Die große Sause

Der Roman „Die Republik der Irren“ von Dirk Stermann läuft mit Irren über. Sie purzeln regelrecht aus den Seiten. Das fängt damit an, dass man mit dem Pfleger Cherubino einen Erzähler an die Seite gestellt bekommt, der tagtäglich mit Wahnsinn umgeben ist. Die italienischen Irrenhäuser der Jahre nach dem 1. Weltkrieg müssen aus allen Nähten geplatzt sein. Eine Inflation des Irrsinns. Cherubino bekommt den Auftrag, einen seiner Irren, einen Axtmörder, der nach einer Lobotomie wie ein zahmer Zombie durch die Welt spaziert, nach Fiume zu bringen, wo ein gewagtes Experiment unter der Leitung von Gabriele D’Annunzio durchgeführt wird. Fiume wird zum revolutionären Schmelztiegel. Zum gelobten Land. Anarchisten, Dadaisten, Futuristen, Faschisten, Kriegsmüde, Kriegswache, alle, die unbedingt mal die Sau rauslassen wollen, sind gekommen, um die eine große Orgie zu feiern. Nichts soll ausgelassen werden, keine Geschlechtskrankheit, kein Wurf mit einer Handgranate. Erlaubt ist, was gefällt. Aleister Crowley hätte seine Freude gehabt. „Tu, was du willst, sei dein eigenes Gesetz.“ Eine der Figuren, die einen bannen, ist Guido Baron Keller von Kellerer und Wolkenkeller, der jeden Exzentriker aller Jahrhunderte in den Schatten stellt. Als Fliegerass führte er im Flugzeug ein Teeservice mit sich, ein Schädel durfte auch nicht fehlen, während Guido selbst oft in einem Pyjama (unter dem Fliegermantel) die Lüfte eroberte, auf dem Kopf ein Fez. Man liest und staunt. Denkt über sich und sein langweiliges Leben nach. In Anbetracht des Daseins Kellers muss man ja beim Studium der eigenen Biografie einnicken. Das Selbst als Schlaftablette im Angesicht solcher Lebensentwürfe. Fiume rockt. Als wäre man auf einem Kindergeburtstag in einem der Vorhöfe der Hölle gelandet. Tote kann es ruhig geben. Gottchen, der Tod gehört doch nun einmal zum Leben. Warum sollte man also so viel Aufhebens darum machen?
Man liest den Roman, der in einer relativ einfachen Sprache geschrieben ist, was man natürlich dem Erzähler anlasten kann, der selbst ein eher einfacher Mann ist. Natürlich macht es sich der Autor dadurch auch irgendwie einfach. Sei es drum, Freude macht das Buch in jedem Fall, weil man unentwegt am Googeln ist, weil man diese und jene Person und ihre Lebensumstände erkunden möchte.
Ich kannte die Geschichte um Fiume bisher nicht, ein Stück Europa, das mir entgangen ist. Alleine dafür muss ich dem Autor danken. Und die Gegenwart ist auch da. Sie spuckt höhnisch auflachend in diese literarische Suppe. Eine Rotzansammlung aus Rechtspopulisten, die auf der Welt ein großes Fiume-Revival-Festival veranstalten, bei der es auch um die eine große Orgie geht, die, bei der man doch nebenher die Welt anzünden könnte, um die Nacht mal so richtig deftig zu illuminieren.
Die Irren, die zu Beginn eingesammelt werden, sollen die künftigen Minister der Chaosrepublik werden. Im Grunde fallen sie im Reigen der die Stadt durchströmenden Wahnsinnigen nicht weiter auf. Fiume ist ein Cocktail, der einem auf den Magen schlägt. Und dort, wo niemand sich mehr sorgt, fällt auch irgendwann kein Brot mehr vom Himmel, weil die Bäcker selbst Teil der großen Sause sind. Feiern, bis der Arzt mit einem tot umfällt.
Dirk Stermann hat mit „Die Republik der Irren“ einen wahrhaft zeitgemäßen Roman abgeliefert, der uns einen Spiegel vorhält, in den man, und das ist der schmerzliche Prozess, mit einer gewissen Freude blickt. Es ist der Spaß an der Zerstörung aller Ordnung. Aber ohne diese Ordnung wird man untergehen müssen. Ein Buch wie ein sachlicher Drogentrip. Ob man einen solchen will oder mag, bleibt am Ende dem Konsumenten überlassen. Ich mochte ihn.
Guido Rohm
Dirk Stermann: „Die Republik der Irren“, Rowohlt 2025