8. Dezember 2025

Bittersüß

 
Es beginnt mit einer Plansequenz, einem langen Kameraschwenk durch eine Studiohalle, wo Jay Kelly (George Clooney) einmal mehr einen Film dreht, ein Ort, an dem sich Fiktion und Realität überschneiden, im Grunde aber nur die Fiktionen, denn die Realität bin ich, der Zuschauer, der dann bereits auf einen Kinoschwindel hereinfällt, auf eine Welt, die von Lügen beherrscht wird, Lügen, die uns, wenn sie überzeugen, zur Wahrheit werden, zur Realität, die wir mit feuchten Augen beobachten, so wie in diesem Film von Noah Baumbach, der ein Film über Erinnerung ist, über Stars und solche, die es noch werden wollen, über einen Filmpreis, über Töchter, über die Liebe. Herrlich melancholisch ist „Jay Kelly“, wunderbar sonnendurchflutet, stets ist er warm, sodass man die Zuneigung, die er seinen Figuren entgegenbringt, spüren kann, als ob man an einem Weihnachtsabend mit einer heißen Schokolade vor einem Kamin sitzt und in die Flammen blickt, um dort träumend die eigene Vergangenheit zu entdecken. Ein bittersüßer und zugleich trauriger Moment.
Jay Kelly, der sich auf eine Reise nach Europa begibt, um bei seiner jüngsten Tochter sein zu dürfen, einmal wenigstens, bevor sie dem Nest entflieht, ist ein Mann, der nun, die Schläfen sind grau und werden leicht nachgefärbt, dem Gestern nachhängt, dem Freund, den er zu einem Casting begleitete und der die Rolle nicht bekam, wohl aber Jay, dem sie zu einer Karriere verhalf, was dieser Freund ihm bis heute vorhält. Lieben wurden nicht gelebt, alles musste sich dem Ruhm unterordnen, dem er stets nachhetzte, an seiner Seite ein Großaufgebot von Menschen, wie sein Freund und Manager Ron (Adam Sandler), die sich in einer berührenden Szene an den Händen fassen, um sich nahe zu sein, weil es darum geht: Menschen zu finden, die einen lieben und die man selbst liebt. Ein nahezu klassischer Film, der Anflüge von Fellini aufweist, der liebenswert und zärtlich ist, gestützt auf einen sentimentalen Soundtrack von Nicholas Britell, der die Gefühle, die man uns zeigt, auf Flügeln in unsere Ohren und Seelen trägt. Einer der Filme des Jahres für mich.
5 von 5 Stars.

Guido Rohm



Jay Kelly, Film, USA 2025