Staub zu Staub

Rezension von Bruno Arich-Gerz
„Staub zu Staub“, und fertig sind die Exequien, die Phrase ist das einzige und letzte Wort. Der Trauerredner packt ein und üblicherweise fährt der Verstorbene in die Grube. Dass Staub mehr ist als ein Zerfallsprodukt, nämlich Teil und Medium gelebten sprachlichen Austauschs von Gläubigen – Pilgern, Heil- und Gesundheitssuchern – an sakralen Orten, ist heutzutage kaum mehr klar. Anne Storchs Texte- und Fototriptychon Der Meister der Tränen und der Eingeweide kratzt an diesem verschütteten Reichtum, ihre Semiotik des Staubs und des Gebrösels ist eine Archäologie einst gelebter, heute abgeriebener Kommunikation.
‚Heute abgerieben‘ heißt, darauf kommt es an, nicht nur ‚nicht mehr praktiziert‘, sondern auch, wortwörtlich: ‚in Spuren des Abriebs nach wie vor erhalten‘. Anne Storchs drei Essays – ein literarischer, zwei mit Wissenschaftsduktus und -anmutung – handeln von Wetzrillen an Kirchenwänden und fratzenhaften ornamentalen monster faces, die – wieder wortwörtlich – ein tragendes Bauteil von oben in sich einverleiben: sogenannte Säulenfresser, die ikonisch veranschaulichen und damit indizieren, dass selbst Sakralarchitektur nicht alles und jeden, jede Zeit überdauert.
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Der Auftakt ist fiktional-literarisch, in einer Short Short Story geht es um den überselbstbewussten Babe, einen Vertreter der Spezies Wissenschaftler, den eine Konferenzreise und mehrere erfolglose, weil zu barsch geführte Dialoge mit Ortskundigen in eine Postfiliale verschlägt. Mit Staub hat das wenig zu tun, mit Selbstauflösung schon eher, denn hier enden Babe und die Story: wie abgeschickt, aber nicht zugestellt, verharrt er im Zwischen-Raum des Postlagers. Zwei Linguist:innen und der Gelehrte Abubakar lassen ihm immerhin noch sachdienliche Hinweise zu einer radikal anderen Betrachtung von Sprache und Bedeutung da, eine ohne Flexion und Kasus und Genus, und nur mit einem Hauch von Numerus: „so eine schöne Unterscheidung von einem, zweien, wenigen und vielen, das haben wir uns gegönnt“. Die key note ist damit gesetzt, es geht um andere als die herkömmliche Herangehensweise und Analyse von Sprache und Zeichen.
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Danach geht es in „Schabespuren“ aufs Ganze. Inspiriert von der Resonanztheorie Hartmut Rosas, skizziert Storch ein in der Linguistik nicht etabliertes, dafür umso spannenderes
„Spiel mit dem Kontrafaktischen – was wäre, wenn wir uns Zugang zu dem sprachlichen Wissen und Vorstellungen von Sprache und Bedeutung verschaffen könnten, welche den Praktiken des Schabens im Liminalen zugrundeliegen? Es ergeben sich so alternative Wege in semiotische Landschaften, die eine Vorstellung von verklungenem Klang und die Entwicklung von Methoden wie dem tiefen Lesen von Wänden eröffnen.“
Schon der Auftakt ist vielschichtig. In Bozen am Grabmal des Antonius von Padua finden sich interessante Reliquien des Heiligen: Stimmbänder und Fingerknochen, die als Teil der Hand und damit gestische Instrumente rhetorisch unterstreichen, was die Mundwerkzeuge artikulieren. Pilgernde berühren den Sarkophag, sie legen Hand auf und je mehr es über die Jahrhunderte geworden sind, desto mehr rieben sie den Deckel ab. Storch hält fest,
„dass Sprache historisch, aber auch im Kontext sakraler Orte mit tiefem historischen Bezug, als Verkörperung und resonante Praxis konzeptualisiert wird und so das Handauflegen und Reiben keineswegs nur mit dem in seiner Abstraktheit etwas sterilen Begriff Kontaktmagie zu fassen ist. Vielmehr ist die Berührung Transmission von staubfeinen Partikeln, die in zwei Richtungen – von Objekt zu Person, aber auch von Person zu Objekt – verläuft, eben auch von Bedeutung. Die aufgelegte Hand und das Reiben des Hochgrabs sind auch ein Echo historischer kommunikativer Praxis, ein unmittelbares Gespräch zwischen Pilgern und Heiligtum.“
Pilgern ist ‚Stauben‘, und zwar eines mit enormer kommunikativer und historischer Tiefe; nur heute ist diese Einsicht längst – sorry, Wortspiel – verstaubt. Etwas schabt ab in diesem resonanten Akt am heiligen Ort, Anne Storch schlägt eine spannende Brücke zu den Wetzrillen, Schleifmarken, Pestrillen, Teufelskrallen und Schabmulden an den tragenden Teilen sakralbaulicher Mauern. Auch die sind Relikte spirituell-kommunikativen Austausch, bisweilen kratzten und schabten Gläubige aus pharmazeutischem Antrieb: „Das Schaben gilt der Produktion von Mergelstaub und anderem mineralischen Abrieb an Kirchen und anderswo, um den gewonnenen Staub in einem Getränk aufgelöst zu sich zu nehmen, um Infektionskrankheiten zu kurieren“.
Schaben war Klang und Schabespuren sind Zeugnis einer vergangenen linguistischen Landschaft, besser einer semiotic soundscape: vergangen und daher, dies der Einsatz des Essays für die Sprachwissenschaft, der Gegenstand für das genannte
„kontrafaktische[-] Spiel. Was wäre, wenn wir diese Zeichen und ihre Resonanzen im Sinne der Sprachvorstellungen, die in der Basilika des Heiligen Antonius von Padua und auf den Fresken der Pilgerkirchen nachvollzogen werden konnten, ernst nähmen und die Art, wie mit ihnen Bedeutung hergestellt werden konnte und kann, untersuchten?“
Als Appetizer zu einem solchen Unterfangen enthält Storchs Buch einen rund einhundertseitigen „Katalog“ mit fotografischen Beispielen.
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Auch der Gegenstand des dritten Teils zermalmt etwas, zumindest in der Imagination, zu Staub. Die „Dialektik der Säulenfresser“ präsentiert eine besonders ungeheuer-liche steinerne Verzierung an Kirchenmauern. In einer langen Tradition stehend, sind Säulenfresser-Darstellungen das Abjekte überhaupt: Fratzen mit aufgesperrtem Maul, schreckliche Fabelwesen, die die Säulen, welche das Bauwerk tragen, aufzufressen scheinen wie die an San Juan de Amandi im asturischen Teil des Jakobswegs. Storch gleicht den monströsen Bauschmuck ab mit seinen textgewordenen Zeugnissen in Handschriften, sie präsentiert und verwirft Theorien zu ihrer Herkunft und versucht sich (Essay!) an einer so bemerkenswerten wie schlüssigen Folgerung. Erwachsen aus dem Stein und Mörtel der sakralen Bauten selbst, repräsentieren Säulenfresser das radikal Andere des Hortes, den Kirchen für um innere Erbauung pilgernde Gläubige üblicherweise sind: kein gebauter Schutz und keine Verheißung von Ordnung, sondern die Apokalypse, die selbst die Grundfesten und tragenden Teile des vermeintlichen safe space verschlingt.
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Anne Storch sensibilisiert für das, was Menschen Grund zum Pilgern gab und was sie – diese Menschen – an Resonanzerfahrungen an heiligen Orten und geweihten Bauten gemacht haben. Die Bauten selbst, ihr materielles Substrat: Mörtel, Mergelstaub, porös gewordene Sarkophage und ungeheuerliche Verzierungen, sind Speichermedium und semiotischer Fundus in einem für ein linguistisch-zeichentheoretisches Studium, das vergangenen kommunikativen Praktiken nachspürt. Es ist ein spannendes Plädoyer für eine Wissenschaft, die nicht nur an den Strukturen der Sprache interessiert ist: Genus, Kasus oder das übliche Numerus.
Anne Storch: Der Meister der Tränen und der Eingeweide. Semiotiken der Selbstauflösung (The Mouth, Special Issue Nr. 9, 2025), Köln