2. Februar 2026

Der fiktionale Raum


Mit zwei Publikationen wirft Park Books Licht auf das Werk von Kazuo Shinohara, Residential Architecture und 3 Houses. Damit wird die unbedingte Zusammengehörigkeit von theoretischer wie praktischer Tätigkeit Shinoharas herausgestellt. Residential Architecture, ein Klassiker japanischer Architekturschreibung aus den 60ern erscheint erstmals in englischer Übertragung. Ursprünglich eine in Auftrag gegebene Arbeit als Teil einer Reihe von „Was ist was?“-artigen Büchern, die sich vornehmlich nicht an Fachpublikum richteten, schreibt Shinohara bescheiden, hellsichtig und zugleich selbstständig und konsequent von einer Position heraus: „taking tradition as a starting point, but never as a point to return to.“ Nicht nur zielt das Buch gegen einen Funktionalismus, bis heute gültig, sondern vor allem auch gegen die damals vorherrschende Strömung der Metabolisten, mit ihrem architektonischen Stoffwechsel von comicartigen Antworten auf drängende Probleme.


Residential Architecture beginnt mit Einführungen der Herausgeber und Repros des ursprünglichen originellen Formats. Die folgenden Kapitel sind in Text- und Bildteile gegliedert. „Excellent spaces are always permeated by their own endemic physical makeup“, schreibt Shinohara und grenzt das in seinen Worten eher „unbewusste Wesen japanischer Fertigkeit“ gegen alle Ismen innerhalb von westlicher Begriffswut ab, kommt jedoch zur essenziellen Schlussfolgerung: „a house must be beautiful.“ Sein Augenmerk gilt vor allem dem Fügen, dem Verhaften von Räumen. Wo westliche Architektur mit direktem, das heißt übergangslosem Schnitt arbeite, engagiere sich die japanische Tradition stets in der Etablierung vom Halbraum, dem artikulierten Dazwischen, absent im internationalen Funktionalismus. In den beigefügten Plänen und Grundrissen zeigen sich pilzartige Kaskaden und Raumketten, die so natürlich wie zwanglos zu Boden kommen und agieren. Hieraus ergibt sich der eigene Ansatzpunkt: „since it is difficult to create beautiful spaces in our present society, architects are needed.“ Shinohara geht den gesellschaftlichen Schritt weiter und arbeitet In Praise of Useless Space sowie der zugehörigen virtuellen Komponente des Fictional Space „between the architect and society at large“, die heutzutage mehr denn je vom eigentlichen Raum wegführt bzw. dessen Erfahren-werden, dem Shinohara umso mehr Rechnung zu tragen einfordert und zwar mit der Herausbildung von Design-Identität mittels einer überkritischen Masse an „experimental operations“. Besonders macht dieses Kapitel die schrittweise Überleitung zu den eigenen Arbeiten Shinoharas, die jenem fiktionalen (Zusatz-) Aspekt entgegenkommen mit einer ausgesucht suggestiven Ozu-artigen Fotografie der Räume, im Buch nach wie vor effektiv und beeindruckend, „a major shift in emphasis away from rationalism and functionalism toward the irrational“.


Das mappenformatige 3 Houses, zweisprachig, englisch und japanisch, zeigt drei entscheidende Stufen in der Werkentwicklung Shinoharas, die sein Buch Residential Architecture rückblickend als Manifest aufscheinen lassen. In der kleinen Vorrede Ryue Nishizawas von SANAA wird der Stellenwert besonders klar: „like a sequence of unceasing explosions“ gehe Shinoharas Weg von der Tradition als Ausgangspunkt oder Los zu „making architecture purely out of a language all of his own“, womit eben jenem grassierenden Funktionalismus in Gleichmacherei die entscheidende Tat entgegengebracht wird. 3 Residential Houses als Kunstwerke, die sich zuallererst selbst als solche verstehen. Die Präsentation der drei Häuser erfolgt hier nicht ausschließlich in historiografisch reproduzierter Form, sondern vor allem in neu erzeichneten Fassungen, die, so die Herausgeber, auch der Auseinandersetzung mit den Hauskonzepten an sich oder vielmehr, was von ihnen geblieben (nämlich abgerissen oder schlicht nicht zugänglich), dienen wie zugute kommen soll, denn zu entscheidend scheinen die „Misinterpretations“ rund um Shinohara bis heute zu wirken. Die Entwicklung führt vom White House, schlank und innen überraschend durch Geräumigkeit in seiner Höhe über das erstaunlich monumentale Stahlbetonfachwerk-Haus in Uehara aus den 70ern, bis zum späteren House in Yokohama von 1984, einer in der Tat losgelösten Fancy, voller Follies, in sich selber verwurzelt, repräsentativ für eine Dynamik der 80er, wie sie beispielsweise parallel im Westen bei Bernard Tschumi in jener Zeit zu finden ist. In der Darstellung fehlen auch nicht die originalen ersten CAD-Visualisierungen, die dem ursprünglichen Mathematiker Shinohara durchaus ein Gefühl für den unvermeidlichen Werkzeugwandel attestieren. Das Buch schließt mit Spekulationen zu einem 5. Stil und möglichen erste Andeutungen dazu im Spätwerk des Architekten.


Insgesamt betrachtet brauchen beide Publikationen einander, um den realen Schwung innerhalb von Theorie und Praxis bei Kazuo Shinohara zu vermitteln. Wer das Japan der 60er Jahre ausschließlich mit den Innovationen der Metabolisten verbunden hat, wird hier einer weiteren, gegensätzlichen Inspiration gewärtig, die in vielen darauffolgenden Gebäuden von Toyo Ito bis SANAA oder Shin Takamatsu bis Sou Fujimoto bereits Gestalt angenommen hat und mit genau jener Einrichtung von Design-Identität versucht, jedwedem Funktionalismus eine räumliche Individualität entgegenzustellen.

Jonis Hartmann


Kazuo Shinohara: Residential Architecture; 3 Houses, Park Books 2025


https://www.park-books.com/produkt/residential-architecture/1666

https://www.park-books.com/produkt/kazuo-shinohara-3-houses/1674