Blüten der Wunderwelt männlicher Empfindsamkeit
Drei Comics zeigen ihre ganzen Pracht: Max Baitinger mit Hallimasch in seiner eher soziologisch angelegten Erzählung, Michael Deforge in Holy Lacrimony, seinen philosophischen Abstraktionen, und Olivier Schrauwens Sunday, der psychologischen Erkundung eines Tages im Leben seines Cousins.
Sunday ist Olivier Schrauwens bisher umfangreichstes Werk. Noch nie war er mit seinen Comics so dicht an der Jetztzeit und am (eigenen?) Körper. Auf der Suche nach dem langweiligsten Menschen und Moment traf er auf seinen Cousin. Der Tag sollte ein Sonntag sein. Eigentlich wollte er nur dessen Gefühls- und Gedankengänge nachzeichnen. Doch was die Langeweile betraf, scheiterte er, für uns zum Glück, auf großartige, und wie nur in der Kunst möglich, schönste Weise. Und das auf allen Ebenen. Erzählt oft wie in Zeitlupe, verschwimmen körperliche Ab- und Anwesenheit mitunter ineinander. So, wenn er in der Badewanne liegend mit seiner Freundin in Afrika telefoniert. Schrauwen verkettet virtuelle und imaginäre Räume auf meisterhafte Weise in einer Art dreidimensionalen Parallelmontage. Hier zeigt das Medium Comic, was es kann. Damit folgt er dem Meister der kultivierten Langeweile Chris Ware. Ein würdiger Nachfolger, hat man von diesem doch schon lange nichts Neues mehr gesehen.
Geh in Dich!, heißt der Befehl Schrauwens an seinen Cousin, wenn er dessen Innenleben, wie er im Vorwort schreibt, zum Forschungsgegenstand macht. Freilich mit der Gefahr, dort niemanden anzutreffen, nicht wieder rauszukommen oder dort eine unerschöpflich reiche Welt vorzufinden.
Das Problem des In-sich-Gehens hat Michael Deforges Protagonist nicht. Er wird von Außerirdischen u.a. über seinen Penis (wie auch sonst?) angezapft. Sie haben ihn auserwählt. Nun muss er seine Gefühlswelt ergründen. Auf der Suche nach dem traurigsten Menschen auf Erden trafen die Aliens auf ihn. Dass die Fremdem sich nur aus Forschungszwecken um ihn kümmern, kann durchaus als Auszeichnung verstanden werden. Ist seine Traurigkeit so doch von Nutzen. Und er muss liefern. Seine Aufgabe ist es, sein Seelenleben zu ergründen und sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzen. So trifft das fremde Außen auf das fremde Innen und stellt ihn vor die Aufgabe der Selbsterforschung. Und ist das nicht auch die zweitwichtigste Aufgabe im Christentum? Sich selbst lieben zu lernen. Was schnell mal eben ein Leben lang dauern kann. Denn es heißt im Buch Mose 19,18: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was, nach der Liebe zu Gott, der zweitwichtigster Grundsatz des Christentums ist und bei Überforderung schnell in Hass umschlagen kann.
Solche Fragen spielen bei Max Baitinger keine Rolle. Seine drei Männer, Schulfreunde, verabreden sich zu dem Abenteuer einer Selbstbefragung. Nachdem sie sich Jahre nicht gesehen haben, verabreden sie sich zu einem Treffen in der Stadt ihrer gemeinsamen Zeit, in Leipzig. Ihre Lebensläufe haben sich, nach Studium, Familiengründung, gescheiterten Beziehung und Einzelgängertum auseinanderentwickelt. Jetzt wollen sie sehen, wie stark ihre gemeinsame Vergangenheit sie noch aneinanderbindet. Ihre Leipziger Zeit erscheint als Wendemarke, an der sich ihre Leben, gesellschaftlichen und persönlichen Erfolge auseinanderdividierten. Typisch männlich, wird darüber aber nicht gesprochen. Sie wollen einfach nur ihren Spaß, wie in alten Zeiten. Die Selbstbefragung bleibt wortlos, doch erzählt Baitinger anhand der Dingwelt vom sozialem Stand der drei. Die präzise beobachteten Schauplätze werden zu aufschlussreichen Nebendarstellern. Das Eigenheim mit bodentiefen Fenstern, der Weber-Grill und der SUV, die Telefonate mit den Kindern und der Frau, das Wohnprojekt. Aber auch die Klausucht des geschickten Schlurrhannes, der immer noch des Klauens wegen klaut, erzählt etwas über dessen Innenleben. Dass die Reise zu zweit zur Suche nach dem dritten wird, macht die Erzählung noch spannender. Das Schweigen der Männern wird nicht moralisch bewertet, denn Baitinger zelebriert es liebevoll. Er zeigt, wie die Männer sich umeinander sorgen. Auch wenn kein Weg zurück in die Zeit der einst naiven Männerfreundschaft führt. Die Erzählung verlangt nach einer Fortsetzung, um groß zu werden, um ein Entwicklungsroman zu werden, auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und wenn wir schon bei Literaturverweisen sind, ist Schrauwen Sunday am deutlichsten James Joyces Ulysses zuzuordnen. Wie sich Raum und Zeit an einem Tag kaleidoskopisch kristallisiert. Ein modernes, smartphonegestütztes Leben als Parallelmontage. Bis sein Subjekt, sein Cousin, sich, kurz vor Ende, in einem psychedelischen Traumreigen, in kosmischer Substanz auflöst. Um dann doch, Sunday wurde zuvor in 8 Einzelheften im Riso-Druckverfahren publiziert, dies nun ist das Kompendium aller Hefte, in einem ganz irdischen Erwachen, einer Geburtstagsüberraschungsszene mit Freunden, zu enden. Hoffnungsvoll in einer analogen Welt. Während Deforges trauriger Charakter, auf sich zurückgeworfen, nachdem die Außerirdischen ihre Forschungsarbeit beendet haben, wieder allein ist. Als er die Online-Diskurse über Aliens satthat, sucht er eine Selbsthilfegruppe mit Alien-Entführungserfahrungen auf. Zurück im Sozialleben, mit echten zwischenmenschlichen Problemen. Bei einer Halloween-Party der Selbsthilfegruppe kommen die Mitglieder, natürlich in Kostümen und Masken als Aliens. Symbolisch, wenn man so will, dafür, dass das wahre Ich erst durch das Andere und die Maskierung sichtbar wird und zu echten Berührungen und menschlicher Wärme führt.
Christoph Bannat
Michael Deforge:
Holy Lacrimony
Drawn and Quarterly 2025
$ 24.95
120 pages
Olivier Schrauwen:
Sonntag
Edition Moderne 2025
ISBN 978-3-03731-276-6
472 Seiten, farbig (Pantone),
19×24,5 cm, Softcover, 45 €
aus dem Englischen von Christoph Schuler
in Kollaboration mit Colorama
Max Baitinger:
Hallimasch
Reprodukt 2025
ISBN 978-3-95640-448-1
200 Seiten, einfarbig, 18,2 x 24 cm, Softcover, 24,00 €


