23. Dezember 2025

Kein einfaches Leben

 
„Train Dreams“, die Geschichte des Robert Grainier, die Geschichte eines einfachen Mannes, die uns erzählt, dass es eben keine einfachen Menschen gibt, keine einfachen Geschichten, keine banalen Leben, sondern Lebensläufe, denen wir täglich begegnen, die wir streifen, die wir kurz berühren, die wir übersehen, denen wir zunicken, nicht wissend, nicht ahnend, welch Geschichten uns entgehen.
Die Schwielen an Robert Grainiers Händen sind wie die Rinde der Bäume, die er fällt, das Holz, das er zersägt, so auch für die Eisenbahn, wo es zu einem Verbrechen an einem chinesischen Arbeiter kommt, einem Mord, der ihn fortan begleiten wird. Als Ankläger, als schlechtes Gewissen sitzt der Chinese bei ihm, als Geist, der beobachtet, wie er eine Familie gründet, wie er mit ihnen an einem Fluss in einer Hütte lebt, seine Frau, seine Tochter und er, die für einen Moment das Glück fassen dürfen, es anfassen, indem sie sich berühren, sich spüren, so lange, bis ein Brand Frau und Tochter aus dem – eben nicht einfachen – Leben des Robert Grainier reißt.
Der Film von Clint Bentley, nach einer meisterhaften Vorlage von Denis Johnson gedreht, nimmt uns mit auf eine Reise, eine sentimentale, aber nie kitschige Wanderung hin zum Tode. Ein melancholischer, wehwütiger Ausflug mit den Augen des Hauptdarstellers Joel Edgerton, dessen Blick mit all der Traurigkeit vollgesogen scheint, die nötig ist, um eben dieses Leben Grainiers aufzuführen, eines Mannes, der sich der Trauer überantwortet, der auf die Rückkehr der Toten wartet, so wie auch auf Antworten aufs Dasein selbst.
Nicht eine Figur in diesem Melodram wird vorgeführt, wird verraten, ein Film, der an die Menschheit glaubt, daran, dass wir einander Halt geben, selbst, wenn dies nur mit wenigen Blicken, noch wenigeren Worten geschieht.
Es ist schon ein Glück, einen solchen Film erleben zu dürfen, mitzuerleben, denn er kriecht tief unter die Haut, lässt sie beben, lässt Tränen in die Augen treten, als würden sie sich endlich wieder einmal dort draußen umsehen wollen, als wollte das tiefste Gefühl, dass in einem wohnt, sich endlich wieder einmal die Füße vertreten wollen. Emotionales, packendes Kino. Ergreifend, einen an der Hand führend, um zu sagen: Siehe, das ist der Mensch doch auch. Voller Angst, voller Liebe, voller Lachen, voller Fragen, voller Hoffnung, voller Tod.
Für mich persönlich ein weiterer Höhepunkt, und neben „Jay Kelly“ ein weiterer Film, der die Themen Liebe und Vergänglichkeit behandelt. Themen, die mich mehr denn je rühren, vielleicht, weil ich die Zeit mehr und mehr an mir und meiner Umgebung knabbern sehe, stets mit diesem schalkhaften Lachen und dem Ruf: „Mich hältst du eh nicht auf!“

Guido Rohm

Train Dreams, Regie: Clint Bentley, USA 2025