Über diese Ausgabe

RISS #90 (2019/1)

Thema: FLIRT

 

»Wenn der höchste Einsatz in den Lebensspielen, eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf«, so schreibt Sigmund Freud in Zeitgemäßes über Krieg und Tod unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, »verarmt« das Leben. Es wird »schal« und »gehaltlos« – und zwar, so heißt es in einem verblüffenden Vergleich weiter, »wie ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vorneherein feststeht, daß nichts vorfallen darf, im Gegensatz zu einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets ernsten Konsequenzen eingedenk bleiben müssen«. Die »ernsten Konsequenzen«, von denen Freud an dieser Stelle bezüglich der europäischen Liebes- und »Lebensspiele« spricht, sind nicht nur der sexuelle Akt, nicht nur die etwaige Schwangerschaft in dessen Folge, nicht nur das eheliche, das heißt damals sittengemäß ewige Versprechen. Für Freud bedeuten die »Konsequenzen« auch, dass selbst noch die Ewigkeit und damit auch jeder Flirt, der mit der künftigen Möglichkeit gleich welcher anderen Verbindung kokettiert, stets vom vermeintlich, so keineswegs Letzten durchkreuzt wird: von der Gewalt des Vergehens, vom Schmerz der Trennung, von der Erfahrung des Todes und der Trauer.

Ausgehend von dieser Passage Freuds möchten wir unter dem Titel »Zeitgemäßes über Leben und Tod« den »Flirt« als eine Ökonomie von Leben und Tod, von Lebens- und Todestrieb befragen. Was heißt es, wenn in jeder spielerischen Tändelei, in jedem eifrigen Geplänkel und in jedem verlegenen Annäherungsversuch nicht nur das Interesse an einer Begegnung in der Schwebe gehalten wird, sondern auch das Unbehagen an einer wesentlichen Gewalt? Wie wäre die Grammatik der Blicke und Gesten zu beschreiben, wenn sich in ihr nicht nur das Begehren, sondern auch die Gewalt der Trennung findet? Wie müsste man das Theater der wechselnden Plätze und wie die Choreografie der Haltungen und Gebärden deuten,wenn in ihnen nicht nur die Möglichkeiten der Annäherung, sondern auch die Erfahrung einer unvermeidlichen Entfernung aufgeführt wird? Und welche Funktion kommt bei all dem jenen zu, die diese Szene bezeugen sollen, deren Ahnungslosigkeit im Spiel unbedingt gewahrt bleiben muss oder denen die Geschichte nachträglich stolz, niedergeschlagen  oder gar wie im Scherz erzählt wird, als sei es bei dem Flirt um nichts, nur um ein harmloses Spiel ohne Einsatz und Wagnis gegangen?

Wir haben für diese Ausgabe des RISS eine Reihe von Autor*innen eingeladen, sich eingehender mit der oben zitierten Textpassage aus Freuds Zeitgemäßes über Krieg und Tod auseinanderzusetzen. Diese Stimmen bilden den Kern der Ausgabe, um den herum sich weitere Essays gruppieren: Johannes Ungelenks Lektüre des gesamten Freud-Essays als Dialog mit Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen sowie zwei Beiträge zu Sexualität, Übergriff und Gewalt von Insa Härtel und Barbara Sichtermann. Während Benedikt Wolf die strenge poeto-pornografische Ökonomie des in den 1920er Jahren erschienenen anonymen Gedichtbands Die braune Blume nachzeichnet, sind die Beiträge von Luce de Lire und John Hamilton auf der Suche nach einer anderen Geschlechterökonomie – im Zeichen von Permeation und Selbstverausgabung. In diesem Horizont stehen auch die künstlerischen Arbeiten von Rolando Deval, die wir in diesem Band vorstellen und die von einem Beitrag von Judith Kasper flankiert werden. Der Rezensionsteil stellt eine Reihe von thematisch relevanten neueren und zum Teil noch nicht übersetzten Veröffentlichungen vor: Jean-Luc Nancy, Michel Foucault, Eva Illouz und Geneviève Fraisse. Weitere Rezensionen liegen außerhalb der Thematik, wie auch der Abdruck des zweiten Teils von Jean Allouchs Beitrag »Von der psychotischen Übertragung«.

 

Im Zuge der #MeToo-Debatte sind auch tradierte Spiel- und Lebensformen des Flirts befragt worden. Die vorliegende Ausgabe stellt den Versuch dar, sich – psychoanalytisch versetzt – dieser Debatte über Sexualität, Übergriff, Gewalt und über die Formen ihrer Denunziation und Prävention zu nähern, die das Verhältnis der Geschlechter in unseren Gesellschaften nachhaltig erschüttert.

 

Marcus Coelen, Judith Kasper,

Johannes Kleinbeck und Aaron Lahl

 

Inhalt

Abstracts

 

Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe

 

Jean Allouch, Nicola Behrmann, Luce deLire, Rolando Deval, Anna-Lisa Dieter, Insa Härtel, Philipp Haensler, John Hamilton, Nadine Hartmann, Judith Kasper, Johannes Kleinbeck, Max Kleiner, Aaron Lahl, Julia Landmann, Geneviève Morel, Karl-Josef Pazzini, Barbara Sichtermann, Gianluca Solla, Johannes Ungelenk, Joseph Vogl, Alexander Waszynski, Benedikt Wolf, Alexandre Wullschleger

Aktuelle Ausgabe

 

RISS #90 (2019/1)

Thema:  Flirt – Zeitgemäßes über Leben und Tod 

Erscheinungsdatum: 27.03.2018

Softcover, A5, 216 Seiten; 22,- € / 24,- CHF

ISBN 978-3-86485-198-8

 

 

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