6. Februar 2026

TRAVESTIE


Von Wolfgang W. Timmler


Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es in der bildenden Kunst mitunter nicht weiter als vom Auge zum Mund, wie der französische Maler Marcel Duchamp mit seinen Readymades bewiesen hat. 1966 breitete Carl Andre hundert Metallplatten auf dem Fußboden aus und gab dem zwei mal zwei Meter messenden Viereck den Titel "Horizontale Plastik". Als der amerikanische Bildhauer das Werk 1967 in Düsseldorf ausstellte, spannte Sigmar Polke ein handtuchgroßes Stück bemalter Leinwand mit Delfter Fayencen auf einen Keilrahmen und schrieb in Perlschrift unter das Raster aus Segelschiffen und Lilien: "Carl Andre in Delft". Indem der junge deutsche Maler das gedankenspröde Kunstquadrat mit einer schlichten Fliesenlegearbeit gleichsetzte, veralberte er die neue "Minimal Art", bei der es ernst und streng zuging wie auf dem Reißbrett eines Ingenieurs.

1949 griff Lucio Fontana zu Spachtel und Messer und verwandelte die Leinwand in eine Art Skulptur. Von Malerei im herkömmlichen Sinne konnte nicht mehr die Rede sein, zerstörte der italienische Maler doch die weiße Leinwandfläche durch Stiche und Schnitte, um etwas zu schaffen, das er als "Raumkonzept" bezeichnete. Zwei Künstlergenerationen später nähte Georg Herold eine aufgeschlitzte Leinwand im buchstäblichen Sinne wieder zusammen. Gleich einer christlichen Märtyrerfigur wies das Flickwerk dem Betrachter nun seine verschlossenen Wunden vor, und der Malgrund, bis dahin vom Starrkrampf der Abstraktion befallen, erschien mittels einfachstem Schneiderhandwerk durch den deutschen Maler wundersam geheilt zu sein.

"Travestie – Nachbilder in der jüngeren westdeutschen Kunst" lautet der Titel einer Ausstellung mit Werken von Rosemarie Trockel, Georg Herold, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Sigmar Polke. Gezeigt werden Bilder und Objekte aus den sechziger und neunziger, vor allem aber aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Vertreter einer neuen "Wilden Malerei" in Westdeutschland künstlerische Ausdrucksformen der klassischen Moderne aufgriffen und das Gegenständliche wieder zum Bildthema machten. Die Malerei berauschte sich aufs Neue am Leben und die Besucher von Ateliers und Galerien standen nicht länger Rorschachklecksen gegenüber, aus denen keiner klug wurde. Die Künstler liebten ihr Publikum, und wie die Filmregisseure in Hollywood setzten die Maler in Westdeutschland auf das Großformat, um die Kasse klingeln zu lassen. Weniger Minimalismus bedeutete ja nicht automatisch weniger Kapitalismus in den Schönen Künsten.

Als Enfant terrible verunsicherte Martin Kippenberger damals die Kunstszene. Er zählte zum Kreis der neuen "Jungen Wilden", aber wie sein Kollege Albert Oehlen hielt er die überschwängliche Begeisterung über die wiedergewonnene Ausdruckskraft der Malerei für reichlich naiv und fühlte sich von ihr intellektuell herausgefordert. Dem plakativ-expressiven Kolorismus der West-Berliner Malerschule konnte er nicht viel abgewinnen und die erdig-düsteren Bilderrätsel eines Anselm Kiefer reizten ihn bloß zum Spott. Mit brauner Dispersionsfarbe, in die Haferflocken gerührt waren, bemalte der Maler und Objektkünstler gemeinsam mit Albert Oehlen einen Ford Capri sowie eine Wartezimmertür, die nun einer riesigen Tafel Schokolade glich und auch in der Ausstellung zu sehen ist.

Wie Polke pflegten Herold, Kippenberger und Oehlen in ihren Arbeiten absichtsvoll einen disziplinlosen Stil mit trivialen Bildmotiven und Themen, um die Klischees und Konventionen des westdeutschen Kunstbetriebs zu entlarven und infrage zu stellen. Beim Malen wandten Kippenberger und Herold so wenig Mühe wie möglich auf. Kippenberger vergab sogar Bildaufträge an andere Maler. Die Kunst der beiden kam von Kichern, nicht von Können, wobei sie mit ironischen Bildtiteln gleichsam einen klaren und eindeutigen Schlusspunkt setzten, um ja keine andächtige Beschaulichkeit aufkommen zu lassen.

Die Banalisierung als künstlerische Strategie wandte auch Rosemarie Trockel an. Statt Farbe auf die Leinwand zu pinseln, ließ die deutsche Malerin und Bildhauerin großformatige Strickkleider und riesige Endlosstrümpfe maschinell herstellen. Mit ihren hochkunstfernen Strickarbeiten erweckte sie den Eindruck, als müsse die weibliche Kunst aus den Fesseln des Kunstgewerbes befreit werden, um zu sich selbst zu finden, doch der Eindruck täuschte. So oder so war auch bei Rosemarie Trockel alles nur ein Spiel mit Klischees und Konventionen.

Die Ausstellung setzt die Travestie als künstlerische Ausdrucksform schlicht und unaufdringlich in Szene. Keine flimmernden Bildschirme, keine brabbelnden Lautsprecher, keine neunmalklugen Spruchtafeln lenken von den Bildern und Objekten ab. Die Kuratorin der Ausstellung hat sich auf dasjenige beschränkt, was wesentlich ist. Trotzdem hätte man gerne noch das eine oder andere gesehen, etwa das Bildobjekt "Freude" von Rosemarie Trockel, das mit seinen Kachelmotiven unmittelbar auf Sigmar Polkes "Carl Andre in Delft" anspielt.