DIE PUPPE

Von Wolfgang W. Timmler
Fünf Treppen hoch, gleich unterm Dach, wohnte Metin Zoltan. Die Zimmer waren zugig. Die Türen schlossen nicht richtig. Und in die Fenster waren Zeitungen gestopft. Die späte Morgensonne zeigte ein überbelichtetes Staubbild, in doppeltes Glas gefasst. Die Farbe am Rahmen blätterte ab. Das nackte Holz blendete die Augen. Durch das Schlafzimmerfenster konnte Metin die junge Frau sehen. Sie ging hastig, ohne sich umzusehen, verschwand Stück um Stück mit der Straße zum Schrottplatz. Er wusste, er würde sie nie wiedersehen.
Metin gehörte gemeinsam mit seinem Bruder Dschengis der Spätkauf in der Neustadt, und Metin verbrachte dort Stunden damit, dem Zufall nachzuspüren. Über jeden Fund führte er sorgfältig Buch. Er saß hinter dem Verkaufstresen und zählte Knöpfe. Knöpfe an Blusen. Knöpfe an Röcken. Knöpfe an Jacken. Knöpfe an Hosen. Knöpfe an Hemden. Die Ergebnisse trug er in endlose Tabellen ein. Schließlich entdeckte er eine merkwürdige Koinzidenz. Die Verluste häuften sich.
An schönen Tagen, wenn er das Schlafzimmerfenster geöffnet hatte, hörte Metin die Geräusche vom Schrottplatz, ein dumpfes Poltern und Stampfen, ein schleifendes Klirren von Metall auf Metall, hell und brutal. Metin hatte Maja in der "Koma Bar" kennengelernt. Wie Billardkugeln hatten sie sich in einem sanften Bogen aufeinanderzubewegt. Sie konnten sich gar nicht verfehlen. Maja trank Kirsch Fix und erzählte von gefallenen Engeln in der Kunst. Metin widersprach ihr hartnäckig.
"Du kannst nicht beweisen, dass es Engel nicht gibt."
"Nein, das kann ich nicht, Maja."
"Das ist ein Ding! Wie kannst du dann behaupten, dass etwas unmöglich ist, wenn du es nicht beweisen kannst?"
"Weil es ziemlich unwahrscheinlich ist."
"Wenn du sagst, etwas sei nicht richtig, dann heißt das eigentlich, es widerspricht dem, was du weißt, gleichgültig, ob das wahr oder falsch ist, was du weißt", erklärte Maja. "Irrst du dich, bleibt es dennoch richtig; tust du es nicht, hast du ganz einfach Glück gehabt."
"Vieles ist weder wahr noch falsch", wandte Metin ein.
"Zum Beispiel?"
"Zum Beispiel: Du sagst, du hast niemals aufgehört, Unsinn zu reden. Das heißt: Du redest ständig Unsinn. Oder es bedeutet: Du hast jetzt noch nicht damit angefangen."
"Unsinn ist so, so männlich", dachte Maja, "wie Rechthaberei."
Unlängst hatte auch Maja etwas für sich entdeckt, nämlich die Geduld, und sie hatte sich vorgenommen, sich diese bald patentieren zu lassen. Keine Geduld hatte dagegen Metin, der wie sein Bruder Dschengis von einem unstillbaren Appetit auf Minipizzas beherrscht wurde. Dschengis’ Tagesrekord lag bei elf Stück. Halb aus Bewunderung, halb aus Bosheit schwor Metin seitdem beim Namen des Propheten, das Gehirn seines Bruders bestehe zu neunzig Prozent aus Wasser und Mehl, in-schallah!
Schweigend stolperten Metin und Maja die Bauzäune entlang. Gelbe Plastiklampen blühten auf Spundwänden und Metallzäunen. Die Straße war ein einziges Geschwür und zu nichts anderem geschaffen, als sich nachts darin zu verlieren. Metin zeigte auf eine junge Frau, die unter einer Laterne stand. Sie hatte sich kleine schwarze Kabel in die Ohren gestopft und das Gesicht auf Null gestellt.
"Das muss einer von deinen gefallenen Engel sein", sagte Metin schnippisch, "was meinst du?"
Maja beantwortete seine Frage nicht, doch ihr Gesichtsausdruck ließ erkennen, was sie dachte, und beide gingen eine Weile schweigend weiter. Maja wollte nur auf einen Tee mitkommen.
"Das kann nicht das Ende sein", dachte Metin, der Knopfzähler, "doch es könnte auch der Anfang sein, der Anfang vom Ende."
Als Maja sich aus dem fremden Bett gähnte, schien die Sonne ins Zimmer. Irgendwo spielte ein Radio leise Musik. Majas Magen fühlte sich flau an, als hätte sie abends Federn verspeist. Sie stand auf und ließ leise das Rollo herunter, während ein Verkehrsflugzeug hoch über ihr ebenso lautlos eine Furche in die Blaupause des Universums zog. Maja vermisste einen ihrer Ohrclips. Er musste unter das Bett gefallen sein, als Metin sie küsste. Maja ging zum Kopfende und rückte das Bett von der Wand.
Ihren Schrei hörte Metin in der Küche. Er wollte aufstehen und stieß mit dem Knie gegen den Tisch. Die Teekanne schwankte wie bei einem Erdstoß und fiel um. Ihr Inhalt ergoss sich über den Fußboden. Fluchend humpelte Metin ins Schlafzimmer. Maja stand hilflos vor seinem Bett und starrte ihn an. Ihre Augen waren wie leergefegt. Metin versuchte zu lächeln. Sein Blick tauchte hinab zu der Puppe mit dem riesigen krebsroten Mund, in den er sein Ding stecken konnte, wann immer er wollte. Als er aufblickte, war Maja verschwunden, und er war sich sicher, auch der Leser würde nie wieder von ihr hören, womit er beinahe recht gehabt hätte.