26. September 2026

DAS STEINERNE HERZ


Von Wolfgang W. Timmler


 

»Ach, wäre ich nur fähig, eine Maschine zu entwerfen, die all das hervorbringen könnte, was auch der menschliche Verstand vermag, und würde ich diese Maschine riesig vergrößern, damit ich hineingehen könnte wie in eine Mühle --- «

»Um Gottes willen, Don Quixote, sagtet Ihr, die Maschine würde so groß wie eine Mühle?«

»Um hineingehen zu können, müsste sie so groß sein, Majestät, aber warum fragt Ihr?«

»Ja, wisst Ihr denn nicht mehr, was Euch einst fern in unserer geliebten Heimat widerfahren ist auf dem Felde?«

»Auf dem Felde? Standen dort nicht Windmühlen?«

»Riesen, mein Lieber, Riesen, mit Armen zwei Meilen lang. Entsinnt Ihr Euch noch?«


Der König lachte schallend und rührte dabei so heftig mit seinen kurzen Armen in der Luft, dass ihm der Schweiß ausbrach.


»Mühlen erkennt doch jeder, der nicht selbst welche im Kopf hat, Majestät.«


Der König klatschte in die Hände.


»Bravo, Don Quixote, bravo! Ich sehe, Ihr wisst es noch. Übrigens habt Ihr mir damals dieses Königreich versprochen, wisst Ihr das auch noch?«

»Ihr seid unter einem glücklicheren Stern geboren als ich, Majestät, und während Euch das Glück noch hold ist, darbe ich an Eurer Seite.«

»Schweigt still mit Eurem närrischen Geschwätz! Sagt mir lieber, was Ihr in der Mühle wolltet.«

»In welcher Mühle, Majestät?«

»In der Mühle, die denkt und empfindet wie ein Mensch.«

»Nichts, Majestät, denn ich würde nichts darin finden.«

»Auch keinen Mühlstein?«


Der König lächelte.


»Auch keinen Mühlstein, Majestät, oder glaubt Ihr, meine Mühle besäße ein Herz aus Stein?«




Illustration: Grabstein mit Darstellung der Schlangen des Hermesstabes, vor 1997 aufgestellt auf dem inzwischen entwidmeten Kirchhof der Moabiter Heilandgemeinde am Plötzensee in Berlin ((c) 2026 Wolfgang W. Timmler, Berlin).