20. September 2026

Die allgemeine Metapher

 

Es ist sein bestes Comic-Buch. Ein Comic für Erwachsene. Für Denker. Idiosynkratisch, albern, naiv, niedlich, kindisch verspielt – oberflächlich betrachtet. Gegensätzlichkeiten, wie sie gerade der Comic zu vereinen vermag. „All the Cameras in My Room“ von Michael Deforge ist ein Kompendium von Kurzgeschichten in Hardcover-Buchform. Seine Erzählungen sind wie Versuchsfelder collagierter Problemstellungen für individuelle und gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten. So, wenn Larry Seedyseed feststellt, dass sein Samen beim Masturbieren im Wald Pflanzen augenblicklich, im wortwörtlichen Sinne, wachsen lässt. Dies, einmal publik gemacht, wird zum Politikum. Sofort laufen gesellschaftlichen Verhandlungen zwischen Umweltschützern, die sein exorbitanten Wildwuchs zur Verhinderung naturgefährdender Bauprojekte nutzen wollen, und staatlichen Moralhütern bezüglich dem Masturbieren in der Öffentlichkeit. Oder in „Non-Profit“ wird das Problem von im Straßenverkehr getöteter Katzen gelöst, indem diese dem Verkehr durch plastische Chirurgie angepasst werden. So entstehen Katzen mit Rädern, was wie als Fabel über Anpassung und Widerstand gelesen werden kann. Zwei Pole, zwischen denen Deforge viele seiner Geschichten ansiedelt. Wenn in „Organizer“ ein Undercover-Informant in einer maskiert auftretenden Aktivistengruppe, die einen Anschlag auf ein Rechenzentrum verübt, seinen persönlichen Weg sucht. Um dann als linker Graswurzel-Revoluzzer mit einer eigenen NGO Karriere zu machen, und feststellt, dass er selbst bespitzelt wurde und wird. Dabei wird nie klar, an welche „dunkle Macht“, allerdings mit Polizeikontakten, er seine Berichte geschickt hat. Oder es vervielfältigt sich, in „Long Weekend“ die Leiche eines Sohns, albtraumhaft, niedlich, eine Tierparabel – aber wofür? Während man sich bei „Bugged“, dort bluten Elektrogeräte, am Ende fragt, ob es einen genetischen Übersprung von Geräten auf Menschen gegeben hat. Solche Fragestellungen machen den Reiz der Geschichten aus. Sie sind die denkerische Arbeit an der metaphorische Entschlüsselung der surreal anmutenden Geschichten auf der Suche nach einer allgemeinen Metapher – oft eine, die wir noch nicht zu lesen vermögen. Und das ist absolut jetztzeitweltgemäß. Näher und umfassender ist wohl kein zeitgenössischer Comic an unseren Wünschen, Ängsten und Hoffnungen.


Christoph Bannat


Michael Deforge: All the Cameras in My Room

Englisch · Drawn and Quarterly, 2026
23,15 €