8. September 2025

ESTHER RÜHMANN - RAUMWANDEL

 

Ein Bild kommt aus Bildern, keineswegs aus Worten und wären es noch so viele, denn selbst mit vielen Worten lässt sich oftmals nicht erklären, was zu sehen ist. Worte sind Gefangene ihrer Grammatik. Sie schildern das Sichtbare im Zeichensystem der Sprache, während ein Bild frei von solchen Zwängen zu sein scheint. Ein Bild kann das Unsagbare zeigen, beispielsweise den negativen Raum, wo die Gesetze der Schwerkraft wie von Zauberhand aufgehoben sind.

Irgendetwas stimmt mit diesem Hallenbad nicht. Zu den Seitenwänden hin fällt der gekachelte Boden steil ab. Ein Sprung des Bademeisters vom Startblock, und kein Tropfen Wasser könnte ins Becken zurückfließen. Wer solche Bauten entwirft, muss als Architekt ein völliger Versager sein. So viel steht fest. Das Bild beweist es doch, oder tut es das nicht? Vielleicht gibt es dieses Hallenbad so gar nicht. Vielleicht sind Boden, Decken, Wände bloß Innenaufnahmen eines Schwimmbads, welche die Künstlerin auf eine Schuhschachtel geklebt und dann mit ihrem Fotoapparat für den Ausstellungskatalog noch einmal abgelichtet hat.

Die Fotoskulptur “Badeanstalt” ist ein Architekturmodell der ganz besonderen Art. In ihr wird ein Innenraum so ganz anders behandelt, als wir es gewohnt sind. Wenn wir das erkannt haben, nehmen wir den Raumwandel, bei dem die Schwimmhalle nach außen gekehrt ist, wie eine umgedrehte riesige Backform, dann tatsächlich richtig wahr? Und was heißt in diesem Falle richtig? Nicht verkehrt, oder? Doch wie lässt sich Verkehrtes richtig sehen? Würden wir uns selbst endlich einmal richtig sehen, wenn wir, sozusagen hinter dem Spiegel versteckt, uns selbst vor dem Spiegel stehend betrachten könnten? Die Fotoskulptur schildert einen Widerspruch, der nicht leicht in Worte zu fassen ist. Sie zeigt einen Innenraum, der in sich völlig verschlossen und doch unserem Auge zugänglich ist.

Dass es das Hallenbad so gar nicht gibt, stört uns überraschenderweise jedoch weniger als erwartet, weil wir anscheinend mit derart verkehrten Räumen ständig zu tun haben, insbesondere dann, wenn wir uns an unsere Träume zu erinnern versuchen. Wir kennen das Unsagbare zur Genüge aus unseren eigenen Traumbildern, in denen wir genau das sehen, was wir selbst in unserem Kopf erschaffen haben. Im Traum sind wir alle Künstler, ohne Unterschied gleich gut und gleich schlecht, gleichgültig, ob mit oder ohne Kunststudium, oder wie es Heinrich Heine einmal ausgedrückt hat: “In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks.” Im Traum verwandeln wir diese Sterne in unser inneres Universum. Beim Erwachen haben wir die Sternbilder dann meistens schon vergessen, doch wir erinnern uns womöglich wieder an sie, wenn uns Esther Rühmann mit offenen Augen träumen lässt.

In der Galerie Bobeck Bouvier (GBB) stellt die junge Künstlerin seit Kurzem ihre Fotoskulpturen aus. Die Ausstellung gehört zum Begleitprogramm der Biennale für zeitgenössische Kunst. Rühmann hat Grafik und Bildhauerei studiert und lebt und arbeitet in Bremen. Sie hat in Einzel- und Gruppenaustellungen in Europa (Deutschland, Frankreich, Griechenland, Niederlande, Österreich, Polen, Ungarn, Spanien) und in den USA ihre Arbeiten vorgestellt und zählt zu den talentiertesten Vertreterinnen der jüngeren zeitgenössischen Kunst in Deutschland.

Im Bilderzyklus “Isogon” führt die Künstlerin einen Schnitt durch Raum und Zeit im Europa des 21. Jahrhunderts vor. Ihre Aufnahmen zeigen das Innere von elf Hotelzimmern in großen europäischen Städten. Wie bei einem Puppenhaus hat die Künstlerin dabei das Dach entfernt, und der Betrachter blickt in elf verschiedene Schlaf- und Badezimmer. Einem Reisenden kommt die Aufteilung der Räume und ihre Einrichtung in Amsterdam, Brüssel, Budapest, Kopenhagen, Lissabon, Madrid, Paris, Rom, Sarajewo, Wien oder Zürich merkwürdig vertraut vor. Dass die elf Hotelzimmer keinen bestimmten Städten mehr zuzuweisen sind, versinnbildlicht den klugen Satz von Walther Rathenau, wonach alle größeren Städte in ihrer Struktur und Mechanik identisch seien.

Mit “Autosilo”, das als Projekt noch nicht abgeschlossen ist, versucht sich die Künstlerin an der Rekonstruktion eines Parkhauses, wobei sie wieder Außen und Innen vertauscht und durch den Raumwandel die Binnenstruktur des Gebäudes auflöst. Das mehrstöckige Parkhaus scheint einst von Außerirdischen genutzt worden zu sein, so fremd und unwirklich erscheint es im rekonstruierten Architekturmodell. Mit dieser Fotoskulptur, die im Mittelpunkt der Ausstellung steht, stößt Esther Rühmann das Fenster zu einer Welt auf, in welcher das gängige Raumkonzept auf den Kopf gestellt ist wie eine Kuchenform, womit sich Rühmann als überaus kluge Fototortenbäckerin eines neuen Surrealismus ausweist.

Esther Rühmann in der Galerie Bobeck Bouvier (GBB)

Wolfgang W. Timmler