8. Dezember 2025

Raubtierkäfig

 

Eine SMS flattert suchend wie Tinkerbell durch die Nacht und landet in der Umarmung eines unwillig brummenden Smartphones. In Martin Lechners neuem Roman, der derart filmisch eröffnet, verwildert nicht nur die Protagonistin, in deren Ich-Perspektive der Autor sich mit Gespür und Fantasie hineinwagt, ein mit aufwallenden Emotionen und messerscharfen Reflexionen gefülltes Innenleben nachvollziehend schreibend ausagierend.

Marlies trägt ihren sich und sie wandelnden Krallenfinger, der sie selbst wie ein unbekanntes Tier befallen zu haben scheint, als Hostie mit, als ein Mal, das sie auszeichnet als Trägerin der sie transformierenden Verwilderung. Doch ihr Erleben zeigt zudem das Tierhafte ihrer Mitmenschen wie im Wetterleuchten auf. Wolfram, der sich zumutende Liebhaber ihrer Mutter, die wiederum ihn braucht, um ihre Bedürfnisse nach Geborgenheit, Sorglosigkeit und Unvernunft zu spüren, liefert Marlies nicht nur Territorialkämpfe, er dampft und dünstet in ihrem Lebensraum so penetrant herum, dass er sie alsbald zur Flucht treibt.

Im Miterleben von Marlies’ Begegnungen treffen die Lesenden immer wieder auch auf die animalische Seele der Maschine, in den Autos und Booten, die unvermutet ausbrechen aus den vorgeschriebenen Pfaden, wenn man ihre Zügel zu locker hält, die aufheulen, aber gleichermaßen treu heimbringen mit letzter Kraft und schützend beherbergen. Die Mission, auf die Marlies gesandt wird, nämlich der Mutter das schwiegermütterliche Erbe zu wahren, scheint moralisch kaum reflektierter ökotopischer Kampf um Ressourcen, die die Jüngeren den Älteren entreißen wollen und sich dabei im Naturrecht fühlen. Das Tier in Marlies will sich dabei behaupten gegen Ansprüche, will sich nicht zähmen lassen in seinen Reaktionen auf den Dschungel ihrer Umwelt, die unter ihrem Blick kaum die hauchdünne zivilisatorische Hülle einigermaßen rissfrei zusammenhalten kann.

Immer wieder entzieht Marlies die Symptome ihrer Verwilderung den enttarnenden Blicken der gierig und oft angeekelt nach dem Absonderlichen und Verborgenen heischenden Gegenüber, die sie meist gleichzeitig für ihre Zwecke ausbeuten und instrumentalisieren wollen. Als unterdrückter Anteil springt die mordlüsterne Fingerklinge zunehmend unkontrollierbar hervor und stellt den Verbleib der Protagonistin in der Zivilisation infrage. Der Roman stellt die Frage, wie viel Wildheit und dunkles Geheimnis Gesellschaft und Beziehungen vertragen, wie viel die Liebe in Blindheit zu übersehen bereit und zu heilen in der Lage ist. Und nicht zuletzt fragen sich Lesende und der Schriftsteller, wie viel Verwilderung das Leben notwendig braucht. 

Ebenso wie der Verfasser dieser Besprechung ist auch der Autor keine Jugendliche, keine junge Frau und macht sich also selbstverständlich nur Vorstellungen darüber, wie ein entsprechend plausibles Innenleben der Hauptfigur dieser Geschichte beschaffen sein könnte. Die Gefahr, abzurutschen in Motive, die als rein männliche Vorstellungswelt, gar als unangemessene Zuschreibungen gelesen werden können, ist groß. Lechner begibt sich selbst in eine gefahrvolle Welt, in der ein Fehltritt ihm scharf gekrallte Reaktionen von Vertreter*innen von männlicher wie weiblicher Seite und sämtlicher denkbarer Geschlechter bescheren könnte. Im Raubtierkäfig des zeitgenössischen Ringens um den richtigen Umgang mit Gender und Geschlecht ist dieses persönliche Wagnis ein konsequenter kontextueller, inhaltlicher und formaler Rahmen des behandelten Motivs der Verwilderung.

Matthias Kulcke



Martin Lechner: Die Verwilderung. Residenz-Verlag, Salzburg 2025