12. Mai 2026

Eine Wette


Noch nicht ins Deutsche übersetzte Literatur vorzustellen, ist eine doppelte Wette: eine auf die Zukunft und eine mit sich selbst als Rezensent. Möglich, dass sich niemand interessieren wird für Si sintieras bajo los pies las estructuras mayores, den Roman von Roberto Chuit Roganovich, der in Lateinamerika mit dem renommierten Clarín-Preis 2024 ausgezeichnet wurde, in Deutschland aber selbst in Fachkreisen – Hispanistik, Ecocritical Studies – noch nicht rezipiert worden ist. Möglich aber auch, dass es sich um eine Premiere handelt, die demnächst Furore macht auch in Europa.
Neben dem Original, das über Penguin Books vertrieben wird, steht bereits eine Übersetzung ins Englische an. Einen Arbeitstitel gibt es schon, Undergrowth (was den Originaltitel ziemlich eindampft und marktkonform machen würde für ökoliterarisch Interessierte, die Other-than-Human-Perspektiven à la Richard Powers’ Overstory schätzen). Der Wetteinsatz lautet, dass Chuit Roganovichs vierhundert Seiten starker Roman es auch auf den deutschsprachigen Buchmarkt schafft.
Und dort nicht unbeachtet bleibt.


Vom Konjunktiv bis zum Jahr 3163


„Wenn du unter deinen Füßen die größeren Strukturen spüren würdest“, so die direkte Übersetzung des Titels, ist ein Zitat aus den letzten Kapiteln; auffallend ist der Konjunktiv. Einer der Erzählstränge ist komplett in diesem Tempus gehalten, von den vier Zeitebenen der erzählten Welt datiert dieser Strang am frühesten, nämlich 1504. Die weiteren Schnitte legt Roberto Chuit Roganovich im Jahr 1888 in London und 1945 an der südargentinischen Atlantikküste an: dies im Übrigen eine verblüffende Analogie zu Sharon Dodua Otoos Bachmannpreis-gekröntem Roman Adas Raum mit seinen ebenfalls vier Einsätzen in der erzählten historischen Zeit. Anders als Otoo, deren Erzählung in der Gegenwart der 2020er Jahre endet, legt Si sintieras den vierten Schnitt in die nahe (2036) und danach immer fernere Zukunft; das letzte Kapitel ist mit 3163 überschrieben.


Im Jahr 1504 berichtet eine Stimme ohne Kontur und menschlichen Körper der siechen Königin Isabel I de Castilla – bekannter als Isabel la Católica, Auftraggeberin von Kolumbus’ Suche eines westlichen Seewegs nach Indien und Regentin zum Zeitpunkt der vollendeten Reconquista Spaniens – von den missions- und militärkolonialen (Un-)Taten ihrer Untertanen zwischen Anden und Atlantik. Der Konjunktiv kommt ins Spiel: Wäre Königin Isabel dabei gewesen, dann hätte sie zusammen mit der Ordensschwester Catalina nicht nur die Grausamkeiten der Conquistadores erlebt, sondern auch das erstmalig in den Quellen des Okzidents – den Aufzeichnungen des fiktiven spanischen Kaplans Balvanera – dokumentierte Auftauchen eines „superorganismo subterráneo“, eines unterirdischen Superorganismus’ und riesenflächigen Myzels.


Den Menschen, sowohl kolonial Unterdrückten als auch den Unterdrückern, erscheint der mysteriöse Organismus über die Jahrhunderte an weiteren Orten. Indios, die vor der Ausrottung stehen, bietet er Zuflucht und eine seltsame Symbiose, sie scheinen bereitwillig eingehen zu wollen in ihn. Die Hybris der Kolonisatoren und ihrer Nachfolger verhindert ein ähnliches Erkennen, stattdessen arbeiten sie an seiner naturwissenschaftlichen Erkundung, Vermessung, Kategorisierung und Benennung. Bionte ist der Begriff der Wahl, den Chuit Roganovich seine weiteren Erzähler – neben der körperlosen konjunktivischen Stimme einen tagebuchschreibenden argentinischen Gesandten zur Hochzeit des Imperialismus, eine personal erzählte zukünftige und krebskranke Julia sowie ihren 1945 ebenfalls aus Innensicht sprechenden Großvater Ishigata – nutzen lässt. Andere (Neo-)Kolonisatoren verwandeln sich dem Bionte an, ähnlich wie die Indigenen, aber mit zweifelhaften Motiven: Den „rey de amarillo“, König des Gelbs, den die konjunktivische Stimme der spanischen Königin nach der leuchtenden Farbe benennt, die der oberflächlich durchbrechende Organismus absondert, macht sich eine Geheimloge in der Hauptstadt des Empire zu eigen: „la logia The King in Yellow“.


Bionte, der King in Yellow


Die Chronik des Auftauchens des Riesenmyzels hält der japanische Naturwissenschaftler Ishigata nach, dessen Herkunftsland soeben von Atombomben getroffen wurde, während zwei seiner Kollegen in den Superorganismus eingehen. Ihr Dasein als vermeintliche Krone der oberirdischen Schöpfung geben sie wie die Indios und die Logenbrüder offenbar bereitwillig auf:


Ishigata entonces se dispuso a reconstruir la historia: especímenes de muy similar factura habían aparecido, hasta donde se sabía, y según el código del capellán castellano. En algún momento del principio del siglo XVI en una región mesopotámica del sur de Argentina; luego según el funcionario Victorino Traverso, a finales del siglo XIX cerca de la cordillera del Los Andes durante la campaña de aniquilación aborigen; y una tercera vez, ahora, a mediados del siglo XX, en la costa argentina en dirección estesur.


(Ishigata machte sich daran, die Geschichte zu rekonstruieren: Exemplare von sehr ähnlicher Machart waren, soweit bekannt, laut der Schrift des kastilischen Kaplans zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der südlichen argentinischen Mesopotamia aufgetaucht; dann, laut dem Beamten Victorino Traverso, Ende des 19. Jahrhunderts in der Nähe der Anden während des Feldzugs zur Ausrottung der Ureinwohner; und ein drittes Mal, nun, Mitte des 20. Jahrhunderts, an der südöstlichen argentinischen Küste)


Ishigata schwant, dass es sich um „tres manifestaciones del mismo ejemplar“ handeln könnte: drei Erscheinungen ein und desselben Exemplars über Zeit und Raum hinweg. Seine Fachkollegen zweifeln das umgehend an, denn eine solche Annahme würde nicht weniger bedeuten als die Notwendigkeit, die Wissenschaft vom Leben neu zu denken: „sería menos un descubrimiento interesante cuanto la redefinición absoluta del concepto de la vida y sus ciclos acorde a los principios reinantes en la ciencia.“


Und doch setzt sich das Bionte durch, es bereitet dem Menschen, wie er sich selber kennt, ein apokalyptisches Ende – in London brennen Bibliotheken und Anwesen, die Unterwelt der Kanalisation hat Nischen, in denen sich die Sektierer des King in Yellow ein Stelldichein geben mit dem vermeintlichen Jack the Ripper.


Roberto Chuit Roganovich nutzt zur Schilderung all dessen die Mittel der fantastischen Literatur, ohne ins Triviale zu verfallen; er lässt die Stimmen, die erkennbar keine menschfiguralen mehr sind, auf den Übergang vom Imperium des anthropos zu dem des Bionte reflektieren, ohne pathetisch zu werden. Dem Menschen diagnostiziert er eine, seine Krankheit zum Tode: Königin Isabel stirbt just 1504 an Gebärmutterkrebs und die zukünftige Julia trägt einen malignen Knoten in sich, ehe die Worte ihrer Innenperspektive förmlich geschwärzt werden und auch sie, so hat es den Anschein, in einem anderen, anders erzählten Leben aufgeht.


Schubladen? Schubladen! Magischer Realismus, William Faulkner und Der Schwarm

An wem Chuit Roganovich sich geschult hat, hält er nicht hinter dem Berg. Eine ganze Bibliothek des fantastischen Erzählens und der Schauerliteratur, auch des Horrors zitiert er in Mottos von H.P. Lovecraft bis Shirley Jackson. Seine écriture atmet den Magischen Realismus („Te llenaría de dudas la magia de la que está hecha América“, spricht es an einer Stelle zur spanischen Königin: Die Magie, aus der Amerika besteht, würde dich mit Zweifel füllen) und das Verteilen der vier Erzählstränge auf vier Perspektiven, mal außen und mal innen, mal klar identifiziert wie beim Forscher Ishigata und mal rätselhaft wie im Jahr 1504, erinnert an das Stimmenkaleidoskop William Faulkners in As I Lay Dying (auch von dem gibt es ein Motto, aus The Sound and the Fury). Und was der Schubladen mehr.


Genau: noch mehr Schubladen, oder besser Vergleichsliteratur aus der Gegenwart, die dem Menschen ausgerechnet im Anthropozän sein Stündchen dichtet. Dietmar Daths Roman von 2008, Die Abschaffung der Arten, in dem eine ‚Gente‘ der Bionte ähnelt, teilt den An- und Einsatz Chuit Roganovichs. Noch zwingender ist der Vergleich mit Frank Schätzings Der Schwarm (2004), wo der globusumspannenden Bionte eine Intelligenz im und aus dem Meer entspricht. Nicht nur von der Gattung – Thriller mit Horrorelementen –, sondern auch der bezeichnenden Begriffslosigkeit der Sprache des Menschen für die mehr-als-menschliche Intelligenz – „Yrr“ bei Schätzing und eben Bionte – stehen El quinto día (das der spanische Titel von Der Schwarm) und Si sintieras bajo los pies las estructuras mayores nebeneinander.


Neben Schätzing steht Roberto Chuit Roganovich damit thematisch, auch von der literarischen Güte hält er locker mit. Bleibt abzuwarten, wie es in ein, zwei Jahren mit den Verkaufszahlen aussieht. Auch denen, so die Wette und die Hoffnung, der deutschen Übersetzung dieses außergewöhnlichen Romans.

Bruno Arich-Gerz

 

Roberto Chuit Roganovich: Si sintieras bajo los pies las estructuras mayores (Aleaguara / Penguin 2025).