1986 mit 51 Jahren verstorbene Fichte hat auch die Debatte über literarische Beschreibungen des alliierten Bombenkriegs vorweggenommen - "mit der ihm eigenen Intelligenz, Ehrlichkeit und literarischen Treffsicherheit", wie der Germanist Robert Gillett erklärt.

 

Mehrere Beiträge befassen sich mit dem empfindsamen Ethnologen Fichte, der durch Südamerika und Afrika reist, und "diesen Irren, Afrikanern und Voodoopriestern als individuell handelnden, sprechenden und empfindlichen Subjekten gegenübertritt." So richtig begreift man die seit anderthalb Jahren grassierenden Fichte-Verehrung erst nach der Lektüre von Dirk Meinzers Beitrag "Künstlerische Feldforschung in Tansania". Denn da ist alles anders. Kein Beatnik mit Lederjacke und Vollbart, sondern ein sonnenbrandempfindlicher, fremdelnder und in Sehnsucht nach seiner Freundin Anke vergehender deutscher Künstler schlägt sich die tansanische Küste herauf und herunter, um Fischer und Hexer zu finden, die mit ihm auf's Meer fahren, wo er Sirenen fotografieren möchte. Ein komischer, verzweifelter Text, grundehrlich, wie Hubert Fichte und im Unterschied zu diesem überhaupt nicht überlebensgroß.

 

Christoph Twickel, Frankfurter Rundschau 4. August 2006

 

Kultur & Gespenster, 12 Euro, Erscheinungsweise vierteljährlich, www.kulturgespenster.de

 

 

 

Locken und pflegen

 

Textem. „Kultur & Gespenster“ lautet der Titel eines eigenwilligen Magazins für Literatur, Kultur, Theorie und Politik, das von nun an vierteljährlich zum Preis von 12 Euro im Hamburger Textem-Verlag erscheinen soll. Kultur, so steht es im Editorial, bedeutete früher Pflege, Gespenst kommt vom althochdeutschen Wort „gispanst“, was so viel wie Lockung heißt. „Locken und Pflegen“ also wollen die Macher auf ganzen 256 Seiten. Die Zielgruppe, das ist ein universitäres Publikum, das sich für Literatur und Kunst interessiert. Mit umfangreichen Dossiers sollen „abwegige“, „sperrige“ und “unvermittelbare“ Schwerpunkte gesetzt werden. Der Redaktion gehören neben Verleger Gustav Mechlenburg (www.textem.de) auch Jan-Frederik Bandel und Nora Sdun an.

Die erste Ausgabe widmet sich dem „großen Außenseiter der deutschen Nachkriegsliteratur“ Hubert Fichte. Außerdem enthält das Heft Comics, einen Reisebericht aus Tansania, ein Interview mit Alexander Kluge und eine Fotostrecke von Claus Becker. Im Dossier der Nummer 2 (ET: Oktober) wird sich alles um das Interview als Form drehen und im kommenden Jahr geht es um den Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt. „Kultur & Gespenster“ (Auflage 2.000 Exemplare) kann im Internet oder über den Buchhandel bestellt werden. Auf der Buchmesse wird das Magazin am Stand des Berliner Verbrecher Verlags präsentiert. ML

 

Buchmarkt, August 2006

 

Kontakt: www.kulturgespenster.de

 

 

 

Neu am Kiosk

 

 Linke Zeitschriften, die nicht nur inhaltlich ­etwas hergeben, sondern auch noch gut aussehen, sind selten. Die Beute war hier Vorbild, sichtlich auch für Kultur & Gespenster, eine neue vierteljährlich im Hamburger Textem-Verlag erscheinende Zeit­schrift im Buchformat. Das Magazin wird sich in jeder seiner Ausgaben einem bestimmten Thema widmen, den Beginn macht Hubert Fichte. Es ist schick gelayoutet, liegt gut in der Hand und kostet zwölf Euro.

 

Andreas Hartmann, Jungle World, 2. August 2006

Kultur & Gespenster, Nr. 1, Textem-Verlag, 256 Seiten, 12 €

 

Was Kultur ist

 

Tradition des Anderen: Im ersten Heft von Kultur & Gespenster wird Hubert Fichte an- und ausprobiert

 

Ob wohl irgendwo in der Welt so viel über Kultur geredet wird wie in Deutschland? Es ist eine Kultur des Common Sense, des gemeinsamen Marktes, Trendaktien, Waren. Ein essentieller Diskurs darüber, was Kultur ist oder sein sollte, ein Diskurs, der sie politisch einordnete, findet weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

Überdies wird der beherrscht von Altvorderen, den übriggebliebenen Kündern der Alten Republik, exlinken Konvertiten. Oder aber er ist geprägt von akademischen Diskussionsritualen und somit für ein größeres Publikum ungeeignet.

Um so mehr muß man eine neue Zeitschrift für Kulturwissenschaften begrüßen, wenn sie so ambitioniert und betont zeitgenössisch daherkommt wie Kultur & Gespenster aus Hamburg. Die erste Ausgabe hat Hubert Fichte zum Schwerpunktthema auserkoren. Denn als Name mag Fichte vielen geläufig sein, doch reduziert man ihn zumeist auf sein Image als (vermeintlicher) Popautor, als illustrer Schwuler und Skandalhans. Gelesen wird Fichte nur wenig, trotz einer Neuauflage seiner Werke im Fischer Verlag, u8nd eine ernsthafte, literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit seinem vielgestaltigen Werk hat gerade erst eingesetzt.

Die neue Zeitschrift hat hier mit neun, teilweise längeren Essays einen wichtigen Beitrag geleistet. Daß man bei manchen Aufsätzen, etwa dem von Ole Frahm über afrikanische Psychiatrie und dem von Gerd Schäfer über Heino Jaeger, nicht recht begreift, was denn hier Thema oder roter Faden sei, wird durch andere mehr als aufgewogen. Etwa durch Anna Echterhölters brillanten Essay über die ethnographischen Zugriffe Alexander von Humboldts, Fichtes und Daniel Kehlmanns. Letzterem bescheinigt sie eine ideologisch-verzerrende Humboldt-Darstellung, die den Universalgelehrten einer weltfremden Datenversessenheit zeiht und somit dessen durchaus poetische und polyphone Form der Phonomenbeschreibung unter den Tisch fallen lässt. Auch Fichte hat sich einer solchen „mehrstimmigen“ Ethnologie verschrieben, indem er die Bewohner der sogenannten Dritten Welt selbst zu Wort kommen läßt und sich zugleich vehement vom eurozentristischen Zugriff eines Lévi-Strauss distanziert.

Fichtes Arbeiten zur Kulturethnologie stoßen nicht nur in dieser Zeitschrift, sondern auch in jüngsten germanistischen Veröffentlichungen auf ein zentrales Interesse, da hier einige Probleme literarisch bereits gelöst zu sein scheinen, denen sich der theoretische Diskurs heute überhaupt erst stellt. So in etwa die These Ulrich Gutmairs wohl ausgewogenem Essay „Ich sind die anderen“. Neben einer Analyse von Fichtes Exotismus-Projektion bezieht Gutmair dessen Interesse und Methode unmittelbar auf die subjektive Erfahrungswelt des Autors, der sich als Homosexueller in der Bundesrepublik der 60er und 70er Jahre selbst noch wie ein Exot vorkam. Ebenso wie Echterhölter liefert Gutmair am Rande seiner Argumentationslinie fundierte Kritikpunkte an den Partikularitätstheoremen der post-kolonialistischen Kulturwissenschaften. Mit ihrer manschen Konzentration auf die minderprivilegierte „Gruppe“ verschleiert sie nämlich die Existenz des Individuums, den konkreten Subjekts. Nicht der einzelne Mensch ist dabei im Blick, sondern allein seine kollektive „Identität“  als Schwuler, Jude, Schwarzer etc. Fichte dagegen interessierte sich, so Gutmauir, nicht für eine solche abstrakte „Identität“, sondern für Körper, Sprache, Gestik, Tradition des Anderen, also den Menschen selbst.

Weitere überzeugende Beiträge stammen von Robert Gillett, der Volker Hages und W. G. Sebalds Bombenkriegsbücher einer kritischen Lektüre unterzogen hat – dahingehend, dass Hubert Fichte bei beiden trotz Kenntnis der entsprechenden Texte absichtsvoll verschwiegen wird. Sowie von Kathrin Rogglä, die einen interessanten semi-poetischen Versuch der Annäherung an Fichte unternommen hat. Zwei „Autorinnen“-Stimmen stehen mit einer „Fichte-Zitatmaschine“ in einem fiktiven Dialog, um so einen vagierenden Diskurs über dessen Leben und Werk anzustrengen. Analog zu Fichtes eigener Methode, konkurrierende „Ich-Konstruktionen“ miteinander zu konfrontieren, werden hier mögliche Perspektiven durchgespielt, quasi an- und ausprobiert.

Das auch ästhetisch anspruchsvoll gemachte Heft wartet zudem mit bildkünstlerischen Beiträgen auf, die sich dem Phänomen „Fichte“ nähern. Ein umfangreicher Rezensionsteil, Gespräche mit dem Systemtheoretiker Dirk Baecker und mit dem Fernsehproduzenten und Filmregisseur Alexander Kluge, ein Comic und ein Reisebericht aus Tansania runden das Bild ab.

Ein bißchen vermißt man biographische Angaben. Ansonsten darf man auf die nächsten Ausgaben von Kultur & Gespenster sehr gespannt sein. Neben der Mainzer Testcard, die sich vorrangig der Musik widmet, könnte Kultur & Gespenster im Bereich literarisch-bildkünstlerisch motivierter Kulturwissenschaft eine Lücke ausfüllen.

 

Enno Stahl, Junge Welt, 31. Juli 2006

 

Kultur & Gespenster, ISSN 1862-9866 erscheint vierteljährlich im Hamburger Textem-Verlag, 256 Seiten, 12 €

 

 

 

Die Schönheit der Fußnote

 

Neu: "Kultur & Gespenster"

 

Zeitschriften brauchen Leser. Leser haben Interessen. Interessen, könnte man als Zeitschriftenmacher glauben, sind starr und unverrückbar. Die Herausgeber von Kultur & Gespenster, einer neuen Kulturzeitschrift aus Hamburg, scheinen an alles mögliche zu glauben, bloß nicht an das Modell vom nur einseitig interessierten Leser. Kultur & Gespenster soll, so heißt es im kecken Editorial der Erstausgabe, ein "ernst zu nehmender Ratgeber für alle kulturellen Verlockungen" sein; soll überhaupt frei flottierend "locken und pflegen".

 

Zu welchen Ufern hin hier aber gelockt, welche Güter hier gepflegt werden sollen, das bleibt angenehm offen und unbestimmt. Allein Emphase und Anspruch scheinen Konzept zu sein; die Startausgabe von Kultur & Gespenster ist auf über zweihundertfünfzig Seiten eine weit ausgreifende Einladung zum Studieren, Blättern und Entdecken. So wartet das Heft nicht nur mit einem wuchtig gewählten Schwerpunkt auf, der in dieser Ausgabe dem vor zwanzig Jahren verstorbenen Hubert Fichte gewidmet ist, in den kommenden Heften aber auch Gegenstände wie das "Interview als Form", den "Dokumentarismus in Film, Literatur und Kunst" oder das Werk Georges-Arthur Goldschmidts umschmeicheln soll. Über diese - im Vorblick manchmal vielleicht etwas gediegen wirkenden - Dossierthemen hinaus stellt Kultur & Gespenster von Ausstellungskritiken über Buch- und Comic-Besprechungen bis hin zu scharf fokussierten Interviews, diesmal etwa, etwas fachintern, mit Alexander Kluge und, sehr gelungen, mit dem Soziologen Dirk Baecker, ein Kaleidoskop verschiedenster Kulturbeobachtungen vor, die fast immer versuchen, ihre Objekte neu zu vermessen, ihnen etwas hinzuzufügen.

 

In einer der gelungensten dieser Weiterdrehungen gleicht Anna Echterhölter Hubert Fichtes "dichterische Ethnologie" Venezuelas mit den Venezuela-Vermessungen Alexander von Humboldts und Daniel Kehlmanns ab: Sowohl Humboldt als auch Fichte hätten in ihren Reiseberichten versucht, die vorgefundenen Phänomene von mehreren Seiten her zugleich darzustellen. Humboldts Versuch einer Integration von positivistischer Naturwissenschaft und ästhetisierender Klassik habe ihn zu einem Vorläufer postkolonialer Konzepte gemacht, was Anna Echterhölter scharf vom genüsslich scheuklappig gezeichneten Humboldt der Kehlmannschen Literarisierung zu scheiden sucht.

 

Bei der vitalen Bandbreite solcher Polemiken und Exkurse stellen sich so immer wieder unterirdische Verbindungslinien zwischen den einzelnen Beiträgen her. Neben den Fichte-Essays und den hier wohl teilweise erstveröffentlichten Reise- und Kindheitsfotografien des Hamburger Weltschriftstellers ließe sich im Anschluss an Anna Echterhölter etwa ein viele Seiten später abgedruckter subjektiver Forschungsbericht des Künstlers Dirk Meinzer lesen, der von einer mehrmonatigen Suche nach Sirenen in Tansania berichtet. Bei diesem, aber auch bei vielen anderen Autoren, wüsste man dabei gerne genauer, um wen es sich handelt; die Neugier des Lesers in punkto biographische Notizen und Bildnachweise wird in dieser Startausgabe noch nicht befriedigt.

 

Als eine Art von Reader's Digest für Kulturbegeisterte soll Kultur & Gespenster von nun an viermal im Jahr in einer Auflage von 2000 Exemplaren erscheinen. Eine Zeitschrift mit diesem ans Wissenschaftliche grenzenden Anspruch ohne den Rückhalt eines größeren Verlages, ohne relevante Werbekunden und ohne Fördergelder auf den Markt zu bringen, ist auf geradezu lustvolle Art und Weise unökonomisch. Dennoch wird die Redaktion genau gewusst haben, welches Risiko sie mit ihrem Gang an die Druckpressen eingeht. Kultur & Gespenster ist im Umkreis des jungen Textem-Verlags entstanden, der bereits seit Jahren auf seiner Webseite ein weitverflochtenes Kultur-Pop-Feuilleton betreibt.

 

Mit Kultur & Gespenster hat man nun weit darüber hinaus und jenseits des Bildschirms etwas in der Hand: Man kann blätternd assoziieren, darf auf den schön gesetzten Seiten in Fußnoten schmökern, und wenn einem danach zumute ist - der Seitenspiegel ruft danach - schlaue Anstreichungen machen. Hoffentlich kann Kultur & Gespenster sich mit diesem Angebot angemessen hingebungsvolle Leser erobern.

 

Kultur & Gespenster. Nr. 1, Juli/August/September 2006, Textem Verlag, Hamburg, 256 Seiten, 12 Euro. Bestellungen unter www.kulturgespenster.de

 

Florian Kessler, Frankfurter Rundschau, 26.07.2006

 

 

 

 

Die aktuelle Zeitschrift

 

Neigungsgruppe: Bis vor wenigen Jahren, als in der heimischen Mittelgruppe die so genannten Freigegenstände erfunden wurden, hieß das für junge Menschen: abseits des regulären Stundenplans mehr (und oft: begeisterter) Erfahrungen machen. Entsprechend erfreut nehmen wir also zur Kenntnis, dass sich rund um den Hamburger Textem Verlag eine "Kulturneigungsgruppe" formiert hat: ein Team belesener, aber angenehm unprätentiöser Autoren, die kürzlich unter dem Titel Kultur & Gespenster ein vierteljährlich erscheinendes Periodikum in handlichem Format vorgestellt hat, "mehr als eine Zeitschrift, aber weniger als ein Buch".

 

Ausgabe 1 zeigt schon einmal: Es geht hier nicht um modisch halblustige Betrachtungen einer weiteren Literatur- oder Essay-Zeitschrift für den schnelllebigen, hippen Zeitgeist-Markt, sondern um ein durchaus eigensinniges Projekt. Schon in der Auswahl von Interviewpartnern wie Alexander Kluge oder dem Soziologen Dirk Baecker orientieren sich die Herausgeber eher an enzyklopädistischen, einem Netzwerkdenken verpflichteten Idealen. Dem entspricht das Schwerpunktthema des ersten Büchleins.

 

Unter dem Titel Die Lust und die Notwendigkeit umkreisen mehrere höchst lesenswerte Texte (darunter ein "Anmaßungskatalog von Kathrin Röggla) die epochale "Geschichte der Empfindlichkeit" des 1986 verstorbenen Dichters Hubert Fichte. Ein Nachruf auf Josephine Baker, ein Reisebericht aus Tansania, Comics oder Rezensionen zu Donald Barthelme und Wolfgang Ullrich machen Lust auf mehr. Detto die Themenankündigungen für kommende Ausgaben: Man darf sich etwa im September auf Auslassungen zur "Ästhetik des Interviews" freuen, vielleicht also auch zur Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Kein schlechter Ansatz.

 

Claus Philipp

DER STANDARD, 15.07.2006, Seite 38, Kommentar

 

 

 

Kultur & Gespenster

 

Der vor 20 Jahren verstorbene Schriftsteller Hubert Fichte bezog seine Inspiration unter anderem aus ethnologischen Studien auf seinen Reisen durch ferne Länder, wo er sich mit verschiedenen Formen des Wahnsinns beschäftigte. Darum geht es im Schwerpunktthema der ersten Ausgabe des neuen Kulturmagazins „Kultur & Gespenster“ (super Titel fü ein Super-Magazin!). Nicht die erste Veröffentlichung zu dem Hamburger Autor im Jubiläumsjahr. Doch der hat den Nachruhm verdient: Fichte war schwul, schlau und ein sehr süßes Kind, wie die Fotos in diesem Band beweisen. (Textem Verlag, 256 S., 12 Euro) hm/bw/rehv

 

www.siegessaeule.de/buch.shtml

 

 

Release-Party

 

Kultur & Gespenster

 

"Kultur und Gespenster", ein neues Magazin für Literatur, Kultur, Theorie und Politik, wird von nun an vierteljährig im Textem-Verlag erscheinen. Abwegig, sperrig und unvermittelbar wollen die jeweiligen Schwerpunkte sein. Die erste Ausgabe widmet sich dem "großen Außenseiter der deutschen Nachkriegsliteratur" Hubert Fichte. Die offizielle Release-Party heute Abend bietet Musik, Lesung und Powerpointoperette. Kathrin Röggla liest, Klaus Sander stellt ein Live-Hörstück über Fichte vor. Gezeigt werden auch die im Magazin abgedruckten Bilder. Musik gibt es von der Gruppe "Musikgruppe".

 

Kulturhaus 73, Schulterblatt 73, Hamburg, ab 20 Uhr

 

taz Nord vom 15.7.2006, S. 31, 23 Z. (TAZ-Bericht)

 

 

Schöngeister-Magazin

 

 

Erst gestern wurde "Kultur & Gespenster", ein neues Magazin für Literatur, Popkultur und Politik, in Berlin vorgestellt – schon ist das Feuilleton von FAZ bis Taz voll des Lobes. Herausgeber und Chefredakteur ist Gustav Mechlenburg, bekannt von www.textem.de. Das Magazin in Buchform bietet aber nicht nur anspruchsvolle bis abgedrehte Lektüre für Kopfmenschen, sondern ist auch für visuelle Zeitgenossen ein Genuss. Das ist der Gestaltung durch Christoph Steinegger zu verdanken (ehemals Büro X), dem das Kunststück gelingt, mit klassischer Typografie einen enorm zeitgemäßen Look zu erzeugen. Infos unter www.kulturgespenster.de.

 

 

 

 

 

Page-online, 12. 7. 2006

Zeitschrift feiert sich

 

Eine neue Kulturzeitschrift will die Republik intellektuell beleben. Sie heißt Kultur & Gespenster, wird herausgegeben von Jan-Frederik Bandel, Gustav Mechlenburg und Nora Sdun, und feiert am 15.7. (20 Uhr) im Dreiundsiebzig (Schulterblatt 73) ihr Erscheinen. Es liest Kathrin Röggla, es gibt Musik und ein Hörstück zu Hubert Fichte von Klaus Sander. Eintritt frei (www.kulturgespenster.de).

 

Volker Albers

 

Hamburger Abendblatt, 13. Juli 2006

 

 

 

Nicht irgendwer und niemals in der Einzahl

 

Das Magazin "Kultur & Gespenster" feierte seine Geburt ganz ohne Literaturhausstimmung und mit viel ansteckendem Hubert Fichte

 

Zwanzig Jahre, nachdem Hubert Fichte 1986 im Alter von fünfzig Jahren gestorben ist, scheint es eine Art Fichte-Renaissance zu geben. Hubert Fichte, der sich traute, sich selbst zum Ausgangspunkt, Material und Versuchsobjekt seines Schreibens zu machen - wie heute vielleicht nur noch Rainald Goetz -, wird dabei aber zum Glück nicht kanonisiert. Das zeigte zumindest die Verbrecher-Versammlung am Dienstag im Festsaal Kreuzberg.

 

Anlass der Veranstaltung war das neue Magazin Kultur & Gespenster, das sich vierteljährlich um literarische, kulturelle, theoretische und politische Themen kümmern will. Die erste Ausgabe nun hat Hubert Fichte als Schwerpunkt. Kultur & Gespenster sieht aus wie die gelungene Tochter der nicht mehr existierenden Halbjahresschrift für Politik und Verbrechen Die Beute und Texte zur Kunst.

 

Man freute sich auf den Abend. Die Texte, die man vorab aus der Zeitschrift zu lesen bekam, machten gute Laune. Und außerdem war im Frühjahr mit "Die zweite Schuld" der letzte Teil von Fichtes ursprünglich auf 19 Bände angelegter "Geschichte der Empfindlichkeit" erschienen. Damit war ein Zyklus zum Abschluss gekommen, in dem Fichte seine verschiedensten Formen sprachlicher Weltverarbeitung zu einem gültigen Ausdruck bringen wollte: In den jetzt vorliegenden 17 Bänden entsprechen die Textformen der Diversität der Welt. Sie reichen vom fast schon leicht zu nennenden Roman "Eine glückliche Liebe" über Interviews, Polemiken, fundierte Kritik, wissenschaftlich-ethnologische Praktiken bis hin zu Hörspielen und Glossen.

 

Der immer noch für Hochzeiten benutzte Raum des Kreuzberger Festsaals war für die nervöse Offenheit von Fichtes Texten insofern angemessen, weil er das Aufkommen der fiesen andächtigen Literaturhausstimmung gar nicht erst zuließ. Ohne Andacht wurde der Abend denn auch eingeleitet. Die Schriftstellerin Kathrin Röggla begann mit Leopold von Verschuer im ungleichen Duett, einen "anmaßungskatalog für herrn fichte" zu lesen. Eine szenische Textcollage, die Fichte aber gar nicht zu nahe trat. "Who the fuck is Hubert Fichte?", hörte man fragen. "jedenfalls nicht irgendwer. und niemals in der einzahl", lautete die Antwort. Ja klar, dachte man, sowieso, und bekam noch bessere Laune. "jäcki haßte die masche der spiegelinterviews", hieß es. Man fügte hinzu: Noch schrecklicher ist nur Mathias Matussek bei Herman & Tietjen.

 

Es gelang Röggla und von Verschuer, alle Straßenecken und Kreuzungen von Fichtes Spaziergängen einfach nur so ein bisschen anzuschlagen. Und als sie vom "fensterputzerkarl mit seinem notizbuch und seinem literaturhunger" lasen, flüsterte mir einer, der es wissen muss, ins Ohr: In der taz ist auch der Fensterputzer der Klügste. Das hätte Fichte gefallen. Über Proust, einen seiner Lieblingsautoren, hat Fichte einmal gesagt, er würde immer sofort wieder vergessen, was er gelesen habe, hätte aber immer den richtigen Geruch im Sinn.

 

Diesen Geruch muss auch Bernd Cailloux im Sinn gehabt haben. Er verband in seiner Lesung nach Röggla und von Verschuer eine Stelle aus Fichtes Roman "Detlevs Imitationen Grünspan" mit einer Passage aus seinem eigenen letzten Buch "Das Geschäftsjahr 1968/69". Zwischendurch erzählte er.

 

Cailloux kannte Fichte aus einem Komitee des "Grünspan", einem heute noch existierenden Szeneladen der 68er in Hamburg. Fichte war vom Outfit her immer zwei Jahre vor den anderen, erzählte Cailloux. Die plauschigen Fellmäntel, die man von Rainer-Langhans-Fotos kennt, habe Fichte schon 1966 getragen. Als die dann bei den 68ern ankamen, trug Fichte schon feine Anzüge, war immer auf richtige Länge rasiert und überhaupt ein Ausbund an Distinktion. Etwas Gammlerhaftes habe er nicht ausgestrahlt. Dafür sprach er immer sehr leise und zwang seine Zuhörer so in die Aufmerksamkeit. Das muss genervt haben.

 

Dass man es mit Kunst zu tun hat, merkt man daran, dass es ungemütlich wird - so steht es über einem Interview in Kultur & Gespenster. In Cailloux' Vortrag hallte etwas von der Ungemütlichkeit Fichtes nach. Sie dürfte auch den Leuten vom Textem Verlag Motivation gewesen sein, ihn zum Thema eines gelungenen Magazins und noch gelungeneren Abends zu machen. Literarische Wahrheitsproduktion ist nämlich auch in Zeiten einer auseinander driftenden Gesellschaft möglich, man muss sich nur offen halten für die Ansteckungen der Welt. Wie es Fichte tat. CORD RIECHELMANN

 

"Kultur & Gespenster", Ausgabe 1, Textem Verlag 2006, 12 Euro, bestellen bei: post@textem.de

 

taz Berlin lokal vom 13.7.2006, S. 27, 151 Z. (TAZ-Bericht), CORD RIECHELMANN

 

 

WDR - Resonanzen

 

"Kultur & Gespenster"

Gustav Mechlenburg im Gespräch über seine neue Zeitschrift.

 

 

"Kultur & Gespenster" - so heißt das neue, im Textem-Verlag erscheinende Kultur-Magazin. Ein neues Kultur-Magazin in Zeiten eines heiß umkämpften Zeitschriftenmarkts, wo fast jeden Monat eine Reihe neuer Magazine und Zeitschriften erscheint, mag manchem etwas zu wagemutig erscheinen. Gerade "Kultur" ist kein Verkaufsmagnet. Doch dem Chefredakteur Gustav Mechlenburg geht es nicht um Gewinn, und er ist kein Anfänger. Er kümmert sich auch um das virtuelle Feuilleton www.textem.de. An das Print-Magazin "Kultur & Gespenster" möchte er etwas unkonventioneller als in anderen, etablierten Verlagen herangehen. Redaktionskonferenzen finden in Wohnzimmern oder im Internet statt, auf ein Autorenhonorar wird verzichtet. Die unkonventionelle Herangehnsweise passt zu den unkonventionellen konzeptuellen Vorstellungen: Die Inhalte sollen speziell und für Spezialisten interessant sein. Die meisten Texte werden eine wissenschaftliche Grundlage haben.

Die erste Ausgabe ist dem Schriftsteller Hubert Fichte gewidmet. Die Startauflage von 2.000 Stück, ist im Buchhandel und über die Textem-Homepage zu bestellen.

 

Auf den Verlagsseiten von Textem finden Sie weitere Informationen zu dem Magazin "Kultur und Gespenster" sowie eine Bestellmöglichkeit:

www.kulturgespenster.de

 

WDR - Resonanzen, 12. 7. 2006, 18.15 - 19.00 Uhr

 

 

 

Worte ohne Geldwert

 

Redigieren ist verpönt: Das neue, etwas abgedrehte Magazin "Kultur und Gespenster"

 

Schon reden alle darüber, obwohl es noch niemand gelesen hat. Bei dem neuen Kulturmagazin "Kultur und Gespenster" hat das vor allem damit zu tun, daß der angekündigte Erscheinungstermin verstrichen ist, bevor die zweihundertfünfzigseitige Quartalsschrift in die Hände der Leser kam. Immerhin wissen diese, daß es "Kultur und Gespenster" gibt. Und das ist eine Leistung.

 

 

Für die Redaktion von "Kultur und Gespenster" gibt es keinen Grund zur Panik; hier geht es nicht um Geld. "Wir wollen auch gar kein Marktsegment füllen", sagt der Chefredakteur Gustav Mechlenburg, der sich sonst um das virtuelle Pop-Feuilleton www.textem.de kümmert. "Kultur und Gespenster" erscheint im Eigenverlag (Preis zwölf Euro); Redaktionskonferenzen finden im Wohnzimmer oder im Internet statt. Verkauft wird es "in der Nähe von Universitäten und in Buchläden". Heute wird es im Kreuzberger Festsaal vorgestellt, bei der "Verbrecherversammlung", einem regelmäßigen Autorentreffen des gleichnamigen originellen Verlages, der selbst allerdings die Herausgabe von "Kultur und Gespenster" abgelehnt hat - aus wirtschaftlichen Gründen.

 

Dennoch, hier in Berlin ist die Brotlosigkeit des intellektuellen Alltags eine akzeptable Lebensform, solange die Miete noch von einer Mutter bezahlt wird, die etwa Staatsanwältin ist, oder dieser ganze Versicherungskram von einem Vater erledigt wird, der als Hochschullehrer wirkt. Außerdem gibt es Stipendien und Fördergeld. In Berlin leben die meisten Autoren des Magazins, so wie der Chefredakteur, auch wenn das Blatt eigentlich in Hamburg erscheint. "Aber in Berlin muß man sein, wenn man etwas lostreten will", sagt er. "Autorenhonorare gibt es nicht."

 

Ist vielleicht auch nicht nötig, denn "wir drucken ja keine Primärtexte". "Kultur und Gespenster" ist eine Zusammenstellung von Arbeiten, die meist eine wissenschaftliche Grundlage haben. So wie das Interview mit dem Filmemacher Alexander Kluge aus einer Dissertation von Thomas von Steinaecker, das nicht etwa die Zukunft von Kluges veräußerter Produktionsfirma DCTP zum Gegenstand hat, sondern die Bedeutung von Bildern in seinen Texten. Das ist sehr speziell und für Spezialisten bestimmt interessant.

 

"Kultur und Gespenster" startet mit einer Miniauflage von zweitausend Stück. Die erste Ausgabe dominiert der vor zwanzig Jahren verstorbene Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte. Ihm widmet "Kultur und Gespenster" auf ganzen hundert Seiten ein Dossier, in dem sich allerlei Kurioses versammelt, zum Beispiel Venezuela. Hier kreuzt die Autorin Anna Echterhölter die Wege von Hubert Fichte, Alexander von Humboldt und Daniel Kehlmann in der tropisch animierten Literaturwelt am Lauf des Orinoko. Auf so einen Schwerpunkt muß man erst mal kommen, so ganz ohne Gedenkjahr oder sonstige Marktrelevanz, die in diesem Magazin eben keine Rolle spielen soll.

 

Es ist nicht ausgeschlossen, daß es der Redaktion gelingt, Themen in den allgemeinen Diskurs zu mogeln. "Netzwerk" nennt Mechlenburg das Kapital, mit dem die Redaktion wuchert: Mit Autoren und Multiplikatoren, einem Fundus von Texten, Ideen und Kontakten, der "Kultur und Gespenster" ausmacht. Hier müssen sich die Schreiber nicht gängeln lassen von Zeitungs- oder Magazinformaten oder einem Redakteur, der Einhalt gebietet. Die Schriftstellerin Kathrin Röggla darf ihren dialogischen "Anmaßungskatalog für Herrn Fichte" durchgängig klein schreiben, und an anderen Stellen darf das Wort "Ikonoklasmus" zweimal vorkommen - in verschiedenen Texten, auch auf die Gefahr hin, daß es keiner versteht. Die Redaktion will ihre "emanzipierten Leser nicht für dumm verkaufen", so wie es die gängigen Medien meist täten.

 

Kritiker werfen dem Magazin "Kultur und Gespenster" vor, daß es zuviel voraussetze. Tut es auch, wenn es zu Beginn des Dossiers heißt: "Fichtes Lebenslauf ist in groben Zügen bekannt und beschrieben." Das ist arrogant; ist ja nicht schlimm für ein Kulturmagazin - wenn es denn wenigstens humorvoll wäre. Dann wäre es was für Rotweinabende, den Badewannenrand im Rücken, so wie das Kulturmagazin "Freund" eben, das zur gleichen Zeit verschwindet, da "Kultur und Gespenster" auftaucht. Zufall oder nicht. Gustav Mechlenburg jedenfalls mochte das ausgefallene Springer-Projekt sehr, räumt aber ein: "So witzig wie die sind wir nicht." Fürwahr.

 

Die erste Ausgabe von "Kultur und Gespenster" schafft es nicht ins Badezimmer. Sie bleibt am Schreibtisch als akademisches Werkstück mit Literaturhinweisen, Korrekturrand und künstlerischen Einsprengseln. Ausgezeichnet sind die Rezensionen, die Literatur soll ein Schwerpunkt sein. Hier läßt es sich nach Perlen tauchen; zum Luftholen kommt der Leser am Ende im Indischen Ozean und erblickt einen kiffenden Ich-Erzähler (Dirk Mainzer), der in seinem Tagebuch von der Küste Ostafrikas erzählt. Es schmeckt nach Salzwasser, Ethnopoesie und Bruce Chatwin, nicht nach Staatsbibliothek. Den Titel "Kultur und Gespenster" erklärt die Redaktion übrigens im Editorial. OLAF SUNDERMEYER

 

 

Text: F.A.Z., 11.07.2006, Nr. 158 / Seite 46

 

 

 

In einem anderen Land

 

SCHREIB Waren

 

Steffen Richter freut sich über die Gespenster der Gegenwart

 

Nun beginnen also die Mühen der Ebene. Das Versprechen der Tour de France, nach dem Fußball den nationalen Begeisterungspegel zu halten, muss man wegen des Dopingskandals skeptisch betrachten. Also scheinen Euphorie, Höhenflug und Magie vorerst vorbei. Notorische Miesmacher fürchten sogar den Fall in ein schwarzes Loch und die Wiederkehr alter Gespenster. Da muss man sich fragen, in welch freudlosem Land man vor dem 9. Juni gelebt haben soll. Es war ja nicht alles schlecht.

 

Höchste Zeit, den Gespenstern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn im Grunde sind sie Rückkehrer aus dem Reich der Toten – und somit Gestalten der Mahnung und des Eingedenkens. Sie erinnern an Unerledigtes, sind also von großer kultureller Relevanz. Den Zusammenhang macht sich ein neues Literaturmagazin zunutze. Es heißt Kultur & Gespenster, soll vierteljährlich im Hamburger Textem Verlag erscheinen und sieht nach einem großen Wurf aus. Kultur, erklären die Redakteure Jan-Frederik Bandel, Gustav Mechlenburg und Nora Sdun, kommt vom Lateinischen cultura und bedeutet so viel wie Pflege. Gespenst heißt im Althochdeutschen Trug oder Verlockung. Locken und Pflegen also wollen sie. Und das auf opulenten 256 Seiten.

 

Hier werden richtig dicke Bretter gebohrt, ohne Angst vor Theorie, der „Kulturneigungsgruppe mit forciertem Gestaltungswillen“ geht es ums „Sammeln, Gruppieren, Registrieren und Befragen“, also eine Form von anarchistischem Enzyklopädismus, der in der ersten Nummer schon recht gut gelingt. Ein Dossier beschäftigt sich mit dem wilden Reisenden, „Ethnopoeten“ und ewigen Außenseiter des Literaturbetriebs Hubert Fichte. Feste Rubriken widmen sich der Kunst, der Reise und dem Comic. Es gibt einen üppigen Rezensionsteil, ein Telefongespräch mit Alexander Kluge und Essays, etwa zu Josephine Baker. Wie das sympathische Projekt anläuft, kann man heute (20 Uhr) bei der „Verbrecherversammlung“ (Festsaal Kreuzberg, Skalitzer Str. 130) miterleben.

 

Eine Verlockung anderer Art wartet am 13.7. (20 Uhr) im Literarischen Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf). Nicholas Shakespeare, der mit einer Biografie seines Freundes Bruce Chatwin bekannt wurde und dann ein Buch über Tasmanien schrieb (einer der wenigen Orte, an denen Chatwin nicht war), hat nun etwas ziemlich Überraschendes getan. Sein neuer Roman „In dieser einen Nacht“ (Rowohlt) erzählt von einem Briten, der in den frühen achtziger Jahren mit einer Theatergruppe Leipzig besucht, sich in eine Frau verliebt, die er entgegen seinem Versprechen nicht aus dem Land schmuggelt, aber nach 1989 wieder trifft. Voilà: ein Wenderoman – aus englischer Feder.

 

Steffen Richter, Tagesspiegel, 11. 7. 2006

 

 

 

 

Papiertiger im Tank

 

Zeit SCHRIFTEN

 

Gregor Dotzauer über das Debüt von „Kultur & Gespenster“

 

 

Da steht es, wie in Stein gemeißelt: „Zusammenhänge schafft man, es sei denn, man ist dem Entzug haptischer Ereignisse gewachsen, auch in den nächsten tausend Jahren wohl am glücklichsten über zusammengebundene Papierstapel.“ Und das soll man drei mit allen Bits und Bytes gewaschenen Netznomaden abnehmen, die nun, gewissermaßen als ultimativen Link, die Zeitschrift „Kultur & Gespenster“ (www.kulturgespenster.de) gegründet haben?

 

Vor allem Jan-Frederik Bandel, der literaturwissenschaftliche Kopf an der Seite von Gustav Mechlenburg und Nora Sdun, hat sich einen Namen als Internet-Wahnsinniger gemacht. Außer an seiner persönlichen Website (www.jfbandel.de) bastelt er mit www.comicologie.de an einem „Infoportal zur deutschsprachigen Comicszene“ und verwaltet außerdem eine Seite zum postumen 70. Geburtstag des Schriftstellers Hubert Fichte (www.hubertfichte.de).

 

Fichte gilt auch der Schwerpunkt der ersten, 256 Seiten umfassenden Ausgabe von „Kultur & Gespenster“, die unter anderem einen „Anmaßungskatalog für Herrn Fichte“ von Kathrin Röggla enthält. Und: Wir sind bei Bandels Leib- und Magenthema. Als Herausgeber von drei der bisher auf fünf Bände angewachsenen Hubert-Fichte-Studien im Aachener Rimbaud Verlag sowie als Co-Autor von „Palette Revisited“, einem Buch über die Hamburger Kneipe, der Fichte seinen erfolgreichsten Roman widmete, hat sich der 29-Jährige als einer der besten Werkskenner etabliert.

 

Doch sendet Jan-Frederick Bandel nur auf allen Kanälen oder vertraut er tatsächlich der Autorität des gedruckten Wortes? Die beste Antwort gibt die Entstehungsgeschichte von „Kultur & Gespenster“ selbst. Angefangen hat das Magazin vor sechs Jahren nämlich im Netz. Auf www.textem.de finden sich bis heute Rezensionen zu allem, was sich zwischen Popliteratur, Bildender Kunst und Cultural Studies so abspielt. Daraus wiederum ist ein kleiner Verlag hervorgegangen, der neben zeitgenössischer Prosa unter anderem Klabunds „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“ neu aufgelegt hat.

 

Die Zeitschrift soll nun alle drei Monate das Angebot dieses Miniaturkonzerns krönen: jeweils mit einem Dossier, für das Themen wie die Ästhetik des Interviews oder das Werk des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt vorgesehen sind. Darum rankt sich in einem aufgeräumten, klaren Layout mit einem guten Schuss Weiß allerlei. In der ersten Nummer finden sich Comics, ein Reisebericht aus Tanzania oder auch ein Gespräch mit Alexander Kluge. Und Rezensentisches zur Kunst von Norbert Bisky oder der Literatur von Francis Ponge.

 

Das ist nicht in jedem Fall besser geschrieben als das, was man bei textem.de findet, ist aber neben dem intellektuellen Ehrgeiz, der sich damit verbindet, durch den Heftumschlag mit einem Zwangszusammenhang behaftet, den das Netz so nicht bieten kann und will. Vieles in der abendländischen Flüchtigkeitshierarchie von gesprochenem Wort, Netzpublikation, Zeitung und Buch mag inzwischen reine Konvention sein, weil sich der Wissenserwerb tatsächlich ins Internet verlagert hat. Die Informations-Ernährungskette verläuft mehr und mehr in umgekehrter Richtung, und so mancher Zeitungsartikel renommiert mit einem Wertigkeits-Anspruch, den er nicht erfüllt. Zugleich bleibt ein guter Text in gleich welchem Aggregatszustand einfach ein guter Text. Nur: Sobald es nicht nur um Information, sondern um Darstellung, also um die Qualität der Sprache geht, braucht er einen entsprechenden Auftritt – und der steht und fällt mit einem lesbaren Satzspiegel auf ordentlichem Papier.

 

Irritierend bleibt dennoch, wie Texte sich beim Vortrag verwandeln. Bei Zweitausendeins sind jetzt, nachdem bei Supposé schon vereinzelt Aufnahmen erschienen waren, zum Spottpreis von 29,95 Euro auf zwei MP3–CDs mit über 18 Stunden Spielzeit Hubert Fichtes „Hörwerke“ erschienen: Hörspiele, Features und Lesungen. Wie seine auf dem Papier zuweilen abgehackt wirkenden Einsatz-Absätze das Schweben anfangen, wenn Fichte sie, sprechgeschult und mit einem einschmeichelnd-schwulen Brio in der Stimme, artikuliert, kann einen die Lektüre seiner „Geschichte der Empfindlichkeit“ noch einmal neu lehren.

 

Gregor Dotzauer, Tagesspiegel, 9. 7. 2006

 

 

Deutschland Radio: Kultur heute

 

07.07.2006 · 17:35 Uhr

 

Neu auf dem Markt: "Kultur und Gespenster"

 

"Es ist mehr als eine Zeitung, es ist weniger als ein Buch" - Das neue Magazin "Kultur und Gespenster"
 

 

 

 

"Kultur und Gespenster" heißt ein neues Magazin, das es seinen Lesern innerlich und äußerlich nicht einfach macht: Eher ein Buch als eine Zeitschrift, auch in gut sortierten Buchhandlungen nur über eine Bestellung zu haben und von den Machern bewusst mit dem Anspruch eingeführt, sperrige und abwegige Themen aufzugreifen. Doch Schriftsteller Ulrich Peltzer ist begeistert: "Hochinteressant und viel Neues", lautet sein Urteil.

 

 

Kultur und Gespenster" heißt ein neues Magazin, das es seinen Lesern innerlich und äußerlich nicht einfach macht. Erstens handelt es sich eher um ein Buch, denn um eine Zeitschrift, satte 256 Seiten hat die erste Ausgabe, zweitens ist "Kultur und Gespenster" bis jetzt auch in gut sortierten Buchhandlungen nur über eine Bestellung zu haben, und drittens machen die geistigen Köpfe hinter dem neuen Magazin schon in den Rubriken klar, dass sie ihren Anspruch, "sperrige", ja "abwegige" Themen aufzugreifen, auch umgesetzt haben. Da gibt es etwa den Reisebericht aus Tanzania unter der Überschrift "Die Tugend und der Weltlauf" oder eine Comic-Rubrik, die heißt: "Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeihung". Ist das klug und womöglich witzig, oder ist das Angeberei?, das ist hier die Frage, und sie geht an den Schriftsteller Ulrich Peltzer, der "Kultur und Gespenster" für uns gelesen hat. Was für ein Konzept liegt dem allem zu Grunde?

 

Peltzer: Es handelt sich eigentlich darum, Kultur in einem relativ weiten Sinn vorzustellen und etwas zu tun, das es in Deutschland so nicht gibt, was eher in einer angelsächsischen Tradition ist, die Tradition der quarterlies, also alle drei Monate ein Heft herauszubringen, in dem es einen Themenschwerpunkt gibt, ein Dossier, und um das Dossier herum Sachen vorgestellt werden, die so in dieser Bündelung weder in einer Wochenzeitung noch in einer Tageszeitung zum Thema werden.

 

Also es gibt immer einen Dossierteil, das ist dieses Mal der Schriftsteller Hubert Fichte, es wird in einer der nächsten Ausgaben ein Dossier über Dokumentarismus im Film, Literatur und Kunst geben, es wird einen Themenfall geben über das Interview als Form, dann wird es immer eine Bildstrecke geben zu aktueller, zeitgenössischer Kunst, es wird Rezensionen geben, es wird einen Comicteil geben, und die letzte Rubrik, die Sie schon genannt haben, die "Tugend und der Weltlauf", es wird einen Reiseteil geben, den man jetzt allerdings nicht mit dem Reiseteil in der Zeit oder in ähnlichen Blättern verwechseln sollte, sondern es ist vielleicht schon exemplarisch, was in der ersten Ausgabe stattfindet, ein Reisebericht, ein Forschungsbericht eines Künstlers, des Künstlers Dirk Meinzer, der in Tansania sich auf die Suche nach Sirenen gemacht hat, und das ist hochinteressant zu lesen und erinnert stark auch an die Reisebereichte Michel Leiris und Gides von vor 60 oder 70 Jahren in Afrika, und es ist mehr als eine Zeitung, es ist weniger als ein Buch, es ist hochinteressant.

 

Fischer: Der Schwerpunkt des Heftes ist Hubert Fichte gewidmet, Sie haben das schon gesagt. Das liegt natürlich zum einen daran, dass einer der Macher, Jan-Frederik Bandel, in diesem Fall ein Fichte-Aficionado ist, wie Sie übrigens auch. Auch dieser Schwerpunkt pflegt die avancierte Alliteration oder den Stabreim wie zum Beispiel "Exotismus, Empfindlichkeit, Ethnopoesie und die Politik des Interviews bei Hubert Fichte", so heißt ein Text. Wie ist dieser Schwerpunkt gelungen, haben Sie Neues erfahren?

 

Peltzer: Ja, ich habe Neues erfahren in zwei, drei Essays. Ich habe Bilder gesehen, die aus dem Privatarchiv Fichte stammen, die ich nicht kannte. Es gibt einen wunderbaren Essay, der sich mit dieser Bombenkriegsdebatte beschäftigt. Ich weiß nicht, ob das noch präsent ist, es gab vom Schriftsteller Sebald den Vorwurf, dass der Bombenkrieg gegen die deutsche Bevölkerung in der deutschen Literatur nicht präsent gewesen wäre. Das wurde dankbar aufgegriffen, und hier ist einfach ein wunderbarer Aufsatz, wo das im Zusammenhang mit Fichte zurechtgerückt wird, weil in Fichtes Buch "Detlefs Imitationen Grünspan" schon auf sehr kongeniale Art und Weise die Zerstörung Hamburgs zum Thema gemacht wird, und das ist einfach ein sehr, sehr guter Aufsatz, von großer Brillanz, ohne je ins Akademische abzugleiten. Dann gibt es einen sehr, sehr interessanten Aufsatz, wo dann Alexander von Humboldt, Hubert Fichte und Daniel Kehlmann, wenn man so will, auch so eine Art Forschungsreisende, aber mehr im Unterhaltungsbereich, in Bezug gesetzt werden und deren unterschiedliche Herangehensweise an Leben und Natur in Venezuela dargestellt werden. Es wird aufgemacht, welche Anschlussstellen eigentlich im Werk von Fichte nach verschiedenen Stellen da sind und immer noch produktiv sein können.

 

Fischer: Sie haben ja vorher schon von dem, wie man heute so schön sagt, Alleinstellungsmerkmal dieser Zeitung und dieses Magazins "Kultur und Gespenster" gesprochen. Wie positioniert sich das Magazin Ihrer Ansicht nach auf dem Markt zwischen, ja, sagen wir, "Cicero" und "Monopol", an welche Art von Leserschaft wendet es sich?

 

Peltzer: Das positioniert sich irgendwo in einem Dreieck, das aufgemacht wird von Zeitungen, die Spezialinteressen bedienen. Also auf der einen Seite haben wir Texte zur Kunst und Springerin, die sich mit der bildenden Kunst beschäftigen, wir haben Literaturzeitungen wie die "Neue Rundschau" oder die "Akzente", die sich mit Literatur beschäftigen, wir haben "Camera Austria", die den Bereich der Fotografie abdecken, und die versuchen einfach eine Synthese, und vielleicht das Wort synästhetisch hier zur Anwendung zu bringen, weil wir haben hier Bilder, wir haben hier Berichte, wir haben hier Analysen zur bildenden Kunst, zur Comic, zur Literatur, und zugleich wird hier ein Raum aufgemacht, wo untersucht wird, wo es Verbindungspunkte gibt, wo es unterirdische Adern gibt, die von einem Bereich zum anderen führen, und das ist ein ganz emphatischer Begriff von Kultur, den die Herausgeber im Editorial noch mal betonen, Kultur und Gespenster im Sinne von Locken und Pflegen, also das finde ich einfach eine sehr, sehr schöne Idee.

 

Deutschland Radio, Kultur heute, 7. 7. 2006

 

 

 

Vormerken

 

11. Juli 2006: "Kultur und Gespenster"-Präsentation mit Kathrin Röggla und Bernd Cailloux, Verbrecherversammlung, 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Berlin

 

 

Hubert Fichte geistert durch "Kultur & Gespenster"

 

Die Macher der neuen Literaturzeitschrift Kultur & Gespenster sind - laut Pressetext - eine studierte Kulturneigungsgruppe mit forciertem Gestaltungswillen. Und für ihr im Textem Verlag erscheinendes Magazin haben sie sich tatsächlich viel vorgenommen. Popkulturelle, (kultur)historische und politische Themen werden untergebracht - Sperriges und Abwegiges nicht ausgeschlossen. Dossiers setzen Schwerpunkte, Debatten aus anderen Ländern werden in Kultur & Gespenster aufgegriffen, abgerundet wird das alles durch Interviews und Gespräche. In der ersten Ausgabe - die morgen bei der Verbrecherversammlung im Festsaal Kreuzberg vorgestellt wird - dreht sich alles um Hubert Fichte. Anna Echterhölter zum Beispiel schreibt unter dem Motto "Schöner berichten" über Alexander von Humboldt, Hubert Fichte und Daniel Kehlmann in Venezuela. Über die Annäherung an die Geisteskranken bei Leonore Mau und Hubert Fichte berichtet Ole Frahm. Die österreichische Autorin Kathrin Röggla hat gar einen Anmaßungskatalog für Herrn Fichte zusammengestellt. Sie liest morgen bei der Releaseparty, ebenso wie Bernd Cailloux, der zuletzt in seinem Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69" den Mythos der 68er etwas entzaubert hat.

 

taz Berlin lokal vom 10.7.2006, S. 20, 43 Z. (TAZ-Bericht)

 

 

Zitty

 

Kultur und Gespenster

 

"Der viel versprechendste Titel seit langem"

 

Zitty Berlin, Juli 2006

 

 

Deutschland Radio: Corso

 

3. 7. 2006

 

Nino Ketschagmadse und Stefan Niggemeier zu "Kultur und Gespenster"

 

 

 

 

Neue Zeitschrift

 

Erfrischende Geisteskultur

 

Anspruchsvolle Kulturzeitschriften mit Aufklärungsansatz und Minoritätenschwäche? Gelten nicht direkt als Cash Cow. So wären Jan-Fredrik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg mit ihrem Projekt wohl in jedem Existenzgründerseminar gescheitert. Weil die drei Hamburger aber Überzeugungstäter mit beachtlicher Kondition und dicken Adressbüchern sind, haben sie ihr Projekt im Eigenverlag verwirklicht. „Kultur & Gespenster“ heißt es und liegt mit 256 Seiten gut in der Hand. Das Magazin, das von nun an vierteljährlich im Textem-Verlag erscheinen soll, bearbeitet in seiner ersten Ausgabe den Schriftsteller Hubert Fichte aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Federn. Dazu gibt es eine Kunststrecke (Claus Becker), Interviews (Alexander Kluge, Dirk Baecker), einen Comic (Sascha Hommer) und einen Aufsatz zu Josphine Baker. Zusammen fügt sich diese Vielfalt zu einem Magazin, das so erfrischend unverfroren wie tief gehend ist – eine quasi ausgestorbene Spezies im deutschen Blätterwald. Die Rarität kann ab Juli am gut sortierten Kiosk und live bei größeren Release-Partys begutachtet werden. (GK)

 

Szene Hamburg, Juli 2006

 

Termine:

11. Juli 2006: "Kultur und Gespenster"-Präsentation mit Kathrin Röggla und Bernd Cailloux, Verbrecherversammlung, 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Berlin

 

15. Juli 2006: "Kultur und Gespenster"-Release-Party mit Musik (Musikgruppe und Plokk), Lesung (Kathrin Röggla), Hörstück (Klaus Sander) und Ausstellung, 20 Uhr, Schulterblatt 73, Hamburg

 

21. Juli 2006: Release-Party mit Thomas Meinecke und Jan Jelinek, NBI, 20 Uhr, Kulturbrauerei Berlin

 

 

 

Zu Gast

 

KULTURRADIO AM NACHMITTAG

 

Im Gespräch mit Christian Schruff ist in dieser Woche zu hören:

 

Donnerstag, 6. Juli

Gustav Mechlenburg, der mit Kultur und Gespenster eine neue Vierteljahres-Zeitschrift etablieren möchte

 

 

Satt.org

 

 

Textem-Verlag

Textem rüstet auf! Das Online-Popfeuilleton begeistert mit hervorragenden Beiträgen & einem originellen „Discounter“-Fotowettbewerb. In der Leseheftreihe erschien kürzlich die großartige Erzählung „Das falsche Meer“ von Simon Wint & das Künstlerdrama „Glanz und Elend“ von Karol Potrykus mit einer wunderbaren Fotostrecke streunender Einkaufswagen. Ab Juli soll außerdem das 250 Seiten starke Textem-Printmagazin „Kultur & Gespenster“ vierteljährlich erscheinen. Der Themenschwerpunkt der ersten Ausgabe liegt auf Hubert Fichtes Schaffen, das Heft kostet 12 Euro.

 

Marc Degens, Satt.org 30.6.2006

 

www.satt.org/literatur/index.html

 

 

Bayern2

 

3. Juli 2006, 08:30

kulturWelt

Feuilleton

 

"Kultur & Gespenster" (1): Studiogespräch mit Gustav Mechlenburg über sein neues Magazin

 

Moderation: Knut Cordsen

 

 

 

Verbrecherversammlung

 

11.07.2006

Releaseparty

 

Kultur & Gespenster

 

Im Juli erscheint die erste Ausgabe des Literaturmagazins Kultur & Gespenster im Hamburger Textem Verlag. Am 11.7. wird das Heft erstmals in Berlin vorgestellt.

 

Kultur & Gespenster ist eine bundesweit agierende, in Hamburg, Buchholz, Berlin und München ansässige, (schmächtig (prächtig)) situierte aber/und reichlich studierte Kulturneigungsgruppe mit forciertem Gestaltungswillen.

Seit sechs Jahren umtriebig, zu diversen Volontariaten berufen, bewegen sich die Mitarbeiter in zahlreichen Realitäten und Zwischengeschossen: internationale Kunstszene, Möbelrestauation, Redaktionskoferenzen, Powerpointlibretti, Beweisführungen, Verlagswesen, Schirmherrschaften, soziale Praxis, Fördergeldszene, Merseburger Zaubersprüche, Theorie, Internetregatta, Büttenreden in erst- und zweitrangigen Ideologie- und Unterhaltungsstätten. Das Sammeln, Gruppieren, Registrieren und Befragen ist Kultur & Gespenster Passion und paralogischer Auftrag.

Im Vertrauen auf das kollegiale Unterbewusstsein, wünschen wir, mit der Inbrunst der schieren Unvernunft, der ersten Ausgabe des Magazins Kultur & Gespenster stabile Einfalt und edle Größe. Das Herz blinkt, die Seele springt - Gefühle hat man früh genug - Durst macht Erfolg - der Abend ist die schönste Jahreszeit: Kultur & Gespenster lesen!

 

Bei der Releaseparty am 11.7. auf der Verbrecherversammlung im Festsaal Kreuzberg (Skalitzer Straße 130, 10999 Berlin) lesen neben den Herausgebern Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg auch Kathrin Röggla und Bernd Cailloux.

 

 

Und du verliebst dich ...

 

... in Kultur und Gespenster

 

Der Hamburger Textem-Verlag bringt im Juli die erste Ausgabe des neuen Kulturmagazins «Kultur und Gespenster» heraus, sie behandelt schwerpunktmässig Hubert Fichte. Es sollen «getrost sperrige und abwegige Themen» aufgenommen werden. Zu den Autoren gehören Kathrin Röggla, Gerd Schäfer oder Ulrich Gutmair. Neben einem Dossierthema will sich die drei bis vier Mal jährlich erscheinende Zeitschrift Neuerscheinungen rund um Kunst und Kultur widmen, eine besondere Aufmerksamkeit soll Kleinverlagen und der freien Kunstszene zukommen. In der Nullnummer wird des weiteren über die Hamburger Comicszene berichtet, daneben gibt es Interviews mit Alexander Kluge oder Dirk Baecker zu lesen. Ein besonderer Coup ist «Kultur und Gespenster» mit Christian Kracht gelungen, der jeweils eine fünfzehnseitige Modestrecke betreuen wird. Nein, nur ein Scherz.

 

 

Pascal Blum, Kommerz. Die Zeitung für elektronische Musik

Veröffentlicht: 10.06.2006

 

 

 

Börsenblatt

07.06.2006

 

"Kultur & Gespenster”

neues Magazin aus Hamburg

 

"Kultur & Gespenster” heißt ein neues Kultur-Magazin im Schnittpunkt von Literatur, Theorie und Politik, das ab Juli vierteljährlich im Hamburger Textem Verlag erscheinen wird.

 

Das Heft sei "dicker als die italienische Vogue, schwarz-weiß, Furcht einflößend intelligent und wichtigtuerisch”, merken die Herausgeber des Magazins, Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg augenzwinkernd an. Vor allem wollen die jungen Blattmacher jedoch in jedem Heft einen inhaltlichen Schwerpunkt setzen – und scheuen sich dabei nicht vor gemeinhin als "sperrig” bezeichneten Themen .

 

Im Fokus der ersten Nummer von "Kultur & Gespenster”, die ab 1. Juli lieferbar sein soll, steht der Schriftsteller Hubert Fichte (Anmaßung, schönes Berichten und die Kosten der Unschuld). Weiterhin sind in Planung: Unter vier Augen – das Interview als Form (Band 2, Oktober 2006), Dokumentarismus – Inszenierung des Authentischen (Band 3, Januar 2007) sowie ein Dossier zu Georges-Arthur Goldschmidt (Band 4, April 2007).

 

Am 11. Juli wird das neue Projekt auf der monatlichen Verbrecherversammlung des Berliner Verbrecher Verlags im Festsaal Kreuzberg vorgestellt. Neben dieser "Gespensterversammlung” gibt es noch zwei Release-Party-Termine mit Lesungen und Musik: Am 15. Juli im Hamburger Kulturhaus 73 (mit Kathrin Röggla, Klaus Sander und Plokk) und am 21. Juli in der Berliner Kulturbrauerei (mit Jan Jelinek und Thomas Meinecke). nk

 

www.kulturgespenster.de

 

Börsenblatt 7.06.2006

 

 

 

Buchmarkt

 

13. 6. 2006

 

Berlin: Neue Viertelsjahreszeitschrift aus dem Textem-Verlag

Am 3. Juli startet der Berliner Textem-Verlag mit Kultur & Gespenster ein neues Magazin für Literatur, Kultur, Theorie und Politik, das künftig vierteljährlich zum Preis von 12 Euro erscheinen soll (Auflage 2000 Exemplare). Der Redaktion: gehören Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg (verantwortlich) an.

 

Das Magazin sei dicker als die italienische Vogue, schwarzweiß, Furcht einflößend intelligent und wichtigtuerisch, heißt es in einer Mitteilung des Verlags. Und weiter: „Mit Dossiers werden Schwerpunkte gesetzt, getrost auch solche, die als abwegig, sperrig, unvermittelbar gelten.“

 

Aus Anlass seines 20. Todstages ist der Themenschwerpunkt der ersten Ausgabe dem Schriftsteller Hubert Fichte gewidmet. Autoren, Künstler und Wissenschaftler befassen sich mit Fichtes Leben und Werk und seinem Einfluss auf die Gegenwartsliteratur und Kunst. Zum Beispiel entwickelt die Schriftstellerin Kathrin Röggla einen Anmaßungskatalog für „Herrn Fichte“. Der britische Germanist Robert Gillett rekapituliert polemisch die Debatte um Luftkrieg und Literatur und konturiert Fichtes politisch-ästhetische Position, während die Kulturwissenschaftlerin Anna Echterhölter die Beschreibungen Venezuelas bei Alexander von Humboldt, Hubert Fichte und Daniel Kehlmann vergleicht. Bebildert wird das Dossier mit bisher unbekannten Privatpolaroids, mit Bildern der Theaterfotografin Rosemarie Clausen, des Berliner Künstlers Christoph Keller und der Gruppe these.null, die das imaginäre Skulpturwerk des Autors dokumentiert.

 

Daneben enthält die erste Nummer unter anderem einen Aufsatz zu Josephine Baker, Interviews mit dem Soziologen Dirk Baecker und dem Schriftsteller Alexander Kluge, einen Comic von Sascha Hommer, eine Kunststrecke von Claus Becker und einen Reisebericht von Dirk Meinzer.

 

Gefeiert wird die erste Ausgabe in Berlin und Hamburg mit gleich drei Release-Partys. Die Termine:

 

11. Juli 2006: "Kultur und Gespenster"-Präsentation mit Kathrin Röggla und Bernd Cailloux, Verbrecherversammlung, Festsaal Kreuzberg, Berlin

15. Juli 2006: Release-Party, Schulterblatt 73, Hamburg

21. Juli 2006: Release-Party, NBI, Kulturbrauerei Berlin

 

KULTUR & GESPENSTER, ISSN 1862-8966, Heft Nr. 1: "Hubert Fichte", ISBN 3-938801-11-5, Umfang: 250 Seiten, Innen: s/w, außen: Farbe, Format: 166 x 230 mm, Auflage: 2000, Preis: 12 Euro

 

Informationen unter: www.kulturgespenster.de und www.textem.de

 

 

Theaterforschung

 

Magazin KULTUR & GESPENSTER

 

Art: Neugründung

Ort: Hamburg

Kontakt:

Jan-Frederik Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg (Hg.)

www.textem.de

www.kulturgespenster.de

Quelle: Zusendung

Datum der Recherche: 16.06.05

 

 

Das Magazin KULTUR & GESPENSTER erscheint ab Juli 2006 vierteljährlich im Textem-Verlag und widmet sich literarischen,

kulturellen, theoretischen und politischen Themen. Mit Dossiers werden Schwerpunkte gesetzt, getrost auch solche, die als "abwegig", "sperrig", "unvermittelbar" gelten.

 

Themenschwerpunkt der ersten Ausgabe ist der Schriftsteller HUBERT FICHTE. Die Autorin Kathrin Röggla entwickelt einen Anmaßungskatalog für Herrn Fichte. Der britische Germanist Robert Gillett rekapituliert polemisch die Debatte um Luftkrieg und Literatur und konturiert Fichtes politisch-ästhetische Position. Mario Fuhse zeigt das Moment der Verwandlung als zentralen Impuls von Fichtes Schreiben auf. Mit den ethnografischen Arbeiten von Hubert Fichte und Leonore Mau setzen sich Ole Frahm und Ulrich Gutmair auseinander, und die Kulturwissenschaftlerin Anna Echterhölter vergleicht die Beschreibungen Venezuelas bei Alexander von Humboldt, Hubert Fichte und Daniel Kehlmann. Gerd Schäfer stellt, ausgehend von Hubert Fichtes nachgelassenem, jüngst erschienenem Roman Die

zweite Schuld, Überlegungen zu Heino Jaeger und einem "anderen Deutschland" an. Die Dramaturgin Anne Schülke schließlich collagiert wohlwollendes Gerede, Klatsch und Bekenntnisse. Bebildert wird das Dossier mit bisher unbekannten Privatpolaroids, mit Bildern der Theaterfotografin Rosemarie Clausen, des Berliner Künstlers Christoph Keller und der Gruppe these.null, die das imaginäre Skulpturwerk des Autors

dokumentiert.

 

Daneben enthält die erste Nummer unter anderem einen Aufsatz zu Josephine Baker, Interviews mit dem Soziologen Dirk Baecker und dem Schriftsteller Alexander Kluge, einen Comic von Sascha Hommer, eine Kunststrecke von Claus Becker und einen Reisebericht von Dirk Meinzer.

 

Das Heft ist ab Anfang Juli lieferbar und kann ab sofort (vor)bestellt und abonniert werden mit einer formlosen Mail an post@textem.de

 

KULTUR & GESPENSTER wird herausgegeben von Jan-Frederik

Bandel, Nora Sdun und Gustav Mechlenburg im Textem

Verlag (Hamburg)

 

ISSN: 1862-8966

 

Band 1: Hubert Fichte – Anmaßung, schönes Berichten

und die Kosten der Unschuld

256 Seiten, 12 Euro

ISBN: 3-938801-11-5

 

DIE KOMMENDEN BÄNDE:

 

Band 2: Unter vier Augen – das Interview als Form

(Oktober 2006)

Band 3: Dokumentarismus – Inszenierungen des

"Authentischen" (Januar 2007)

Band 4: Georges-Arthur Goldschmidt (April 2007)

 

Neben den Schwerpunktthemen finden sich in allen

Ausgaben Essays, Interviews, Gespräche zu Literatur,

Kunst, Comics, Theorie, je eine Bildgeschichte, eine

Kunststrecke, Rezensionen, Marginalien, Reiseberichte

usw.