GOBANG

Von Wolfgang W. Timmler
Niels: Senta?
Senta: Jo.
Niels: Was müssen wir alles über das Grundgesetz wissen? Artikel eins? Artikel zwanzig? Unabänderlichkeit?
Senta: Ein Punkt fehlt noch.
Niels: Bitte keine kindischen Antworten!
Senta: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.
Niels: Oh, Mann! Ich hasse dich!
Senta: Ich glaube, das ist alles.
Niels: Okay. Erzähl mir mal was über Unabänderlichkeit.
Senta: Wir schreiben den Test erst nächste Woche, Niels! Also, lass mich bitte heute mit solchem Unfug in Ruhe.
Niels: Mensch, Senta! Nächste Woche hab ich Musterung und dann keine Zeit zum Lernen.
Senta: Ja, und? Das ist mir doch egal.
Niels: Du musst mir nur irgendwas zur Unabänderlichkeit sagen.
Senta: Sie soll eine Grundgesetzänderung verhindern. Mehr weiß ich auch nicht.
Niels: Danke.
Senta: Gern geschehen.
Niels: Senta?
Senta: Niels?
Niels: Politische Weltkunde, okay?
Senta: Ich habe noch nichts gelernt.
Niels: Senta?
Senta: Ja?
Niels: Hast du nun gelernt?
Senta: Ja, aber beeil dich. Ich gucke gerade meine Lieblingsserie.
Niels: Egal! Ich bin gleich weg. Was müssen wir alles lernen? Hast du dir das irgendwo aufgeschrieben?
Senta: Artikel eins, Artikel zwanzig, Unabänderlichkeitsgesetz, außerdem Kontrollinstrumente des Bundestages, die wichtigsten Minister, wer den Bundeskanzler wählt und so weiter.
Niels: Gut, danke.
Senta: Alles klar, Niels? Hast du den Stoff drauf?
Niels: Ich denke schon.
Senta: Gut. Ich kann ihn auch einigermaßen, nur das mit der Unabänderlichkeit verstehe ich nicht ganz.
Niels: Ich auch nicht.
Senta: Das betrifft doch die Artikel eins bis zwanzig, ja?
Niels: Ja.
Senta: War da nicht noch irgendwas - Artikel neunundsiebzig oder so?
Niels: Ähm.
Senta: Da war doch noch ein anderer Artikel, oder?
Niels: Ich glaube, es waren nur die beiden Artikel, eins und zwanzig.
Senta: In beiden Artikeln steht aber gar nichts von Unabänderlichkeit.
Niels: Stimmt.
Senta: Da war noch ein anderer Artikel.
Niels: Mmh.
Senta: Der beschützt die Artikel eins und zwanzig, Quatsch, eins bis zwanzig.
Niels: Bei Google steht nichts darüber.
Senta: Artikel neunundsiebzig, glaube ich.
Niels: Verstehst du das?
Senta: Begrenzt.
Niels: Dann erklär’s mir mal begrenzt.
Senta: Also, es ist verboten, die Artikel eins bis zwanzig des Grundgesetzes anzutasten. Die anderen Artikel dürfen zwar geändert werden, aber nur, wenn zwei Drittel des Bundestages und des Bundesrates zustimmen.
Niels: Mmh. Kannst du die Kontrollinstrumente des Bundestages?
Senta: Na ja, so lala. Moment! Mir fällt gerade ein, wir sollten bestimmt auch die Kontrolle der Regierung lernen, oder?
Niels: Nein, ich glaube nicht. Das hatten wir noch nicht.
Senta: Doch, Mann! Die Regierung steht doch ganz oben auf dem Arbeitsblatt.
Niels: Mach mir jetzt keine Angst, Senta! Warte! Ich schau mal nach. Ach, du Scheiße!
Senta: Zum Glück ist das nicht so viel Stoff: 1. Politische Richtungskontrolle. - 2. Effizienzkontrolle. - 3. Rechtliche Kontrolle.
Niels: Was? Woher hast du das?
Senta: Aus dem Schulbuch.
Niels: Ach so.
Senta: Ich glaube, das ist auch wichtig.
Niels: Ähm.
Senta: Auf dem Arbeitsblatt ist es nämlich der nächste Punkt, okay?
Niels: Kontrollkram?
Senta: Genau.
Niels: Beim Grundgesetz werde ich meine Punkte machen. Beim Rest stochere ich noch ein bisschen im Nebel.
Senta: Okay.
Niels: Wie auch immer, Mylady, ich mach jetzt die Fliege. Wir sprechen uns morgen.
Senta: Niels?
Niels: Jo?
Senta: Alles klar?
Niels: Ich kann nicht mehr. Mein Kopf platzt gleich. Wann bist du fertig?
Senta: Ich könnte heute den ganzen Tag lang lernen. Ich lege jede Stunde eine kleine Pause ein. Das hilft wirklich, glaub mir. Nur in Geschichte werde ich heute nichts mehr machen. Die habe ich abgehakt. Für Englisch lese ich jetzt das Stück von Tennessee Williams.
Niels: Das ist mir doch egal. Ich habe dich gefragt, wann du fertig bist. Wir könnten ja jetzt eine kleine Pause einlegen, wie wär’s?
Senta: Eine Runde lang, meinst du?
Niels: JA! DARAUF WOLLTE ICH HINAUS!
Senta: Niels, wir müssen beide heute lernen.
Niels: Ich weiß, ich weiß, aber ich kann nicht mehr! Mein Kopf explodiert gleich. Das ist reine Auswendiglernerei, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.
Senta: Ich weiß.
Niels: Nur ein Spiel?
Senta: Nein.
Niels: Oh, mein Gott! Siehst du ihn, Senta? Siehst du ihn auch?
Senta: Wen meinst du?
Niels: Die Lern-Bestie. Zu Hilfe! Zu Hilfe!
Senta: Kindskopf! Ich hab zu tun.
Niels: Die Lern-Bestie kann nur durch die magischen Kräfte des Spiele-Niels bezwungen werden.
Senta: Nein.
Niels: Oh, mein Gott! Du bist nicht mehr Senta. Die Lern-Bestie hat dich verschlungen wie der weiße Wal den Kapitän Ahab. Wehr dich, Senta, gib nicht auf! Nur die magischen Kräfte des Spiele-Niels können dich noch befreien!
Senta: NIELS, ICH MUSS LERNEN! HÖR AUF MIT DEM QUATSCH!
Niels: Irgendwie, irgendwo, irgendwenn ---
Senta: NEIN!
Niels: Spielen Senta und Niels doch Gobang.
Senta: Na gut, aber nur eine Runde.
Niels: JAAAA-HAAAA-JA!
Senta: Wann musst du morgen dort sein?
Niels: Halb neun.
Senta: Das klingt doch verlockend.
Niels: Unsagbar verlockend, ja, aber ich habe keine Lust, deswegen schon um halb sieben aufzustehen.
Senta: Das ist ja in fünf Stunden.
Niels: Genau. Kotz! Würg! Spei!
Senta: Ich schätze, du kannst nicht sofort einschlafen, sondern erst in einer Stunde oder so. Dann bleiben dir jetzt noch vier Stunden.
Niels: Allerhöchstens.
Senta: Also, morgen entscheidet es sich? Du musst dort total demotiviert wirken.
Niels: Ja, ja.
Senta: Am besten, du machst einen auf extrabreit.
Niels: Ich hau mich jetzt aufs Ohr.
Senta: AUF KEINEN FALL! Du darfst keine Sekunde schlafen, Niels! Das ist schlecht.
Niels: Wieso?
Senta: Du darfst dort morgen nicht hellwach erscheinen.
Niels: Gute Nacht, Scheherazade.
Senta: Und? Wie ist es gelaufen?
Niels: Der Bund muss seine Kriege jetzt ohne mich planen: T5.
Senta: Und das heißt?
Niels: Ausgemustert. Total untauglich.
Senta: Gratulation. Der Friedensnobelpreis sei mit dir.
Niels: „Also, Sie wollen zur Bundeswehr?“, fragte die Ärztin. „Na klar“, sagte ich. „Wegen Ihres Rückens ist das leider nicht möglich“, meinte sie, „Sie sind der schlimmste Fall, der mir je begegnet ist.“
Senta: Ho, ho!
Niels: Die Ärztin hatte voll übertrieben und wirklich so getan, als wär ich bereits ein Pflegefall. „Trainieren Sie Ihre Rückenmuskeln“, sagte sie, „Sie können immer noch was machen.“
Senta: Dann mal los, Rocky Balboa!
Niels: „Krebskranke und Diabetiker können leider nichts mehr für sich tun“, erklärte sie, „aber Sie haben noch eine Chance.“ Mir blieb echt die Spucke weg. Ich dachte, will die mich jetzt auf den Arm nehmen? Ich habe doch keinen Krebs.
Senta: Und wenn schon. Schweißfüße sind schlimmer.
Niels: Und keinen Zucker! Und auch keine Schweißfüße!
Senta: Doch, doch, Niels, du hast Schweißfüße.
Niels: Wie kommt die Ärztin dazu, mich mit Krebskranken und Diabetikern auf eine Stufe zu stellen?
Senta: Keine Ahnung. Wegen der Schweißfüße vermutlich.
Niels: Sehr witzig! Mit mir war auch ein Glatzkopf aus Lichtenberg dort, und als ich nach der ärztlichen Untersuchung in den Warteraum zurückging, sagte ich zu ihm: „Die Sache ist geritzt - T5.“ Darauf meinte er: „Warum freust du dich dann?“ Ich dachte nur, Mann, oh, Mann! Weder Haare noch Hirn.
Senta: Ha, ha, ha.
Niels: Zuerst hatte mich eine Rothaarige mit einer Million Sommersprossen befragt.
Senta: Igitt!
Niels: Ihr Gesicht sah richtig pointillistisch aus, wirkte aber trotzdem hübsch; das Weibsbild hätte ich glatt erwürgen können.
Senta: Wie das?
Niels: Wegen Ihrer Psychospielchen. Erst meinte sie: „Bundeswehr ist doch cool.“ Von wegen, dachte ich, in Uniform bin ich von ’ner Biotonne nicht mehr zu unterscheiden. „Sie möchten doch zur Bundeswehr?“, wollte sie dann wissen. „Oder gibt es für Sie einen Grund, den Dienst an der Waffe zu verweigern?“ Ich dachte, was soll diese doofe Frage jetzt? Kein vernünftiger Mensch zieht freiwillig in den Krieg, außer dem Armleuchter aus Lichtenberg vielleicht, und wie sich das schon anhört, Dienst an der Waffe, - grammatikalisch ist das eine glatte Sechs minus.
Senta: Jo.
Niels: Die Ärztin hatte noch ‘ne Helferin, also, über die hätte ich mich fast totgelacht. Während ich hinter dem Wandschirm stand und mich auszog, rief sie die Zentrale an. „Ja, guten Tag, hier ist Kowalski von Zimmer soundso. Ich rufe an wegen ‘ner Nummer. Nein, Quatsch! Ich möchte mit der Telefonauskunft verbunden werden.“ Als die Ärztin dann hereinkam, staunte sie erst mal Bauklötze. „Was finden Sie so lustig?“ Ich sage dir, es war der reine Wahnsinn!
Senta: Ha, ha, ha.
Niels: Was machst du gerade, beziehungsweise, was wirst du gleich machen?
Senta: Lass mich mal überlegen.
Niels: Mmh.
Senta: Grübel. Grübel.
Niels: He!
Senta: Also, ich hätte da so ‘ne Idee.
Niels: Okay.
Senta: Ich bin mir aber nicht sicher, ob sie dir gefällt.
Niels: Lass deiner Fantasie ruhig freien Lauf. Mich kann heute sowieso nichts mehr erschüttern.
Senta: GOBANG?
Niels: Gebongt! Und ab geht die Post!
Senta: Du nimmst es mir aber nicht übel, wenn du gleich wieder verlierst, ja?
Niels: Was faselst du da, Senta?
Senta: Ich habe dich gewarnt, Niels.
Niels: Los, fang schon an!
Senta: Okay.