7. September 2021

Schwedische Moderne


Architect of Life and Death, der Titel wirkt dramatisch. Allerdings hat Sigurd Lewerentz, Klassiker der schwedischen Architekturgeschichte (1885-1975), mehrere Gebäudetypen realisiert, die durchaus Anlass zu diesem Amt geben würden, wie bedeutende Kirchen und vor allem Friedhofsanlagen, die durch ihre gestalterische Geschlossenheit zu den Eindrucksvollsten der jüngeren Zeit gehören.

Der umfangreiche Band, von einem Team herausgeben – Kieran Long, Johan Örn und Mikael Andersson –, zeigt nahezu lückenlos das Gesamtschaffen Lewerentz‘, basierend auf Originalplänen und historischen Fotografien. Es gibt zusätzlich eine Fotostrecke aktueller Aufnahmen, vorangestellte längere Essays zu Leben und Werk, doch das monumentale Buch ist hauptsächlich eine Reise ins Archiv. Auch Lewerentz‘ künstlerische Entwicklung wird anhand einer Skizzenhistorie und Aufnahmen seiner privaten Sammlung beleuchtet. Es zeichnet das Bild eines Architekten, dessen Gebäude entweder expressionistisch ausfallen können, dabei ein Nebeneinander aus postklassizistischen Elementen anbieten oder aber ziemlich rationalistisch geraten, wie bei den öffentlichen Gebäuden, Büros etc. Dieses scheinbar Gleichberechtigte von eigentlich schwer zu vereinenden Strömungen wirkt unideologisch und frei fließend. Die Friedhöfe von Malmö und Stockholm unterlegen dies – es geht hier um mehr als Stil.

Definitiv einzigartig sind Lewerentz‘ Behandlungen der Details von Mauerwerk und Fenstern. Letzteres oft in aberwitzigen Ausführungen, bei denen Scheiben ohne Rahmen einfach mit ein paar Metallklappen direkt vor der Öffnung befestigt sind, im Überformat, oder unvermittelt in dicke Wände gesteckt. Der rahmenlose, bauphysikalisch heikle Umgang mit dem Glas verleiht seinen ansonsten sehr schweren Gebäuden Leichtigkeit, sodass immer auch ein Kontrastobjekt entsteht. Das ist bei den Kirchen der Fall. Sie sind Beispiele für ungewöhnliche Ziegelverbünde und Formate, die sich handgefertigt präsentieren und denen Zeit nichts anhaben kann, außer sie substanziell in ihrer Haptik/ Optik zu verstärken. Für ebenjene Details lohnt sich der Band allein, auch wenn eher ein Gesamtwerk beleuchtet werden soll, dass den oftmals widersprüchlichen Gebäuden von Sigurd Lewerentz auf die Spur zu kommen versucht. Natürlich haben so die „personal favourites“ nicht immer ausreichend Platz (reicht er je?). Doch insbesondere die Skizzen und Pläne der unrealisierten Beiträge des Architekten bieten Anhaltspunkte und frische Blicke.

 

Jonis Hartmann

 

Sigurd Lewerentz: Architect of Life and Death, Park Books Zürich 2021

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