25. Juli 2020

KOMETENFIEBER

Berlin-Mitte (Wedding), Tegeler Straße, 31.05.2020: Vor dem Eingang der Kindertagesstätteeeeee "WirbelZwirbel" hängt ein Transparent mit Malarbeiten von Kindern zur Corona-Pandemie; das Detail zeigt einen gemalten Regenbogen mit einem Handabdruck.

 

Von Wolfgang W. Timmler


Als der Komet im Nordosten erschien, fragten wir uns, wem er wohl gehören würde. Bestimmt wieder den falschen Leuten, sagten wir zu uns und lachten, während wir auf dem Balkon saßen und zuschauten, wie sich der Verkehr in der Stadt zerstreute und Plätze und Straßen mit einem Male wie hinter Glas waren und der Himmel wieder den Wolken gehörte und nicht länger den Elektrodrohnen. Über den Dächern stand später die Abendsonne, eine abgewetzte Kupfermünze, um die sich schwarze Vögel balgten.

Nachts war der Komet mit bloßem Auge zu erkennen. Sein Kopf berührte fast den Horizont, und sein Schweif leuchtete wie Seide zwischen den Sternen, bis das Licht der Morgensonne alles überstrahlte.

Wie alle Kometen kam er aus der dunklen Kältekammer weit außerhalb der Planeten. Auf seinem Weg um die Sonne hatte sich sein Eiskern verflüchtigt und war mit Kometenstaub ins Weltall geströmt, der von der Schwerkraft des Himmelskörpers nicht mehr gehalten werden konnte. Als unser Planet die Bahn des Kometen kreuzte, bildete sich aus Gas und Staub eine gewaltige Wolke, die nachts wie die Sterne funkelte und nach einem heftigen Gewitter plötzlich verschwunden war.

Der Komet hatte auf einen Schlag alles verändert. Wir fragten uns, wie so etwas möglich sein könnte, und unsere Nachbarn sagten, das sei doch nur eine Frage der Zeit gewesen; viel zu lange hätten alle geglaubt, was ihnen heute gehörte, besäßen sie auch morgen noch, und keinem sei jemals in den Sinn gekommen, etwas verlieren zu können, und deshalb wüsste auch keiner, wonach er suchen sollte, hatte doch keiner von uns jemals etwas vermisst.

Wir dachten nicht so. Der Komet war keine Botschaft, sagten wir uns, dahinter verbarg sich nichts. Der Komet war ein Missgeschick, unheimlich und unerhört zugleich, aber keiner von uns hätte sich jemals träumen lassen, wir würden uns nach etwas sehnen, das keiner von uns bislang vermisst hatte.

Wir lebten jetzt wie die Antipoden in einer verkehrten Welt, mit dem Kopf nach unten und an der Zimmerdecke schwebend. Draußen schien die Sonne auf einen Regenbogen, den sich unsere Nachbarn ins Fenster gehängt hatten. Es war ein Signalzeichen, und seine Botschaft lautete: Wir geben die Hoffnung nicht auf.

Wie schön für euch, dachten wir, aber wir sprachen es nicht aus, fürchteten wir doch, wir könnten sie vielleicht kränken und als Nachbarn verlieren. Mit Schweigen hofften wir, das Unglück ungeschehen zu machen. Wir sagten uns, worüber nicht gesprochen wurde, das gab es nicht, und worüber geschwiegen wurde, das musste nicht erklärt werden. Wir wussten, eigentlich war das die Logik der Propaganda, doch Schweigen nützte uns so wenig wie die Flucht ins Haus, wenn wir schon im Haus waren und es kein anderes Haus mehr gab, wohin wir uns noch hätten flüchten können.

Der Komet war einfach durch uns hindurchgegangen und hatte uns in eine andere Dimension geschleudert. Mit einem Schlag hatten wir alle Dichte verloren und bildeten nun eine neue Gattung von Stubenfliegen. In zweieinhalb Metern Höhe befanden wir uns ständig im freien Fall. Wir sahen zu Boden, und ein Schwindel erfasste uns, wie ihn bislang nur Astronauten gekannt hatten.

Wir kamen uns so lächerlich vor, unter der Zimmerdecke zu schweben, und es stimmte ja auch, der Anblick war wirklich unerträglich lächerlich, aber so erging es nicht nur uns, - es erging unseren Nachbarn ja genauso, und indem wir alle zusammen an der Decke schwebten, nahm mit einem Male keiner mehr Notiz davon, wie sehr der Komet uns alle zusammen verändert hatte.

Anfangs hatten wir noch gehofft, alles würde wieder so sein wie vorher, wenn der Komet endlich Kurs auf die Bahn weit außerhalb der Planeten nehmen würde, aber als er aus unserem Blickfeld verschwunden und unser Zustand doch derselbe geblieben war, wurde uns mit einem Male schmerzlich gewahr, wir würden unseren Planeten niemals wiedersehen können.