Wir sind Eddington

Der Wahnsinn höchstselbst, das Verrückte, das Entrückte, sie alle schleppen sich im Körper eines Obdachlosen in diesen Film, hinein in eine Landschaft in New Mexico, hin zu einem Ort namens Eddington. Er trägt den Irrsinn in die Stadt, stolpernd, als würden seine Schritte husten, als würden sie lallen, als würden sie brabbeln, so wie er selbst, aus dessen Mund die Worte fliehen, zeternd, schimpfend, vielleicht auch das Virus, denn wir sind in den Zeiten der Pandemie: Corona und Masken sind überall.
Mit den ersten Bildern wird der Takt des Films vorgeben, seine Aura, die Atmosphäre aus Sand und Hitze, aus Schweiß, aus Gedanken im Ausnahmezustand.
Joaquin Phoenix spielt Joe Cross, der als Sheriff über die Bürger von Eddington wacht, der für sie einsteht, der denen Hilfe anbietet, die sich gegen das Tragen der Maske wehren, der Einlass für sie im Supermarkt begehrt, der sie mit Lebensmitteln versorgt. Joe Cross, der sich an seinem Gürtel festhält, als ob es ein Rettungsring wäre, der hinter seinen Bart lebt, der sich hinter seinen Bart zurückzieht, während seine Augen lebhaft kommunizieren, ist ein Mensch, der um die Seelen seiner Mitmenschen ringt, der in seinem täglichen Kampf etwas bewirken will, sodass er schließlich Kandidat um die Wahl des Bürgermeisters wird. Und dies im Duell mit seinem Gegner - denn schließlich sind wir hier in einem Western - Pedro Pascal als Ted Garcia.
Während einer Spendengala ohrfeigt Garcia Cross. Die Kamera marschiert mit Cross, der die Musikanlage ausschaltet, sie stampft mit ihm, so als wäre er Gary Cooper in „High Noon“, den nichts beugen kann, starr geht er seinen Weg, um schließlich Garcia zu erliegen, der ihn demütigt, der ihm schlagkräftig seine Würde nimmt.
Joe Cross wird sich rächen, er wird in sich fallen, wie in einen Brunnenschacht, er wird sich dem Dunkel überlassen, ein schreckliches Kind, das von nun an kein Erbarmen kennen wird, bis hin zu einem Showdown, wie man ihn lange nicht vergessen wird.
„Eddington“ ist ein Film, der sich in sich selbst verliert, nicht aber den Zuschauer, den er mit sich reißt, voran in eine Welt aus Handys und Slogans, aus Wahrheiten und Lügen, aus Tod und Leben, ein Film, der sich im Neonlicht suhlt, der den Wahnsinn dieser Zeit zum Wahnsinn derer macht, die ihn nähren. Wir sind Joe Cross, sind Gracia, sind für und gegen die Maske, sind Teil einer Kultur, die im Wirrwarr Halt sucht. Wir sind Obdachlose des Geistes, die in eine Weltstadt namens Eddington stolpern, um dort das Virus des Chaos, des Jahrmarktgeschreis zu verteilen.
Wir alle sind Eddington.
Ari Aster hat einen nachhallenden Film geschaffen, ein Meisterwerk der Figurenzeichnung und Weltbetrachtung, einen Western, von dem man vielleicht behaupten kann und muss, dass er nun tatsächlich den Schlusspunkt für dieses Genre setzt. Zumindest so lange, bis wieder ein Filmemacher einen scheinbar Toten zum Leben erweckt, denn darum geht es doch im Kino, um den Tod, die Auferstehung und das Leben. Amen.
Guido Rohm
Eddington, USA 2025, Regie: Ari Aster