Die Odyssee

Ich war kritisch. Sehr kritisch sogar. Ich bin kein Fan von Christopher Nolan, auch wenn ich einzelne Filme mag. Aber „Tenet“ z.B. fand ich schrecklich, die Dialoge grauenhaft. Alles war mit einer bedeutungsschweren Musik aufgepumpt worden, die nahe beim Kitsch wohnte. Falsche Muskeln überall. Ich mochte ihn nicht.
Dann kam sein neuer Streich: „Die Odyssee“.
Und ich? War hin und weg.
Was für ein Festmahl an Farben und Tönen. Angespannt saß ich da, sah ich hier doch tatsächlich das legitime Kind von Arthouse und Mainstream. Und es war schön, war einzigartig, selbst der Soundtrack funktionierte. Ein Kunstwerk, jubilierte ich still im Kinosessel. Und stierte. Sah hin. Wollte nicht abgelenkt sein, damit kein Blick sich verlor im Dunkel, an einem Hinterkopf. Kein Bild sollte mir entkommen, keine Silbe, die gesprochen wurde.
Matt Damon als Kämpfer, dem ich jede hervortretende Ader am Arm abnahm, dessen Spiel sich mir einbrannte. Die Tricks, so gestrig und doch so modern. Die Kamera als Kamerad der Krieger. Wir sind dabei, Schulter an Schulter, wenn Odysseus seine bekannten Abenteuer zu bestehen hat. Zu durchleiden. Odysseus, der im Krieg in Troja zerbrach, der ein Held ist, kein Held, eine tragische Gestalt, die nicht weiß, ob sie nach Hause will, die vom Weg abgekommen ist.
Die Elemente spielen eine Rolle: Erde, Wind, Wasser und Feuer. Die Bilder sind von ihnen gemalt. Mal luftig, dann erdfarben, das Wasser peitscht das Schiff, die Feuer machen aus den Palästen Abbilder der Unterwelt.
Und wenn die Toten nach oben steigen, wenn sie Blut trinken, hängt man auch an ihren schlaffen Lippen.
Ich habe jede Sekunde des Films geliebt, der mich überrannt hat, so wie zuletzt „Mad Max – Fury Road“. Als hätte man mir einem Vorschlaghammer eine ganz neue Ästhetik einbläuen wollen.
Und wenn die Odyssee nach 175 Minuten endet, starrt man noch immer, man will es gar nicht fassen, dass sie schon geendet hat, diese Suche. Man selbst ist auch fündig geworden. Hier und in diesem Moment, da der Abspann sich über die Leinwand schiebt. Man hat so etwas gefunden, wie einen nahezu perfekten Film, einer für das Publikum und die Cineasten. Aufgewühlt wie die See im Film, so geht man nach Hause, während die Bilderwellen noch lange nachschwappen und man sich nach einer Zweitsichtung sehnt.
Unbedingt ansehen, so kann ich nur rufen. Unbedingt. Und das im Kino.
Guido Rohm
Die Odyssee, 2026, Regie: Christopher Nolan