Ein Buch für die Revolution

Lest mehr Ursula K. Le Guin. Dies zu Beginn. Dies zum Gesetz.
Fünfundzwanzig Geschichten aus vier Jahrzehnten hat Karen Nölle übersetzt und uns mit „Der Tag vor der Revolution“ geschenkt; allesamt fein geschliffene und funkelnde Juwelen, die jeweils auf eine ganz eigene Weise Welt revolutionär neu denken.
Die in diesem Band versammelten Geschichten machen es einem nicht einfach, sie sind keine Schaufenstererzählungen, die man abflanieren kann, wie man es bei (zu)packender Literatur, die sich ausstellt, oft tun kann, sondern sie ähneln eher Kunstwerken in einer Galerie; man stellt (oder setzt) sich davor und vertieft sich in sie, weil sie den Blick einsaugen und verwirren, wie es bereits das Cover dieses wunderbaren Buchs macht, das wie ein Backstein in der Hand liegt; ein weiterer, so denkt man, um ihn in jene Mauer zu setzen, die man um sich herum errichtet; eine Bücherwand, die am Ende zum Haus des Selbst wird.
Es sind avantgardistische Texte darunter, die sich immer wieder mit dem eigenen Medium auseinandersetzen, die die Sprache als Kommunikator und als Oberfläche untersuchen, die hinter das Geheimnis von Kunst selbst kommen wollen, also Buchstabenflächen, die nach Hause reisen, die bei sich selbst eintreffen, um wie bei einem Selbstgespräch hinter das Geheimnis ihres Daseins zu kommen.
Lange vor allen Genderdebatten hat Ursula K. Le Guin über Rollen- und Geschlechterbilder nachgedacht, hat sie vorgegeben Gedachtes mithilfe ihrer meisterhaften Sprache und ihrer Fantasie aufgetrennt, um die einzelnen Fäden, die dabei entstehen, literarisch neu anzuordnen.
Ursula K. Le Guins Werk gleicht einem Berg, einer Höhe, die man sich erarbeiten muss, die man mit den Spitzhacken der eigenen Augen nach Möglichkeiten von Halt absucht, um so einen Weg in die von ihr ersonnenen Kontinente zu finden. Belohnt wird man mit einer bisher nicht gekannten Aussicht auf die eigene Welt.
In den in diesem Buch sich tummelnden Geschichten zeigt sich einmal mehr ihr stilistisches Können, ihre Bandbreite, die von theaterhaften Szenen bis zu poetischen Reflexionen reicht. Und so verortet sie sich nebenbei für den Lesenden neben Größen wie Joyce und Woolf, weil Sprache ihr eben nicht nur Ackerboden ist, sondern vor allem auch Lehm, um aus diesem einen Golem zu formen, der mit diesem Buch einmal mehr einer seiner Hände all denen reicht, die bereit sind, sie zu packen, um sich so aus dem Schlamm des Gewöhnlichen ziehen zu lassen.
Science-Fiction ist ihr der Ort, der oft naserümpfend belächelt wird, wo er doch vor allem Freiheiten gewährt, die dadurch entstehen, dass das Genre selbst zur Maschine wird, mit der alle Gegenden bereist werden können, die auf keiner herkömmlichen Karte mehr verzeichnet sind, da sie sich in der Zeit selbst, wie auch im reinen Denken befinden. Wie der historische Roman auch. Und andere Spielarten ebenso, wobei die Science-Fiction in der Lage ist, all diese Sichtweisen zu fressen, zu verdauen und auszuscheiden. In den richtigen Händen die ideale Spielwiese. Und bei Ursula K. Le Guin ist sie in den idealen, den besten Händen.
Lest mehr Ursula K. Le Guin. Dies zum Abschluss. Dies zum Gesetz.
Guido Rohm
Ursula K. Le Guin: Der Tag vor der Revolution, 25 Science-Fiction-Storys, In der Neuübersetzung von Karen Nölle, 2025, Fischer Verlag