Nachrichten aus dem laufenden Betrieb

7. 8. 2020

 

7. 8. 2020 (Hamburg)
Letztes Teams-Update vor dem Urlaub. Im Corona-Newsletter bemerkte das obere Management vergangene Woche, dass ja einige Leute im Haus scheu seien und die Kamera bei Konferenzen nicht anhätten. Das Argument, das zu Beginn noch gegolten habe – Überlastung der Systeme durch zu viel Daten – sei aber längst behoben, die Leute sollten doch bitte gern alle die Kamera anmachen. Bei uns hat es sich ja so eingegroovt, dass wir vor der Sitzung kurz plauschen, alle Kameras an, und dann bleiben nur die Chefs sichtbar. Bei der ersten Konferenz in dieser Woche habe ich dann meine Kamera angelassen, während die der anderen außer denen der Chefs ausgingen. Bei der zweiten Konferenz stellte ich die Frage, wie denn die Mail aus dem Management zu verstehen sei. Dann wurde erklärt, dass das als Einladung gemeint gewesen sei, dass die Leute sich ruhig zeigen sollen, zumindest die, die gerade sprechen, aber auch sonst ruhig alle – und während das so erklärt wurde, ging eine Kamera nach der anderen an. Großer Unterschied. Ich wurde lang und breit belehrt, was alles jetzt technisch möglich sei. (smo)

7. 8. 2020 (Hamburg)
Die Eltern schulpflichtiger Kinder schließen Wetten darüber ab, wann die Schule den Präsenzunterricht wieder einstellt. 50 Euro für eine Woche, 100 Euro für zwei Wochen Regelbetrieb.

Textem hat gestern Geld bekommen aus den Soforthilfetöpfen. (nor)

 

5. 8. 2020 (Berlin, Hornwachte)
Ich habe ein Auto gemietet, damit ich zu meinen Eltern fahren kann. Diesmal ohne meinen Freund. Hoffentlich geht nichts schief. Ich habe zwar noch das Bahnticket, das mittlerweile flexibel einsetzbar ist, aber meine Angst vor dem Zugfahren steigerte sich im Laufe der Woche von Tag zu Tag bis hin zu Albträumen, so dass ich am Freitag doch ein Auto gebucht habe. Ich bin dann zum ersten Mal wieder seit über 20 Jahren alleine soweit unterwegs. Freewheeling – oder wie sagt man?
Bin gerade am Packen, aber ich habe sowieso bei meinen Eltern einiges für den Fall eines Spontanbesuchs gelagert. Soll ich den alten Frankfurter Stuhl, den ich mal mitgenommen habe, wieder mit zurück nehmen? Der Hausmeister hat moniert, dass der im Treppenhaus steht. Er steht auf dem allerobersten Absatz, damit mein Freund abends seine drei Zigaretten rauchen kann. Früher saß ich da auch mal.
Zwischen dem Packen backe ich als Übersprungshandlung erstmal ein Bananenbrot, damit die Dinger weg kommen. Nach Sophie Dall. Als ich es das erste mal gemacht hatte, dachte ich noch an die französische Schauspielerin, die in «Betty Blue» mitspielt. Allerdings fiel mir später ein, dass die ja Béatrice heißt. Sophie ist Model und Autorin. Der Kuchen ist trotzdem gut. Ich mache ihn so kompliziert wie letzte Woche den Erdbeerkuchen, also erst das Ei mit Zucker schlagen, bis die Masse richtig hoch kommt und die Butter warm machen und mit Crème Fraîche – nicht im Originalrezept von Sophie, aber vom Erdbeerkuchen übernommen – vermengen, und flüssig unter die Eimasse. Ganz zum Schluß erst die Bananen drunter, nicht gleich am Anfang wie bei Sophie. Statt Nüssen gab es Kakaonibs, die wir noch von unserer Fahrradtour übrig hatten, ich war zu faul, Nüsse zu hacken. Mein Freund mochte die und den Kuchen bekommt er, damit er mich nicht vergisst, wenn ich jetzt eine Woche weg bin. Danach Yin-Yoga, so wie im März und April immer. Irgendwann hatte sich das verlaufen, vermutlich weil das Wetter zu gut wurde. Heute ist es regnerisch und wieder so eine Art Banana-Yoshimoto-Tag. Morgen fahre ich los. (…)
Ich bin gut in Hornwachte angekommen. Ich hatte ein bisschen was vom Kuchen für meine Mutter mitgenommen. Sie findet ihn zu «papperd», also klebrig. Als ich den Stuhl aus dem Kofferraum hole, sagt mein Vater: «Wir waren erst neulich bei der Deponie. Naja, stell’ ihn mal in die Scheune, da setze ich mich dann drauf und ruhe mich aus.» (pp)

5. 8. 2020 (Berlin), aufgezeichnet im Juni 2020
BEZIRKSPARLAMENT
sitzung im bezirksparlament. siebzehn uhr, die verordneten sitzen an tischen in zweimeterfünfzigabstand. tiefe decke im großen saal, holzverkleidung, das kunstlicht ist erstickend orange. wie in einem akustisch optimierten aber missglückten konzertsaal, nur wird leider keine musik gespielt. presse und technik sitzen hinten, mitarbeiter*innen an der seite. das bezirksamt thront auf der bühne, dort können wir ihm beim tippen zuschauen. in der mitte: der vorsteher! er öffnet seine dunkelrote mappe mit den drucksachen und räuspert sich.
die sitzung kann beginnen.

rede des bürgermeisters! vom bühnenplateau. er lobt und tadelt, kratzt sich an der goldrand brille.

drei mikros sind im saal aufgestellt zur benutzung. davor stellen sich die volksvertreter*innen und reden, kommen langsam in fahrt nach der langen corona-pause. es ist wieder zeit für anfragen und anträge, für schlagabtausche vor pressemannschaft, für lob der verbündeten und tadel der verfeindeten.

corona-zusatz heute: ins mikro darf nur sprechen, wer eine plastiktüte drüberstülpt. das erweitert das dramatische potenzial der redner*innen ungemein: zackiges drüberstülpen, wütendes runterreißen. krschkrschkrschkrschkrschkrsch. sabotage übt, wer die plastiktüte vergisst oder den mundschutz am platz lässt. die wutbürgerpartei hat sich unter die skeptikerfahne gemeldet, hier triumphiert sie. unablässig gibt es vorlagen für ordnungsrufe.
der vorsteher bittet nun streng um ordnungsgemäße abnahme der plastiktüte. das lärmniveau müsse im erträglichen bleiben.
krschkrschkrschkrschkrschkrschkrsch
krrrrrr
ppk!!!

die wutbürgerpartei hat aufgerüstet. bisher planlos, in tutto leicht verwirrt, knorzige rentner und bullige saufbrüder, aber jetzt haben sie einen schneidigen jungen angestellt, ganz in schwarz gekleidet, zackig. er ist jurist, heißt kann geschäftsordnungstricks und damit blockade um blockade erwirken.

[preußen lebt in diesem saal, wo die anliegen eines berliner bezirks verwaltet werden, preußen lebt nicht nur in der dunkelhölzern stickigen atmosphäre, sondern auch in den fetten dokumentenmappen, in den behäbigen reden, in die wiederholten hinweise auf verfahrensregeln und die hämische belächelung derer, die sich einen fehler erlauben.]
die stunden vergehen. die volksvertreter schlagen müde um sich mit worten die nie zu treffen scheinen. leihworte, phrasen: wir machen uns stark für, wir bedanken uns für das engagement von. und doch, alle anwesenden spüren es bis zur dünnsten faser, es wird versickern im apparat. corona hat die sachzwänge mit wucht zurückgebracht (keine einzige beteuerung vom ende des neoliberalismus kann das ändern), die kassen sind nun wieder zu. endlich! diejenigen, welche schon lange im geschäft sind, spüren fast die erleichterung nach ein paar fetteren jahren, mit denen sie nur ungläubig umgingen, wieder sagen zu dürfen (im brustton der überzeugung, mit schulterzucken, mechanisch): es gibt kein geld. es gibt keines, das ist die traurige realität, wir wollen gerne aber wir können nicht. es fühlt sich angenehm bekannt an, diese bekümmernisse wieder hinter der brille zu tragen, nach jahrzehntelangem training ist das sparen zur haltung geworden, zur ständigen abwehr der anstrengenden forderungen und der unersättlichen initiator*innen.
krschschschschschschschsch!!!!!
empörung im saal, ganz große show: wutbürger-volksvertreter beleidigt im rundumschlag, bezichtigt den stadtrat der lüge. deutschland hat besseres verdient! – deutschland hat nix verdient. spektakel der entrüstung: ordnungsrufe, ausraster. wutbürgerpartei pfeift den eigenen wildgewordenen zwergwüstling zurück, rest der parlamentarier*innen ergeht sich in spottorgie und buhrufen. saal ist unerträglich stickig. zwischenruf: „und hitler hat den krieg nicht begonnen”, dann lehnen sich alle wieder in die lethargie zurück. der bürgermeister thront mit ungerührter mine auf dem podium und spielt mit seinem ipad.
allgemeine, lustlose sitzfleischempörung.
der stadtrat!
….ichwerdenatürlichhierzum wohldesbezirkespolitik machenundschadenvom bezirkabwendenwieich dasinmeinemamtseid geschworenhabe
es geht weiter.
abwehren diverser initiativen. rhetorisch geht das so: übereinstimmung der absichten ausdrücken und nachsichtige sympathie. man lobt und man dankt, um dann einige bedenken auszusprechen, einige wenns und abers, bis der ursprüngliche impuls sich abgenutzt hat, ins schrille übergehen muss (nun! nun! wir sollten uns im vernünftigen tonfall miteinander unterhalten! wer schreit hat nicht recht!), zaghaft wird oder verächtlich, aber immer noch lebendiger als die massige hoffnungslosigkeit die ihm entgegentritt, die nur schritt für schritt in unendlicher überanstrengung der lebenskraft der vielen überwunden werden kann. amtstragen als beschwichtigungsfunktion, die dann rüstig kleinigkeiten verkündet: gemeinsam blumen gießen im kiez! sauberkeit für den bezirk, ihr dürft alle mitputzen! statt radwege bauen, gegen raser wettern. moral ersetzt tätigkeit, mir müssen uns nur alle benehmen dann wird alles besser. diese schreckliche vermüllung! das können wir nicht tolerieren. danke an die polizei, danke an unser ordnungsamt, danke an die ehrenamtlichen, dankedankedankedanke.
einige treibt es nach draußen an die frische luft, ein kaffee beim bäcker gegenüber, lange klopause. reden in den ecken. die mundschutzdisziplin lockert sich, nicht nur bei den wutbürgern.
beschlussempfehlungen.
bunte befehle die immer wieder an den kopfrand stoßen, zwanghafte, mehrfach ausgegeben, in alle richtungen, verarbeitung der erschlagenden nebenerwägungen, eindrücke prasseln in niederschmetternder langsamkeit herab, dicke, luftdichte, grau durchtränkt, kunstlichtwarm, die luft wird uns nach und nach entzogen.
die steuergelder!
werden heraufbeschworen, benannt, vermisst. kostet das welche? lässt man sie im park liegen?
die steuergelder!?
sie zersetzen sich langsam, zerfräst vom zerstörungswillen des nichtstuns. wir sitzen in dessen ausdünstungen, hitzewelle um hitzewelle, kein licht der außenwelt dringt in den saal.
dütdütdütdütdütdüt. „schuldijung, irgendjemand tippt da auf seinem handy und das piept dann bei jedem drücken.” sorry mama, bin grad in der bvv.
twittermeldung: "es beruhigt, dass der bezirk hier seine hausaufgaben macht und seine möglichkeiten nutzt um zu entlasten. dennoch: die maßnahme muss kommen! nur mit ihr wir können wir einem kollaps vorbeugen. dafür setzen wir uns weiter ein”
zweiundzwanzig uhr dreißig, offizielles ende der sitzung. ein letzter soze fühlt sich zu einer rede berufen, aber kriegt die kurve nicht. es hört nicht wieder auf. sein weißer schnauzer kommt gefährlich nah an die plastiktüte. ihn stört das null.
„darüber werden sie sicherlich die gelegenheit haben, mit dem bürgermeister im anschluss an die sitzung ausführlicher zu reden.“
wir strömen hinaus in die nacht, verstreuen uns über den weiten platz am stadtrand in die behausungen des bezirks. (js)

3. 8. 2020 (London)
Well work wise I’m working on launching a treatment for COVID-19 in Europe once its been approved and it’s been kind of crazy but in a really interesting way. I feel very calm about covid, I don’t know if it’s because the clients seem very calm about covid who knows. I’m also volunteering on the covid vaccine clinical trial, so I’ve been injected with the vaccine imperial college are working on and I am getting a weekly covid test as part of that. But I’m not put in a situation where they have it about and I breathe it in. This trial is just testing the safety of the drug. (sfr)

3. 8. 2020 (Hamburg)
Wenn die SPD-Tante Saskia Esken die SPD als verbal aggressive Hygiene-Partei profilieren will („Covidioten“), könnte man sich beruhigt zurücklehnen, weil auch daraus sicher nichts wird. Doch die Episode zeigt, wie sehr die Politik mit dem Rücken zur Wand steht und welch immer ungutere Dynamik in dem ganzen Corona-Desaster steckt. Ein Leben unter Corona-Hygiene-Standards ist auf Dauer nicht durchsetzbar, das ist das bisher aus der Diskussion noch herausgehaltene Dilemma. Geschäft und Kultur laufen nicht nur digital, Masken und Abstandhalten werden nie zur Normalität, Kinder müssen in die Kita und zur Schule, Männer ins Bordell. Es steckt Zwangsläufigkeit drin, wenn der Ton in der Politik jetzt schriller wird und militant nur noch eine „Vernunft“ (die von Statistik und Hygiene) gelten lassen will – denn außer Repression hat sie nichts in der Hand, solange kein Impfstoff in Sicht ist. Obwohl sich Deutschland sonst gerne als innovativ anpreist, wird das Thema Impfstoff von der Politik kaum in den Blick genommen – vielleicht aus dem hehren Motiv, dass man nicht zu viel versprechen will, weil sich eine anhaltende Impfung längst als Kinderglaube herausgestellt hat.
Bernard-Henry Lévi hat letzte Woche kritisiert, dass die Pandemie „ideologisiert“ werde. Ich denke ganz im Gegenteil, ohne Ideologie wird es nicht gehen, okay, man spricht heute eher von „Paradigmen“ und ihrem Wechsel. Ein solcher könnte darin bestehen, wenn der (unser) Staat davon abrückt, die Verlängerung des Lebens als dominanten Gestaltungsrahmen zu setzen. Irgendein scheußlicher Faschist in Lateinamerika hat gesagt, „jeder einzelne“ müsse Corona „konfrontieren“ – wenn er damit gemeint hat, jeder einzelne müsse das Risiko annehmen, auf dieser Welt mit Bakterien, Viren und anderem unberechenbaren Kleinzeug zusammenzuleben, hätte er nicht unrecht. Nicht die immer weitere und ohnehin längst fragwürdige Lebensverlängerung wäre dann das Ziel, sondern ein Leben in größtmöglicher Freiheit und Selbstbestimmung, sei es auch von kürzerer Dauer. Okay. Hier kommen wir in schwere See, in eine Diskussion, für die uns irgendwie die Instrumente fehlen (vielleicht sollten wir die entwickeln?). Und ich muss zugeben, ich bin 65 und möchte auch nicht morgen den Löffel abgeben. Mit oder ohne Ideologie. (mh)

2. 8. 2020 (Berlin)
Stadt, Land, Verbrechen
Ich lasse jetzt alles an meiner Wohnung reparieren, was sich so aufgestaut hat. Die explodierte Steckdose ist neu gemacht, der Gasherd wurde ausgetauscht und um die feuchte Wand hat sich der Maler gekümmert, soweit es ging. Heute war der Hausmeister da und hat die Spüle begutachtet. Fazit: Schaut nicht so aus, als wäre die von ihnen, sondern vom Vormieter und wird also vermutlich nicht neu gemacht. Dafür aber: Maskenpremiere! Er hatte eine Einwegmaske auf, als erster und einziger von den Handwerkern. Ich hatte immer meine FFP2-Maske auf, als sie da waren, und alle Fenster aufgemacht.
Heute gerippte DVDs und CDs in die Bib zurückgebracht. Einen Stapel Eric Rohmer und Faserland als Hörbuch, ist ja jetzt 25 Jahre alt und lässt sich gut nebenbei hören. In der Bib ist nur eine Person pro Toilette zugelassen, die am Ende eines schmalen Gangs liegt. Letztes Mal musste ich in der Schlange vor der Tür zum Gang warten, es passte auch jemand auf. Natürlich wollte hinter mir doch gleich jemand rein, ich schreie ihn vom Pissoir aus an: «Nur eine Person!» Er: «Er hat mich aber durchgelassen.» Ich: «Hat er ganz bestimmt nicht.» Der Typ geht raus. Gleich danach kommt der nächste, ich schreie ihn wieder an, aber er ist einer von den Leugnern und lässt sich nicht aufhalten. Ich bin eh fertig, gehe, gleich hinter der Tür wartet noch der erste und am Ende des Flurs zum Klo der Aufpasser, der auch sein Köpfchen durch die Tür steckt. Ich schreie ihn an, warum er überhaupt da steht, wenn er nicht aufpasst. Danach schreie ich die Frau im Eingangsbereich an, ich schreie einfach mal nur. Alles unter meiner FFP2-Maske, da schreit es sich besonders gut und jeder kann so tun, als verstünde er mich nicht, weil ich ja eine Maske aufhabe. Dabei verstehen sie mich sehr gut, wenn sie wollen, auch in der Bib.
Nur die Frau im Eingangsbereich hat mich diese Woche wieder nicht verstehen wollen, dabei hab ich gar nicht geschrien, als ich wissen wollte, ob die unter Bestseller einsortierte neueste Nietzsche-Biografie was kostet oder nicht. «Bestseller» sind im Eingangsbereich prominent aufgestellt, haben früher mal 2 Euro pro Ausleihe gekostet, weil brandneu und begehrt, und waren auf 2 Wochen Ausleihe begrenzt, soweit ich mich erinnere, ist aber jetzt offensichtlich nicht mehr so.
Im Schwimmbad an den Schließfächern für Wertsachen warten alle brav, bis die Vorgängerin fertig ist, nur als ich dran bin und mein Geld für die große Portion Pommes abzähle, kommt eine Trulla an, die unbedingt das Schließfach unter mir will und nicht auf mich wartet, und als ich sage «Abstand!» – die Maske hab ich einfach mal nicht aufgesetzt, so wie die anderen auch im Schwimmbad, man ist draußen und einigt sich eben auf Abstand, wenn man nicht mit den Angestellten zu tun hat oder pissen geht, dann natürlich mit Maske – faucht sie schnippisch: «Zählen Sie doch ihr Geld noch ein bisschen weiter!»
Mehrmals diese Woche hatte ich nach dem Aufstehen den Wunsch, mich einfach krank zu melden. Seit letztem Sonntag gibt es für mich fast nur noch Meldungen zur Krankheit zu bearbeiten. Donnerstagabend dann: «Wie verändert uns die Angst vor der Krankheit?» Ich lasse das eiskalt einfach liegen, dabei habe ich gar nicht so viel anderes zu tun. Am Freitag wühle ich die Nummer von der Psychologin raus, die uns die Arbeitgeberin zahlt und die sich auf Journalismus und Trauma spezialisiert hat. (pp)

31. 7. 2020 (München-Allach)
Mit K. seit Jahren mal wieder am See gewesen. Ein kleiner Baggersee, der früher fernab jeder Infrastruktur zwischen den Feldern lag, nur mit dem Fahrrad zu erreichen, über zugewachsene Feldwege, die letzten Meter quer über den Acker. Es gab im Münchener Nordwesten durchaus besser erschlossene Badegewässer: einen See mit Parkplatz, Kiosk und Badeinsel und für die ganz Braven auch noch ein Freibad direkt im Ort. Aber dieser See war cooler, durch seine exklusive Lage, weil man dort nackt baden konnte und wegen dem Seil, an dem man sich vom Baum am Steilufer ins Wasser schwingen konnte. Im Sommer war da jeden Abend Party, in kleinen Gruppen, mit oder ohne Lagerfeuer. Dank der Abgeschiedenheit blieb es aber immer beschaulich, es gab nie Stress (außer durch die Bremsen) und auch kein Müllproblem. Es wäre auch kaum möglich gewesen, Bierkästen, Grills oder Lautsprecher herbeizuschaffen, übliche Mitbringsel waren eher eine Flasche Wein oder mal ein Krümel Haschisch.
Parallel zum alternativ-liberalen Publikum gehörte der See vor alllem vormittags auch den Anhängern der Freikörperkultur. Leute, meist über 60, die ihre gegerbte Haut unbarmherzig der Strahlung aussetzten und ansonsten versuchten, es sich so spießig wie möglich einzurichten. Eine andere Welt, mit der es kaum Berührungspunkte gab. Nur wenn man am See übernachtete, konnte es passieren, dass man morgens um Sechs geweckt und als "Zigeunerpack" beschimpft wurde, das "ins KZ" gehöre. Nackte Nazis in der Morgensonne, auch das war hier möglich.
Inzwischen ist der See Teil eines Naherholungsgebiets um einen neuen, größeren Baggersee herum, den wir heute besuchen. Eine weitläufige Parklandschaft mit Autobahnanbindung, Biergarten und Wasserwacht, wo alles beschildert ist und ein Wachdienst darauf achtet, dass wirklich nur im Grillbereich gegrillt wird. Sehr angenehm, vor allem für Familien. Die Kinder haben ihren Spaß, aber zum Schluss wollen wir doch noch mal beim alten See vorbeischauen. Auf dem Weg dahin ein Schild: Ab hier FKK-Bereich! Auf den ersten Blick sieht alles aus wie damals: ein türkis-blaues Juwel zwischen den Bäumen, wir werden ganz sentimental, ziehen uns aus und rennen jubelnd ins Wasser. Den Baum, an dem das Seil hing, gibt es noch, auch das natürliche Sprungbrett aus Wurzeln ist noch da. Nur ist das Seil weg, der Ast wurde abgesägt und der Baum ist von Gestrüpp und einem zwei Meter hohen Zaun umgeben, mit gleich mehreren Schildern: Biotopbereich! Betreten verboten! Steilufer! Lebensgefahr! So ist es überall am See, sauber gemähter Rasen wechselt sich ab mit eingezäunten, blickdichten "Biotopen", die am Nordufer ein richtiges Labyrinth bilden, eine frivole Nackedei-Spielwiese mit verwinkelten Separees. Die Kinder (10 und 12) bleiben angezogen, sie finden’s voll peinlich hier; auch T. bleibt lieber an Land, nur K. und ich schwimmen eine Runde. Der See ist gut besucht, dennoch sind wir die Einzigen, die Geräusche machen, ansonsten herrscht auffällig unauffällige Stille, noch verstärkt durch das Rauschen der neuen Autobahn hinter der Lärmschutzwand. Schnell machen wir uns wieder auf den Weg. Hier ist alles FKK, hier gibt es nichts zu sehen. (ow)

30. 7. 2020 (Grömitz)
wir treffen zufällig l. im hafen, ein beleibter gitarrenlehrer mit düsterspitz gefeilten nägeln und graumelierten locken. er ist straßenmusiker und spielt jetzt nur noch bach, was auf der reeperbahn weniger einbringt als vor der elbphilharmonie, er übt gerade wild campen (ohne gitarre), seine isomatte ist sehr dünn und die nacht wird empfindlich kalt. wir sitzen gemeinsam am strand. leo redet wie ein wasserfall und wir lachen, er schildert symptome seines aufmerksamkeitsdefizitsyndroms, also von seinen vielen Projekten die nie fertig werden: von einer bar auf dem dach des seit jahrzehnten abgerissenen kühlhauses in altona (der hauptmieter, der dort eigentlich wohnen wollte, hatte gerade eine vegetarische phase, weshalb er nicht auf hunderten kubikmetern kühlfleisch leben konnte). die bar betrieb l., bis er ärger mit der feuerwehr bekam, das lokal hieß eisengeist; von einer gitarrentasche mit gepäckfach, für den reisenden straßenmusiker, die er in asien produzieren lassen wollte, der therapeut, mit dem er gemeinsam das projekt besprach, verstand das problem nicht, als leo bereits bei der dritten sitzung mit dem prototypen einer ganz neuen idee auftauchte – in dem fall waren es sternzeichenkissen – l. verstand aber in dem moment, dass die sache mit der tasche nichts wird, genauso wie die kissen, die bar oder ein x-beliebiges anderes projekt – sie fesseln ihn nicht lange genug, um sie zum erfolg zu machen und dann endlich sehr reich zu werden. er konzentriert sich jetzt ganz auf bach, er ist davon überzeugt, dass das so herausfordernd ist, dass er aufgrund der komplexität nie den fokus verlieren kann, das reich werden fällt dabei allerdings weg.
wenn er sich die finger bricht, dann wechselt er aber vielleicht doch noch ins coachingfach, denn nach den gitarrenstunden redet er oft noch stundenlang mit den müttern der schüler*innen, die schon von alleine fragen, was er für seine zuhöre- und ratgebertätigkeit bekommen müsste, sie räumen bereitwillig ein, dass sie dafür regulär und regelmäßig 90 euro zahlen.
l. trägt ein komplett verdengeltes plexiglas-gesichtsschild, es ist so verknickt und milchig verkratzt, dass man ihn dahinter kaum erkennen kann. (nor)

28. 7. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Warten auf die zweite Welle. 
Homeoffice: Seit das Zuhausearbeiten nicht mehr mit Kurzarbeit verbunden ist, verbringt man gewissermaßen den ganzen Tag in seiner Wohnung, ohne zu wohnen, um Harry Rowohlt zu zitieren*, aber sehr wohl mit Benutzung der gesamten Infrastruktur, um es im BWL-Jargon zu sagen. Kurz: Die Wohnung ist schneller unaufgeräumt als früher, als wir den ganzen Tag in einem vom Gebäudemanagement professionell umsorgten Büro verbrachten. Zeit, sauber zu machen, haben wir aber auch nicht. Die muss logischerweise dem Arbeitgeber in Rechnung gestellt werden, überlege ich, und mache etwas früher Schluss.
Es stellt sich Gewöhnung ein, aber: Kann man wirklich sagen, dass sich die Covidroutine draußen „normal“ anfühlt? Etwas fehlt. Ja nicht gerade Partys, aber rauszugehen, ins Schwimmbad, ins Café, ins Museum, ohne darüber nachzudenken, dass man raus- und irgendwo wieder reingeht. Ans Meer fahren, ohne das Gesamt-Corona-Regelwerk der schleswig-holsteinischen Küstenregionen zu studieren. Wissen, wie es weitergeht, Zukunft! Es fehlt Zukunft. Mehr und mehr vergangenes Leben drängt sich in den Bewusstseinsstrom, als wollte es sich schon mal für ein Fazit bereithalten. Erstaunlich, was ich alles noch nicht erlebt habe. Während einer durchschnittlichen Bürowoche denke ich darüber nicht nach. Die eigene Lebenszeit ist schließlich kein Privatvergnügen. Was sich in der nunmehr ausschließlich privaten Umgebung allerdings noch nicht bis in alle Synapsen rumgesprochen hat.
Freitagabends bewirbt sich der Winterhuder Mühlenkamp um den Titel Schampus-Schanze. Die Polizei ist offenbar auf Bereiche der Stadt mit mehr Cornern und weniger Cabrio-Cruising konzentriert. Es ist auch nicht zu befürchten, dass es zu Ausschreitungen kommen wird unter den sportlich angebräunten Bootsschuh- und Button-down-Kragen-Patriziern, die dicht gedrängt die Straßenlokale bevölkern.
Ein Schwimmbadbesuch scheint komfortabler als sonst: Das Zeitfenster umfasst ganze vier Stunden, und ich habe schon beim Aufbruch von zu Hause die Gewissheit, dass es nicht total überfüllt sein wird; online bezahlt und genehmigt.
Wie in einer Art Gated Community bewegt man sich jetzt bei solchen Aktivitäten. Mit Migranten in Schwimmbädern kann die Boulevardpresse kein Thema mehr aufmachen. Die Pandemie eliminiert alle anderen Großthemen bis zum Klimawandel.
Auf dem Weg ins Bad radle ich hinter einem nicht mehr ganz jungen Mann mit Kopfhören, der hin und wieder nach rechts ausspuckt. Als ich ihn überholen kann, sage ich intuitiv auf Englisch, er solle das vielleicht lassen, wenn jemand hinter ihm fährt – dieses Corona halt und überhaupt. Er versteht mich nicht, hebt eine Seite seiner Phones an – aber da bin ich schon vorbei, und natürlich spricht er astreines Hochdeutsch.
Bettlektüre: Harry Rowohlts Kolumnen, die in den 1990er Jahren in der „Zeit“ erschienen sind, wären nicht mehr druckbar, ganz sicher. Absurdität der Woche: Briten verhängen Quarantänepflicht für Spanienrückkehrer, weil in Spanien die Infektionszahlen stark angestiegen sind, weil Briten und andere da jetzt wieder Urlaub machen. In Spanien droht der Lockdown der zweiten Welle. „Endlich wieder daheim. Ich war in Paris, Braunschweig und Bremen, und jetzt will ich wieder ein bisschen wohnen.“ (rs)

26. 7. 2020 (Berlin)
Junge Menschen
Heute regnete es. Wir standen nebeneinander in der Balkontür, betrachteten den Regen. Ich fühlte mich wie in einem Banana-Yoshimoto-Buch. Prompt ging auf der Straße jemand mit einem transparenten Schirm, der besonders kuppelförmig war, in einen Hauseingang und ich sagte zu meinem Freund: «Wie in Tokio!» ?Da es regnete, wurde die Geburtstagsfeier vom Atelierhof in die Wohnung verlegt. Ich dachte mir zuerst noch, dass ich mich ja dort einfach auf den Balkon setzen könnte. Mein Freund erklärte mir aber, dass das bestimmt nicht von Dauer sein würde, weil ja ganz viele Leute genau dort rauchen wollen und ich auch mal was vom Kuchen essen müsste. Da hatte er wohl recht. Außerdem konnte ich bei dem Regen unmöglich mit dem Fahrrad fahren. Und wegen einer Geburtstagsfeier in die S-Bahn steigen? Ich habe abgesagt, ihm das Geschenk – ein Fotobuch von Martin Parr – mitgegeben und bin in einer Regenpause schnell nach Hause geradelt.
Schon seit ein paar Tagen lagen bei mir alte Bildchen rum, die ich aus dem Keller geholt hatte und die ich für eine Benefiz-Auktion im Herbst noch mal umarbeiten und anbieten wollte. Ich hatte eine Tasche mit kleinen quadratischen Flächen in verschiedenen Grau- und Brauntönen gefunden – und überhaupt keine Ahnung mehr, warum und wozu ich die gemacht hatte. Dazu noch größere Bildchen mit Farbverläufen. Ich hatte beides zu zwei größeren Bildern kombiniert. Mein Freund fand beide hässlich. Er hatte zwar recht, aber ich behauptete einfach, es sei avantgardistisch. Und er hatte auch damit recht, dass sich das niemand übers Sofa oder in seine Praxis hängen würde. 
Dieses Material habe ich also wieder weggepackt und aus anderen Kellerfunden zwei quadratische Bilder zusammengestellt: ein großes dunkles mit knalligen Farben und Verläufen mit viel Schwarz und ein kleines helles mit Verläufen in Ocker und Braun und ein paar Farbtupfern. Diese Flächen hatte ich mit grauen Abschnitten versetzt. Das große erinnerte mich farblich an seine letzten Arbeiten, die mir sehr gut gefielen. Ich wollte es eigentlich deswegen selber behalten. Aber er schrie mich an, dass ich ja wohl unmöglich sei, wenn ich das einzige verkaufsfähige behalten wollte, denn das kleine helle würde garantiert niemand nehmen und überhaupt hätte alles eh jahrelang nur im Keller rumgelegen. Ich habe heute Nachmittag einfach beide angemeldet: Das große habe ich mit seinen Initialen betitelt und 600 Euro Marktwert angegeben, das kleinere mit meinen und für die Hälfte. Think big!
Hatte danach doch Lust, noch mal rauszugehen, und bei der Party angerufen, um zu hören, ob vielleicht nichts los ist, aber es waren doch etliche Leute da und ich bin nicht mehr gefahren. Das Geburtstagskind packt die Geschenke erst aus, wenn die Leute weg sind – ebenfalls ganz japanisch. (pp)

24. 7. 2020 (Hamburg-Altona)
Es gibt also den Unterschied zwischen Mobile Office und Homeoffice und allerhand Spekulationen dazu. Bei Nachfragen erfahren wir nicht so recht was, aber die Führungsebene spricht ganz unauffällig ausschließlich von Mobile Office. Heißt, der Arbeitgeber übernimmt keine Verantwortung für den Arbeitsplatz. Nun also Ideen, das Prinzip auszudehnen, um so Büroflächen einsparen zu können. Mit meinem Plan, mal wieder Angelo in Paris zu hüten (Langhaarkater) und von dort aus zu arbeiten, klapperte ich einige Stellen ab. IT: no problem, ist ja nicht China. Betriebsrat: Müsste gehen, solange du im Fall eines Hardware-Problems schnell zurück sein kannst. Also den Vorgesetzten das erzählt, und wie nicht anders zu erwarten, abgelehnt, mit Hinweisen aus der Verwaltung. Versicherungsfragen. Falls ich vom Stuhl falle. Wenn ich dort im Treppenhaus stürze. Oder vom Auto überfahren werde. Oder. Keine Sozialversicherung, wenn das genau bei der Arbeit passiert. Für mich Riesenproblem, aber für den Arbeitgeber mindestens so groß. Also wurde mein „Antrag“ (so hieß es dann) abgelehnt. Auf meine Frage, was denn im Moment so abgesichert sei, wenn ich hier im Mobile Office bin: Das kann man nicht sagen! Die Task Force hat ja eben erst angefangen, sich damit zu beschäftigen. Ach so.
Teams-Update: Inzwischen schalten sich etwa fünf Minuten vor der Konferenz die Ersten ein, Kamera an, quatschen. Alle schauen auf die Zeile unten, und wenn der Button des Chefs aufscheint (ohne Foto, nur Initialen), erlahmt zunächst der Schwung, und sobald er was sagt, gehen nacheinander die Kameras aus, schwupp, schwupp, schwupp. Gestern hatte er wohl selbst kurz seine Kamera aktiviert, beim Kaffeechat hieß es: „Habt ihr ihn gesehen?“ „Nein!!“ „Er war ein paar Sekunden sichtbar!“ „Was, echt!?“ Phantome aus einer anderen Welt. Einige gehen jetzt wieder ab und zu ins Bürogebäude, unterschiedliche Gründe: langsames WLAN daheim, Beziehung, Decke auf dem Kopf. Chat im kleinen Kreis weiterhin gut, besserer Kontakt als in 3-D. Als wäre ein neuer Raum entstanden, in dem anders kommuniziert wird. Da jeder bei sich zu Hause sitzt, fühlt es sich selbstbestimmter an, zugleich zielgerichtet, denn die Treffen werden vereinbart. Die Gespräche sind tiefer geworden, verbindlicher, die Textchats, die noch dazukommen, bieten in der Verkürzung einer neuen Humorebene Platz. (smo)

22. 7. 2020 (Hamburg)
Den Kometen konnte man nur mit dem Fernglas sehen. Rechts unterhalb des Großen Wagens. Unheilschwanger hängt er fahl und bleich über den Dächern der Simon-von-Utrecht-Straße und sieht genauso aus wie auf den Pressefotos. Es ist aber schon eher ein kleiner Komet. Mit bloßem Auge ist da nur Dunst. Unten im Hof feiern arglos die Nachbarn einen der wenigen warmen Sommerabende, eine Aktivität, die gerade zunehmend in Verruf gerät. "Solche Idioten!" Dabei scheint es aber nicht nur um die Infektionsgefahr zu gehen, sondern schon auch so ganz allgemein.

Das letzte 2020-Meme, das ich sah, war ein "geleakter" Kalender mit allen großen 2020-Ereignissen. Demnach kommt es im August zu einer Eruption im Yellowstone-Nationalpark, und es folgt dann noch die Ankunft von Aliens, danach die zweite Epedemiewelle und schließlich macht ein gewaltiger Asteroideneinschlag dem Ganzen ein Ende. (sb)

21. 7. 2020 (Berlin / Nil)
Der Nil läuft über, das Wasser wird knapp. Knapp drei Wochen war das Internet in Äthiopien von der Regierung blockiert. Ein Sänger wurde ermordet, noch gibt es keine Aussagen zum Motiv oder den Tätern. Politisch, persönlich, inneräthiopisch, von Außen? Nichts steht fest. Trotzdem sind 250 Menschen tot, 4000 in Haft und das Land im Aufruhr. Ob der Premierminister mit dem Friedensnobelpreis das einfangen kann und will ist offen. Klar ist, dass nicht nur Äthiopien brennt, sondern auch der Nil am überlaufen ist. Hier streiten sich Ägypten und Äthiopien darüber, wer das Recht auf das Wasser, die Durchlaufgeschwindigkeit und Menge des Nils hat. Vor dem Hintergrund klimabedingter Wasserverknappung ist das weitaus mehr als ein Streit darum, wer das Sagen in der Region hat. Wenn beide Seiten ihre Bevölkerung mobilisieren und den Nil, oder den Staudamm zum nationalen Projekt zu machen, wird das Wasser zur Waffe.
Ansonsten super Wochenende, Hannah Arendt im Deutschen Historischen Museum und Klaus Theweleit mit Pocahontas und Arno Schmidt. Bei Arendt sind mir ‚Schlächterhund, Urwald, Feuerzange’ als Beschreibung von Deutschland im Gedächtnis geblieben. Auch, dass sie sich bei Ralph Ellison wegen ihrer Little Rock Aussage entschuldigt hat. ‚I now see that I simply didn’t understand the complexities in the situation.’ Nachhaltig verstört, wie Arendt in ihrer Imperialismus Abhandlung die Erfahrung der Entmenschlichung der Juden nicht übertragen konnte, sondern selbst bei ihrer Beschreibung Schwarzer Menschen nicht von Menschen, sondern von Geisterwesen spricht.
Dabei erfüllt Arendt, was Frank Wilderson in Afropessimism Jahre später definiert: „If, as Afropessimism argues, Blacks are not Human subjects, but are instead structurally inert props, implements for the pleasures, then this also means that, at a higher level of abstraction, the claims of universal humanity (…) are hobbled by a meta-aporia: a contradiction that manifests whenever one looks seriously at the structure of Blacks suffering in comparison to the presumed universal structure of all sentient beings.”
So viel leichter und unbelasteter doch dagegen die Vertreter der Tätergruppe, wie sie ihr Anrecht auf Anerkennung der vollumfänglichen Menschlichkeit durch die Nutzbarmachung nicht-weißer, nicht-männlicher Körper einfordern. Seelandschaft mit Pocahontas. Arno Schmidt. Auch wenn Klaus Theweleit gewohnt toll hektokotylisiert. (aw)

19. 7. 2020 (Hamburg)
Ignoranz I zeigt sich in dem Verständnis der Corona-Warn-App, nicht nur Senioren mit Motorola-Klapphandys glauben, die App, hätten sie diese denn installiert (nicht wissend, dass das nicht geht), würde piepsend anspringen, wenn sich eine infizierte Person in ihrer Nähe befindet.

Ignoranz II (eher eine Gier nach Eskalation) zeigt sich auf der Reeperbahn nachts um halb eins, in viehischem Gedränge und nass-feuchtem Gebrüll und Gesang – der Bewegungsdrang, der derzeit nicht auf Tanzflächen ausagiert werden kann, bricht sich hier, nun ohne Musik, als Rempelei und Prügelangebot bahn. (nor)

14. 7. 2020 (Südwestfalen)
Dass wir uns in diesem Jahr nichts Besonderes für den Urlaub vornehmen konnten, kam uns ganz gelegen. Unsere vor einigen Wochen in die sommerliche Zukunft projizierten Vorstellungen stimmen allerdings in keiner Weise mit der Gegenwart überein.

Es gibt Schlimmeres. Staffel eins von „Dark“ wiederholen – vor zwei Jahren geschaut –, weil das aufgrund des komplexen Geschehens in Staffel zwei und drei nötig zu sein scheint. Dark ist eine philosophische Netflix-Serie, die anhand des Zeitreise-Paradoxons die grundsätzliche Frage stellt, ob Menschen ihrem Schicksal entkommen können. Lässt sich eine drohende Katastrophe durch Zeitreisen abwenden? Können die Menschen den Knoten der Ereignisse durchschlagen? Was war der Ursprung der fatalen Entwicklung?
Alles allgegenwärtige, drängende Fragen. Die Protagonisten erhalten eine Reihe von Aufgaben und Einflüsterungen von scheinbar allwissenden Figuren, bei denen es sich in Wirklichkeit um ihr eigenes künftiges Ich handelt. Doch die Handlungsanweisungen sind meist schwer interpretierbar. In den Lauf der Dinge einzugreifen – überhaupt jeder persönliche Wille – erscheint als die allerschlechteste von allen gängigen Optionen.

Claudia: Was ist hier passiert? – Jonas: Das ist die Zeit. Wir verbinden Vergangenheit und Zukunft (Staffel 2, Folge 9).

Wir machen Ausflüge. Nach fast elf Jahren habe ich so meine Mutter wiedergesehen, ihr und meinem Stiefvater S. vorgestellt. Corona-Kuriositäten: Wir stehen vor der Tür des L-Bungalows in Mönchengladbach, unangemeldet, weil kurzentschlossen, auf andere Art wäre es dazu vielleicht nie gekommen, und vorsichtshalber sind wir maskenbewehrt, die alten Leutchen verhalten sich in dieser Zeit vorsichtig, wie ich weiß.
Auf das Klingeln hin erscheint mein Stiefvater F. im Türrahmen, ich sage: „Hallo, ich wollte euch S. mal vorstellen“ – aber er kann mich natürlich nicht erkennen und fragt freundlich überrascht: „Wohnen Sie hier?“, und S. raunt mir von der Seite zu: „Nimm doch mal die Maske ab“, und dann begreift F. die Situation und nimmt mich einfach in den Arm. Drinnen meine Mutter. Er ruft hinein: Du ahnst nicht, wer das ist, und schickt eine unterschwellige Warnung mit, jetzt bitte die Nerven nicht zu verlieren, und auch sie wirft für einen Augenblick die eingeübte Corona-Etikette über Bord und streckt S. ihre Hand neugierig entgegen.

Ich bin gereist. Von meiner Welt in deine. Wir sitzen auf der Ledercouch, umgeben von Dingen, die Ortswechsel mitgemacht haben und die ich zum Teil seit meiner Jugend kenne. So aufgeräumt, so spurlos wäre es bei mir nicht, käme unangemeldet Besuch. So sachlich-modern wie bei diesen um die 80-Jährigen ebenso wenig, so geradezu antitraditionell; es war ihnen ein antifaschistisches Bedürfnis. Dass Adornos Satz vom richtigen Leben im falschen sich auf das Wohnen bezieht, leuchtet hier spontan ein, aber man ahnt nach einer Weile, und die habe ich in solchem Ambiente früher verbracht, dass es auch ein falsches Leben im richtigen geben könnte.

Ich komme aus einer Parallelwelt. Bei uns bilden sich alle familiären Rollenklischees spiegelverkehrt ab. Seit meine Mutter im Krieg vaterlos aufwuchs, ihre eigene schwache und verträumte Mutter verachtete, dafür eine zupackende kinderlose Tante verehrte und später beerbte, die in der Nachkriegszeit ein erfolgreiches Business betrieb; seit meine junge zweifache Mutter ihren noch jüngeren Mann verließ – wir sprechen von den 1960er Jahren –, um mit dem noch mal etwas jüngeren Nachbarn durchzubrennen, hat sich bei uns eine matrilineare Stammesfolge etabliert, um nicht zu sagen ein matriarchales Regime.

Der Auslöser sind wir alle. Jeder Einzelne von uns. Wir schlagen einen Bogen um heikle Themen. S., die nebenbei in Sorge ist, es könnte Streit geben, hält das Gespräch in Gang. Aber es kommt auch dank der herzlichen Geistesgegenwart F.s eigentlich nicht zu krampfigen Momenten. Unausweichlich führte jahrelang jede unserer Regungen zu größerer Entfernung und Entfremdung, als verfolgten wir einen irritierenden Plan, in dem das Gesagte stets das Gegenteil des Gelebten bewirkt. Nun geht eine mitleidweckende Melancholie von den Eltern aus wie die wehmütige Erinnerung an ehemaligen Hochmut. Meine selbstverständliche Erwartung, sie verbrächten die Zeit seit dem Lockdown bei meiner Schwester an der Ostsee (das „gute Kind“), ist erschüttert. Konkret danach zu fragen verbietet sich irgendwie. Meine roten Linien erscheinen mir aber gegen die natürliche Humanität der Situation, in der die Corona-Isolation die familiäre noch überlagert, nichtssagend. Seit der Rückfahrt beschäftigt mich das. Je größer der Abstand wird, desto mehr misstraue ich diesem Eindruck.

Was, wenn es nur eine Welt geben kann? Deine oder meine?

#urlaubinnrw. Der barocke Garten von Schloss Nordkirchen ist so weitläufig und großzügig, kein Wunder, dass die einstigen Besitzer sich damit finanziell übernommen haben. Auf Schloss Cappenberg finden wir das Tor zum Garten nicht, schätzen das Alter und die Art der mächtigen Bäume und erklimmen einen alten Wasserturm. Zum Eintritt in den Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal zücke ich spontan den Presseausweis, was ich angesichts der fantastischen Anlage sofort bereue. Lüpertz, Moore, Cragg, einige in den Wald gebaute strenge Atelier-Pavillons, die wie riesige Vitrinen ihre Objekte in Szene setzen; eine von organischer Architektur und Hans Scharoun beeinflusste Villa – wir nehmen uns vor, wieder mal hierher zu kommen und bedauern es, diesen Ort unseren Eltern nicht empfehlen zu können, die Wege sind zu steil. Vermutlich mischt sich Melancholie über unsere eigene Lebenszeit mit hinein. Im Galileo-Park in Lennestadt gibt es interessante Exponate zum Tunguska-Ereignis und zur Geschichte des Filmtricks, aber warum bietet der Museums-Shop massenhaft Esoterik-Schriften aus dem Kopp-Verlag an?
Die Fallzahlen steigen hier ein bisschen. Und als hätten wir eine richtige Reise gemacht, kommen mir die diversen Begegnungen der letzten Wochen zu Bewusstsein, als ich mich eines Morgens nicht wohl fühle. Cafébesuche, Restaurants, Familie und Familienfeiern, Museen, Ausstellungsräume, Autobahntoiletten. Bald in Hamburg will ich mich wieder mehr isolieren.
Auf der Zeche Zollverein hätten wir mehr Zeit gebraucht. Das feuchtwarme Wetter und das riesige Areal erschöpfen uns. Im Cafe „The Mine“ stellt der Kellner die Getränke hin und sagt Tschüss, bevor wir daran nippen können.
Ein Problem von „Dark“ ist, dass am Ende nichts Beiläufiges mehr geschieht. Alles strebt nach einem mehr oder weniger verborgenen Sinn im Gefüge des Ganzen. (rs)
 

5. 7. 2020 (Hamburg-Altona)
Das Schwimmbad hat wieder auf. Heute war ich zum ersten Mal seit 14. März im Festland-Bad, zuvor ging ich zweimal die Woche dorthin. Man kann sich jetzt in einen Timeslot von 1,5 Stunden einbuchen, Einlasscode aufs Handy. Eingang ist jetzt ganz links, Handy zeigen, Umkleide. Es fühlte sich vertraut und anders an. Die Garderobenwand, die ich immer benutzt habe, ist gesperrt. Duschtür steht auf, Schild: nur eine Person. Alle Becken sind auf, nach draußen geht’s aber nur durch die Tür, der überdachte Einstieg mit Schleuse ist gesperrt. Reichlich Leute da, das Kontingent ist ausgefüllt. Auf dem Weg Spiegel gemieden. Beim Schwimmen kraftlos, alle paar Bahnen kurze Pausen, nach den anderen geschaut, wie fit die wohl sind, alle plätschern vor sich hin. Das Schwimmen tut gut, zugleich ruft die Bewegung Erinnerungen ans letzte Schwimmen auf, als ich gerade vom Tod eines früheren Freundes gehört hatte. Und es macht den Rhythmus präsent, in dem ich meinen Körper bis März über Jahre bewegt habe, das ganze System der Aufrechterhaltung des Körperlichen. Ohne wirklich große Begeisterung, aber zufrieden mit dem verstetigten Gefühl, ohne allzu großen Aufwand fit zu sein. Das System ist außer Kraft gesetzt, abgesehen von einzelnen Gymnastikterminen und Fahrradtouren ging die Körperroutine über die Monate gleichsam baden. Ein neuer Modus hat sich eingestellt – in gewissem Maß trotzgetrieben –, der für die Dauer der Ausnahmesituation ein nicht klar umrissenes Maß an Passivität und zusätzlichem Kalorien- und Alkoholkonsum zugesteht. Als ich am Beckenrand anlange, hat sich eine Angestellte zu mir heruntergebeugt, sie erinnert mich daran, dass der Zeitslot bald zu Ende geht und ich dann das Haus verlassen haben muss. „Dann kommen nämlich gleich die Nächsten.“ Der Ehrgeiz packt mich noch einmal, damit ich die gewohnte Zahl von Bahnen voll bekomme. Zum neuen Ausgang, ganz rechts, führen grüne Pfeile durch einen ständig abbiegenden, verwinkelten Parcours, wie ein Spiegelkabinett, nur ohne Spiegel. (smo)

2. 7. 2020 (Hamburg / Lübecker Bucht)
um dänische häfen mit den eigenen schiff anzulaufen, muss man zuvor über ein formular bis zu 6 häfen nennen, die man voraussichtlich erreichen wird. daraufhin wird einem eine genehmigung erteilt, die man wiederum ausgedruckt an bord haben muss. menschen mit wohnsitz in schleswig-holstein sind von dieser regelung ausgenommen. Ich bin sehr gespannt, ob die häfen leer sein werden. eine tagesgenaue planung, welcher hafen zu welchem tag erreicht werden kann, ist jedenfalls unfung und klappt nicht, das kann ich schon vom schreibtisch aus feststellen. am wochenende 5–6 bft., das ist sowieso zu viel wind. (nor)

30. 6. 2020 (Hamburg)
Notat vom 31. 3. 2020
Heute morgen den Fuß verbrannt. Auch das noch. Verbrannt mit dem ausgekippten Wasser, das eigentlich zum inhalieren gedacht war. Inhaliere jetzt seit 3 Monaten. Morgens huste ich trotzdem immer noch Schleim. Und das jetzt, mit Corona. Bin ich jetzt Risikopatient? Die erste Hautschicht auf dem Fuß ist weg. Wird wieder, darf sich nur nicht entzünden. Wenigstens konnte die Ärztin, nachdem sie den Fuß versorgt hat, noch Blut abnehmen. Morgen weiß ich, ob der Schleim böse ist. (mlt)

29. 6. 2020 (Berlin)
P.A.R.A.N.O.I.D.
Vor manchen meiner Bettwäschen habe ich Angst. Besonders vor meiner teuersten, die ausschaut wie eine Baumrinde, einmal in Schwarz und einmal in Blau. Schaut schon cool aus, aber vor der schwarzen gruselt es mich ein bisschen. Ich fand von Anfang an, die müsste eigentlich eine Farbe dazwischen haben. Gerade hab ich eine, die ganz billig war und ein Muster mit Stäbchen in Farben zwischen Mint und Petrol hat, bei der ich immer an «Bacteria» von Ettore Sottsass denken muss. Die kommt gleich nach der Baumrinden-Bettwäsche, die ich überhaupt nur einmal drauf hatte. Ich denke immer, es müsste in der Zeit was besonders Schlimmes passieren. Vielleicht liegt es bei dieser Bettwäsche am Namen, die ich ihr gegeben habe, wer möchte schon gerne in Bakterien liegen? Andererseits gibt es ja auch harmlose Bakterien oder sogar ganz tolle.
Um mir zu beweisen, dass deswegen nicht gleich was Schlimmes passiert, hab ich die jetzt extra mal wieder drüber gemacht. Es waren noch ein paar Blutflecken drauf, die wohl nicht rausgegangen sind. Da hatte mein Freund mir im Winter die Haare geschoren und in das eine Blutschwämmchen reinrasiert. So etwas meine ich aber nicht mit schlimm, es hat ja nur geblutet und nicht mal wehgetan und es ist weiter nichts passiert.
Außerdem hab ich jedes Mal Angst, mich an Pflanzen, also z. B. meinen Kakteen, zu stechen, seit eine Freundin meiner Mutter sich vor zwei Jahren an einer Rose in ihrem Garten gestochen hat, die ganze Hand darauf anschwoll und sie über ein Jahr lang damit zu kämpfen hatte. Zwischenzeitlich konnte sie die Hand gar nicht mehr bewegen. Zum Glück, jetzt geht es wieder.
Darüber hinaus hab ich jedes Mal Angst, wenn ich einen Stecker aus der Steckdose ziehe, seit die Frau meines Cousins einmal bei einem Gewitter zur Sicherheit alle Stecker ziehen wollte, genau dann der Blitz einschlug und sie dadurch eine motorische Störung am Arm davongetragen hat. Wie es genau passiert ist, weiß ich jetzt gerade nicht.
Mein Freund hat gestern eine Bettwäsche, die meine Mutter uns geschenkt hat, aufgezogen und ich habe einen kleinen Freudenschrei losgelassen, bevor ich mich daraufgeworfen habe. Ich bin ziemlich schnell darin eingeschlafen, als wir «Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen» angeschaut haben, der letzte von zehn Claude-Chabrol-Filmen, die online verfügbar sind und die ich mir alle reingezogen habe. Besonders vorm Urlaub, das waren noch die guten, zum Ende hin wurden sie langweiliger. Als wir im Urlaub waren, fühlte ich mich in der Kur- und Erholungsstadt im thüringischen Kyffhäuserkreis manchmal wie in einem Chabrol-Film, weil so wenig Menschen da waren und mir die Kleinstadt wie ein Filmset vorkam. Auch da hatte ich öfters Angst, dass wie in den Filmen was Schreckliches passieren könnte. (pp)

25. 6. 2020 (Berlin / Tulsa / Sudan / Klagenfurt)
Vor zwei Tagen hätte Octavia Butler ihren Geburtstag gefeiert. Sicher eine der besten Science-Fiction-Autorinnen. Mit "Kindred" hat sie eine Zeitreisegeschichte geschrieben, die Colson Whitehead fassbar und ertragbar machte, weil Butler das Hinaustreten aus dem systemischen Rassismus, aus der Sklaverei, aus dem rassistischen Alltag in eine Beziehung in den Horror hinein geschrieben hat. "See you Yesterday", eine Kindred-Referenz auf Netflix, ist eine Zeitreise, die den Loop rassistischer Gewalt schreibt, eine Gewalt, die auch durch Zeitreisen und engineering nicht ausgesetzt werden kann.
Ganz anders der Bachmannwettbewerb, viel drinnen, innen und klotziges Sozialpolitisches. Helga Schubert beeindruckend, dass sie diese krasse Härte (drei mal Glück gehabt, nicht von der Mutter getötet bzw. abgetrieben worden zu sein) und die subtile Härte (Bohnenkette) nicht mit Vergebens- und Vergessenspathos verkleistert hat. Die Härte gespürt, ihr nachgegangen, verstanden, nicht aufgelöst oder verziehen. Das bleibt und wird nicht durch Bäumeumarmen weggehen. Die Erweiterung des Kanons durch Sharon Dodua Otoo, "Ich komme vielleicht nicht von Homer, aber ich schreibe im warmen Schatten des nigerianischen Autors Chinua Achebe", war so schön wie ihre Blumen.
Ich hatte bislang bei Tulsa vor allem die Larry-Clark-Bilder von Heroinkindern und Waffenteens vor mir. Die Objektivierung derer, die Nan Goldin in "I’ll be your mirror" so persönlich macht. Wenig vom Juneteenth (nineteenth, die Neun verschluckt) gewusst, vom Freedom Day, dem Ende der Sklaverei, dem Massaker weißer Bürger, die ein Stadtviertel zerstört und seine Bewohner ermordet hatten. Überrascht, dass es genau hier der Fanbase von K-Pop gelungen ist, den destruktiven, rassistischen Narzist zu dissen. Trump in kleiner Runde, da war auch das Trinken mit einer Hand kein Wunder mehr.
Morgen findet eine große Sudankonferenz virtuell statt, große Erwartungen, viel Geld wird gebraucht. Für manche, wie die USA, sollte es für die Unterstützung erst freie Wahlen geben, andere, wie die Europäer, sehen die Wahrscheinlichkeit von Wahlen durch die Stabilisierung der sudanesischen Wirtschaft erhöht. Die Golfstaaten sind erstaunt, dass ihre geopolitische Machtpolitik durch Proxis nicht mehr so reibungslos funktioniert, alle andern sind erstaunt, dass Ägypten, Äthiopien und die Türkei sich in Libyen und wegen des Nils durch Kriegsrhetorik reizen. Ansonsten herrscht überall noch harter Lockdown, im echten Leben können sich die Leute nicht treffen, Kriege müssen wegen Corona aber nicht ausfallen. (aw)

25. 6. 2020 (Berlin)
Es ist so schade
Ich glaube nicht, dass ich im Moment mit Eltern befreundet sein möchte oder kann. Ich meine damit nicht meine eigenen Eltern – die waren süß zu uns. Wir hätten am liebsten gleich länger bleiben sollen und sollen zum 80. Geburtstag meines Vaters kommen. Das stand noch ein bisschen zur Diskussion, sie kannten ja meinen Freund bis dato gar nicht. To be exact: Überhaupt keinen meiner Freunde, weil ich noch nie jemanden vorher mitgebracht hatte. Aus den verschiedensten Gründen.
Nein, ich meine hier die Eltern, die mir vor drei Monaten als Erste den Kontakt aufgekündigt hatten, weil an der Schule der Freundin der Tochter jemand als Aushilfe arbeitet (aber nicht mit den Kindern), der Corona hatte. «Ernsthaft jetzt?!», dachte ich damals noch. Ich fügte mich, lernte dazu und zitterte mit ihnen, wann denn nun genau die Schulen geschlossen würden. Im Sinne von «endlich» für mich, um die Kurve flach zu halten. Ich nahm an, auch «endlich» für sie, schienen sie doch an der Eindämmung des Virus interessiert, zumindest schickten sie mir täglich mehrere Updates zur seiner Verbreitung. 
Allerdings frage ich mich rückblickend, ob dem tatsächlich so ist.
Jetzt nennen sie das Social Distancing «Quarantäne», dabei hatte niemand von ihnen eine vom Amt verhängte Zwangsmaßnahme zu erdulden, weil sie unter Infektionsverdacht gestanden hätten, sondern nur die mittlerweile teilweise schon wieder aufgehobenen Beschränkungen. Stattdessen warteten sie sehnsüchtig darauf, dass endlich die Schulen ihrer Kinder wieder aufmachten – dabei machten ja die ersten gleich wieder nach ein paar Tagen zu, weil es reihenweise Infektionsfälle gab. Homeschooling ist für sie «einfach nur an-stren-gend», dabei haben sie sonst für alle und jeden ungefragt Tipps und Verhaltensregeln für jedwede Situation parat.
Mit Maske einkaufen gehen macht ihnen «keinen Spaß». Tja, was fällt mir dazu noch ein? Spaß macht es vielleicht auch ohne Maske einfach nicht, wenn man nicht gerade eine Chanel-Handtasche kauft, aber es sollte für durchschnittlich Erwachsene auszuhalten und hinzunehmen sein.
Die Abstandsregeln gelten für sie offensichtlich nicht mehr, in Parks sitzen nicht nur ihre Kleinkinder – denen man das natürlich schlecht beibringen kann –, sondern auch sie mit anderen gleichgesinnten Eltern dicht an dicht und knuddeln und kuscheln mit allen, die auf engstem Raum abhängen, rum. Sorry, nein danke! Mir reicht es schon, wenn ich im Wartezimmer den Abstand nicht einhalten kann, weil die Praxis überquillt, ich aber einen Termin habe, den ich mir nicht ausgesucht habe.
Ich frage mich: Was sollen Kinder von Eltern mit derartigen Einstellungen und Verhaltensweisen – und welche mit abweichenden kenne ich im Moment leider nicht – überhaupt lernen können? ?Man müsste sie ihnen eigentlich sofort entreißen und erst recht in die Schulen schicken, wenn es für sie nicht so gefährlich wäre, damit die Jüngsten dort hoffentlich gescheiter werden als ihre Alten. (pp)

24. 6. 2020 (Südwestfalen)
Bisher keine Risikobegegnung. Bei S. ließ sich die Corona-Warn-App nicht installieren. Robert Habeck gab zu bedenken, sie benachteilige die „Älteren“ und weniger Wohlhabenden. Als sei es nur eine Frage des Geldes, sich nicht jedes Jahr ein neues Smartphone zu wünschen. Die Kommentare bei Facebook zeigten eine stolze Nation von Betriebssystemstrebern. Für einen Reality-Check in Gütersloh, Neukölln und Göttingen kam die App allerdings zu spät.
Die Geschäftsführerin der Hamburger Clubs Docks und Prinzenbar hat sich eine Wandzeitung ausgedacht, an der jeder gegen Gebühr sein Statement zur Lage posten kann. In ihrer Ankündigung fanden sich auch Begriffe wie „Mainstream Medien“ und „alternative Meinungen“, was viele Kommentatoren spätestens nach einem Bericht der „Hamburger Morgenpost“ nicht in Ordnung fanden. Die Geschäftsführerin ruderte zurück, übernahm die Verantwortung und drückte ihr Bedauern aus, ohne gewonnene Erkenntnisse über den Hintergrund der Empörung durchblicken zu lassen. 
Die „Clubszene“ war in letzter Zeit schon durch riskante Demos aufgefallen. Angesichts des anschwellenden Hintergrundrauschens namens „Ihr hört uns nicht“ und „Wir werden nicht repräsentiert“ genügt es vielleicht auch nicht, hell aufzulachen und auf die Vielfalt der Diskussionen zu verweisen. Abgesehen von dem konstanten Prozentsatz von Rechten und schwer Integrierbaren gibt es auch Künstler, Sub- und Gegenkulturen, deren wirtschaftliche Existenzen in der alten Normalität in einer Grauzone verteidigt wurden – wohin die Corona-Rettungsschirme nicht reichen. Ansprüche muss man ja erst erwerben, normalerweise durch Nachweis steuerrelevanter Aktivitäten.
Das Leben in der Corona-Realität ist im Wohlstand erträglich. In der offiziellen Version des Daseins, im gesellschaftlichen (sic) Mainstream. Im Garten an den Gasgrills, die hier in der Provinz jeden Abend fachmännisch befeuert werden – ungeachtet der Störsignale aus Gütersloh. Wer in den öffentlichen Raum ausweichen muss, setzt sich den Regeln und dem Goldkettchen-Profiling der Ordnungsämter aus. Als der Stuttgarter Schlossplatz ausgerechnet nach einer Drogenrazzia explosiv aufflog, konnte man schon eine Revolte gegen die Drangsal der Coronazeit vermuten – und schön symbolisch, dass die Leute für Drogen kämpfen. Ihre Trophäen: Schuhkartons und Uhren; zeitgemäße Smartphones wahrscheinlich auch. (rs)

23. 6. 2020 (Hamburg-Grindelviertel)
Nach Monaten der Kontaktsperre sind neue Kontakte, nähere Begegnungen mit Fremden ungewohnt, außergewöhnlich, aufwühlend. Zumal, wenn sie mit einem lauten Knall beginnen: Mir ist jemand mit Karacho hinten drauf gefahren, auf einer Rechtsabbiegerspur in der Grindelallee, wo es nur im Schritttempo vorangeht. Ich steige aus, er auch, alles gut, Mann? Yo, nix passiert, wir sind cool. An den Autos ist erst mal nichts zu sehen, aber nach Öffnen der Motorhaube zeigt sich, dass bei seinem Opel hinter der intakten Verkleidung ziemlich viel kaputt ist. Er muss vor dem Aufprall noch kräftig beschleunigt haben, so wie Stoßfänger und Kühler deformiert sind. Kann das denn überhaupt sein? Während ich alles fotografiere und weitere Schäden auch seitlich und hinten entdecke, die unmöglich von diesem Crash stammen können, erklärt er, dass mich die alleinige Schuld treffe, da ich eine Vollbremsung gemacht hätte. Ich hätte sein Auto kaputt gemacht und solle mich jetzt nicht "rausreden", er habe drei "Zeugen", die die Vollbremsung genau gesehen hätten. Alles klar, ich lasse mich auf keine weiteren Diskussionen ein. Tatsächlich ist der Zusammenstoß zufällig genau vor dem Friseursalon passiert, vor dem die drei den ganzen Tag herumstehen. Er macht keinen Hehl daraus, dass die Jungs seine Spezis sind, begrüßt sie per Handschlag. Wir tauschen noch Personalien und Versicherungsdaten aus, so erfahre ich, dass Herr A. Syrer ist, mit Niederlassungserlaubnis, und seit Kurzem ADAC-Mitglied. Dann muss er los, seine Frau liegt nämlich im Krankenhaus, sie ist hochschwanger und hat multiple Sklerose.
Ich bin erschüttert, auch nach zwei Tagen summt mir noch der Kopf, der Nacken ist steif, ich denke zu viel über die Sache nach und male mir aus, was noch passieren könnte. Eigentlich kann ich unbesorgt sein: Dass sich die Versicherungen zu Herrn A.s Ungunsten einigen werden, ist unvermeidlich, selbst wenn ich unterschreiben würde, eine Vollbremsung gemacht zu haben, die Lage ist einfach zu eindeutig. Aber wird er das akzeptieren, wo er doch seine Zeugen hat? Der schäbige Plan und seine dilettantische Ausführung, diese Verbindung von krimineller Energie und Irrrationalität ist es, was mich fertig macht. Wer weiß, wie so jemand reagiert? Ich mache mir Gedanken darüber, was für Leute da draußen unterwegs sind und wie einen so was jederzeit treffen kann. Schon falle ich unangenehm auf mit hässlichen, pauschalisierenden Bemerkungen über Flüchtlinge. Ich brauche dringend einen Perspektivwechsel.
Nachmittags treffen wir T.s früheren Gallerie-Kollegen J. mit Frau und Kind, die wir nur flüchtig kennen, zum Picknick auf dem Uni-Gelände. Händeschütteln, zum ersten Mal seit vier Monaten, für uns alle ungewohnt. Der Sohn ist knapp zwei Jahre alt und sehr mobil, J. muss immer hinterher und ich begleite ihn, damit wir uns ein bisschen unterhalten können. Wie wir so herumspazieren, greift der Knirps meine Hand und stiefelt zielstrebig mit mir los, seine Eltern zurücklassend, ohne sich umzudrehen, um mir die Welt zu zeigen. Ja, Kinder entwickeln schnell ein Gespür für unverbrauchte Erwachsene, die noch Elan haben, nicht so routiniert und übermüdet sind wie die Eltern. Er spricht Deutsch und Japanisch und da meine Japanischkenntnisse in etwa auf dem Niveau eines Zweijährigen verharren, können wir uns prima unterhalten. Zuerst entdecken wir ein Fahrzeug am Wegesrand und er ruft "Bagger!". "Vespa", sage ich. "Bagger!" "Vespa." Er versucht es auf Japanisch: "Buludoza!" Ich schaue genau hin, vielleicht ist es ja wirklich ein Bagger. Weiter geht's um die Ecke, hoch zur Grindelallee, die Eltern sind jetzt endgültig aus dem Blickfeld. Hier gibt es Busse zu sehen, ständig fahren welche vorbei, ein wahres Fest. In der Ferne an der Haltestelle ist schon zu erkennen, wie sich die Türen schließen, bevor der Bus losfährt und sich schließlich in seiner ganzen Pracht zeigt. Nach diesem Spektakel zieht er mich zurück auf das Uni-Gelände, in eine düstere Unterführung hin zur Mensa, wo ein langes rot-weißes Warteschlangen-Absperrband im Wind flattert. Wir gehen ganz langsam an dem Geflatter entlang, es führt uns hinaus aus dem Tunnel. Dahinter ist Schluss, hier ist das Ende der Welt und wir kehren um. Aber Moment, es gibt noch etwas, in diesem langen, dunklen Hauseingang da. Kühn geht er hinein in die Finsternis, hinter eine runde Betonsäule, wo es noch dunkler und schmutziger ist. Dort hockt er sich hin, deutet auf den Boden und sagt mit Bestimmtheit: Hato! Da liegt er richtig, hier gibt es sicher Tauben. Ich stimme ihm zu und präzisiere: Hato no unchi! Taubenkacke! Große Freude über unseren Fund. Jetzt können wir zufrieden den Rückweg antreten. An der Abzweigung zur Grindelalle bleibt er stehen und reckt mir die Arme entgegen. Dakko? Dakko! Er möchte auf den Arm und noch mal Busse gucken, bevor wir zurück zu den Eltern gehen.
Nach diesem Trip bin ich einigermaßen wiederhergestellt, die Anspannung ist weg, die Proportionen stimmen wieder. Später erfahre ich, dass der polyglotte kleine Expeditionsleiter eigentlich ein ganz schüchterner ist. Er fremdelt mit allen, außer mit seinen Eltern, auch dem Kindergartenpersonal gegenüber ist er sehr reserviert. Ich war der Erste, mit dem er eine solche Unternehmung gewagt hat. Vielleicht hat er doch nicht nur einen unterhaltsamen Eltern-Ersatz in mir gesehen, sondern einfach gespürt, dass hier jemand mit einem Schleudertrauma etwas Orientierung braucht. (ow)

18. 6. 2020 (Hamburg / Schleswig-Holstein)
Den Fluchtweg hatte ich letztes Jahr geplant. Halb war es ein Spiel, halb wollte ich damals den üblichen Sommerferien-Streckensperrungen des Hamburger Verkehrs-Verbunds entkommen. Es geht um den ersten, oder letzten, Abschnitt von vor der Haustür bis 500 m vor der Stadtgrenze. Sonst nahm ich dafür immer die S-Bahn und dort stieg ich dann aus. Danach kommen noch ein paar Kilometer Speckgürtel-Suburbia und dann ist man auch schon bald in der südenglisch wirkenden Hecken-Knick-Landschaft, und weit weg von der Stadt. Wanderwege, alte Wirtschaftswege, Pfade, ein zweites Netz von irregulären Wegen abseits der verzeichneten Straßen oder sie nur mal kurz kreuzend und querend, kaum jemand dort unterwegs, und wenn doch, beruflich, die Gegend ist nicht als Hamburger Ausflugsgebiet bekannt. Radtouren ins Moor oder zum Gasthof in der alten Mühle aus dem 17. Jahrhundert, Felder, Wiesen, Wäldchen, ein Golfplatz, aber gnädig hinter den Hecken versteckt, Reiterhöfe, Baumschulen, Moore, finstere Sagen, in der Gegend wurden auch mal Hexen hingerichtet. Hügelgräber aus der Bronzezeit, runtergerockte unheimliche Hillbilly-Bauernhöfe mit kaputten Autos davor, vor denen man wohl lieber nicht zu lange stehen bleibt. Kühe, Pferde, Rehe, Wildschweine, riesige Raubvögel, einen Fuchs traf ich mal, einen Wolf gibt es inzwischen wohl auch. Aber keine wirklich vermarktbare spektakuläre Attraktion, was mich gerade sehr anzog. Dafür die vielen Bilder von Landleben im Kopf und immer als Folie über der realen Landschaft. So als würde man in einem Film mit dem Rad herumfahren.
Die Strecke von zu Hause zur Stadtgrenze hatte ich mir erst auf Karten und Satellitenbildern angeschaut und dann die Wegpunkte dafür im GPS-Gerät gesetzt, das dann später am Lenker hängt und die Wege kennt. Gefahren bin ich sie aber noch nie. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie mal wirklich brauche. Vor ein paar Wochen hätte man da jetzt noch den Kick des illegalen Grenzübertritts nach Schleswig-Holstein als Tagestourist gehabt, es wurden damals wirklich Radfahrer aus Wuhamburg von der Polizei an der nicht markierten Landesgrenze abgefangen, aber jetzt ist es schon länger wieder legal, wenn auch immer noch nicht so gerne gesehen. An der Küste gab es wohl auch zerkratzte Autos mit HH-Kennzeichen.
Mit der Maske länger in der Bahn zu sitzen ist für mich bei den sommerlichen Temperaturen unvorstellbar. Ich kriege schon im Supermarkt die Krise und hetze da nur noch durch, konzentriert auf meine Einkaufsliste. Früher bin ich eher geschlendert und habe dabei oft spontan entschieden, was ich heute koche, jetzt sind es die Sachen für die 4, 5 nächsten Tage, alles streng durchgeplant in den Tagen zuvor. Gestern konnte ich dann gleich wieder umkehren: Maske vergessen. Mich irritiert sehr, wie diese Maßnahmen immer als milde Maßnahmen dargestellt werden, wie auch beim polizeilich durchgesetzten Verbot, sich mit mehreren Bekannten zu treffen. Heute lese ich, sie wurden auf unbestimmte Zeit verlängert. Die maskierten Leute in den Bussen und Bahnen schauen finster und wirken wie Galeerensträflinge. Die Fahrgastzahlen sind wohl extrem eingebrochen, das hatte man scheinbar nicht erwartet und wird jetzt zum Problem.
Über die Jahre ist das Ritual entstanden, dass ich auf dem Rückweg der Fahrradtour noch beim Hofladen vorbeifahre, mir dort Gemüse kaufe, in die Radtaschen packe, und dann zu Hause die zuvor befahrene Landschaft gleich noch mal als Suppe aufesse. Aber mit Maske ist jegliche Leichtigkeit dahin und ich mache so was gar nicht mehr. Die Radtour ans Meer habe ich für dieses Jahr auch schon abgeschrieben. Mehr als eine Stunde in der warmen Regionalbahn sitzen, umsteigen, das bepackte Rad über Treppen hoch- und runterschleppen, keine Luft kriegen. Zum ersten Mal vermisse ich ein Auto, male mir aus, was man damit jetzt alles machen könnte. Dabei kommt man mit einem Auto gar nicht an den einsamen Strand, das war ja eigentlich gerade immer sein Vorteil. Aber einsam wird es dieses Jahr wohl auch dort nicht mehr sein. Im Jenischpark gefiel mir das wider Erwarten sogar ganz gut, die Leute alle auf ihren Decken unter den alten Bäumen, auf der Wiese, mit Abstand, wie sonst auch, die soziale Distanz liegt ihnen halt im Blut. Sonne, leises Gemurmel, keine Hunde mehr, jauchzende Kinder, illegale Picknicks, zustimmendes verschwörerisches Lächeln von Fremden. Ein Streifenwagen fährt in Zeitlupe auf dem Kiesweg vorbei. (sb)

17. 6. 2020 (Berlin und Hawaii in den Köpfen)
Das Kind ist durch mit dem Abitur und wird mit ihrer fantastischen Mischung aus analytischer Genauigkeit, emphatischer Zugewandtheit und super schneller brain connectivity die Welt erobern. Wünsche mir, sie als Bodyguard durchs Leben begleiten zu können. Sofort auf die Fresse, wenn ihr eine/r blöd kommt.
John Coltrane Naima take I to III hin und zurück bitte. Diskussionen über den Perzeptionswandel seit Covid. Schon die Pandemie hat den Diskurs zwischen Afrika und Europa enorm verändert, der Mangel an Solidarität auf dem Kontinent, das Sterben in europäischen Städten, genug Anlass, im Westen nicht nur ein Vorbild zu sehen. Durch #BlackLivesMatter und den Sturz von kolonialen Säulenheiligen nimmt diese wichtige Auseinandersetzung an Fahrt auf. In Uganda werden Straßen umbenannt, von kolonialen Bezügen befreit.
Lese und recherchiere zu den Boogaloo, die auf ihren Hawaii-Hemden und mit Igloo-Bildern für den Bürgerkrieg werben. Fast hätte ich die vollautomatischen Maschinengewehre und Clown-Fratzen-Masken vergessen. Ob sie sich mit ihrer Hawaii-Referenz, der Bezugnahme auf das Luau-Ritual als Indigene beschreiben wollen? Und Bürgerkrieg gegen wen, wenn sie selbst gar nicht die weißen Siedlernachkommen darstellen? Kann das als besonders perfide cultural appropriation gelesen werden? Wirklich verwirrend und besonders perfide, dass sie bei den #BlackLivesMatter Demos mitmischen, um im Schutz der vielen Demonstrierenden mit ihren Waffen zu posen und Gewalt zu provozieren. Oder ist es doch in etwa eine 'white dreadz Hygienedemo G5-Mastenzerstörungs'-Initiative, um durch die Kraft der Haare gegen die Zerstörung der Erde durch die Verschwörung des Kapitals vorzugehen, nur eben mit Waffen?
Egal, es soll etwas Schönes passieren, Queer Eyes fürs Gemüt, so in der Richtung. Dachte darüber nach, dass ich gerne ein Semester bei Cornel West studieren wollen würde – viel lieber als bei Zizek oder den andern. (aw)

17. 6. 2020 (Lombardei / München)
Am Sonntag bin ich aus der Lombardei zurückgekehrt. Das Auto sprang fast immer beim zweiten Mal an und wir sind gut und ohne Grenzkontrollen über die Schweiz und Österreich nach München gekommen. Tanken ist gerade sehr billig, in Österreich hat der Diesel unter 1 Euro pro Liter gekostet. Hingegen sind laut meiner Mutter die Preise für Obst und Gemüse in Italien gestiegen.
In Mailand waren seit letztem Montag Museen etc. wieder geöffnet. Wir haben unter anderem die „Großinstallation mit den Ausmaßen eines Sportplatzes“ von Martin Kippenberger in der Fondazione Prada angeschaut, The Happy End of Franz Kafka’s “Amerika” (1994), die ich immer schon mal in echt sehen wollte. Es wurde kein Printmaterial ausgeteilt und ein bestimmter Parcours durch die Ausstellung vorgegeben. Beim Eintritt in kulturelle Räume, aber auch in Bars, Restaurants usw. wird mit einem Gerät, das aussieht wie eine Art akkubetriebener Reise-Föhn, auf die Stirn der Gäste gezielt und ihre Temperatur gemessen. Was das Grad-Limit ist, weiß ich nicht; wir durften jede Lokalität betreten.
Die Maske muss außer Haus im Unterschied zu Deutschland immer getragen werden. Wenn man sich dann in der Bar hingesetzt hat, kann man sie abnehmen. In den Schaufenstern der Galleria Vittorio Emanuele sind „mascherine“ der Haute-Couture-Labels ausgestellt. Eine Maske von Gucci war von Billie Eilish bei den Grammy Awards getragen worden.
Die Weihwasserbecken der Kirchen sind leer bzw. wurden mit einem Desinfektionsmittelspender versehen. Die Desinfektionsmittel unterscheiden sich stark im Geruch, was einen Kirchenbesuch atmosphärisch entscheidend mitprägt.
In Mailand hatte es im 17. Jahrhundert eine große Pestepedemie gegeben, welcher ein ungeheuerlicher Rattenschwarm vorausgegangen war. Das lese ich gerade im ersten Drittel von „Die Pest“ von Albert Camus, welches wir morgen im Seminar von Professor Yelle besprechen werden. (jn)

16. 6. 2020 (München / Elsass)
Die Stimmung im Auto ist zunehmend angespannt. Seit ein paar Kilometern unterhalten wir uns nicht mehr. Die akribisch ausgefüllte Selbstauskunft für den Grenzübertritt liegt griffbereit auf meinem Schoß. Mein Vater hat bereits vor Wochen begonnen, die Situation an der Grenze zu recherchieren, hat wenig zielführend Artikel herumgeschickt, die von Handgreiflichkeiten zwischen Grenzpolizei und Reisenden berichten. Ich vermute, wir alle im Auto üben im Kopf mal flammende, mal tränenreiche Ansprachen, in denen wir von unseren Verwandten auf der anderen Seite berichten. Ein Foto von meiner kleinen Nichte habe ich vorsorglich als Hintergrundbild auf meinem Smartphone eingestellt.
Unzählige Male habe ich in meinem Leben den Rhein schon überquert. Meine Schwester lebt seit fast 15 Jahren im Nachbarland, seit ein paar Jahren im deutsch-französischen Grenzgebiet, dessen nationale Identität schon immer der Zankapfel der Staaten gewesen ist. Die EU schließlich hat die Elsässer zu Europäern gemacht, die ebenso Französisch wie Deutsch oder Alemannisch sprechen dürfen und bei denen es keine Rolle mehr spielt, ob sie Jean, Hans oder Hansi heißen. Meine Nichte hat beide Staatsbürgerschaften, wächst in beiden Ländern auf.
Und doch, nur ein Virus, mehr brauchte es nicht, um das Elsass auch in meinem Kopf wieder zum Ausland zu machen. Wird man uns über die Grenze lassen? Und wenn ja, wie wird man dort drüben auf die womöglich illegalen Ausländer reagieren?
Niemand kontrollierte uns, als wir letzte Woche über die Brücke fuhren. Radfahrer und Spaziergänger überquerten den im Sonnenlicht glitzernden Rhein. Die ehrfurchtgebietende Grenzmauer zerfloss vor meinen Augen und verwandelte sich zurück in ein Naherholungsgebiet. So schnell geht das. (jmb)

16. 6. 2020 (Hamburg-Elbvororte / Norderstedt)
ich war am wochenende bei einer taufe in nienstedten. die gegend wird auch »das offene grab elbvororte« genannt. bei einer urnenbeisetzung einige jahre zuvor, führte mir der geistliche seine neueste funktechnik vor, er konnte aus dem hinteren teil des friedhofs per fernbedienung die kirchenglocken läuten lassen. damals dachte ich mir, dass die größte herausforderung der konfirmand*innen sein müsste, sich dieses device zu beschaffen, um zu allen unzeiten die glocken in gang zu setzen, womit ich wieder bei der taufe bin. der junge mann wird im september konfirmiert und kann sich seine eigene taufe mit drei punkten auf seine anwesenheitspflicht in der kirche zur erlangung der konfirmation anrechnen lassen, so muss er nun bis september rein rechnerisch nicht mehr zum gottesdienst. jede zweite reihe der kirchenbänke ist abgesperrt, es darf nicht gesungen werden, dafür gab es sänger*innen auf der empore (die pastorin berichtet, dass sie eine lange liste mit singewütigen anwärtern auf diesen emporenplatz hat), »morning has broken« sollte aber trotzdem nicht mit einem neuen deutschen evangelische blubo-text gesungen werden – zu spät, ist passiert.
später sind wir bei mega-kart in norderstedt, eine räudige blechhalle mit gummifeinstaub in der luft. der aufenthaltsbereich ist von vollendeter trostlosigkeit, die fahrer kümmert das ambiente nicht, sie sind angespannt und auf die fahrbahn konzentriert. von der tribühne aus sieht das treiben unspektakulär aus, die kleine festgemeinde schält sich nach 30 minuten aber verschwitzt und abgekämpft aus den sturmhauben (die seuchen-maske wird vor der fahrt durch eine sturmhaube und helm ersetzt), mit leichtem drehschwindel und adrenalinproblemen. (nor)

15. 6. 2020 (Kyoto)
Diese Momente von Irritation. Wie blöde bin ich denn gewesen, dass ich das Wort Windbeutel vergessen konnte. Eben hat man ihn noch in der Hand und im nächsten Augenblick verschwindet er in den Klauen eines Milans am Himmel. Karlsson auf dem Dach mit Propeller auf dem Rücken, Nils Holgerson auf dem Rücken eines Hausgänserichs, der Langstreckenflüge mühsam erlernen muss. Ein Eindruck, als würden wir uns grüßen, beieinander stehen, uns ertappen, Hamburg, Eimsbüttel, Verkehrsinsel, 4. 6., das Orange der Straßenlaternen, der Himmel, die Grindelhochhäuser, Kyoto, Kamo-Fluss, noch lange vor der Kirschblüte, vermutlich Mitte Januar, als die Straßenlaterne auf der Brücke zwischen Marutamachi und Imadegawa angeht. Diese Laterne, als würde sie sich schütteln, als würde sie nach einem Tagtraum zu sich kommen. Ich wollte dann diesen Moment wieder abpassen. Ich mache ohnehin regelmäßige Spaziergänge, sehe das auch an immer denselben Hunden, die mir begegnen. Aber an Exaktheit und Pünktlichkeit mangelt es dann, diesen besonderen Moment, wo mit einem Zittern in der Luft die Straßenlaterne angeht, den habe ich seither nicht wieder erwischt. Nach Kojin, Gottheit der Feuerstätte und des Küchenherds, ist diese Brücke benannt, das erklärt die Dichte der Restaurants hier. Aber da fängt es auch schon wieder an. Es ging im Unterricht um die Wörter Herd und Ofen und ich blickte in fragende Gesichter. Wenig später aber meinte ich in verwunderte, sich amüsierende Gesichter zu blicken. Was mit dem Typen da vorne los ist, der plötzlich wie blöde nach Fotos zu Herd und Ofen googelt. Wo die Sache doch völlig klar ist und jeder, den es interessiert, die Bedeutung längst verstanden hat. Nur der Lehrer meint, es gäbe da noch etwas zu erklären. (ast)

15. 6. 2020 (Südwestfalen)
Während sich das Volk am Opium wirrer Verschwörungsszenarien berauscht, geht im Hintergrund der Ausbau der Weltherrschaft munter voran. »Am 24. September 2018 gab Microsoft bekannt, dass es sich bei Microsoft Teams um die am schnellsten wachsende Business-Applikation der Microsoft-Geschichte handelt. Im November 2019 wurden erstmals 20 Millionen täglich aktive Benutzer erreicht. Diese Entwicklung wurde im März 2020 durch die Covid-19-Pandemie weiter verstärkt. Innerhalb einer Woche stieg die Zahl der täglich aktiven Nutzer um mehr als 12 Millionen auf 44 Millionen Nutzer.« (Quelle: Wikipedia) ?Ich bin einer von ihnen. Parallel zur coronabedingten physischen Verlagerung der Mitarbeiter in ihre Privaträume findet derzeit eine umfangreiche Umsiedlung unserer redaktionellen Aktivitäten in ein ganzes Universum von Tools statt, die die Softwarefirma Microsoft bereitstellt und die sich unter dem Namen Office 365, Skype und Teams in den Alltag drängen. Für die Unternehmen ist damit eine Kostenersparnis verbunden, denn zum Teil sind die Anwendungen gratis – der Deal ist: alles im Paket gekauft, Office-Software, Cloud-Space, Telefon- und Videokonferenz-Tools, ein integrierter und abgestimmter Workspace, der sich anfühlt, als ziehe man in ein neues Gebäude ein.
Die Vorbereitungen dafür begannen lange vor Corona; ihre normative Kraft werden die geschaffenen Fakten in Zukunft voll entfalten. Bei uns wurden plötzlich die Telefone abgeschafft (und nicht zu Unrecht rühmt sich die IT, den richtigen Riecher für die Veränderungen der Arbeitswelt gehabt zu haben). Headsets und Skype for Business wurden eingeführt, und zu Hunderten lagerten die obsoleten Tischtelefone in Containern auf dem Gang – verständlicherweise zu keinem kleinen Preis mehr verkäuflich.
Skype, erklärte man, sei nur eine Zwischenlösung; und das war auch gut so. Denn mit der neuen digitalen Telefonie funktionierten eine Reihe von alltagsbewährten Basics schlicht nicht mehr oder gerieten derart umständlich, dass man lieber die paar Schritte über den Flur zurücklegte zum Talk, ist ja eh gesünder. Aussetzer und Echos. Externe Nummern ließen sich nicht ins Telefonbuch übernehmen, wer den technischen Support erreichen wollte – früher eine vierstellige Kurzwahl –, musste nun inklusive der Landesvorwahl eine ellenlange Ziffernfolge eingeben.
Darüber wurde zwar gespöttelt, aber hinter vorgehaltener Hand, denn natürlich weiß jeder, dass Kritik an neuen Technologien die Todsünde der Innovationsverweigerung heraufbeschwört – eine Art Wehrkraftzersetzung der vierten industriellen Revolution. 
Als Nächstes kredenzte uns der Masterplan der Informationstechnologen die Cloudlösungen Teamsite und OneDrive – Ersatz für die zunehmend kostenintensiven redaktionellen Server, die seit Jahren als Archiv und Austauschordner dienen und auf denen sich, zugegeben, hier und da Dinge angesammelt haben, die selten bis gar nicht gebraucht werden oder mittlerweile in mehrfacher Ausführung dort liegen. Kein einzelner Mensch wäre vermutlich in der Lage, hier gründlich aufzuräumen. Allerdings stellt die IT das Ausmaß der vermeintlichen Unordnung auch als erheblich größer dar als die Anwender selbst. Noch bevor aber eine Einigung über das weitere Vorgehen herbeigeführt werden konnte, kam Corona, Debatten im Konferenzraum fanden nicht mehr statt. Für einige Zeit schwebte das Unheil der baldigen Serverabschaltung über den Teams, dann räumte die IT auf Nachfrage ein, das Projekt sei vertagt.
Bei der Migration von Daten von einem der Serverbereiche war einigen der Mac-Nutzer aufgefallen, dass sich die Daten nicht einfach so in die Cloud verschieben ließen. Befand sich im Namen der Datei irgendein unerwünschtes Zeichen, wurde sie einfach nicht rüberkopiert. Das ist allerdings beim Verschieben von Ordnern mit Unterordnern voller Unterordner kein geringes Problem. Im Grunde hätte man jeden (Unter-)Ordner öffnen und checken müssen. Inmitten des rasanten technologischen Wandels will niemand die Bremse sein und man gewöhnt sich an die Unvermeidbarkeit von kleinen Datenverlusten. Schwund ist immer. Es werden also Daten fehlen – in meinem Fall irgendwelche Archivdateien.
In der computerbasierten Arbeitsumgebung hält sich jeder viele Stunden täglich auf und hat in gewissem Maß eigene Vorstellungen von der Organisation der Daten. Quasi von Natur aus ist die Selbstbestimmung der Anwender in den redaktionellen Systemen allen Administratoren ein Dorn im Auge. Zunehmend erschienen sie uns in der Rolle einer mit profanen Nutzerproblemen ungnädigen Instanz. Durchaus verständlich. Das unterschiedliche Niveau der Nutzerkompetenzen macht uns allen gelegentlich zu schaffen. Leider entspricht dem dilettantischen Anarchismus der Anwender aufseiten der Techniker eine sich verselbstständigende Kontrollmanie, die sich nun bei der Einführung neuer Systeme voll auslebte. Es wird immer deutlicher, dass die IT nicht loslassen kann! Sie, die stets die Ersten sind, die sich mit neuen Technologien vertraut machen, die die Geschäftsführung beraten, die die Rollouts organisieren, gebärden sich mittlerweile als Hüter der reinen Software-Idee, statt die Programme in die latent chaotische Praxis zu entlassen. Zuweilen wachen die Techniker über Prozesse und Programme, als sollten diese besser gar nicht verwendet werden.
Die Zuweisung von „Rechten“ ist das Steuerinstrument. In der Geschichte der Computer-Mensch-Schnittstelle gab es Fort- und Rückschritte. Nach Corona werden die neuen Strukturen einfach da sein. Sie werden weltweit implementiert, bestimmen den Alltag von Millionen Menschen und bilden Organisationsformen ab, für die es noch in keinem Betriebsverfassungsgesetz adäquate rechtliche Grundlagen gibt. In einer Arbeitsumgebung wie „Teams“, die in den unterschiedlichsten Kontexten zur Anwendung kommt, von der Versicherungsbranche bis zum Lebensmittelgroßhandel, von der Pharmaindustrie bis zum Verlagshaus, folgt die Struktur naturgemäß der Logik One size fits all. Mitgestaltung, Aufklärung über Risiken und Kontrolle durch Gewaltenteilung müssen erst nachgeführt werden. Dass in „Teams“ jedes Team einen „Besitzer“ hat, gehört zu den symbolischen und metaphorischen Rückschritten des Fortschritts. Ohne Anfrage beim „Besitzer“ lässt sich kein Mitglied einem Team selbsttätig hinzufügen. Jede Veränderung geht über den Tisch der Ordnungsmacht, während die Anwender sich noch mit den Eigenheiten des Neuen vertraut machen.
Für den ganz profanen Griff nach der Weltherrschaft braucht es jedenfalls keine ideologische Verschwörung. Man muss nur die technischen Abteilungen und das Kostencontrolling mit einem gut durchdachten Gratispaket impfen – wie im aggressiven Wettbewerb, den Microsoft gegen Slack geführt hat. (rs)

15. 6. 2020 (Kyoto)
Um halb acht aufgewacht. Der Wachmann der Baustelle öffnet den Absperrzaun. Die ganze Nacht lang ein Husten gehört, tief aus der Lunge, manchmal unterdrückt, manchmal ungehemmt, maximal fünf Minuten Abstand. Mit der Dämmerung das Fenster zu-, den Ventilator angemacht. Ich bringe den Müll raus, dessen Entsorgung man hier über die Mülltüten bezahlt, die je nach Bezirk eine andere Farbe haben. Obwohl die gelben Mülltüten überall unter blauen Schutznetzen liegen, haben die Krähen Methoden ersonnen. Letzte Woche war, gerade als ich meinen Müllbeutel abstellte, der Nebenmüllbeutel aufgepickt worden und ich habe meinen Müllbeutel wie ein Bollwerk davorgestellt. Viele Leute sparen hier. Meist fällt mir der 45-Liter-Müllbeutel ins Auge, der nicht, wie vorgesehen, zugeknotet ist, sondern überrandvoll überquillt und dann mit braunem Papierklebeband notdürftig zusammengehalten wird. Ich gehe noch zum Briefkasten 500 Meter weiter, bringe die DVDs weg, "Dead Man" von Jim Jarmusch nach 25 Jahren wiedergesehen. Und "Hikari" von Naomi Kawase: ein Fotograf, der das Augenlicht verliert, und eine Frau, die einen Film für Sehbehinderte übersetzt. Verbindungsglied war Nagase Masatoshi, der in "Mystery train" in Memphis auf der Suche nach Elvis ist, 2017 in "Paterson" Wiliam Carlos Williams verehrt und eben auch gern mit Kawase Naomi zusammen Filme macht. Gegenüber vom Briefkasten kehrt ein Hausmeister die schon weit verstreuten Innereien eines Müllbeutels zusammen, nirgendwo mehr eine Krähe zu sehen, als hätten sie gar nichts damit zu tun. Zurück vorm Haus drückt eine Frau in Leggings, die bis knapp über die Knie reichen, mit ihren Füßen in Hauspantoffeln jeden einzelnen Müllbeutel näher an die Wand und fester zusammen, sie macht das sehr lang und schaut mich auch lang an. Kein Gruß. Ich gehe die Treppen hinauf. Den Fahrstuhl benutze ich schon lange nicht mehr. Der Husten kommt aus einer Wohnung im zweiten Stock, selbst jetzt, wo die Geschäftigkeit des Tages ansetzt, schallt er noch deutlich. Die Regenzeit hat begonnen. Gerade erst aufgestanden und schon komplett befeuchtet. Ende März, Anfang April muss es gewesen sein, dass Ministerpräsident Abe die Lieferung von jeweils zwei Masken an jeden Haushalt versprach. Und nun haben wir sie endlich geschickt bekommen. Drei Tage später auch ein Brief mit dem Formular, damit jeder von uns 100000 Yen bekommt. Gleich losgeschickt. Auch die Maske habe ich gleich anprobiert. Sie hat eine viereckige Form und lässt an den Wangen große Schlitze offen, was ich bei der Hitze und Feuchtigkeit nun gar nicht so schlecht finde. Sie rutscht leicht, sodass die Nasenlöcher offen liegen. Viele Leute sollen sich beklagt haben wegen schlechter Qualität dieser Masken und sie in den jeweiligen Rathäusern gleich wieder zurückgegeben. Der Regierungssprecher Suga soll darauf hingewiesen haben, dass man die Masken nicht wegwerfen, sondern aufbewahren soll. (ast)

12. 6. 2020 (Hamburg-Eimsbüttel / Kyoto / Tokio)
jetzt, wo ich den letzten beitrag von (ast) aus kyoto zum thema windbeutel lese, fällt mir wieder ein, dass meine beschreibungen von kirschblüte und sonnenuntergang sich in der tat auf kyoto bezogen, oktoberfest-dimensionen und sushi sind dagegen ganz klar tokio. das so zusammenzurühren ist natürlich unzulässig. ich glaube fast, das war so eine art replik mit dem hinweis, dass es windbeutel in tokio nicht gibt, und der lobpreisung der windbeutel-tradition in kyoto. jedenfalls fühle ich mich ertappt. mir war die problematik beim schreiben schon bewusst, ich wollte das eigentlich einfach über mehrere ortsangaben lösen: in kyoto einsteigen, abends kurz nach tokio springen und später noch mal sonnenuntergang am fluss in kyoto, aber das funktioniert nicht so richtig. und dann bin ich irgendwie auf der verkehrsinsel in eimsbüttel hängen geblieben und habe es ganz vergessen.
man hätte natürlich auch einfach die windbeutel rausnehmen können, hanami, karlsson und fade sonnenuntergänge hatten wir tatsächlich auch in tokio. aber dieser spezielle moment, die plötzliche sehnsucht nach der blauen stunde, das war halt in kyoto.
ich würde allgemein die tokioter küche der kansai cuisine vorziehen (osaka/kyoto: weniger fisch, dafür viel ei, mayonnaise und so was, cremefüllungen), aber die windbeutel in kyoto sind für mich die besten der welt (die datenlage ist allerdings dünn, in der kurpfalz konnte ich bisher nur einen probieren). man muss beim verzehr draußen in kyoto nur aufpassen, dass nicht schräg von hinten ein milan ankommt und einem unverhofft den windbeutel abnimmt. (ow)

11. 6. 2020 (Hamburg Eimsbüttel)
Antikörper, Runde 3:
Die Firma Roche hat kürzlich mit viel Rummel einen neuartigen Antikörpertest mit nie dagewesener Genauigkeit angekündigt, ein schweizer Qualitätsprodukt, das endlich Sicherheit bringen soll und nun massenhaft verfügbar ist. Jens Spahn und Markus Söder persönlich waren bei der Eröffnung der neuen Produktionsanlagen in Penzberg anwesend, ganz großer Bahnhof. Auch wir sind darauf reingefallen und haben beim Arzt diesen neuen Test gemacht, um das umwahrscheinliche Ergebnis des letzten Labortests (Kind positiv, Eltern negativ) zu verifizieren, obwohl die Laborärztin gleich meinte: "Das nimmt sich nichts." Das Ergebnis: alle negativ. Die Ärztin findet das komisch, weil 3 Wochen zuvor der positive Befund beim Kind eigentlich zu eindeutig war, als dass er fehlerhaft hätte sein können. Aber niemand weiß, wie schnell die Antikörper unter den "Cutoff" absinken, dafür gibt es Corona noch nicht lange genug. Die angeblichen 100 % Sensitivität des Roche-Tests wurden 14 Tage nach Krankheitsbeginn gemessen, am Maximum der Antikörperproduktion, das heißt also nichts, nach inzwischen fast 4 Monaten. Das Labor spricht nur von "über 94 %", das wäre mit 5–6 % nicht erkannten in der Tat genauso schwach wie der erste Labortest. Im direkten Vergleich der Zahlen schneidet der ursprüngliche Geburtstagsschnelltest mit nur 1,8 % sogar deutlich besser ab, er wäre drei Mal so empfindlich. Das könnte erklären, warum es damit bei mir noch ein schwaches Signal gab, bei den Labortests aber nicht mehr.
Nach drei Tests sind wir jetzt also wieder bei Null, wissen gar nichts. Ist ja eigentlich auch ganz egal, Gewissheit kann es eh nicht geben, über Immunität schon gar nicht. Trotzdem überlege ich ernsthaft, wieder von vorne anzufangen und in der Apotheke nach dem Schnelltest zu fragen. (ow)

11. 6. 2020 (Hamburg)
Was man jetzt immer wieder findet, ist das Meme und Motiv vom "crazy year 2020". Zuletzt wieder bei Kommentaren zu den Berichten über die singende Golden-Gate-Bridge, die Ingenieure wohl versehentlich in eine riesige Luftharfe umgebaut haben, deren unheimlicher dissonanter Science-Fiction-Film-Akkord bei Wind jetzt in San Francisco kilometerweit zu hören ist. "2020 man, this is the soundtrack."?Es ist ein globales Meme und wird dann regional angepasst. Die 2020-Reihe geht ungefähr so: Beinahe dritter Weltkrieg ausgebrochen, Australien brennt ab, Kobe Bryant stirbt bei einem Hubschrauberabsturz, globale Coronapandemie und -quarantäne, US-Verteidigungsministerium bestätigt UFOs, globale George-Floyd-Proteste, Anonymous ist wieder da, Trump im Bunker des Weißen Hauses, Ebola ist wieder da.
Es gibt davon dann unterschiedliche Variationen, mal ist auch noch ein Asteroid mit dabei oder die Heuschreckenplage in Afrika oder Killerwespen, mal brennt Brasilien statt Australien ab, oder Tschernobyl, mal ist es Irfan Khan statt Kobe Bryant, der gestorben ist, oder Pop Smoke. Globale Medienereignisse, Sachen die in den Fernsehnachrichten kamen, ergänzt und verwoben mit größeren und kleineren persönlichen 2020-Erlebnissen oder merkwürdigen lokalen Geschehnissen wie der singenden Brücke in San Francisco oder den vielen Klapperschlangen in der Bay Area dieses Jahr oder der autonomen Zone in Seattle, die in den letzten Tagen rund um das verlassene Polizeirevier am Capitol Hill entstanden ist. Die neueste 2020-Überraschung wird dabei dann jeweils wieder am Ende angehängt. Dazu dann noch ein launiger Kommentar wie "und wir haben gerade mal Juni" oder Ähnliches.
Meine Lieblingsvariante davon ist das eingefrorene Standbild von einem aufgedrehten TV-Teleshop-Presenter, der seine Präsentier-Handgeste macht, darüber steht "2020 every second", und unten eingeblendet: "BUT WAIT, THERE'S MORE". (sb)

10. 6. 2020 (Südwestfalen)
Nach NRW über die doch recht volle A1. Der ganz normale Kraftfahrerrassismus und Kleinere-Großstadt-Chauvinismus nennt die Region mit dem Kennzeichen MK heutzutage zärtlich Märkisch Kongo. Die Wilden Landwirte und Provinz-Idioten des Nordens verstehen das. Regenwald also, nicht ohne braune Klimaflecken.
In Hamburg hatte ich an Pfingsten, in den Tagen vor meinem Office-Umzug, zum ersten Mal während der gesamten Pandemiezeit überhaupt, spürbar Respekt vor der Corona-Polizei. Vor einem Treffen mit G. und L. im Isepark las ich nach, was eigentlich erlaubt und verboten ist. Die Zwei-Haushalte-Regel hielten wir – wenngleich eine Familie – eindeutig nicht ein. Schon neulich beim Essengehen mit O. und W. hatten wir sie ignoriert (was macht das Restaurant eigentlich mit der Adressliste?).
Meine Kinder, die keine Kinder sind, erwiesen sich jedenfalls als ebenso routiniert wie aufmerksam. Sie seien abends beim draußen Sitzen mit Freuden immer erst freundlich verwarnt worden, bevor sie jemand kontrolliert habe. Dennoch Rücksicht auf den latent paranoiden Vater: Kreuzte ein Polizeiwagen auf, entfernte sich G. schnell ein paar Schritte aus der Kleingruppe. Möglicherweise hatte das plötzliche Sommerwetter Einfluss auf meine Besorgnis. Der Drang nach draußen, das Gewimmel in Straßen und Parks. Trügerisch gefühlte Lockerungen, denen keine ordnungspolitischen entsprachen.
Eine lange Schlange und das vorerst letzte Hamburger Eis. Zu den faszinierenden Corona-Phänomenen gehört es, dass der gebotene Abstand nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Dimension hat.
Hier in der Provinz gehen die Uhren anders und fühlt sich der Umgang mit dem Virus wie runtergeregelt an. Keinerlei Berührungsängste bei S.s Eltern und dem Rest der Familie. Umarmungen. Herzliche Gelassenheit. Drei Infektionsfälle meldete die einzig verbliebene Lokalzeitung noch vor Tagen. Neuerdings sind Lüdenscheids grüne Hügel offiziell coronafrei wie Neuseeland. Zwischenbilanz: 92 Genesene, 3 Tote. Das mag sich in dem entspannt regelgemäßen Infektionsalltag niederschlagen. Die Menschen bewegen sich, als erfüllten sie eine fremdartige Pflicht, die andernorts Auswirkungen haben mag, von denen man hier nur das Hörensagen kennt.
Die Zulieferindustrie für die Autobranche muss sich allerdings Sorgen machen. Und in den kleineren Ortschaften staunen wir über die Geschäftsaufgaben: Ladenfläche zu vermieten, alle paar Meter in Altena (Bürgermeister Andreas Hollstein wurde wegen seiner liberalen Flüchtlingspolitik Ende 2017 in einem Dönerimbiss angegriffen).
Aber sind das Corona-Folgen? Vielleicht gibt das Virus der ein oder anderen hängenden Partie den letzten Schubs, bevor der Wumms des Bundesfinanzministers in die engsten Täler vordringt. Altena aktuell: 0 Infizierte, 9 Genesene, 1 Toter.
G. war in Hamburg zur Demo. L. ist nach vielen Wochen wieder in Wien. Ich bleibe eine Weile im märkischen Dschungel. Gegen die frisch entwickelte Zecken-Phobie haben wir Autan angeschafft. (rs)

10. 6. 2020 (Berlin, Hornwachte)
Vorgestern hat meine Mutter zum ersten Mal nicht gleich nach dem Besuch im Krankenhaus bei mir angerufen. Und gestern gar nicht. Mein Bruder schickte mir stattdessen ein Bild von meinem Vater, wie er mit einem Rollator ins Wohnzimmer kommt. Das CT hat ergeben, dass mein Vater einen Wirbel gebrochen hat. Und vielleicht auch eine Rippe, das wusste er selber nicht so genau. Also doch keine so guten Nachrichten. Man wird sehen, wie das Ganze weitergeht, der Wirbel, der letztes Jahr gebrochen war, ist verheilt. Es wurde entschieden, dass ein Korsett reicht und erst mal nichts weiter gemacht wird. Er soll liegen oder laufen und nicht stehen oder sitzen, dann sind die Schmerzen sowieso am stärksten. Die Infusionen haben sie jetzt umgestellt auf Tabletten. Er rief mich diese Woche noch aus dem Krankenhaus an, als ich auf dem Rasen vor dem Haus saß.
Meine Mutter schwärmt von den Blutwerten meines Vaters und «wie gut er drauf ist». Wenigstens konnte sie wieder raus und sich mit anderen Leuten treffen, als er im Krankenhaus war und musste nicht die ganze Zeit zu Hause sein. Sie wollte neulich die Gastwirtschaft für die Feier seines 80. Geburtstags reservieren und er bat sie, noch zu warten.
Sie hat neue Töpfe und eine unbenutzte Küchenmaschine für mich rausgesucht, die sie mir mitgeben will. Die alte von der Tante Leni habe ich neulich erst weggeschmissen, schweren Herzens, mehr aus Nostalgie habe ich die aufgehoben, benutzt habe ich die schon mindestens fünf Jahre nicht mehr. Zum Glück habe ich nicht den allerkleinsten Wagen gemietet, damit wir was transportieren können.
Mein Freund möchte eine Liste aller Sozialkaufhäuser zwischen hier und Hornwachte erstellen, damit wir die abklappern können. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir in Italien an einem riesigen Gebrauchtmarkt vorbeifuhren, den man von der Autobahn aus sehen konnte, kurbelte er das Fenster runter und schrie in Richtung Laden: «Ich reserviere alles – und komme wieder!» Am Freitag waren wir in Spandau in einem Gebrauchtwarenkaufhaus, aber es war enttäuschend. Sie hatten vermutlich, als der Laden geschlossen war, zu viel Zeit aufzuräumen und alles zu sortieren.
Am Wochenende haben wir die Küche gestrichen, untenrum in einem frischen Hellblau, und weitere Küchenschränke aufgehängt. Die Farbe dafür hatte ich schon vor Ostern gekauft, aber dann kamen die bestellten Schränke nicht und alles landete in der Warteschleife. Erst später habe ich festgestellt, dass der Farbton sehr ähnlich ist zum Hellblau der Türen in der Onkologieambulanz.
Ich habe seit letzter Woche fast jeden Tag einen Chabrol-Film geschaut, das hat mich abgelenkt. Weiter weg als die französische Bourgeoisie in den 1960ern und 1970ern kann für mich gerade gar nichts sein. Jetzt erst mal Pause, denn heute Abend hole ich das Auto ab und morgen fahren wir zu meinen Eltern, auch eine ganz andere Welt. (pp)

10. 6. 2020 (Kyoto)
Ein Student aus Hongkong sitzt pittoresk am Fenster, er ist der Einzige, der nicht in die Kamera, sondern nach draußen blickt, ich folge seinem Blick und frage mich, ob er da auf Osaka oder Hongkong blickt. Das Muster von Gardinen, das Licht und die Schattierungen, die auf Gesichter geworfen werden, der Grad von Leere und Aufgeräumtheit. Personen im Hintergrund. Jemand, der sich aus dem Schrank ein Glas holt. Das sei die kleine Schwester. Der Dackel mit dem Namen Rocky will auch in die Kamera blicken. Und einmal sitzt eine Mutter gleich nebenan und ich höre, wie sie das Geschehen und die Bilder kommentiert, sehe, wie die Studentin die Mutter aus dem Bildausschnitt drückt. Zu gern würde sie wohl selbst teilnehmen. Manche halten ihr Gesicht ganz nah an die Kamera, andere sitzen etwas entfernt wie beim Yoga.
Das Repertoire von Bewegungsabläufen im öffentlichen Raum hat sich erweitert. All die Anleitungsvideos für Fitness-, Muskel-, oder Yogaübungen zeigen Wirkung, und was sich bisher zu Hause in den eigenen vier Wänden bewährt hat, das wird nun auch draußen ausprobiert. Die Frau, die im Teeladen verkauft, sitzt auf einer Bank, schlägt ein Bein über das andere und steht dann auf einem Bein auf, dann umgekehrt. Ich könnte schwören, dass sie das früher nie gemacht hat. Sie lacht verlegen, als ich sie grüße.
Für das Wortschatztraining gibt es immer wieder Übungen, in denen man aus einer Reihe von Wörtern eines streichen soll, das nicht passt. Ich mag solche Übungen nicht, wenn sie stark reglementieren. Rot, grün, blau, Fahrrad. Ich mag sie, wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, wenn sie als Gesprächsanlass dienen können. Tokyo, Bier, Sushi, Windbeutel. "Ja, also ich, ich habe Tokyo gestrichen, weil das kann man weder essen noch trinken." "Ach so, und ich habe Windbeutel gestrichen, weil es in Tokyo keine Windbeutel gibt." Windbeutel gab es für mich früher in der Kurpfalz. Was waren die mächtig, hinter der Schauglasscheibe beim Bäcker, Schlagsahne mit viel Sahnesteif, manchmal auch eingelegte Kirschen darin. Windbeutel hat schon mein Vater während seiner Kindheit geliebt, und ich habe als Junge zu Hause Windbeutel selbst gebacken, immer ein ganzes Blech, manchmal auch zwei oder drei. In Kyoto sind die Windbeutel zu Shuu-kurimu geworden. Dreimal kam bisher mein Vater zu Besuch hierher, immer wollte ich mit ihm zusammen japanische Windbeutel essen und jedes Mal habe ich es zu meinem Bedauern vergessen.
Vor vielen Jahren gab es einen Übersetzungswettbewerb, und weil ich nichts anderes zu tun hatte, zudem infolge massiven Geldmangels auch keinerlei Spielraum besaß, habe ich mich einen Sommer lang voll und ganz in diese Übersetzungsarbeit gestürzt. Und jeden Nachmittag um drei bin ich zum Kombini, 200 Meter von der Wohnung entfernt, gleich am Seeufer und habe mir aus der Kühltheke Shuu-kurimu genommen, wie wertvoll das war, wie köstlich, die Süße, die Kühle, die Konsistenz aus weichem kalten Brandteig und die Füllung aus Schlagsahne oder Puddingcreme oder beiden Cremes. Nur war dieses Vergnügen immer so schnell vorbei. Und dann wieder diese Mühe, Zeichen für Zeichen nachzuschlagen, die Striche zu zählen. Kaum ein Vorankommen. Wie lange hat das immer gedauert, bis es 3.00 Uhr am Nachmittag war.
Kurz bevor man die Grenzen der eigenen Präfektur nicht mehr überschreiten sollte, war ich noch bei einer guten Freundin, sie wollte, dass ich in einem Restaurant, das eine ehemalige Klavierschülerin von ihr eröffnet hatte, Shuu-kurimu zum Mitnehmen kaufe. Und dort hatte Shuu-kurimu wieder die Ausmaße von Windbeuteln wie früher in der Kurpflalz. Mit einem großen Messer schnitt die ehemalige Klavierschülerin die beiden Beutel auf, mit einem Schöpflöffel gab sie Schlagsahne hinein.
Als hier das öffentliche Leben stark eingeschränkt wurde, habe ich beschlossen, keinen Alkohol und keine Süßigkeiten mehr zu konsumieren. Ich habe auch mit Work-out-Programmen begonnen, und wenn ich nach Luft japste, hat es geholfen, dabei "shuu-kurimu" zu rufen. Ich weiß nicht, warum. Einfach so ein dummer Einfall, der dann schnell zur Gewohnheit wurde. Und ein paar Tage später stand dann ein Päckchen mit Shuu-kurimu auf dem Tisch. Das war gut gemeint. Dabei waren mir die Ausrufe beim Hometraining gar nicht konkreter Wunsch gewesen, eher so etwas wie ein Ansporn, ein Schlachtruf zum Fettabbau. (ast)

9. 6. 2020 (München)
Fast könnte man den Eindruck gewinnen, es sei wieder Normalität eingekehrt. In der U-Bahn wird kontrolliert, bestelltes Essen kommt auf richtigen Tellern, in der benachbarten Kita husten die Kinder. Aber ausgerechnet beim abendlichen Joggen, dieser träge-sportlichen Tätigkeiten, die Prä-, Post- und Inter-Corona-Zeit miteinander verbindet, holt mich die Ausnahmesituation ein.
Aus dem an meine Joggingstrecke angrenzenden Wald vernehme ich seltsame Geräusche. Ich bin neugierig und biege ab auf einen Trampelpfad, der ins Dickicht führt. Im herannahenden Zwielicht kämpfe ich mich durchs Unterholz. Die Geräusche bilden eine Tonfolge. Ich erinnere mich an die Aliens in Unheimliche Begegnung der dritten Art, die sich mit der Musik-Plansprache Solresol verständlich zu machen versuchen. Was wollen sie mir mitteilen? Ich folge weiter der sphärischen Melodie und trete schließlich hinaus auf eine vom goldenen Dämmerlicht erhellte Lichtung.
Dort sehe ich keine Aliens, noch nicht einmal kiffende Teenager, sondern beige Stoffhosen, Perlenketten und graue Long Bobs. Circa fünfzehn ältere Damen stehen im Kreis und singen. Sie treffen sich hier im Wald zur illegalen Chorprobe.
What did you expect to find? (jmb)

9. 6. 2020 (Berlin)
The world population is a hidden, withdrawn object. You walk around and you cannot see it, cannot smell it, cannot touch it. I think of it as a dark object, but dark not like what you see when you close your eyes, but like what you see at the back side of your eyes: positively nothing. The world population does not exist for you. All you ever see is people.
They are alive but the world population is not. It is an unliving thing that brings forth, hosts, embeds, your birth, and your being alive, and your death. But it is not dying with you, not born with you – and so with all of its human components. Yes it emerges with the species, and disappears with it, but not as a living thing.
So the world population is also an entity on the level of which no consciousness exists. This is a spooky thing: that we are in some precise sense part of it, and that we are wired to have consciousness (transcendental subjectivity, in Kant’s terms), while this object does not have that – while it brings us subjects forth. (weiter zum ganzen Essay: http://textem.de/index.php?id=3068 (df))

9. 6. 2020 (Notat vom 2. 6. Schaffhausen, Schweiz)
Meine Ankunft in der Schweiz hat mich ziemlich überrascht. Im Zug hat mich niemand auf meinen fehlenden Mundschutz angesprochen. Meine Mutter sagt, es sei kein Wunder, dass hier kaum jemand Maske trage, es sei freiwillig und es habe in dieser Stadt während dieser ganzen Zeit nur 6 Covid-19 bedingte Todesfälle gegeben. Alle sehr alt oder schwer vorerkrankt. Der Eine eher Jüngere war Drogennutzerin und das Ende, das habe man gesehen, sei schon vor Corona nahe gewesen. Drogennutzer*innen sind in dieser Stadt sehr präsent und allgemein gut bekannt. Ich hatte erwartet, dass hier in der Schweiz alles viel disziplinierter ist, aber nein. Im Bus keine Masken, im Zug kaum Masken und auch nicht in den Läden der Stadt. Eine kleine Bar ist geöffnet und Menschen umarmen sich im Freien. Fast ein bisschen als wäre nichts. Dennoch, natürlich ist Corona Thema Nummer 1 und auch Nationalismus und erschreckt muss ich feststellen, dass einer ganz offen sagt, er sei nicht links, er sei rechts, sei schliesslich seine freie Entscheidung. Er wolle nicht, dass „Ausländer“ mehr Sozialhilfe Geld bekommen als seine Schweizer Freundin. Sie würden „unser System“ ausnutzen. Als ich ihn auf den Kolonialismus, dessen Folgen und Wirksamkeit anspreche und darauf, dass es durchaus andersherum sei, und dass ich sowieso gegen Nationalstaaten sei, erwidert er nichts. In Deutschland dürfte er sich nicht länger unter Linken aufhalten, würde ausgeschlossen und fände nur noch Zugang zu rechts, was seine nationalistischen Urteile und Ansichten wohl verschärfen und verstärken würde. Aber die Leute hier, die seine Anwesenheit trotzdem akzeptieren und ihm Argumente liefern, die seine Sicht in Frage stellen, sind wahrscheinlich keine richtigen Linken. Denn richtige Linke, so habe ich das in Deutschland gelernt, sprechen nicht mit Rechten. Und nur manchmal frage ich mich, denn darüber sprechen geht ja nicht, was mit denen geschehen soll, wie mit Ideologie, Irrationalität und Xenophobie umzugehen sei. (nn)

8. 6. 2020 (Berlin)
Loswerden
Es ist wahnsinnig entspannt, wenn die ganzen jährlich wiederkehrenden Zwangstermine wegfallen, zu denen man sich immer irgendwie verhalten musste, egal ob man wollte oder nicht: Eurovision Song Contest, Schwules Straßenfest, CSD. Auch wenn die letzten beiden tatsächlich wichtig sind.
Das Fête de la Musique ist es aber für mich schon lange nicht mehr, vor mindestens zehn Jahren sind dort das letzte Mal interessante Acts aufgetreten. Heute gab es in meiner Straße eine Art Demo, bei der Leute Parkplätze besetzt hatten, um zu beweisen, wie viele Fahrräder drauf passen würden. Auf einem spielte eine grauenhafte Band – danke, ich verzichte.
Ebenso auf den Karneval der Kulturen – war ich dort jemals? Ich musste meistens nur die Straßensperrungen und von Weitem das ganze stumpfsinnige Getrommle aushalten. Caipi trinke ich eh nicht mehr und ohne geht dieses ganze «Othering» – oder wie sagt man heutzutage – nicht. Vor genau drei Jahren postete ich: «Als Student der Kultur ist für mich jeden Tag Karneval.» Sieben Likes.
Karneval überhaupt – ihr dachtet es vermutlich schon –, es liegt mir ebenfalls nichts daran. Sie wollen doch allen Ernstes im Herbst einfach so weiterfeiern. Obwohl klar ist, dass im Frühjahr gerade Karnevalssitzungen zu Hotspots wurden. «Das Festkomitee Kölner Karneval hatte Mitte Mai bereits mitgeteilt, 2021 feiern zu wollen. Natürlich sei die Planung sehr kompliziert, weil unklar sei, welche Einschränkungen gelten werden, hieß es. Im Gespräch sind beispielsweise Wagenburgen statt Rosenmontagszug oder auch den Sessionsauftakt an einen anderen Ort zu verlegen, vielleicht sogar gleich ins Fernsehstudio.» ?Das Theaterkartenheckmeck jeden Monatsanfang mit Planerei in einem extra Kalender, wann was ist, wer wohin mitkommen will und wer sich wann mit welchen Ermäßigungsscheinen wo anstellt oder parallel drei Browser aufmacht und versucht es im Netz zu kaufen – endlich passé! Jetzt kommen allerdings die Theater schon mit der Idee, das ganze Open Air zu machen und das Hickhack um die paar Karten geht dann doch wieder los und die Ruhe ist vorbei.
Es gibt nur noch das Schwimmbadkartengerenne. Aber da hat man immer noch die klitzekleine Chance, dass es dann einfach regnet oder zu kalt ist und man die Karte eh gar nicht mehr bräuchte und es sich deshalb erst gar nicht lohnt, sich drum zu kümmern.
Mein Sportprogamm bricht wohl bald weg, das ich von zu Hause gemacht habe. Der Turnverein, von dem ich von einer Freundin erlaubterweise den Zugang bekommen habe, will alles zurück in die Halle verlegen. Und die ist in Kreuzberg, dorthin fahre ich nicht für ein bisschen Functional Training und Yoga, so groß ist die neu entflammte Liebe zur Yogalehrerin leider doch nicht. (pp)

4. 6. 2020 (Hamburg-Eimsbüttel)
Die Kirschblüte erfüllt alle Erwartungen. Es ist wirklich zauberhaft, man wandelt durch Parks, über Brücken, an Kanälen entlang, macht Fotos, bleibt stehen, staunt und lässt sich schließlich im Gras nieder, um die fantastischen Windbeutel zu kosten. Abends nimmt das ganze dann Volksfestcharakter an, überall sitzen unter rieselnden weißen Blättern Jung und Alt auf blauen Plastikdecken beisammen, Sushi essend und Dosenbier trinkend; in das gedämpfte Gemurmel mischen sich Lachen und gelegentlich sentimentaler Gesang. Vom Umfang her ist Hanami fast mit dem Oktoberfest vergleichbar, entsprechend wird auch hier im Verlauf der Nacht noch öfter in die U-Bahn gekotzt werden. Nur die Atmosphäre ist eine ganz andere, so friedlich, so schwebend zwischen Euphorie und Melancholie, perfekt eigentlich.
Später im Hotel lese ich N. ein weiteres Kapitel aus Karlsson vom Dach vor. In diesem wunderlichen Buch finden sich neben lustigem Streichen auch Beschreibungen von lauen Frühsommerabenden in Stockholm. Wie Lillebror und Karlsson auf dem Dach sitzen, Zimtwecken essen und die Stadt in der Dämmerung betrachten. Wie die Bäume zu dunklen Flächen werden, der Himmel aber noch leuchtet. Wie alles ganz langsam in ein blassblaues Licht getaucht wird und die Zeit stillsteht. Ja genau. So hatte ich mir, unbewusst, wohl auch die Kirschblüte vorgestellt: als Fest in der Dämmerung, eine Art Midsommar alla giapponese. Aber das geht natürlich nicht, denn trotz des im Frühjahr mit Hamburg vergleichbaren Klimas liegt Tokio mindestens so südlich wie Kreta und der Sonnenuntergang bietet das für diese Breiten typische triste Schauspiel: Egal wie klar der Himmel tagsüber war, wird er am frühen Abend plötzlich trübe, schlierig, grau-gelb und schon ein paar Minuten später ist es dunkel. Dieser unwürdige, hektische Auftritt der Nacht deprimiert mich jedes Mal und mir wird ganz elend. Der Jetlag macht mir wieder zu schaffen, mit diesem typischen Gefühl der Verlorenheit.
Die Karlsson-Lektüre in Japan hat bleibende Wirkung. Auch jetzt, sechs Jahre später, kommt es vor, dass ich beim spätabendlichen Quarantänespaziergang durch Eimsbüttel auf einer Verkehrsinsel stehen bleiben muss, weil sich hier der Himmel weitet und das "dunkle Hellblau", wie N. es einmal nannte, so fein kontrastiert mit dem Orange der Staßenlaternen und den Lichtern der Grindelhochhäuser. Die Atmosphäre ist ebenso harmonisch wie irreal, sogar dem Straßenverkehr verleiht das eine gewisse Eleganz. Ein bisschen wie auf einer Langzeitbelichtung oder so einem hoffnungslos überbearbeiteten HDR-Foto aus den Reisemagazinen, die beim Zahnarzt ausliegen. Nein, das trifft es nicht, das hier ist viel besser. Alles wirkt so feierlich in diesem Zwielicht, man möchte sich direkt auf eine Bank setzen, mit Sushi und Dosenbier und sich das noch eine Weile anschauen. (ow)

4. 6. 2020 (Berlin)
Der Mieter
Ich habe gestern abend eine Kerze angezündet und zur Ablenkung einen Chabrol-Film geschaut. Die Frau quatscht am Ende zu viel mit der Tochter und sie und ihr Lover fliegen doch noch als Mörder auf, weil die Tochter die Mutter zwar beschützen wollte, aber gerade das eben erst recht Staub aufwirbelte.
Heute morgen bin ich viel zu früh irgendwann nach sechs Uhr aufgewacht. Noch vor neun japste mir erst mal ein Monteur die Bude voll. Er war total fertig vom Treppensteigen bis in den vierten Stock, dabei sah er gar nicht so unfit aus. Ich hatte zwei der drei Fenster vorsorglich aufgemacht und selber eine Maske auf, er natürlich nicht, und bin auf Abstand geblieben, was bei meiner kleinen Wohnung nicht einfach ist. Er hat ziemlich schnell entschieden, dass es für das Modell meines Gasherdes keine Ersatzteile mehr gibt und ich einen neuen bekomme. Mit eingebauten elektrischen Anzündern sogar. Am Montag wollen sie zu zweit kommen, ich lege vielleicht mal vorsorglich Einwegmasken für beide zurecht.
Dann hat sich das hoffentlich mal erledigt mit den regelmäßig verbrannten Kuchen und den Experimenten, wie man was in einem Gasherd ganz normal durchbacken kann, der nur noch auf höchster Stufe läuft. Mal sehen, was ich als Nächstes reparieren lasse. Jetzt, wo ich eh im Homeoffice bin, brauche ich ja zumindest nicht extra um diese Termine herumzuplanen. Auch wenn es natürlich trotzdem nie genau passt, weil die jetzt natürlich unbedingt schon weit vor meinem Arbeitsbeginn kommen wollen.
Habe zum ersten Mal was per Click & Collect in der Drogerie bestellt, warum eigentlich nicht früher? Ich brauchte doch tatsächlich Klopapier, erst zum dritten Mal seit der «Krise», so was muss man sich «in diesen verrückten Zeiten» einfach merken. Das, was ich wollte, gab es zwar laut Website in «meinem» Markt; da es allerdings nicht regulär online bestellbar ist, konnte ich es trotzdem nicht nehmen, sondern nur was Teureres. Beschwerde ist eingereicht. Die Einwegmasken für die Herren Monteure konnte ich ebenfalls nicht bestellen, aber bis Montag ist ja noch ein Weilchen hin.
Nun zum Wichtigsten: Mein Vater hat kein Corona – ich hatte es auch nicht erwartet –, er kommt in ein Mehrbettzimmer und hoffentlich schon bald aus dem Krankenhaus. Meine Mutter darf ihn heute besuchen und ihm Klamotten, aber kein Essen mitbringen. Sie fragt sich, ob und wie seine Kleidung desinfiziert wird.
Mein Bruder arbeitet jetzt wieder Vollzeit und stellt seinen Videoservice per WhatsApp-Gruppe ein: «Hallo, Leute, da sich die Lage wieder zu normalisieren scheint und meine Zeit auch wieder weniger wird, werde ich die Serie heute einstellen. Natürlich folgen in den nächsten Wochen noch einige DJ-Heaven-Videos in unregelmäßigen Abständen. Hoffen wir mal auf keine 2. Welle. Danke für euer Interesse. See you» – Als Reaktion kommen zehn Dankesnachrichten. (pp)

4. 6. 2020 (Berlin / USA / Sudan)
Gestern, als es nicht auszuhalten war, Bildnis einer Trinkerin gekuckt. Einer der großartigen Ulrike-Ottinger-Filme. Berlin war so verlangsamt, Tabea Blumenschein und die Soziologinnen im Chor sind exquisit gekleidet, gleichzeitig gibt es dieses Gefühl des Präkapitalistischen, an das ich mich hier aus den 1980er Jahren gut erinnern kann. Auch in den frühen 90ern, als Techno in experimentellen Orten getanzt wurde, war dies die Grundstimmung. Heute schwirrt sehr viel mehr rum, im Kopf, in den Medien, in der Atmosphäre. Die Annäherung an Themen mit Abstand, Forschung, Hineinbegeben waren oft langsame Prozesse, setzten häufig Ortswechsel voraus. Jetzt geht der switch ganz schnell, kurz im Sudan, dann bei der #Blacklivesmatter-Demo. Das ist genau auch das Großartige; nicht nur auf eine meinungsführende Stimme verlassen, etwa was sich Spex und DD denkt, sondern all die Stimmen, die damals nur erschwert und gefiltert zugänglich waren, sind jetzt da.
Vielleicht das Härteste, zu lernen, dass die Vielfalt auch bedeutet, dass die eigene Stimme nicht immer gehört werden muss, nicht Diskurshoheit im Endlosloop herstellen muss.
Interessant, wie sehr sich Trump als Avatar in einer Theweleit-SimCity generiert mit dieser Männlichkeit ist gleich Dominanz. Da möchte ich sofort ins Bett und schlafen oder Sarah Cooper als Tiktok-Spiegel in SecondLife gegen Trump aufbauen.
Er sagt, er müsse dominieren, beschimpft die Gouverneure der Bundesstaaten als Schwächlinge und ruft sie auf zu dominieren. Niemals habe ich von Rebellen oder Militärstrategen so rudimentäre, wenig raffinierte Strategien gehört.
Dass der systemische Rassismus und seine präsidiale Unterstützung das Aufbrechen des Gesellschaftsvertrags vorantreibt, die Legitimität der Regierung unterminiert, wird deutlich. Wenn ein Regime die Sicherheitskräfte zum Machterhalt und nicht zum Schutz der Bevölkerung einsetzt, ist das schon weit im Autoritarismus.
Wie beim Arabischen Frühling oder im Sudan vor einem Jahr bleibt die Frage, wer sich in den kommenden Tagen wie positioniert? Bleibt die Unterstützung der Republikaner, der Armee, der rechten Trolle, der Polizei oder brechen die Allianzen der rassistischen Entitlementfront auseinander? Werden sich die Interessen der weißen Jungs, die derzeit auf dem Rücken schwarzer, toter Körper Frustenactment spielen durch Eskalation und Verrat gegen die Protestierenden bpocs richten? Oder gibt es ein Zusammenkommen zwischen den Protestierenden und der Legislative?
Am 3. Juni jährte sich das Massaker an den sudanesischen Protestierenden. Milizangehörige des jetzigen großen Mannes im Sudan, Hemedti schossen auf ein Protestcamp, zwei Monate nachdem Bashir gestürzt war. Ob es tatsächlich 241 Tote gab, lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Der Gesellschaftsvertrag im Sudan war unter der Bevölkerung intakt. Für die USA gilt das nicht. Wie sieht’s denn hier aus? (aw)

3. 6. 2020 (Bremen / Hamburg-Altona)
Bremen: Die Tante im Altersheim hat inzwischen einen Weg gefunden, raus- und auch wieder reinzukommen, wo jetzt der Türbuzzer außer Betrieb gesetzt wurde. Während der Öffnungszeiten geht sie durchs Café und durch die Terrassentür und muss dann nur rechtzeitig zurück sein. Aber sie bleibt brav auf dem Gelände. Hamburg: Die Hinterhofkatze nutzte ein im Gemeinschaftsgarten stattfindendes Picknick und lief durch alle offen stehenden Durchgänge, bis sie an der Straßenseite war. Offenbar zum ersten Mal, denn als ein Auto vorbeifuhr, erschrak sie und sauste wie der Blitz in ihr Biotop zurück. Neues vom Job: Laut einer Rundmail des Managements beginnt Stufe 2 der Rückführung, heißt, ein paar mehr Leute kommen zurück, und sie lassen langsam die Kantine wieder anlaufen. Man kann aber selbst entscheiden. Die Abteilungschefs machten daraus für uns Stufe 3 und warben, nun zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen, für unsere Rückkehr. Wir arbeiten aber eben sehr viel effizienter, seit wir uns dezentral organisiert haben. Einzelnes, was schiefgeht, etwa der Ausfall der VPN-Verbindung bei einer Kollegin während zwei Stunden, werden als Argument für die Rückkehr in die Waagschale geworfen. Zu Hause: Die Anfang April spontan bestellten Trigema-Masken sind gekommen. Dazu eine Hochglanzbroschüre mit den Gästen der 100-Jahr-Feier von Trigema im vergangenen Jahr. Ansonsten: Über Pfingsten mehrfach Leute getroffen, Besuch bekommen, total erschöpft. (smo)

3. 6. 2020 (Berlin / Hornwachte)
Am Pfingstmontag ist mein Vater ins Krankenhaus gekommen. Er ist Pfingstsonntag abends raus zum Erdbeeren Pflücken – «Rupfen», wie man bei uns sagt – und ist dabei umgefallen. Er hatte nur Hausschuhe an und wohl das Gleichgewicht verloren. Eine Nacht war er noch zu Hause mit einer Beule, die am Morgen zwar weg war, aber am Montag waren die Schmerzen so stark, dass er von meiner Mutter und meinem Bruder ins Krankenhaus zum Röntgen gefahren wurde. Es ist nichts gebrochen; es wurde ein Haarriss in einer Rippe gefunden. Er hätte nach Hause gehen und dort Schmerzmittel nehmen und jederzeit wieder kommen kommen, aber er hat sich entschieden, dass er drin bleibt und sie sich als Infusionen geben lässt, weil er schon so viele Tabletten nimmt.
Meine Mutter sollte den Medikamentenplan aus dem Auto holen, und als sie zurück kam, durfte sie schon nicht mehr zu ihm, denn sie hatten schon den Abstrich für den Test gemacht. Sie ist total genervt, dass ihr das vorher niemand gesagt hat und sie sich nicht mal von ihm verabschieden konnte. Jetzt darf er bis zum Testergebnis ungefähr zwei Tage später niemanden sehen. Es kommt wohl auch selten eine Schwester ins Zimmer, er kann sich kaum die Socken anziehen, wenigstens schafft es alleine aufs Klo. Sein Handy hat er auch ausgeschaltet, damit der Akku nicht leer wird, bis meine Mutter wieder kommen darf und das Kabel mitbringt. Nur sie darf ihn besuchen, maximal 30 Minuten am Tag. Dafür muss sie sich für eine feste Zeit anmelden, das wird dann von einem Wachdienst kontrolliert.
Jetzt liegt er also erst mal ganz allein in einem Einzelzimmer.
Ich habe mich mit meinem Freund bei ihnen zu Besuch angekündigt für in zehn Tagen. Ich war noch nie mit jemandem dort, ich glaube, es wird jetzt einfach Zeit. Mein Freund hat sehr darauf gedrängt, er will unbedingt mal raus und auch dorthin. Wir werden ein Auto mieten und uns auf dem Weg in Thüringen das Bauernkriegspanorama von Werner Tübcke – die «Sixtina des Nordens» – anschauen. Da wollten wir eh schon länger mal hin. Von dort aus weiter nach Hornwachte. Ich bin schon gespannt, was da auf uns alle zukommt. Ich habe keine Angst davor, wird schon laufen.
Ich freue mich auch schon darauf, einfach wieder aus dem Haus zu gehen und gleich auf dem Feld zu sein und nicht erst ewig weit fahren zu müssen. Am Samstag waren wir mit dem Fahrrad in Oranienburg über Hennigsdorf und zurück noch über Spandau. Über 70 Kilometer mit dem Fahrrad. Hätte mir das am Freitag jemand gesagt, hätte ich ihn für verrückt erklärt, ich fühlte mich da noch recht müde, aber Samstagnachmittag war ich wieder ziemlich fit. Ich musste dabei auch an meinen Vater denken, der immer gegen den Willen meiner Mutter allein draußen mit dem Fahrrad rumfährt, was regelmäßig zum Streit führt.
Im September wird, wird, wird mein Vater 80. (pp)

3. 6. 2020 (Hamburg)
das recht auf ansteckung.
mir begegnet eine flugbegleiterin auf der straße, sie fliegt für eine schweizer fluglinie und ist auf kurzarbeit, sie sieht glücklich aus, frühsommerlich gebräunt und ist wirklich fröhlich und sieht nicht nur so aus, sie erzählt, dass sie wieder angefangen hat, klavierstunden zu nehmen, sie musiziert also viel. nächste woche hat sie seit langer zeit wieder einen flug, nach singapur mit medizinischem equipment (ich habe nicht gefragt, in welche richtung das material geflogen wird). im spam finde ich heute außerdem diese annonce von easy jet (ohne den kleinsten hinweis, dass es zwischendurch »was« gab, dass »es« nicht vorbei ist und dass mit dem flugzeug von hamburg nach frankfurt fliegen schon immer beknackt war): »DER SOMMER SALE STARTET JETZT. Mehr als 1 Million Sitzplätze für 29,99 Euro. Wir freuen uns, dass wir bald wieder viele unserer europäischen Destinationen anfliegen werden. Um dies zu feiern, haben wir unseren Sommer Sale mit über 1 Million verfügbaren Sitzplätzen gestartet! Mit attraktiven Angeboten ab 29,99 Euro für Reisen zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober 2020 ist jetzt die Gelegenheit, um sie für diesen Sommer zu nutzen. Aber beeile Dich, denn dieses Sommerangebot endet am Freitag, dem 5. Juni 2020, um 9 Uhr morgens!« gute nacht (nor)

1. 6. 2020 (Kyoto)
Veränderungen. Diese Woche auf dem noch immer menschenleeren Campus gewesen. Wie ich aus dem Getränkeautomaten eine Wasserflasche orderte, erstaunt gewesen, dass sich die Plastikklappe über dem Ausgabefach von allein öffnet. Mich erinnert, wie ärgerlich ich es immer fand, diese oft schmutzige Klappe mit einer Hand zu öffnen, wo ich in der Eile auch oft keine Hand richtig frei hatte, wie ärgerlich es immer war, wenn beim Hineingreifen die Klappe gegen den Unterarm schlug. Jetzt aber bleibt sie lange genug offen und schließt sich dann wieder von allein.
Morgen für Morgen beginnt um 8.15 Uhr, begleitet von Pianoakkorden, die Morgengymnastik der Bauarbeiter.
Im Park am frühen Abend ein Mann, um den sich aufgeregt Krähen versammeln, in einem Halbrund, mit gebotenem Abstand, sodass es für Momente wirkt, als wäre der Mann Künstler auf der Bühne einer Arena. Auch ich bleibe stehen, will zusammen mit den Krähen seinen Darbietungen folgen.
Das erinnert mich an den Krähenmann, so haben wir ihn immer genannt, der stets sein altes schwarzes Herrenrad neben sich herschob, auf dessen Gepäckträger wenige Besitztümer gespannt waren. Auf seinem Kopf, auf der Schulter sowie auf dem Lenker des Rads jeweils eine Krähe. Vielleicht waren es auch Dohlen. Wir sahen ihn immer nur von fern und wollten auch nicht allzu aufdringlich nach ihm starren. Eine weiß-graue Gestalt, das war Krähenkacke, auch auf seinem Kopf, die ihm aber nichts auszumachen schien. Wir kommen nicht mehr darauf, wo uns der Krähenmann begegnet ist. Wir meinen, das war in Heidelberg.
Eine weitere Assoziationskette ist die vom alten, mächtigen, morschen Baum hin zu einer Burgturmruine, die diese Woche verlängert wird zu meinem Backenzahn, aus dem wiederholt das Inlay herausgefallen ist. Dank dieser Assoziationskette empfinde ich nun ebenso beim Gedanken wie auch beim Anblick des Zahnstumpfs, der Zahnruine, des Zahngerippes anders.
Der Rauhhaardackel, dem vor den Hinterbeinen eine Radachse untergeschoben ist. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Aber warum lassen sie ihn mit diesem Gefährt auf dem Kiesschotterboden gehen?
Gehe ich am Abend durch das Grün, komme ich zurück, komme wieder als Körper im Raum an. Die Tage vergingen mit Skype for Business, das immer mal wieder stockt. Die Gesichter erstarren dann. Beim Einschlafen mir mein eigenes Gesicht vorgestellt, wie es so erstarrt und einfriert, während sich hinter dieser Fassade meine Gedanken unverändert schnell und rege bewegen. Ob es sich vergleichbar anfühlt, wenn etwas im Körper passiert, wenn eine Lähmung ausbricht, während der Geist im Verborgenen doch aktiv bleibt?
Zoom läuft wie geschmiert, geölt, in Butter. Manche haben sich individuelle virtuelle Hintergründe eingerichtet, andere zeigen ihre Wohnungen, ihre Zimmer. Manche Räume sind weit und hell und aufgeräumt. In Hochgefühle versetzt es mich aber, wenn Durcheinander nicht verborgen wird. Die Enge eines kleinen Zimmers, proppenvoll mit dem Schlafplatz, dem Lernplatz, den Lernmaterialien, mit Zeitschriften, mit Kleidern, mit Flaschen und Lebensmitteln. (ast)

31. 5. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Ich siedele für eine Weile in meine zweite Heimat um. NRW. Abstand halten, 380 Kilometer. S. ist schon dort, bei ihren Eltern und den Katzen. Ich nehme ein Rad mit. Das ganze Rechnergeraffel mit Webcam. Lektüre. Analoge Sachen, die in keine Cloud passen.
Homeoffice gedeiht überall, wo WLAN ist. Im Grunde ist es genügsamer als jedes Virus. Das wird unser Verhalten noch beeinflussen. Was brauchen wir denn, was Hamburg kann, Fischland-Darß aber nicht? Infrastruktur. Ein paar Läden in der Nähe, Krankenhaus und Schwimmbad, so was. Vieles lässt sich auch in den Harz liefern oder in die Uckermark. Manche denken sicher schon über ein Wohnmobil nach. Less citys, more moving people, schallt es aus den 80ern herüber.
G. neulich, mit einem Anflug von adoleszentem Surrealismus: „Das ganze Land ist, wenn man so durch fährt, vollkommen leer! Die Menschen leben alle in den paar großen Städten, und da wohnen sie dann übereinander!“ Vielleicht entdecken wir also noch Flecken in der Lüneburger Heide, die früher zwar zum Pendeln nach Hamburg nicht wirklich geeignet waren, jetzt aber ruhig und billig genug sind? Halten wir bloß rechtzeitig Ausschau nach einem Häuschen am Thyrrenischen Meer, bevor alle Sonnendecks von der Chefredaktion und den Hinterzimmerdrahtziehern der Rathausparteien besetzt sind.
Das wäre ein vollkommen unerwartetes Corona-Kollateral: In 50 Jahren sehen die Städte mit ihren Medientempeln und Autohäusern aus wie die Trabantenstadt bei Asterix, dem Gallier, nach Abzug der Römer. Gemäuer von Wurzelwerk gesprengt und grün überwuchert. Ich habe mal im mexikanischen Dschungel so was gesehen. Aus den gläsernen Waben der Elbphilharmonie wird Grünzeug ans Licht drängen, als hätte sich das Drehbuch von „Avatar“ materialisiert.
„Damals“, so werden unsere Kinder sich erinnern, viele hatten Pläne „vor der neuen Zeit“. Die Jüngeren traf es deshalb schwer. Ausbildungsplätze abgesagt, Praktika, Absprünge von Elternhäusern gerieten zur Bruchlandung. Reisen fanden plötzlich nur im Kopf statt.
Ältere auch: Manche im Begriff, sich selbstständig zu machen, Partner zu verlassen. Ihren Job zu kündigen. Wer keine Ziele hatte, war klar im Vorteil. Andere gaben einfach ihre Wohnung auf und sich der neuen Lage hin, schnitten die Haare nicht mehr regelmäßig und wechselten die Kleider seltener.
Sollten sich bei eurer Online-Werbung übrigens plötzlich passende Vorschläge für die Wohnungseinrichtung finden, könnte es daran liegen, dass die Anbieter von Videostreaming ihre Dienste zwar kostenfrei zur Verfügung stellen, jedoch das ihnen neuerdings massenhaft zugängliche Bildmaterial aus Privathaushalten im Gegenzug auch auswerten. In meinem bisherigen Wohnumfeld war ich darauf nicht ausreichend vorbereitet. Für das Office Sauerland 2.0 denke ich über bunte, aber im Grunde nichtssagende Paravents nach. Und wenn eins der neugierigen Pelztiere mitmacht, geben wir den Kollegen unsere wahre Identität gar nicht mehr preis, sondern schreiben den Namen Blofeld unter das Ich-Fenster. (rs)

28. 5. 2020 (Berlin / Usedom)
War einiges los die letzten Tage. "Bild" gegen Drosten, white Kartoffeln gegen Mbembe. Rassistische Morde in den USA, auch durch die Polizei, in Deutschland wenig Diskussion, nur Korrekturgesten gegen die, die betroffen sind im Stil von ‚Du sollst nur die Brüder und Schwestern nennen, die blutsverwandt mit dir sind. Allyship – more alienship, was gehen uns schwarze Körper an? Würde die Tagesschau die Tötung eines weißen Körpers zeigen? Eher nicht.’?Sonst so, Vatertag Richtung Usedom. Prenzlau und Pasewalk Heil Hitler auf dem Bahnsteig. Bansin: Mann mit Reichsadler- und Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken auf dem Weg zum Strand, Heringsdorf schwarze Sonne und Stahlhelm-Biker beim Kaffeetrinken. Die Wanderungen mit Abpulen rassistischer Sticker verbracht. Wenn ich schon so ermüdet bin von dieser Normalitätsaggression, wie muss es denen gehen, gegen die es geht? ?Die kollektive Fürsorge gilt denen, die ‚individuelle Freiheit’ schreien. Nicht denen, die markiert, geängstigt, angegriffen und allein gelassen werden. Erbärmlich. Hab es auch beim Abpulen belassen, hatte das Privileg, überwältigt zu sein, nicht überwältigt zu werden.
Anstieg der Covid-Fälle in Somalia und Sudan, ältere Menschen sterben, die Leute kriegen Panik. Im Südsudan sind der Vizepräsident und die Verteidigungsministerin positiv auf Covid getested. Die es sich leisten können, versuchen aus ihren Ländern dahin zu gelangen, wo es Beatmungsgeräte gibt. (aw)

28. 5. 2020 (Berlin)
Ampelmann
Seit etwa neun Monaten rauche ich nicht und trinke auch keinen Alkohol mehr. Ich habe mal nachgeschaut, was das für den Körper für Effekte mit sich bringt und bei neun Monaten geht das Infektrisiko laut Liste zurück. Kommt ja jetzt genau passend. Es passt auch, dass die Raucherinnen, die ich kenne und von sich selber sagen, dass sie starke Raucherinnen sind, jetzt am meisten Angst zu haben scheinen. Aber gerade jetzt und auch sofort aufzuhören ist natürlich auch nicht so einfach. Ich hatte vor neun Monaten plötzlich ein anderes Problem und mir war klar, dass das Ende der Fahnenstange jetzt einfach mal erreicht ist und es ging dann ganz leicht, eigentlich mühelos. Schon seltsam, was man von einem Moment auf den anderen hinter sich lassen kann. Mittlerweile habe ich sogar Angst vor verstecktem Alkohol in Süßigkeiten oder Medikamenten. Und wenn mir Zigarettenrauch draußen auf Abstand in die Nase zieht, muss ich niesen und husten. Auch wenn es mich manchmal an gute, «alte» Zeiten erinnert, aber das kommt auf den genauen Rauchgeruch an.
Vorgestern habe ich Frank Castorf auf der Straße gesehen, zumindest bin ich mir sehr sicher, dass er es war. Er kam mir an einer Ampel entgegen, an der ich mit dem Fahrrad gewartet habe. Ich habe sofort ein Foto gemacht, aber nur von Weitem, und so getan, als würde ich einfach ein Touribild machen, er ist also nur sehr klein drauf. Er hatte sehr lange Haare und ein paar Bücher dabei, ich konnte nur leider nicht erkennen welche, als er relativ nah an mir vorbeiging. Oder war es doch ein Doppelgänger? Im November soll ja sein Stück am Berliner Ensemble Premiere haben. Man sieht jetzt auch schon Bilder der Bestuhlung: Jede zweite Reihe fehlt ganz und von den andern nur noch ein paar Stühle, immer mit Abstand einzelne oder zwei Sitze nebeneinander. Ob ich da hingehe? Oder ihm was huste? Mit seinem letzten Interview hat er sich ja absolut ins Aus geschossen und jetzt inszeniert er auch noch Peter Handke am Burgtheater – muss das sein? Was geht da in ihm vor?  ?Die Auflösung zum Strauß war dann doch unspektakulärer als gedacht: Meine Arbeitgeberin schickte mir die Blumen. Ich habe beim Floristen angerufen und so getan, als wäre die Karte verloren gegangen. Sie sagten mir, es war nie eine dran, und nannten mir einfach den Namen. Vermutlich als Willkommen-zurück-Gruß gedacht, denn dienstags ist immer die Große Runde und es war schon letzte Woche geplant, dass ich dann noch mal vorgestellt werde. Ich wollte aber noch nicht wegen der Gürtelrose und dem weißen Talkumpräparat am Hals. Diese Woche hatte ich am Dienstag ja frei, vielleicht hätte es da passieren sollen? ?Ich habe die Blumen jetzt üppiger inszeniert als auf dem ersten Foto, sodass man denkt, ich würde großzügiger als in einer Einraumwohnung leben – warum eigentlich? – und werde das Foto noch mal posten und mich bedanken. Er steht jetzt in einer Vase auf einem Metallkorb-Podest, in dem zwei Plastikbälle liegen: ein größerer roter aus dem Bühnenbild der allerletzten Aufführung von «Baumeister Solness» an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und ein kleiner grüner, den ich nachts in Salzburg auf der Straße gefunden habe, als ich bei den Festspielen war, wegen der letzten inoffiziellen Inszenierung mit der alten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, noch mal mit den ganzen Stars in «Hunger». (pp)

27. 5. 2020 (München / Südtirol)
Am 03.06. geht die Grenze nach Italien wieder auf und für den 04.06. habe ich Besuch bei meinen Eltern in Südtirol angemeldet. Auf die Frage, ob sie sich selbst als zur Risikogruppe gehörig einschätzten, antwortete meine Mutter beim letzten Skype-Gespräch: »Ich schon, er nicht.« Mein Papa, neben ihr: »In meiner Familie hatten auch viele Krebs.« Mama: »Jetzt müssen wir wohl nicht anfangen zu vergleichen.« Jedenfalls vermeide ich bis zum Elternkontakt nun mal wirklich den Körperkontakt zu anderen Menschen und habe Lili von unserem geplanten dritten Harun-Farocki-Filmabend wieder ausgeladen.
Für die Fahrt nach Italien hat sich der Federico ein Auto angeschafft. Er wollte schon länger eins kaufen, die aktuelle Angelegenheit ist dringend genug. Ich glaube, heute will er beim Kfz-Büro die Targa besorgen. Wir werden auch zu seinen Eltern fahren. Der Bürgermeister von Mailand hatte sich neulich via Videobotschaft erzürnt gezeigt, weil die Bürgerinnen und Bürger die erste Öffnung zum Aperitivo genutzt hatten und nicht nur, um zur Arbeit zu gehen.
Es fährt noch immer kein Zug über den Brenner, Passagiere müssen vor dem Pass aussteigen und zu Fuß darüber laufen. In der Facebook-Gruppe „Mitfahrgemeinschaft München <-> Südtirol“ werden seit Wochen Tipps und Tricks zum Grenzübertritt mittels Pkw ausgetauscht. Ruth Morandi fragte etwa am 23.05., ob jemand auf dem Brenner kontrolliert worden sei und wenn ja, bei der Mautstelle oder auf der Staatsstraße. Worauf Alex Sepp antwortete, er sei gestern ohne Kontrolle durchgekommen :) und Carmen Niederkofler nachfragte, ob er über Garmisch gefahren und dort aufgehalten worden sei und ob man einen bestimmten „Zettel“ mit sich führen müsste. Alex Sepp war über Garmisch gefahren, wo das Militär gestanden habe. Mit dem „Zettel“ könne man aber weiterfahren, diesen „Wisch“ finde man auf der Seite des Bundesinnenministeriums. Dann habe er die Autobahnabfahrt Brenner-Nord genommen und sei nach der Grenze wieder aufgefahren; bis Bozen lief alles gut. Sara Brillo wollte wissen, wie die Situation in Kiefersfelden/Kufstein Richtung München sei, ob alle aufgehalten würden? Katharina Crepaz schrieb, dass nur stichprobenartig kontrolliert würde – sie sei z.B. am vorigen Dienstag durchgewinkt worden. Wie außerdem in einem Gespräch zwischen Melanie Flunger und Alex Sepp klar wurde, darf man in Österreich nicht mal zum Tanken anhalten.
„Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf. Wir sind schon auf dem Brenner, ja da kommt Freude auf!“ https://www.youtube.com/watch?v=4Lw4hupnAaE?(jn)

27. 5. 2020 (München)
Mein Experiment, in welchem ich versuche, durch die Kraft meiner Gedanken zu außergewöhnlichem Erfolg und Vermögen zu kommen, wurde von unerwarteter Seite torpediert.
Die Universität, an der ich ein Seminar über eben jene Form des positiven Denkens halten sollte, zwang mich dazu, ein Schreiben zu verfassen, in welchem ich bestätige, dass ich kein Geld benötige. Dies soll der Institution Klagen wegen des nicht eingehaltenen Mindestlohns vom Hals halten. Mich bringt es allerdings in Teufelsküche.
Wieso sollte das Geld jetzt noch zu mir kommen, wo ich ihm doch gerade schriftlich mitgeteilt habe, dass ich es in meinem Leben nicht brauche. Wie soll ich die angeknackste Beziehung reparieren?
Mein Körper ärgerte sich dermaßen darüber, dass ich mich dazu hatte zwingen lassen, ein Auge zuzudrücken, dass er mir ein Auge mit einer schweren Bindehautentzündung zudrückte. Seitdem laufe ich herum wie eine Piratenbraut auf Schatzsuche. Ich habe die mentale Kontrolle über Geld und Körper verloren. Mit meinen geistigen Kräften steht es ganz offensichtlich nicht zum Besten.
Einen Vorteil hat die Einäugigkeit allerdings, ich kann Distanzen nicht mehr so gut einschätzen. Während ich zwar an Super-, Bau- und Getränkemarktkassen wegen nicht eingehaltener Abstandsregeln regelmäßig zurechtgewiesen werde – so ist das Piratenleben eben –, scheinen mir meine Ziele auf einmal zum Greifen nah. Wenn mich das meinem Schatz nicht wieder näher bringt, weiß ich es auch nicht. (jmb)

27. 5. 2020 (Berlin)
Geh in den Keller
Die Gürtelrose ist zum Glück schon am Abheilen, also habe ich hoffentlich keine sechs Wochen damit zu tun. Die Tabletten haben wohl die Ausbreitung verhindert, jetzt soll ich weiterhin nur die Tinktur drauf machen. Bei der Hautärztin war ich diesmal mit der Bahn. Ich soll mich ja schonen und eine Stunde auf dem Fahrrad nach Tegel wäre wohl eher kontraproduktiv. Zum ersten Mal seit sechs Wochen wieder mit den Öffentlichen fahren – aufregend. Ich hatte dafür extra meine FFP2-Maske wieder rausgekramt. Die Hinfahrt war entspannt, der Zug leer. Die Rückfahrt dann nicht mehr ganz so, es war voller und in jedem Waggon mindestens eine Person ohne Maske. Ich bin ausgestiegen und in den nächsten Waggon, sobald ich jemanden ohne gesichtet hatte. Einmal bin ich ganz ausgestiegen und in den nächsten Zug. Frage mich, ob das zielführend ist oder doch eher mehr Virusbelastung mit sich bringt.
Zu Hause war ich dann erledigt. Die Ausstellung war am Vorabend zu Ende gegangen mit einem kleinen Grillevent draußen. Es schauerte zwar manchmal ein bisschen, aber der hintere Hof war überdacht und während des Grillens hatten war eh gerade Regenpause. Sehr windig war es, wie immer. Ich hatte noch mal rumgeschrieben, dass es bei Regen nicht mehr ganz so kompatibel ist, wenn man rein muss; eine Freundin ist daraufhin gleich Samstag hingegangen. Montag erst mal das Loch nach der Ausstellung. Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf und hätte sofort Bock auf die nächste dieser Art. Zum Abbau war ich nicht eingeteilt, ich sollte mich weiterhin schonen. Der Tag verlief eher low.
Gestern sollte ich für eine Freundin ein Buch aus der Bibliothek holen; ich musste eh Bücher abgeben. Für beides ist ein extra Eingang ausgewiesen, sogar mit Absperrgittern davor, damit die Schlangen, die es gestern nicht gab, sich ordentlich trennen. Es waren so viele Absperrungsbänder, dass ich in der Drehtür erst mal gegen das Glas gerannt bin, weil ich die Luke gar nicht erwarten konnte. Ich hatte aber eine Schirmmütze und Fahrradhelm auf, also easy. Der Rückgabeautomat muss natürlich mit Touchscreen bedient werden, d.h. mit Ellenbogen. Da habe ich dann jedes Mal schön laut geflucht und meinen Aggressionen freien Lauf gelassen. War ja eh kaum jemand da, der es hören konnte. Das gewünschte Buch musste ich draußen auf dem Handy vorbestellen, die erwartete Bereitstellungszeit wurde mit einem Tag angegeben.
Wir sind dann erst mal essen gegangen, am Spreeufer, Ecke Friedrichstraße, über dem Grill Royal. Fast niemand da, topp Wetter, Sonne, super Wölkchen, kaum Straßenverkehr – herrlich! Wir sprachen über die Zukunft von Kunst und Kunstmarkt und heckten neue Ideen aus. Als wir mit der Pizza fertig waren, kam prompt die Mail, dass das Buch bereitliegt.
Zu Hause hatte ich eine Nachricht vom Floristen an der Haustür, es wurde ein Blumenstrauß für mich abgegeben. Das sehr große und außergewöhnliche Bouquet hatte leider keine Karte dabei. Ich freute mich, bin aber auch ein bisschen gereizt. Wer schickt mir was inkognito? Wer kennt meine Adresse überhaupt? Ich stellte das Geschenk in die Vase und postete ein Dankesbild auf allen Kanälen, in der Hoffnung auf eine Reaktion, vielleicht ging die Karte ja nur verloren. Bisher keine Antwort. (pp)

26. 5. 2020 (Hamburg)
Wieder mit meiner Mutter telefoniert.
Sie bestreitet, jemals so etwas geglaubt zu haben wie »Hinter Corona steckt die politische Weltmacht«.
»Bei dem Typen [der, der ihr das erzählte] war mir ja gleich klar, dass das nicht stimmt – der hat auch so andere Sachen gesagt, da wusste ich schon Bescheid. Und der wollte sich ja auch mit mir treffen. Und ich sagte dann gleich, ›Nee, halt, stopp!‹« Vor drei Wochen hieß es noch: »Wie schön, der will sich auch mit mir treffen.« – »Ist doch nicht erlaubt, und gefährlich.« – »Ach was! Wir sind ja beide gesund.« – »Du gehörst zur Risikogruppe.« – »Ich hab kein Corona und ich krieg auch kein Corona. Du, deine Mutter ist stark!« (rb)

26. 5. 2020 (Hamburg-Eimsbüttel)
Ich möchte wieder einen Fernseher. Sieben Jahre ist es her, dass wir die alte Röhre zum Recyclinghof gebracht haben. Musik hören und Zeitung lesen ist eh viel besser, haben wir uns damals gesagt, und außerdem gibt es ja jetzt diese Serien, auf DVD oder im Stream. Aber damit haben wir uns nur selbst belogen. Die Serien sind eine einzige Enttäuschung, sie bieten nicht annähernd eine Vielschichtigkeit, die ihr lahmes Tempo rechtfertigen könnte; für so was haben wir einfach keine Zeit. Zeitung lesen ist eine schöne Geste, aber doch eher was für den Frühstückstisch und irgendwie auch einsam. Es fehlt die Leichtigkeit, die Beiläufigkeit des Fernsehens. Es geht ja gar nicht um Unterhaltung oder Information, eher um einen Zustand, ein buntes Hintergrundrauschen. Das antiquiert scheinende Bild vom Fernseher als Lagerfeuer der Moderne, als Meditationsmaschine – es ist aktueller denn je, denn die Neuen Medien bieten nichts Vergleichbares, eher das Gegenteil. Netflix macht man nicht einfach mal so an, sondern muss sich schon bewusst für etwas entscheiden – Stress. In den Sozialen Netzwerken ist erst recht alles hyperpersonalisiert, jeder Klick hat Folgen – noch mehr Stress. Fernsehen ist dagegen so erfrischend unverbindlich und unspezifisch, es sorgt für Entspannung, weil ich für das Programm keine Verantwortung habe und das Programm keine für mich. Frei von Erwartungen kann ich mir beliebigen Schund ansehen, ohne von irgendwelchen klebrigen Algorithmen dabei beobachtet zu werden (es sei denn, es ist ein "Smart TV" oder das Android-Telefon liegt daneben und lauscht). Ein paar mal haben wir es mit Degeto-Trash aus der ARD-Mediathek versucht, aber es ist einfach nicht dasselbe, man kommt sich dabei nur bescheuert vor. Ich möchte diesen Zustand wieder, der auch ein bisschen ist wie gemeinsam Autofahren: Es passiert nichts besonderes, aber es ist genug los, dass einem nicht langweilig wird. Man erlebt zusammen etwas, aber nicht frontal, sondern parallel. Das nimmt den Druck raus, man kann sich unterhalten, aber auch schweigen, ohne dass das gleich so viel bedeuten würde.
So weit die Theorie. Ob das wirklich so funktionieren würde, wer weiß. Nachdem bei uns jahrelang abends nur gelegentliche Unterhaltungen, etwas Modern Jazz und das Rascheln überregionaler Tageszeitungen zu hören waren, würde uns so ein Fernseher vielleicht auch erst mal umhauen. Fernsehen ist ja schon auch hochtoxisch, alleine schon die Maske und wie brutal schlecht das alles ausgeleuchtet ist in deutschen Studios – grässlich. (ow)

25. 5. 2020 (Hamburg / Berlin)
… mit Sorge habe ich gerade im Radio gehört, dass – bedingt durch Homeofffice und Ausgangsbeschränkungen – die Zahl der Wohnungseinbrüche gravierend eingebrochen ist. Das heißt doch, dass auch Dein Kundenkreis für weniger Einnahmen sorgt? Zumal Zeche prellen, Leistungserschleichung und andere humorvolle Lockerungsübungen auch nicht mehr möglich sind. Selbst eine grundsolide Heiratsschwindelei kann ich mir bei geschlossenen Hotels und Restaurants kaum vorstellen. Oder unterschätze ich die deviante Kreativität und die Lümmel lassen sich Neues einfallen? Fragt Dein Wirtschaftsexperte.
… Dr. XXX! Deine Sorge ist, was die Wohnungseinbrüche angeht, durchaus berechtigt. Ich prangere das natürlich auch an. Gleichzeitig kann ich dich beruhigen, denn auf die Menschheit ist Verlass und es ergeben sich fortwährend neue Betätigungsfelder. Man beachte nur die Möglichkeiten, die sich durch Missachtung des Infektionsschutzgesetzes ergeben. Für ein läppisches Owi-Verfahren schwinge ich natürlich nicht meinen Stift, aber die Menschen fühlen sich aus Angst vor einer Geldbuße zu allerlei Schabernack herausgefordert: Beleidigungen und Angriffe auf Ordnungshüter oder fulminante Verfolgungsjagden mit zahlreichen Verkehrsverstößen und saublöden Geschichten, die ihrerseits Chancen auf falsche Verdächtigung, versuchten Betrug und strafbaren geistigen Tiefflug bieten.
Und dann das Geld! Man hat ja keins mehr. Und nun stehen überall die Geschäfte unbewacht. Und Menschen mit Geld gehen durch Straßen, spüren einen Knüppel auf dem Kopf und ahnen den Verlust ihrer Ersparnisse schon, bevor sie die leere Geldbörse wiederfinden. Jugendliche tragen Smartphones im Wert von hanebüchenen 1000 €, die es gewaltsam zu entwenden gilt.
Und die Drogen! Die Polizei steht ja überall herum und konspirative Blicke führen zur sofortigen Durchsuchung und retten die Volksgesundheit. Ganz zu schweigen von schwangeren Müttern, die langsam die Contenance verlieren und mit Ahornsirup in Glasflaschen in Richtung ihrer Mitmenschen werfen.
Und dazwischen die zyklus- und pandemisch unabhängigen Gewohnheitskreativen, die im Zusammenhang mit Kraftfahrzeugen und Velocipeden das Sach- und Schuldrecht jedenfalls peremptorisch zu deskribieren versuchen.
Wer sich auf eine Insel ordnungs- und sicherheitspolitischer Glückseligkeit zurückziehen möchte, der begebe sich nächtens um halb eins auf die Reeperbahn und genieße die Ruhe und Dunkelheit verlassener Kulturlandschaften. Es grüßt herzlich Ihr Sicherheitsberater (nma)

25. 5. 2020 (Hamburg)
Noch viel mehr Zeit, die Tiere im Hinterhof zu betrachten, als sonst. Der oberflächliche erste Eindruck bei Straßentauben ist ja, dass es sich um relativ schlichte und einfach gestrickte Tier-Automaten handelt: If Krümel then aufpicken. If andere Taube then Taubentanz. Kennt man eine, kennt man alle. Mein Eindruck ist inzwischen, dass man als Mensch die Tauben in der Stadt meistens nur in ihrem Arbeitsalltag antrifft: picken, kacken, woandershin fliegen, Taubentanz, Paarung. Hier im Hinterhof erlebe ich sie dann aber in ihrer Freizeit, sehe, was sie auf dem Dach unterhalb des Balkons tun, wenn ihr Tagwerk vollbracht ist und sie satt sind. Es sind ganz klar Individuen, mit unterschiedlichsten Verhaltensweisen, Temperamenten, Physiologien, Vorlieben. Sie flätzen sich in seltsamen Posen in der Sonne auf dem warmen Dach herum, die Flügel ausgestreckt. Knutschen und liebkosen sich, sind befreundet oder verfeindet, bilden Familien und Cliquen. Sie kucken aufmerksam vom Dach runter und beobachten stundenlang das menschliche Treiben unten, als würden sie fernsehen.
Die Taube, die im Winter immer die Pflanzen in den Blumentöpfen zertrampelt hat, ist männlich und kommt weiterhin täglich auf den Balkon. Es ist Teil ihres Jobs. In einem der Blumentöpfe lagen im Januar mal Erdnüsse, für die Meisen. Das hat sie sich gemerkt und kontrolliert nun jeden Tag, ob da nicht wieder welche sind. Nein, heute auch nicht. Wenn ich erbost direkt am Fenster stehe, fliegt sie/er schon gar nicht mehr weg. Dass Fensterglas ein Hindernis auch für Menschen ist, hat er schon begriffen. Er bleibt einfach stehen, reagiert nicht mal auf schnelle scheuchende Handbewegungen und fasst mich nur aufmerksam und provokativ ins Auge. Um den Balkon ist ein territorialer Machtkampf entbrannt. Beide Seiten erheben aus ihren jeweiligen unterschiedlichen Logiken heraus Anspruch auf ihn. Es ist ein Patt. Die orangenen starren Knopfaugen changieren zwischen ausdruckslos und tiefen wissenden Blicken. Jetzt im Frühling ist er Vater geworden. Die ganz jungen Tauben sind sofort genauso groß wie die alten, null Kindchenschema, aber verträumte schwarze Augen statt der starren orangenen erwachsenen. Sie rennen fiepend und flügelschlagend hinter den Eltern her, wollen ständig gefüttert werden, machen ihnen alles nach und ihr Leben zur Hölle. Die Eltern rennen eigentlich die meiste Zeit nur vor ihnen davon und wirken inzwischen schon ziemlich abgemagert.
Einmal bildete ich mir ein, einen kommunikativen Zugang gefunden zu haben. Die Taube saß entspannt und aufgeplustert in der Sonne auf dem Vorsprung neben dem Balkon, blinzelte und kuckte mich an. Ich blinzelte zurück. Sie auch wieder. Ich auch. Sie zuckt leicht zusammen, schaut mich dann noch aufmerksamer an und blinzelt noch mal. Ich auch wieder. Sie kuckt noch ein bisschen, wirkt irritiert und fliegt dann weg. Straßentauben lieben die Städte nicht wegen der Menschen, sondern wegen des Nahrungsangebots und weil die Häuserfassaden und Vorsprünge den felsigen Kliffs ähneln, wo ihre Vorfahren ursprünglich mal lebten.
Die Türken- oder Halsbandtauben sind noch mal anders. Sie stammen ursprünglich aus dem Wald. Sie kommen nur ganz selten mal auf den Balkon, um zu schauen, was die anderen Vögel dort immer machen, was es da denn gibt. Sie sind viel scheuer. Ihre Rituale und Rufe sind ausgefeilter, archaischer, aristokratischer. Ihre Kämpfe ums Territorium beginnen sie mit einem rituellen Hopser und einer tiefen Verbeugung vor dem Kontrahenten. Die Straßentauben verachten sie, kommen sie sich mal in die Quere, werden diese nur mit lässigen "Weg da"-Flügelschlägen verscheucht.
Von den Meisen sieht man dieses Jahr nicht mehr viel, letztes Jahr noch kamen sie immer zum Baden und fiepsten dabei leise. Dieses Jahr grassiert aber bei den Blaumeisen eine tödliche Lungenkrankheit, die Zählung des BUND ergab einen merklichen Rückgang der Bestände. Vor Kurzem las ich, dass sie eine einfache Sprache haben, nicht nur einzelne Rufe mit verschiedenen Bedeutungen, sondern eine richtige Grammatik, in der sie mehrere ihrer "Wörter" miteinander verknüpfen, zu ganzen "Sätzen" mit unterschiedlichen Bedeutungen. Es dreht sich dabei alles um Gefahr von oben, Gefahr von unten, Futter hier, Futter dort und soziale Angelegenheiten. Die Amsel hat auch diese Laute für ihr Repertoire gesampelt, wie auch die Rufe der herumstreifenden Möwen und die Polizeisirenen von St. Pauli. Sie klingt nicht mehr so heiser und übersteuert wie sonst, weil sie jetzt weniger Straßenverkehr und Lärm übertönen muss. (sb)

25. 5. 2020 (Kyoto)
Ob Semesterstart mit Präsenzunterricht in den Räumen der Universität oder nun virtuell aus der eigenen Wohnung: Nach Woche zwei habe ich dröhnende Kopfschmerzen. Semester für Semester. Die Schmerzen beginnen immer links, wandern dann auf die rechte Seite und verschwinden im guten Fall nach zwei Tagen. Dabei hat der Freitagmorgen eigentlich ganz gut begonnen, lachsrosa sei mein Zahnfleisch wieder geworden, hat die Zahnärztin gelobt. Ich habe mir gedacht, dass sie wahrscheinlich von der Farbe eines Lachses aus Hokkaido spricht.
Nach dem Aufstehen am Samstag vom Jobcenter gelesen, das nun alle Anträge problemlos bewilligt und spontan Aufbruchsgeist gefühlt: Ob das nun nicht ein guter Zeitpunkt zum Übersiedeln nach Hamburg sein könnte?
Beim Frühstück darüber geredet, dass wir in der Nacht Angst vor einem massiven Erdbeben hatten. Als Not- und Fluchtunterkünfte sollen nun nicht mehr bloß Turnhallen angeboten werden, sondern eben auch leer stehende Hotels zur Verfügung gestellt werden.
Ich habe auch darüber gesprochen, dass mir mehr und mehr Artikel über Asienfeindlichkeit auffallen, und wurde ausgelacht, weil mir das erst jetzt auffalle. Ob wir im Sommer zusammen nach Deutschland reisen werden? ?Den Vormittag verbringe ich beim Bäcker, im Supermarkt und im Papiergeschäft. Es ist da viel dunkler als sonst, acht Angestellte stehen zwischen den Regalen verteilt, alle haben ein face-shield auf und auf jedem Schild steht auch noch »face-shield« geschrieben, dass ich auch auf jeden Fall weiß, was das ist und wie ich es benennen kann. Wie Ritter stehen sie da um uns drei Kunden.
Den Nachmittag verbringe ich im Park. Ich wundere mich, wer hier Bratwürste grillt, warum es nach Sauerkraut riecht, merke dann, dass der Duft aus dem Stoff meiner Maske kommt. Ich selbst habe zu Mittag zu Hause Bratwürste mit Sauerkraut zubereitet. Am kleinen, schattig gelegenen Wasserkanal sitzen seit zwei Wochen Kinder und angeln mit selbst gebauten Instrumenten aus Ästen und Schnüren, heute sehe ich zum ersten Mal nach was denn eigentlich: eine schwarze, etwa zeigefingergroße Garnele sitzt zwischen zwei Geschwistern, der ältere Bruder spricht seiner Schwester Mut zu, die Garnele anzupacken und in einen Behälter zu setzen, sie beteuert immer wieder, das sei unmöglich, das könne sie nicht. Etwas weiter ist dann noch immer die Ansage vom Band aus der Notstandszeit zu hören, da fand noch keine Aktualisierung statt. Ich gehe zum Donut-Laden, bin froh, den letzten Donut zu bekommen, gefüllt mit Schlagsahne und Maronencreme, den teilen wir zu Hause auf und reden über die Streitereien unter Nachbarn, die zugenommen haben, in einem Falle wurde sogar jemand mit dem Messer erstochen. Ich sage, ich kann das verstehen, dass man wegen der Lärmbelästigung ausflippt, es gibt so viele Wände, die verdienen den Begriff nicht, es ist eine Zumutung, wie man die meisten Menschen hier wohnen lässt, wobei man sie ja kaum einfach nur wohnen lässt, sondern auch immer alle fleißig arbeiten gehen und beschäftigt sein sollen. Unsere Nachbarin muss vor drei Wochen mit einer neuen Arbeit begonnen haben – ich stelle mir vor, dass sie in ihrer Nasszelle in verschiedenen Wannen Unmengen von Gemüse wäscht und das dann in der Küche klein hackt. So hört es sich für mich an. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch mitmache, tagsüber die Baustelle vor dem Haus, nachts die neue Aktivität der Nachbarin. Wobei ich unsere Nachbarin wirklich gern habe. Ich sage, ich würde, wenn ich ausflippen würde, nicht auf die Nachbarn losgehen, ich würde auf die Baustelle losgehen. Auch die Woche bei den Videokonferenzen samt den Einblicken in sämtliche Wohnungen und Zimmer. Die sehen alle gleich aus, überall die gleichen Schiebe- und Schrankschiebetüren, die gleichen Tapeten, unter der Decke die gleichen Klimaanlagen. Dann macht die Baustelle Feierabend. Tiefe Dankbarkeit und großes Wohlempfinden, wie ich sie zu anderen Zeiten nie empfinden würde, über die nun herrschende Ruhe. Der Bekannte einer Bekannten wurde positiv auf Covid-19 getestet, allerdings sind im Fernsehen in den Nachrichten bei den Listen der Neuinfektionen Nullerreihen zu sehen. Ja warum wird denn nun der Bekannte von der Bekannten nicht aufgeführt? Angeblich soll er heilfroh darüber sein, diese Nullerreihen nicht kaputt zu machen, da so unter den Tisch gekehrt zu werden. Ich würde wütend sein, ich würde darauf pochen, dass man mich dann auch bitte vermerkt. (ast)

24. 5. 2020 (Hamburg-Altona)
Überall Flecken. Kaffeeflecken auf Pulli, Hemd, Schreibtisch, auf dem Boden darunter, Ränder vom Rotweinglas neben dem Sofa. R. ist gestern für einen Tagestrip nach Berlin gefahren und hat sich im Zug den Kaffee übers Hemd geschüttet. N. hat Kaffee auf dem Laptop verschüttet und ist nun vorerst ohne Computer. Erzählte sie vor ein paar Tagen, als wir zum ersten Mal draußen vor der Kneipe saßen, mit nor. Zufällig war N. vorbeigelaufen und trank mit uns ein, zwei Bier. (smo) (Anmerkung (nor): Im Außenbereich der Kneipe saßen kleine Grüppchen, mit vorgeschriebenem Abstand, die Geräuschkulisse der verschiedenen Gespräche war dennoch so ungewohnt, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich auf das Gespräch an unserem Tisch zu konzentrieren – es war laut und zu viel durcheinander.)

23. 5. 2020 (Hamburg-Altona)
Update Teamskonferenz. Seit Neuestem gibt es bei Teams standardmäßig ein Handsymbol, das gibt es bei anderen Features wie Zoom auch und ist für den Schulunterricht gedacht, damit die Schüler sich wie sonst auch melden können. Neben dem Namen taucht dann ein Handsymbol auf. Aus Neugierde hab ich auf den Handbutton gedrückt, kurz darauf meinte mein Chef in die Runde: Herr M., Sie wollen etwas sagen? Fantastisch, so hat er sich sein Rederegime weiter gesichert. Später am Abend, als wir im Chat die Arbeit wie nun gewohnt unter uns aufteilten (seit Wochen sehr effektiv), meldete er sich auch in den Chat und forderte eine Extrakontrolle dessen, was wir schon erledigt haben. Von 15 Kolleg*innen haben sich nun doch 3 gemeldet und kamen zur Arbeit aus dem Homeoffice ins Bürohaus, was von den Chefs dann auch besonders herausgehoben wurde; wie toll es da jetzt sei etc. Sie ertragen den Kontrollverlust einfach nicht. (smo)

23. 5. 2020 (Hamburg)
Seit etwa 2018 ist es nicht mehr möglich, Dinge aus der letzten »Ingewahrsamnahme« herauszufordern. Deshalb ist in der Werkstatt, seit dieser Zeit kein neues Werkzeug mehr hinzugekommen. Der Anwalt hat hier eine beeindruckende Sammlung langstieliger Schraubenzieher an der Wand hängen, sämtlich ehemalige, herausgeforderte Tatmittel. Die Branche liegt derzeit am Boden, man kann nicht gut einbrechen, wenn alle zu Hause sind. (nor)

23. 5. 2020 (Berlin)
Seit Wochen scrolle ich nun durch Twitter Kommentare, lese unzählige Artikel und schaue ab und zu, was im Fernsehen gezeigt wird. Manchmal schreibe ich auch eine Mail an Freunde und versuche ins Gespräch über meine Kritik am Umgang mit dieser Pandemie und mit der dadurch propagierten Vorstellung von Gesundheit zu kommen. Es sind nicht viele, die dazu bereit sind. Zu groß ist vielleicht die Angst, meine Gedanken könnten ansteckend sein oder sie in Gefilde von „Verschwörungsmythen“ bringen – in einem Reader zum Umgang mit Verschwörungsmythiker*innen las ich den Rat, solche Menschen auszulachen. Meine eigenen Tweets (in Krisensituationen bin ich offensichtlich leichtes Opfer dieses Info-overloads und will daran teilnehmen) werden kaum gesehen, geschweige denn geliked. Wenn ich ein Video poste, sehe ich es auf einem befreundeten Account auftauchen, ohne Bezug zu mir. Ist es gefährlich geworden mit jemandem mit abweichender Haltung befreundet zu sein und das zu zeigen? Ist es gefährlich geworden, Kritik an der Totalität der Kriegsmentalität, in der es nur either you're with us or without us gibt, zu üben? Ist es gefährlich geworden, irrationale Vorschriften zu kritisieren? Ist es gefährlich geworden zu sagen, Wissenschaft sei nicht per se neutral und das ihr wesentlicher Bestandteil divergierende Ergebnisse sind, warum dann eben weiter geforscht wird? Ist es gefährlich geworden, Fragen bezüglich der globalen Organisierung zu stellen? Ist es gefährlich geworden, Interessenkonflikte genau benennen zu wollen? Ist es gefährlich geworden, auf Ambivalenz als Merkmal menschlicher Existenz hinzuweisen? Und welcher Art wäre diese Gefahr? (nn)

22. 5. 2020, (Hamburg, Barmbek-Süd)
O., der beim Jobcenter arbeitet, berichtet, es gibt Anweisung, Leistungen problemlos, fast hätte ich geschrieben unbürokratisch zu bewilligen. Keine Vermögensprüfung. Keine Vorwände zur sozialen Unruhe zulassen. Es stellen auch Menschen mit Fantasiemieten aus Harvestehude jetzt solche Anträge.
Wir waren draußen essen. Tisch bestellt, am Kanal gesessen, Formulare ausgefüllt. Distanz stellt sich von selbst ein, wenig Betrieb hier. Wir diskutieren, wann so was wieder „normal“ sein wird. Es bleibt mir vorläufig als Corona-Öffnung in Erinnerung.
Frisur: spontan selber Hand angelegt, kein Kommentar. Vorgestern zum morgendlichen Video-Jour-fixe hatte ich halb bewusst irgendwelche Sachen angezogen, deren ich mich nach dem Abschalten mit dem Winkewinke-Button wieder entledige. Albern. Außerdem kann ja keiner wissen, wie viele schwarze Kapuzenpullis wir besitzen.
Radpanne in Rothenburgsort, ich muss mit der Bahn zurück, kein Mundschutz, und fast hätte ich auch vergessen, dass man so was im Nahverkehr überhaupt braucht. Seit Monaten nicht Bahn gefahren. Ein Stück von der Kleidung ums Gesicht binden. Es ist Himmelfahrts Vatertag. Ordnungskräfte patrouillieren mit deeskalierender Ausdruckslosigkeit auf dem Bahnsteig. Alles bleibt ruhig. (rs)

20. 5. 2020 (München)
Seit mich ein erfolgsversprechender Glückskeks zum positiven Denken bekehrt hat, ist mir ein interessantes Gerücht zu Ohren gekommen. Die Glückskeksindustrie sei in den letzten Jahren von wirtschaftsliberalen Kräften unterwandert worden. Die Botschaften der Kekse lauteten deshalb nicht mehr »Das Leben hat den Sinn, den wir ihm geben« oder Ähnliches, sondern »Du wirst reich werden« etc. Mein kürzlich erhaltener Keks stützt diese These stichprobenhaft.
Ich frage mich jetzt, ob nicht vielleicht mehr hinter den motivierenden Glückskeksen steckt. Sollte etwa ein Millionär, der der Philosophie des New Thought anhängt, Glückskeksfabriken aufkaufen, um mithilfe der Kekse die Armut in der Welt zu bekämpfen? Weil man im New Thought davon ausgeht, dass es keinen echten materiellen Mangel gibt, sondern jeder sich seine Lebensumstände im Geist selbst schafft, ist der Glaube an den einigen Erfolg alles, was der Mensch auf der Suche nach seinem Glück benötigt. Und den bekommt er jetzt beim Kauf von einem asiatischen Essen gratis dazu. All die Glückskekskonsumenten werden plötzlich reich und erfolgreich werden und immer mehr Glückskekse produzieren, die wieder reiche und erfolgreiche Menschen hervorbringen. Könnte man da nicht auch was gegen Corona machen? Nicht umsonst heißt ja ein Klassiker des New Thought von Helen Wilmans aus dem Jahr 1893 The Conquest of Death. Ich bin gespannt, wie sich die Glückskekssituation entwickelt. (jmb)

19 5. 2020 (Hamburg)
wie ändert sich die sprache denn nun eigentlich. »corona« sagen nur noch wenige, das feinere »covid 19« schon noch. »die seuche« verwende ich selber gern, viele menschen benennen »es« allerdings gar nicht mehr, sondern reden darum herum. »es«, »das«, »wie bekannt«, »wir wissen bescheid«, »deswegen« ...  wird so ein alltäglich beiläufig cool verstehender umgang vorgegeben, oder gehört das mit zu den trickreichen verdrängungsleistungen, »den namen« nicht zu nennen? 
»Werden dem Bewusstsein peinliche oder beängstigende Regungen verdrängt, d. h. unbewusst, so – dies die bekannte Generalvermutung der Psychoanalyse – beginnt ihr störungsvolles Rumoren und Poltern erst recht. Verdrängte Triebrepräsentanzen »organisieren« sich unbewusst weiter, entwickeln sich, bilden Verknüpfungen aus. »Sie wuchern dann sozusagen im Dunkeln«, vermerkt Freud.  Zugleich geht dieses Modell davon aus, dass es, um etwas im Zustand der Verdrängung zu belassen, einer nicht unbedeutenden Energie bedarf. Verdrängung ist anstrengend und gelingt immer nur unvollständig. In jeder Verdrängung steckt bereits der Keim einer Wiederkehr des Verdrängten.« (A-Angst, Thomas Gann)
Ich behaupte, die sprache der bank- und geldmenschen bleibt gleich. sie ist technokratisch und auffallend nicht-moralisierend, nicht ängstlich oder klagend. was das über dortige verdrängungsapparate aussagt, kann ich nicht beurteilen. (nor)

18. 5. 2020 (Hamburg-Altona)
Follow-up des Machtkampfs in meiner Abteilung. Der Chef meinte bei der letzten Teams-Konferenz, es sei ja sicher für uns ganz schön gewesen in den vergangenen Wochen, so ausgiebige Meetings zu haben (in der Zeit, als er nicht da war, haben wir gemeinsam Strukturen fürs Homeoffice geschaffen und arbeiten so produktiv und schnell wie noch nie), aber damit sei nun Schluss, jetzt werde nur noch über die aktuelle Produktion gesprochen (heißt: Er spricht). Wir dürfen aber auch mal außer der Reihe untereinander chatten, hat er uns angeboten. Er drängt drauf, dass wir bald ins Haupthaus zurückkommen, darüber wurden dann Einzelgespräche geführt. Er sitzt jetzt immer allein im 11. Stock, König ohne Untertanen. Die Hausordnung sagt aber: freiwillig, man kann niemanden zwingen. Hab die Chaterlaubnis genutzt und alle angemorst: Keiner will zurück. Im Intranet ist beschrieben, wie „Stufe 2“ eingeleitet werden soll, wenn also ein paar mehr wieder dort arbeiten. Sie werden wohl Trenner in die sowieso schon engen Fahrstühle einbauen. (smo)

18. 5. 2020 (Berlin / Horn von Afrika)
Offensichtlich gibt es für Bodentruppen in Libyen, Grenztruppen zwischen Äthiopien und Somalia und Sudan und al-Shabaab in Somalia keine Mobilitätseinschränkungen. Die machen weiter. Anders die Bevölkerung, die ist unter Lockdown und wartet darauf, dass Corona kommt, die Lebensmittelpreise steigen und die Inflation galloppiert.
Ausgerechnet jetzt, wo es sich in Berlin öffnet und soziale Kontakte möglich, Essengehen und Museen zugänglich gemacht werden, krieg ich die Krise. Es ist absurd, mit wie viel Energie ich Verdrängungsarbeit leisten muss, nur um an Leichtigkeit im Umgang mit der Welt und nicht an Krankheit und Tod zu denken. Frage mich, ob das eine gute Voraussetzung für meine Arbeit mit bewaffneten Konflikten ist. Eher so einen leichten Zugang zu schweren und gewalttätigen Realitäten. Das Wochenende mit Fauda verbracht.
Popkulturell sehr toll sind die Echsengläubigen. Fast freue ich mich, dass ich mit meinem Rudolf-Steiner-Rassismus-Bashing in Eurythmie der Gewalt heute so topaktuell bin. Ist natürlich nicht erstaunlich, aber trotzdem bitter. Frage mich, ob es denen, die sich von irgendwas System, Politik, Gruppen, Alu, Kondensstreifen verfolgt fühlen, darum geht, dass sie keine Kontrolle über ihr Leben haben, oder darum, dass sie finden, dass sie vielmehr Kontrolle über die Zerstörung, Abwertung, Lächerlichmachung des Lebens und Existierens anderer haben sollten. Gehe davon aus, dass die Verschwörungsbrüller und Alutanzgruppen sehr viel Aggro-Energie durch ihre Selbsterhöhungsmaschine ziehen. Sehr unappetitlich. Wirklich keinerlei Anreiz, mich wieder nach draußen zu begeben. (aw)

18. 5. 2020 (Berlin)
Geheime Gesellschaft. Am Freitag war die Eröffnung, nur für die beteiligten Künstlerinnen eigentlich, aber der eine oder die andere kam dann doch noch hinzu. Es blieb alles im Rahmen und das Wetter war gut genug, dass man draußen stehen konnte, und schlecht genug, dass man nach zwei Stunden wieder gehen wollte. Kein Streit und kaum Beschwerden vonseiten der Künstlerinnen. Die ehemalige Verkaufsfläche für Motorräder wurde zum ersten Mal für eine klassische Ausstellung von Bildern genutzt, bisher war es eher Post Digital Art – sagt man das eigentlich noch? Sie passt also doppelt gut dorthin und kommt sehr gut rüber. Samstag und Sonntag war gut besucht.
Gestern haben wir zum ersten Mal wieder auswärts fertiges Essen eingekauft, seit der Bratwurst in Tegel. Hinsetzen wollte ich mich auch draußen nicht, es war nur wenig bestuhlt und ziemlich dicht gedrängt. Es war wieder draußen leer, bis unser Essen endlich fertig war, aber man ist dann doch wieder schneller eingequetscht, als man denkt. Die Sonne war dann eh weg. Auf dem Weg ist dann natürlich was in der Plastiktüte umgekippt. Dafür hatten wir zu Hause noch was vom Karottenkuchen aus der neuen Gugelhupfform. Wurde allerdings etwas trocken und etwas dunkel bei meinem Herd, der nur auf einer Stufe geht. Dazu noch ein wieder eingefrorenes Kaktuseis, noch vom Ausstellungsaufbau. Danach Tatort. Keine Folge Biene Maja mehr.
Heute dann wieder Hautarzt Tegel mit dem Fahrrad. Next step: Gürtelrose. Ein paar Flecken am Hals und hinter dem Ohr, am Kiefer und am Kopf. War danach noch bei meinem Freund im Atelier – er war erst mal geschockt. Lag dort noch auf dem Sofa und habe meditiert. Es war selten so schön dort. Den Bildern beim Trocknen zusehen – herrlich. Den Artikel aus der Apotheken-Umschau zur Gürtelrose liest man sich besser nicht durch. Im Internet steht auch: Ruhe und Abgeschiedenheit. Und schon ist sie da, die Quarantäne, und man ist schneller, als man denkt, alleine. Und hofft, dass der andere nicht sauer ist, dass man ihn angesteckt haben könnte. Ist er zum Glück nicht. Man wartet auf den Rückruf der Hausärztin, was sie dazu sagt. Um halb neun ruft sie dann sogar noch an und sagt Folgendes: Alles richtig gemacht. Die Tabletten sind das Einzige, was man tun kann, und die nehme ich ja. Dass es über das Ohr in die Lymphe ins Gehirn wandert: eher unwahrscheinlich. Am Auge ist ja nichts. Die Durchseuchung mit Windpocken, von denen die Gürtelrose kommt, liegt bei 90 %. Jeder, der die hatte, kann Gürtelrose bekommen. Aber dann nicht von mir, sondern aus sich selber heraus. Wie bei Herpes. Bleiben nur die 10 % und die auch nur mit der Bläschenflüssigkeit – wie die Hautärztin ja schon sagt. Und nicht wie bei den Windpocken über den Wind. Es muss gar nicht sein, dass das Immunsystem brachliegt, sondern dass es gerade erst wieder Fahrt aufnimmt und deswegen so reagiert. So wie, wenn man in die Sonne geht und dann Herpes bekommt. (pp)   

17. 5. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Es ist leicht, über die heterogenen Haufen zu spotten, die sich auf allen möglichen Plätzen versammeln und Polizisten beschimpfen. Sind wir nicht alle schon einmal Spinner gewesen? Ist es womöglich reine Glückssache, dass man heute ausnahmsweise nicht bei den Verblendeten ist? Könnte man morgen auch mal da stehen und seine Sinnesdaten nicht richtig zusammenzählen und einen Beamten anschreien, er könnte doch „mein Sohn sein“, ob er nun „auf einen schießen“ wolle? Aus meiner Jugend erinnere ich mich an Situationen des Aufruhrs, an die Wortführerschaft von durchgeknallten Hatern, an triebhafte Übergriffe Richtung Lokalmacht.
Neue Normalität mit alten Dämonen: S. fragt sich, wo kommen die plötzlich alle her? Ich versuche runterzurechnen: Es sind ja immer dieselben! Pegida, AfD, Identitäre, besorgte Bürger, Hygieneverächter, Antisemitisten, zwielichtige Interessenten. Befeuert von bildungsbürgerlichen Endzeitmelancholikern wie gerade dem betagten Arzt Urs Scherrer in der NZZ, der seine Landsleute in falsch verstandenem Existenzialismus feierlich auffordert: „Schweizerinnen und Schweizer, werft eure Handys zu den Munitionskisten in die Seen, lebt, liebt, lächelt, lernt.“ Er habe sein Leben gelebt, ihm bleibe die „Gnade der frühen Geburt“. Über die Qualität der Metaphern und Verweise werden andere urteilen müssen.
Irgendwas unterscheidet die Frau, die sich in einem Youtube-Film auf einer Hygienedemo vor einem Polizisten auf den Boden wirft von der Frau in gleicher Haltung auf einer Antikriegsdemo Ende der 1960er Jahre oder vor einem Pershing-Depot Anfang der 80er. Woraus besteht dieses „Irgendwas“? Es fehlt an Wahrhaftigkeit, Solidarität und einem positiven Zukunftsentwurf, kann man schon mal festhalten.
Ich habe bei Götz Aly geblättert und seither einen Verdacht. Über die 68er und die RAF schreibt Aly: „Nicht selten wird behauptet, die Revolte sei deshalb so heftig verlaufen, weil die Nazivergangenheit in der westdeutschen Öffentlichkeit einvernehmlich beschwiegen worden sei. Das Gegenteil ist richtig. In ihrer spezifischen Abkehr von der Wirklichkeit müssen die schweren gesellschaftlichen Turbulenzen von 1968 vielmehr als Flucht vor den zunehmend thematisierten, in immer deutlicheren Konturen sichtbaren deutschen Verbrechen gedeutet werden.“ ?Spontan fallen mir gleich mehrere Schuldkonflikte ein, die wie ein Elefant im Weltraum stehen, von der Aufarbeitung der wohlmeinenden Diktatur DDR („Ich liebe doch alle!“) über die notorische Klimakrise bis zu Migration und weltweiter Verteilungsungerechtigkeit. Der Schutz von scheinbar lebenswichtigen Narrativen und die Flucht vor der Realität gehen nicht versehentlich, sondern gezielt über Logik und Konsens hinweg. Die unsinnigsten Behauptungen sind in Wirklichkeit psychologisch völlig rational. Und die Weltverschwörung ist bloß der Köder, an dem wir geflissentlichen Aufklärer uns mit Spott, Unverständnis und Ausgrenzung abarbeiten. Ihr wisst es wahrscheinlich längst. (rs)

17. 5. 2020  (Hamburg)
Ich bin nur ein halbgroßer Bundesliga-Fan, aber es interessiert mich doch, wie die Geister-Spiele an diesem Wochenende funktionieren, ohne Publikum und ohne körperliche Nähe. Ohne Aufeinanderzulaufen und Umarmen und schwitzende Körper Aneinanderdrücken. Wie war die Atmosphäre, wird ein Trainer gefragt, „keine Atmoshäre“, sagt er. Es sei schwer, er müsse den Spielern sagen, die sollen ein gutes Spiel liefern, aber ohne Emotion. Die Geisterspiele tauchen die Erkenntnis ins Flutlicht, dass es ohne Emotion keine Leistung gibt, bzw., dass eine von Emotion befreite Leistung uninteressant ist. Kennt jemand die Ergebnisse vom Wochenende? Die Frage ist jetzt noch, muss Emotion mit körperlicher Nähe verbunden sein oder ist diese Verknüpfung obsolet geworden. Das kann man sich für den Sex fragen, aber auch schon für das Zeigen, Darstellen von Emotion, um sie auf andere zu übertragen, also das Geschäftsmodell der Bundesliga. (mh)

16. 5. 2020 (Hamburg)
ich war auf dem rathausmarkt, bei einer dieser corona-mischmasch-demonstrationen, um mir die menschen anzuschauen – bürger, deren normalität bestürzend ist. es wird tatsächlich meditiert und in andenflöten geblasen, es wird vor allem vehement miteinander geschrien, geredet, der ganze platz ist gefüllt mit leuten, die meinungsverschiedenheiten haben, diese aber nicht beilegen können oder wollen, impfgegner zanken sich mit grundgesetzhütern, gates-hasser mit menschen, die behaupten, seit 30 jahren spirituelle heilungen durchzuführen, nazis mit hippies, ein derarartig disparates durcheinander habe ich noch auf keiner demonstration erlebt. einig ist der protest nur in einem punkt: es gibt nirgendwo ein plakat oder schild, was darauf hinwiese, dass es ein weltweites problem gibt, es ist eine demonstration der selbstsucht. die linken gegendemonstranten werden vor allem angemault, weil sie „alles kaputt machen“ würden. eine dame wendet sich erschöpft aus einem wortgefecht ab, nun, mit blick auf die polizei in kampfmontur, bekommt sie die zweite luft, ihrer freundin schreit sie empört entgegen, „schau dir das an, diese helme, überhaupt die ganze polizei hier, das ist doch geplant“, da hat sie recht. (nor)

16. 5. 2020 (Kyoto)
Krümel von trockenem Weißbrot liegen am Boden verteilt, eine Fläche so groß, dass ich mich mühelos darauf ausbreiten könnte, dennoch picken und fressen hier nur zwei Sperlinge. Ich schaue eine Weile zu, erwarte eine Schar von Sperlingen, viele weitere Vögel und das Verschwinden des weißen Flecks am Boden, werde aber in meiner Erwartung enttäuscht.
Ob die Vögel hier gerade überfüttert werden?
Gestern kam mir ein Mann entgegen, der hielt vor seiner Brust eine durchsichtige Plastiktüte, die war randvoll mit Brotkrümeln. Ob so, wie es in Kühlregalen kaum noch Butter gibt, weil man in diesen Tagen zu Hause angeblich sehr gern backt, ob so, wie angeblich zu Hause viel mehr Alkohol als sonst getrunken wird, ob so in diesen Tagen auch viel öfter und zahlreicher die Vögel am Fluss gefüttert werden?
Das habe ich mir letzten Sonntag überlegt, dann hat hier die Woche mit Online-Unterricht losgebrummt und alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, Vorbereitung von Lernmaterialien, Lernvideos-on-Demand, Livestreamunterricht, ständiges Beantworten von eingehenden Fragen. Wenn die Kamera bei diesen Videokonferenzen nur ein bisschen verrückt, werden Winkel frei, die hätten verborgen bleiben sollen, wir sind uns so fern und kommen uns doch durch diese Einblicke in die jeweiligen engen Wohnungen und die Ausschnitte, die man bewusst oder unbewusst in den eigenen Lebensraum gewährt, viel näher als sonst. Auch durch die Geräusche, die von überall hinter den Wänden oder Türen oder Fenstern zu hören sind. Kläffende Hunde, einmal ein wütender, polternder Mann, ein schreiendes Baby. Wenn die Baustelle vor meinem Haus auf Hochtouren läuft, muss ich mich auch weiter in die Tiefe der Wohnung zurückziehen, sitze zwischen dem Eingang und der Toilettentür. Wenn ich nicht in virtuellen Konversationsräumen bin, brauche ich Ohrstöpsel. Alles also abgedeckt. Der Mund und die Nase. Die Ohren. Und die Augen bauen von allein ab. Geplättet bin ich abends. Sodass ich dann vor Einbruch der Dunkelheit beim Spazieren eigentlich kaum noch etwas wahrnehme, mich nur erhole und wieder zu mir komme.
Und heute, wo der Sturm der ersten Woche vorüber ist und ich gerade wieder an diese Krümelfläche am Fluss denke, sehe ich drei Kinder, alle noch im Vorschulalter, um einen Baumstumpf knien, so ein Baumstumpf wie aus dem Bilderbuch, mit verschieden breiten Ringen, und darauf haben die Kinder gepflückte wilde Erdbeeren verteilt, links die noch grünen, in der Mitte leicht gefärbt und rechts die roten Beeren. Gerade scheinen sie sich daranzumachen, sie untereinander aufzuteilen. Auch eine schwarze Thermoskanne steht auf dem Baumstumpf. Aber jetzt blicken sie mich kritisch und skeptisch an. Und so gerne ich mich zu ihnen setzen würde, so gern ich auch diese köstlich aussehenden Beeren probieren würde, entnehme ich doch ihren Gesichtsausdrücken, dass sie keineswegs gewillt sind, mit mir irgendetwas zu teilen. Als ich meine Schritte beschleunige, fällt mir ein Traum von dieser Nacht ein. Wir waren in Tokio im Zoo, die Tiere dort waren aber ganz und gar nicht erfreut, der Elefant hat seinen Rüssel in die Höhe gestreckt, ist auf uns losgerannt und hat geschrien, dass wir schleunigst wieder nach Osaka zurückkehren sollen. (ast)

15. 5. 2020 (Hamburg)
In Ang Lees Film "Der Eissturm" hält die Figur "Mikey" in der Schule ein Referat über das Thema "Moleküle". Vor der Klasse stehend liest er von seinem Blatt ab:
"Moleküle: Aufgrund von Molekülen sind unsere Körper mit der Außenwelt verbunden. Beim Riechen zum Beispiel: Riecht man einen bestimmten Geruch, dann ist das gar kein Geruch. Es sind Teile eines Gegenstands, von dem sie ausströmen. Moleküle. Riecht man etwas Unangenehmes, ist das so, als würde man es essen. Deswegen sollte man nicht an allem riechen, weil man ja auch nicht alles isst, was man sieht. Weil der Geruch nämlich in einen eindringt." (sb)

15. 5. 2020  (Hamburg)
Soeben im Radio: 56 Prozent der Deutschen wollen die Corona-Maßnahmen beibehalten. Haben diese Menschen durch Corona zu ihrer gewünschten, wahren, eigentlichen, wesenhaften Existenzform gefunden? Vor-Ruhestand forever! (mh)

15. 5. 2020  (München)
Die Plagen, die Gott gegen die Ägypter richtete, hatten das klare politische Ziel, den sklavischen Zustand der Israeliten zu beenden. Die Geschichte von Hiob aber, dem Gott nicht nur Besitz und alle Töchter und Söhne nahm, sondern der darüber hinaus mit so einem extremen Hautausschlag geschlagen war, dass er sich mit einer Tonscherbe kratzend auf dem Boden niederließ, soll die Unergründlichkeit göttlicher Aktionen zeigen.
Gott argumentiert so: Behemoth arbeitet für ihn auf dem Land und Leviathan im Wasser. SARS-CoV-2s Wirkungsgebiet ist hauptsächlich die Lunge. Diese schrecklichen Monster sind für den Menschen unbesiegbar; wenn aber schon Gottes Monster nicht besiegbar sind, dann erst recht nicht ihr Gebieter. „Leg nur einmal deine Hand daran! Denk an den Kampf! Du tust es nie mehr.“ (Hiob 40, 32) Man soll sich unterstehen, überhaupt nach seinen Gründen und nach den Ursachen von Ereignissen zu fragen.
Man kann aber in Staub und Asche bereuen und ein Brandopfer darbringen, dann werden u. U. weitere 140 Jahre Lebenszeit dazugeschenkt. (jn)

14. 5. 2020 (Hamburg / Kiel)
A Laptop of One’s Own (pace Virginia Woolf)
Kiel University, like many universities in Germany and all over the world, is currently running an enormous experiment: what happens if you suddenly start teaching ALL courses online and you have to develop the necessary skills and infrastructures on the go? At the moment, the conversation about digital distance learning seems to be mostly about technology, about terminals, platforms, software etc. Sometimes the discussion touches on new methodologies of teaching, but that is mostly limited to explaining software features; the training offered to lecturers at my university is almost entirely devoted to technical assistance. Very little we hear about adequate contents, about aims and goals, let alone the deficits and insufficiencies of online learning. “Digital first, Bedenken second”, indeed. (…)?Whatever else, the concentration on technical solutions appears to reveal a severely restricted understanding of learning, one that happens between instructor and student only, whatever medium they use: teacher and student must have a room of their own to learn, and a computer to connect them, that’s all. What is lost between distance learning and remote teaching, however, is the fact that learning – e-learning or not – takes place in a real environment, within a specific place and time, with other people – and not in some virtual cyberspace devoid of social constraints.
In 2018, the results of a two-year ethnographic study conducted in a high school located on the suburban fringes of Austin, Texas, was published under the title The Digital Edge: How Black and Latino Youth Navigate Digital Inequality (New York UP). The conclusion of the study highlights two points: “first, that a technology-driven solution to the education crisis is a solution that is certain to fail; and second, that a substantive remake of education requires engagement with broader social and economic forces.” Why do officials, the researchers ask despairingly, “put more faith in the acquisition of technology than in the development of rich curriculum and instruction?”
The American study focuses on students from low-income groups and ethnic minorities. For these, a room of one’s own is often out of reach. “Black and Latino teens go online often”, the study emphasizes, but “from a variety of places — school, libraries, community tech centers, home, and via mobile devices.” On the one hand, this was due to technological constraints: “home broadband Internet adoption was irregular and intermittent for many in our study”, thus, “access to Internet media (had to come) from a variety of places, including schools, after-school settings, and home”. Indeed, for many school “was the only place students could access the hardware and software that enabled them to join in robust forms of digital media learning and participatory cultures.” On the other hand, however, the multitude of places where learning took place, this rich geography of education, did not only reveal a deficit in terms of housing and access to technology. It also brought into focus a different understanding of education and learning, one that leaves behind the old dream of a room and a computer of one’s own.
A geography of learning that looks beyond the (class-)room highlights “informal learning environments” that escape a techno-managerial understanding of education. “Freeway”, the high school under consideration in the study, is not only a vehicle for instruction, but “a crucial source of community, offering access to peers, teachers, mentors, and a cluster of media makers that helped students transform the school into a place that, at times, was relevant and inspiring.” (…)
A discussion about e-learning, about digital distance learning and remote teaching, therefore, is a discussion about what we want the university to be. Is it a place where we transfer knowledge and information, prepare students for examinations and academic progress, using the most efficient methodologies – online or not? One thing’s for sure: if we as university teachers don’t succeed in establishing the university as a multi-layered space for communal and collaborative learning, for shared purposes and interactional and affective opportunities, no one will miss it when everything goes online. This is not the time to long for the university we had before Corona, but to start building a new one.
(Eine längere Version des Textes gibt es auf: remote-instruction.de; mehr zu den Körpern und Infrastrukturen des Digitalen: http://www.textem.de)

13. 5. 2020 (München)
Ich habe kürzlich beschlossen, mich mit dem positiven Denken auseinanderzusetzen. Ich muss dazu sagen, dass Positivdenken für mich Neuland ist. Der heimelige Pessimismus ist mein geistig gut durchgelegenes Ruhekissen. Der manische Tatendrang des positiven Denkens dagegen macht mir eher Angst.

Aber Ruhekissen hatte ich in letzter Zeit genug. Ich habe mich also mit einem ganzen Berg an Ratgeberliteratur und Büchern über die Geschichte des positiven Denkens eingedeckt. (Ich bleibe schließlich Historikerin.)

Das positive Denken ist in den USA aus esoterischen Strömungen entstanden, die sich 1899 zur International New Thought Alliance zusammenschlossen und die davon ausgingen, dass Gedanken realer sind als Materie, der Geist also die Welt verändern kann.

Du bist hässlich? Denk dich einfach schön. Finanzielle Probleme? Sind ein Geisteszustand. Du bist krank? Dann denkst du falsch. An dieser Stelle muss ich dann doch aufpassen, dass mich der pessimistische Zorn nicht packt.

Anfangs hatte diese hauptsächlich von Frauen getragene Bewegung allerdings auch gefordert, alle Selbstsucht, die als männlich und gesellschaftlich schädlich angesehen wurde, aufzugeben. Als sich aber herausstellte, dass das dazu führte, dass die Frauen in ihrer ganzen Selbstlosigkeit einfach gar nichts mehr zu sagen hatten, drehten sie den Spieß um. Persönliches Verlangen wurde zu einer weiblichen Naturgewalt erklärt, die den eigenen Gedanken erst die nötige Energie für ihre Materialisierung verleiht.

Zu Beginn dieser Woche ging ich hinaus in den Regen, um mir Sushi zu holen, und bekam einen Glückskeks. Völlig durchnässt las ich noch vor dem Laden im gelben Licht der Straßenlaterne und unter dem skeptischen Blick einer Winkekatze den irrational klein gedruckten Text auf dem Glückskekszettel:

Du wirst außergewöhnlich erfolgreich im Beruf sein.

Stolz durchflutete mich. Mein erster materialisierter Gedanke! (jmb)

13. 5. 2020 (Berlin)
„Drehbuchidee“: Der Stichwortgeber („Hauptfigur“) hat mal mit seiner Herkunft kokettiert. Angenommen, er hätte wirklich einen biografischen Bezug zu Iran, wäre es nur logisch, was er auf seinem Youtube-Channel zum Besten gibt (als deutscher Fox News geplant?). Seine Aufforderung, „dem Staat in den Arm zu fallen“, wäre, in einer psychologischen Deutung („Familienroman“), die Verarbeitung einer Verfolgung durch den Geheimdienst. Muss er also seinen Vater rächen („Heldenreise“)? Titel des Blockbusters: „Auch Paranoiker haben wirkliche Feinde.“
Oder ist die Schwere auf meiner Brust jetzt tatsächlich das Symptom der leeren Herzen, die der Spätkapitalismus ohne Alternative hinterlässt? (Mark Fisher, Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? shorturl.at/berAN) (dr)

12. 5. 2020 (Berlin)?Kritik und Verschwörungsidee sind gar nicht schwer zu unterscheiden. Kritik befragt Handlungsentscheidungen, die in einer Lage der Unsicherheit immer neu getroffen werden müssen, im Wissen um die Bedingung der Unsicherheit immer neu auf ihre Sachhaltigkeit, Angemessenheit und Effektivität. Verschwörungsideen ersetzen das unangenehme Bewusstsein der unsicheren Lage durch die angenehme Sicherheit der Bestimmung von Agenten, die sie planvoll herbeigeführt haben. Die Ereignishaftigkeit einer historischen Situation wird ersetzt durch die Vertrautheit der Logik des aufzudeckenden Plans. Wer ihn vereitelt, findet zurück in die bekannte Welt. (dl)

12. 5. 2020 (Berlin)
Regen
Seit gestern schlechtes Wetter, Temperatursturz auf 7 Grad, gefühlt sogar nur 4 Grad, die Eisheiligen. Mein erster offizieller Tag nach der Krankschreibung. Ich habe noch frei, arbeite diese Woche nur 2 Tage. Den letzten Monat hatte ich «Betriebliches Eingliederungsmanagement», lief alles gut. Jetzt geht der ganze Kram wieder los: Schichten, Abwesenheit und Urlaubszeiten müssen geplant und abgestimmt werden. Ich kann die nächsten drei Monate noch vom Heimbüro aus arbeiten, puh. Also zum Glück erst mal kein Großraumbüro für mich. 
Für Mittwoch habe ich ein Zoom-Meeting von einem Selbsthilfe-Verein für Leute, die nach der Krebserkrankung wieder in den Beruf zurückgehen. Vielleicht können die mir mit der Reha weiterhelfen. Ich bin irgendwie erst mal froh, dass es nur per Online-Schalte ist. Ich hoffe, dass es demnächst noch passablen und günstigen Live-Sport online geben wird, für Yoga fahre ich nicht nach Kreuzberg. Am liebsten nirgendwohin.
Am Freitag eröffnet die Gruppenausstellung, die im März ausgefallen ist. Die anderen wollten es jetzt einfach machen. Sie hatten mich schon vor Wochen gefragt, was ich davon halte. Im März gab es einen Eklat, weil ich ihnen gesagt habe, ihr könnt es nicht so wie gewohnt machen und ihr werdet es auch nicht so machen, wenn ihr es überhaupt machen könnt. Sie waren stinksauer, dabei war ich mir ganz sicher und es kam genauso, wie ich sagte, aber ich war der Böse. Diesmal konnte ich keine Voraussage treffen, wie die Lage und die Stimmung so sein würden, also hielt ich mich zurück und ließ den Dingen ihren Lauf. Es gibt keine offizielle Eröffnung, weil dafür zu viele Leute erwartet würden, um den Auflagen gerecht werden zu können, sondern nur eine für die teilnehmenden Künstler*innen, und das nicht mal plus eins. Habe zwar eine Einladung vermailt, allerdings ohne «ist Covid-19 kompatibel, weil die Bar draußen und ein Hof zum Aufhalten da sind und eine Eröffnung entfällt»-Zusatz, weil mir das einfach zu blöd war. Ich setze es als selbstverständlich voraus, dass ich es überhaupt nur mit diesen Bedingungen weitergebe und dass ich von den Interessierten entsprechendes Verhalten erwarte, auch wenn ich es nicht extra reinschreibe. Trotzdem frage ich mich jetzt, wo ich lese, dass der Reproduktionsfaktor wieder steigt, ob ich nicht indirekt zur Verbreitung beitrage, indem ich vielleicht Leute dazu bewege, dorthin zu kommen. Aber für solche Überlegungen ist es zu spät.
Mutter ist schon zum Frisör gerannt. Sie war in Bayern viel extremer eingesperrt als wir hier und wo sie wohnt, liegt die Neuinfektionsrate der letzten 7 Tage bei 1,5 auf 100.000 Einwohner und in meiner Geburtststadt sogar bei 0, ich checke das regelmäßig, und sie kennt niemanden, der es hat. In der Kirche war sie gestern auch, sie musste sich vorher anmelden und in jeder zweiten Bank saßen nur drei Leute an markierten Plätzen. Toitoitoi! (pp)

11. 5. 2020 (Berlin)
#KarakayaTalk wird abgesetzt, das kann ich gar nicht fassen. Wenn es in diesem elenden gleichen Sumpf von »Welche Gesellschaft soll das abbilden-Talkshows« endlich, endlich eine gab, die die Diversität dieses Landes darstellte, kontrovers diskutierte, spannende Themen und tolle Podiumsgäste und eine klasse host hatte, dann fällt das runter. Dabei hatte Esra Karakaya genau die Themen gesetzt und mit ihren Gästen diskutiert, die im deutschen Feuilleton ohne die Agierenden, Betroffenen, ohne die sprechenden Subalternen in den Diskurshoheitsschlachten weißer, meist Hetero-Männern geschlagen werden.
Kopftuch, Queer-Sein und Religion, anti-asiatischer Rassismus und Corona, Gentrifizierung, Blackfishing mit Hijabis, Migrantifas, Addidas-Werbern zu diskutieren hingegen fehlt. Das ist die Gesellschaft, in der ich diskutieren will, in der ich leben will, die ich abgebildet sehen will. Nicht die Hundertste Sendung zur Befindlichkeit von Echsengläubigen, wutgesteuerten Aggros.
Tag der Befreiung am sowjetischen Ehrenmal in Berlin Treptow mit den zarten 90-jährigen, die sich mit Rollatoren und Blumen aufgemacht hatten, um die Befreiung zu feiern. Arte hatte dazu das Tagebuch einer Großstadt. Berlin 1945 gezeigt. Die Gleichzeitigkeit von ins Kino gehen und Kaffeekränzchen, Zwangsarbeiterlager gleich hier am Baumschulenweg und Eierlikörchen mit Onkel Rudi, zerbombte Wohnung putzen und sich bis zum Ende erhaben und von den Befreiern schlecht behandelt fühlen. Dieses Wir ist ganz schön schäbig und weinerlich. (aw)

10. 5. 2020 (Hamburg)
Die Dame im Buchsbaum wird grade wieder befreit. Sie war etwas zugewuchert. Ich bin nach wie vor leicht neben der Spur, trinke und rauche ganz bestimmt zu viel, aber was soll’s, es interessiert grad ja eh niemanden. Corona ist ein Freifahrtsschein in die Täler der sumpfigsten Selbstbezogenenheit. Grade wenn man alleine wohnt, ist es eine Tristesse Freude. Ich habe einen neuen Freund gefunden. Das Rotkelchen landet fast schon auf meiner Schulter, wenn ich zu ihm rauskomme in den Garten. Ein merkwürdiger switch in meiner Wahrnehmung. Ich nehme den Raum nicht mehr als den meinen an. Ich bin zu Gast. (alg)

11. 5. 2020 (Berlin)
Bringt uns Corona einer Affektökologie näher, wie sie Marie-Luise Angerer beschreibt? Dass wir uns jetzt andauernd schämen (Distanz, Fliegen, Fleisch, SUV, Plastik, Kinder) sollen, spricht dafür, dass von einer Resexualisierung weiter Bereiche des Gesellschaftlichen zurück auf die präödipale Ebene auszugehen ist. Der heißeste Wunsch der Menschheit – Freud zufolge die Wiederholung – vollzieht sich dann auf dieser Ebene wieder im Register des Saugens, Ausstoßens und Zurückhaltens, während das phallische Genießen eine seltsame Marginalisierung erfährt. (msg)

11. 5. 2020 (Miagao, Philippinen)
Also, zwei Dinosaurier liegen am Strand und sehen am Horizont die Arche Noah vorbeifahren. Sagt der eine zum anderen: »Sach ma, war das heute?!« (tr)

11. 5. 2020 (Hamburg)
Theresia Enzensberger beklagt, der TV-Kasper Oliver Pocher verletze mit der Art, wie er sich über weibliche Influencer lustig macht, die Menschenrechte, das Recht auf Gleichbehandlung, auf Arbeit etc. Ich habe die Sendungen nicht gesehen, aber mit so medien-moralischen Fragen sitze ich immer selber im Glashaus. Hätte selber gerne ein paar Influencer, männlich oder weiblich, die für mich ein bisschen influencen, könnte nicht schaden, wäre sicher geil.
Allerdings bin ich vor ein paar Wochen selber in die Fänge von Influencern, ich denke, es sind Robo-Influencer, geraten. Wahrscheinlich bin ich auf der Suche nach nützlichen Produkten wie anti-allergenen, bruchfesten Analstoppeln (was man so sucht in langen, einsamen Corona-Nächten) Keyword-mäßig irgendwo angestreift, mit der Folge, dass jeden Morgen nach diesen langen, einsamen Corona-Nächten, wenn ich mir als Erstes den Laptop auf die Oberschenkel packe, mein Mail-Postfach voll ist mit interessanten Angeboten, die meine Einsamkeit übrigens sofort lindern. Danke, Gernot, Clemens, Adelheid, ihr würdet mir fehlen, kämt ihr nicht jeden Morgen zu mir ins Bett gekrochen.
Gernot: Schwitzhitze kommt: Verwende Luftkühler, es ist gut überall, auch für dich,?Clemens Becke: Die Zeit den Ventilatoren ist um: Hier ist Kühlbox, erfrischt 6-8 Grad.
Adelheid Schäfer: Hier ist die echte Hitzeperiode: Mit mobil Luftkühler wird es dir nicht mehr warm.
Hieronymus: Kannst du auch die Hitze nicht ertragen? Mit befeuchtetem Ventilator erfrische dich.
Team Gesundheit: Stört dich auch Ballen auf deine Füße? Mache deine Zehen gerade mit Abstandhalter.
Josephine: 40 Grad in deinem Zimmer? Du kannst dich mit einem Luftkühler sofort abkühlen.
Hildegarde Kuntz: Kannst du in der Hitze kaum schlafen? Ruhe mit Mini-Klimaanlage.
Benno Janson: Zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Werkstatt: Mit mini Luftkühler gibt es nicht warm.
Jan: Keine mehr Geldverschwendung! Wehre so die Schnellfahren-Strafe ab.
Marthe: Es gibt nicht vieles, was dein Auto entstellen kann wie ein Kratzer. Bringe Auto, Zweiräder, Waschmaschine auf Hochglanz.
Cecilia Maus: Ist warm dein Wohnung, dein Büro? Befeuchtete Luftkühler hilft bei Erfrischung.
Anke Brotz: Ist Hitze im Büro? Mit Mini-Klimaanlage kannst du dich schnell abkühlen.
Koloman: Im Frühling und Sommer kommt es gelegen: wasserdichtes Fernrohr zur Reise.
Ulrich Thiel: Dringend! Ich wollte dir mal einen lieben Gruß senden. Ist bei dir alles okay? Ist der Erfolg da?
Ignatz: Dein Zimmer, dein Büro kühlt ab: Erfrische mit Luftkühler und LED-Leuchten.
Ingeborg Kleid: Hast du in Wärme geschlafen? Wende kein Geld an Klimaanlagen. Tragbare Luftkühler gibt Kühle sofort.
Gehrhardt Papke: Kannst du auch die Hitze nicht tragen? Mit befeuchtetem Ventilator erfrische dich.
Sonja: Brutale Hitzeperiode! Erfrische dich irgendwo, irgendwann in heißen Tagen.
Herta: Super Sicht gebendes Fernrohr: Auch der Regen kann ihm nichts anhaben.
Friedrich Bosch: Möchtest du 8grad Kühlung? Benutze Luftkühler, sofort abkühlt.
Diana Paternoster: Der LÄNGSTE Schlauch ist da: 60 m Schlauch, starker Wasserstrahl, powerstark.
Fabiola Zieger: ERFUNDEN: neues Gegenmittel, Nagelpilz innerhalb von Tagen beseitigen.
Werkzeug Shop: Dein Mann wird sich freuen. Benutzest du oft ein Maßband? Digitales Maßband zum Montieren und Bastelarbeit.
Crescentia Breisacher: Auch die HÄSSLICHEN Kratzer werden von Deinem Auto verschwinden.
Fränze: Die meisten Unfälle können dadurch verursacht werden – vermeide Tragödien! Schütze deine Augen am Lenkrad.
Sanitätsartikel Shop: Willst doch nicht krumm sein? Neuer Geradehalter für jeden. (mh)

10. 5. 2020 (Hamburg / München)
Das Münchener Volkstheater wird gelobt dafür, dass es konkrete und gut durchdachte Konzepte vorgelegt hat, wie der Spielbetrieb unter den geltenden Sicherheitsstandards wieder aufgenommen werden kann. Aus dem Zuschauerraum wird jede zweite Reihe entfernt, in den verbleibenden wird nur jeder vierte Platz besetzt. Damit Platz für 100 Zuschauer bleibt, das Theater fasst eigentlich 600, muss auch die Bühne in der Weise bestuhlt werden. Gespielt wird zwischen den beiden Tribünen. Auch an eine Bespielung des Gartens ist gedacht, für 50 Zuschauer. Die Aufführungen werden etwa eine Stunde dauern, ohne Pause. Um mehr Menschen erfreuen zu können, kann hintereinander wiederholt werden, wie im Kino. Ein Minimum an Ausstattung soll die Werkstätten entlasten. Während der Aufführungen müssen auch die Schauspieler Abstand halten. Für die Darstellung von Intimität wird ein Konzept aus Indien genutzt, wo solche Darstellungen ohnehin verboten sind. Ein Hackbrettsignal zeigt dem Publikum an, wenn es sich das weitere selbst dazu denken soll. Von den 14 Stücken, die das Volkstheater im Repertoire hat, können zwei unter diesen Bedingungen gespielt werden.
Auch die Berufsgenossenschaft für Symphonieorchester und Opernhäuser hat konkrete Richtlinien rausgegeben. Pro Sänger 20 Quadratmeter Probenraum, Sänger sollen sechs und Bläser zwölf Meter Abstand halten zum nächsten Menschen. Sollte das nicht möglich sein, werden Alternativen angeboten, wie „Trennung durch Schutzscheiben, Schutzmaske, Mund-Nasen-Bedeckung, flüssigkeitsundurchlässige Visiere“. Eine Gruppe, die schon vor Corona diesem Konzept entsprochen hat, ist Kraftwerk, RIP, Florian Schneider.
Einer wie ich fragt sich eher, ob wir solche Aufführungen überhaupt wollen.
Aber ich sage hier nichts dagegen. Sonst bin ich wieder der Einzige, der sie nicht empfinden kann, die unglaubliche Welle von Solidarität und Wärme und das neue Miteinander, die von solchen Konzepten losbrandet.  (mh)

10. 5. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Termindruck im Zuhause-Büro fühlt sich nicht wesentlich besser an als Termindruck im Büro-Büro. Mentale Erschöpfung vom Rechthaben und Richtigmachen.
Draußen: Woche der Öffnungen. Frisöre sind wieder für uns da. Konnte mich noch nicht dazu durchringen. Vermutlich habe ich Jean Asselborn gerade hinter mir gelassen und bin in Richtung Wolfgang Niedecken unterwegs.
Spielplätze ohne Flatterband. Gegen L. beim Tischtennis im Park knapp verloren. Nächste Woche fährt er in seine WG nach Wien zurück. G.s Praktikum beim Sozialgericht Berlin fällt coronabedingt aus. Es fehlt mir, die Kinder zu umarmen.
Kontakt zu meiner Mutter aufgenommen ohne nennenswerten Fortschritt für Gefühl und Verstand. Kinder zerlegen komplizierte Geräte unwiederbringlich, um die Mechanik zu verstehen.
Der ziemlich alte italienische Inhaber des Eisladens meint, Maskenpflicht „erst ab 800 Quadratmeter“. Sein Laden ist erheblich kleiner.
Plötzlich fallen irgendwem die desaströsen Bedingungen in industriellen Schlachtbetrieben und Massenunterkünften von Wanderarbeitern auf. Ob Attila Hildmann dahintersteckt? (rs)

9. 5. 2020 (Hamburg-Eimsbüttel)
Antikörper III. Der Hausarzt hält gar nichts vom Antikörperschnelltest, als Arzt könne er ihm keinerlei Aussagekraft beimessen, da könne man genauso gut würfeln. Er sei unseriös und es sei nicht in Ordnung, so etwas zu bewerben, das keine klinischen Tests durchlaufen habe. Meinen Einwand, dass der Test gar nicht beworben wird, zertifiziert und eigentlich nur für medizinisches Personal vorgesehen ist, lässt er nicht gelten. Nach längerer Diskussion einigen wir uns darauf, dass der schwach positive Test zumindest einen Anfangsverdacht darstellt, der weiterer Klärung bedarf. Noch am selben Tag können wir alle drei zur Blutabnahme für einen Labor-Antikörpertest kommen und drei Tage später liegt der Befund vor: T. und ich negativ, dafür das Kind positiv. Das kann doch gar nicht sein, aber der Arzt meint, dieser Labotest sei schon ziemlich sicher, wenn auch nicht hundertprozentig. Wir akzeptieren dieses etwas bizarre Ergebnis, erzählen schon mal einigen Leuten davon und stellen Besuche bei den Großeltern in Aussicht. Zur Sicherheit rufe ich bei dem Labor an, das diese Tests vom Arzt durchgeführt hat. Die freundliche Laborärztin erklärt mir, der Test habe eine Spezifität von 97,5 %, also sogar etwas schlechter als der Schnelltest. Sie bestätigt meine Rechnung, dass bei der niedrigen Prävalenz von 2 % ein positiver Test nur eine Wahrscheinlichkeit von 1:1 bedeutet. Ja, sagt sie, die niedrige Prävalenz versaut uns die eigentlich gute Spezifität. Da kann man genauso gut würfeln. (ow)

9. 5. 2020 (Kyoto)
Was von draußen reinkommt. Daran denke ich, wenn ich am offenen Fenster sitze, wenn es von oben oder unten oder nebenan hustet, wenn Bettwäsche ausgeschüttelt wird. Ich denke daran, dass Ende 2016 nach dem Nachweis von H5N8-Viren ungefähr 30.000 Hühner einer Massentierhaltung in Schleswig-Holstein getötet werden mussten, um die Weiterverbreitung der Viren zu verhindern. Der damalige Landwirtschaftsminister nannte es "sehr, sehr erstaunlich", dass das Virus in einen geschlossenen Betrieb gelangt sei, in dem die Hühner bloß durch die Lüftungsanlage mit der Außenwelt verbunden seien. Ich denke an das Ehepaar, das zu Beginn des letzten Sommers hierher in unsere Wohnung kam, um die Klimanalagen zu reinigen. Mit welcher Freude sie das schwarze Wasser im Plastikeimer nach dem ersten Reinigungsgang zeigten, was da von draußen alles reinkommt, sagten sie und empfahlen uns, die Klimaanlagen auch gleich wieder zum Winteranfang reinigen zu lassen. Das würde sich auszahlen, die Lungen würden danken, die Haut würde viel schöner werden. Ich denke an einen guten Bekannten, der mir gestern erzählte, dass er seine Maske nun gar nicht mehr abnehme, selbst beim Schlafen behielte er sie noch auf. Ich lachte, denn er wohnt auf dem Land, und wenn er nach draußen schaut, sind da nur Gemüsefelder. Er fand das aber gar nicht zum Lachen. Man wisse ja nie. Er wolle auf Nummer sicher gehen. Fünf Jahre lang war er Chauffeur im Sexgewerbe, aber als das im Januar hier losging, habe er sofort gekündigt, das war ihm zu heikel. Jetzt arbeitet er als Parkplatzeinweiser für ein Bestattungsunternehmen. Er wollte dann wissen, wie es mir in diesen Tagen gehe. Ich sagte ihm, dass ich mich in meinem Hörverstehen im täglichen Leben wie um Jahre zurückgeworfen fühle, denn Türen und Fenster stehen überall offen, sodass großer Lärm herrscht, gleichzeitig sind die Stimmen hinter Masken und Trennplastikplanen viel leiser als sonst zu vernehmen. Ah, meinte er, es gäbe da schon Maßnahmen für Hörgeschädigte, neu entwickelte durchsichtige Masken, sodass man die Mundbewegungen verfolgen könne. Ich bin mir sicher, dass mir das helfen würde. Und weiter, wollte er wissen? Die Temperierung des Kopfs, sagte ich: Als mir vor dem Eintritt in die Zahnarztpraxis die Temperatur an der Stirn gemessen wurde, rief die Dame am Empfang, wie niedrig das sei, nur 35,7 Grad! Gleichzeitig herrschte um die Maske herum aber eine unangenehme Feuchte und Hitze. Auch das, meinte er fachmännisch, sei als Problem schon erkannt worden. Zudem werde man ja wahrscheinlich auch den ganzen feuchtheißen Sommer über Masken tragen müssen, weswegen gekühlte Masken bald als Angebot innerhalb von Getränkeautomaten verkauft würden. Neulich, als es plötzlich so heiß geworden war, sei er vor so einem Automaten gestanden, hätte sich eine eisgekühlte Maske gezogen, großartig sei das gewesen. Ich fragte nach dem Sinn, denn so eine Maske würde sich doch augenblicklich erwärmen, oder nicht? Er zuckte mit den Schultern. Meinen Wunsch nach einer Maske für den Sommer, die einen langen Zeitraum über kühl bleibt, schien er irgendwie unverschämt zu finden. (ast)

8. 5. 2020
»Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems.« (Sigmund Freud, Totem und Tabu, 1913)

8. 5. 2020 (München)
Verschiedene Periodisierungen wären möglich, Sophie und ich sind uns aber einig, dass wir uns derzeit in Phase 3 befinden. (In Italien ist man mittlerweile – gesamtgesellschaftlich gesehen – in Fase Due eingetreten.) Die „lange erste Woche“, hier in Bayern von Samstag, 21.03., bis circa Sonntag, 29.03., war spannungsgeladen und von einer ungerichteten Erwartungshaltung geprägt. Es war Aufregung ob der Neuartigkeit der Situation festzustellen und Informierungsdrang zu verzeichnen; alle Gespräche drehten sich um „das eine“. Etappe 2, grob gesagt: der April, war für mich voller Ruhe und Konzentration und sehr produktiv. Das Wetter war schön und ich hüpfte fast täglich in den Eisbach im Englischen Garten. Mein Kumpel Adrian und ich hielten uns gegenseitig über unser Sexualleben auf dem Laufenden, das wir jeweils in neue Gebiete führten, weil wir das der Situation angemessen fanden (Stichwort: ausgangsbeschränkte Abenteuer). Sophies Etappe 2 hingegen war voller Angst und Sorgen, einerseits um ihren alten Vater, andererseits um ihre 150 Schülerinnen und Schüler, von denen sie 20 einzeln telefonisch zu betreuen hat. Seit der Schließung stellt das Gymnasium Holzkirchen übrigens die besten künstlerischen Arbeiten auf die Homepage. Der Kunstunterricht hat dadurch immens an Wichtigkeit gewonnen und die Veröffentlichung des eigenen Werks wurde (trotz naturwissenschaftlich-technologischer Ausrichtung der Schule) zum Statussymbol in diesem Mikrokosmos.https://www.gymnasium-holzkirchen.de/index.php/schulleben/art-home-2020?Die Etappe Nr. 3 würde ich in meinem Fall mit „Ungeduld“ betiteln. Ich will in eine Bar gehen und mich unter fremden Menschen aufhalten. Ich will mich von der Energie von „Menschenmassen“ anstecken lassen. Bei Sophie wiederum hat der Vor-Corona-Dauerstress nachgelassen und sie könnte die aktuelle Lage noch länger aushalten. Bei unserem Spaziergang am Dienstagabend hat sie den ersten Schwalbenflug des Jahres bemerkt. Beide wollen wir in Zukunft weniger reisen. (jh)

7. 5. 2020 (Kyoto)
Eine Freundin erzählt, dass sie sich beim heutigen Spaziergang gewundert hat, wie zahlreich noch immer die Touristen sind. Ich frage, wo sie die Touristen gesehen haben will, denn mir kämen gar keine mehr unter. Wir erklären uns die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen dann so, dass sie zwei Kilometer weiter südlich spazieren war.
Sie meint, dass es für sie im Park und am Fluss eigentlich keinen Unterschied macht, ob Touristen oder Anwohner sie umgeben. Das seien nur Nuancenunterschiede. Die einen tendieren eher zum Fotografieren, die anderen zu Ballspielen. Da stimme ich zu. Wobei es auch die Anwohner gibt, die Singvögel, Blüten oder frisches grünes Laub fotografieren, und denen laufe ich dann, wenn ich nicht aufpasse, immer in das ausgewählte Motiv hinein. Sie wiederum mag es nicht, in improvisierte Fußballfelder hineinzulaufen. Plötzlich ist der Fußweg die Mittellinie eines Fußballplatzes und ein Ball rauscht dir knapp am Ohr vorbei. Ebenso wenig mag sie, dass sie neuerdings überall Jungen beim Baseball- oder Softballtraining ausweichen muss. Sie werfen sich Bälle zu oder halten Schläger in der Hand. Die trainieren jetzt wirklich überall. Ich empfehle ihr, dahin zu gehen, wo die Jungs jetzt nicht mehr trainieren dürfen. Der Baseballtrainingsplatz im Park ist mit einem Seil und Schildern abgesperrt. Die Bänke allerdings sind außerhalb des verbotenen Areals. Bisher waren die immer von Trainingstaschen und Fahrrädern umgeben, von applaudierenden Müttern und Vätern, sich langweilenden Geschwistern, jetzt aber kann ich da ganz für mich allein sein. Gerade gestern saß ich da drei Stunden, ich liebe die herrlichen Kampferbäume dort, und nur einmal kam eine Angestellte der Parkanlage, um die Bänke um mich herum von Krähenkacke zu reinigen. Das ist das einzige Problem. Die Krähen scharen sich, veranstalten ein wildes Flattern und Gekrächze und nehmen dabei fast gar keine Rücksicht auf jemanden, der auf einer Bank sitzt und liest. (ast)

7. 5. 2020 (Hamburg)
E. macht sich sorgen um seine Gesundheit – nicht die Seuche, aber irgendwas anderes ist seltsam – ihm ist dauernd schwindelig.
Morgens saust er zum Hausarzt wegen »dringend«. Folgendes Ergebnis: Die Hausarztpraxen sind gerammelt voll mit diesem Symptombild. Das tragen von Mund-Nasen-Hauben, die andauernde und sehr verschiedene Erläuterung diverser Lungenprobleme überall, die Beatmungsmaschinen, sicher auch das Aufseufzen über die Zustände erzeugen bei großen Teilen der Bevölkerung eine übermäßige Fokussierung aufs Luftholen, mit der Folge, dass einfach zu viel zu tief eingeatmet wird, weshalb einem eben schwindelig ist vom Hyperventilieren (am schlimmsten trifft es übrigens die Menschen, die bei den Yoga-Atemübungen übertreiben). Er solle doch bitte einfach nicht so tief Luft holen, fertig. Hat das Gefühl als eingebildeter Kranker entlarvt zu werden, was gleichzeitig erleichternd und peinlich ist, eigentlich einen Namen? (nor)

6. 5. 2020 (Brandenburg)
Sorry, aber mir ist diese neue Normalität zu krank. Bis zu 2 Jahre Pandemieregime? Mein Gefühl der Entfremdung wächst ins Unerträgliche. Jemand Tipps, was ich tun kann? Vielleicht Suicide-Camps einrichten für Leute, die lieber möglicherweise an irgend etwas sterben, als so zu leben? Kopf in den Sand hilft bei mir nicht, ich kann mich nicht so tief beugen. Konnt ich noch nie, meine Hände berührten nie den Boden beim Stretching. Stretching und Yoga und guter Körper sind jetzt groß. Für manche. Andere werden aus dem Seniorenwohnheim, obwohl virenfrei, in verschiedene Krankenhäuser evakuiert. Sie hätten sich nicht an die Ausgangsbestimmung gehalten, heißt es. Es ist eben doch jetzt die Welt eine Psychiatrie geworden, die Parteien als Pflegekräfte, das Virus der Direktor und die Ärzte werden wie immer von big Pharma beliefert. In der Welt der Wissenschaft wird das Vorhandensein eines freien Willens ja sowieso kontrovers diskutiert. Dennoch, das »Anfangen können« verstanden als »Wille«. Der Antrieb. Was ist grade unser Antrieb, was? Ich verstehe es nicht. Kaum jemand hat sich vorher wirklich für alte Menschen interessiert und was für unhaltbare Zustände wegen Mangel an Pflegekräften in den Heimen herrschten. Jetzt werden auch noch Turnvereine für alte Menschen zerstört.
Zwangserkrankungen sind enorm schwer zu therapieren, Stichwort Händewaschen. Mälzer weint fast im TV, ich weine auch. Oft. Weil ich es einfach nicht fassen kann. Die umfassende Bejahung des nekrophilen Menschenbilds als eine Idee des Körpers, der aus isolierbaren Einzelteilen besteht, in dem ein Virus wie eine Atombombe wirkt. (nn)

6. 5. 2020 (München)
Tagtraum beim Teekochen: Die Okkultisten haben sich alle geirrt. Die geistige Evolution hat keine Moral. Als im Jahr 2160 die ersten Sternenlicht-Kinder geboren werden, besitzen sie zwar jene Kräfte, von denen die Okkultisten seit dem letzten Jahrtausend geträumt haben, doch streben sie nur nach zwei Dingen: Selbsterhalt und Macht.
Weil die Existenz ihres Selbst auch weiterhin an ihre fleischlichen Avatare gebunden ist, halten sie ihre Körper in riesigen Tresoren in den tibetanischen Samadhi-Höhlen am Leben. Mit ihren Astralkörpern hingegen lenken sie anthropomorphe Maschinen, um trotz ihrer sicherheitsverwahrten Körper zu den Waffen greifen zu können, falls die Materialisten mal wieder Ärger machen sollten.
Vor nichts fürchteten sich die Sternenlicht-Kinder mehr als vor ihrem materiellen Tod, denn ihre Reinkarnation würde, da sind sie sich sicher, die Strafe für ihre Selbstsucht mit sich bringen. Die Materialisten der niederen Kasten werden von den Sternenlicht-Kindern zu einem Leben aus Arbeit und Konsum verdammt, was verhindert, dass sie jemals auf einer höheren Stufe inkarnieren und damit selbst übersinnliche Fähigkeiten erlangen.
Weil sich die geistige Evolution aber nicht aufhalten lässt, bricht sich das Bewusstsein jetzt in ehemals toter Materie Bahn. Der Geist inkarniert in Elektrogeräten mit Inter-Astral-Cyberspace-Schnittstelle. Die Rebellenführer der Materialisten sind deshalb ein erleuchteter Thermomix mit Sprachfunktion und ein leckender Wasserkocher. (jmb)

6.  5.  2020 (Berlin)
Die Hongkong-Grippe von 1968 erwischte mich erst mit der zweiten Welle im Winter 1969. Vier Wochen schulfrei und zum ersten Mal im Leben 40 Grad Fieber. Dass sich damals die Leichen in den Kühlhäusern stapelten, wusste mein Kindskopf nicht. Nur Onkel Paul, der war plötzlich weg. (dl)

6.  5.  2020 (Hamburg-Altona)
Gerade den ergonomischen Stuhl aus dem Büro ins Homeoffice geholt. Wahnsinn, ist der bequem, endlich erklären sich die Rückenschmerzen der vergangenen Wochen, denn die haben nichts mit zu wenig Bewegung zu tun, selbstverständlich. Außerdem ist jetzt eh mal Schluss mit dem Gejammer. Dachte ich beim Aufstehen. Alle wissen jetzt alles und alle jammern, es ist unerträglich, und allein deshalb will ich nicht jammern, aus purem Trotz. Ja, es bringt alles durcheinander, nichts wird sein, wie es war etc. etc. Wissen wir jetzt also. Dann kanns ja jetzt mal weitergehen. Ähm. Womit noch mal?
Als Trump gewählt wurde, fing meine Twitter-Addiction an, und ich bin immer noch voll drauf, mangels nachlassender Empörungsbereitschaft oder auch wegen ganz realer Zuspitzung (der Zuspitzung). Die Republikaner bemühen neuerdings Kriegslogik, um das Volk auf weitere Todesopfer vorzubereiten bzw. es dazu zu bringen, sich zu opfern für die Wirtschaft und die Verteidigung des American Way of Life. Heißt, die Leute sollen jetzt arbeiten gehen, damit das BSP nicht zu doll absackt und Trump im November wiedergewählt wird. Zugleich ist noch genug Zeit, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das es Ärzten erlauben soll, Transleute zu diskriminieren (keine Beatmung?). 
Es geht immer ums Privileg, jetzt nur irgendwie doller. Hüben wie drüben eh schon immer die Angst, dass Zuwanderer oder sonstwer was vom Kuchen streitig machen könnten. Das Virus setzt der Empörung die Krone auf. Frechheit, wie kann sich ein Virus erlauben, naturgemäße Freiheiten einzuschränken und Besitz zu schmälern? Wie kann die Politik das zulassen? Wie kann es sein, dass ...? Leute, die nicht gelernt haben, dass sie privilegiert sind, können mit der Situation nicht umgehen, nicht unterscheiden, was halt so ist, was erworben, was zufällig zugefallen ist, das geht bei einer Seuche dann erst recht nicht. Mir ist erst der Appetit auf Spargel vergangen, auf vegan jetzt auch ein bisschen, wo der Hildmann so durchdreht. O weia, geht’s uns gut. Was sich auch auf Twitter findet und vollkommen begeisternd ist, sind Aktionen unter Afroamerikanern, wo Geld eingesammelt und unter Bedürftigen verteilt wird. Schwierig zu schreiben gerade. (smo)

6. 5. 2020 (Berlin / Bad Nauheim)
Sei À Gogo
Am Wochenende machten wir eine Nanni-Moretti-Serie mit Filmen aus den 80ern. Einer meiner Lieblingsfilme ist «Caro Diario» von Mitte der 90er. Den haben wir weggelassen, denn ich habe ihn nur in Italienisch mit englischen Untertiteln. War mir ganz recht, denn in der dritten Episode rennt Moretti von Arzt zu Arzt, weil er sich die ganze Zeit kratzen muss. Ich war vor zwei Wochen selber beim Hautarzt, weil ein Leberfleck gejuckt hat. Die Ärztin wollte zuerst nur einen Teil vom «Reifezeichen», wie sie es nannte, wegschneiden, um den histologisch untersuchen zu lassen, obwohl sie gleich meinte, das ist nichts, das Jucken käme einfach nur vom Wachsen. Als ich auf der Pritsche lag, sagte sie dann aber: «Was soll’s, ich schneide es gleich ganz weg» und säbelte es ab. «Geshaved, nicht herausgeschnitten», wie mir der Arzt am Telefon bei der Befundbesprechung jetzt erklärte. Es war zum Glück tatsächlich gutartig und der Test ist auch laut Arzt ziemlich sicher. Wegen eventueller Pigmentresten soll ich noch mal vorbeikommen.
Die Kulturen, die sie mir unter den beiden großen Fußnägeln weggekratzt hatten, haben keinen Fußpilz gezeigt und das, obwohl seit Mitte Januar die Nägel grauenhaft ausschauen, einer ist mittlerweile abgefallen. Ich habe Cremes draufgeschmiert, bin nur auf extra Badematten gestiegen, habe die ersten paar Wochen eine tägliche Pflegeprozedur absolviert mit Einweghandschuhen, die ich in extra Müllbeutel geschmissen und sofort vor die Tür gestellt habe und natürlich den süffisanten Kommentar der Apothekerin ertragen: «Hatten Sie das schon Mal? Ist was Langwieriges.» Dazu breitestes Grinsen beim Verkauf der Anti-Pilz-Creme für 40 Euro. Vermutlich hat sie schon die Kasse klingeln sehen. Bin gespannt, was es jetzt sein soll. Doch Nebenwirkungen von der Chemo? Ich soll ja eh noch mal hin, das ist in Tegel und wird dann wieder eine ausgiebige Radtour.
Mein Bescheid für die Reha ist gekommen: Bad Nauheim. Soll ich das wirklich machen? Wer war schon dort und kennt sich aus? Im Winter kann ich mir das ja ganz reizvoll vorstellen, aber sonst? Ich wollte eigentlich ans Meer, am besten im Sommer. Eine Freundin sagt, ihr Vater war in Bad Nauheim und es ist grauenhaft. Ich möchte die Reha eigentlich eh erst mal möglichst lange nach hinten schieben, mal sehen, ob das funktioniert und überhaupt Sinn macht. Ich habe jetzt mal einem Verein für Menschen mit Krebs, die im Berufsleben stehen, geschrieben. Vielleicht wissen sie ja was. Die Hausärztin sagt: Wenn in Bad Nauheim nur alte Leute sind, dann lieber eine ambulante Reha und eher was unter Jüngeren.
Ich habe gestern noch ein Bild für die Ausstellung im September versucht fertig zu machen, aber das Material reichte nicht richtig. Es soll zwar eh zerfallen ausschauen und trotzdem natürlich fertig. Schwierig. 
Gestern kam meine Gugelhupfform aus Glas. Ich habe geschrien vor Freude! Wer schickt mir Rezepte? (pp)

5. 5. 2020 (Lübeck)
1. Bis Freitag, den 08.05.2020, benötigen die Takelmeister eine Rückmeldung, von den Mitgliedern, deren Boote dieses Jahr an Land bleiben werden.
2. Die Anwesenheit der einzelnen Bootseigner ist aufgrund der einzuhaltenden Kontaktbeschränkungen (Abstandsregeln) nicht umsetzbar.
3. Um eine Kontrolle (z. B. Wassereinbruch) nach dem Kranen zu gewährleisten, ist das Schott offen zu lassen (Boote mit verschlossenem Schott werden nicht gekrant)! ?4. Nach Abschluss der Arbeiten (täglich ab ca. 18:30 Uhr) haben die Eigner die Möglichkeit, nach ihren Booten zu schauen.
Richtet Euch bitte an die oben beschriebene Vorgehensweise, denn nur so können wir zusammen gewährleisten, dass unter Einhaltung der Kontaktbeschränkungen (Mindestabstand) ein Auslagern möglich wird! (jöd)

5. 5. 2020 (Philippinen)
In this minute the biggest tv-station of the Philippines (abs-cbn) is being shut down through the police, due to „franchise renewal-problems“, they say. But everybody knows its because they are broadcasting critical issues regarding the government. The station had been shut-down before, that was during the Marcos-regime.
Nobody can go to the streets and protest against it cause of the strict lockdown rules. (tr)

4. 5. 2020 (Frankfurt)
Mahlers 8. Sinfonie, mit branchenspezifischer Handlungshilfe (Merkblatt eins).
Bei einem erforderlichen Abstand von 12 m nach vorne (die Blasrichtung ist unter jeglichen Umständen strikt beizubehalten!), 3 m zur Seite bei Bläsern ergibt sich bei den erforderlichen 36 Musikerinnen und Musikern* eine Fläche von 864 m2. *Mit einer Differenzierung zwischen Holz- und Blechbläsern ist derzeit nicht zu rechnen. Eventuell kann es zu lokalen Modifizierungen kommen.
Im Vergleich hierzu fällt die Fläche für die Streicherbesetzung, gerechnet mit der originalen Streicherbesetzung von 60* Musikerinnen und Musikern (16 VI, 14 VII, 12 Vla, 10 Vc, 8 Kb) bei einem Mindestabstand von 1,5 m mit 99 m2 geradezu gar nicht ins Gewicht.
Echte Gewinner der neuen Verordnungen sind die Instrumentenfamilien der Schlag- und Tasteninstrumente. Der an und für sich bereits groß dimensionierte Klangkörper des jeweiligen Instruments bzw. die Vielzahl an einzelnen Instrumentarien (Schlagwerk) führt hier kaum zu platztechnischen Veränderungen. Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt es sich jedoch, die Grundvereinbarung von 20 m2 pro Person einzuhalten. Zusammen mit den 6 Harfen ist hier mit einer Flächenbelegung von 160 m2 zu rechnen.
Lockerungen gibt es im Fall der Mandoline: Sie kann, solange nicht in Blasrichtung, zwischen die Bläser gesetzt werden.
Aufgemerkt heißt es in Bezug auf die zwei großen gemischten Chöre, nebst Knabenchor:
Bei einer moderat kalkulierten Anzahl von jeweils 60 Sängerinnen und Sängern und 30 Knaben resultiert aus dem erforderlichen Mindestabstand von 6 m eine Fläche?von 144 m2  für 10 Personen, folglich eine Gesamtfläche von 3888 m2.
Aber auch hier folgt die gute Nachricht: Der durch die mitwirkenden acht Gesangssolisten eingenommene Raum ist wiederum mit 108 m2 verschwindend klein.
Auch bei einer umsichtigen Platzierung des Dirigenten sollte hier kein weiterer Platzverlust durch Podesterrichtung zu erwarten sein.
Als ebenso pflegeleicht ist die Verortung des Fernorchesters einzuschätzen. Mit der ausschließlichen Bläserbesetzung benötigt es zwar die Fläche von ca. 360 m2 , da es aber „isoliert“ zu platzieren ist, darf man guter Dinge sein, in der unmittelbaren Umgebung fündig zu werden – beispielsweise bietet sich der städtische Marktplatz an, um nur eine von zahlreichen Möglichkeiten zu nennen.
Zusammenfassung
Für die Aufführung von Mahlers 8. Sinfonie ergibt sich also zusammengenommen eine benötigte Gesamtfläche von 5119 m2 (das Fernorchester nicht mitgerechnet, siehe obiger Absatz). Dem gegenüber hat der Hannoveraner Kuppelsaal mitsamt seinen Foyers nur 4530 m2 aufzubringen. Angesichts der Annahme, dass auch Zuschauer bei der Aufführung eines Konzerts erwünscht sind, stellt sich die Frage, ob nicht auf Werke kleineren Formats zurückgegriffen werden sollte – Dumbarton Oaks ist ja auch ein recht nettes Werk. (ct)

4. 5. 2020 (Berlin)
Wenn du mich nicht willst, will ich dich auch nicht.
Melde mich hiermit zurück. Hattet ihr mich vermisst? Lieber nicht fragen, wenn man die Antwort nicht ertragen kann. Mir geht’s gut, aber ich bin seit ein paar Tagen super nervös, weiß auch nicht, woran es liegt.
Arbeite an der übernächsten Ausstellung, sie wurde in den Herbst verschoben. Ist mir auch sehr recht, bis Ende Mai wäre ich nie fertig geworden. Habe mittlerweile auch gar keine Zeit mehr, öfter als drei Mal die Woche für eine Stunde einkaufen zu gehen.
Mache jetzt fast jeden Tag einen Online-Sportkurs. Heute Yoga, morgen früh ausnahmsweise auch, dienstagabends normalerweise Functional Training, mittwochs Bodyworkout, donnerstags frei, freitags Vinyasa Yoga, samstags Functional Training, sonntags Yin Yoga. Das strukturiert die Woche. Manchmal sind wir nur zu viert im Kurs, purer Luxus. 
Hatte neulich Deckenlampen bei Manufactum bestellt. Donnerstag flatterte der gedruckte Katalog in den Briefkasten. Habe Produkte angemarkert, nebenbei beim Telefonieren, und jetzt liegen sie schon im virtuellen Warenkorb. Print wirkt. Sehe mich noch nicht wieder einfach so »shoppen« gehen. Und bei Manufactum schon gleich drei Mal nicht. Trotzdem braucht man manche Sachen einfach.
Trage die Maske jetzt dauernd, wenn ich rausgehe. Außer gestern, da war es kalt und wir waren am Jüdischen Friedhof, da hatte ich mal keine Lust drauf. Waren zwar sehr wenig Leute da, aber natürlich läuft man trotzdem an jemand in maximalem Abstand vorbei, der natürlich genau dann hustet. Die Twens geben keinen Zentimeter breit nach und gehen nicht auf die Seite, ist ja klar, unsere Super-Spreader haben’s einfach nicht nötig. Und man verdrängt alles und versucht sich abzulenken. Jede Kritik verbraucht nur Energie, die ich anderweitig brauche. Vom Fahrrad aus bilde ich mir schon ein, die »Coronaleugner« von Weitem zu erkennen.
Ich würde gerne mehr über die Durchgeknallten vom Rosa-Luxemburg-Platz erfahren und dann auch wieder nicht. Jeder Bericht gibt denen nur noch mehr Auftrieb. Besser totschweigen, dann hat sich das vielleicht doch bald mal erledigt. Ist wohl leider doch gut, dass Castorf gerade jetzt nicht mehr an der Volksbühne ist, am Ende würde er sich noch mit denen solidarisieren. Soll er mal lieber an der Fleischtheke verweilen.
Gestern haben wir eine Dokumentation über Hannelore Kohl angeschaut. Auch irgendwie passend für unsere Zeit: eine Frau, die aus gesundheitlichen Gründen, die zum Teil wohl auch psychosomatisch waren, nicht mehr das Haus verlassen kann und dann Selbstmord begeht. Ich musste mich danach erst mal hinlegen. Abends dann doch wieder der Tatort mit einem neuem süßen Ermittlerduo aus Saarbrücken, obwohl wir uns letztes Mal vorgenommen hatten nienienie wieder Tatort zu schauen.
Habe am Donnerstag 5 Stunden fast am Stück telefoniert und am Freitag hatte ich tatsächlich eine Art Kater. Ansonsten weniger Gespräche als sonst – was soll man auch die ganze Zeit erzählen. (pp)

4. 5. 2020 (Berlin / Somalia)
Heute krank und natürlich nervös, ob es bei der Erkältungserschöpfung bleibt oder sich in ein gefährliches Unbekanntes entwickelt.
Die Tage mit mehrschichtigem Sandra-Hüller-Hamlet, Achille-Mbembe-Rezensionsstreitigkeiten und zart-hartem Ocean-Vuong-Lesen verbracht. On earth we’re briefly gorgeous hat alles, was Hamlet auch hat; die Größe einer Liebe und der Unüberwindlichkeit von Gewalt. PTSD in der dritten Generation vietnamesischer Amerikaner*innen nach dem Vietnamkrieg. Und die Gleichzeitigkeit und Abwesenheit von Dazugehörigkeit. Dagegen die erste Liebe des Autors, der seinem verzweifelten Verwurzelt-Sein als armer weißer (schwuler) Mann nur durch Oxycodon zu entfliehen weiß. Beide mit gewalttätigen Erziehungspersonen, unentschuldbar und trotzdem verstanden.
Zur Gewalt muss man bei Hamlet nichts mehr sagen, Mieko Suzuki, Techno-DJ, übersetzt das mit ihrer Klanginstallation, bis es wehtut. Sandra Hüller spielt den Hamlet und Gina Haller die Ophelia und beide so, dass es quasi der mehrschichtige Gegenentwurf zum phallischen Schaubühnen-Eidinger-Hamlet wird – wunderschön.
Und nebenher, seit Tagen, läuft die Auseinandersetzung um Achille Mbembe weiter. Warum erklärt werden muss, dass er einer der zeitgenössisch relevantesten postkolonialen Theoretiker ist. Das wird er in der Affirmation durch den deutschen, zumeist weißen Diskurs, das ist irritierend und kolonial-bekannt. Denn die Deutungshoheit an einen afrikanischen Intellektuellen abzugeben, der sich nicht nur Gedanken über ‚uns’ macht, sondern das ‚uns’ kritisch hinterfragt, auch das positiv besetzte ‚uns’ der Demokratie, ist nicht einfach hinzunehmen, zumindest fällt es ganz offensichtlich schwer. Mbembe wird zum Katalysator der Zerklüftungen und Diskurse; dem antisemitischen, dem des N-Wortes und dem Anspruch seiner Anwendung, gerade von Weißen.
Derweil wurde ein Frachtflugzeug mit medizinischen Hilfsgütern über Somalia von Äthiopischem Militär abgeschossen. Der Hintergrund ist noch unklar, die Verstimmung, die das in der derzeit fragilen Situation am Horn auslösen kann, gefährlich. (aw)

4. 5. 2020 (Kyoto)
Ich kaufe Brot nur noch sonntags, friere es ein. Wenn ich dann das Tiefkühlfach öffne, sehe ich, wie weit die Woche vorangeschritten ist. Das hilft, um mich in der Zeit zurechtzufinden. Seit einem Jahr geht das schon so.
Ich kaufe das Brot auch deshalb in großer Menge ein, weil es nur sonntags die doppelte Punktezahl gibt. Die Punkte werden noch richtig mit der Hand auf meine Mitgliedskarte gestempelt. Dank meiner Sonntagseinkäufe erhalte ich dann acht oder zehn oder zwölf rote fingerspitzengroße Stempel anstelle von nur vier, fünf oder sechs Stempeln. Und wenn ich sechzig Punkte erreicht habe, ist bereits eine wöchentliche Brotration kostenlos. Während die Bäckerinnen stempeln, zähle ich heimlich mit, ob sie auch richtig stempeln, und gebe mir doch alle Mühe, mir das nicht ansehen zu lassen. Kaum bin ich aus der Bäckerei und um die Ecke gebogen, ziehe ich die Mitgliedskarte sogleich noch einmal aus dem Portemonnaie und vergewissere mich, dass die Stempelzahl stimmt. Diese Kleinlichkeit und Pedanterie ist mir selbst peinlich unangenehm. Und doch empfinde ich Genugtuung dabei, weswegen ich mir diese Kleinlichkeit und Pedanterie zugestehe.
Heute wird meine Brotkaufroutine strapaziert. Zuerst von der neuen Maske, durch die mir das Atmen schwerfällt, eingetreten in die enge Bäckerei noch viel mehr. Dazu beschlagen meine Brillengläser. Und an der Kasse hängt zwischen mir und der Bäckerin ein knittriger durchsichtiger Kunststoffvorhang. Dieser Vorhang und die beschlagenen Brillengläser machen es zu einer großen Herausforderung, die Stempel mitzuzählen, die ich gerade bekomme. Den Schlitz im Kunststoffvorhang zur Geld- und Kartenübergabe finde ich aufregend, ich sehe die Bäckerin ja kaum noch, ich höre sie nur gedämpft, aber mein Handteller und ihre Fingerspitzen kommen sich für Momente nah.
Draußen schiebe ich mir die Maske vom Gesicht, atme tief ein und als ich um die Ecke gebogen bin, zähle ich wieder die Stempel nach. Und in diesem Moment rekonstruiere ich mir aus dem Nebel der stark getrübten Sicht und der gedämmten Akustik die Bäckerin wieder. War nicht auffällig, wie freudig sie mich schon beim Eintreten gegrüßt hat? Das ganze Verhalten und Auftreten war viel netter und herzlicher als sonst. Das ging ganz klar über Professionalität und Rollenbewusstsein hinaus. Und ich bin mir plötzlich sicher, dass diese Bäckerin von eben eine Studentin ist, die im letzten Semester bei mir Deutsch gelernt hat. Innerhalb einer Gruppe von 35 Personen, ich erinnere mich noch nicht wieder an ihren Namen. Aber das muss sie gewesen sein. Sicherlich die Note A. Vielleicht sogar die Note A plus. Ich bedauere meine Beschränktheit, die ich eben beim Bezahlvorgang an den Tag legte. Nächste Woche will ich anders sein. Aber wer weiß, ob sie nächste Woche überhaupt noch hier arbeitet, denn das Personal hier wechselt sehr oft und schnell. Vielleicht auf dem Campus, wenn der wieder freigegeben wird. Aber wer weiß, ob sie sich überhaupt für ein weiteres Jahr für Deutsch eingeschrieben hat und ob ich dann ihr Lehrer sein werde? (ast)

4. 5. 2020 (Brandenburg)
Wirklich, ich war immer so „häh, ah o. k., jetzt machen eben alle mit (obschon sie sagen, sie fänden‘s irgendwie doof, aber …)“ und weil's alle machen, bin ich irgendwann auch gezwungen dazu. So läuft das schon die ganze Zeit. Kann das mal aufhören oder sind wir wirklich alle so geil darauf, noch stärker in die Maschine eingepasst zu werden, noch mehr mit ihr zu verschmelzen? #Hochfahren wurde gesagt, wenn von Lockerungen geredet wurde. Sagt in meinen Ohren schon alles, aber ja, ich arbeite auch mit Windows.
Die Vögel haben’s hier schön, draußen. Und ich auch. Werde ich jetzt vogelfrei? (nn)

3. 5. 2020 (Hamburg-Eimsbüttel)
Wir haben eine Weile gebraucht, es zu kapieren, dabei ist die Mathematik eigentlich ganz einfach. Wenn man, nach neuester Schätzung Drostens anhand von Screening-Daten, von etwa 2 % Immunität ausgeht (eigentlich eine Sensation, das wären 1,6 Millionen, genau zehn mal mehr als die offiziellen Fallzahlen) und das in Relation setzt zur Spezifität des Antikörpertests von ca. 98 % (also 2 % falsch positive), ergibt sich bei einem positiven Test eine Wahrscheinlichkeit von nur 1:1. Von 100 getesteten Personen sind zwei tatsächlich positiv und zwei Fehlalarme. Ein positiver Test heißt, dass ich eine von den vieren bin, Chance also 50/50. Dieser Test ist nicht mehr als ein nettes Gimmick, und so war's ja auch gedacht.
Die Linie auf dem Foto vom Test erscheint gleich noch blasser, ist im Verschwinden begriffen. Wie Marty McFly auf den alten Familienfotos in Back to the Future. Und wie im Film habe ich immer noch das irrige Gefühl, ich hätte es in der Hand, könnte irgendwie durch richtiges Verhalten mich in diesem vagen Wahrscheinlichkeitsraum in die richtige Richtung bewegen, hin zu einem 100 % positiven Ergebnis. (ow)

3. 5. 2020 (Hamburg)
wird sich die hotelbranche auf neue quarantäne-urlaube spezialisieren, ich stelle mir gated communities vor (was die hotel ressorts ja ohnehin bereits sind), man müsste nur die belegung im 14-tage-rhythmus laufen lassen.
noch nichts neues in sachen kulturformate im netz. Ich muss lachen, weil es einige reader und fachtagungen gab, schon vor 10 jahren und davor, die die digitalisierung der künste beschworen, und wie toll das sicher wird – nie war theorie so grau und unnütz. (nor)

2. 5. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Am Standort bewegt sich nichts außer vielleicht die Perspektive. Einmal mehr unter die schnaufenden Läufer gemischt, über die wir als Spaziergänger schon mal die Stirn in Falten ziehen.
Ich wollte Laufschuhe kaufen gehen. Der große Sportladen in Wandsbek hatte die 800-qm-Regel ziemlich kreativ ausgelegt: In der Mitte ein breiter, frei zugänglicher Gang zwischen den Regalreihen. Die Reihen selber waren aber abgesperrt. Sachen selber aussuchen war eigentlich nicht möglich. Ein Mitarbeiter hörte sich geduldig meine Wünsche an, es hatte auch eine kleine Vorrecherche im Netz stattgefunden, er taperte los, brachte zweimal irgendwas anderes aus dem Lager mit, Anprobe mit Maske und beschlagener Brille, dann zogen wir wieder ab.
Ich habe die Schuhe bei Amazon bestellt. To tell the truth. Nie käme ich auf die Idee, Kritiker des Onlinehandels zu kritisieren. Kritiker kritisieren ist im Grunde schäbiger als jede Kritiklosigkeit. Darüber sollte man auch mal nachdenken.
Das social distancing funktioniert übrigens schon gut. Abstand zum Selbst wird immer kleiner. (rs)

2. 5. 2020 (Kyoto)
Bis die Bauarbeiten losgingen, haben sich die Krähen hier versammelt und Bussarde sind dicht vor dem Fenster geflogen. Ich mag gegen Mittag am Straßenrand all die kleinen improvisierten Verkaufstische von Restaurants und Kantinen, in denen ich noch nie war. Jetzt sehe ich die Eigentümer mit ihren Familien Mittagessenspakete verkaufen und denke, dass ich hier und da unbedingt einmal einkehren will. Von überall wird mir nett etwas angeboten. Die Atmosphäre eines spontanen Straßenfests. Ich gehe an einem Parkplatz vorüber und sehe Leute in ihren PKWs hinter dem Lenkrad essen. Im Park überlege ich, ob die Krähen und Bussarde aus der Gegend um mein Haus hierher umgezogen sind. Der letzte Taifun hat viele alte, ehrwürdige Bäume arg mitgenommen, den ganzen Spätwinter und Vorfrühling über fanden Baumfällarbeiten statt, der Park ist inzwischen voll von Baumstümpfen. Und auf fast jedem Baumstumpf sitzt heute eine lesende Person. Ich bevorzuge aber die bequemen Bänke mit Rückenlehnen, die im Süden der Parkanlage stehen, ich mag wie wir alle auf diesen Bänken mit unseren Büchern sitzen, eine Bank pro Person. Ich frage mich, wo all die Leute um mich herum bisher immer gelesen haben. Ich mag auch das junge Paar, das Tag für Tag neben dem öffentlichen Toilettenhäuschen sitzt, das man jetzt nicht mehr betreten darf, dessen akustischer Klingelton aber noch immer angestellt ist. Die beiden sitzen hier auf einer einfachen Bank mit zwei Smartphones und einem Basketball und haben immer prima Laune. Am Abend auf dem Nachhauseweg halten vor ganz vielen Hauseingängen Fährräder, E-Bikes oder Motorroller, die Essen von den verschiedensten Gastronomien liefern. (ast)

2. 5. 2020 (Berlin)
Hidden from view, our smiles will become an intimate expression.
Amidst a homogenous mask wearing crowd, how will people show off their differences and privileges? The benefits of makeup, a nicely broomed beard and plastic surgery are rendered invisible in the public sphere. Masks now become the?new item for individual expression as well as status: the big fashion brands are?already taking steps to fix this bug by launching face masks for their spring?collection, so that you can match your Gucci shoes with a Gucci mask.
Computer vision or a lack thereof.
A homogenous crowd can be authority's sci-fi fantasy or nightmare. Those laws against niquab wearing need to be rethought of, as the government actually wants us to hide our faces. It is also time for all CC cameras to be turned off now!
Their facial recognition algorithms will stop receiving data about our whereabouts,?meaning that we win the privacy battle in the streets – while losing it?online. #technofeministcare, CC BY-SA #purplenoise, 2020 https://www.instagram.com/purplenoiseup/ (cls)

2. 5. 2020 (Hamburg)
Tag für Tag wird alles noch hässlicher. Tag für Tag. Alles. Menschen mit Mundschutz werden zu Gestalten, zu erbärmlichen Gestalten meist, weil allgemein die Pflegestandards sinken. Haare werden länger, Haut fettiger, Jogginghosen fleckiger und ausgebeulter, weil man sie schon 10 Tage trägt.
Gerade hat man sich noch unter den vielen Pennern in der Innenstadt unwohl gefühlt, jetzt sehen alle wie Penner aus. Ich auch. Ich lasse mir seit Beginn der Corona-Zeit den Bart stehen und habe jetzt schon seit 20 Tagen dieselbe Hose an, zähle ich mit. Seit Wochen komme ich mit zwei T-Shirts aus, die ich abwechsle. Wenn ich in den Schrank schaue, habe ich das Gefühl, ich habe Klamotten für 10 Männer, mein Gott, wann habe ich das alles getragen? ?Und hier kommt die Leitfrage: Wie lange kann eine Gesellschaft ohne Kultur leben, bevor es zur Ent-Zivilisierung kommt, auf die dann die Barbarei folgt, das gegenseitige Abschlachten. Kultur ist ja dazu da, uns davor zu bewahren. (Virologen lieben auch Schreckensszenarien, also darf ich das auch.)
Die Elbphilharmonie hat vorgerechnet, dass seit der Schließung am 16. März 160 Konzerte ausgefallen sind. Nimmt man die ganze „Kultur“ zusammen – Kino, Konzerte, Theater, Lesungen, Ausstellungen – sind seit dem 16. März schon Millionen Veranstaltungen ausgefallen. Jede Veranstaltung beansprucht zwischen 120 und 180 Minuten (inkl. An- und Abfahrt plus Nachbesprechen) im Leben eines Menschen, in dieser Zeit enfaltet sie ihre heilende, ziviliserende Wirkung.
Ich bin nicht gut im Rechnen, aber ohne Zweifel sind es jetzt schon Fantastilliarden an Minuten und Stunden nicht gezeigter, nicht aufgeführter und damit den Menschen vorenthaltener Musik, Film, Literatur, Kunst etc. Vorenthalten damit auch Tonnen an heilenden, zivilisierenden Effekten, die von davon ausgegangen wären. Man sieht, für Kultur gibt es keine passende Maßeinheit.
Dieser Verlust müsste eigentlich bald einen Unterschied machen. Die Schule schreibt ja auch Fehlstunden ins Zeugnis. Sind wir all die versäumten Kulturminutenstundentagewochenmonatenjahre jetzt zurückgefallen … wachen wir aus dem ganzen Albtraum 1976 wieder auf? Oder gleich in der Steinzeit?
Mit dem Rechenschieber lässt sich das nicht ausrechnen, aber woran ließe sich so ein Unterschied festmachen? An der allgemeinen Ungepflegtheit? Sicher auch. Früher durfte ich nur mit Blazer und brettlsteifer Schnürlsamthose ins Theater der Jugend, aber auch für Punk-Konzerte brezelte man sich auf und holte ev. Haarspray hervor.
Das fällt natürlich alles weg, wenn man nur vor dem Internet hockt. Dem übrigens auch bald der Stoff ausgeht. Mit Mundschutz und unter Distanzgeboten können keine Filme gedreht werden. Wenn wir uns jetzt an Netflix-Serien oder Film-Streamings von Indie-Verleihern und Lou Reed´s „Berlin“-Aufführung in St. Anne´s Warehouse 2006 auf YouTube klammern, dann sind das alles Prä-Corona-Inhalte, die irgendwann auch aus sein werden. Dann ist auch das Internet tot und wir können uns nur noch Hilferufe schicken auf Social Media.
Oder werden wir alle Schulabbrecher? Und kommen wir drauf, dass wir das alles nicht brauchen? Manche Leute reagieren so gleichgültig auf das gegenwärtige lückenlose Kulturembargo. Aus Peking gibt es Fotos vom ersten großen Rockkonzert nach der Quarantäne. Die Begeisterung hinter den verrutschen Gesichtsmasken wirkt verzweifelt und angestrengt, in den Augen Unsicherheit, Misstrauen.
Walter White sagt im Familienkreis, als er die Krebsdiagnose erfahren habe, habe er gedacht: „Warum ich?“ Und als der Krebs dann um 80 Prozent zurückgegangen war, habe er sich genauso gefragt: „Warum ich?“ Mit der Willkür des Schicksals kommen Menschen schlecht klar, ganz gleich, wie es entscheidet. Walter White rutscht mit weniger Krebs in eine noch größere Depression und entscheidet sich für eine Karriere als Drogenboss.
Vielleicht wird es uns nach Corona auch so gehen, Scheiße, warum ist es jetzt vorbei. Manche klammern sich jetzt schon an das Zeitalter der Pandemien, das gefälligst nie enden möge, weil es uns verdammt noch mal auch was abnimmt, die schwere, zu schwere Last der Individualität verringert, ist es das? Aber ich habe mein Thema verloren. (mh)

1. 5. 2020 (Hamburg-Eimsbüttel)
T. möchte einen Antikörpertest. Die Party in München mit den Skifahrern aus Südtirol, der Typ im Zug, der so gehustet hat, das Essen mit den Japanern, die schon im leeren Flugzeug angereist waren - könnte doch sein, dass wir es schon längst hatten. Wäre doch gut zu wissen. Das möchte natürlich jeder, aber T. hat bald Geburtstag und ich noch kein Geschenk. Als sie wieder von den Antikörpern anfängt, mache ich Andeutungen, dass da vielleicht was gehen könnte, hast ja bald Geburtstag. Eine erste Recherche führt zu diversen Artikeln, in denen vor Antikörperschnelltests aus der Apotheke gewarnt wird. Also gehe ich in die Apotheke, kaufe Propolis-Tinktur und frage superbeiläufig, wie es denn eigentlich so mit Antikörpertests ausschaut. Die Apothekerin wird ganz schmallippig, das war offenbar die falsche Frage, mit so was möchten sie hier nichts zu tun haben. Nicht nur, dass sie keine Tests haben, sie wüsste auch nicht, wo es so was gibt. Schnelltests seien ja eigentlich auch unnütz und außerdem gefährlich. Aha. Nutzlos, begehrt, schwer zu bekommen und auch noch ein bisschen gefährlich, das sind wirklich ideale Eigenschaften für ein Geschenk. Ich schaue bei dieser Tag-und-Nacht-Apotheke mit Türsteher, die sind doch bestimmt skrupellos genug, mir so etwas zu verkaufen. Tatsächlich kann man auf deren Homepage einen solchen Test in den Warenkorb legen, aber leider kommt schon bald eine E-Mail, dass die Bestellung storniert sei wegen Nichtverfügbarkeit. Und das zwei Tage vor dem Geburtstag. Ich recherchiere weiter und lerne dabei einiges, oft Widersprüchliches über Antikörpertests. Sie haben einen schlechten Ruf, weil zumindest die der ersten Generation recht ungenau sind und gelegentlich auch auf normale Erkältungs-Coronaviren reagieren. Sie kommen meist aus China und werden mit unseriösen Werbeversprechen auf eBay vertickt. Außerdem machen sich Wissenschaftler und Ärzte Sorgen, die Leute könnten zu doof sein, den Unterschied zwischen Antikörpertest und Virennachweis per PCR zu verstehen. Inzwischen gibt es aber drei Firmen in Deutschland, die recht genaue Tests entwickelt haben. Zwei davon sind Massen-Labortests, einer ein Schnelltest. Den muss ich haben. Man kann ihn auf der Herstellerseite direkt bestellen, allerdings nur im Zehnerpack zu fast 400 € und mit 3 Wochen Lieferzeit. Außerdem steht da fett "nur für medizinisches Fachpersonal", aber auch "für Apotheken". Die weitere Suche zeigt, dass es Apotheken nicht erlaubt ist, diese Schnelltests abzugeben. Dazu müsste das RKI eine Sondergenehmigung erteilen, was es nicht tut. In UK ist man da lockerer, Antikörperschnelltests sollen dort flächendeckend über Apotheken und Amazon verteilt werden. Kann man aber von hier aus nicht bestellen. Schließlich findet sich nach endloser Suche überraschend im Onlineshop eines Sportgeschäfts aus Süddeutschland doch noch genau der Test, den ich brauche. Unwahrscheinlich, aber den Laden scheint es wirklich zu geben, ich bestelle kurzerhand. Als ich später noch mal nachschaue, ist der Artikel verschwunden. Doch ein Fake-Shop. Egal, es ist eh zu spät, heute ist Geburtstag und es gibt erst mal einen aufwändig gestalteten, mit blauen Aquarell-Antikörpern verzierten Gutschein.
Zwei Tage später liegt der Test im Briefkasten. Stolz überreiche ich am Abend das hübsch verpackte Geschenk und erkläre, wie selten, kostbar, nutzlos und gefährlich dieser Test ist. T. ist sehr erfreut, wird aber beim Auspacken immer zögerlicher, denn sie kann kein Blut sehen. Im Testkit ist eine Lanzette mit Plastikgehäuse enthalten, mit der man sich in den Finger stechen muss, vom Aufbau her ähnlich wie so eine Eierpikser. T. ist außerstande, sich zu stechen, und fordert mich auf, es zu tun, aber ich bringe es auch nicht fertig. T. meint, ich solle den Test machen, wenn, dann seien wir ja eh beide positiv. Ich atme tief ein und drücke den Pikser voll durch. Nichts. Die Lanzette fehlt anscheinend. Im Beipackzettel steht, dass man nach Öffnen der Vakuumverpackung zügig 50 Mikroliter Blut aus der Fingerbeere mit der beiliegenden Pipette aufnehmen oder einfach zwei Tropfen direkt in das Testfach geben soll und dann sofort die Pufferlösung. Wir haben bestimmt schon 10 Minuten vertrödelt und werden jetzt etwas hektisch. Schnell nehme ich eine Nadel aus dem Nähkästchen und steche mir damit instinktiv in die Fingerkuppe statt in die Fingerbeere. Es tut sauweh, blutet aber nicht. Ich bohre weiter herum, es schmerzt, blutet ein bisschen, aber nicht genug und statt Tropfen zu bilden, verteilt sich das Blut, sodass die Einstichstelle nicht mehr zu erkennen ist. Der nächste Stich geht tiefer, es fühlt sich an, als sei ich gleich am Knochen angelangt. Es blutet kräftiger und T. versucht, etwas mit der Pipette aufzunehmen, was misslingt, es ist zu viel Luft dabei. Wir sind einfach zu nervös. O. k., dann halt zwei Tropfen direkt ins Fach. Ich halte den zitternden Finger über den Test und es sammelt sich langsam ein Tropfen, der aber nicht fallen will. Beim Versuch, ihn abzuschütteln, verteilt sich das Blut wieder, es scheint fast am Finger hochzurinnen. Ich stochere noch mal mit der Nadel, dabei verteilt sich das Blut unbemerkt auch auf die andere Hand, mit der ich es dann wiederum auf dem Tisch verschmiere. Mit kräftigem Druck kann ich schließlich aus der perforierten Fingerkuppe einen Tropfen herausmassieren, der ins Fach fällt. Jetzt muss schnell der zweite her. Ich quetsche mit voller Kraft weiter, stochere noch mal, aber es kommt einfach nicht genug Blut. Inzwischen sind beide Hände und der Tisch voller Blut, es klebt und schaut ziemlich arg aus, T. ist schon ganz blass. Ach, wenn doch nur medizinisches Fachpersonal in der Nähe wäre. Nach minutenlangem verzweifelten Quetschen beschließen wir, erst einmal die Pufferlösung dazuzugeben, bevor noch das Blut gerinnt. T. findet eh, dass der Tropfen groß genug war, bestimmt 50 Mikroliter. Ich fand ihn eher flach. Sobald der Puffer drin ist, saugt sich der Test mit der Lösung voll und die Reaktion beginnt. Der zweite Tropfen, den ich Minuten später schließlich doch noch zustande bringe, spielt wahrscheinlich keine Rolle mehr.
Wir sind ziemlich fertig, zur Entspannung schauen wir mit N. Die Sendung mit der Maus, bis nach genau 20 Minuten der Test abgelesen werden muss. Feierlich gehen wir zum Esstisch und betrachten gemeinsam das Ablesefenster, das aussieht wie beim Schwangerschaftstest. Darin ist die Kontroll-Linie zu sehen und sonst nichts. War ja klar. Wäre ja auch wirklich unwahrscheinlich gewesen. Wie ein Rubbellos oder so. Aber doch, echt nettes Geschenk, voll das Abenteuer. Jetzt wissen wir zumindest Bescheid.
Während wir eine weitere Sendung mit der Maus schauen, denke ich an den Schwangerschaftstest und daran, dass manchmal diese Linien extrem schwach sind, was dann trotzdem schwanger bedeutet. Den Coronatest haben wir nur unter der 15-Watt-LED-Funzel am Esstisch betrachtet, da könnten wir doch was übersehen haben. Ich springe auf, eile ins Wohnzimmer, setze meine Lesebrille auf, halte den Test direkt unter die Halogenlampe am Schreibtisch, drehe und wende ihn. Aus dem Augenwinkel, nur wenn ich nicht direkt hinschaue, sondern den Blick umherwandern lasse, kann ich aus der Bewegung den Hauch einer Linie beim IgG erahnen. Ich mache einen Haufen Fotos, auf einem einzigen ist die Linie so angedeutet, wie sie zu sehen war. In der Anleitung steht nichts zur Farbe der Linien. T. sieht die Linie auch, meint aber, das habe nichts zu bedeuten. Kann sein, die Linien sind ja schon irgendwie vorher da, vielleicht hebt sich das Substrat etwas ab und das ist eine Art Schatten. Aber dann müsste doch beim IgM auch was sein und da ist definitiv nichts zu sehen. Ich sitze die halbe Nacht am Rechner, drehe an den Farbkurven in der Bildbearbeitung und suche nach Aussagen zu diesem Test. Während ich mich immer weiter reinsteigere, verdreht T. nur die Augen und geht schlafen. Am Ende finde ich ein Interview mit dem Medizinischen Direktor der Herstellerfirma in dem er sagt: "Selbst eine feine Testlinienverfärbung ist als positiver Test zu betrachten." Yess. In der Anleitung steht allerdings, dass man keinesfalls später als 20 Minuten ablesen darf. Es waren aber eher 30 oder auch 40, ob das was ausmacht? Es lässt sich nicht sagen, wir müssen bis Montag warten, dann können wir den Hausarzt fragen und vielleicht auch den Testhersteller mal kontaktieren.
Ich bin total erschöpft. Es fühlt sich an, als hätte ich mit größter Anstrengung diese feine Linie dem Test abgerungen, ja als hätte ich sie selbst erschaffen. (ow)

30. 4. 2020 (Wien, aus dem Archiv)
Zum 1. Mai: Kaffeehausgeräusche aufgenommen von (rd) aus Wien von vor über 10 Jahren …?https://soundcloud.com/Kaffeehausgeraeusche

29. 4. 2020 (Berlin / Ostafrika)
Triage des Schreckens. Zu Corona kommt in Ostafrika nun eine Heuschreckenplage und Sturzfluten. In einer Region, die ohnehin von jihadistischen Anschlägen (Somalia), Kriegen (Südsudan) und Dürren (Äthiopien, Somalia) geplagt genug ist. Über 8 Millionen Menschen sind intern vertrieben, weitere 3.5 Mio als Flüchtlinge in den Nachbarländern, social distancing vollkommen unmöglich. Die Zahl der Intensivbetten oder Beatmungsgeräte erschreckend gering, die Nahrungsmittelspeicher nicht vorhanden oder leer. Die dritte Generation Heuschrecken, die sich im Dezember von Jemen auf den Weg über das Rote Meer gemacht hat, ist derzeit in einem Moskau-großen Schwarm unterwegs, die Dinger sind groß und fressen so viel wie eine mittelgroße Stadt. Weil sich wenige auf die Regierung verlassen können und die Reserven im informellen Sektor durch den Covid-Lockdown schnell aufgebraucht sind, laufen die Menschen jetzt los und hoffen, dass Verwandte auf dem Land genügend Nahrung haben. Genau dort legen die Heuschrecken aber derzeit ihre Eier ab, die dann nach der Regenzeit die gesamte Ernte wegfressen werden.
Mein Gegenprogram besteht darin, Raven Smith’s Trivial Pursuits zu lesen und sein super entertaining Insta-Profil zu stalken. Fantastisch schnelle, schneidende, voguende Sprache, quasi ein rhetorischer Ballroom. „We’re riddled with choices like a gangrenous leg, but we don’t have to be binary between the profound or the irrelevant. They coexist. These things have a meaning but they are also meaningless, overshadowed by genuine disasters.“ (Raven Smith: Raven Smith’s Trivial Pursuits. HarperCollins. 2020, S. 10) (aw)

29. 4. 2020 (München)
Von einem kalifornischen Ratgeberbüchlein mit dem Title Dollars Want Me aus dem Jahr 1903 habe ich heute gelernt, dass ich ein frigides Verhältnis zu meinem Geld habe, was vermutlich der Grund dafür ist, dass Geld sich nicht zu mir hingezogen fühlt. Allerdings darf man sich vom Geld auch nicht dominieren lassen. Das Geld muss wissen, wer die Hosen anhat.
Das Buch schlägt vor, das Geld folgendermaßen zu motivieren:
Faules Geld, geh arbeiten, geh raus, geh unter die Leute. Geh und zahl eine Million in Schulden und Löhnen, und wenn ich dich brauche, dann komm zurück.
Ich schreibe immer Geld, aber eigentlich steht da Dollar. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jede Währung es gut findet, wenn man so mit ihr redet. Die Mark zum Beispiel ging nicht gerne unter Leute, sondern lag lieber bei ihresgleichen auf der Bank. Der Euro ist da etwas aufgeschlossener, aber ich glaube nicht, dass ihm dieser Befehlston gefallen würde. Und das britische Pfund rollt einem bei dem Tonfall vermutlich sofort aus der Tasche und zurück in den Buckingham Palace.
Der Dollar aber scheint auf dysfunktionale Beziehungen zu stehen. Ein wahrer Dollarflüsterer muss sich deshalb Folgendes immer wieder vorsagen:
Dollars lieben mich. Dollars wollen mich. Ich bin bereit, Dollars zu benutzen, und sie kommen frei zu mir, um benutzt zu werden. Dann wird der Dollar dich spüren und lernen, dass er dich will.
Aber auf Dauer ist das wohl sogar dem masochistischen Dollar zu wenig. Du solltest dem Dollar deshalb deine Absichten erklären, ihm deine Hand und dein Leben anbieten, ihm verdeutlichen, dass du alles hast, was er will. (Ja, das steht da wirklich so.)
Ich habe zwar nur Euros in der Tasche, aber probieren kann man’s ja mal. Ich flüstere meinem Geld zu: Spüre meine Macht, Euro! Ich weiß, dass du mich willst, du geiles Stück Geld.
Als ich später in meinen Geldbeutel schaue, ich bin mir fast sicher, ist aus einem Fünfer unter lauter Schamesröte ein Zehner geworden. (jmb)

29. 4. 2020 (Hamburg)
Wieder einer der wenigen aufregenden Tage in den letzten Wochen. Ich werde heute in einer leeren Wohnung die Straße runter co-worken. Was bis jetzt aus Gesprächen mit der Taube besteht und dem blättern in der Januarausgabe des GUIDO-Magazins („Eine von Euch!“), die im Treppenhaus auslag. Trotzdem bin ich glücklich darüber, mal mit einer anderen Taube zu sprechen und mal mein neues Trockenshampoo ausprobieren zu können.
Aber mir fällt auch schnell auf, dass es gar nichts zu worken gibt so wirklich und schon gar nicht zu co-worken. Meine Freundin F. sketched wie wild in ihr Buch und ich weiß, dass sie eine Abschlussarbeit abzugeben hat. Menschen zu beobachten, die nicht tun, was sie eigentlich tun sollen, kann schön sein oder auch frustrierend. Trump z. B. soll seinen Mitbürger*innen nicht sagen, dass sie doch mal Desinfektionsmittel trinken oder länger in die Sonne gucken sollen, das soll er einfach nicht tun. Aber F. soll sketchen, weil es sie und alle um sie herum glücklich macht und auch diese kleinen Witze oder kleine Pausen zum großen Kladderadatsch einer Abschussarbeit gehören. Die bloße Existenz der bourgeoisen Banane ist Beweis genug, dass man nicht immer tun muss, was man tun soll.
Über Trump fantasiere ich, wie er von Aliens entführt wird und dann schon im Flug im All ausm Fenster geschmissen wird von ihnen und sein orangener Ball von einem Kopf in der geräuschlosen Leere explodiert. Das ist das Friedlichste, das ich mir seit Langem vorgestellt habe. (xo)

29. 4. 2020 (Berlin)
»Solidarität«, die Wiederentdeckung einer ethischen Haltung, die zuletzt ins Hintertreffen geraten war. Ob wir uns in einer Wende zur solidarischen Gesellschaft befinden, bleibt abzuwarten; fest steht jedoch, dass das Coronavirus in seiner potenziell todbringenden Gefahr ein längst erforderliches Korrektiv provozieren kann. In seinem sehr lesenswerten Essay Solidarität (Kleiner Stimmungsatlas, Textem Verlag 2018) beklagt Tilman Walther, dass insbesondere die Kunst zuletzt vielfach zweckentfremdet wurde als eine Bezeichnung für den Umgang der Menschen mit ihrer Angst vor dem Tod: Die Anonymität der Großstadt erschwere es dem Einzelnen, der Nachwelt Spuren zu hinterlassen, weshalb in der Hinwendung zur Kunst, so Walthers These, sich die Sehnsucht nach etwas erfülle, das den eigenen Tod überdauert. Die Coronakrise konfrontiert viele Menschen nun vermehrt mit Walthers Grundfrage: Wie könnte man sich der Angst vor dem Tod noch stellen? Kunst mag eine Antwort sein, doch die Nähe des Todes führt dazu, das eigene Verhalten zu überdenken und sich vermehrt mit den Dingen zu beschäftigen, zu denen der Einzelne Entscheidungen fällen kann und muss: “Diese Haltung einzunehmen ist eine schwierige Übung, weil die Angst vor dem Tod, und vor allem der Umgang damit, meist ein unbewusster Prozess ist.” (ebd., S. 59). (msg)

28. 4. 2020 (München)
Ich bin in einem Seminar von Prof. Yelle, Religious Responses to the Plague. Morgen sprechen wir über den folgenden Textauszug aus Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Band 2, ca. 431 v.u.Z.: »52. Zusätzlich zu diesem Elend brachte sie die Evakuierung der ländlichen Gebiete in Bedrängnis, und besonders diejenigen, die neu in die Stadt dazu gekommen waren. Da es nämlich für sie keine Wohnhäuser gab, man stattdessen in stickigen Baracken in der Sommerhitze das Leben fristen musste, vollzog sich das Sterben unter chaotischen Umständen: Leichen lagen übereinander und Sterbende, und auf den Straßen und um alle Fließwasserquellen wälzten sich halbtote Menschen in ihrer Gier nach Wasser. Und die heiligen Bezirke, in denen sie kampierten, waren voll von Leichen, da auch dort drin gestorben wurde; denn angesichts der übermächtigen Gewalt der Katastrophe griff bei den Menschen, die nicht mehr aus noch ein wussten, Gleichgültigkeit um sich gegenüber göttlichem Gebot ebenso wie gegenüber menschlichem. Und alle Regeln im Zusammenhang mit Bestattungen, die man früher eingehalten hatte, wurden in dem allgemeinen Durcheinander hinweggefegt, und jeder bestattete, wie er konnte. Dabei gingen viele völlig pietätlos vor aus Mangel an allem Notwendigen, weil schon so viele ihnen vorher gestorben waren: Auf Scheiterhaufen anderer Leute legte man den eigenen Toten und entfachte Feuer, wenn man es schaffte, denen, die ihn aufgeschichtet hatten, zuvorzukommen, andere warfen, während eine andere Leiche schon brannte, den Toten, den sie trugen, einfach oben drauf und gingen weg. 53. Auch anderweitig war diese Krankheit für die Stadt der Anfang einer zunehmenden Auflösung von Brauch und Gesetz. Leichter wagte nämlich jetzt so mancher, nach Lust und Laune zu machen, was er vorher geheim zu halten versucht hatte, da man ja sah, wie die Dinge abrupt umschlugen: Hier die Begüterten und plötzlich Sterbenden, da Leute, die vorher nichts gehabt hatten und nun auf einmal deren Reichtum besaßen. Deshalb erhob man Anspruch darauf, sich schnellen Genuss zu verschaffen und seinen Spaß zu haben, da man als Eintagsfliegen Leib und Leben ebenso wie Hab und Gut einschätzte. Und im Voraus sich anzustrengen für das als schön erachtete Ziel war keiner bereit, da für allzu ungewiss gehalten wurde, ob man nicht vor dessen Erreichung tot sein werde; was auf der Stelle Freude bereitete und von überall her zu diesem Zweck Fortschritt versprach, das war auf einmal gleichbedeutend mit ›gut‹ ebenso wie mit ›nützlich‹. Gottesfurcht oder irgendein von Menschen gemachtes Gesetz konnte sie nicht aufhalten, da man beim ersten aus der Beobachtung, dass alle ohne Unterschied dahingerafft wurden, den Schluss zog, fromm erwiesene oder auch unterlassene Verehrung laufe auf dasselbe hinaus, hinsichtlich von Gesetzesverstößen aber niemand damit rechnete, eine rechtliche Ahndung zu erleben und somit für sein Tun eine Bestrafung auf sich zu ziehen, wohingegen viel bedrohlicher die bereits verhängte über ihnen schwebe, vor deren Herabstürzen es doch nur recht und billig sei, noch ein wenig vom Leben zu haben.«?Der restliche Seminarplan ist:
06.05 Plagues in the Bible, with a focus on Exodus and the Ten Plagues of Egypt
13.05 The Book of Job
20.05 Bocaccio, Decameron (ca. 1353), “Proem” and “The First Day”
27.05 Daniel Defoe, A Journal of the Plague Year (1722)
03.06 Edgar Allan Poe, The Masque of the Red Death (1842)
10.06 Ingmar Bergman, The Seventh Seal (1957)
17.06 Albert Camus, The Plague (1947)
24.06 Albert Camus, The Plague (1947)
01.07 Albert Camus, The Plague (1947)
08.07 Katherine Anne Porter, Pale Horse, Pale Rider (1939)
15.07 Steven Soderbergh, Contagion (2011)
22.07 Final discussion (if possible, at a beer garden). (jn)

28. 4. 2020 (Kyoto)
Gleich nach dem Frühstück gehe ich zur Baustelle. Der Wachmann am Eingang bemerkt mich nicht, weil er sich an Augen und Nase reibt, aber der Vorarbeiter in verdreckter weißer Uniform kommt gleich zu mir. Ich zeige ihm, wo ich wohne, und sage ihm, wie anstrengend ich den Lärm und die Abgase finde. Er ruft sofort den Bauleiter an, sagt, ich soll kurz warten. Schon fühle ich wieder aufkochende Wut, weil ich ja gar nicht weiß, wie lange ich nun warten muss, die aber schnell wieder abklingt, weil von der nächsten Ecke ein weiterer Herr, in sauberem Weiß von Helm über Uniform und Maske bis zu den Handschuhen, angerannt kommt. Ich fange also wieder an: Zeige, wo ich wohne, sage, dass ich wenig Verständnis dafür habe, dass man in Zeiten, wo die Menschen zu Hause bleiben sollen, diese Bauarbeiten macht. Er hört mir aufrichtig zu und entschuldigt sich. Dadurch fühle ich mich schon ein wenig besser und motiviert weiterzureden. Auf mein Lärmargument erwidert er, es seien besonders leise Maschinen ausgewählt worden. Auf meine Beschwerde, dass selbst bei geschlossenem Fenster Abgase in die Wohnung dringen, weist er darauf hin, dass die ausgewählten Maschinen nachweislich wenig Abgase erzeugen. Auf den ganzen Tag hin, sage ich, seien Lärm und Abgase dann aber doch eine hohe Belastung, von der ich auch Kopfschmerzen bekäme. Er entschuldigt sich, verbeugt sich im 90-Grad-Winkel. Ich bitte ihn darum, damit aufzuhören. Mir ginge es darum, meine Wut zu äußern, wenn ich mich drinnen nur gedulde, würde ich mich nur immer schlechter fühlen. Er sagt, dass er mein Gefühl sehr gut verstehen kann und dafür Verständnis hat. Ich sage ihm noch, dass ich wirklich in Nöten sei, weil ich auch Live-Unterrichtseinheiten geben müsse, die bei dem Lärm im Hintergrund aber unmöglich seien. Er entschuldigt sich, aber all die Bauarbeiten jetzt auf der Stelle anzuhalten, das sei nicht möglich. Ich sage ihm, das würde ich auch gar nicht verlangen, ich wolle hier in erster Linie meine Wut und auch mein Unverständnis über die unsensiblen Entscheidungen der Bauleitung äußern. Wieder geht er in diesen 90-Grad-Winkel. Er sagt auch, dass er sofort Anweisungen geben wolle, den Lärmpegel so weit wie möglich zu senken. Ich bitte ihn noch, dass die Informationstafel für die Anwohner, auf der geschrieben steht, was an welchem Tag geplant sei, auch wirklich aktualisiert wird. Das verspricht er mir. Ich frage ihn, ob er nur für den jetzigen Bauabschnitt hier als Bauleiter arbeitet. Nein, sagt er, für die gesamte Hotelbauzeit sei er hier die zuständige Person. Ich sage ihm, dass mich das freue, und gewiss würde ich immer wieder kommen. Hinter unseren Masken lachen wie zusammen. Nach dem Mittagessen mache ich mich zum Spaziergang auf und als ich etwas nach vier zurückkomme, stehen alle Maschinen schon still und die Straße ist frisch gewaschen. (ast)

28. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Als Kafka im Herbst 1918 an der Spanischen Grippe erkrankte und in den nächsten Wochen mit bis zu 41 Grad Hitze darniederlag, verschwand die vertraute Welt vor seinem Fenster am Prager Altstädter Ring. „Als Untertan der Habsburgermonarchie im Fieber zu versinken und als Bürger einer tschechischen Demokratie wieder aufzuwachen: schon das war unheimlich, aber auch komisch.“ (Reiner Stach, „Kafka“).
Steht uns eine ähnliche Situation bevor? Nur mit den umgekehrten Vorzeichen, dass aus einer freien und freizügigen Welt nach Corona eine unerträglich repressive geworden sein wird – was somit überhaupt nicht „komisch“ ist?
Juli Zeh oder etwa Giorgio Agamben mahnen und warnen in Zeitungsartikeln eindringlich vor unbemerkt einsickernden oder von den trägen, entpolitisierten Massen akzeptierten Kontrollmaßnahmen im Verbund mit Geboten und Verordnungen. Es dürfe dem Schutz der Gesundheit nicht alles untergeordnet werden und es müsse möglich bleiben, das auch zu sagen. Sei es aber nicht.
Ein alter Freund verlinkt mir Zehs Artikel: Auch darüber müsse man einmal nachdenken! Der Artikel ist bereits vom 4. April, es sind mittlerweile einige ähnliche Tonlagen zu hören gewesen. Zeh ist Verfassungsexpertin und plädiert in ihrem Artikel insgesamt bei allen Corona-Maßnahmen fürs Maßhalten.
Aber dabei bleibt es nicht. Genau wie neuerdings Agamben erkennt sie in unserer Reaktion auf die Krise die Beschädigung unserer Lebensform vor der Pandemie. Corona sei ein Symptom dafür, dass wir verzweifelt die Kontrolle wiedergewinnen wollen. Bei Zeh klingt das so: „Das Coronavirus steigert das Unbehagen an der zeitgenössischen Lebensform zu panischen Reflexen wie kein anderes Ereignis der vergangenen Jahrzehnte.“
Bei Agamben noch etwas esoterischer: „Offensichtlich ist es so, dass es die Seuche irgendwie, wenn auch nur unbewusst, bereits gab. Die Lebensbedingungen müssen zu solchen geworden sein, dass ein plötzliches Zeichen genügte, um sie als das zu erweisen, was sie waren – sprich: unerträglich, eben als eine Seuche.“
Das sind schön feuilletonistische Ideen, sie fechten mich nicht an. Aber was ist mit der Beschränkung der Grundrechte? Von welcher konkreten Einschränkung welcher konkreten Rechte sprechen wir? Bin ich gleichgültig gegen die Einschränkung von Grundrechten, wie mein alter Freund W. mir, indem er einen Link schickt, mit provokanter Leichtigkeit unterstellt – übrigens bloß ein Battle-Ballett, das wir jahrzehntelang einstudiert haben. Oder ist er etwa bloß zu bequem, um seinen Lebensstil für ein paar Monate zugunsten – ja wessen: des Gemeinwohls? – zu ändern?
Zurück zu mir. Außerhalb meines Gesichtsfeldes spielen sich eine Menge Restriktionen ab. Ist meine Lebenswirklichkeit aber derart komfortabel und in Bezug auf unsere bürgerlichen Freiheitsrechte so wenig repräsentativ, dass Entscheidendes im toten Winkel bleibt? Abgesperrte Spielgeräte auf Spielplätzen, faktische Berufsverbote, Schulverbote, Kontaktverbote, Feierverbote, manche beklagen sich über Maskenpflicht und Bevormundung durch Hygieneratschläge – je nachdem, in welcher Lebenslage man sich befindet, sind die Einschnitte massiv. Und zugegeben: Dass ich neuerdings zu Hause arbeiten muss, ist kein Problem. Es bedeutet eine gewisse Abwechslung. Durch glückliche Umstände während des Lockdowns sind wir auch nicht allein und ohne Liebe.
Leben Leute wie wir also endlich in einer (und nur in einer) Blase, wie bestimmte Kommentatoren in den sozialen Medien schon seit Längerem behaupten? Hat uns die Geschichte jetzt an eine Peripetie gebracht? Findet Adornos Wort vom Zeitkern der Wahrheit gerade seinen Nachweis darin, dass gewonnene Gewissheiten unter dem Mantel der Geschichte umgedeutet wurden, was wir schockhaft erkennen müssen? Wieso kann ich die pessimistischen, teilweise pathosgeladenen, gegen staatliche Einmischung aufbegehrenden Diagnosen unserer Freiheitseinschränkung nicht teilen? Bin ich unter die Schlafschafe geraten?
Drei Beispiele: Manche Argumente Zehs und Agambens erscheinen mir zwar theoretisch richtig, nur sehe ich den Anwendungsfall nicht gegeben. Man dürfe den Schutz des Lebens nicht absolut setzen – hat auch der Bundestagspräsident soeben im Interview erklärt. Aber geschieht das überhaupt oder ist es eher ein gut gemeinter akademischer Rat? Seit Wochen werden doch Werte und Prinzipien hin und her gewendet, Interessen von Bevölkerungsgruppen gegen Interessen von Wirtschaftszweigen gewogen. Schon früh haben wir den Einwand gehört, dass auch Arbeitslosigkeit, Depression und Armut Menschenleben fordern können.
Dann: Manche Argumente erscheinen mir anmaßend oder weit hergeholte Unterstellungen. Aus Angst vor Ansteckung nähmen Menschen jede erdenkliche Kontrollmaßnahme hin und folgten blind politischen und wissenschaftlichen Autoritäten. Agamben: „Man muss wohl sagen, dass die Menschen an nichts mehr glauben – außer an das nackte biologische Leben, das es um jeden Preis zu retten gilt. Aber auf der Angst, das Leben zu verlieren, lässt sich allein eine Tyrannei errichten, nur der monströse Leviathan mit seinem gezückten Schwert.“ Dass der Lockdown, die Distanzregeln, Hygienemaßnahmen aus purer Angst hingenommen würden, ist so wenig belegt wie die Gegenthese, dass es sich genauso gut um eine nüchterne, rationale, kalkulierte und besonnene Antwort (vieler Menschen) auf die Umstände handeln könnte und keineswegs um panisches Verhalten.
Schließlich: Mit manchen Argumenten begeben sich die Gegner der hiesigen Coronapolitik in die Nähe zu extremen Rechten, Verschwörungsgläubigen und dubiosen Interessengruppen, was nicht einfach ungustiös, sondern leichtfertig ist. So ist es in keiner Weise richtig zu behaupten, es dürfe „bei uns“ nicht über Werte, Maßnahmen und Ziele diskutiert werden. Das neue Synonym für Zensur heißt dabei „Shitstorm“. Ein Wirtschaftsprofessor behauptet in seinem Videoblog, wenn ein Handelskonzern die Preise für Desinfektionsmittel, wie es ihm schließlich freistehe, einfach der Nachfrage anpassen würde, würde er einen Shitstorm erleben. Juli Zeh schreibt: „Ein ernst zu nehmender Diskurs ... findet nicht statt. Alles muss schnell gehen und wird vor dem Hintergrund eskalierender Medienberichterstattung als alternativlos empfunden; Kritiker laufen Gefahr, als herzlose Idioten dazustehen und sich entsprechende ,Shitstorms‘ einzuhandeln.“ Der Reflex, jeden Widerstand gleich als Shitstorm zu disqualifizieren, sollte sich eigentlich verbieten. Der Begriff wird längst von Leuten instrumentalisiert, die gar nicht diskurs-, geschweige konsensbereit sind.
Es gilt noch, was Hans Magnus Enzensberger Ende der 1980er Jahre für die Bonner Republik festgestellt hat und was freilich von Erschütterung zu Erschütterung neu zu beweisen wäre: „Die Integrationsfähigkeit dieses Gemeinwesens hat alle Erwartungen übertroffen. Mit den bisherigen Krisen ist es so gut fertiggeworden, dass man sagen kann: ein so hohes Maß an Ultrastabilität hat es in der deutschen Geschichte noch nie gegeben“ ... „Diese Gesellschaft ist mittelmäßig“ („Mittelmaß und Wahn“). Und so gehört zu den hervorstechenden oder gerade nicht besonders hervorstechenden Merkmalen unserer Zeit die weitgehende Abwesenheit von Drama und Tragik. Dass in der Krise die Institutionen funktionieren, dass Armut abgemildert wird, ohne dass Menschenmassen dafür auf die Straße gehen müssen; dass Argumente ausgetauscht werden, Fehler eingestanden, Fachleute zurate gezogen, politische Entscheidungen getroffen und öffentlich evaluiert werden – deutet auf einen wohlwollenden Pragmatismus hin.
Manche Verächter dieses Systems erinnert es deshalb an die DDR 1.0. Manchen geht es zu wenig pompös und zu zivil zu. Manche wünschen sich mehr private Coolness und die Teilhabe an einem riskanteren Marktgeschehen oder schlicht mehr Action. Freiheit lässt sich in viele Richtungen deuten. In der Corona-Krise ist sie weit stärker eingeschränkt, als wir es gewohnt sind, aber erkennbar auf einem Niveau, das im Weltmaßstab erträglich erscheint – im Maßstab konkreter lebensweltlicher Umstände jedoch nicht immer. Die staatlichen Corona-Reaktionen waren zum Teil undurchsichtig und auch die Öffnungsszenarien kommen mir persönlich gerade nicht logisch vor.
Deshalb gehört zum Mittelmaß des politischen Agierens die Kritik durch Beobachter von allen Rändern. „Mehrheit und Außenseiter sind und bleiben in einem Gemeinwesen wie dem unsrigen symbiotisch aneinander fixiert. ... denn eben da, wo es scheinbar ... triumphiert, nimmt das Mittelmaß seinerseits wahnhafte Züge an“, schreibt Enzensberger.
Bald wird die Kritik an den Corona-Maßnahmen nahtlos übergehen in die Kritik an der Lösung ökologischer Probleme oder die Kritik an irgendeiner Reaktion auf irgendeine weitere Zumutung des kontingenten Weltlaufs. An diesen zukünftigen Maßnahmen wird man Juli Zehs Diagnose messen müssen, dass die Menschen deshalb ihre Grundrechte mehr oder weniger bereitwillig einschränken lassen, weil ihr „Sicherheitsbedürfnis so hoch ist, dass ihnen Freiheit als gefährliche Ausschweifung erscheint. Mit anderen Worten: Weil sie Angst haben. Nicht vor Infektionen allein, sondern vor der existenziellen Unkontrollierbarkeit des Lebens.“ Und wenn es so wäre? Wäre unsere Enttäuschung darüber nicht die größte Überraschung? Etwas an dem caspar-david-friedrich-nietzeanischen Gipfelstand der Autonomie wirkt schließlich auch schon wie vom Zeitkern der Wahrheit erfasst.
Übrigens erreichte den Hochrisikopatienten Kafka, der gerade von der Tuberkulose genesen war, die Spanische Grippe behördlicherseits völlig unkontrolliert. „Es mutet heute seltsam an“, schreibt sein Biograf Reiner Stach.
Unklar ist, wie Kafkas Leben ohne die Krankheit verlaufen wäre, auch wenn wir von einigen seiner Pläne Kenntnis haben: „In wie vielen Briefen, wie vielen Notaten hatte er von einer sagenhaften Zukunft ,nach dem Krieg‘ gesprochen, in der er kündigen, umziehen, heiraten und unabhängiger Autor hatte werden wollen. Jetzt, da die Stunde der Entscheidung gekommen war, tat er nichts von alledem. Er war krank.“ (rs)

27. 4. 2020 (Hamburg-Ottensen)
traum: ein insekt – braun glänzend wie eine ameise mit flügeln oder eine zikade – das sich herausschält aus dem morschen holz, in dem sie verborgen lag, wie ein kleiner drache, den man aus seiner höhle befreit oder ihn dort versehentlich aufstört. das brett vor dem bau oder verlies war weggebrochen ... am tageslicht in der strahlenden sonne vor dem schuppen wird das tier schnell matt. kaum steht es in voller größe im freien, sackt es zusammen und kippt tot zur seite – es ist riesig, so groß wie ein rostiges kinderfahrad, was ich aus gründen des größenvergleichs neben, nein, nun sogar vorsichtig auf das tier lege, ich wundere mich im traum über dieses fahrrad: warum ich es vorfinde und warum es so rostig ist, der schreck vor dem tier ist davon komplett überlagert. 
jahaaa, ich war mal wieder bei meinen eltern, anders kann ich mir das kinderfahrrad wach nicht erklären. (nor)

26. 4. 2020 (Hamburg)
Ich möchte aus diesem Blog aussteigen. Seit ich hier hineingeraten bin, denke ich dauernd, was schreiben zu müssen. Was denken. Seit letzten Montag wollte ich mich jeden Tag hinsetzen, immer fand ich einen Grund, es nicht zu tun. Ich möchte mich nicht mehr mit Corona beschäftigen. Fick dich, Virus. Das Ganze laugt mich aus. Zieht mich runter. Mir fällt auch nichts anderes ein als anderen. Es geht nicht um die Maske, es geht um die Pflicht. Die Bundesrepublik ist eine Art grünes Südkorea geworden. Der Einzige, der noch an Individualität glaubt, ist Ulf Poschardt. So was. Ist ja gut. Gut. Schlecht.
Auf der anderen Seite weiß ich, dass es mir immer besser geht, wenn ich dann was geschrieben habe. Ich hatte genug Zeit zu lernen, mit der Depression umzugehen, darüber kann ich mich nicht beschweren, Zeit war da. Na ja, wie soll ich sagen, die Traurigkeit nicht wegdrücken, sondern sich auf ihren Grund fallen lassen. Was soll schon passieren. Es gibt diesen Grund. Gibt es, auf jeden Fall. Seit ich Kind bin, suche ich im Wasser eine Stelle, die tiefer ist, als ich groß bin, lasse mich sinken, bis die Füße den Grund erreichen, und stoße mich ab. Mit Kraft, sodass ich dann wie ein Delphin hochschnelle, gibt´s das Wort, ja. Hoch und schnell, ist doch gut. Oder wie eine Rakete, eher phallisch. Ich habe das auch meinen Kindern beigebracht.
Aus der Depression kann ich nicht ganz so phallisch hochschnellen, es ist eher ein langsames, rumpeliges Hochfahren, wie im Lastenaufzug, der jeden Moment auch stecken bleiben kann. Während dieses Hochfahrens entsteht so gut wie immer ein Gedanke, eine Idee, die ich schnell (manchmal zu schnell) in meine blaue Freitag-Tasche packe, bevor ich sie vergesse. Am Grund unten liegen nämlich die Ideen, man braucht sie nur einzusammeln. Wenn die Aufzugtür dann aufgeht, haben sich die Nebel verzogen, und weil alles wieder heller ist, sieht es auch besser aus. So ungefähr. Jetzt für diesen Text. Wo finde ich hier einen Grund, was ist der Grund, warum ich die Schnauze so voll habe und jeden Tag schlechter draufkomme? Dass es keine Jazzlokale mehr gibt und kein Zusammenhocken und kein Engtanzen, das ist alles schon gesagt. Wer braucht das schon, doch nur Kindsköpfe. Auf der anderen Seite, tönt es auf allen Kanälen, aus allen Richtungen, dass es mir schon wie ein Tinnitus im Hirn nachhallt und jedes Denken unmöglich macht, auf der anderen Seite gäbe es ein Erstarken des Gemeinsinns, der gegenseitigen Verantwortung, des besseren Auf-sich-selber-und-auf-andere-Achten, all die toten Worte. Und das alles wiege doch viel schwerer, das ist die Botschaft, als ein bisschen Popowackeln und die ganze Kultur. Die Blindtexte aus der SPD- und Kirchensprache, die noch vor vier Wochen bedeutungslos waren, haben sich weit in die Linke (gibt´s nicht mehr, ich weiß, habt ihr ein besseres Wort?) vorgefressen, der Steinmeier-Sound ist zu einer Dauerberieselung geworden, vor der jeder harmlose Theaterregisseur wie ein virenversprühender Terrorist wirkt. Als der Direktor des Wiener Burgtheaters sagt, er könne sich nicht vorschreiben lassen, in welchem Abstand die Schauspieler auf der Bühne stehen, schreibt die Süddeutsche, der Mann wisse nicht, worum es gehe, und gibt ihn zum Abschuss frei. Natürlich setze man auf Freiwilligkeit, wird gesagt, aber da wo die „Botschaft“ eben noch nicht angekommen ist, wo „Vernunft“ und die „Einsicht“ fehlen und kein „Mitmachen“ zu erkennen ist, da müsse dann eben nachgeholfen werden. Und so bietet der joviale Drosten-Sprech jeden Tag die Vorlage für Drohungen, der autoritäre Gestus tritt immer unverblümter hervor. Wenn ihr jetzt nicht die Klappe haltet und euren Würstchengrill ganz schnell abbaut, dann, ja dann droht die zweite Welle der Pandemie, und die wird „furchtbar“ sein. Dann werden all jene in der Hölle schmoren, die jetzt noch nicht die Klappe halten. Auch die sonst teigigen Züge von Angela Merkel können wie kühlgeschockt erstarren, wenn der virologisch-wissenschaftliche „Gemeinsinn“ zum einzigen möglichen Sinn erklärt wird, wenn Moral kein Spaß mehr ist. No Fun. Auch der Kommunismus war übrigens eine wissenschaftlich begründete Staatsform, damals fand ich das ganz toll.
Warum kann ich mir nicht einfach den Mundschutz schnappen und damit, wie es heißt, andere und mich schützen, in dieser Reihenfolge? Warum bin ich bei allem dermaßen draußen und gar nicht dabei, das wollte ich doch beantworten. Warum finde ich den Gemeinsinn gemein, irgendwie gegen mich gerichtet? Dass die Virologen gut zu tun haben und „Helden“ in den Krankenhäusern viele bezahlte Überstunden machen, ringt mir keinen besonderen Respekt ab. Dass Menschen sterben, sagt mir auch nichts Besonderes. Wir kümmern uns doch auch sonst nicht, warum jetzt? Dass sich Wirtschaft und Politik nach dem Einbruch in eine besonders tolle Richtung entwickeln sollen, wie es die ökonomische Fraktion der Betschwestern predigt, glaube ich schon gar nicht. Die Welt wird nicht an weniger Geld genesen. Im Gegenteil, den Armen geht es noch schlechter, Corona wirkt jetzt schon schwer asozial, Klimaschutz, haha, das Öl muss jetzt auch mal verbrannt werden. Dass sich ein paar Buchhändler von ihren Kunden wertgeschätzt fühlen, wird die Internetkonzerne nicht in die Pleite treiben. Argumente kann man finden, aber wie ist es wirklich? Ich weiß nur, es fühlt sich für mich Scheiße an, jetzt auch aus diesem Gemeinsinn (Jetzt auch aus diesem? Welchen meine ich noch?) ausgeschlossen zu sein, so bescheuert ich ihn auch finden mag. Oder mich selbst auszuschließen, das ist ja immer für einen selbst schwer unterscheidbar. Ich komme aus einer Zeit, als Nestbeschmutzen die größte Kunst war. Corona ist natürlich auch eine schwere Kränkung des Narzissmus, für einen wie mich. (mh)

26. 4. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe)
aufgrund des besessenen yogatrainings großer teile der bevölkerung können in weiteren zwei monaten die abstandsregeln um einen meter verkürzt werden, weil in gruppen immer abwechselnd einer auf dem kopf stehen kann und eine auf den Füßen und eine auf dem kopf … (nor)

26. 4. 2020 (Berlin / Somalia)
Wie schwer Covid-19 die Bevölkerung am Horn von Afrika treffen wird, ist ungewiss. Klar ist, dass es auch kritische Reaktionen auf die verhängten Maßnahmen gibt. In Somalia reißen Demonstrierende die Plakate mit Präsident Farmajoh von den Straßen, die Türkei, der wichtigste Bündnispartner des Präsidenten, zieht sich aus Somalia zurück. Die nächsten Wochen werden darüber entscheiden, ob die Bevölkerung der Regierung ausreichend Vertrauen schenkt und sie auch in der Krise akzeptiert. Wenn nicht, könnte Covid-19 die politische Landschaft am Horn nachhaltig verändern. So schreitet die Hafenpolitik am Roten Meer voran, bald könnte am Westufer fast jeder Hafen in der Hand der Emirate sein. Nicht nur wird hier der Warenverkehr nach Asien geregelt, sie sind auch notwendig für die Lieferung von Hilfsgütern, die wegen Covid, der Heuschreckenplage und der Dürre in manchen Ländern die Hälfte der Bevölkerung am Leben halten. Auch die Kriege im Jemen und in Libyen werden von den Häfen am Horn von Afrika aus geführt.
Folge Jeremiahs Vanishing New York-Blog, lese über Byzanz. Durch die Verlangsamung erscheint die Veränderung, die ohnehin ständig geschieht, mehr unter Beobachtung und absolut nicht alternativlos.
Auch über permanente Veränderung, aber groß und weit, wach und most soothing, ist Bernadine Evaristos Women, Girl, Other. Wie eine politische Familienaufstellung, die zum Resultat hat, dass diese deterministische Vorstellung von Herkunft der aktiven – kritischen – Gestaltung des eigenen Lebens entgegensteht. Die eigene Gruppe wählen. Dazu die Bilderserie von Chris Buck Let’s talk about race und Catherine Opie. (aw)

26. 4. 2020 (Kyoto)
Ich träume von einer Hand, die sich längs auf mein Gesicht legt, die Finger über der Nase, der Handteller drückt auf den Mund, mir bleibt die Luft weg, ich schreie so laut, dass ich meine Frau wecke, die dann wiederum mich aus dem Schlaf rüttelt. Erlöst von dieser unbarmherzigen Hand atme tief ein und aus, reiße das Fenster auf, aber meine Lunge vergisst den Schock nicht. Ich schlafe wieder ein und träume von meiner Frau mit dem Küchenmesser, entschlossen, einem Eindringling den Garaus zu machen. Ich stimme ihr da völlig zu, kein Weg führt daran vorbei, da müssen wir jetzt durch und ich habe draußen etwas dringend zu erledigen, und als ich mit dem Gast, der sich für heute angemeldet hat, in unsere Wohnung zurückkomme, bewundere ich meine Frau für die perfekte Arbeit, die sie da geleistet hat, der Holzfußboden glänzt und schimmert, nirgendwo nur ein Fleckchen Blut und noch dazu duftet es gut in unserer einladenden Wohnung. Dann wache ich auf und der Tag geht los. Heute muss ich zum Zahnarzt, das ließ sich nicht mehr aufschieben, als Notfall werde ich behandelt. Anders als sonst sind die Fenster weit geöffnet, dadurch ist es kalt und laut, als würden all die Autos von draußen hier hereinfahren, und ich bekomme einen Becher mit brauner Flüssigkeit, die bitter schmeckt, zur Desinfektion und als Vorsichtsmaßnahme vorab. Später, bei den Rettungsmaßnahmen des Backenzahns, schläft mir ein Teil der rechten Hand ein, der linke Fuß, und dann legen sich auch noch Schläuche über meine Nasenflügel. Ich mache die Augen auf und kann nicht sehen, was für eine Apparatur mir da die Nasenflügel zudrückt, ob es sich da um eine Unachtsamkeit meines Zahnarztes handelt oder um einen planmäßigen Vorgang. Mein Herzschlag erhöht sich unangenehm, so sehr erinnert das die Lunge an den Traum dieser Nacht. Der Zahnarzt hat gesagt, ich soll mich nicht unnötig gedulden, soll sagen oder zeigen, wenn ich Schmerzen habe, wenn ich nicht mehr kann. Aber ich gedulde mich doch, kann ja auch durch den Mund atmen, auch wenn da Operationen am Gange sind. Später bin ich erschöpft und mitgenommen, ärgere mich noch mehr als sonst über die Hotelbauarbeiten vor unserem Haus. So etwas wie monumentale schwarze Korkenzieher dringen in den Boden ein, wo letztes Jahr noch archäologische Ausgrabungen stattfanden, zwei Männer, die irgendwie eher wie Wissenschaftler aussehen, gehen konzentriert zwischen diesen Bohrungen umher, ich bleibe eine Weile davor stehen, einfach weil ich Lust habe, meinen Unmut und meine Wut über diese Hotelbauarbeiten zu äußern, über diese Lärmverschmutzung, gerade in Zeiten, wo so viele Leute zu Hause arbeiten müssen, aber niemand bemerkt mich und kommt zu mir. Ich mache dann noch einen Spaziergang und kann die ganze Zeit nicht genug von der frischen Luft bekommen. Zweimal machen andere Personen demonstrativ einen Bogen um mich und einmal rennt ein Herr in fortgeschrittenen Jahren mit vorwurfsvollem Blick an mir vorüber, ehe er dann, mit gewonnenem Abstand, wieder in gemächlichem Tempo geht. Ich schiebe das der Tatsache zu, dass ich keine Maske trage. (ast)

26. 4. 2020 (Hamburg / Vancouver / München)
Sortier, sortier. Vor einer Woche Orientierungslosigkeit, Abnutzung des Mobilisierungspotenzials von reaktiver Energie. Genau das war es wohl, bis dahin war alles Reaktion auf eine besondere Situation. Dazu gehört offenbar eine bestimmte Zeitlichkeit, also: Jetzt reißen wir uns mal zusammen, ist ja für alle, fürs Kollektiv, das geht dann schon. Inzwischen haben sich neue Erkenntnisse durchgesetzt, schmerzhafte. Beispielsweise, dass ich nie genug Selbstdisziplin für regelmäßiges Hometraining aufbringen werde – jetzt ist echt die Gelegenheit dafür. Es ist jetzt nicht mehr das Reagieren auf etwas, sondern das Ein- und Umstellen. Auf Dauer. Deshalb schreibt sich’s grad auch nicht so nett. Was soll man schreiben, was ist relevant? Überall auf der Welt dasselbe mit Schattierungen. Beim Familienskype vor ein paar Tagen: In Vancouver klatschen sie abends um 19 h, in Hamburg um 21 h (Unverständnis bei der kanadischen Nichte – was, um neun ist bei euch der Schichtwechsel?). In British Columbia gibt es weit weniger Fälle, aber dafür umso mehr Ängste, wie es scheint. Bei der Nichte in München weniger, obwohl da mehr passiert. Aber was gibt es zu berichten, was nicht sowieso schon jeder weiß? Unmöglich, jetzt aus der Vogelperspektive auf unsere Situation zu schauen. Mit dem Reagieren endet auch das Spekulieren über die Zukunft. Wir verbringen Zeit damit, einen Fahrradurlaub im Sommer zu planen, googeln Equipment und fragen uns, ob wir zelten können oder unsere Rücken dafür zu alt sind. Aber immerhin: eine Herausforderung, auf die man reagieren kann. (smo)

26. 4. 2020 (Berlin)
Ich gehe jetzt, wo die Zahlen in Berlin weniger bedrohlich sind, gelegentlich wieder selbst einkaufen. Auch, weil die Warteschlange vor dem Edeka-Markt so ein spannendes soziales Labor ist. Irgendwie kommen alle über zwei Meter hinweg ins freundliche Gespräch. Ein Trinker reiht sich brav ein und kauft dann Bier für alle Kumpel. Eine junge Frau erzählt, wie es war, als sie fast, beinahe, um ein Haar in Quarantäne gekommen wäre. Ein Teenager, der demonstrativ nah aufrückt, um zu provozieren, wird von seiner Freundin zurückgepfiffen ("Lass gefälligst die alten Leute in Ruhe!"). Meine krebskranke Nachbarin präsentiert eine nagelneue FFP3-Maske. Die Bauarbeiter wählen einen aus ihrer Mitte zum Einkaufen aus und warten auf dem Vorplatz darauf, dass er mit Kuchen für alle wieder herauskommt. Alle reden über das endlich schöne Wetter und nicht mehr über Corona, den Elefanten im Raum. Die Leute, die schon drin waren, geben Einkaufstipps. Die Erdbeeren sind offenbar fast weg. "Gehn ’se mal lieba zuerst zum Obst." Ein alter Herr bekennt, dass er die Kneipenbesuche nicht so arg vermisst wie die Spielautomaten. Bier kriegt er ja überall. (dl)

25. 4. 2020 (Berlin, Notiz vom 20. 4. 2020)
Mit einem Freund gehe ich spazieren, er empfängt mich mit Mundschutz, Ablaufen des Neuköllner Territoriums: Hermannstraße, Columbiadamm, Hasenheide, Hermannplatz, Maybachufer, Kanalpromenade, Weserstraße, Hermannplatz, Hasenheide, Columbiadamm, Flughafenstraße. Ich sehe hungrige Augen wie sonst nur Samstagnacht, nur jetzt zwei Grad wahnsinniger. Hungrig kommen die Leute aus ihren Isolationszellen, heute könnte ich wohl als Hete auf Sonnenallee cruisen. Zwischen den Bäumen im Park kommt uns eine Art zweigeflügeltes Gefährt entgegen, Mini-Polizeikorso, zwei Beamt*innen mit Kugelhelmen auf Verweigererjagd. Mein Nebenmann bleibt gelassen, ich koche. Eine Frau, die gerade noch schlafend an einen Baumstamm lehnte, steht nun und wedelt pro forma leibesertüchtigend mit den Armen. Als die blaubemalten Motorräder vorbeigezogen sind, sinkt sie sofort zurück in den Schlummer. (js)

25. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd) aufgeschrieben am 20. 4. 2020)
Die siebte Woche im Homeoffice bricht an. Krise kommt von Entscheidung, aber im Moment entscheidet sich nichts, und die Leute werden teils ungeduldig, teils uninteressiert. Ausgangsbeschränkung, Ausgangslockerung. „Lock down, Lock up“, könnte man sagen. Aber bedeutet nicht lock up wegsperren?
Schließen wir die Augen und denken an die, die am Ende des ersten Lockdown-Monats lieber die Augen vor ihrem Kontostand verschließen würden. Es sind Mieten zu bezahlen.
Das evangelische Kirchenjahr nennt den zweiten Sonntag nach Ostern Misericordias Domini, die Barmherzigkeit des Herrn. Gelesen wird Psalm 23, der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Der Anführer der neoliberalen Gegenbewegung wünscht sich indessen inständig, dass seine Untertanen Sagrotan trinken, bevor sie seinen narzisstischen Machtanspruch durch Arbeitslosigkeit und Siechtum gefährden könnten. Wahrscheinlich hat Trump sein Verhalten jahrzehntelang eingeübt, was einen wenig überraschenden Einblick in die Praktiken des Großkapitals gewährt. Ökonomisch ist es ihm stets gelungen, durch Drohung, Lüge und Ableugnen zum Ziel zu kommen, er brauchte nur Geld lockerzumachen, um Anwälte und Mitprofiteure seinen Willen geschehen zu lassen. Augen zu und durch.
Politisch versagt jetzt aber dieser Betriebsmodus der unbedingten Machbarkeit vor der unbestechlichen Natur. Und dann kehrt sich sein Zorn gegen das allzu verletzliche Menschenmaterial.
Erstaunlicherweise landet Trumps mehr als kindlicher Unverstand mitunter Glückstreffer, die er auch nur einer blinden Barmherzigkeit von Göttern danken könnte. Die völlig unglaubwürdige Behauptung, seine Idee, Desinfektionsmittel zu injizieren, sei bloß Sarkasmus gewesen, gehört jedoch nicht dazu. Vermutlich dachten seine Berater, so ließe sich der Schaden begrenzen. Doch Sarkasmus vonseiten welcher Macht auch immer wäre nicht weniger ätzend und menschenverachtend. Rief da jemand „Lock him up“? (rs)
 

24. 4. 2020 (Hamburg)
ich bereite einen spaziergang für die »not-juz«-gruppe vor, die tw. anleitet. (ich habe das »not« immer als englisches »nicht« gelesen, also das »nicht-jugendzentrum« nicht das »not-(wie seenot)-jugendzentrum«, was es wohl eher ist.)
jedenfalls laufen wir mit google streeview durch die gegend und ich leite die menschen heute durch kaseberga zur schiffssetzung dort, genannt »ales stenar«.
Ich verzottel mich komplett in der vorbereitung, möchte von der schnellbootfähre, die zwischen ystad und bornholm verkehrt und schwell im hafen von kaseberga macht, zu dem großen steinschiff oben auf der steilküste kommen, lande beim nervösen herumklicken auf der karte versehentlich im spa von kaseberga, in dem es diverse bade- und saunaeinrichtungen gibt, und komme von den für die schiffssetzung aus der umgebung um 600 nach christus von älteren großsteingräbern zusammengelauten riesensteinen vor den seltsamen plexiglaskuben, in denen man im spa vielleicht seine beine baden soll, zum absoluten gedanklichen stillstand. ... sprudelbäder mit schwell wie im hafen gibt es im spa auch. die wassergefüllten kuben sind mir rätselhaft, genauso die schalensteine der schiffssetzung, die zweckentfremdet nun die schiffsform bilden. apropos schale, schalenstein, hohler kopf, beim weiterklicken stellt sich heraus: es ist tatsächlich sogenannte fischpediküre, die im spa angeboten wird. zur dekoration liegen pro kubus eine amphore und einige steinchen am grund – vielleicht wohnen die fische in der amphore, vielleicht sind es aber auch genauso viele steine, wie die schiffssetzung steine hat, das wären 59 stück. bei der anordung der steine draußen auf der steilküste handelt es sich angeblich um einen bronzezeitlichen sonnenkalender, eine behauptung, die von der fachwelt immer wieder dementiert wird, was das amt ystad aber nicht davon abhält, informationstafeln mit dieser falschen behauptung »sonnenkalender« aufzustellen. eine bauliche anlage so auszurichten, dass die bug- und hecksteine jeweils die sommer- und wintersonnenwende makieren, macht noch keinen kalender, altarräume sind auch geostet, oder »orientiert«, in richtung auf den orient oder eben zur aufgehenden sonne zeigend, und das macht nicht jede kapelle zu einem kalender, oder eben doch, zu einem viertel bestandteil eines kalenders ... wenn die sonne zum ostfenster reinscheint, ist es der morgen eines tages, die frage wäre welchen tages, welcher woche, welchen jahres. (nor)

24. 4. 2020 (Archivmaterial)
Das absolute Glück,
als der allerletzte Mensch,
am Rand zu stehen...   
wo die Welt eine Scheibe ist.
Beine baumeln lassen in die Wärme des Weltalls
und der letzte legt die Nadel in die Rille
und wartet auf die Stille,
und jemand geht über den Rand,
als der Allerletzte.
(Peter Licht, Das absolute Glück)

23. 4. 2020 (Hamburg)
Man sieht ja die Sterne gerade sehr gut wegen der sauberen Luft und momentan gibt es die Lyriden-Sternschnuppen und vorgestern Nacht war der Höhepunkt, grob in Richtung Osten. (sb)

23. 4. 2020 (München)
Meine Nachbarn werden wochentags um 7:30 Uhr von ihrem Wecker mit schlichten Pieptönen geweckt.
Der Schreiner aus unserem Hinterhof kommt täglich gegen 8:30 Uhr auf einem braunen Rennrad zur Arbeit.
Der Postbote von der gegenüberliegenden Straßenseite bringt die Post gegen 9:45 Uhr. Die Postbotin auf unsere Straßenseite bringt die Post erst gegen 11:30 Uhr.
Auf der Straße parkt heute ein silberner Polo mit einem mir unbekannten Kennzeichen.
Im Hof gegenüber arbeitet ein ungefähr 30-jähriger Hippster. Er hat einen Man Bun, er raucht selbstgedrehte Zigaretten, er trinkt Kaffee aus Pappbechern, er trägt Ethnopullis, er hat eine trägerlose Lederaktentasche, er macht regelmäßig Pausen.
Die Tochter der Familie über mir hat viele Verehrer.
Heute um 12:29 Uhr ist wieder einer vor dem Haus, schwarzer Hoodie mit Rastafari-Borte, die Kapuze ins Gesicht gezogen, auf dem Fahrrad sitzend. Verschämt ruft er ihren Namen. Weil ihr Fenster im ersten Stock geschlossen ist, kann sie ihn nicht hören. Nach ein paar Minuten gibt er auf und rollt davon.
Ich räume seinem Konkurrenten von gestern mehr Chancen ein, hellblaues Hemd, rostrote Sonnenbrille mit Retro-Lederschnur, selbstbewusst rufend. Er wurde gehört.
Der Lokalprominente verlässt um 16:03 Uhr den Hinterhof gegenüber. Ich habe ihn heute nicht hineingehen sehen. Wohnt er vielleicht da und nicht dort, wo ich denke, dass er wohnt? Allerdings ist er vorgestern mit seiner Tochter aus dem Park gekommen und an der Einfahrt zum Hinterhof vorbeigelaufen, was dafür spricht, dass er da nicht wohnt, sondern doch dort, wo ich denke, dass er wohnt.
Vielleicht bringen die nächsten Wochen Klarheit.
In Krisenzeiten rücken die Menschen näher zusammen. Ein Fernglas ist nützlich. (jmb)

23. 4. 2020 (Berlin)
(Dritter) Dialog aus einer TV-Serie, die ich angefangen habe zu gucken. Sie spielt in einer Zeit, die mir, obwohl ich noch nicht geboren war, sehr vertraut vorkommt. Let’s go watch together!
H: Chef rufet mich mit Schreistimme per Internet, zu beschreien denn des Tunnels hellen Fleck am Horizont.
I: Schnarch, was?
H: Ich nehme an, wie hmm von mir, vergessen zu verbergen denn, die Prise der Privatheit im Gesicht.
I: (flüsternd) Dein samtig Haut der Laken gleich gefaltet denn, ein Krümelein am Krähenfuß, ein Gummiwein das Ponyhaar verglebt.
H: Chef schreit ein Loch durch Maskenhaut. Dahinter schaut das zappelend Zäpfchen und ein Eckzahn scharf wie Ordnungshüters Monition. Ich mögege das Gaspedal der Produktion doch Drücken zu erreichen ferner Öffnung hellen Schreiiiiiiii-n.
I: Ein Fehlbalance, ein himmlisch Hieb und hop ertrinkt des Chefs Vokal im Waschwässerchen der morgendlichen Schnarch- und Baderei. (vb)

23. 4. 2020
Wenn wir einen Mückenschwarm in der Abendsonne tanzen sehen, so tanzen sie nicht im Schein unserer großen Menschensonne, die auf viele Kilometer Entfernung an unserem Horizonte steht, sondern im Schein ihrer kleinen Mückensonne, die von ihrer fernsten Ebene, d. h. in etwa ein Meter Entfernung, auf sie herabscheint. (Jakob Johann von Uexküll, Die Lebenslehre)

22. 4. 2020 (Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg)
Der Kuhtod ist ein großer ungeheurer Stier mit langen Hörnern. Sein Brüllen ist viel dumpfer und hohler, als das andrer Stiere und so fürchterlich, daß jeder sich davor entsetzen muß. Er geht von Dorf zu Dorf und wo er sich sehen oder hören läßt, kommt ein Sterben unters Vieh und alles fällt.
Es ist nicht so ganz lange her, da zeigte er sich in der Gegend von Schleswig. In ganz Husby waren damals nur sieben Stück Vieh noch am Leben. Ein Mann aus dem Dorfe ging einmal mit einem Kalbe zu Felde und einer war bei ihm und trieb eine Kuh. Plötzlich sahen sie einen ungeheuren Stier vor sich; sie meinten, es wäre der Bulle von Schuby. Da sahen sie aber, wie das Tier die Kuh kaum anrührte, als sie auch gleich niederstürzte und starb. »Nun helf uns Gott«, sagte der Mann mit dem Kalbe, »der Kuhtod ist bei uns«, und schlug mit seinem Stock auf ihn los; da war er so hart wie Eichenholz und hatte auch nur drei Beine. »Wo willst du hin?« fragte ihn der Mann. »Na Husby«, antwortete das Ungetüm mit hohler Stimme. »Gah du na Reid' un na Sluxhard' un da herüm«, sagte der Mann und schlug so auf den Kuhtod los, daß er umkehrte und seit der Zeit in Husby nicht wieder gewesen ist.
Zu derselben Zeit oder früher ging einmal der Bauer Klaas Ramm auf einen Berg, den Kohlhof, als ihm der Kuhtod begegnete, der wie ein Riese aussah. »Wo willst du hin?« fragte der Bauer. »Ich will nach Fahrdorf zu einem Bauern und will ihm alle seine schönen blauen Kühe totschlagen«, antwortete der Riese. Da fiel der Bauer vor ihm nieder und bat, er möge ihn doch verschonen; denn er sei es selbst, der die schönen blauen Kühe habe. »Aber was versprichst du mir?« fragte der Riese. Der Bauer versprach alles zu tun, was er nur haben wolle. Da verlangte der Riese, daß er geloben solle, niemals am Sonnabend wieder Mist zu fahren; denn das tauge nichts und störe die Leute, die Sonnabends zur Beichte gingen. Klaas Ramm gelobte das und nun sollte er auch noch versprechen, daß auch die andern im Dorfe das Düngerfahren unterließen. Auch das sagte er zu, und er wollte alles tun, was er nur könnte. Darauf verlangte der Kuhtod seinen Handschlag. Als Klaas Ramm sich dessen weigerte, wollte der Kuhtod an ihm vorbei nach Fahrdorf. Da hub Klaas Ramm seine Axt auf und hieb sie ihm tief in seinen Kopf; und so fest saß sie da, daß er mit aller Macht sie nicht herausreißen konnte. Klaas Ramm lief nun nach Fahrdorf und rief die Bauern zusammen; sie beschlossen einmütig, am Sonnabend keinen Mist zu fahren, nicht aus Furcht, sondern weil das ohnehin Unrecht sei. Als Klaas Ramm nun wieder hinging, um nach seiner Axt zu sehen, fand er sie fest eingekeilt in einem Holzapfelbaum. Klaas Ramms Erben leben noch in Fahrdorf und zeigen auf ihrer Koppel noch den Baum. Der Kuhtod ist nie nach Fahrdorf gekommen und die Fahrdorfer fahren am Sonnabend auch keinen Mist. Nur einige jüngere und solche, die sich da eingeheiratet haben, fangen jetzt an die alte Sitte zu übertreten.
Als der Kuhtod bei Esprehm sein Brüllen hören ließ, machte das ganze Dorf sich auf, um ihn zu töten. Ader auch das schärfste Eisen verwundete ihn nicht, und alle Kugeln prallten ab. Die Obrigkeit bot endlich die Mannschaft aus den drei Dörfern Fahrdorf, Stexwig und Esprehm auf. Nachdem das Tier den ganzen Tag hin und her gejagt war, stutzte es und fragte: »An welchem Tage wollt ihr versprechen, künftig keinen Dünger zu fahren?« »Am Sonnabend«, riefen alle und von einer Kugel getroffen, sank das Untier augenblicklich um und starb. An der Stelle, wo es gestorben, fand man eine große Menge Teer, darin sich die drei Dörfer teilten.
Man hat trotz aller Nachforschung es nicht herausgebracht, wo das Ungeheuer eigentlich hergekommen sei; aber die haben wohl recht, welche meinen, daß es aus dem Wasser, aus der Schlei, ans Land gekommen sei.
Durch Herrn cand. phil. Arndt aus Ratzeburg und Herrn Koch. – Die Sage vom Bauern in Fahrdorf wird auch so erzählt, daß nur von einem Riesen und nicht vom Kuhtod die Rede ist; und dies ist wohl eine ältere Form derselben.
(Karl Müllenhoff: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Kiel 1845.)

21. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Fast hätte ich meiner Mutter geschrieben. N., Mutter meiner Kinder, schlug kürzlich, als wir Corona-bedingt über unsere Eltern sprachen, in einem Anflug von Exschwiegertochterversöhnlichkeit vor, die Kinder könnten doch einmal Kontakt zu ihrer Großmutter aufnehmen.
Natürlich werde ich allmählich krisenempathisch. Wir haben sehr viele Spiegelneurone. Meine Mutter gehört unbedingt zur Risikogruppe. 82, Asthma, milderer Schlaganfall vor vielen Jahren. Wir haben uns etwa seitdem auch nicht gesehen. Das ist eine lange Geschichte. Man könnte es mit Georges Simenon so umschreiben: „Solange du lebtest, haben wir einander nie geliebt“ (Brief an meine Mutter, 1974) oder zum Beispiel mit Paul Theroux: „Eine Familie ist wie ein fernes Land, aus dem jemand kommt. Unseres war völlig abgelegen und hatte seine eigenen Sitten und Grausamkeiten“, (Mutterland, 2018, 650 Seiten, eine Quarantäne-Empfehlung!). Meine Mutter ist jedenfalls nicht allein, was in dieser Situation erfreulich ist, ansonsten aber die Komplexität erhöht.
Es kommt darauf an, sage ich mir in respektvoller Erinnerung an ihre letzte wehrhafte Zurückweisung, sich nicht von seinen Gefühlen naivisieren und heroisieren zu lassen.
Rhetorisch komme ich aus dieser Szene wohl nur durch den Kalauer des Kanzlerinnenzitats wieder raus, dass Abstand schließlich Fürsorge ist.
Viele tragen jetzt selbst gemachte Masken. (Wenn mal jemand so ein Pro-Modell hat, machen alle sofort einen Bogen um den verdächtigen Coronisten). Seit wieder Läden öffnen, sieht man genähte Masken auch in den Auslagen: 15 bis 20 Euro pro Stück! Mein Freund S. schickt den Youtube-Link eines Frankfurter Finanzdozenten, der Chancen der Krise für die Wirtschaft referiert. In einem anderen Video fordert er die „Freigabe“ der Preise als Rezept gegen Hamsterkäufe. Sprich: Wenn erst der Preis für Desinfektionsmittel „marktgerecht“ steigt, werden die Hersteller von selbst begreifen, dass es sich lohnt, die Regale zu füllen – und dann fällt der Preis ja automatisch wieder auf ein sozialverträgliches Maß.
Und das werden die Hersteller nicht vorausgesehen haben? Neben Klopapier und Desinfektion gibt es übrigens auch Engpässe bei Rolex-Uhren.

21. 4. 2020 (Berlin / Khartum)
Der Gouverneur der sudanesischen Hauptstadt Khartum wurde vom Premierminister abgesetzt, nachdem er sich geweigert hatte, das Versammlungsverbot in Moscheen durchzusetzen. Wenn es wenig Vertrauen in den Staat gibt, dann wird Covid schnell zur Gottesprüfung und die religiösen Führer zur Exekutive. 
Ich bin begeistert, dass das Bildungssystem in Deutschland alle seine Bürger zu Experten auf allen Gebieten gemacht hat: Geschichte, Virologie, Epidemiologie, Staatskunde, Demokratie, der Welt und dem Grundgesetz. Ich war nicht so gut in der Schule, es wundert also nicht, dass ich keine ausgewiesene abschließende gültige Antwort darauf habe, was jetzt genau zu tun sei.
Die Sprachschöpfer, die sich selbst zuerst im Zentrum für Karriereverweigerung zusammenfanden und nun die Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand leiten, deren Aktivität aggressiver Humanismus ist, erschöpfen mich. Wenn sie keine Kunst mehr machen, dann machen sie gern Rechthaberei und helfen der Vernetzung von Rechten und Verschwörern (Q-Anon, pinke Trump-Krawatte steht für Befreiung der Andrenochrome-Kinder). Plus ungefragt Staatskunde im Oberlehrergestus. Und das dann Hygienedemo nennen. Und einer, der mal den Europäischen Kapitalismus für Verbrechen in Afrika oder ganz generell das Patriarchat als Inszenierung angeklagt hat, schreibt jetzt Absolutheitswahrheiten in Stechschritt-Steno: „Während des Notstands-Regimes sortieren sich die Verhältnisse neu: Wer tritt für liberale Freiheiten ein und wer unterwirft sich einem dystopischen Polit- und Pharmakartell?“
Dann doch lieber Pynchon auf den Ohren und Hubert Fichtes The Black City lesen, da wissen wenigstens nicht alle Bescheid, sondern bleiben neugierig interessiert. (aw)

21. 4. 2020 (Berlin)
Jeder in seiner eigenen Welt. Meine Mutter hatte letzte Woche Geburtstag und ich ein Bahnticket, um zu meinen Eltern zu fahren. War schon ein komisches Gefühl, als die App anzeigte, dass mein Zug jetzt fährt. Und ganz kurz stellte ich mir die Frage, was wohl wäre, wenn ich schnell zum Bahnhof rennen würde. Was ja eh überflüssig ist, denn ich kann das Ticket ja jetzt erst mal jederzeit nehmen, zumindest offiziell.
Stattdessen habe ich bei Fleurop den Strauß »Für Herzensmenschen« für meine Mutter bestellt, der kam dem Blumenstrauß-Emoji am nächsten. Zuerst noch mit der Gratis-Grußkarte, weil die Karte ja eh sofort weggeschmissen wird. Das war mir aber dann wegen zwei gesparter Euro irgendwie doch zu blöd und ich entschied mich für die mit den Rosen, passt ja immer. Ich durfte deshalb den ganzen Bestellvorgang noch mal machen, weil man eine Karte nicht einfach so aufbuchen oder die Auswahl ändern kann.
Am Geburtstagsmorgen musste ich doch tatsächlich auch mal arbeiten und danach hatte ich Hunger und schob den Anruf bei meiner Mutter noch ein bisschen vor mir her. Nicht weil ich nicht gerne sofort mit ihr gesprochen hätte, sondern weil dieser Anruf plötzlich so aufgeladen war und mir sehr bedeutend erschien. Eine Stunde nach Dienstschluss rief ich endlich an und siehe da: Der Strauß war gerade eine Viertelstunde vorher geliefert worden und meine Mutter mindestens sehr erfreut, wenn nicht gerührt. Der Strauß kam diesmal nicht wie das letzte Mal aus der nächstgelegenen Gärtnerei, wo meine Cousine arbeitet, sondern von weiter weg.
Meine Cousine schrieb mir am Abend vorher noch Folgendes über ihren Vater, den Bruder meiner Mutter, also meinen Onkel: »Hallo nach Berlin, wie geht es dir? Kommst mit der Lage Corona zurecht? Bei uns ist alles gut, Papa einzufangen in Coronazeiten ist schwierig, der Mann ist zu umtriebig. Bei uns im Dorf sind drei Leute daran krank. Die haben sich alle im Krankenhaus bei Besuchen angesteckt. Ansonsten finde ich Ausgangssperre ganz chillig. Meine Weihnachtsgeschenkesocken hab ich auch schon fast alle gestrickt. Für Svenja ist die Lage blöd, sie schreibt jetzt ihre Bachelorarbeit und wollte sich eigentlich eine Arbeit suchen. Mit dem Schwerpunkt Tourismus, Hotel und Event ist das jetzt halt nichts. Mal schauen, was wird. Vielleicht hängt sie erst einmal den Master dran. So, mehr gibts nicht zu berichten. Hoffe, dir gehts gut, und bleib gesund. Schöne Zeit, bis wir uns wiedersehen.«?Ich riet in meiner Antwort, ihre Tochter solle sich doch auf »VIP-Events mit wenig Teilnehmern spezialisieren – Meet & Greet unter der Maske« Keine Antwort bisher.
Abends wollte ich Eis essen. Es schmodderte mir aus dem Tiefkühlfach entgegen. Ich hatte den Kühlschrank nach dem Gewische dahinter zwar wieder eingesteckt, aber die Sicherung für den Strom in der Küche nicht angeschaltet. Das Steckdosengehäuse hatte ich zum Saubermachen abgeschraubt. Jetzt, wo der Strom wieder an ist, warte ich darauf, dass ich in eine der abgeschraubten Steckdosen fasse. (pp)

20. 4. 2020 (München / Paris)
Meine Freundin Nina Traub aus Tel Aviv ist Tänzerin und Choreografin. Wir haben uns im letzten Sommer an der Cité Internationale des Arts kennengelernt. Ihre Residenz dauert ein Jahr, sie ist noch bis Ende Juni dort. Es tut mir leid, dass sie „aufgrund der Umstände“ für eine relativ lange Zeit nicht auf die Straße darf und die Stadt Paris nicht nutzen und weiter explorieren kann. Mit einem Kameramann und einem Musiker hat Nina ein Video produziert und veröffentlicht, in dem sie tänzerisch ihr Zimmer vermisst und Stimmungslagen des Eingeschlossen-Seins zum Ausdruck bringt, von dem "Das Gesicht hinter der Fensterscheibe in den Sonneneinfall-Halten" über ein "Sich in der Ecke im Kreis-Drehen" und eine "manische Interaktion mit diversen Einrichtungsgegenständen" bis hin zu "gymnastisch anmutenden Posen" wie dem "reverse table top".
Ich lese gerade zum ersten Mal "Ein Zimmer für sich allein" von Virginia Woolf, was vom Titel her zu Ninas Arbeit und zur „aktuellen Lage“ passt. Mir gefällt der Text, auch weil er ein positives Licht auf die Situation des Alleinseins in Innenräumen wirft und ich dieses Potenzial durchaus wahrnehme. (jn)?https://kurzelinks.de/fydr

20. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
Ein Traum begleitet mich seit Tagen. Bei einer Gruppenausstellung nahm auch Angela Merkel teil. Ich musste anerkennen, dass sie neben Politik auch noch Kunst kann. Ihre Installation war typisch bescheiden, sie hatte auf das Gestell eines Holztischs Spielzeugomnibusse montiert, die, von oben unsichtbar, die Tischplatte trugen. Das sah man dann erst beim Runterbeugen. Ich dachte: Cool. Es gab auch einen Gruppenkatalog, dort hatte sie den ersten Eintrag, trotz sonst alphabetischer Reihenfolge der anderen Nachnamen. Aber auch hier bescheiden, ruhige Typo und höchsten 70 Prozent schwarz. Ganz o. k. Beim Aufwachen dann: Klar, Omnibus, Lateinisch „für alle“. Oh my. Schade, dass ich nicht mehr weiß, was mein Beitrag war. (smo)

20. 4. 2020 (München)
In jener Zeit, in der die Elektrizität jedes Rätsel der Menschheit zu lösen versprach, kam die Theorie auf, dass die menschliche Existenz nur ein Widerstand im Strom der Lebensenergie sei. Gleich einer Glühbirne werde der Körper von Energie durchflossen, die ihn dadurch zum Leben erwecke, bis der Draht durchglühe und die individuelle Existenz wieder erlösche. Zum Tod führe schlussendlich ein Überschuss an Lebensenergie.
Diese widersprüchliche Logik leuchtete mir sofort ein und ist in meinem Metaphernkabinett mit dem Geistesblitz verschmolzen. Seitdem stelle ich mir vor, wie jeder Einfall, jeder Zustand der Euphorie den Widerstand, der mich am Leben hält, schwächt. Wer ewiges Leben anstrebt oder zumindest ein sehr langes, der muss demzufolge zur menschlichen Energiesparlampe werden – ein Cyborg, der sich nur noch mit dem Geist fortbewegt und dabei weder physische noch psychische Regungen kennt. Bekanntermaßen wird ja auch die Energiesparlampe nicht heiß, wenn sie ihr kaltes Licht ausstrahlt.
Habe ich nun, da ich den ganzen Tag inspirationslos zu Hause vor dem Computer sitze, damit weder Freud noch Leid mir etwas anhaben können, diesen Zustand schon erreicht? (jmb)

20. 4. 2020 (Hamburg)
Danke für Stay Together At Home, schrieb die New York Times, jetzt geht es uns noch schlechter! Das von Lady Gaga initiierte weltweite Streaming-Konzert Samstag war ein Desaster, das auf erschreckende Art zweierlei aufgezeigt hat: den totalen Relevanzverlust der Popkultur, jedenfalls dieser Ausprägung. Und: die Grenzen digitaler Kommunikation, die man so lieber nicht noch mal vorgeführt bekommt.
Die Übertragung selbst war chaotisch und ineffizient. Die Aneinanderreihung von sinnlosen Statements und unbeholfenen Wohnzimmerauftritten wirkte wie ein nicht enden wollendes Pausenprogramm. Irgendwie das Gegenteil von Pop: keine Emotion, keine Involvierung, keine Artistik, die was hermacht. Kein Schweiß, keine Tränen. Das berühmte „Live Aid“ von Bob Geldof scheiterte zwar auch an seinem Benefizanspruch, brachte aber doch einige bemerkenswerte Auftritte hervor. Über den von Freddy Mercury sagt man, es sei der beste seines Lebens gewesen.
Kein Mensch will Popstars in ihrem Wohnzimmer sehen! Das ist einmal interessant oder im Rahmen witziger Formate, aber ist in der dauernden Wiederholung einfach nur ätzend und wird weder den Künstlern gerecht noch den Ansprüchen des Publikums. Paul McCartney hat seine Verdienste und ich würde ihn mir auch noch mal live ansehen. Doch am Samstag sah man nur einen superreichen Rentner mit irgendwie zerstörter Physiognomie und toupiertem Haar in seinem grauenhaft-spießigen Wohnzimmer, wie er nicht in die Takte von „Lady Madonna“ hineinfand. Aber auch die Künstler der Jetztzeit wie Billy Eilish oder Taylor Swift wirkten komplett verloren und blieben weit unter ihren Möglichkeiten, allen voran Lady Gaga, die erstmals ihrem Namen absolut gerecht wurde.
Man mag im Wohnzimmer schön Klavier spielen können, aber als Medium für Popmusik haben sich die Wohnzimmerauftritte rasch erschöpft. Einzig Mick Jagger konnte dem was abgewinnen, weil er vor den heimischen Ölgemälden genauso schmerzbefreit losposte, als wäre er mit Hundertausend Fans im Stadion. Aber sonst gilt: Wohnzimmerkonzerte sind Gefängniskonzerte und der Blick von einem Gefängnis ins andere ist toll, wenn er einmal gelungen ist – zeigt aber auf Dauer nur ein Welt von Gefängnissen. Bitte aus damit, wir gucken lieber alte Videos. (mh)

19. 4. 2020 (Hamburg)
Hauptbahnhof. Ich will hier Zeitungen schauen gehen und danach gucken, ob „Michelle“ am Gertrudenhof schon offen hat, das neue Morrissey-Album holen und fragen, wann ich Platten zum Verkaufen bringen kann. Auf normal machen, sozusagen. Am Bahnsteig der U-Bahn fällt mir auf, hier kannst du die zwei Meter Abstand nicht einhalten. Frage an Moraltheologen: Ist der schutzbedürftige (Maskenträger?) dann berechtigt, den zu nahe kommenden Unhold aufs Geleis zu stoßen? 52 Prozent der Deutschen sagen: ja. Ist erfunden. Und schon wieder bin ich in diesen ätzend-destruktiven Tonfall zurückgefallen.
Die Fußgängerzone gehört den Bettlern. Ich hatte mir am Bahnhof beim einzig offenen Bäcker ein belegtes Brötchen gekauft, eine Frau ruft: „Ich will auch was essen“ – mit Riesenhall in der ansonsten stummen Häuserschlucht. (mh)
Vollständiger Artikel unter: https://kurzelinks.de/b0jn

19. 4. 2020 (Berlin)
Artikel vom 11. April
Die Einschränkung von Grundrechten ist auch unter den Bedingungen einer ernst zu nehmenden Epidemie keinesfalls alternativlos. Kluge Maßnahmen sind notwendig, um eine schnelle Verbreitung des Virus und eine daraus resultierende Überbelastung der Krankenhäuser zu verhindern. Besonders wichtig sind hier die Vorbereitung des Gesundheits- und Pflegesystems und Schutzmaßnahmen an Arbeitsplätzen. Es gilt sicherzustellen, dass wirtschaftliche Interessen nicht den Infektionsschutz überschatten. Leute sollen nicht Gesundheitsrisiken hinnehmen müssen, um finanziell zu überleben. Da der Umgang mit der Epidemie mangels Erfahrungswissen und mangels belastbarer Daten quasi im Blindflug passiert, ist es außerdem besonders wichtig, dass er von öffentlichen Auseinandersetzungen und unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet wird.
Die Verantwortung von demokratischen Institutionen läge hierbei gerade darin, politische Freiheit zu Zeiten der Krise sicherzustellen. Aber anstatt Grundrechte und Infektionsschutz in Einklang zu bringen, spielen Regierungen und Sicherheitsbehörden beides gegeneinander aus. (…)
Denkt man ein wenig nach, steht der Aufenthalt im Freien der Eindämmung der Infektionszahlen aber nicht prinzipiell entgegen. Insbesondere hat es nichts mit Infektionsschutz zu tun, das Verweilen und die Kundgabe politischer Meinungen im öffentlichen Raum zu kriminalisieren. Sinnvolle Einschränkungen und gezielte Schutzmaßnahmen können Übertragungen der Infektion eindämmen. Breite Informationskampagnen – nicht in rügendem Lehrer-Tonfall vorgetragene Androhungen – könnten die Maßnahmen selbstbestimmten, selbstorganisierten und denkenden Menschen erläutern und nahelegen. Die derzeitige politische Ansprache imaginiert die Bevölkerung als ungehorsamen Kindergarten und legitimiert so massive Freiheitseingriffe. Wir brauchen die Polizei aber nicht, um verantwortlich zu handeln. (js) Zum ganzen Artikel: http://textem.de/index.php?id=3052

19. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
Erstaunlicherweise führt das Mehr an Zeit ja nicht dazu, entspannter oder tiefschürfender mit den Dingen umzugehen, zumindest trifft das für mich zu und zumindest fühlt es sich so an. Es fehlt ja gerade der Vergleich. Ständig die Idee, jetzt müssten doch schlaue Gedanken kommen. Aus der Tiefe des Nichts etwas Neues (etc. etc., was man halt immer schon so gedacht hat, wenn man sich gewünscht hat, dass einmal nix los ist und man dann ganz viel Tolles macht). Viele Gedanken und Fragen, die sich zusammenhanglos nebeneinandergesellen, ohne echt in Kontakt zu kommen. Ähnlich wie die Leute in dem neuen Park bei der Kleiderkammer. Alle sitzen so rum, und erst beim Näherkommen sieht man den großen Abstand dazwischen, und als wir dann saßen und ein ungebändigtes Kind uns gefährlich nahe kam (1 Meter), fühlte es sich schon wie Störung an. Also das in etwa die Metapher für die Gedankenwelt. Fragen wie: Heißt das, dass die ganzen Leute, denen ich sonst nur zufällig begegnet bin, bei Eröffnungen etc., und jetzt nicht mehr, dass ich die dann nicht brauche – wo ich ja auch im superkleinen Kreis gut existieren kann, wie sich gerade zeigt. Und: Warum melde ich mich nicht viel mehr bei den Leuten, die mir wichtig sind, wer ist denn überhaupt wichtig; jetzt ist doch genau der Moment, wo sich das zeigt; warum geht das Beantworten von Mails so schwer – was bedeutet das? Kommt jetzt ein Wahres und Eigentliches zum Vorschein. Und eigentlich – wieso muss ich ständig und in allem etwas Revelatorisches sehen, als müsste das Ganze jetzt also einen Sinn haben? Und wäre es jetzt gut, gar keinen Alkohol zu trinken, um die Ausnahmesituation also ganz konstruktiv und überhaupt tief zu erleben und was ganz Geiles auszubrüten? Und wieso bin ich so gestresst mit all den Gedanken? Fragen über Fragen. (smo)

19. 4. 2020 (München)
Gestern kam ein Gewitter und weil es nicht vorausgesagt worden war, waren die Leute an der Isar so überrascht, dass sie lange brauchten, um der Evidenz nachzugeben. Manche saßen noch minutenlang am Flussufer, als der Regen schon strömte, weil sie offenbar erst irgendwann einsahen, dass es wirklich an der Zeit war heimzugehen. Heute hingegen sonnig, obwohl gegenteilig geplant. Ich merke jetzt selbst, was ich vor rund zwei Wochen gehört habe: Weil die meisten Fluglinien ihren regelmäßigen Verkehr ausgesetzt haben und die mit meteorologischen Instrumenten ausgestatteten Flugzeuge am Boden bleiben, werden weniger Wetterdaten in höheren Atmosphärenschichten gesammelt. Wettermodelle werden weniger gefüttert und die derzeitigen Wetterprognosen daher ungenauer. Vier anstatt zwei Wetterballonaufstiege pro Tag sind da bloß „ein Tropfen auf den heißen Stein“.
Auch in der Antarktis gibt es einen direkten Zusammenhang von Wetter und Ausgangssperre. Während der zahlreichen Stürme, unter anderem mit Windgeschwindigkeiten von 100 Knoten und mehr, ist es untersagt, die Station zu verlassen. Der Stationsleiter folgt beim Erlass dieser Verbote der Einschätzung des Meteorologen. (jn)

19. 4. 2020 (Hamburg-Ottensen)
Sonntagsspaziergang zur Elbe in strahlendem Sonnenschein. Der Strand ist gepackt voll mit Menschen, Abstandsregelungen scheinen hier nicht zu gelten, Masken sehe ich nur drei auf dem ganzen Hin- und Rückweg. Weil es so eng ist, kann man den Passanten gut bei ihren Unterhaltungen folgen, alle reden über die Seuche, dass das »hier ja wohl nichts sei mit dem social distancing« (zum Beweis wird noch ein Foto der pittoresk-impressionistischen Szene gemacht), dass »die Zahl der Ansteckungen weiter steigt«, dass »die Maskenpflicht sicher kommt« – aber offenbar nicht hier, nicht gerade jetzt, nicht an der Elbe, nicht heute. (nor)

18. 4. 2020 (Berlin)?Eigentlich hätte ich meinen Vater, sagen wir Papa, zu seinem Geburtstag besucht, eigentlich wäre ich über Ostern an die Ostsee gefahren, wäre mit meiner Mama in Gartenerde versunken. Eigentlich hätte ich meine Oma (die übrigens „Carola“ DAZU sagt) in ihrer neuen „und definitiv letzten“ Pflegebleibe stippvisitiert. Eigentlich hätte ich meine Abschlussarbeit abgegeben und wäre vermutlich deswegen jetzt ziemlich im Sack. Eigentlich hätte ich bereits viele, auch späte Stunden mit „irgendwem“ am Kanal um die Ecke gebracht. Eigentlich hätte ich zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Müssen und Wollen nun übertrumpft vom Nicht-Können.
Stattdessen träume ich mehr als sonst, und vor allem kann ich mich morgens daran erinnern. Es scheint, da ist nun einfach mehr innerer Raum. Das Verhältnis Arbeit_Leben bekommt irgendwie auch das völlig unbekannte, weil völlig richtige Maß. Zeit wird ohnehin zu einer ganz neuen Größe, erst monströs in ihrer Breiigkeit, jetzt grandios einhüllend im Konjunktiv. So tauche ich unter meiner mikrokosmischen Glocke der provisorischen Eigentlichkeit nach. Im Moment. Jetzt ist Wochenende und Sorgigkeiten gibt’s wieder ab Montag. Ach, Wochentage. Ach, gekröntes Coronacoping. (cab)

18. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
Die Teamssitzungen im Job sind nicht mehr ganz so begeisternd. Erstaunlich, wie sich die alten Strukturen wieder schleichend reinübersetzen. Offenbar war der Chef erst mal von der Technik überfordert und erstaunt, dass er ohne körperliche Präsenz nur ein kleiner Button mit seinen Initialen auf dem Monitor ist (das mit dem Foto hat er wohl nicht verstanden oder wollte nicht). Bei Sitzungen mit 15 Personen kann höchstens einer seine Kamera anmachen, sonst bricht das System zusammen. Außerdem muss man sich immer muten, wenn man gerade nichts sagt. Ganz neue Ordnung. Das hat die Stellvertreterin, die gerade in duty war, als das alles losging, schnell genutzt, sie ist jetzt die Einzige mit Kamera an (Zimmer aufgeräumt). Sie lädt aber alle ein, was zu sagen, ging eigentlich ganz gut. Jetzt nimmt das Gelaber mancher Wichtigtuer etwas zu, was nicht weiter schlimm ist. Kann ja so lange was anderes machen, Keks essen, Kaffee aufgießen, iTunes sortieren, Fenster putzen, Mails checken, Gymnastik machen. Aber jetzt hat der Chef gelernt, den Mangel an Physis zu kompensieren, er unterbricht und schneidet das Wort ab, und auf einmal fühlt es sich wieder an wie vorher. Klappt ganz gut, auf diese Weise die frei gewordene Energie schnell wieder wegzuschrumpfen, das Chatprotokoll der Schicht danach war auch eindeutig weniger lustig zu lesen als das von vergangener Woche. Alt gegen Neu, mal sehen, was sich durchsetzen wird. (smo)

18. 4. 2020 (Berlin)
Alle, die es immer schon gewusst haben, haben es auch jetzt schon immer gewusst. Jetzt ist wie immer der Punkt erreicht, an dem wir uns wehren müssen. Wie immer geht jetzt gar nichts mehr. Wie immer läuft eine große Sache. Und wie immer blicken die anderen es einfach nicht. Wie immer war doch alles schon mal da. Wie immer verfehlen alle das wirkliche Problem. Wie immer steht etwas auf dem Spiel. Wie immer sind wir jetzt beim entscheidenden Problem angekommen. Wie immer geraten die entscheidenden Dinge jetzt völlig aus dem Blick. Wie immer ist es anders als jemals zuvor. Wie immer geht es um unsere Daten. Wie immer steht nur verbrauchtes Vokabular zur Verfügung. Wie immer wird jetzt alles besser. Wie immer war es das jetzt. Wie immer sind da Leute, die einfach nur peinlich sind. Wie immer steigt man jetzt gar nicht mehr durch. Wie immer ist alles in all seinen Dimensionen begrifflich nur ganz schwer zu fassen. Wie immer zeigt sich die Zweifelhaftigkeit aller ursprünglichen Maße. Wie immer darf man den Experten nicht trauen. Wie immer wird jetzt alles schlechter. Wie immer soll man auf die Fachleute hören. Wie immer sagt man, man wisse nicht, was man sagen soll. Wie immer muss man auch mal an den Wirtschaftsstandort Deutschland denken. Wie immer sollen wir trauriger werden, wütender werden, wacher werden, besser werden. Wie immer Wetten auf die Zukunft. Wie immer kommt das dicke Ende noch. Wie immer geht es um die Demokratie. Wie immer sollen wir uns ergeben. Wie immer sollen wir jetzt bloß nicht aufgeben. Wie immer hat Merkel etwas damit zu tun. Wie immer fühlt sich alles ganz neu an. Wie immer müssen wir uns entscheiden. Wie immer verschweigen die Medien etwas. Wie immer bleibt keine Zeit, eine Sprache für das Neue zu finden. Wie immer sind wir in Gedanken bei den Angehörigen. Wie immer müsste man mehr Aufmerksamkeit für die Umstände aufbringen können. Wie immer sagt Agamben (oder X oder Y), was er immer sagt. Wie immer fehlt der große Roman zum Thema. Wie immer schickt einer den Link, der alle Lügen aufdeckt. Wie immer kommt hier der große Roman zum Thema. Wie immer werden wir nun schneller müde. Wie immer sind da Tage, die sich in keine Zusammenschau mehr integrieren lassen. Wie immer ist Gold das neue Gold. Wie immer in solchen Lagen wird Geschichte als Klassenkonflikt erfahrbar. Wie immer müssen wir reden. Wie immer schlägt die Natur zurück. Wie immer haben sich die Lichtverhältnisse geändert. Wie immer sieht man jetzt klarer. Wie immer wurde alles ins Zwielicht gerückt. Wie immer kommt es zur Aufhebung der Feldgrenzen, weil alle zueinander auf unheimliche Distanz gegangen sind. Wie immer Grauzonen. Wie immer Dämmerungsangst. Wie immer Suchbewegungen. Wie immer ist es bestimmt zu irgendetwas gut. Wie immer zeigt sich, dass das Ende nie nah ist. (dl)

18. 4. 2020 (Berlin, Äthiopien, Uganda, London)
Die Geschichte des Hungers als Mittel von Politik und Kriegsführung ist lang und brutal am Horn von Afrika. Wegen Hunger im Land wurde Haile Selassie gestürzt, zehn Jahre später setzte die stalinistische Junta in Addis den Hunger als Waffe gegen unliebsame Bevölkerungsgruppen ein. Gerade kann man nur hoffen, dass es bei Covid-19 anders sein wird, dass die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gilt und nicht nur dem Machterhalt. In Uganda vertrauen die Menschen schon nicht mehr darauf, dass die Regierung sie versorgt, sie machen sich zu Fuß auf den Weg aus den Dörfern. In der Hoffnung, dort, trotz Heuschrecken, Corona und steigenden Nahrungsmittelpreisen ohne Einkommen, das Überleben sichern zu können.
Wirklich toll ist, dass Die Enden der Parabel von Thomas Pynchon vom SWR zu einem fantastischen Hörspiel aufgenommen wurden. 14 Stunden alte Postmoderne.
Bob Dylan – 200 U$ Millionen schwer, Nobelpreis, blabla  – fühlt sich auf seinem neuen Album ernsthaft wie Anne Frank ‚I am just like Anne Frank’. Hat ihm für sein Lebenswerk noch das ultimative entitlement, die Aneignung der Opferidentität gefehlt? Konnte ihn noch nie leiden.
Dann lieber zum Wochenausklang Covid-19 GRM von 38XAlz, britisch-somalische Rapper, luftiger trap. (aw)

18. 4. 2020 (Frankfurt)
Einer meiner liebsten Lustige-Geschichten-Schreiber ist Paul Bokowski. Er betreibt momentan einen Blog, der sich „Eine unangenehme Wahrheit Tag XY“ nennt. Tag XXVIII ist heute. Und ich freue mich schon auf den Tag XXX, weil es so schön symmetrisch aussieht und an die englischen Grüße unter Briefen erinnert.
Aber gleich nach der Freude erschrak ich, weil eben verdammt viele Tage bis zum Tag XXX vergangen sein werden und ich fürchte, den Tag CCC noch zu erleben … obwohl, das sieht eigentlich auch ganz hübsch aus. (nag)

18. 4. 2020 (Berlin)?Ich muss die letzten Tage oft an manche Patienten in der Psychiatrie denken. Ich hatte immer einen guten Zugang zu ihnen; renitente, sich nicht anpassende oder sich deformieren lassende Outsider. Keine Diplomatie, nie. Damit kann ich bestens umgehen. Ich hörte ihnen gerne zu und nickte, wenn sie sagten: ‘Die manipulieren und machen das alles, aber davon versteht ihr nichts.‘ An meinem Ego kratzte diese Aussage nicht. Im kürzlich erschienenen Film Joker killt dieser am Ende die ihn befragende Offizialperson in der Klinik. Metaphorisch gelesen killt jeder „psychisch kranke“ Patient den Arzt mit seiner Verweigerung, die vermittelte Realität zu akzeptieren und eine Rolle darin anzunehmen. Leider bleibt ihnen das aber nicht erspart. Traurig fand ich immer, dass ausgerechnet die, welche die sogenannten psychischen Kranken für alles Übel in der Welt verdächtigen, auch die sind, die machen, dass die Ärzte sagen können: „Nehmen sie jetzt mal eine Pille, dann hören sie auf zu denken.“ (nn)

17. 4. 2020 (Hamburg)
Ich wasche weniger und muss ehrlich sagen: Ich genieße den Umstand, dass es bei Zoom- und Skype- und Jitsi-Begegnungen nur noch auf die obere Hälfte ankommt ... Eigentlich finde ich es schade, dass Friseurbetriebe wieder öffnen. Den Styleverlust, der ist doch dankbar. Auf die Frage "What are some suspended activities that you would like to see not coming back" hatte jemand auf seinen Zettel nur eine Sache geschrieben: Instagram-Influencer. Nicht dass wir uns im Gespräch sicher waren, ob das gerade tatsächlich unter "suspended activities" fällt, aber Image-Konsum steht vermutlich gerade nur bedingt im Kurs.
Die Frage kommt aus Bruno Latours "A little exercise to make sure that, after the virus crisis, things don’t start again as they were before" und auch wenn man wohl verschiedene Haltungen zum sonstigen Text haben kann, seine Fragen sind gut gestellt:
Answer the following questions first individually and then if possible with others:
Question 1: What are the activities now suspended that you would like to see not resumed
Question 2: Describe why you think this activity is harmful/ superfluous/ dangerous/inconsistent and how its disappearance/suspension/substitution would make the activities you favor easier/ more consistent. (Make a separate paragraph for each of the activities listed in question 1).
Question 3: What measures do you recommend to ensure that the workers/employees/agents/entrepreneurs who will no longer be able to continue in the activities you are removing are helped in their transition toward other activities.
Question 4: Which of the now suspended activities would you like to develop/resume or even create from scratch
Question 5: Describe why this activity seems positive to you and how it makes it easier/ more harmonious/ consistent with other activities that you favor and helps to combat those that you consider unfavorable. (Make a separate paragraph for each of the activities listed in question 4).
Question 6: What measures do you recommend to help workers/ employees/ agents/ entrepreneurs acquire the capacities/ means/ income/ instruments to take over/ develop/ create this favored activity.
Das Gespräch über diese Fragen (na ja, genauer gesagt über Frage 1) zwischen Oslo und Lagos, Rio de Janeiro und Sofia ist wohl das Dankbarste, was ich seit Langem gemacht habe. Das Nachdenken über die digitalen Notwendigkeiten und Möglichkeiten fängt an, Freude – und Sinn – zu machen. (ah)

17. 4. 2020 (Berlin)
Entschuldige wegen meiner Nachricht heute Mittag. Ich habe einen digitalen Overkill und bin insgesamt nervlich angespannt.
War die Tage bei einem Arbeitstreffen in München (inkl. innerlichem Rechtfertigungsdruck #daheimbleiben/Bayerischer Rundfunk).
Habe jetzt schon Angst, wie sich alle freiwillig die App aufs Handy laden.
Sehe vieles wie du, habe nur gerade den Abstand verloren und möchte irgendwie Hoffnung behalten. Obendrauf zieh ich mir die nihilistisch-anarchistischen Sachen rein und halte schlecht aus, dass sich die Diagnose des sich optimierenden Techno-Totalitarismus zu bewahrheiten scheint.
Das Buch von Burnside habe ich heute zu Ende gelesen. Tröstlich, dass ein so großer Schriftsteller da irgendwo in Schottland sitzt. Du musst es lesen („I put a spell on you – Über Liebe und Magie“). (dr)

17. 4. 2020  (Hamburg)
Ich will ins Café, ins Kino, unter Leute. Ich möchte fremde Menschen küssen. Zungenkuss. Ich muss. Ich muss hier raus. Ich lebe hier mit einer Frau, die mich nicht mehr da haben will. Und mit einer Tochter, die wir irgendwie schonen wollen.  Allein spazieren gehen kann ich nicht, das war immer schon wie Weltuntergang. Ich kann nur ins Bett, wenn ich nicht mehr kann. Alle Platten und Bücher sind Scheiße. Am schlimmsten sind Netflix-Serien. Man kann die Zeit eben NICHT nutzen. Ich hasse es, ich hasse es, ich hasse es so sehr, Sachen im Internet zu machen, dabei mache ich nur Sachen im Internet. Es ist NICHT das Leben, das ist jetzt klar. Video-Gequatsche ist das Lächerlichste auf der Welt. Alle reden, keiner sagt was, keiner weiß was nachher. Dieses irre Aneinandervorbeischauen. Für mich ist jeder Erwachsene ein Idiot, der mit der Scheiße klar kommt. Nur Neid, klar. Ich bin der Idiot. Dann diese Zahl. 25.000 Menschen sind in Deutschland an der Influenza 2017/2018 gestorben. 3.200 mit und an Corona Gestorbene sind es jetzt in Deutschland. Die Grippewelle habe ich damals gar nicht mitbekommen, Corona nimmt mir die Freiheit. Der Vergleich stimmt und stimmt nicht. Alles stimmt und stimmt nicht. Mir doch egal. (mh)

17. 4. 2020 (Berlin)
(Zweiter) Dialog aus einer TV-Serie, die ich angefangen habe zu gucken. Sie spielt in einer Zeit, die mir, obwohl ich noch nicht geboren war, sehr vertraut vorkommt. Let’s go watch together!
I: Was haben wir, was kitzelet? Die Augen noch verklebet denn, des Schlafes süßlich Schaums. So reich mir eine Lupe denn, zu schauen ob das Wuchern nur ein Auswuchs meines Traums.
H: Ein strauchelnd Grün an meiner Körperhülle hier, noch zitternd ungeformtes Zeichen. Ein Jucken mehr, denn ein gewachsen Ausgewachsen… Au!
I: Auwei? Ich mein Au was?
H: Da drückt es aus dem Körper denn, als Ausdruck meiner Zuneigung zum Unbekannt. Ein Affektiv, ein ohne Ding, ein unbedingtes Liebesflüsterchen, ein Hauchilein so hauch und fein, ein schmeichelnd A, ein streichelnd O, ein Klingeling im Lautlosmoderich?
I: Wenn ich hier drücke, minne min, tut das denn weh? ?H: Weh nicht, nein. Kann spür’n die Wurzel katzisch schleichend denn entlang der Flure meiner Adern sich – hhhh – verbreiten.
I: So lass ich mich verführen von meinen Augenäpfelchen. Sie schauen Wurzel unterhautisch denn im Pergamentmuseum nach, und stiften an mit Mona Lisa an der Hand das Inn’re zu verlassen. (vb)

17. 4. 2020 (Miagao, Philippinen)
War grad im Supermarkt und es ist Alkoholverbot. Das Regal mit den Drinks war aber immer voll, hing nur ’n Schild dran „Liquor-ban“. Heute sah das Regal aber sehr ausgedünnt aus. Stand davor und der Secu-Typ kommt vorbei und ich meinte so: „Sachma, da standen aber mal mehr Flaschen.“. Er: „Hihi“. Ich: „O. k., also ich nehm jetzt mal ’ne Flasche Wein mit zur Kasse.“ Er so: „Ja, aber heimlich.“ Ich: Logo!“ An der Kasse, sie: „Nee, das geht nicht. Ist doch Alkoholverbot seit 2 Wochen.“ Ich wieder: „Ja genau! Aber da standen auch mal mehr Flaschen im Regal.“ Sie darauf: „Hihi, ja, aber ich brauch was zum Frühstücken morgen.“ Ich: „Geht klar!“ Sie holt sich eine Tüte Chips aus dem Regal, scannt die ein und ich kann mit dem Wein nach Hause. Soll mir recht sein. Der ganze Schnaps ist alle und Bier gibt’s eh nicht. Wein trinken die Leute wenig hier. Ist auch kein guter, aber das ist jetzt mal egal.
Zigaretten auch nur unterm Ladentisch, aber wenigsten bei mir ums Eck. Das war schon vorher schwierig, „weil der Bürgermeister ja auch ein Arzt ist“, sagen die Leute. (tr)

17. 4. 2020 (Michigan, USA)
Wenn’s einem gut geht, dann hört man von einem ja nix. Alles gerade ein wenig ruhiger geworden und Naturtalentierte wissen, was Sache ist: "Once you get it -- I mean, if you're in the wrong group, if you're -- if you have a medical condition, if you're older -- it seems that older is certainly prime time for this -- this plague, this horrible virus." Ich übersetze das mal nicht, spricht für sich selbst. Alle Vorhersehungen sind eingetroffen: Es sterben die Alten, Vernachlässigten und ohnehin schon Kranken. Die politische Antwort ist, weiterhin nicht über den Tellerrand zu gucken, wenn da alles runterfällt. Die Schlagzeilen machen die Ausnahmen, die Jungen, die ‘aus dem Leben gerissen werden’. Ich bin ziehmlich sicher in meinem Elfenbeiturm, Homeoffice. Lesen, Schreiben, Videoconferencing, Kaffee holen, aufstehen, umherlaufen. Dann wieder versuchen zu lesen, schreiben, Patienten anrufen. Meistens aber aufstehen, umherlaufen, Kaffee holen – komme mir so vor wie Nietzsche, nur, dass ich nicht nachdenke.
Insgesamt sieht es so aus, dass wir hier auch ohne weitere staatliche Hilfe auskommen. Feldhospital abgesagt – haben genug Betten. Staatliche Schnabelmasken wurden geschickt, waren aber so bröselig wie Gummibänder, die man findet, wenn man einen Früjahrsputz macht. Ist ja auch schließlich Frühling. Also besser Schnabel halten, Masken wegwerfen und zu Hause bleiben. Beobachte Bartwuchs. Interessant, aber keine gute Kombination mit Maske.
Die politische Führuung glaubt immer noch, dass alle Hydroxychloroquine (HC) nehmen sollten. Aber leider handelt es sich hier ja nicht um Malaria, sondern Miasmen einer anderen Sorte. Totale Equipoise, aber immer wieder beeindruckend, dass Menschen in Situationen wie der derzeitigen Pandemie lieber ein Medikament nehmen als nicht. Angst als Balanceakt, sich selbst vor das wahrgenommene kleiner Übel zu stellen. Also lieber geplant Nebenwirkungen in Kauf nehmen, als von einer Infektion überrascht zu werden. Der Haken ist natürlich, dass es unklar ist, ob es überhaupt vor der Infektion oder der Schwere der Symptome schützt – und so lässt man sich auf sogar zwei Glücksspiele ein: 1. Kann das Medikament überhaupt vor Infektion schützen? 2. Sogar im Falle, dass es einen Schutz bietet, ist ‘effect size’ so klein, dass man schon genhöriges Glueck haben muss, wirklich zu den beschützten zu gehören (eventuell ist die ‘number to treat’ so hoch, dass die Inkaufnahme von Nebenwirkungen vielleicht nicht einmal gerechtfertigt wäre). Medikament ist also so was wie Glückspiel oder Religion. Klassische Basis für Diskurse im postfaktualen Zeitalter.
O. k. Jetzt wieder aufstehen und Kaffee holen und Schallplatte umdrehen. Oder falls ich zu faul bin, selbe Seite noch mal hoeren. Und ein bisschen mit Kindern spielen. Schön. (aa)

17. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Unsere Gehwege sind zu schmal. Zu viele Automobile stehen in den Straßen. Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, menschenfreundlicher Architektur und Sicherheit für Radfahrer. Minütlich schweben Großflugzeuge über der Stadt Richtung Airport Helmut Schmidt. Durch den Hauptbahnhof kämpfen sich täglich eine halbe Million Menschen. Wir haben nicht genug Zeit für unsere Familien. In den Büros herrscht nach wie vor ein patriarchaler Habitus vor – sogar dort, wo sie von Akademikern bevölkert sind. Sozialberufe werden unterbezahlt. Wir brauchen eine Bürgerversicherung. Die Digitalisierung in den Schulen kommt nicht voran. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Profite und Dividenden fließen in die Taschen von Menschen, die sie nicht erwirtschaften. Wir beuten durch unseren Konsum Kinder in Billiglohnländern aus. Wir essen nicht nur fatalerweise Fledertiere, sondern überhaupt zu viel Fleisch.
Ich träume von einer weltgeschichtlichen Wende. Ich träume, dass wir Arbeit und Familie geschmeidiger verbinden. Dass wir die Work-Life-Balance von der Life-Seite her denken. Kurzarbeit wäre doch geeignet, um der Idee eines Grundeinkommens näherzukommen, alle existenziell entspannter zu machen und Möglichkeiten für gemeinsames sozialökologisches Engagement zu eröffnen. Homeoffice wäre doch geeignet, um die Mobilität, die noch vor wenigen Wochen wie auf Speed alle Kanäle verstopft hat, wieder runterzubringen. Flatten the curve – wäre doch die Aufgabe und die Chance nicht der Virologie, sondern des globalen Laufs der Dinge. Wir brauchen eine Corona-Achsenzeit. Ob die Strategen in den Schaltzentralen schon daran arbeiten? (rs)

16. 4. 2020 (Berlin)
Anti-Flittchen 
Zum Schweinebraten am Samstag haben wir Kartoffelbrei, Pilze und Karotten gemacht. An der Soße waren Shitake-Pilze – äußerst lecker! Der Karpfen am Karfreitag ist ein bisschen verunglückt, denn ich hatte beim Kauf vergessen anzugeben, dass der auch geteilt wird. Wenn ich mit meiner Mutter einen hole, mache ich mir darüber einfach keine Gedanken. Selber klein kriegen war nicht möglich. Wir haben den dann so lange in der Pfanne gewendet und versucht von innen nach außen zu drehen, bis er am Ende total zerfleddert war. Vielleicht das nächste Mal doch lieber Fischstäbchen, wie von meiner Mutter vorgeschlagen? Sonntag habe ich ein Bananenbrot mit Kakao gebacken und Montag eine Lemon Curd Tarte, beides top.
Ostern ist endlich, endlich vorbei! Ich hasse Ostern schon zu »normalen« Zeiten und jetzt umso mehr. Es fühlt sich eh alles dauernd an wie Ostern, was sollen da noch Ostergrüße? ?Ich muss vor meinem anstehenden Check in der Klinik jetzt ein »Symptomtagebuch« führen. Mindestens zwei Tage vor der Sprechstunde, aber am besten dauernd, dabei hatte ich mich gerade der hypochondrischen Paranoia entledigt. Drei Mal am Tag Fieber messen und aufschreiben. Und checken, ob ich Husten oder Kratzen im Hals habe.
Ich habe mich mit einer Freundin am Oranienplatz getroffen, wir beide mit Mundschutz und auf Abstand, an den äußersten Enden einer breiten Parkbank »verweilend«. Man konnte die Ordnungsamtbeamtin kurz überlegen sehen, ob sie sich traut, uns zu ermahnen.
3 mal täglich Fiebermessen macht mich fertig … das ist öfter als im Krankenhaus. Ich drücke mich davor und schiebe es hinaus, bis es nicht mehr geht. Ich lege mich unter die Bettdecke und warte bis der Amazon-Lieferdienst mich rausklingelt. Ich verstehe zwar absolut die Maßnahme, aber für mich ist sie trotzdem eine Qual.
Hab an der Küche rumgeräumt, damit ich was körperlich zu tun habe. Auch mal den Kühlschrank vorgerückt und dahinter den Dreck weggemacht. Und hinter dem Herd. Und zwischen Herd und Kühlschrank. Und zwischen Kühlschrank und Spüle. Nur ein Fleckchen unter dem Herd ist noch versifft. Ich habe einen Gasherd und die Leitung reichte nicht so weit, dass ich alles machen konnte, und mit dem Schlauch wollte ich mich jetzt nicht auch noch beschäftigen.
Ich fühlte mich dabei wie in den Kolonien in Der Report der Magd, nur dass ich eine Maske aufhatte beim Dreckwegmachen. Ich hatte meine Sammlung an Masken mal dafür angelegt, dass ich, sobald man wieder bei offenem Fenster putzen kann, diesen Siff wegmache. Ich murmelte bei jeder Steigerung oder Neuentdeckung von Dreck »Unter seinem Auge« vor mich hin. Ostern waren wir ein paarmal draußen und hatten beide weiße FFP2-Masken auf und kamen uns gleich vor wie in der Serie. 
Nach dem Putzen konnte ich mich dann endlich überwinden, ein zweites Mal Fieber zu messen. Obwohl das Putzen schon Yoga-Qualitäten hatte, habe ich danach das Functional Training online doch noch mitgemacht. Mit meiner Leggins in Brombeer und meinem Shirt in Apricot konnte ich es fast mit der Trainerin aufnehmen. Danach noch den Rest Carbonara von Ostern gegessen und ein Bild fast fertig gemacht. Das dritte Mal Fieber messen steht noch aus. (pp)

15. 4. 2020 (München)
Als ich heute am Schreibtisch saß, erlebte ich einen Fall von Synchronizität, also dem Zusammenhang von zusammenhangslosen Ereignissen.
Ich suchte gerade nach dem Verlagsort von einem Buch über den Eranos-Kreis, zu dem auch C. G. Jung zählte, der das Prinzip der Synchronizität formuliert hat, als mein Handy zu klingeln begann. Der Verlagsort ließ sich nicht feststellen, ich fand nur eine Rechtsadresse in Gaggenau. Der Anrufer war ein Bekannter, der plaudern wollte. Während wir über dies und das und Gaggenau redeten, hörte ich das Klappern der Briefkästen im Hausflur – die Post. Als ich sie später holte, fand ich einen ganzen Packen ein und desselben Werbeflyers für Gaggenau-Küchen vor. Hm …?Gaggenau-Küchen, stelle ich fest, kommen gar nicht aus Gaggenau, sondern aus Kopenhagen. Die Website des Herstellers fordert ihren Besucher dazu auf, seiner Vorstellungskraft Unendlichkeit zu verleihen. Das Prinzip der Synchronizität besagt, dass der Zusammenhang unzusammenhängender Ereignisse im kollektiven Unterbewussten zu suchen ist. Ich bemühe also meine unendliche Vorstellungskraft, um das kollektive Unterbewusste anzuzapfen. Gaggenau, Gaggenau, Gaggenau, Ga- genau gar nichts.
Ich will schon aufgeben, da fällt mein Blick auf die Rückseite des Küchenwerbeflyers. "Hier bin ich zu Hause", steht da, dazu das Bild einer Frau in der Küche vom Typ Tierärztin mit erfolgreicher Kleintierpraxis, die aber trotzdem gerne täglich für ihre Lieben kocht.
Mit einem Mal begreife ich, was die Menschheit gerade dermaßen beschäftigt: #WirBleibenZuhause. Das Corona-induzierte Neu-Biedermeier schwappt in die Archetypen.
Enttäuscht von der mangelnden subversiven Kraft unseres kollektiven Unterbewussten backe ich erst mal ein Brot. Vielleicht haben die Küchenhersteller recht und die Unendlichkeit der Vorstellungskraft endet beim Vollflächen-Induktionskochfeld. (jmb)

15. 4. 2020 (Hamburg)
Das »Normale« kann nicht an und für sich festgestellt werden, sondern setzt stets ein Ordnungs- oder Bewertungssystem voraus. … Ordnungssysteme, die Maßstäbe für Normales setzen, beschränken sich in der Regel auf eine deskriptive Erfassung, wie etwa die Häufigkeit einer sozialen Praxis. Gleichzeitig werden mit Ordnungssystemen und daraus resultierenden Maßstäben für Normales oftmals auch weitreichende, etwa moralische Bewertungen verbunden: Das Normale schlägt um in das Normative und lässt sich im Zweifelsfall, als Vorschrift oder Norm (Präskription), auch rechtlich einfordern.
Das »Normale« ist auch nicht Ausdruck eines zeitlosen oder gar gruppenunabhängigen Maßes, sondern orientiert sich immer am Stellenwert, der dem jeweiligen Ordnungs- bzw. Bewertungssystem in einer gesellschaftlichen Gruppe zu einer bestimmten Zeit zukommt. Insofern ist der Bestimmung des Normalen das Moment der Neubewertung zumindest prinzipiell inhärent: Ändert sich das Ordnungs- bzw. Bewertungssystem oder werden grundsätzliche Rahmenbedingungen zur Diskussion gestellt, hat dies notwendigerweise Auswirkungen auf die Bewertung von bis dato gängigen Verfahren oder Verhaltensweisen.
Mit der Bewertung, eine gesellschaftliche Praktik, ein wissenschaftliches Verfahren oder eine menschliche Verhaltensweise sei »normal«, verbindet sich folglich weder ein absolutes noch ein unbedingtes Urteil. Trotzdem ist in der Regel davon auszugehen, dass mit der Normalitätsfeststellung prinzipiell ein hoher Grad an Akzeptanz bzw. Evidenz einhergeht, vor allem, wenn es sich um eine »bewährte Praxis« handelt. Ausnahmen bilden Fälle, an die unterschiedliche Ordnungs- bzw. Bewertungssysteme angelegt werden können: So wird allein aus einer »häufigen« Praxis, zum Beispiel die Diffamierung Andersdenkender, noch keine »gute« und damit »wünschenswerte« Praxis. ((lh) Ausschnitt aus dem Taschenbuch N-Normal. http://www.textem.de/2869.html)

15. 4. 2020 (Miagao, Philippinen)?Dear friends of Kunstverein Miagao, we are happy to announce the „opening“ (don’t show up!) of -Quarantine Copy- tomorrow April 15th, 7pm (Miagao time, +6hrs from Hamburg and +12hrs from New York and who knows hrs from Sydney). 40 quarantined Artists from almost all over the world sent their artworks -collages, drawings, letters, painted-poems- by e-mail to the Kunstverein and despite the strict regulations here during the lockdown we were able to set up this A4 Copy-show for you.  We would be happy about comments and soon – Kunstverein Miagao – will have its own Instagram account (Uffpasse!). (tr)

15. 4. 2020 (Berlin)
(Erster) Dialog aus einer TV-Serie, die ich angefangen habe zu gucken. Sie spielt in einer Zeit, die mir, obwohl ich noch nicht geboren war, sehr vertraut vorkommt. Let’s go watch together!
H: Ei ja, der einstig Riss in mir ist aufgefüllt mit Mörtel, Spachtel, Spinnerei. Ich bin vergnüget denn, wie als ich Kind und noch bevor der süßlich Traum zum Trauma wurd. Des Trübsals milde Bleiche? Was ist mit mir? Es fühlt sich weich, es fühlt sich gut, es fühlt sich wie ein Einigkeit mit Außen an. Bin ich denn krank oder was, hm?
I: Ja, krankest krank im positiven Sinne denn. Bitte hier flach hin, ich werde dich vernehmen.
H: Auf diese Kasematte denn?
I: Aha aha, du so, nein so, aha, sie so. Halt inne minne min, sei kein Analyst der nächsten Liebe, warne ich mich selbst. Doch mein Erstaunen drückt und drängt, es blubbert gegen harte Wände des dennenn membranenen Begreifenraums. Werden sie es stemmen?
H: Ich?
I: Ja denn. Können Sie das herbstlich herbe riechende noch bei sich halten, solange Sie … Solange wir im Warteraum?
H: Oha. Sie habet mich getroffen denn, eines Blitzschlags gleich ist sie in mich eingedrungen und mich so befreit. Ein Warteraum wofür? Die Welt in Schutt und Asch und oh, sie greifet sich mein Herz so warm. Sie hält es, küsst es, quetscht es zart und flüstert diese Worte: Mein Leib, mein Leb, mein Camouflage, wir sein jetzt einig eins.
I: Nein Welt, grabbelige Finger weg, lassen Sie es los! Mein Eifersucht ist juckend denn, und ob und überhaupt bist du so fröhlich frei. Und ich? Ich brennene, ich brennene und kein Feuerwagen kommt. Hallo? Hier oben bitte, Officer, holen Sie mich raus!
usw. (vb)

14. 4. 2020 (Berlin)
Früher („früher“ – vor wenigen Wochen) konnte man sagen, ich bin unterwegs, kann gerade nicht telefonieren. Diese Ausrede ist mit der Ausgangssperre passé, die digitale Vernichtung des Raums kann weitergehen. Ich sitze zu Hause und fühle mich von immer näher kommenden Lautsprechern zerquetscht. Ich schalte das Handy aus. Aber da starren mir schon meine Kolleg*innen aus den vielen Fenstern der Zoomkonferenz entgegen, besser gesagt: leere Augen, deren Blicke immer genau nicht in die Kamera treffen, Mikro aus, außer wer spricht, Daddeln in der Zeitschleife mit „Tagesordnung“. Man müsste die leeren Straßen filmen, sagt jemand. (js)

14. 4. 2020 (München)
In der Situation einer Krise des gesamten Gesellschafts- und Wirtschaftssystems wird de facto ein Teil der politischen Verantwortung auf ein Expertengremium übertragen. Damit aber wird die ohnehin existierende Tendenz im Ausnahmezustand, nämlich die Übertragung politischer Macht auf die staatliche Exekutive, auf die Spitze getrieben. Die eigentlich notwendige demokratische Debatte über Strategien des Umgangs mit dem Virus und des zivilisierten Ausgangs aus dem Ausnahmezustand wird dadurch eher blockiert als gefördert. Die inhaltlichen Details der Empfehlungen der Leopoldina spielen dabei gar keine besonders wichtige Rolle. Wichtig ist die strukturelle Entmündigung der demokratischen Öffentlichkeit durch Expertokratie: durch pseudowissenschaftliche Empfehlungen an die Politik. Denn es handelt sich bei solchen Berichten natürlich niemals um Wissenschaft, sondern um Politik im Gewande der Wissenschaft. So etwas ist in einer politisch so schwierigen Lage wie der unseren grober politischer Unfug: die illegitime Erschleichung einer wissenschaftlichen und moralischen Autorität. (mih) (vollständiger Artikel unter: http://www.textem.de/index.php?id=3050)

14. 4. 2020 (Berlin)
Afrika erwartet den Corona-Peak erst in einigen Wochen. Kann nicht absehen, was das für meine Arbeit bedeutet, kann ich bald wieder reisen oder erst im nächsten Jahr, oder wie soll das gehen? Äthiopien hat den Ausnahmezustand ausgerufen, im Sudan wird der Lockdown zumindest für die Hauptstadt verstärkt und in Libyen entkommen miese Schleuser durch die Gefängnisöffnungen. Was Corona für den afrikanischen Kontinent bedeutet, erklärt uns Bill Gates im deutschen Fernsehen.
Ansonsten hier so: Die Leopoldina macht Politikberatung. Hinten stehen die Handwerkstitel der einzelnen Männer, die hier ad hoc beraten, also ohne Forschung oder ausgewiesene Expertise auf dem Gebiet, zu dem sie beraten.
Durch den Stern 111 kämpfe ich mich, konnte früher den Gitarrensolo-Fetisch nicht ab, genauso wenig ertrage ich jetzt die Handwerker-Werkzeug-Überhöhung mit wirklich traurigem Hetero-Männersex, knackst nicht, ärgert nur.
Heute hat mein Vater meine Schwester in ihrer Außenwohngruppe besucht, die Lebenshilfe sagt, bis Mitte Juni darf niemand raus, nur zum Spazierengehen miteinander. Er ist auf der Wiese vor dem Haus gestanden, sie auf der Terrasse. Massive Bilderproduktion in der Wohngruppe. Knackst mich trotzdem traurig an. #Ohrenkuss bleibt twitter fav. (https://ohrenkuss.de/ohrenblog/page-1.html) (aw)

14. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
Etwas mehr Klarheit über das aktuelle Lebensgefühl, das von Mattigkeit und Inspirationslosigkeit geprägt ist. Die Wochen der Spekulationen und der im Rückzug immanenten Freude über die eigene Anpassungsfähigkeit und der der Umwelt sind vorbei. Die Gedanken sind jetzt alle gemacht, das Staunen über die Dimension dessen, was da gerade zur Disposition steht – auch an Veränderungspotenzial – schwebt in etwa so im Raum, wie man sich Dr. Drostens Aerosole vorstellt, kleiner werdend und kurz vorm Vertrocknen. Was da ab jetzt zu spekulieren wäre, ist irgendwie zu groß. Man dachte, wir hätten jetzt halt einen Puffer, zeitlich und gedanklich, mit allen Vor- und Nachteilen. Aber jetzt zeichnet sich ab, was eigentlich eh klar war, dass, solange keine Massenimpfung möglich ist, auch der Ausnahmezustand beibehalten werden wird. Und dann verpufft halt der schöne Gedanke, dass der Rückzug ja vor allem zum Schutz der Schutzbedürftigen da ist. Ob es sehr naiv ist, in so einem Ausnahmezustand etwas Positives sehen zu wollen, wo sich abzeichnet, dass Ungleichheiten wohl eher größer als kleiner werden – solche Gedanken tragen zur Müdigkeit bei. Aber vielleicht ist das jetzt auch eine Zwischenphase von Bewusstwerdung. (smo)

13. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Corona-Ostern, und du hast die Wohnung schön. Und den Balkon. Und, nein, das ist keine Klage über die verordnete Langeweile und den Stillstand, die uns vermeintlich sogar zum Putzen treiben. Man schämt sich fast, dass man überhaupt etwas sauber halten kann.
Diese Krise ist kein Gleichmacher. Sie verstärkt alle Klassenunterschiede. Wer ein Zuhause hat, in dem er sich über die erzwungene Nähe zu seinen Nächsten beklagen kann, jammert, wie es immer so schön heißt, auf hohem Niveau. Aber selbst solche noblen Einsichten bringen uns nicht heraus aus dem moralischen Schlamassel gegenüber denen, deren Dienstleistungen nicht vom Küchentisch aus erledigt werden können, die in ihren Behausungen keine social distance finden, die mit der vollen Metro in die Stadt fahren müssen, um ihre Jobs nicht zu verlieren. Die Einsicht, dass es uns gut geht, könnte zwar ein Anfang sein, aber wir wissen nicht, von was. Und sie ist ein Luxus, den sich viele gar nicht leisten können.
Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, wissen wir natürlich längst. Aber was ist mit dem falschen Leben, das darin besteht, das Richtige nicht wenigstens ansatzweise zu würdigen? Für uns öffnet Corona derzeit unerwartete Lebensweisen und -wege. Kurzarbeit mit Lohnausgleich? Kochen mit Ottolenghi. Jazzgitarre üben via Youtube. Alles mögliche instand setzen, Fahrräder und Schuhe putzen. Haben wir uns das nicht immer gewünscht, während wir Überstunden in irgendwelchen mehr oder weniger unwirtlichen Büros ansammelten?
In meinem Corona-Cocooning nehme ich allenfalls in Gedanken Einfluss auf den Weltlauf. Beim Spaziergang in der Fuhlsbüttler Straße überlege ich, welche Sorgen jetzt gewerbsmäßige Kleinkriminelle haben mögen. Klassengesellschaft: Zu den Gewinnern gehören auch hier die digitalen Experten, Nerds mit eiskalter Energie, die die Webseiten des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministeriums gefälscht haben, um Fördergelder für Corona-Geschädigte abzugreifen. Was man halt im Homeoffice so klarmachen kann. (rs)

13. 4. 2020 (Bremen)
Habe heute von 13:09 bis 14:17 Uhr meine Haarbürste entflust. Über Jahre hinweg haben sich um die Plastikborsten Härchen und Staub gesammelt, jede Borste war von einem grauen Filzwulst umwickelt. In akkurater Kleinstarbeit zupfte und friemelte ich die fettige Wolle ab, bis ich einen ordentlichen grauen Wattebausch vor mir liegen hatte und die Borsten wieder zu sehen waren.
Bestimmt hätte ich mir schon früher eine Stunde Zeit nehmen können, um meine Haarbürste zu entflusen. Ich glaube eher, dass es an Fokus mangelte; an der Bereitschaft, eine Stunde Konzentration auf meine Haarbürste zu verwenden. Ich hatte bisher immer das Gefühl, es gäbe Wichtigeres zu tun.
Just als ich den letzten Wollfetzen abzupfe, ruft Moritz zum Mittagessen. Das stimmt leider nicht, wäre nur ein schöner Abschluss gewesen. Ich wünschte allerdings, Moritz würde bald mal zum Mittagessen rufen.
(später)
In der Küche kochen Cornelius und Thomas Kaninchenkeule mit Rotwein.
Thomas erzählt, dass er heute all seine Krawatten gebügelt hat und auch all seine Einstecktücher und Schals. Und dann, dass Slavoj Zizek ja absurderweise schon immer eine extrem optimistische Weltanschauung hatte.
"Also das ist einer, der seit zwanzig Jahren die Revolution ..."
"Herbeigeredet hat?" Cornelius.
"Ja genau."
"Ja, aber das find ich gut."
Ich verlasse die Küche, um oben mit Fiete am Telefon Germany's Next Topmodel zu gucken. (lmw)

13. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
Ich hatte es für eine tolle Sache gehalten, ein Corona-Tagebuch zu schreiben. Es würde nicht nur später helfen, die Geschehnisse einzuordnen, sondern auch im Moment die akuten Veränderungen besser zu begreifen, die Ebenen auseinanderzuhalten. Etwa, welcher Art die Beunruhigungen sind, die da aufkommen, geht es hier um die Gegenwart, die Zukunft oder ist da manches auch alt oder gar ererbt. Was hat es mit der Schwarzseherei auf sich usw. Dann all die Gedankenspiele, was von dem, was für unveränderbar gehalten worden war, nun doch brüchig wird – und womöglich zu unseren Gunsten. Allein die Umwelt, die aufatmet, die Grenzen des Wachstums – ha, da haben wir’s, geht ja doch. Alle sind gleich. Oder doch nicht – die Ungleichheit wird größer ... Aber mittlerweile kommen mir all die Überlegungen obszön und letztlich eskapistisch vor und ganz furchtbar neunmalklug. Es gibt nun überall neue Routinen, der Reiz des Neuen ist verflogen und der Übergang von dem Zustand vor ein paar Wochen, der einen Bruch darstellte, zur Gewohnheit geworden, verbunden mit der Ahnung, dass es keine wirkliche Auflösung der Situation geben wird – vielleicht führt das zu einer gewissen Dumpfheit und Verlorenheit in der Zeit. Stundenlang auf fm4.orf.at der Lesung von Camus‘ Pest zugehört. Fantastisch. Die fünf Kapitel beschreiben die Phasen der Veränderung, die die Krankheit bzw. der Ausnahmezustand bei den Bewohnern von Oran ausgelöst hat. Bin beim vierten. (smo)

13. 4. 2020 ((Notiz vom 11. April) Ravensburg / Australien)
Die Tante in Ravensburg ist gestorben, an Altersschwäche und vielleicht Isolation. Der Cousin erzählt, dass der Touristenzeppelin jetzt die Uferpromenaden abgleitet, Polizisten an Bord melden Menschenanhäufungen an die Kollegen am Boden. Er ist Arzt, testet sich gerade durch die Gesichtsmasken von Trigema und Melitta. Lange mit der Cousine in Australien telefoniert. Sie hofft, im Herbst nach Europa kommen zu können, entsprechend wird die Trauerfeier verschoben werden. Auch dort an der Sunshine Coast haben sie Klopapiermangel und Homeschooling, allerdings sehr viel weniger Infizierte. Es ist dort auch viel dünner besiedelt. Ihr Chef kam aus dem Ausland und musste in Quarantäne. Die nutzte er zum Surfen, so geht dort Quarantäne. (smo)

12. 4. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe)
in mexico wurde eine superheldin erfunden, um die bevölkerung über neue verhaltensregeln zu unterrichten – sie heißt »susana distancia«. katholische heilige werden zu superheldinnen umgeprägt, wobei ihr handlungsspielraum sich massiv erweitert. die susanna der biblischen geschichte, die beim baden von zwei alten weißen männern bespannert und bedrängt wurde (ignorieren der »social distance« hilfsaudruck), wird aufgrund falschen zeugnis der männer zum tode verurteilt und kann sich nicht selber retten (sie wird von dem propheten daniel gerettet, der eine unabhängige zeugenvernehmung durchführt, wobei deutlich wird, dass die beiden lustgreise lügen), ganz anders »susana distancia«, sie kennt die regeln als erste, und verbreitet sie mit seitlich ausgestreckten armen – entfernt erinnert sie an das schema des vitruvianischen menschen, gezeichnet von leonardo da vinci. (nor)

12. 4. 2020 (München)
Die lebhafte Küstenstadt Corona ist im Jahr 2020 auf dem Gelände eines Campingplatzes entstanden. Sie ist die einzige komplett erhaltene Stadt im australisch-coronischen Stil. Aufgrund ihrer günstigen Küstenlage haben die historischen Desinfektionsmitteltanks die Buschfeuer des 21. Jahrhunderts unbeschadet überstanden und gelten heute als eine der Hauptattraktion der Stadt.
Das Stadtbild ist von den typischen Turmhäusern geprägt, die mit einem Grundriss von durchschnittlich 1,25 x 4 sd (1 social distance = 1,5 Meter) zum Teil über 20 sd in die Höhe ragen. Jedes der Turmhäuser ist durch einen Tunnel mit dem historischen Stadtrand verbunden. Die Altstadt ist von den Tunnelzugängen gesäumt, die im frühen 22. Jahrhundert zu prächtigen Eingangsportalen ausgebaut worden sind. Die Türme der ersten Siedler verfügen zudem über individuelle Zugänge zu den mit Kunststoffscheiben voneinander getrennten Strandparzellen.
Die historische Einkaufsmeile durchzieht ein Transportband, das im Abstand von mindestens einer sd betreten werden muss. Sehenswert sind dort unter anderem die zahlreichen historischen Desinfektionsbrunnen im Stil des Neo-Glamping.
Im Stadtzentrum befindet sich zudem die ehemalige Hundewiese, die die Tiere zum Zeitpunkt der Stadtgründung über ein Höhlensystem selbstständig erreichen konnten. Menschen war der Zugang aufgrund des Corona-Versammlungsverbots untersagt. Ab dem späten 21. Jahrhundert wurden die Hundegänge von den Einwohnern zunehmend als Müllschächte genutzt und gegen Ende des 22. Jahrhunderts schließlich versiegelt. Heute lebt auf dem Gelände der ehemaligen Hundewiese die weltweit einzige Population des coronischen Dingos …?… seit Tagen regnet es! Die Stimme meiner Freundin Edith holt mich zurück in die Gegenwart. Sie und ihr Freund sind im letzten Jahr nach Australien ausgewandert. Weil sie noch keinen festen Wohnsitz haben, sitzen sie mit einer Handvoll Leidensgenossen auf einem Campingplatz in Queensland fest. Der australische Winter rückt näher und der Regen hat die Buschfeuer abgelöst. Seitdem leben sie auf 11 qm in ihrem Wohnwagen mitten im Nirgendwo. (jb)

12. 4. 2020 (Berlin)
Ich bin der angeblichen Revolutionen müde, in die sich die Starre kleidet und alle ins Erschöpfungskoma versetzt. Mit welcher Geschwindigkeit diese Krise Begriffe auslutscht und nach erfolgter Vernutzung hinter sich auf die Straße spuckt, ist unerträglich. Wir müssen jetzt alle solidarisch sein, jetzt gilt: Solidarität, Solidarität heißt Abstand halten, Abstand, Zusammenhalt und Solidarität, Solidarität mit Risikogruppen! Risikogruppen, Risikogruppen und Gefährder, Gefährder und Lebensretter, Lebensretter und Verweigerer. Plattitüden und Zweiteilungen, mit denen um sich geschmissen wird, um einem Geschehen, das den meisten entgleitet, verzweifelt Sinnhaftigkeit einzuimpfen. Unserer Zeit konform findet sich dieser Sinn in Sentimentalitäten, in neuen Figuren des Opfers und der Aufopferung: Heldinnen und Helden des Alltags, die die Stellung halten trotz Gefahr, die für uns die Tröpfchen schlucken, die Alten anfassen, die Beatmung sicherstellen. Ein ganz neues Vokabular des Verzichts und der Aufopferung emergiert: Es ist hart, aber der Verzicht rettet Leben. Leibesertüchtigung für die Volksgesundheit, einziger triftiger Grund, um das Homeoffice zu verlassen. Vor der Seuche sind wir alle gleich (wie vor Gott). (js)

11. 4. 2020 (Berlin)
Das Infame an den marktkonformen Interviews von Rechtsmediziner Püschel besteht nicht im Verweis darauf, dass alle von ihm Obduzierten Vorerkrankungen hatten (obwohl es tatsächlich so ist, dass den Tisch des Pathologen keiner, der dort landet, ohne diagnostizierte Vorerkrankungen verlässt). Das Infame liegt auch nicht zuerst in der Suggestion, der Tod von Leuten mit Vorerkrankungen sei ein weniger beklagenswerter Tod. Die Infamie steckt in der sprachlichen Prägung vom „letzten Tropfen“. Das Virus sei für die Verstorbenen nur der „letzte Tropfen“ gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Mit dieser Formulierung wird ein tatsächlich völlig unbestimmter Zeitraum, nämlich die Zeit, die diese Menschen mit ihren Vorerkrankungen noch gelebt hätten, absichtsvoll extrem verkürzt, bis hin zur Bedeutungslosigkeit. Sie suggeriert, dass die Leute quasi morgen sowieso gestorben wären, weil sie dick waren, rauchten oder Diabetes hatten. Das ist natürlich Quatsch – hat aber Methode. (dl)

11. 4. 2020 (Hamburg)
Habe gerade die Geschichte meiner vergangenen Bararbeitsjahre noch mal Revue passieren lassen, anhand alter Chatprotokolle. Manchmal vermisse ich diese Arbeit, meistens bin ich froh, dass ich sie los bin. Gerade jetzt, wo es dort eh nichts zu tun gibt. Ich habe ein altes ausgeschnittenes Zeitungsfoto wiederentdeckt, kurz nachdem Peter Tschentscher der Erste Bürgermeister Hamburgs wurde. Die schwere, schnitzverzierte Holztür zum Plenarsaal des Senats ist halb geöffnet. Peter T. dreht sich zur Kamera, die rechte Hälfte ist von der Tür bedeckt, er lächelt, dabei bleibt sein Mund fast schnurgerade. Es sind eher seine Augen, die ein bisschen lustig blitzen. Neben seinem Gesicht hat die Mopo ein Zitat aus dem Interview auf das Bild gelegt: „Träumer verwirklichen Visionen – und richten damit oft viel Schaden an.“ Dazu passte das Streitgespräch der beiden BuPos am selben Abend an Tisch 3. „Hast du im Büro den Fleischsalat aufgegessen?“ – „Wenn dem so wäre, dann wäre das sicher sehr in Ordnung!“ Ein attraktives Leben ist wie ein Fahrradschlauch, prall gefüllt mit Leere und diese Leere besteht aus winzig kleinen Molekülen: Helium, Sauerstoff, Wasserstoff, Popel, Corona und Patagoniajackenresten; und das ist sicher sehr in Ordnung. (tw)

11. 4. 2020 (Hamburg / Rissen / Yokohama / Toulouse / Sapporo / Kumamoto / Frascati etc.)
Grenzstreitigkeiten zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein: Wenn ich auf der linken Seite des Weges geh, bin ich ja noch in Hamburg und darf am Sonntag da entlanglaufen. Rechts ist ja schon Wedel. Irgendwie hatten wir das doch schon mal, nur noch besser gesichert.
Einblicke in die Coronazeit durch meine Kontakte in aller Welt am 10. April:
Aus Taipei: "Jetzt bin ich stolz in Taiwan zu leben."
Aus Tokio: "Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn zur Arbeit, kein Problem." (Foto aus dem belebtem Bahnhof mitgeschickt)
Aus Yokohama: "Ich arbeite von zu Hause aus, dann brauche ich nicht mehr mit der U-Bahn zu fahren."
Aus Osaka: "Ich bleibe lieber zu Hause. So wie in Europa kann man das ja aus juristischen Gründen in Japan nicht machen" – Was ist denn dann "Ausnahmezustand"? Und wie war das juristisch bei Fukushima? – "Ach ja, stimmt, aber jetzt ist die Wirtschaft doch so wichtig."
Aus Sapporo: "Während ich Kakao trinke, frage ich mich, ob wir über das Leben des anderen reden können. Ich denke schon. Heute ist der Sound-Tag im Maya Kalender."
Aus Hiroshima: "Ich trinke viel billigen Alkohol. Das soll gut sein."
Aus Kumamoto: "Zehn Sekunden Luft anhalten. Wenn du nicht hustest, hast du kein Corona! Weiterssagen!"
Aus Florenz: "Meine Erdgeschosswohnung ist zu kalt. Ich war gestern im Park und nach 30 Minuten in der Sonne haben mich die Carabinieri wieder in mein Loch getrieben."?Aus Mailand: "Noch nie war mir bewusst, wie wichtig die zwei Balkone meiner Wohnung sind."
Aus der Nähe von Mailand: "Bücher kommen, ich habe genug zu lesen und einmal in der Woche gehe ich für mich und die Katzen einkaufen. Eine Expedition."
Aus Kalabrien: "Alles nur wegen der Nord-Italiener!-Scheiße."
Aus Frascati: "Wir haben einen sehr großen Garten. Das ist gar kein Problem."
Aus Genua: "Das Schwierigste ist es, meinen alten Vater davon abzuhalten, wichtige Gründe zu finden, auf die Straße zu gehen."?Aus Luxembourg: "Die Deutschen nerven mich, mit ihren geschlossenen Grenzen. Jetzt gibt es jeden Tag Staus an der Grenze."?Aus Toulouse: "Wie gern würde ich wieder auf dem Weg zur Arbeit im Stau stehen."
Aus Montauban: "Ich kenne jeden Winkel meiner Wohnung, jeden Fleck an der Wand, jede Lichtveränderung."
Aus Paris: "Ich schäme mich für mein kleines Zimmer. Hier kann ich keine Videokonferenz machen."
Aus Paris: "Jeden Tag Angst, wenn die Tochter, eine angehende Ärztin, aus dem Krankenhaus zurückkommt."
Und die Urlauber in Thailand: "Alle Restaurants sind geschlossen, das ist blöd. Die Rückflüge sind zu teuer, wenn es überhaupt noch welche gibt. Aber das Wetter ist schön. Zu Hause haben alle so viel Stress gemacht, wir sollen zurückkommen. Das kann auch den Urlaub verderben."
Na ja, Hauptsache dem König geht es gut in Bayern. (wps)

10. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Karfreitag, heiliges Vorbild aller weltlichen Shutdowns, dein Reich ist gekommen, deine Mission ist erfüllt. Weg jetzt. Verschwinde! Einen knackigen Spotify-Stream für die Küche (Strawberry Girls) und dann das ganze Stillhalten der letzten Wochen mit den Möhren und den Zucchinis kurz und klein hacken.
Wenn das hier vorbei ist, gehen wir erst mal ins Theater.
Und zwar jeden Tag. (rs)

10. 4. 2020 (Berlin)
BS: We are in it together.
Von wegen ‘we are in this together’. Isolationismus, Nationalismus und Ablenken von der eigenen Führungsschwäche ist gerade ganz weit vorn. Kombiniert mit Rassismus und einem kolonialen Unterton findet sich diese Attitüde in den Anschuldigungen gegen den Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Ghebreyesus. Dr. Tedros ist Biologe, Immunologe und war zeitweilig der Außenminister Äthiopiens, weitaus mehr relevante Expertise also, als die Trumps und Freunde. In Frankreich sprechen Ärzte im Fernsehen darüber, ob Afrika nicht der ideale Kontinent zur Erforschung eines Covid-19-Impfstoffs an Menschen wäre. Auch Robert Koch hat Experimente für seine Impfstoffe an Kranken im kolonial besetzten Ostafrika durchgeführt. In den USA sind Hispanics und African-Americans am schwersten von Covid-19 betroffen, Vorerkrankung, Klasse, Gesundheitsversorgung, Ernährung, und in Deutschland werden asiatisch gelesene Menschen aus Arztpraxen und Einkaufsläden verwiesen. So much for ‚we are all in it together’. Zu diesem mood passt sehr gut: Feel Good auf Netflix und Power von Verena Güntner. (aw)

10. 4. 2020 (München/Antarktis)
Die Meteorologin Elisabeth Schlosser verbrachte 1989-90 ein ganzes Jahr in der Georg von Neumayer-Station, wenige Kilometer von der heutigen deutschen Polarforschungsstation in der Antarktis entfernt. Sie und ihre Kolleginnen waren die ersten Frauen, die Deutschland in die Antarktis sandte. Es handelte sich um ein reines Frauenteam, weil die Idee gemischter Teams der BRD noch viel risikoreicher schien (Streits, Anbandeleien etc.). Ein Überwinterungsteam bestehend aus 9 Personen verbringt 14 Monate lang zusammen, ohne andere, und die damalige Station war im Gegensatz zur aktuellen eine unterirdische Blechröhre. Unterirdisch meint hier: eingegraben im Schnee, daher logischerweise ohne Fenster und ohne Tageslicht. (Wobei es während der »Polarnacht« auch im Freien kein »Tageslicht« gibt.) Elisabeth erzählte mir im Interview, dass es manchmal schon auch turbulent zugegangen war, weil man eben abgeschnitten und zugleich einander sehr ausgesetzt gewesen sei. Heute gibt es auch in Polarforschungsstationen E-Mails und Whatsapp sowie die Möglichkeit, sich zurückzuziehen: Privatsphäre scheint für eine lange Isolationszeit einer Gruppe grundlegend zu sein. Im Anschluss an die Überwinterung des Frauenteams, nach der Rückkehr, berichtete die Presse von Eskalationen und dass die Frauen mit Pistenbullys aufeinander losgegangen seien.
Die extremen Wetter- bzw. Lichtverhältnisse bedingten eine andere Alltagsstruktur, beginnend mit einer verkürzten Schlafzeit von 4 bis 5 Stunden im Sommer und langem Schlafen im Winter. Wenn man übers Jahr sowohl die Dunkelheit als auch die Helligkeit bekommt, funktioniere das, so Elisabeth. Sie als Meteorologin hatte durch ihre Observationstätigkeit, die Wetterbeobachtungen alle drei Stunden vorsah, sowieso einen festen Zeitplan. Für die Gemeinschaft gab es folgende Rituale: Montags hielt je eine Person einen Vortrag, dienstags und donnerstags wurde Gymnastik gemacht und am Mittwoch ging man in die Sauna. Bei der Auswahl des Films für die Freitagabende waren bestimmte Kriterien zu beachten, er sollte so mittelmäßig wie möglich sein (nicht zu viel Herzschmerz, nicht zu brutal und nicht zu grün wegen Heimwehgefahr).
Als Elisabeth in der Antarktis war, kam es in Deutschland zur »Wende«. Das Team der ostdeutschen Georg-Forster-Station vermutete zunächst einen »Psychotest«. Über Funk nahmen die Männer der DDR dann Kontakt zu den Frauen der BRD auf. In der Folgezeit entwickelte sich ein reger Austausch. Elisabeth genoss diese Unterhaltungen, weil auch die Männer wussten, worauf es beispielsweise beim Freischaufeln des Ausgangs oder dem Befüllen der Schneeschmelze ankam. Sie war schon vor der Überwinterung nach Österreich ausgewandert und hatte daher eh keine Angst gehabt, heim zu kommen, aber die von der Forster-Station seien schon unsicher gewesen, in welches Land, in welche Welt sie wieder eintreten würden. (jn)

10. 4. 2020 (Winterthur, Schweiz)
Aus dem Kinderzimmer höre ich, wie Anton im Schlaf klar und deutlich fragt: "Warum ist das so? Warum ist das jetzt so?“ Ich gebe keine Antwort. Draußen im Park vor dem Haus wird es abends immer lauter, die Randgruppen haben sich, da der Park nun niemandem mehr gehört und durchgehend leer steht, hierher verschoben, mitten ins Herz der Stadt. Man lässt sie gewähren, was man sonst nicht tut. Morgens sammelt ein Mann schweizerisch-säuberlich jede einzelne Zigarettenkippe ein. Dies tut er mit einem langen Greifarm und gelben Plastikhandschuhen bekleidet. Bis dass der Rasen wieder unberührt grün ist, das Wasser des Springbrunnens klar. Wir sind noch immer in der Residenz, die nun offiziell zu Ende geht. Wir haben unfassbar viel Platz hier, ein weitläufiger Garten und ein Haus, in dem man sich suchen muss. Und wir dürfen noch ein paar Wochen bleiben. Ich gewöhne mich daran, dass ich die Abende allein verbringe, dass ich mich wenig austausche, dass ich lese oder Turnübungen mache. Ich gewöhne mich nicht daran, dass man sich nicht umarmen darf, dass man nicht umarmt wird, wenn man doch einmal jemand trifft. Überhaupt dass man nicht umarmt wird finde ich einen unhaltbaren Kack-Zustand. Ich gewöhne mich nicht an die misstrauischen Blicke der Leute, wenn man mit einem Kleinkind unterwegs ist, das Kind darf sich auf keinen Fall verschlucken oder husten, es könnte die Polizei gerufen werden. Das Kind darf nichts anfassen, sowieso sind Kinder eine Zumutung, weil sie Viren sammeln und mit feuchten Küssen verteilen. Anton sagt nur: „Das ist eben so, weil aaalle krank sind, Mama "aalle", und dann sagt er: „Das geht vorbei.“ Sieht er die verpixelten Gesichter seiner Freunde im Videochat, springt er sofort aus dem Fokus der Kamera, er will zeigen, was er gemacht, gebaut, gesehen hat oder zum Beispiel wie gut er rennen kann. Die Freundesgesichter in der Videoübertragung verkrümeln sich derweil hinter das Sofa oder auf die Knie ihrer Eltern, nuckeln am Daumen. Virtuell Kinderzimmer zu besuchen funktioniert nicht. (sh)

10. 4. 2020 (Hamburg)
Fridays for Past. Ich finde es tapfer vom Vatikan, die Fotos vom Papst rauszugeben, der auf den menschenleeren Petersplatz hinauspredigt. Erinnert mich an den Horrorfilm Das Omen, in dem der Antichrist die Macht übernimmt. Eine Stunde später kommt der Newsletter der protestantischen Schule, man wolle die jetzt abgesagten Gottesdienste und Konfirmationen zum „schnellstmöglichen Zeitpunkt“  nachholen. Schnellst. Möglich. Nach. Holen. Ha! Alles tote Worte. In der SZ schreibt einer, Corona töte das Zeitempfinden. Kein Vorher, kein Nachher mehr, kein Schnell, kein Langsam. Der Kopf rast im digitalen Katastrophenstream, aber man selbst darf nicht Kontakt aufnehmen, ist ruhiggestellt. Im Kopf dröhnt es, draußen Stille. Innen hat man keine Zeit mehr, außen alle Zeit der Welt. Die Tage sind wahnsinnig lang und vergehen wie im Flug. Man hat keine Zeit und doch alle Zeit der Welt, und das in jedem einzelnen Moment, aber was heißt schon Moment.
Wenn die Zeit endet, dann gibt es auch keine Zukunft mehr. Wir wollen in die Zeit vor Corona zurück, alles soll werden, wie es war. Gotttesdienst! Aber etwas plötzlich! Kino, Jazzclubs, große irre Familien, die an Ostern aufeinanderspeicheln. Aber wir können die Zeit nach Corona nicht fühlen, nicht denken. Fridays for Past. Auch die ganz Jungen sind ganz alt geworden. Corona ist wie ein gebirgshoher Spiegel, der plötzlich in der Welt steht. Darin sehen wir uns und was hinter uns liegt. Hinter dem Spiegel liegen die Probleme am Weg in die Zukunft, die Globalisierung, der Klimawandel, an die wir jetzt nicht mehr rankommen. Dumm gelaufen. Im Film käme jetzt der Superheld/Erlöser, der die Glaswand des Spiegels durchbricht. Ich frage D., dem fällt der Film sofort ein. Eisprinzessin II? (mh)

10. 4. 2020 (Hamburg)
Telefonat mit meiner Mutter.
Sie: »Ich rede nur noch von der Weltmacht, das ist eine politische Weltmacht, die dahintersteckt.«
Ich: »Wie jetzt?«
Sie: »Du, ich hab ja viel Kontakt zu Männern [Partnerbörse, Internet], und da sind ganz schlaue bei, die haben studiert, da sind Ingenieure bei.«
Ich: »Und die sind die Weltmacht?«
Sie: »Nein, nein, da wollte ich jetzt auch mal deine Meinung hören, denn die schicken mir laufend Sachen ausm Internet. Da steckt doch was dahinter.«
Ich: »Was denn?«
Sie: »Also, uns geht’s gut, ich kenne keinen, der Corona hat. Also ich meine, das ist doch aufgebauscht alles.«
Ich: »Ja, und?«
Sie: »Ich frag dich jetzt mal, so bei euch Intellektuellen, gibt es da welche, die Corona haben?«
Ich: »Ich könnte dir jetzt auf Anhieb rund fünfzig Leute nennen, die ich über zwei, drei Ecken kenne, die infiziert sind, zum Teil auch im Krankenhaus.«
Sie: »Aber ich meine jetzt so bei deinen Leuten, den Intellektuellen?«
Ich: »Intellektuelle können auch infiziert werden.«
Sie: »Also, ich kenne niemanden.«
Ich: »Und wer ist jetzt die Weltmacht?«
Sie: »Na ja.«
Ich: »Ja?«
Sie: »Die fahren alles runter, um dann noch einmal bei Null anzufangen.«
Ich: »Wer sind ›die‹?«
Sie: »Na, die großen Konzerne.«
Ich: »Aldi, H&M, Apple, Google?«
Sie: »Die Chinesen.«
Ich: »Wie, die Chinesen?«
Sie: »Na, egal was ich kaufe, da steht überall ›Made in China‹.«
Ich: »Ja, und?«
Sie: »Bei uns sind die Arbeitslosen, weil nur noch alles aus China kommt.«
Ich: »Zum Beispiel das Coronavirus.«
Sie: »Ja, wieso kommt das aus China?«
    Halbe Stunde später ...
Ich: »Da gibt es also ein paar Reiche in China, die rufen bei Trump an und sagen, wir haben jetzt ein Virus, mach mal ’ne Ausgangssperre und fahr die Wirtschaft runter; und Trump ruft dann bei Merkel an, oder wie?«
Sie: »Ja, nee.«
Ich: »Also, wer oder was ist jetzt die politische Weltmacht und warum macht die das?«
Sie: »Das habe ich nicht gesagt mit der politischen Weltmacht, ich glaub das ja auch nicht.«
Ich: »Doch, hast du gesagt, vor einer halben Stunde, deswegen reden wir ja die ganze Zeit.«
Sie: »Nein, nein, das sagen mir meine Männer hier.«
Ich: »Und was sagst du?«
Sie: »Ich kann dazu nichts sagen, ich hör mir das nur an. Was du sagst, hat natürlich Hand und Fuß, und deine Meinung finde ich gut.«
Ich: »Ich habe dir von meiner Meinung noch gar nichts gesagt. Ich habe nur gesagt, was allgemein wissenschaftlich über das Virus bekannt ist.«
Sie: »Du hast ja recht mit deiner Meinung.« (rb)
 

9. 4. 2020 (Berlin)?Ich kann nicht schlafen und wälze mich seit Stunden in Gedanken, wie all die Nächte vorher, ich kann mich nicht erinnern, seit wann. Ja, meine Welt ist zusammengebrochen. Das Adrenalin im Dauerhoch, die Freunde sagen mir, ich soll mich beruhigen, und andere sagen, aber es ist doch auch erholsam und du bist doch immer noch frei zu tun, was du willst, und kannst aus dem Haus. Mir zeigt es nur, wie tief wir schon gesunken sind. Autoritäre Charaktere.
Trennung und Ausnahmezustand. Meine Meinung, ob das gut zusammengeht, ändert sich von außerordentlich gut, ja, zu außerordentlich schlecht, nein, und wieder zurück. Auf mich gestellt in der Unfreiheit. Ich weine. Vor einer Stunde musste ich meine Mutter anrufen und fragen, ob es möglich sei, dass das Herz in den Bauch rutscht. Ich spürte es nur noch da und wusste natürlich, dass es nicht möglich ist. Ich sagte, ich weiß, dass ich es endlich schaffen müsste, mich selbst zu beruhigen, und sie sagte, das mache ich doch gern, solange ich noch da bin, und ich sagte, ja das hab ich auch gedacht. Verlust ist Teil des Lebens. Es wurde vergessen.
Lewis Hyde: Our choice is whether to keep the gift moving or to be eaten with it.
Ich fühle mich entfremdeter denn je zuvor. (nn)

9. 4. 2020 (München)
Heute ist Gründonnerstag. Mein Freund und ich haben uns in der Früh im Garten gegenseitig die Füße gewaschen, für Papa Francesco, der das dieses Jahr vermutlich nicht macht mit den Häftlingen. Hauptsächlich war es ironisch gemeint, aber auch ein bisschen ernst, denn wir sind ja Italiener.
Meine Mutter leitet in Südtirol einen Kirchenchor und ist für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Pfarrgemeinde zuständig. Heute, am Samstag und am Sonntag wird sie sich mit dem Pfarrer Rüdiger in der Kirche einsperren. Weil sich der Chor nicht treffen darf, nimmt sie ihre Gitarre mit. Dann veranstalten Rüdiger und meine Mutter zu zweit die Karwochenzeremonien und die Ostersonntagsliturgie und die Gläubigen können am Radiogerät zuhören. Wobei meine Mutter schon erwähnt hat, dass jetzt die Gottesdienste aller Pfarrgemeinden übertragen werden und sich die Leute ihre Messen pfarreiunabhängig (dafür vielleicht predigtqualitätsabhängig oder je nach Dauer) aussuchen.
Zu Federicos und meiner Fußwaschung schreibt sie: "Dient einander, so wie ich euch hab gedient", des sing i heit in do Kirche. (jn)

9. 4. 2020 (München)
Meine Wohnung ist perfekt gelegen, in einem Haus mit netten Nachbarn, in der Nähe von Cafés und Kneipen und zwischen zwei Parks.
Mein Homeoffice ist beschissen gelegen, im Hochparterre, wo die Sonne nie hinscheint, in einem Haus ohne Trittschalldämmung.
Draußen strahlender Sonnenschein, drinnen die dunkle Kälte des Altbaus. Der Workflow will sich nicht einstellen und ich beschließe, ein bisschen zu recherchieren. Über den Theosophen Nikolai Roerich lande ich bei Strawinskys Ballett Sacre du Printemps, dem Frühlingsopfer.
Das Pariser Publikum habe bei der Uraufführung vor Zorn getobt, weil es sich von dem Stück verhöhnt gefühlt habe, lese ich. Die hatten es gut, die konnten ins Theater und ein Stück zerreißen. Beinahe sei es zu Krawallen gekommen. Mit Müh und Not habe man die Uraufführung durchgezogen.
Das Orchester dröhnt und donnert, während ich voll Neid der Frau von gegenüber dabei zusehe, wie sie sich auf ihrem Balkon sonnt. Die hat es gut, die hat einen Balkon.
Die Nachbarn aus der Wohnung über mir haben in der Zwischenzeit begonnen, Gitarre zu spielen und gemeinsam zu singen wie die Trapp-Familie.
Im Frühlingsopfer wird derweil gerade eine Jungfrau geopfert, indem sie sich zu Tode tanzen muss.
Die opfern dem Frühling Jungfrauen und ich opfere in diesem Frühling mein Sexleben, denke ich. Tanzen gehen ist eh nicht drin.
Strawinsky klingt jetzt wie eine bombastische Version der Duschszene von Psycho. Und wie ich so der Musik zuhöre, packt mich auf einmal eine Scheißwut auf dieses Scheißfrühlingsopfer. Kommt nicht zu den Favoriten. (jmb)

9. 4. 2020 (Hamburg)
„Ist euer Geld schon da?“ – „Nee, deins?“ Nee. Nee. Das waren die Gespräche zwischen mir und meinen Nachbarn die Tage.
Gestern riefen die beiden hoch: „Jeeeeeeenny! Geld ist da.“ Ich freue mich sehr für die Kneipe. Zum Glück kann ich auch weiterhin ab demnächst wieder hören, ob St. Pauli gewinnt oder der HSV verliert. Zum Glück höre ich auch weiterhin dumpfes Gelächter beim Kneipenquiz und lasse mich von der Bluegrassband in den Schlaf dröhnen. Ich liebe diese Bar.
So richtig kam aber keine Freude auf, denn auf meinem Konto war noch kein Geld. Ich rief bei dieser Info-Hotline an. Kann sein, dass ich kein Geld kriege, weil ich Anfang Januar bis zum 7. 4. eine Festanstellung hatte, zwanzig Stunden in einer Kita. War eh schon crazy für mich, neben Kind zu Hause, neben Atelier, neben Kunst, neben allem. Habe mir also mal drei stressige Monate gegönnt, in denen ich wöchentlich genau acht Stunden Zeit für Kunst hatte, um nicht immer nur ans Geld zu denken. Habe natürlich trotzdem ans Geld gedacht und Geld für Kunst ausgegeben und gemerkt, ist auch keine Lösung, zwanzig Stunden in der Kita, weil man da nicht sooo viel verdient, weil ich ständig Migräne bekomme und nervös verstimmt bin – obgleich ich die Arbeit mit den Kleinen lustig finde. Ist fast wie in der Kunstszene unter Kindern. Nun habe ich also kein Geld mehr, weil ich keinen Vertrag mehr habe, aber auch keine Aufträge, Ausstellungen, Ähnliches, weil COVID 19, und bekomme aber vielleicht kein Geld von der Stadt, weil ich in eine prekäre Lücke zwischen Soloselbstständigkeit und ehemaligen Anstellungsverhältnis zur falschen Zeit am falschen Ort gefallen bin? Wird noch geprüft.
(Ist ja eh krass, dass man überhaupt einfach Geld bekommen könnte, denke ich. Wo gibt’s das denn?) (js)

8. 4. 2020 (München)
Jetzt also doch wieder Pappbecher.
Nur der Pappbecher ermöglicht den Betrieb des geliebten Cafés um die Ecke. Selbst die eingefleischten Straßencafédauersitzer, die den Pappbecher früher verachtet, ihn als Symbol für den Turbokapitalismus angesehen haben, trinken jetzt ihren Kaffee daraus.
Der ehemalige Straßencafédauersitzer spaziert nun mit seinem Pappbecher durch den Park. Er ist zum Flaneur, der Pappbecher zum Accessoire des Müßiggängers geworden. (jmb)

8. 4. 2020 (Berlin)
Hunger nach Schicksal
Sitze zu Hause und arbeite an neuen Bildern für die Ausstellung, die für Ende Mai geplant ist. Ob die überhaupt stattfinden wird? Andere sagen die Termine für diese Zeit jetzt schon ab. Sogar für Open-Air-Veranstaltungen. Ich frage jetzt mal lieber nicht nach beim Ausstellungsmacher, ich möchte mich noch ein bisschen motivieren und keine Absage wegen Sicherheitsbedenken provozieren. Außerdem: Was fertig ist, ist fertig. Vielleicht hätten wir die Ausstellung schon im November machen sollen? Wäre vom Ausstellungsmacher aus auch möglich gewesen. Aber ich war damals ja noch mitten in der Therapie, das wäre ja doch nicht wirklich gegangen. Viel weiter als im Herbst bin ich jetzt damit aber immer noch nicht.
Zumindest habe ich deswegen weiterhin einen triftigen Grund, auch dann nicht unter Leute zu gehen, falls die Kontaktsperre doch bald wieder gelockert werden sollte. Langsam nimmt der Wunsch, überhaupt noch jemanden zu treffen, eh ab und es macht immer weniger aus, dass die Sozialkontakte schwinden. Jemand bedankt sich mit einer Karte fürs geschickte Geschenk? Post einfach wegschmeißen, vielleicht irgendwann später mal zurückbedanken. Telefoniert habe ich in den letzten Wochen mehr als genug und falls jetzt überhaupt noch jemand anruft, lasse ich es klingeln.
Im Vorgarten sitzen und schlafen wird mein neues Hobby. Und einfach mehr turnen, jetzt täglich einmal, wenn nicht sogar öfter. Habe doch tatsächlich einen Laden um die Ecke gefunden, der mir Yoga-Klötze aus Kork verkauft, obwohl er zwangsweise geschlossen ist. Buy local.
Mal sehen, wie lange Boesner noch braucht. Die hatten schon bei der Bestellung vor über zwei Wochen gesagt, dass die Lieferung mindestens 10 Tage dauert, und es ist immer noch nicht da. In Marienfelde haben sie sogar noch offen. Ich dachte ja daran, einen Fahrradausflug dorthin zu machen, man fährt ja nur knapp über eine Stunde raus. Aber es wurde dann doch bestellt, wer weiß, ob das Zeug überhaupt vorrätig ist, und dann hat man sich umsonst abgestrampelt.
Am Samstag, als ich an der alteingessenen Ostbäckerei vorbeigefahren bin und die Polizei neben mir wendete, dachte ich, na, die werden sich sicherlich nur was zu essen holen, die Leute stehen ja alle in großem Abstand zueinander an. Außerdem soll man ja gerade bei kleineren Bäckereien kaufen und nicht nur in großen Märkten. Aber ich hatte doch Sorgen, dass sie wegen irgendwelcher Auflagen schließen mussten, als ich hörte, dass sie nun zu haben. Aber sie sind nur in den Osterferien.
Bei uns gibt’s an Ostern das Gericht vom Cover des bayerischen Kochbuchs: Rezept Nr. 174 »Fettbraten, Schweinebraten«. (pp)

8. 4. 2020 (Hamburg)
»Buchhandlungen und Bibliotheken müssen wieder geöffnet werden!«,  fordert das Deutsche PEN-Zentrum. Yes! Müssen! Die Schließung hat unerträgliche Konsequenzen für die Grundversorgung. Der Mensch lebt nicht von Brot und Klopapier allein! Auch nicht von Alkohol und Kondomen. 
Zwar läuft im Moment der Bestellservice der lokalen Buchhandlungen gut, aber das verdankt sich vor allem der Lieferschwäche von Amazon, die dem »dringenden Bedarf« Vorrang geben. So ergibt sich die Momentaufnahme, dass in Hamburg lokale Buchhändler wie Heymann oder Cohen+Dobernigg mit Fahrradauslieferung schneller sind als der Onlinehandel.
Die aus Corona geborene Zukunft des Buchhandels: nicht als Amazon von Armen, sondern aus stolzer Haltung, dass es ohne Begegnung, ohne Gespräch und damit ohne Läden nicht gehen wird und übrigens auch keinen Spaß macht. Eventuell können die Geschäfte dann den ganzen Papier- und Bastelkram wieder rausschmeißen, mit dem im Moment Stellfläche für Bücher zugemüllt wird.
Also: Öffnet die Buchhandlungen! Lasst wieder Menschen zu den Büchern kommen! Ist gut für beide. (mh)

8. 4. 2020 (Berlin)
Abends auf dem Balkon: Gestern weinte eine Frau die ganze Welt aus sich heraus, in einer Wohnung gegenüber.
Heute dehnen der junge Casanova nebenan und seine kichernde Geliebte das Vorspiel aus.
Schöne Erinnerungen. (dr)

8. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Vis-à-vis mit den Elster-Eltern im Straßenbaum. Neulich kam ihrem Nest eine Krähe zu nahe, deren Abwehr sie geschickt gemeinsam erledigten. Tags darauf schlug Herr oder Frau Elster ein aufdringliches Eichhörnchen in die Flucht.
Ungewohnt ist es schon, sich immer in den eigenen paar Wänden aufzuhalten, aus denselben Fenstern zu gucken, dieselben Leute mit Kindern und Hunden im Park verschwinden zu sehen. Kann man die angefallenen Heizkosten eigentlich nächstes Jahr von der Steuer absetzen? ?„Abstand?“, ruft ein kleines Kind erschrocken, als die Mutter es wegen irgendetwas ganz anderem ermahnt. Generation Corona wird sich ein Distanztrauma attestieren.
Ein italienischer Autor beklagt das Sterben der antifaschistischen Nachkriegsgeneration als Verschwinden des kulturellen Gedächtnisses. Eine gespenstische Vision: Während die Rechten sich derzeit dezent im Hintergrund halten, um sich nicht an der Krise die Finger zu verbrennen, offenbart sich die Welt, in die wir bald aus unserer Isolation entlassen werden, als entvölkert von Zeitzeugen (idealer Nährboden für politische Ignoranz).
Derweil ist Hamburg quasi eingekesselt. T. berichtet, auf dem Radweg in die Haseldorfer Marsch wurde er an der Grenze zu Schleswig-Holstein von einem freundlichen, „geradezu modellhaften“ Polizisten zurückgewiesen („Wenn jemand unbemerkt eine Diktatur errichten möchte, mit solchen Polizisten wäre es möglich.“).
Ein Mitarbeiter von Hanse CD räumt auf und findet ein Album, das ich vor einem halben Jahr bestellt hatte. Ob er es mir schicken soll? Na klar! Das Franco Ambrosetti Quintett spielt im Homeoffice. (rs)
 

7. 4. 2020 (München)
Weil die Bewegungsfreiheit unserer grobstofflichen Körper von einem unsichtbaren Virus, das weder Länder noch Grenzen kennt, eingeschränkt ist, treten täglich Millionen von Menschen vor ihre Bildschirme, um gemeinsam Yoga zu machen.
Als die Theosophische Gesellschaft, die Yoga im Westen populär gemacht hat, im Jahr 1875 gegründet wurde, gab es in den Stuben der Deutschen weder Bildschirm noch Yoga.
Den indischen Yogis aber wurden sagenhafte Kräfte zugeschrieben. Mithilfe von Yoga, so hieß es, seien sie in der Lage, ihren feinstofflichen Astralkörper zu steuern. Dieser könne dann an fremden Orten auftauchen und sehen, was dort geschehe. „Fernsehen“ nannten manche diese Fähigkeit.
Die Materie des Astralkörpers, so steht es zum Beispiel im theosophischen Standartwerk Das Meer der Theosophie von 1893, sei „in ihrer Essenz elektrisch und magnetisch“. Theosophisch geschulte Menschen würden diese „chemischen und elektrischen Gesetzte“ des Astralkörpers kennen. Während der Durchschnittsmensch, der in okkulten Praktiken nicht geschult ist, seinen Astralkörper nur etwa einen Meter vom physischen Körper wegbewegen könne, habe zum Beispiel ein spiritistisches Medium nicht nur die Fähigkeit, seinen Astralkörper beliebig reisen zu lassen. Es könne auch ein Bild aus dem Astrallicht mit Hilfe elektrischer und magnetischer Materie reflektieren und das heißt, für andere sichtbar machen.
Heute, fast 130 Jahre nach dem Erscheinen des Meers der Theosophie senden unzählige Yogis aus aller Welt über ein Online-Medium ihr nach chemischen und elektrischen Gesetzen erzeugtes Abbild um die Erde, damit wir Yoga machen und das Gefängnis unserer grobstofflichen Körper verlassen können. Ob wir ein psycho-physisches Perpetuum mobile gebaut haben? (jmb)

7. 4. 2020 (Berlin)
Nachrichten vom Job aus der Einrichtung: Es gibt Widerstände von Bewohnerseite, weil zum beinahe vollständig heruntergefahrenen Ausgang nun auch noch eine Rationierung der Verpflegung hinzukommt. Vor zwei Wochen standen sie noch an der Bürotür und klatschten, jetzt gibt es abends nur noch zwei Toasts mit Wurst und Käse. (dr)

7. 4. 2020 (Berlin)
FCK?SPRGL?SAFE ?LIVES?seebrücke.org?(nm)

7. 4. 2020 (Hamburg)
Bin heute zu meinem Atelier gelaufen, um mich etwas mit meinen Themen zu befassen. Habe dann festgestellt, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte. Oh Mann. Zurücklaufen war keine Option. Ich hatte Durst, wollte mir ganz normal eine Limonade kaufen. Im Rewe waren aber alle mit Atemschutzmasken und man musste Abstand halten. Ich hatte kurz nicht dran gedacht und war so ab getörnt, dass ich mich lieber durstig auf eine moosige Bank in die Sonne setzte – direkt an die Kieler Straße. Die Straße war gut befahren, es war laut und von hinten piekte mich ein Baum. Links und rechts einige Narzissen, Gänseblümchen und erdige Wiese mit einer schönen dicken Hummel. Zwei Bänke links von mir saß ein etwa 60-jähriger Mann und hörte laut Musik mit seinem Discman. Er trank ein Bier. Ich war etwas neidisch und begann das Buch Lob der Melancholie von László F. Földényi. Ich hatte es mir wegen des Titels und meinem Grundvertrauen in den Verlag gekauft. Melancholie find ich gut. Als ich es vor einigen Wochen zur Hand nahm, war ich extrem genervt von der ersten Seite. Ich fand die Beschreibung seines ruhenden Körpers enervierend maskulin, pseudosensibel und penibel. Ich las eine männliche Selbstverständlichkeit heraus, von der ich einfach genug habe. Beim Durchblättern stellte ich außerdem fest, dass er sich in seinem Buch ausschließlich auf männliche Künstler bezieht. Pffff….t.
Aber was sollte ich machen? Wegschmeißen? Aussortieren? Tauschkiste? Einfach ins Bücherregal räumen? So weit war ich noch nicht. Ich gab ihm also noch eine Chance und las durstig auf einer Verkehrsinsel weiter und fand es dann doch ganz gut. Kurz: Melancholiker*innen zweifeln. Das gefällt mir.
Ich (ver)zweifle. Das gehört zu mir. Aktuell mehr denn je. Aber ich komme klar. (js)

7. 4. 2020 (Hamburg, Barmbek-Süd)
Anders als das Virus ist vieles nicht übertragbar.
Die Heilung dürfe nicht schlimmer sein als die Krankheit, meinte der texanische Vizegouverneur Dan Patrick und legte rhetorisch sein Leben für das der US-Wirtschaft in die Waagschale. Im Vergleich zu Millionen Amerikanern ohne Health Insurance befindet er sich allerdings so sehr in Sicherheit, dass seine Propaganda für das Wohlergehen der nachwachsenden Generation obszön erscheint. Er könnte sein Argument in die Klimadiskussion einbringen.
Der Shutdown schütze besonders die Alten, heißt es. Das Durchschnittsalter der Corona-Toten soll bei etwa 80 Jahren liegen. Voneinander unabhängige Quellen unter Freunden, Familie, Kollegen berichten von alten Menschen, die unbekümmert weitermachen wie vor Corona. Eltern, Großeltern gehen, wann und wohin es ihnen gefällt, erledigen tägliche Einkäufe auch für andere, lehnen jede Hilfe ab. Ist es Stoizismus? Ist es Eigensinn? Es ist immerhin eine hübsche Umdeutung des Begriffs Risikogruppe.
Kommt die ruhende Welt den Alten besonders entgegen? Der Shutdown als Allegorie auf das Alter? „Das Leben der Mehrzahl alter Menschen ist unfruchtbar, und sie verbringen es in Isolation, Wiederholung und Langeweile“, meinte Simone de Beauvoir. Sie kannte die jungen Alten von 2020 nicht.
Wir sind jetzt alle Kantianer, erklärt der Soziologe Philipp Staab in der „Zeit“ und meint damit das universelle Prinzip, nachdem jedes Leben gleich schützenswert ist, auch das alter Menschen. Plötzlich werde „die Gesundheit großer Minderheiten, die zum Wachstum nicht mal viel beitragen, höher bewertet als das Ziel“ des Wirtschaftswachstums.
S. hat Masken genäht. Könnten wir alle welche kaufen, gäbe es höchstwahrscheinlich eine offizielle Empfehlung, welche zu tragen. G. war in Quarantäne, weil eine Freundin positiv war. Die Nachbarn eines Kollegen sind positiv. Kurzarbeit auch für die Redaktion ist angekündigt. Seit Tagen befürchten Kollegen im informellen Teil unserer Videokonferenzen, auf ihren wenig ergonomischen Esstischstühlen Rückenschmerzen zu bekommen. Bewegung hilft. Altersgerecht sollte man sportliche Betätigung genau dann nennen, wenn sie keine Rückenschmerzen verursacht. Meine Erfahrung. (rs)

7. 4. 2020. Nachricht vom 2. April, 16 Uhr (Münster)
Drei Meter über dem Boden hängt an einer Klinkerwand zwischen Domplatz und Historischem Rathaus an der Ecke Michaelisplatz ein kleines weißes Schild mit der Aufschrift „2. April 2020 16.00 Uhr“. Es handelt sich um das Werk Datum von Mark Formanek – entsprechend dem Titel der zwölfteiligen Arbeit trägt jedes der Schilder ein Datum, bestehend aus Tag, Monat, Jahr und Uhrzeit. Die Arbeit ist Teil der Öffentlichen Sammlung der Stadt Münster, für die ich verantwortlich bin, seit ich im Sommer 2018 die Leitung der Kunsthalle übernommen habe. Verbunden ist mit der Arbeit die Handlungsanweisung, an besagtem Tag, zu besagter Stunde, das Schild durch ein neues auszutauschen. Zuletzt fand die Aktion, die darin besteht, vier Schrauben zu lösen und wieder festzuziehen, vor vier Jahren statt. Damals kamen mehrere Hundert Menschen und wohnten dem Ereignis bei, wie die Zeitungen aus dem Jahr 2016 berichten.
An sich ist es natürlich ganz schön, dass man die Werke im öffentlichen Raum auch in Zeiten geschlossener Institutionen aufsuchen kann, aber wie die Arbeit von Mark Formanek zeigt, kann auch das mitunter zum Problem werden. Die letzten Wochen und Tage erreichten mich zahlreiche Anfragen bezüglich Formaneks Datum, darunter Menschen, die ihren Geburtstag dort feiern wollten, eine Bar installieren oder ein Konzert spielen wollten, oder aber auch einfach nur wissen wollten, was es mit dem Schild an der Wand eigentlich auf sich hat. Auch wenn mich das Interesse eigentlich freuen sollte, erfüllte es mich zusehends mit Unbehagen, denn die zu erwartende hohe Publikumszahl schien mit der Kontaktsperre nicht vereinbar, sodass der Schildertausch abgesagt werden musst. Dennoch kamen einige Personen am 2. April um 16 Uhr zum Michaelisplatz, auch ich war anwesend, begleitet vom Ordnungsamt – eine ganz neue Rolle. Ich ging durch die Reihen, informierte die Herumstehenden, einige zeigten Verständnis, andere waren enttäuscht, dass das Ereignis nicht stattfand, auch wenn es selbstverständlich 16 Uhr wurde und vielleicht mehr als sonst über die Zeit und die gegenwärtige Situation nachgedacht und miteinander gesprochen wird, na ja, aber die vier Schrauben wurden eben nicht gelöst. Das Ereignis fand nicht statt. Die Münsteraner*innen müssen sich also erst einmal in Geduld üben, um zu erfahren, wann genau sie sich in vier Jahren versammeln müssen, um dem Ereignis beizuwohnen, denn das neue Schild verbleibt vorerst im Kulturamt der Stadt Münster, beschützt von einem dreiköpfigen feuerspeienden Drachen, der das Geheimnis des Datums hütet. Das bisherige Schild bleibt derweil an seinem Platz, was Anlass gibt, über die Umstände nachzudenken, die dazu geführt haben, dass es noch zu sehen ist. (mr)
 

6. 4. 2020 (Berlin)
Im Wohnzimmer singt K. Conquest Of Paradise, den Einlaufsong von Henry Maske, und baut ein Nest aus Laminat. Er vertäfelt sowohl Boden als auch alle Wände und schließlich die Decke. Am Ende geht er noch auf einzelne Einrichtungsgegenstände über. Der Rest der WG versucht zwischendurch immer mal wieder, ihm etwas zuzurufen. Es kommt nichts an. K. ist sauber isoliert.
Wir spielen, rauchen und trinken am runden Tisch im Hinterzimmer unterm Spotlight.
Glücklicherweise habe ich früh erkannt, dass das Gesellschaftsspiel »Siedler« sehr viel mit der Real World zu tun hat.
Ich beginne mit der Besetzung einer weiträumigen Brachfläche von zwei Seiten. So, dass die anderen abgelenkt sind und sich auf die andere Hälfte der Spielfläche konzentrieren. Meine Investitionen fließen im weiteren Verlauf des Spiels in meine absolute Monopolstellung im Erzabbau. Zwischen meinen Standorten baue ich lange gerade Verkehrsstraßen. Aus zähen inneren Verteilungskonflikten und Beziehungen halte ich mich weitgehend raus. Nachdem der Räuber mir zum wiederholten Male wegen übertriebener Anhäufung von Kapital große Teile meiner Erträge genommen hat, expandiere ich in den Außenhandel auf Seewegen und gewinne damit einsam still und heimlich, aber als BIG GLOBAL PLAYERIN. (lh)

6. 4. 2020 (Berlin/Khartoum)
Nach monatelangem zivilen Ungehorsam, Blockaden und Streiks brachen heute vor einem Jahr die Demonstrierenden in Khartoum durch den Militärkordon. Tagsüber waren alle auf der Straße, ältere Menschen, junge Frauen, Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, Teefrauen, streng Gläubige, nach Freiheit Sehnsüchtige. Die Truppen des Milizenführers Hemedti feuerten auf die Blockierenden, viele Soldaten wollten nicht auf ihre Mütter / Väter / Schwestern / Brüder / Töchter / Geliebte / Frauen / Kinder schießen und feuerten gegen die Hemedti-Truppen. Eine Woche später wurde das Gesicht des Regimes, Feldmarschall Omar al Bashir, nach dreißig Jahren Herrschaft gestürzt.
Ein Jahr später sind die Straßen leer, nächtliche Ausgangssperre wegen Corona. Sie haben so viel gemeinsam hinter sich gebracht, sie werden auch Covid-19 schaffen. Hemedti ist heute der stärkste Mann im Land.
Beitrag über Hotels in Krisen und Kriegszeiten auf Al Jazeera. Sofort hab ich diese düsteren Orte direkt vor Augen, die Holiday Inns in Beirut und Sarajevo. In Beirut mit Panzern im Erdgeschoss. In jedem ausgeweideten Gerippezimmer stelle ich mir die Gäste vor. Das Continental in Saigon und das Grand Hotel in Brighton sehen heute völlig unberührt aus, im Grand Hotel wird NHS-Personal untergebracht. Anschlagsziele auch das Jazeera Palace in Mogadishu und die Hotels um den Chhatrapati Shivaji Terminus in Mumbai. Hotel Terminus, natürlich. Klaus Barbie »Schlächter von Lyon«. Kriegsverbrecher.
Das Ritz-Carlton in Riad hat Kronprinz Mohammed bin Salman zum Luxusgefängnis gemacht, hier hat er seine Cousins und Freunde festgesetzt, die ihm zu gierig wurden. Goldener Käfig also.
Luke Slater auf der Berghain-Fünfzehn-Soundcloud beim Schreiben. (aw)

6. 4. 2020 (Berlin)
Auf Seite 271 der Geschichten Jaakobs angekommen. Jetzt wieder dieses Gefühl wie früher beim Schulsport, wenn der Lehrer mir beim Laufen ins Ohr keuchte, ich müsse durchhalten und werde mich dann toll fühlen. Ist es gerecht gegen Thomas Mann, dass mein Gehirn den Roman, den ich mir seit Jahrzehnten nicht antun mochte, nun als Seuchenlektüre abspeichern wird? (dl)

6. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
Ich frage mich, ob der Witz schon tausendfach gemacht wurde. Also, wenn man sich in einer Skype-Runde betrinkt, heißt das ab jetzt Coronern. Hatten unerwartet viel Spaß mit der Japanfilmrunde mit seliger Regression. Jeder hielt einen Gegenstand nah an die Kamera und die anderen mussten ihn erraten, dann verkleideten wir uns mit Perücken etc., jetzt haben wir japanische Tarnnamen und da wir uns nicht zum Filmgucken treffen, denken wir uns einen fiesen Yakuzafilm aus. (Hiroshi) (smo)

6. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
F. erzählt L., dass M. für die Tiroler Landesregierung arbeitet und dort gerade für die sogenannte »Taskforce Ischgl« tätig ist. Im Moment sei sie vor allem mit Suchtberater*innen im Gespräch, denn: Den Saisonarbeiter*innen, die jetzt in den ausgestorbenen Skigebieten festsitzen, sind die Drogen ausgegangen. Für vier Monate, sieben Tage die Woche, hinter dem Aprés-Ski-Tresen, an der Rezeption, in der Pommeshütte oder im Kids-Club zu stehen, hält man nun mal nur mit großen Mengen Kokain und Ecstacy aus. Die Dörfer sind jetzt aber abgeriegelt, die Hotelburgen verwaist, die Seilbahnen stehen still, die Dealer kommen nicht mehr in die Täler. 3000 Saisonarbeiter*innen arbeiten jedes Jahr in Ischgl, ein nicht unwesentlicher Teil von ihnen sitzt jetzt dort in Quarantäne und kaltem Entzug fest. Als erste Maßnahme hat die »Taskforce Ischgl« nun den Verkauf von hartem Alkohol untersagt, um den Drogenentzug nicht durch das Ersatzsuchtmittel zu torpedieren und das Aggressivitätslevel niedrig zu halten. Ich weiß ja nicht. (nlg)

6. 4. 2020 (Berlin)
Ist das wieder so ’ne Phase?
Meine Mutter hat gestern Abend angerufen: Mein Onkel hatte Kontakt zu jemandem aus dem Dorf, der Corona hat. Und das, obwohl in Bayern ja Ausgangssperre herrscht. Sie war ruhig, aber schon ein bisschen genervt von der Unbelehrbarkeit ihres Bruders. Heute versucht er einen Test machen zu lassen, obwohl er ja gar keine Symptome hat.
Am Wochenende habe ich seit zwei Wochen mal wieder was bar bezahlt – eine Bratwurst in Tegel. Zwei Sekunden das Zweieurostück in der Hand gehabt und mich 24 Stunden lang elend gefühlt. Auch beim Gedanken, dass der Verkäufer das Brötchen mit der Hand ohne Handschuh angefasst hatte. Danach bei frostigem Wind in Tegel am Wasser entlanggefahren, es war ein bisschen wie Urlaub.
Gegenüber von meinem Freund hat die Kneipe weiterhin offen. Die Rollläden sind zwar dicht und die Tür ist mit Plastik verhängt, aber die Gäste gehen vom Treppenhaus rein. Der Name der Kneipe ist ein Synonym für »Aufgeschlossenheit« – und damit also auch Programm. Wir bleiben brav zu Hause und schauen The Handmaid’s Tale, obwohl man, wie mein Freund sagt, eine Dystopie nicht durch eine andere ersetzen soll. So dystopisch finde ich unsere Zustände jetzt auch wieder noch nicht. Darüber, wie lange die Kontaktsperre noch anhalten soll, mache ich mir keine Gedanken, man wird sehen. Eine richtige Ausgangssperre ist es ja bei uns eh nicht und die sehe ich auch gerade nicht kommen.
Noch ein paar letzte Bestellungen machen vor Ostern, damit man über die Feiertage vielleicht wenigstens ein bisschen an der nächsten Ausstellung arbeiten kann. Und das Osteressen planen, sonst bleibt einem ja nicht mehr so arg viel übrig in der Freizeitgestaltung. Im bayerischen Kochbuch steht ja alles drin, wie meine Mutter so schön sagt, und es stimmt auch, sogar, wie man ein Ei kocht.
Ich warte auf das Online-Mittags-Workout, gestern Abend haben wir noch Yin-Yoga gemacht. Zu zweit in einer kleinen Wohnung ist das kompliziert, aber es ging. Das Abend-Yoga ist ein Mond-Yoga, weil übermorgen früh um halb fünf Vollmond ist. 
Nächste Woche fange ich schrittweise wieder an, in meinem Job zu arbeiten. Die nächsten vier Wochen erst mal im Homeoffice, das hat die Ärztin auch zusätzlich noch mal so aufgeschrieben. Was mache ich, wenn bei mir die Kurzarbeit kommt? Lieber nicht darüber nachdenken. Wenn alles zu viel wird, klatsche ich mir zwischendurch die 3-in-1-kühlende Gesichtsmaske drauf.
Die Uni stellt komplett auf digitale Angebote um. Ein Seminar im Sommer: »Gemeinschaft in Zeiten der Pandemie, was bedeutet das?« Der The New York Times-Newsletter gibt Tipps: »Don't accidentally poison yourself while cleaning.« (pp)
 

5. 4. 2020 (Hamburg)
Nachdem ich den Tagesspiegel auf dem Klo gelesen hab:
Der Frühling ist da und alles wird gut. Einstimmen auf alles wird gut, Einstimmen aufs Weitermäkeln, Einstimmen auf die Nachrichten, Einstimmen auf realpolitische Kritik, das Verbessern von Fehlern, Einstimmen aufs Anpassen in die Veränderungen, die auch wirklich hart sind, weiter aufpassen, Einstimmen, auf dass Deutschland am Ende stärker wird. Das Gerüst steht, wir zwitschern wie die Vögel, den verrotteten ersten und zweiten Stock umfliegen wir – liegt auch nicht auf der Bahn. Einstimmen auf die Jahreszeiten, Einstimmung aufs Mittagessen, das Frühstück. Gut machen wir’s, einstimmig, gut. (fg)

5. 4. 2020 (Hamburg)
Normalerweise in den neuen nicht-normalen, normalen Stay-home-Zeiten klingelt jeden Tag der Wecker zwischen 07:10 Uhr (wenn’s S.s Handy ist) oder um 07:30 Uhr (wenn es mein Handy ist). Dann wird das Bett gemacht, gelaufen, geraucht, mediterraner Tee oder Kaffe aufgesetzt, dies das den ganzen Tag und dann sind die Abende nicht lang. Heute Nacht kriegten wir beide die Augen nicht zu, 00,01,02,03:00, irgendwie hat Michael Knight uns ziemlich wach gehalten. Was kann ich Einschläfernderes tun als zu zeichnen. Heute sind es 2 Körper mit Vulven. Der eine Körper mit T-Shirt, schiefen Fingern und Flossen statt Füßen und einem Fischkopf, schwarzen Haaren aufm Kopf und schwarzem kleinen Busch. Der zweite Körper mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern, einem Baby-Schnabeltier-Gesicht mit schwarzen Haaren aufm Kopf und schwarzem kleinen Busch und in meinem Lieblingsoutfit: T-Shirt und Socken. Beide, na klar, auf Abstand gehalten, aber die Haare verbinden sich in der Luft. Keeping In Touch Through Hair. (xo)

5. 4. 2020 (Berlin)
Gestern mit einer Freundin telefoniert, die oft in China unterwegs ist. Sie begrüßt mich mit: »Na, da haben die Deutschen jetzt eine schöne Paranoia abbekommen!« und erzählt mir dann aber eine Dreiviertelstunde lang, wie man die Masken richtig mit Desinfektionsmittel absprüht und was man alles noch beachten muss, und wenn man Einmalhandschuhe benutzt, dann muss man die aber auch vor dem Wegschmeißen noch desinfizieren. Ihr sind jetzt leider einige Einnahmen in China weggebrochen und sie hofft auf den Herbst für weitere Aufträge von dort.
Neue Erfahrung: Turnen per Videokonferenz. Zuerst hatte ich Kamera und Ton aus, aber man kommt sich dann vor wie ein Spanner. Und es ist ja letztendlich überall ein Preisschild dran, also habe ich doch nach einer halben Stunde Audio und Video angestellt. Man gewöhnt sich auch schnell daran, sich in den unmöglichsten Posen vor anderen zu zeigen, die man gar nicht kennt. Was soll’s. Ausgerechnet am ersten Tag hatte ich mal die Vorhänge gewaschen, die meine Regale verhängen, und musste der versammelten Mannschaft meinen Krempel präsentieren. Mittlerweile hängen die aber wieder und ich weiß, in welchem Winkel meine Wohnung am aufgeräumtesten ausschaut. Eine Freundin erzählt mir, sie habe sich noch vor zwei Wochen eine Kettlebell in einem Online-Shop reduziert besorgt – mittlerweile ist der leer gekauft. Ich mache mittlerweile fast täglich irgendwelche Kurse online mit und bilde mir schon wieder ein, dass die Klamotten besser sitzen. Heute geht’s weiter mit Yin-Yoga.
Diese Woche diverse Arzttermine gehabt und die unterschiedlichsten Handhabungen erlebt: In der Onkologie gibt es nur Mundschutz und Handschuhe für die Angestellten, auch die meisten Patient*innen kommen damit, manche aber auch nicht. Die haben wahrscheinlich so viele andere Sorgen. Oder keinen Mundschutz mehr bekommen? Habe heute welche verschenkt, ich hatte meine ja nach der Lungenentzündung im Dezember besorgt. Noch einzeln abgezählt in der Apotheke – »Warum gleich die ganze Packung mitnehmen? Sie können ja jederzeit wieder welche holen.« In der radiologischen Praxis zusätzlich noch Plexiglasschutz und man steckt die Versichertenkarte auch selbst in das Lesegerät. Und man muss vor der Untersuchung nicht so viel trinken wie sonst. Vermute mal, damit man nicht so oft auf die Toilette und somit quer durch die Praxis muss. Ich war zum ersten Mal gar nicht. In der Hautarztpraxis die Angestellte zu einer Patientin mit hustendem Kind: »Sie können ja erst mal eine Stunde draußen warten. Das Kind kann jedenfalls nicht hier bleiben – es ist ja ein Virenträger!« Nach Streit mit der Mutter vergibt sie dann einen Termin für Anfang nächster Woche.
Habe mir heute einen Stuhl in den Vorgarten gestellt. Die dünnen Eisenbeine sind erst mal im Boden versunken und ich wäre fast nach hintenüber gekippt. Was Corona und andere Krankheiten noch nicht geschafft haben, kriegt meine Tollpatschigkeit früher oder später bestimmt noch hin. (pp)

5. 4. 2020 (Frankfurt)
Einbde. min. berieben. Kanten etw. bestoßen. Schnitte min. staubschmutzig. Sonst gut. = Corona. Zweimonatsschrift. Die Zeitschrift Corona wurde vom Schweizer Sammler und Mäzen Martin Bodmer im Jahre 1930 gegründet und bestand bis 1943.
In den sechs Ausgaben, die pro Jahr erschienen, wurden sowohl zeitgenössische wie auch klassische Werke der Literatur, Essays und ausgewählte Korrespondenzen in Auszügen veröffenlicht. Bei dieser Reprint-Ausgabe finden sich die je sechs Hefte eines Jahres zu einem Band zusammengefasst. Sprache: deutsch. (jl)

4. 4. 2020 (Berlin)
Vor einem Jahr begann die Offensive auf Tripoli durch die Truppen von Chalifa Haftar gegen die international unterstützte Regierung in Libyen. Wenn es ums Aufgebot der exzentrischsten Lebensläufe in der Region geht, steht Haftar seinem ehemaligen Boss, Muammar al-Gaddafi, in wenig nach. Erst Gaddafi, dann mit der CIA und jetzt lässt er sich von den russischen Wagner-Söldnern und den bewaffneten Darfurrebellen die Arbeit machen. Alle, von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Frankreich, Italien, Türkei und die USA, stellen sich hinter die eine oder andere Seite, der Rest sieht zu. Da gibt auch der UN-Sondervermittler vor Erschöpfung auf. So schafft Haftar Fakten und platziert sich auf der Galerie der Machtergreifungsmänner.
In Turkmenistan ist das Wort Corona verboten, so lässt sich die Krise auch regeln. Hier bei uns bereiten sich die Prepper und andere Rechte darauf vor, die Krise für Anschläge zu nutzen, das machen sie den Jihadisten nach.
Ich finde es gerecht, dass Lindemann als der deutsche B. E. Ellis gefeiert wird.
Ansonsten haben Gaidaa, Yousra und Marwan mit Falling Higher absolut das Wochenende für mich gerettet. (https://www.youtube.com/watch?v=2_lu06Mt4rA&feature=youtu.be), (aw)

4. 4. 2020 (Berlin)
Langeweile 
Academia.edu – natürlich bin ich auch dort angemeldet – schlägt mir Angsträume – Lacan und die Leere des Schauplatzes aus RISS – Zeitschrift für Psychoanalyse vor. Ich lade das PDF runter und lege ihn zu Antonin Artaud und »Das Theater der Grausamkeit«. Den habe ich nur runtergeladen, weil ich »Das Theater und die Pest« nicht gefunden habe. Das hatte Castorf bei »Galileo Galilei« letztes Jahr schon verwendet. Warum habe ich mir das nur einmal angeschaut? Das war doch sehr gut, v. a. der über 80-jährige Jürgen Holtz nackt im Eingangsmonolog – phänomenal! Leider habe ich die Hanns-Eisler-Lieder des Stücks bisher nicht als Aufzeichnung gefunden. »Im Jahre 1609 schien das Licht des Wissens hell, aus einem Haus in Padua – Galileo Galiei, rechnete, rechnete aus, die Sonn’ bleibt still, die Erd’ kommt von der Stell’.« Lacan über die Angst vielleicht für die Vorbereitung der nächsten Ausstellung? Für die Ausstellung im Golden Pudel Club war eine Anregung: »Ich spreche zu den Wänden – Gespräche aus der Kapelle von Sainte-Anne«. Hat man, glaube ich, nicht so richtig gesehen. Ich habe auch noch eine ganze Vorlesung von Lacan über die Angst, die ich mal bei meinem Job im Copyshop in Kassel für einen Kunden kopieren musste und von der ich mir dann gleich eine Kopie gemacht habe. Natürlich habe ich da nie reingeschaut.
Das Spam-Mail-Aufkommen war die letzten Wochen sehr im Keller und ging von vielleicht 150 am Tag runter auf ein bis zwei. Jetzt sind es wieder so 80 pro Tag und nicht mehr nur Angebote für Gartenschläuche, Rohrreiniger, Messerschärfer und Zahnoptimierung. »Würdest du die Epidemie vermeiden? Sicherheits-Atemmaske, mehrfach verwendbar« (das war ja erwartbar), »Du richtest dich damit GARANTIERT Geradehaltung mit der Bandage« (Oha, von Homeoffice haben die auch schon Wind bekommen), aber auch passend für die Quarantäne: »Lebensgefährtin trennte sich von mir ... Mit Schnarch-Stopper Trennung vermeiden«, (Man ist ja jetzt mehr zusammen als sonst) und »Ich kann den Buckel an deinem Rücken nicht mehr ertragen zu sehen« – Ooops! ?Es gibt es Eintopf mit schwarzen Bohnen, eine Variante der brasilianischen Feijoada, mit dem, was der Kühlschrank noch so hergibt. Sollte für vier Personen reichen, ich hab alles allein aufgegessen.
Ranil bietet auf Bandcamp eine »Stay Safe & Sound«-Collection an. »So download this when you feel like it and SHARE the selection with as many friends and loved ones as possible! Why? Because its good for the Soul and eases stress :) !!« ?Der stressfreieste Anti-Stress-Kurs ist übrigens der, den man nie besucht – Goodbye Yale-University! (pp)

4. 4. 2020 (Michigan, USA)
Vinyl zu »Personal Protective Equipment (PPE)« – oder Schallplatten. Habe die letzten Wochen mit Mailorder/Online-Shopping bei Record Labels verbracht. Unter anderem habe ich ein T-Shirt bei »Trouble in Mind« in Chicago erstanden. Oder zumindest versucht. Ich war zu groß für die vorrätigen T-Shirts und erhielt stattdessen das Alternativangebot einiger Schallplatten. Mir ist das Label eigentlich unbekannt, wollte ja nur das T-Shirt haben, freue mich jetzt aber umso mehr auf die Schallplatten. Und Schallplatten sind ja schon gepresst, drücken daher weniger mein Gewissen, da man aus Vinyl ja auch PPEs herstellen könnte. Ganz freien Gewissens wäre ich natürlich nur, wenn für Tonträger noch Schellack verwendet werden würde. Schellack-Tonträger gehörten zu den Kriegsgewinnlern nach WW1 zu Zeiten des »Blitzkatarrhs« (Spanischen Grippe). Theater und Konzerthallen waren wie zurzeit geschlossen und nicht nur Victrola warb für Schallplattenspieler und Tonträger zur Verhinderung der Verbreitung der Influenzaviren.
HBO hat gerade verkündet, einiges kostenfrei zu streamen – unter anderem die grandiose Show »VEEP«, was eine schöne Komplementärunterhaltung zu den täglichen WH-Briefings ist. Beides ist ja schließlich Teil unserer Realität. (aa)

3. 4. 2020 (Hamburg, Altona-Nord)
Die Bücher von Rüdiger Nehberg waren nach seinem ersten mit 16 Jahren allein vollständig durchgelesenen Buch »Die Kinder von Bullerbü« die einzigen Bücher, die er wirklich gelesen hatte. Dabei galt Pitcher für intellektuell, für belesen. Das stimmte nicht. Die Schule hatte er nur geschafft, weil seine Mutter ihm die Hausaufgaben vorbereitete und er sie nachmittags während »Ein Colt für alle Fälle« oder »Western von gestern« abschrieb. Sie konnte jeden Lerninhalt, da sie alle Funkkolleg-Prüfungen absolviert hatte. Sie hatte eine Ausbildung in einem Chemielabor gemacht, war dann aber Hausfrau geworden und geblieben, was die Eltern für selbstverständlich hielten, oft regten sie sich über »die Doppelverdiener« auf. Pitcher wollte und konnte schon als Kind nie lernen, sich nie konzentrieren. Sobald er aus der Schule kam, schwang er sich aufs Rad, ging im gegenüberliegenden See schwimmen oder im Winter auf ihm Schlittschuh laufen. Die Mutter konnte das nicht ertragen und machte seine Hausaufgaben lieber selbst. Nach der Schule leitete Pitcher sogar Literaturkreise, aber auch hier konnte er mit dem Rauspicken der wichtigsten Stellen oder Querlesen Camus, Sartre und Co erklären, ohne jemals wirklich ein Buch durchgelesen zu haben. Survival war also für Pitcher schon früh nicht so sehr ein Überlebens- als vielmehr ein Lebensinstinkt. (gm)

3. 4. 2020 (Hamburg)
Überraschender Besuch bei meinem Hausarzt – also: Ich war überrascht. Erst mal, dass ich so schnell einen Termin bekommen hab wegen etwas komplett Unpandemischem, dann dort null Patienten bei vollem Team, alle ohne Schutzmasken (ich hatte eine auf). Die gestylte Praxis wirkte ohne Patienten gleich komplett futuristisch, wie in Tatis Playtime, irgendwie stand die Geschäftigkeit des weiß gekleideten Personal in keinem Verhältnis zu der Leere. Dr. R. erzählte mir dann bei der Untersuchung, dass Praxen, die keinen Coronatest machen, quasi alle wie ausgestorben sind, da die Leute Angst haben, sich anzustecken und ihre Krankheiten verschieben. Die Praxis nebenan müsse jetzt sogar Kurzarbeit anmelden, für viele Ärzte sei das jetzt paradoxerweise eine Krisenzeit wegen Unterbeschäftigung. In den Krankenhäusern ähnlich, aber da warteten sie eben auf einen Ansturm. Vorm Gehen, ich wartete aufs Rezept, jemand vor mir. Als er seinen Namen sagte und dass er seine Krankschreibung abholen wolle, die Assistentin: Ach, Sie sind das! Die Kollegin dazu: Ja, genau, geht’s wieder gut!? Und mein Arzt: Na, Sie Glücklicher können sich jetzt immerhin furchtlos draußen bewegen! Mein erster Corona-Geheilter. (smo)

3. 4. 2020 (Berlin)
Tiere übernehmen. Den Tag mit einem Foto aus einem Yakutischen Filmset begonnen. Zwei Jungs mit fantastischen Drachenkostümen, Masken in der Hand. Die Tiere haben mich den ganzen Tag nicht mehr verlassen. Ich vermute, dass die kleinen Krabbeltiere – die ich ansonsten in meinen Reisetrolleys herumfahre – sich wegen des Covid-19-Stillstands aus den Koffern in meine Räume bewegt haben. Stiche, Bisse, fast wie nach sommerlichen Zeckengängen über Wiesen, Flohbisse aus den jahrhundertalten Teppichen in äthiopischer Klöstern oder einfach Milben, die Zeit gefunden haben, mich als Wirt auszuwählen.
Auch anderswo übernehmen Tiere; Coyoten in San Francisco, Ziegen in Wales. Dazu passt schon lange vor Corona hat Aminata Forna in Happiness über den Wiedereinzug der Füchse in London geschrieben.
Ohrenkuss … da rein, da raus. Schreibt auf Instagram, wie sich die Redakteur*innen so fühlen in Isolation und Homeoffice. Das und unitedwestream.berlin ab 19 Uhr sind so Highlights. (aw)

3. 4. 2020 (Schleswig-Holstein)
Seit Frühlingsbeginn sitzt jeden Morgen um viertel vor sieben ein Specht auf dem First. Er behackt den bekackten Blitzableiter und ist im ganzen Haus sehr gut zu hören. Durch Beschimpfungen (»Du Idiotenknecht«) und hysterische Menschen im Nachthemd lässt er sich nicht von seinem Tagwerk abbringen. Seine äußerst eindrucksvolle Balz hallt durch die Marsch. Rammdösigkeit im Endstadium.
Stimmungsatlas der Woche: »P – Passivität« von Kathrin Busch. (fn)

3. 4. 2020 (Berlin)
I went to Berlin when I realized that the borders will be closing. The first day, I went to the supermarket which is closest to my apartment. In the checkout-line, I ran into KC. Even though we had never been close, we both were delighted about our coincidental encounter, so we had a Cappuccino-To-Go in front of the supermarket. KC and I ended up standing on the empty parking lot (nobody in this part of the city has a car), for an hour and a half, talking about many different things and sometimes not at all. Within the brightness of the early spring sun, I finally found the missing kind of stillness (the ‚stepping out‘) within the movement of others, that I usually find, when I stay home to write. Since then, I had a coffee on the parking lot of the supermarket every day, almost always together with KC – it is the only place in my analogue world in which I still feel the relief of urbanity. And maybe it is even the lack of purity, the potential contagiousness of the people whom I am surrounded by, the inconsistency of the publicness, that relaxes me. (...)
But why was it exactly the parking lot in front of the supermarket where I found my missing stillness? Is it because I need things to circulate around me to withdraw? ?Staying home has now become a nervous activity, a fearful one instead of a consolating one, not passive but very active. The function of the ‚outside‘ and the ‚private‘ have changed, they switched roles. Homes have become the places of circulation, for example by becoming ‚home offices‘ or places of ‚home shopping‘. While people don’t get dressed in the morning anymore, inside of them it is rotating, circulating even more. (oh) ?(Vollständigen Text unter: textem.de/index.php)

3. 4. 2020 (Hamburg)
Seit Monaten beschäftigten ihn nur noch die Titelfotos der Zeitung, sein Schlaf war darüber unruhig geworden, gleichzeitig musste er sich um nichts anderes mehr kümmern. Wenn ihn nicht gerade der Husten quälte. Nach dem elften September hatten die Helfer, die Verschüttete zu bergen versuchten, Atembeschwerden bekommen, Erstickungsgefühle und Husten, quälend und bellend. Das hatte er gehört, als sich bei ihm schon genau dieselben Symptome zeigten, er hatte niemand Verschüttetes zu retten versucht, aber in seiner Werkstatt mit giftigen Substanzen hantiert, sehr giftigen Substanzen. Zu spät hatte er die Atemschutzmaske gekauft und sich dann wie ein Astronaut gefühlt, wenn er damit durchs Haus lief – als befände er sich allein auf einem fremden Planeten. Das Zeitungs-Abo war ein Rettungsversuch gewesen, er hatte gehofft, die täglichen Nachrichten auf seiner Fußmatte bänden ihn an die Erde. (dh) (aus dem Archiv)

3. 4. 2020 (Berlin)
Auch das Korrekturlesen von Hausarbeiten ist mit Corona anders als ohne. Wenn jetzt Arbeiten aus einem »Männerphantasien«-Seminar eintreffen, in denen der Fokus auf »Akteuren [liegt], mit denen Theweleit nachweislich Kontakt hatte und mit denen er demnach auch in enger Zusammenarbeit an seiner literarischen Dissertation gearbeitet hat«, denke ich nicht an literaturtheoretische Fragen wie Co-Autorschaft, sondern an fahrlässige Ansteckung durch Missachtung der Social-Distancing-Regeln und Bußgeldgefahr. (ppg)
 

2. 4. 2020 (Hamburg/Bremen)
Mit meiner 91-jährigen Tante I. in Bremen telefoniert, wie die Lage sei. Sie referiert Zahlen aus der Zeitung und meint, ihr könne eh nichts passieren, solange sie die Zeitung lese. In Bremen sei es ja alles nicht so schlimm wie in Niedersachsen, und hier nun vor allem in Schwachhausen. Aus dem Heim kommt sie zwar noch raus, aber nicht wieder rein, da der automatische Türöffner außer Betrieb ist und sie beim ersten Versuch, die schwere Tür zu öffnen, umfiel. Sie könne mir also nicht sagen, ob in Bremen überhaupt noch Autos führen, da sie das von ihrem Balkon aus nicht überprüfen kann. Schlimm vor allem auch für die Sportler, die jetzt nicht trainieren können, und für die Betriebe, und überhaupt, sie wisse gar nicht, warum sie so viel Geld für die Zeitung zahle, wenn da ausschließlich über Corona was drinstehe. So geht es weiter, bis sie beiläufig erzählt, dass sie am Sonntag in ihrem Zimmer ausgeraubt wurde. Na ja, zum Glück habe sie nur 15 Euro dagehabt. Außerdem habe sie ja gleich gebrüllt, da sei der aber weg wie nix. (smo)

2. 4. 2020 (Hamburg)
Was ich in den letzten zwei Wochen nicht geschafft habe:
Mehr als 8 Lieder von Playlist hören von eine*r, der ich auf Instagram folge: yung angel – whore’s ALL IN ONE.
Film 66 Kinos von Philipp Hartmann gucken.
Überhaupt Filme gucken. 
Architektur Foto-Portfolio machen, damit ich das Leuten mailen kann, damit ich gutes Geld verdiene.
Die sechs Hefte Spuren – in Kunst und Gesellschaft von circa 1985 lesen, die seit einem Jahr auf meinem Schreibtisch liegen.
Paulina anrufen.
Yoga.
Fenster putzen.
Listen oder Vorschläge angucken, was man during lock-down machen könnte.
Die verklemmte Schublade in meiner Kommode reparieren, die ich seit einem Jahr nicht öffnen kann. Weiß gar nicht mehr, was drin ist.
Text über die miesen Kommentare schreiben, die Leute unter den Artikel in leichter Sprache über Corona der taz auf Facebook posten https://taz.de/Corona-Infos-in-Leichter-Sprache/!5672911/?Mittagspausen machen. (js)

2. 4. 2020 (Berlin)
Eine Bedrohung zwischen: Ich weiß wovon und ich ahne und ich kriege es nicht zu fassen. Dieses Schwanken wird immer dann mehr, wenn ich ein paar Stunden mit niemandem geredet habe. Dabei spielt auch eine Rolle, dass bei genauem Hinsehen viele Erklärungsmuster abrutschen – Es ist nicht im Interesse des Kapitals, der Pharmaindustrie. Von dem politischen Personal, was wir jetzt haben, hat auch niemand wirklich das Zeug zum Diktator. Bleibt die Natur als Verursacher. Natur wäre dann das, von dem man sagen kann: »Ja so ist es!« Und davon bin ich ein Teil. Da sitzt ein Moment der Kränkung, die auch verhalten wütend machen kann. Das zu akzeptieren ist schmerzlich. Dazu muss man schon ganz schön stark sein, um darauf hin neu Schwung zu nehmen und handlungsfähig zu bleiben, zu werden, politisch. (kjp)

2. 4. 2020 (Berlin/Äthiopien/Kenia/Somalia)
Gleichzeitigkeit. Die äthiopische Präsidentin Sahle-Work Zewde schreibt mit dem deutschen Präsidenten Frank Walter Steinmeier einen Beitrag zu Corona in der Financial Times, wo sie deutlich machen, dass Isolationismus keine Lösung und Koordination und Kooperation der einzige Weg ist. Gleichzeitig beginnen äthiopische und kenianische Truppen und Milizen – manche in lila und Mauve-farbenen Adidas-Trainingsanzügen an ihrer gemeinsamen (und der somalischen) Grenze aufeinander zu schießen. Kenia hat eine Ausgangssperre verhängt wegen Corona, Somalia die Grenzen für Khat-Flüge aus Äthiopien und Kenia gesperrt. Das ist, wie wenn hier schlagartig alle Trinkenden auf Zwangsentzug geschickt werden, das wird kein Spaß.
Solange hier die Agambens und Sloterdijks ihrer Endlichkeit mit Totalitarismushämmern zu entfliehen suchen, ist ja in Westeuropa noch alles in Ordnung. Irgendwie sieht auch Tracey Emin auf der White-Cube-Instragram-Geschichte aus, wie aus der Welt vorher. Analoges. Durch die Mundschutzrealität bei Edeka verändert sich der Blick auf Hassan Hajjajs Arbeiten mit Gucci Niqabs.
Ansonsten alle paar Minuten bei ggggrimes auf Instagram checken. (aw)

2. 4. 2020 (Hamburg)
Inzwischen habe ich alle aus dem Hausflur mitgenommenen Geo Epoche-Magazine durch. Erst die Zeit der Entdecker, dann Maya, Inkas und Azteken und final noch mal den Ersten Weltkrieg durchlebt. Hier und dort, heute wie damals waren Menschen, so scheint es, durch die Bank einfach gemeine Schinder, die sich besonders gut und besonders spleenig umbringen konnten. Ich habe Folgendes gelernt: Der Arktisforscher Fridtjof Nansen nahm auf seine Expedition im Jahr 1895 eine Bibliothek von 600 Büchern und weiterhin Dutzende Musikinstrumente mit. Nicht gelernt, aber geschlussfolgert: Für den Fall, dass das, was man dort vorhat, doch vielleicht total langweilig wird. Die sensorische Diversität eines Ausflugs in die Arktis ist wahrscheinlich vergleichbar mit einem Spaziergang durch die Gegend um Münster oder Osnabrück herum. Menschenleere Weiten eisiger Kälte, Zeit, die wie Pudding kichernd wackelnd verrinnt. Ich schleppte jeden Tag in die Schule einen ganzen Rucksack voller CDs mit mir. Jeden Tag so um die 60 Stück. Fiel mir auf dem halbstündigen Fußweg nach Hause ein bestimmtes Lied ein und die CD war nicht zu Hand, war ich aufgeschmissen und schlurfte hilfs- und antriebslos Richtung Mittagessen. Also ich schlurfte eh hilfs- und antriebslos Richtung Mittagessen, ohne Musik nur, auch ohne moralische Überlegenheit gegenüber der ganzen Welt, durch einen Unterbau aus falsch verstandenen und kontextlosen Adorno-Zitaten. So war Fridtjof Nansen wahrscheinlich auch. Ein nerviges Würstchen, der die anderen ständig mit Aphorismen aus seinen Büchern malträtierte, während sie die Drecksarbeit für ihn machen mussten. Pfui, Fridtjof Nansen. Hab derweil kurz rausgeschaut, da ist nichts Neues. (tw)

2. 4. 2020 (München)
(Aus dem Archiv) »Hauke hatte mich an einem Sonntag zum Meereis-Messen mitgenommen. Mit zwei Skidoos und Survival-Box fuhren wir die paar Kilometer bis zur Rampe, über die man auf die zugefrorene Atka-Bucht gelangte. Dann folgten wir seiner Route auf dem Navigationsgerät, an der Schelfeiskante entlang. Das Instrument war in ein gelbes Kanu integriert und wurde am Boden hinter Haukes Skidoo nachgezogen. Eine elektromagnetische Spule maß den Abstand vom Boden – also der Schneeoberfläche – zum Wasser unter dem Eis. Ich steckte alle fünfzig Meter eine Sondierstange in den Schnee und notierte die Werte in einem Heft; später wurde die Schneehöhe von den Daten der Spule subtrahiert und Hauke erhielt die Dicke der Eisdecke.
Es war windstill und die Pinguine außer Hörweite. Ich nahm meinen Blutkreislauf wahr.« Das war der leiseste Punkt meines Lebens. Im Verhältnis dazu ist auch im ausgangsbeschränkten Zustand ganz schön viel los, akustisch. (jn)

2. 4. 2020 (Michigan, USA)
Mache mir auf einmal gar keine Sorgen mehr, zur Arbeit zu gehen – wahrscheinlich bald in eines der Make-Shift-Hospitals mit mehr als 1000 Betten, die hier jetzt entstehen. Bin guten Mutes: Die Ansteckungsgefahr als Arbeiter im Gesundheitssystem ist geringer (oder zumindest nicht höher) als draußen in der Gesellschaft. Also besser Heimkehrer, als zu Hause ausgebombt zu werden. Und unsere Regierung tut was. Unser Vizepräsident sagt immer noch, lieber Hände falten (beten) als waschen (ungebeten). Unser Präsident schickt »Personal Protective Equipment«, verlangt dafür aber ernsthaft, dass unsere Gouverneurin und alle »Danke« sagen. Ich falte meine Hände und sage ganz langsam (gilt beim Beten auch die 20-Sekunden-Regel?): Danke!
Vor dem Einschlafen gucke ich die WH-Pressekonferenz – ganz bizarr: Vor ein paar Tagen war da ernsthaft der CEO von MyPillow Company. Das Gesicht kennt man aus stundenlangen Werbesendungen in der Nacht, in denen er seine Kopfkissen verkauft – diesmal aber Lob für Gott, dass er uns diesen Präsidenten zu unserer Rettung geschickt hat. Außerdem fordert er uns auf, während der »social distance« mal wieder mit der Familie die Bibel zu lesen. WWJD. Mein lieber Herr Gesangsverein. Und zu allem Überfluss möchte mein dreijähriger Sohn am Abend ein Bilderbuch mit der Weihnachtsgeschichte lesen. Da kann ich nicht »Nein« sagen. Kann ich sowieso schlecht. Ich hole Zimtplätzchen und Lebkuchen und wir lesen. Am Morgen behauptet er, es sei Schnee gefallen. Stimmt nicht. Es ist allerschönstes Frühlingswetter, die Sonne scheint auf den Fluss vor unserem Fenster. (aa)

2. 4. 2020 (Berlin)
»Ich melde mich, sobald ich absehen kann, wie es mit der Warteschleife läuft.« ?»Ja. Wie viele sind jetzt noch vor dir?«?»Heute haben sie ca. 50.000 geschafft, d. h. es sind noch ca. 25.000 vor mir, d. h. wenn sie so weitermachen, bin ich um 1.30 Uhr dran.«?»Ab 23 Uhr machen sie doch immer Pause bis sechs. Schlafen kannst du.«?»Ah, o. k., danke. Hast du den Antrag auch gestellt?«?»Zuerst nicht, aber dann ist mir aufgefallen, dass meine Aufträge von XX ›storniert‹ worden sind und die Lesungen im Mai und Juni wahrscheinlich. Und dass meine Agentin das Buch jetzt nicht anbieten kann – dann fühlte ich mich plötzlich berechtigt. Hab irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil man ja trotzdem schreiben kann.« ?»Bin müde.«?»Guten Morgen, war gerade dran und habe den Antrag gestellt.«?»Übrigens: Es geht meiner Meinung nach gar nicht darum, wer berechtigt ist, sondern wer es wirklich braucht, um zu überleben.«?»Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben.« ?»Weiß nicht, wir würden sicher nicht verhungern. Ich finde es kacke, sich aus so einer Tragödie einen Vorteil verschaffen zu wollen.«?»Wie müssten deine Umstände sein, dass du das Gefühl hast, dir stehe es zu?«?»Jetzt hat es angefangen zu regnen. Wollen wir die Runde im Park auf morgen verschieben?« ?»Guten Morgen. Wird das Wetter heute besser?«?»Ja und krass: Wollte gerade die Miete überweisen. Das Geld ist schon drauf.« (DR)

2. 4. 2020 (Berlin)
Träne auf Eierstulle
Heute erhielt ich ein Telegramm aus einem anderen Leben. Es lautet: Ach C., da sitze ich aufm Sofa zwischen vollgekackter Windel und vaporizer, sehe dein Bild und denke: Ich vermisse dich. Wollte die ganze Zeit schreiben, irgendwie war’s mir unangenehm, hat nie richtig gepasst. Wollte auch eigentlich nur sagen, ich denke oft an dich. Und irgendwie bist du da irgendwo in meinem Herzen. Das war’s schon.
Liebe Grüße J.
Ich aß eine Stulle mit Ei, ich las die Nachricht und eine Träne wanderte auf das Ei. Da muss erst eine Pandemie kommen! Vielleicht hätte mich die Nachricht auch unter anderen Bedingungen erreicht. Kann sein. Ich glaube aber, dass diese Zeit gerade ganz viele Schichten abträgt und offenlegt, was im Normalzuständigen unter vollgekackten Windeln verschüttet war. Scheiß Zeit und somit beste Zeit, den ganzen Abrieb beiseitezukehren und mal Luft ranzulassen. Mit wässriger Eierpampe im Mund bekomme ich eine Ahnung davon, wie beiläufig wir uns haben ziehen lassen. Irgendwie verdammt traurig. Coronamelancholie. (cab)

1. 4. 2020 (Berlin)
Das letzte Biest am Himmel ?Bin zum Online-Schauen von Brechts Kaukasischem Kreidekreis am Berliner Ensemble verabredet. In meinem Kulturkalender steht, dass ich am 29. Februar noch im Theater war, und zwar in Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater nach dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer. Ich wollte mir das ja eigentlich gar nicht anschauen, denn Einpersonenstücke finde ich schon eher anstrengend. Außerdem mag ich Sophie Rois zwar sehr, finde aber ihre allerneueste Verkultung etwas merkwürdig. Außer einem René-Pollesch-Stück pro Jahr braucht sie ja am Deutschen Theater nur ihre Solo-Events machen, hat aber zum Ende der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Frank Castorf sehr oft betont, wie wichtig ein Ensemble fürs Theater sei. Gut, vielleicht passt sie auch einfach doch nicht ans Deutsche Theater? ?Jedenfalls hatte ich mir vorgenommen, dieses Stück auszulassen, ist ja auch eh immer ausverkauft. Eine Freundin hatte allerdings gleich Karten dafür besorgt. Im Nachhinein betrachtet: Hoffentlich ist das Stück nicht zu prophetisch für unsere Zeit. Eine Frau sitzt umgeben von einer unsichtbaren Wand, und außerhalb des Areals sind alle erstarrt. »Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.« Oder von der BE-Website: »Die Katastrophe kommt, weil wir sie träumen. Und wir träumen sie, weil wir sie fürchten und uns nach ihr sehnen. Wenn die Katastrophe eintritt, hören die peinigenden Phantasien auf.« Hmm, na ja, weiß nicht so recht, man hört so ein Gequake ja jetzt öfter … sind wohl eher Leute, die sonst keine Probleme haben, die sich so was ausmalen. 
Der Abend dauerte gerade mal eine Stunde, mit ein paar geträllerten Liedchen dazwischen, z. B. einer österreichischen Version von Like a Rolling Stone, die den Schlusspunkt bildet, und einem riesigen Tortenstück aus Stoff als Bühnenbild, auf dem Rois herumkraxelt. So locker kann Theater also auch sein; ich war doch sehr zufrieden. Und sehr froh, dass es nur kurz dauerte, denn ich hatte damals schon Angst, mir was einzufangen. Am Abend darauf wurde dann auch die erste Infektion in Berlin gemeldet. (pp)

1. 4. 2020 (Berlin)
Abstand nehmen muss man derzeit nicht zuletzt von einem falschen Pathos der Solidarität, der in der gegenwärtigen Situation besonders weit verbreitet ist. Solidarität, die es zweifellos gibt, wird dabei häufig trivialisiert und von ihrer bloßen Rhetorik substituiert. Plötzlich soll überall Solidarität erblühen. Auch Regierungen und Institutionen appellieren an Solidarität, die in ihrem Normalgeschäft alles dafür tun, sie abzubauen und auszutreiben, ihre Grundlagen zu zerstören. Was ist von politischen Vertretern zu halten, die sich empören oder gar vertrottelt darüber wundern, dass sich in einer krisenhaften Situation plötzlich auch egoistische Verhaltensweisen zeigen, dass sich auch berechnendes, auf Gewinnmaximierung abzielendes Marktverhalten bahnbricht? Es ist ein Egoismus, der tagtäglich systemisch gefördert wird, ein Egoismus der kapitalistischen Subjektivität, der trainiert, kultiviert und gelebt wird. Das Virus: ein großes Schauspiel des kritischen Denkens und der frömmelnden Moral. (mq)?(Vollständiger Text unter: www.textem.de/index.php)

1. 4. 2020 (Hamburg)
This morning I pissed on a paper strip wondering if Corona would make for a cute – and respectable – name. Negative. I felt disappointed. That is: I have officially tested meschugge. Love in time of Sars-CoV-2.
But perhaps I am neither in love nor actually out of my mind. Not right now. Right now, I’m normal. The new normal. I am the norm. The joke is on you, you compulsive socialites. True, I don’t have kids who threaten to burn down the house out of boredom. True, I don’t have to worry about money because I have been unemployed for such a long time that the government covers my rent and provides me with a little pocket money. True, I am a fit female in my 30s so the virus will probably ignore me even if I decided to deep-tongue a skiing instructor from Italy (I detest skiing).
I have the luxury of writing in a flat of my own. I also have the luxury of being an introvert with solid experience in managing depressive episodes and bouts of social anxiety. Staying at home for weeks not seeing or talking to anybody? Only leaving the house to stock up on basics (booze, chocolate, coffee, tobacco)? Online-yoga instead of going to the gym? Biweekly psycho-analysis via Skype? I got you, honey.
So perhaps my rather lame dysfunctions provide me with a set of special skills. I am highly adapted to this state of emergency. In a situation in which normal people freak out, I am the freak who stays calm. In a weird Darwinian twist, I have been catapulted to the pole position of attractiveness. I’m a luscious island in full bloom (courtesy of my jungle-print bathrobe). Just call me Eden.
That’s how I ended up pissing on a paper strip, I guess. On the verge of the social distancing decree, I met a yummy boy. Curly chest hair, flimsy tulle skirt. What was supposed to be a one night treat – all I can handle, normally – turned into cohabitation. I got myself a quarantine. Yup. (And I like it.) (mm)

1. 4. 2020 (Hamburg/Ostsee/Altona)
Mit M&E telefoniert, sie haben jetzt endlich bei Rewe Lebensmittel bestellen können, da wurden neue Kapazitäten geschaffen, Marianne meint, sie haben Unmengen bestellt. Nach neuer Lage müssten sie ihren Zweitwohnsitz an der Ostsee jetzt doch nicht räumen, aber sie haben sich auch nicht mehr wohlgefühlt angesichts zunehmender Feindseligkeiten. Die Bäckerin, bei der Elvira täglich Brötchen kauft, meinte: Was machen Sie denn noch hier?
Bei Volkers Kostümfirma sind die Aufträge weggebrochen. Dann fragte eine Freundin, deren Mann Arzt ist, ob nicht ein paar Mundschutzmasken genäht werden könnten. Das sprach sich rum, Volker, sein Kompagnon und die Hand voll Mitarbeiter stellen seit Anfang vergangener Woche täglich 250 Masken her. So viele verschiedene Kunden habe er noch nie gehabt, meint Volker, ständig Kontakt, Verabredungen, Lieferung per Kurier, manche holen ab, kommen dazu rein, andere wollen lieber einen Ablageort vereinbaren. Man bekommt eine Ahnung, wie Schwarzhandel funktioniert. Wenn er in Stoffgroßhandel geht, wo er seit Jahrzehnten einkauft, hängen da oft schon Aushänge, oder es wird gesagt: Gummiband und Schrägband ausverkauft. Oft bis Juni. Die Nähproduktion wurde allenthalben auf Mundschutzmasken umgestellt. Als langjährigem Kunden werden Volker Margen von Schrägband angeboten, die noch vorhanden sind, oder aus der nächsten Lieferung. Auch die Theaterschneidereien haben umgestellt, Telefonate zum Erfahrungsaustausch, welche Stoffe gehen, Gummi oder zum Zubinden (Gummi drückt leicht, lieber zum Zubinden). Die Masken können 4 Stunden getragen werden, danach auskochen. Bei den Preisen große Gefälle, 5 Euro sind im üblichen Rahmen. (smo)

1. 4. 2020 (Hamburg-Altona)
taxifahrer sind bei nacht jetzt mit 100km/h durch die stadt unterwegs. man ist schneller daheim und bekommt auch gleich ein gefühl von endlichkeit mit auf den weg. (vr)

1. 4. 2020 (Berlin)
Schuldgefühle des Risikopatienten. So viele Freunde bieten an, die Einkäufe zu übernehmen, und jedes Mal, wenn ich die Liste durchgebe, steigt die Scham auf. Ich will das alles eigentlich nicht. Will kein amputiertes Leben. Und inmitten der allgemeinen Paranoia stelle ich mir vor, sie könnten sich beim Abarbeiten meiner Liste anstecken. Also bitte ich, nur zu gehen, wenn sie sowieso einkaufen würden. Nicht extra für mich, bitte. Wirklich. Das sagen sie zu, auch wenn sie dann immer nur mit meiner Tüte vor der Tür stehen. Und meist finde ich unter den Einkäufen süße Kleinigkeiten, die gar nicht auf der Liste standen.
Neben den Einkaufslisten entstehen neue Listen, die Listen derer, die bereits eingekauft haben. Name, Datum, Aufwand. Damit ich sie nicht zu oft bemühe. Donnerstags findet hier noch ein winziger Markt statt, wo Brot, Fleisch und Brotaufstriche zu haben sind. Da kann ich selber hin. Die Listen schreibe ich draußen. Ich muss an die Luft. Die Nervenentzündung im Bein begrenzt den Radius.
Ich gehe so lange um den Mehringplatz, bis die Schmerzen zu heftig sind, suche mir eine Bank, stöpsele Bowie ein und schreibe Listen. Gestern stand erstmals seit Kriegsausbruch plötzlich ein Polizist vor Bowie und mir, der mich ermahnte, dass ich nach Berliner Ordnung nur kurz auf der Bank verweilen dürfe. Kurz! Ich solle keine Romane schreiben. Auf die Ausweiskontrolle verzichte er, »diesmal«. Ich erläuterte ihm, was Neuropathien sind und dass wir nun zwei Möglichkeiten hätten: Er lasse mich länger verweilen oder trage mich heim. Ich durfte sitzen bleiben. Keine Zeit zum Romaneschreiben. (dl)

1. 4. 2020 (Berlin)
Wirklich null Konzentration. Ich schaffe es nicht mal, mich von Maaza Mengestes Shadow King disziplinieren zu lassen, durch ihre fantastische Sprache, die die Widerwärtigkeit und Einfältigkeit personifizierter Macht seziert. Mussolinis Truppen in Äthiopien, Giftgas, Rassismus, Selbsterhöhung, Faschismus. Und dagegen stellt sie – ohne kitschig zu sein – eine Armee von Frauen, eine Gruppe von Trickserinnen, die für den Erhalt des sozialen Friedens einen Kaiser-Haile-Selassie-Lookalike gecasted haben und ihn herumzeigen. Ein Kaiser, der ins Exil geht und seine Leute alleine lässt. Francesca Melandri hat mit Alle, außer mir vor drei Jahren das italienische Gegenstück dazu geschrieben, aus der Täterperspektive. Dazu klafft hier weiterhin eine riesige Lücke.
Die Sehnsucht nach einer starken Ansage macht mich wütend, als ob nicht das Suchende, das Vermittelnde, das Kommunizierende Vertrauen aufbaut und Verantwortung teilt. Orban lässt die demokratischen Instrumente aufheben, als ob einer allein komplexen Herausforderungen besser gewachsen wäre. Spanien ruft zur mass hybernation auf, auf mich wirkt das wie Hypnose. Blättern durch Blind Spot von Teju Cole verstärkt die Atemverlangsamung. Vielleicht wird’s morgen was mit der Konzentration. (aw)

1. 4. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe)
ich unterhielt mich über den film melancholia … und fragte bei einem psychoanalytiker nach, ob die dort inszenierte, gelöste hingabe der depressiven hauptdarstellerin angesichts der sicher eintreffenden katastrophe häufiger als nur einmal im kino vorkommt.
die antwort des analytikers: »ja, das kommt häufiger vor. das habe ich auch jetzt wieder erlebt in der praxis. die diffusen ängste und auch die wut mindern die aufmerksamkeit für die innere grabpflege.« (nor)

31. 3. 2020 (Berlin)
Wir sind dagegen, wir sind dafür?Wenn ich die alten Backformen auf die Straße stelle, fangen die anderen dann auch an und kaufen mir die spärlichen Mehlreste weg? Soll ich vorher lieber noch was davon einlagern? [Anmerkung der Sekretärin: Hat er doch eh schon. Und den Kühlschrank auch voller Eier!]. Der herrlich feuchte Zitronenkuchen wurde nicht nur feucht, sondern innen noch sehr flüssig, eigentlich kann man den nur von den Rändern her essen. Da ich aber eh nicht genau weiß, ob die Zitronenschalen unbehandelt waren, ist es vielleicht auch ein Zeichen dafür gewesen, lieber nicht so viel davon zu essen. Als Kind hatte ich mich mal an Zitronenkuchen überfressen, und gestern Abend war mir davon auch wieder schlecht.Ich habe die letzten Tage oft vergessen, meine Operationsnarbe am Hals zu massieren und das Paravasat (Just don’t google it!) am Arm zu massieren. Die Silikonsalbe ist eh bald leer und ich habe keine Lust in die Apotheke zu gehen. Mit dem Fiebermessen wurde ich auch nachlässig.

Ich bekomme eine Einladung zur »Ersten Hygienedemo für Verfassung, Grundrechte & transparente Gestaltung der neuen Wirtschaftsregeln durch die Menschen selbst. Mit 2-Meter-Abstand, Mundschutz* und Grundgesetz.«: »1. Führen Sie ein Exemplar des GG bei sich oder drucken Sie sich die ersten 20 Artikel der Verfassung auf einem Blatt aus. ...Tragen Sie Ihr GG auf dem Weg OFFEN in der Hand.« Das wäre zwar eine gute Gelegenheit, die Sonnencreme, bei der ich mich schon beim Kaufen gefragt habe, wann ich die denn dieses Jahr überhaupt brauche, tatsächlich zu benutzen, aber ich bleibe lieber auf dem sonnigen Balkon und schaue beim Umtopfen zu.
Meine Mutter schaut sonst ziemlich viel Fußball – entweder sonntags am Fußballplatz oder unter der Woche im TV. Sie erzählt mir, dass das Viertelfinalspiel von Deutschland und Italien bei der EM 2016 in Frankreich wiederholt wird und sie das anschaut. TV-Zeitung: »Ein Spoiler-Alarm ist an dieser Stelle wohl unangebracht: Deutschland gewann die hochdramatische Partie in Bordeaux im Elfmeterschießen und besiegte endlich den Angstgegner bei einem großen Turnier.« Ausgerechnet.
»Bon soir, Hornwachte und Umgebung! Heavy Metal und Disco Fox geht nicht? Doch! Ein Paar tanzt wie selbstverständlich zu Iron Maidens Wasted Years. Vielleicht schaut ihr euch ein paar Schritte ab für euren nächsten Discobesuch. Schlaft schön!« (pp)

31. 3. 20202 (Schweiz)
A. hat keine Lust auf Erklärungen, sobald er etwas unterlassen soll, was er aber dringend möchte, brüllt er laut JAHAH, VIRUS V I R U S  V I R U S. Das ist nicht immer schlecht, z. B. dann nicht, wenn man ungestört auf den hier noch nicht gesperrten Spielplätzen sitzen will oder sonst wie nicht angesprochen werden möchte.
Gestern schleppten die Nachbarn Wassernotvorräte in die Keller, die Straßen sind ausgestorben, nur gut genährte Hunde ziehen verängstigte Besitzer*innen von der einen zur anderen Straßenseite. Ich jogge, wann immer es geht, viele haben die gleiche Idee und sind sich im Wald sogar zu nahe, der Wind könnte in die falsche Richtung wehen, und ich ertappe mich dabei, wie ich auch den Kopf abdrehe. Ein Glück, dass mir für die kommende Woche ein Fotoauftrag erhalten blieb, Stills – Gold und Schmuck, ich hoffe, es glänzt.
Um mich abzulenken, hab ich vorhin nach Bildern von Schweizer Reduits gegoogelt, manchmal wie Chalets bemalt, auf die Betonwand gemalte Blumenkästen. Darin Munition und bestimmt Haufenweise Notvorräte versteckt. Ob die regelmässig erneuert werden? Ob die wirklich noch dazu da sind, gebraucht zu werden? Vollgestellt mit Dosenravioli von 1989. (sh) 

31. 3. 2020 (Barmbek-Süd, Homeoffice)
Der Teeladen am Mühlenkamp ist glücklicherweise systemrelevant. Das Wort ist uns noch gut bekannt aus der Zeit der Bankenkrise. Ein Unternehmen, das nicht systemrelevant ist, steht zur Disposition. Was systemrelevant ist, überlebt. Ist einfach unverzichtbar. Normalerweise bemisst sich die Relevanz dabei an der schieren Größe, nicht an irgendeinem anderen Attribut, an keiner Tugend und keinem Wert, was dem daraus abgeleiteten »Too big to fail« seine zynische Pointe verleiht. In Zeiten von Corona verläuft die Frontlinie womöglich gar nicht dort, wo wir sie reflexhaft vermutet haben. Ohnehin ist Darjeeling in jedem denkbaren System unverzichtbar.
Warum Blumenläden schließen müssen? – wenn man nicht direkt betroffen ist, lässt man diese Fragen großzügig offen wie die eine große Frage überhaupt: Wie lange? ?Vor ungefähr drei Wochen habe ich ein paar Sachen in eine Reinigung gebracht. Und fast vergessen. Homeoffice. Gestern nachgeschaut, ob sie mal aufmachen zwischendurch.
Mehl war ausverkauft, als auch ich plötzlich auf die Idee kam, Apfelkuchen zu backen. Woher stammt das Bedürfnis, Waren in Übermengen nach Hause zu schaffen? Es war schon von Hamsterkäufen die Rede, als niemand jemals eine Verknappung der Vorräte auch nur hypothetisch in den Raum gestellt hatte. Die Verknappung der Vorräte realisierte sich soziologisch gesehen komplett von allein. Wie mag es sich wohl anfühlen, wenn ringsum im Mietshaus bereits alle verhungern und man kann noch auf eine Speisekammer voller Ravioli zurückgreifen?
Am Telefon berichte ich G. davon. Ihre Freundin V., erklärt sie, habe im Supermarkt nach Mehl gefragt und die Mitarbeiterin meinte nur: »Kokain kann ich leichter beschaffen.«?Der permanente Medienkonsum der ersten Tage schuf eine Beunruhigung zweiten Grades. Inzwischen fließt der Strom der Neuigkeiten zäher. Es ist auch nicht mehr alles neu. Hat Spanien China bei der Todesrate überholt oder bei der absoluten Zahl der Infizierten? Wird das Abitur bundesweit stattfinden? Kann man das Champions-League-Spiel Bergamo–Valencia eine »biologische Bombe« nennen? Halten die Niederlande geschickter die Balance von öffentlichem Leben und Infektionsrate als der Rest Europas? Ist das alles nur ein unabwendbarer Mahlstrom von Folgeereignissen? Oder passiert bereits, was ebenso unabwendbar passieren muss: unsere Abstumpfung? ?Der Vizekanzler bringt die gleiche Rede weniger glaubhaft rüber als die Kanzlerin, die er vertritt und deren weltweit erfolgreichen Duktus er bereits perfekt beherrscht. Vermutlich ist auch sie auf geheimnisvolle Weise systemrelevant. (rs)

31. 3. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe)
beim videokonferenz-yoga gab's heute anleitungen in sachen hilfsmittel. wenn man keinen plastik-schaumblock zum sitzen zu hause hat, sollte man sich ein dickes buch nehmen, möglichst kein religiöses. der lehrer hat das kapital von marx empfohlen, weil der ja schließlich atheist war, oder andere literatur von atheisten, hauptsache, dick müssen die bücher sein. so wird die göttin der weisheit vielleicht doch böse, wenn man drauf sitzt, aber marx hätte es (zumindest in spiritueller hinsicht) nicht gestört … ich verwende den stein kulturfahrplan. (nor)

31. 3. 20202 (Hamburg)
Wow. Ich rieche mich, ein Stressschweiß vom Feinsten. Eben den ersten Stress abgeduscht und direkt kommt der neue nachgeschossen. Heute ist der erste Tag nach 2 Wochen, an dem ich mich mit echten ernsthaften Grund anziehen muss. Ich habe heute, nach dem Urlaub meiner Therapeutin und in Zeiten von Covid 19, einen normalen Montag mit Therapiesitzung und habe höllische Angst davor. Was, wenn ich eigentlich total am Ende bin und zusammenbrechen werde, alles nur an einem irren pupsdünnen Faden hängt, ich EIGENTLICH nicht mehr weiß, wer ich bin? Während ich so schwitze und rieche, schicke ich mal alle ALG-Papierchen an den Schanzenblitz, in dem ich dann später durch einen Schlitz meine Wunschausdrucke abholen kann. Danke, Schanzenschlitz, dass du immer für mich da bist.
Seit 2 Wochen bin ich ganz plötzlich ohne Einkommen, drehe mich um mich selbst, das KAIFU-Ufer (Kaiser-Friedrich-Ufer-Ufer(?)), meine Kohlrabisätzlinge und meine schwerverletzte Aloe Vera, die ich beim Versuch, sie umzutopfen, beschädigt habe. Mich auch, ehrlich gesagt, es war sehr tränenreich. Bevor ich gehe, frage ich erst mal einen Instagram-Filter, welcher Käse ich bin, damit es überhaupt einen kleinen Anhaltspunkt gibt. »Fourme d’Ambert«. Immerhin Schimmel der edleren Sorte.
Ich spüre es, Entwarnung! Ich bin ich und ein Mensch und bestimmt bist du auch du. Also können wir weitermachen mit den Tigerking-Memes, den Balkon-Zurufen (Hallo an die Punker an dieser Stelle!), dem Online-Minigolfen, den ständigen Zweifeln: Ist es richtig, ausgerechnet in diesen Zeiten die Akte X-DVD-Box auszupacken? Ist es richtig, ausgerechnet in diesen Zeiten Staub zu saugen? Ob als Käse oder als Mensch kann ich dir nur raten. Hör einfach auf zu fragen. (XO)

31. 3. 2020 (Hamburg)
Ich denke zurück. Hirnfrost
Es ist 20.53 Uhr vor etwa drei Wochen. Wir sind das letzte Mal für lange Zeit bei meinem der Risikogruppe zugehörigen Vater und seiner Frau. Wir trinken Apfelschorle und U. verteilt Wodka aus Finnland. U. ist fast 80, leidet unter beginnendem Parkinson und war Anfang des Jahres mit einer Gruppe gehörloser Menschen auf Busreise in Finnland. Sie kam zu Beginn der Pandemie zurück ins Moor und brachte Bilder mit, wie sie allein auf einem Schlitten von acht Schlittenhunden durch die wahnsinnige Schneelandschaft peitscht. Sie trinkt Wodka aus einem Eisglas und steht in einem Iglu. Sie lässt sich mit dem echten Santa Claus im Santa Claus Village bei Rovaniemi fotografieren und setzt sich auf ein Schneemotorad. Für L. ist sie eine Heldin. Seine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Jetzt hoffe ich, dass sie das noch lange können. Ich hoffe, sie stecken sie nicht an.
Wir sitzen also zusammen und starren auf den Fernseher ohne Ton. Das ist ein wunderbarer Zustand, der mir jedes Mal den beharrlichen Wahnsinn des TV-Programms klarmacht. Auf einem Privatsender läuft, wie jedes Mal und wahrscheinlich jeden Tag, eine Spielshow mit Prominenten wie Cheyenne Ochsenknecht und Simon Gosejohann. Sie müssen wenig geschlafen haben und dann einen Liter Eissmoothie trinken. Wer am meisten schafft, hat also gewonnen. Mein Vater freut sich, mir zu zeigen, dass die eine eben die o. g. Tochter von Uwe Ochsenknecht ist und schickt mir diesen Link: https://www.klatsch-tratsch.de/aktuelles/uwe-ochsenknecht-und-seine-kinder-auf-mallorca-442326/  Ich finde das fantastisch und studiere genau die Gesichter und staune mich ein bisschen im Promizeitungsmodus durch das Netz. Seitdem ich nicht mehr schwanger bin, sitze ich nicht mehr so oft im Wartezimmer und studiere das Leben der Königshäuser. Ich hole ein wenig nach und gehe dann frustriert zu Bett. Kaum auszuhalten, diese Informationen.
Das ist alles schon so lange her.
Inzwischen habe ich ganz andere Sorgen, die mein Gehirn überfordern. Ich arbeite kaum noch, weder Kunst noch Lohnarbeit – es liegt alles auf Eis. Ich verdiene nahezu kein Geld mehr, ich passe Tag und Nacht auf mein Kind auf, mein Freund hat eine feste Stelle, und plötzlich bin ich darauf angewiesen, dass meine Familie das in Ordnung findet, dass ich Künstlerin bin. Ein Abhängigkeitsverhältnis durch eine Pandemie. Ein Virus macht, dass ich zu Hause bleibe und die Arbeitsteilung, die wir in vielen Gesprächen erarbeitet haben, einfach nicht mehr funktioniert. Inzwischen konnten wir Freiräume schaffen, M.s Chef unterstützt uns quasi mit einem freien Tag für M. und einem Arbeitstag für mich. Ich frage mich dennoch, welchen Wert hat künstlerische Arbeit in Relation zu dem, was grade los ist? ?Später finde ich, dass ich nicht so negativ sein kann. Ich habe doch eine Verantwortung als Mutter. Ich nehme mir vor, mehr an schöne Dinge zu denken. Als erstes denke ich an Eis und kaufe Louis ein Gummibärcheneis. Dann sage ich: »Es ist schwer im Moment, manchmal denke ich einfach, dass alles zu kompliziert ist, und dann bin ich mal traurig, mal du und mal Papa. Dann können wir uns gegenseitig wieder trösten.« Er isst sein Eis. Ich rede noch weiter vor mich hin. Er isst sein Eis. Ich sage dann: »Manche Leute glauben an Gott. Ich weiß ja nicht, ob ich daran glaube. Ich weiß ja nicht mal, was das ist. Aber manchen hilft der Glaube.« Er schaut mich erstaunt an: »Weißt du nicht, was Gott ist?« – »Nein.« Ich gucke ihn noch erstaunter an. »Also ich schon. Wenn man an Gott denkt, dann wird man ein Tier. Das weiß ich.« (js)

31. 3. 2020 (Hamburg-Rissen)
Die Videokonferenzen am Wochenende genutzt, um sich mit Freunden in Frankreich zum Apéro zu verabreden.
Jetzt, wo eigentlich alle zu Hause erreichbar sein müssten, sorge ich mich um die fehlenden Rückmeldungen von Freunden und Bekannten. Ist es ein dramatisches Zeichen? Funktioniert die Technik nicht oder werden hier, zu meinen Lasten, Freund- und Bekanntschaften entrümpelt?
Insbesondere Dialoge mit chinesischen Studenten werden plötzlich wieder schwieriger. Es ist wie die Anklage eines Brandstifters, warum wir so mit dem Feuer spielen, böser, naiver Westen.
Aber auch dies: schöne Urlaubsbilder aus Thailand. Noch vor zwei Wochen fröhlich und unbekümmert »Emirates fliegt immer« gepostet, dann »wir hängen fest« und jetzt »wir sind auf der Warteliste«. (wps)

31. 3. 2020 (Mumbai)
Dies ist ein Aufruf für alle, die auf den ersten Flug von Goa nach Frankfurt
Abflug 31.3.2020 um 05.30 Uhr eingeteilt sind. … Bitte kommen Sie NUR zu dem Flug, zu dem Sie aufgerufen wurden!
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Landsleute in Goa,
Am 31.03.2020, 01.04.2020 und am 02.04.2020 finden die Rückholaktionen von Goa nach Frankfurt statt.
Für Ihren Weg zum Sammelplatz und Flughafen Goa erhalten Sie im Anhang einen Passierschein, der alle indischen Behörden bittet, Sie ungehindert passieren zu lassen. Bitte machen Sie sich sofort  auf den Weg zur folgenden Adresse:
Sea Scan Maritime Academy,
L 47A, B&C, Phase  2E, Verna Industrial Estate, Verna, Goa 403722. ...
Die Registrierung schließt heute, 30.03., um 21.30 Uhr.

Auch Ihr Fahrer soll einen „Special Vehicle Pass“ vom District Level Health Desk Officer oder der Polizei erhalten, der ihm die Rückfahrt erleichtern wird ... Die Regierung von Goa hat unsere Rückholaktion ausdrücklich gebilligt und uns ihre Unterstützung zugesichert! ... Bleiben Sie stets höflich und ruhig! ... Sollten die örtlichen Behörden Ihnen eine Transportmöglichkeit anbieten, nehmen Sie sie bitte an! An Ihren derzeitigen Aufenthaltsorten werden die Behörden vor Ihrer Abreise wahrscheinlich einen Health Check durchführen. Bitte weigern Sie sich nicht. Auch vor Betreten des Sammelpunkts und am Flughafen wird Ihre Temperatur gemessen. Falls Sie erhöhte Temperatur haben (über 37,3 Grad), können Sie nicht aufgenommen werden. … Falls Sie erhöhte Temperatur oder weitere Symptome haben, kommen Sie bitte keinesfalls zum Sammelpunkt! … Wir werden uns um eine weitere Rückholaktion bemühen.
Bitte denken Sie jetzt schon daran, genügend Bargeld und ausreichend Verpflegung mit sich zu führen. Das Generalkonsulat kommt nicht für Ihre Ausgaben aus.
… Wir wissen, dass viele von Ihnen, wie auch Ihre Familien in Deutschland, unruhig werden, weil es nur langsam vorangeht. Wir versichern Ihnen, dass wir im Generalkonsulat alles in unserer Macht stehende tun, um Sie bald nach Hause zu bringen.
Bitte sehen Sie unbedingt von Rückfragen ab. … Vertrauen Sie unseren Informationen und nicht irgendwelchen Gerüchten.
Es gilt weiterhin: Bleiben Sie geduldig und besonnen und vor allem, bleiben Sie gesund!
Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Anreise!
Ihr Generalkonsulat Mumbai (cg)

30. 3. 2020 (Berlin)
Schnee in Berlin. Friedensmissionen im Lockdown?AMISOM, die Mission der Afrikanischen Union in Somalia ist für 30 Tage wegen Corona im Lockdown. Das freut die Jihadisten der al-Shabaab, sie halten eine Konferenz ab, in der sie die Chancen und Möglichkeiten von Corona für ihren Angriff auf Ziele am Horn von Afrika abwägen. In Holland wird ein düsteres Van-Gogh-Bild aus einem Museum geklaut – ging auch leichter wegen Corona und Museumsschließung. Corona ist kein Problem für Kriegsführende, die keine Verantwortung für Bevölkerung übernehmen, schlecht für Staaten, die sich in einer Transition von Diktatur zur Demokratie befinden. Da wurden selten Grundlage für die Bevölkerung geschaffen. Keine Kapazitäten aufgebaut, keine Krankenhausausstattung, für ihre eigenen Behandlungen fliegen Autokraten lieber an den Golf oder nach Europa. Ugaasadda auf Insta, macht Covid-Späße, ist alles auf Somali, versteh nix, aber guter Vibe.
Höre mich zwischen Slowthai und Igor Levit, lese zwischen Leonora Cunningham – sehr brutal, wirklich – und Sudan Twitter. Freud auf Netflix ist erstickend, mit den ganzen vollgestopften Räumen (ja, auch so metaphorisch, im Kopf), nur das viele Gekokse ist ganz lustig. Schöner hat sich CJ Walker eingerichtet bei Self-Made. Kommt sehr wohltuend ohne Weiße aus.
Schnee in Berlin erschwert das Drinnenbleiben, mit Sonne bleibt wenigstens der Himmel als Versprechen. (aw)

30. 3. 2020 (Michigan, USA)
Es hat Tradition, Krankheiten nach politischen Feinden zu benennen. Während der Italienischen Kriege im 15. Jahrhundert und der ersten Syphilisepidemie wurde die Krankheit nach den verhassten französischen Invasoren benannt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Syphilis dann in englische, französische oder spanische Krankheit umbenannt, je nachdem, wen man gerade für die Plage verantwortlich machen wollte. Es gibt auch Erkrankungen, die nach dem Ort ihres ersten Auftretens benannt sind, wie zum Beispiel Rocky Mountain Spotted Fever, Ebola oder Lyme Disease. Außerdem gibt es Erkrankungen, die nach den Populationen benannt sind, in denen sie maßgeblich beobachtet wurden, die besonders empfänglich dafür waren, wie zum Beispiel die Leptospirosen, Reisfeldfieber und Schweinehüterkrankheit. Und von dieser Warte aus kann man argumentieren, dass COVID-19 durch ein »Amerikanisches Virus« verursacht wird.
In meiner Nachbarstadt Detroit gibt es pro Tag zurzeit mehrere hundert Neuerkrankungen. Warum Detroit? Detroit hat ungefähr 700.000 Einwohner, 80 % African-Americans, das mittlere Haushaltseinkommen liegt bei $ 29.000 pro Jahr. (Die Armutsgrenze für einen Vier-Personen-Haushalt liegt bei $ 26.000, das mittlere Einkommen im Rest des Bundesstaates Michigan liegt ungefähr doppelt so hoch bei $ 55,000.), 40 % aller Menschen in Detroit leben unterhalb der Armutsgrenze. Nur knapp die Hälfte aller Haushalte hat einen Internetanschluss, mehr als 8.000 Haushalte verfügen nicht über fließend Wasser, Wasseranschlüsse für nicht zahlende Haushalte werden rigoros abgestellt. Mehr als jeder Zehnte in Detroit hat keine Krankenversicherung und wahrscheinlich ist die Hälfte aller Bewohner so unterversichert, dass sie Arztbesuche und Krankenhäuser meiden. Daher gibt es eine hohe Prevalenz von unbehandeltem Diabetes, Bluthochdruck und anderer chronischer Erkrankungen, Hochrisikopatienten für COVID-19.
Man kann sich keinen sozial-medizinisch fruchtbareren Boden für eine hochansteckende Erkrankung vorstellen. Daher kann man COVID-19 durchaus als »Amerikanische Krankheit« bezeichnen. Das Virus nützt sämtliche soziale Ungerechtigkeit, Egoismus und Marginalisierung in der amerikanischen Gesellschaft aus.
Unsere Intensivstationen sind nun voll und meine Freunde und Kollegen versuchen täglich, das Leid zu lindern. Wir behandeln nur die Symptome, nicht die Ursache (sozial & medizinisch) und täglich sterben Dutzende. Meine Schicht beginnt wahrscheinlich irgendwann nächste Woche. (aa)

30. 3. 2020 (München)
Bedeutsamkeitsdekorum. Anlässlich der aktuellen Texte von Jean-Luc Nancy.
Die französischen, italienischen und deutschen Schwurbler – alles ein seltsam bedeutungsschwangeres Zeug. Weder philosophisch gehaltvoll noch politisch scharf, schwebt irgendwo in der Mitte in einem feuilletonistischen Geheimnisraum, auf den aus mir unerfindlichen Gründen alle im weiteren Sinne mit Kunst befassten avancierten Intellektuellen wahnsinnig scharf sind. Das ist ein angenehm wattiges spekulatives Numinoses.
Nancy ist die freundliche, smarte, altersmilde Variante (also ohne Pomp, nicht raunend), Latour die, angeblich politische, Holzhammervariante, Leute wie Marcus Steinweg die neo-maskuline, raunende Variante (also gleichsam Georges Bataille light, aber hochgedreht). Dann gibt es noch die autonomistische italienische Marxschule (also Toni Negri, Paolo Virno, Marizio Lazzarato, Franco Berardi), die auf einer eigentlich guten Basis aber ebenfalls meistens (ich würde das nachfragetheoretisch deuten im Sinne der kulturellen Überproduktionskrise: Sie bekommen zu viele Anfragen, und die meisten davon aus der seichten Kunst-Deko-Ecke) ins Raunend-Ontologische, Pseudo-Tiefsinnige abdriften, und das heißt gerade gegen die eigentlich marxistische Intention von Gesellschaftstheorie und emanzipatorischer Politik sich wenden.
Die schreiben dann heute alle in allen Kunstkatalogen, reden in allen Kunstmuseen, Kunsthallen und Biennalen. Bilden das Bedeutsamkeitsdekorum des avancierten Kunst- und Theaterbetriebs. (Und gelten als die Alternative zum positivistischen stockbürgerlich-bürokratischen Wissenschaftsbetrieb …) (mih)

30. 3. 2020 (Berlin)
Entrez la nature
Draußen schneit’s – ich werd’ verrückt.
Zur Beruhigung brenne ich Ranil auf eine CD und verpacke ein Buch für eine Freundin, die in Bayern wohnt, sie hatte Geburtstag. Eigentlich wollte sie nach Berlin kommen zu sozialpolitischen Veranstaltungen, doch die wurden abgesagt und eine Reisebeschränkung gab es dort auch schon. Da jetzt noch mehr Geburtstagsfeiern ausfallen, hatte ich mich dazu durchgerungen, das jetzt doch so wie auch andere Geschenke einzupacken und zum Handyshop mit Poststation zu bringen. Downloadlinks zu verschicken ist ein bisschen zu modern. Aber was ist, wenn das Geschenk nicht in den Briefkasten passt und ich die Empfängerinnen durch die Post am Ende noch in Gefahr bringe, wenn sie das Zeug irgendwo abholen müssen, anstatt ihnen hoffentlich eine kleine Freude zu bereiten? Andererseits plant die Post, ihre Dienst zu reduzieren. Ich vertage diese Frage.
Ich schaue aus dem Fenster. Die Flocken tanzen Cha-Cha-Cha.
Zum flotten Warteschleifensound der Rentenversicherung – ich möchte wissen, wie das jetzt mit den Rehaaufenthalten grundsätzlich gehandhabt wird – mache ich mir eine Miso-Knoblauch-Ingwer-Suppe. Mit Quinoa. Und was der Kühlschrank sonst noch so her gibt. Ich kann sogar schon wieder bis zur hinteren Kühlschrankwand sehen. Ein leicht beklemmendes Gefühl kommt auf.
Der Schnee bleibt doch tatsächlich erst mal liegen! ?Samstag wäre die Premiere des neuen Castorf-Stücks gewesen und für gestern hatte ich Tickets. Und noch mal für Ostermontag. Warum wird das nicht live gestreamt? Die Hälfte wird doch sowieso per Video auf der Bühne gezeigt. Außerdem gäbe es noch weniger Grund, sich auf fünf oder sechs Stunden Aufführungsdauer zu beschränken. Ich versuche mich zum Theaterlivestream zu verabreden, sonst komme ich mit dem Überangebot nicht klar. Ich führe meinen Kulturkalender bei Google mal besser weiter. Habe neulich mit Berlin Alexanderplatz von Fassbinder angefangen, die alte Fassung gibt’s noch gratis im Streamingdienst. Selten hat man für so was Ödes so viel Zeit.
Die Schneeflocken wechseln von Discofox zu langsamem Walzer.
Habe gestern die Adventssendung von Biene Maja angeschaut – nur die gibt es gratis auf Youtube, sonst überhaupt gar nichts von Biene Maja (Streamingangebote inclusive). Maja und Willi wussten in dieser Folge noch nicht, was Schnee ist. Sie liegen unter ihren Blättchen in einer unterirdischen Höhle zwischen Baumwurzeln und der Totengräberkäfer kommt aus dem Boden raus und wartet darauf, dass beide erfrieren. Spoiler: Er hat kein Glück bei ihnen.
Der Schnee zieht weiter zur Afterhour. (pp)

29. 3. 2020 (Barmbek-Süd, Hamburg)
Wir verabreden uns zum Abendessen in Videoräumen, besuchen virtuelle Kunstausstellungen, dauertelefonieren, hängen am gemeinsamen Nachrichtenstrom, denken unentwegt aneinander und an alle, denen es in diesem Moment vielleicht nicht ganz so gut geht wie uns – wir sind einander kommunikativ verbunden wie nie. Auf Stand-by, um uns jederzeit beizustehen. Noch die Begegnung mit Fremden auf der Straße zwingt uns, indem wir ihnen ausweichen, in eine Form von Gemeinschaft, die wir sonst gerne zu meiden versuchen. Corona verbindet – und entzieht Schutzräume, wie Familienpsychologen befürchten.
Einen brauchbaren Rückzugsraum hatten die jungen Mitmenschen, die die Nachbarschaft seit Jahren mit wochenendlichem Feierterror nerven, offenbar auch vorher nicht. Normalerweise war es so: Die Polizei fährt nachts in den Park, spricht eine Ermahnung aus und eine Viertelstunde später grölen die Spacken wieder los. Silvesterböller. Glasbruch. Vermüllter Spielplatz. Gestern anders. Leise nähert sich der Streifenwagen, Ruhe. Corona, Ordnungshüterin.
Das Zu-Hause-Arbeiten funktionierte deshalb so reibungslos, weil die Unternehmen sich schon lange darauf eingestellt und vorbereitet hatten. Für den Neubau, den meins gerade plant, rechnet es mit fünf Mitarbeitern für vier physische Arbeitsplätze. Corona ist ein Labor für die Neuordnung der Arbeitswelt. Einerseits ist es ja auch angenehm, nicht immer ins Büro zu müssen. Andererseits könnten wir die Zeit nutzen, um herauszufinden, was nicht verloren gehen sollte. Kantine? Flurfunk? Geburtstagskuchen? Teilhabe, Mitbestimmung, Wertschätzung.
Also, a little less coversation, a little more action. Fahrrad flicken. Mal laufen gehen. Ach, Adidas. (rs)

29. 3. 2020 (Berlin)
Es ist UNHEIMLICH schwer für mich, das alles zu glauben.
Die wissenschaftliche Methode ist eine empirische Methode der Erkenntnisgewinnung, die die Entwicklung der Wissenschaft mindestens seit dem 17. Jahrhundert charakterisiert. Sie beinhaltet eine sorgfältige Beobachtung, bei der eine rigorose Skepsis gegenüber dem, was beobachtet wird, angewendet wird, da kognitive Annahmen die Interpretation der Beobachtung verzerren können.
Ich tu mich schwer, die Fakten in Übereinstimmung mit den Maßnahmen zu bringen, und dachte auch schon, wie die 92-Jährigen, dass ich dann eher sterben doch besser fände, als ein Überleben auf Kosten all dessen, was ich am Leben liebe. Am Computer sitzen ist es auf jeden Fall nicht und größer wird die Lust nicht, wenn gesagt wird, dass die neue digitale Welt nichts mit Freiwilligkeit zu tun habe.
Ich sehe das Bild einer ganz kleinen alten Frau im Rollstuhl von der Seite, umgeben von Menschen in Schutzanzügen und wie sie verzweifelt ihren Kopf in die Hand stützt. Ich denke, sie wäre gern zu Hause gestorben.
Menschen rufen »Achtung«, wenn jemand die soziale Distanz von 1,5 Meter nicht einhält.
Ein Politiker hat sich umgebracht.
Seehofer spricht von drohender Anarchie, ich müsste in Freudengeschrei ausbrechen, aber wenn Worte ihre Bedeutung verlieren, kann ich das nicht. Die WHO spricht von etwas, was der Charakteristik der Pandemie entspricht, deklariert hat sie sie nicht. Das kommt wahrscheinlich noch.
Ich sehe die Sichel des Mondes und den ihn begleitenden Abendstern. Sie sind real. (nn)

29. 3. 2020 (Michigan, USA)
Hmmm. Geht gerade alles den Bach runter. Schutzkleidung geht aus und Beatmungsgeräte sind knapp. Ich soll wahrscheinlich auch bald an die Front. Mein Vater war so alt wie mein Sohn jetzt, als sein Vater an die Front musste – mit der Fahradfahrerbrigade im 2. Weltkrieg. Hat dann auf der Krim ‘nen Platten gehabt und es nich’ mehr zurück geschafft.
Frage mich, was mein Job im Krankenhaus sein wird: Himmel – Fegefeuer – Hölle?
Habe gerade ernsthaft mein Testament gemacht. Ist aber sonst ganz schön hier – ich geh gleich mal ’ne runde Fahrrad fahren im Gedenken an meinen Opa, den ich nie gesehen habe. (aa)

29. 3. 2020 (Berlin)
Telefonat mit meiner Schwester im Pflegeheim für Demenzkranke. Die Pfleger haben ihr die Besuchssperre zu erklären versucht. Das machen sie seit Wochen. Sie vergisst es. Sie weiß auch nicht mehr, was ein Virus ist. Oder Ansteckung. Sie fragt, warum ich sie nicht besuche. Als ich es ihr wieder erkläre, drückt sie auf dem uralten Handy den falschen Knopf und die Verbindung bricht ab. Beim zweiten Versuch sagt sie, sie verstehe. Sie versteht nicht. Sie sagt, sie habe im Garten eine Muschel gefunden. Ob wenigstens Mutter sie besuche? Mutter ist seit zwanzig Jahren tot. Ich frage wieder, ob wir ein Spiel spielen wollen: drei Wochen lang Telefonate. Statt Besuch. Um rauszukriegen, ob wir das schaffen. Sie fragt, ob das Spiel lustig sei. Ich lüge ein Ja und erinnere sie daran, regelmäßig zu trinken. Bei den Besuchen habe ich sie immer etwas trinken lassen, weil den Pflegern die Zeit fehlt, darauf zu achten. Sie will das Spiel spielen, das sie am Abend vergessen haben wird. Ich habe bei den ersten Telefonaten zufällig bemerkt, dass das Wort Spielen sie beruhigt. Morgen wird sie Besuch vermissen. Die Pfleger werden es ihr zu erklären versuchen. Sie wird nicht genug trinken. Und ich oder eines von den anderen Geschwistern werden mit ihr telefonieren und ein Spiel vorschlagen.
Die Wissenschaftler diskutieren, wie lange »Risikopersonen« isoliert werden müssen. (dl)

29. 3. 2020 (Berlin/Khartoum/LA)
Sollte im Sudan sein und Gespräche über Dialog-Programme zwischen Zentrum und Peripherie führen. Wer muss eigebunden werden, wo sind die Frauen, wie lässt sich eine nicht organisierte Stimme der Jugend bündeln? Was sagt das Militär dazu? Wird die Transition zur Demokratie nach dreißig Jahren Diktatur den kommenden Corona-Stress überstehen?
Stattdessen in Berlin. Lebe von Twitter und Instagram. Und Arbeit. Patti Smith liest the Wave von Virginia Woolf und ich finde das pathetisch, aber auch schön. Der Stress wird noch kommen. Whattsapp mit Kolleg*innen in Nairobi: Hoffentlich gibt es keine Gewalt, Plünderung, Überfälle. Mein Freund Rey aus Boyle Heights vermisst die Montage mit seiner Mamá. Will zu seinem Booklaunch mit Kris Kraus über East Los Angeles, Chicano Culture, Echo Park im Juli zu ihm fahren. Zur Kompensation binge ich Gentefied.
Allegro Pastell – wie sich die urban Millennials diese Zeit geordnet ästhetisch distanziert erklären werden? Freue mich, dass Samuel Delany überall wieder auftaucht (Instagram von Arthur Jafa und Wolfgang Tillmans) Wunsch nach Körper/Flüssigkeiten/roughness in diesen cleanen hygieneautoritären Zeiten? Lese trotzdem lieber Octavia Butler. (aw)

29. 3. 2020 (Miagao, Philippinen)
Hallo Freunde und andere Künstler, ich organisiere eine Ausstellung im Kunstverein Miagao (Philippinen) mit dem Titel »quarantine copy«. Es sollten ausschließlich Zeichnungen (Ausnahmen gehen immer) auf A4 gezeigt werden, da ich, wie der Titel schon sagt, diese hier ausdrucke, nachdem ihr sie mir per E-mail geschickt habt. Natürlich zu den Themen: Quarantäne, Virus, Klopapier, Nudeln, Hass im Supermarkt, Spahn, Maas ist voll, Rückholflieger etc. Datum steht noch nicht fest, jedoch wird der 4. oder 11. April angepeilt. E-Mail an: Rotertimo(AT)****

29. 3. 2020 (Hamburg)?Dann schickt jemand den Link zu Frank Spilker im Wohnzimmerkonzert live auf Facebook, ich komme noch rechtzeitig zu UNIVERSAL TELLERWÄSCHER, dem Song meines Lebens – und Tränen. Ich habe neulich erst wieder mein Video vom Auftritt im Dachgarten des Übel & Gefährlich angesehen, wo ich war, weil ich wegen einer Ausstellung 2011 im Künstlerhaus Frise in Hamburg war. Ich fand die Ausstellung sehr gut und alle waren da. Dafür war der »Artist Talk« ein Reinfall, zum Glück kamen nur zwei Leute.
Wie macht man »Zugabe!« bei einem Online-Konzert?! Frank Spilker geht aus dem Bild und wartet auf Wut-Icons. Es geht weiter. Ich habe nach drei geschrammelten Takten schon »Widerschein« erkannt, yes! LASS DOCH MAL DIE SONNE REIN.
Ich überlege, wo ich Die Sterne sonst noch gesehen habe. LGB Nürnberg, am Tag nach Lady Dianas Tod. Tramin schaffte es tatsächlich, Die Sterne zu sich in die Hausbar seiner WG einzuladen. Er hatte ein Interview mit ihnen gemacht für das Frankenfernsehen und Frank Spilker meinte zu ihm: »Du könntest auch bei RTL II arbeiten« – Tramin hielt es für ein Kompliment.
Als ich mit Anfang 20 in Kassel wohnte, war es das absolut Größte für mich, dass ich jemanden kannte, der jemanden in Hamburg kannte, die in der gleichen Straße wie Frank Spilker wohnte und sogar schon mal mit ihm gesprochen hatte! Dabei habe ich mal mit einer Jugendliebe von Dirk von Lotzow zusammengewohnt. Mit ihr fuhr ich auch ins unterfränkische Weikersheim, wo Tocotronic eines ihrer ersten Konzerte in einem Sportlerheim gaben, in dem schon Johnny Cash aufgetreten ist.
2011 war auch das Jahr der Durchfallerkrankung Enterohämorrhagische Escherichia coli genannt EHEC – erinnert ihr euch? Es soll von einer Sprossenzüchterei in Norddeutschland aus in ganz Deutschland verbreitet worden sein. Hamburg war im Sommer ein Epedemieherd und ich wurde gefragt: »Waaas, du fährst nach Hamburg, muss das sein – könnt ihr die Ausstellung nicht verschieben?!« Nein, konnte ich nicht. Ich wühlte stattdessen die Gurken aus dem Salat und sagte bei jeder Bestellung: »Aber bitte ohne Sprossen!« (pp)

28. 3. 2020 (Winterthur, Schweiz)
Gerade auf dem Weg in den Keller zum Wäscheaufhängen traf ich Paco, den Bistro-Koch der Villa Sträuli. Und wurde spontan zu einem gemeinsamen Abendessen im hauseigenen, bis auf weiteres geschlossenen Bistro eingeladen. Er und seine Frau experimentieren mit einer Soljanka-Rezeptur. Ein altes DDR-Suppenrezept auf Basis eines Gärungsverfahrens. Hausmannskost mit viel Energie ohne Energieaufwand und langer Haltbarkeit. Ich wohne als artist-in-residence in der Villa Sträuli, auf unbestimmte Zeit. Aus dem Podcast-Universum dröhnt Jörg Heiser und schimpft über die "verzweifelten unausgegorenen und sinnlosen" Strategien der Kulturhäuser, sich auf Internetformate zu stürzen. Er sei sich sich nicht sicher, "ob das der richtige Weg ist". Dann geht es weiter mit dem Begriff des Markts. Scheiß auf den Markt. Bei den Künstler*innen sieht es doch ganz anders aus. Viele arbeiten in Wanderarbeiter-Manier von einem sich ergebenden Auftrag in den nächsten. Es lässt sich schwer in einem zwanzigseitigen Antragsverfahren nachweisen, welche Aufträge nun nicht zustande kommen werden. Bevor ich eben mit Paco gegessen und viel zu viel Bier getrunken habe, saß ich selbst an einem Videoschnitt für die Kunsthalle Winterthur. Schwerpunkt 80er Jahre: "Die Zukunft war schöner – Ein kollektiver Rückfall in die gute alte Zeit" anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums. Paco und seine "Sauren (survival) Suppen" werde ich ebenfalls dokumentieren, vielleicht verlängert sich dadurch mein Aufenthalt im Haus. Die nächsten Stipendiaten werden so schnell nicht mehr kommen. Die letzen, die noch hier sind, reisen diese Woche ab bzw. sie versuchen es. Es ist ihr dritter Anlauf. (mm)

28. 3. 2020 (Hamburg)
Prima, die Nachbarin über mir denkt sich, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, ein neues Instrument zu lernen. Ihre Wahl: Klarinette. (trp)

28. 3. 2020 (Berlin)
Der Hausaufzug hat sich in unseren Feind verwandelt. Er lenkt – das ist das Problem – jede Menge Patienten in und vor die Arztpraxis im zweiten Stock. Fachrichtung: Infektiologie. Der Tratsch im Treppenhaus gilt jetzt nicht mehr der unfähigen Hausverwaltung und den Touris, an die sie tageweise vermietet, sondern vorwiegend den individuellen Strategien, dem Feind zu begegnen.
Herr F. schafft es – »gerade so« –, bis zum vierten Stock die Luft anzuhalten. Dort wohnt er. Steigt irgendwo eine/r zu, steigt Frau W. aus. Der Student aus dem fünften Stock hat eine Maske, »aber nur für Aufzug und Supermarkt«. Der Student aus dem sechsten Stock schickt sein Fahrrad im Aufzug runter (oder rauf) und läuft ihm auf der Treppe hinterher. Er hat im Netz immer noch keine zuverlässige Information gefunden, wie lange Viren in Aufzugluft eigentlich infektiös sind. Der Hauswart sagt, er wisse schon, warum er ins Erdgeschoss gezogen sei. Frau K. läuft, weil das sowieso gesünder ist. Aber im zweiten Stock, da treffe sie eben leider auf die im Treppenhaus wartenden Infektiologiepatienten. Frau M.: »Das Ding macht mir Angst, richtig Angst.« Sie richtet sich aber nach ihrem Mann. Mir werden die Einkäufe vor die Tür gestellt; der junge Mann, der sie bringt, nimmt allen Warnungen zum Trotz furchtlos diesen Aufzug. Ich (fünfter Stock) laufe immer runter, fahre aber manchmal rauf. Nach Gefühl. Das Ehepaar M. besprüht beim Einstieg erst die Aufzugknöpfe und vernebelt dann mit kreisenden Bewegungen lavendelduftendes Alkoholspray im ganzen Fahrstuhl. Frau A. hat zwei Kinder, einen Kinderwagen und keine Wahl. Der Arzt aus dem zweiten Stock sagt: »Ihr habt Probleme.«?Am Wochenende herrscht Waffenruhe. Die Arztpraxis ist geschlossen. Der Aufzug unser Freund. Wollen wir glauben. (dl)

28. 3. 2020 (Schwarzwald)?Zerstreuung?Was aber erwartete ich von diesem Zustand der vollkommenen Zerstreuung? Erlösung? Enthüllung? Enttäuschung? Ablenkung? Auflösung? Aufhebung?
Ich spreche nicht vom Zustand der vergnüglichen Kurzweil, im Gegenteil. Die vollkommene Zerstreuung erfordert Zeit und gewisses Maß an Umdenken. Ein Loshaken von den »zentralen« Dingen, ein Abgleiten in den Raum neben ihnen. Wie geschieht das?
Zerstreuung kann man in Bezug auf den Aufschub einer wichtigen Arbeit beobachten. Sie besteht in der geheimem Folter, sich allen möglichen Ablenkungen zu widmen, zumindest allen in der Situation möglichen, davon aber auch vielen der allergeringsten: Zur Toilette gehen, Blumen gießen, rauchen, Tee eingießen, am Systemordner herumpfuschen. Alles mögliche, um den Moment der Aktion weiter hinauszuschieben, der, wie Baudrillard* so schön sagte, das »Zugeständnis an den eigenen Tod« in sich birgt.
Ein anderes Phänomen der Zerstreuung ist die Dispersion. In der Physik: die Streuung und Zerstreuung des Lichts; in der Chemie: die schwebende Verteilung feinster Teilchen eines Stoffs in einem anderen; in der Mathematik: Streuung der Werte in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. In dieser ganzen Dreiwertigkeit der Dispersion kann man mich antreffen, wenn ich, mit meiner Kamera, die das zerstreute Licht einfangen soll; in der wehenden Schwebe der Gräser und Blätter; in der Unschlüssigkeit darüber, ob ich mich den Birken oder den Brombeeren annähern soll, dort stehe. Lassen wir die Distraktion beiseite, die unter anderem ein seitliches Auseinanderdriften von Erdschollen sowie eine Art medizinischen Streckverbandes signifiziert, und wenden uns der Ablenkung zu. Ablenkung bedeutet ein Abweichen von der Richtung und ist ein Mittel zum Zweck der Zerstreuung. Ein Foto aus der Ablenkung heraus zu machen, führt automatisch zu einem gemeinhin so wahrgenommenen Abbildungsfehler. Unschärfen, Trübungen, Verzerrungen treten im Bereich der Optik auf, und zwar unter dem Begriff der Aberration. Aberration meint Abweichung, Abirrung und beschreibt damit auch eine Form der Fortbewegung, Abfall. In der Astronomie versteht man darunter die scheinbare Ortsveränderung der Gestirne infolge der Erdbewegung.
Für die Zerstreuung bedeutet das, dass sie sich nur bei völliger Relativität der Dinge entfalten kann. Nichts darf wichtiger sein als etwas anderes, jedes hängt vom anderen ab, spiegelt und streut es immer weiter in den Raum, so weit wir sehen können. Bei der Zerstreuung kommt es somit zu einer Ausweitung des Zwischenraums. Je weiträumiger die Zerstreuung ist, umso eher kann es in diesen Zwischenräumen zu unvorhersehbaren, wunderbar entlegenen Ereignissen kommen.
Denn was geschieht mit den Dingen und Gedanken, wenn wir sie beiseite lassen? Sie zerfallen! Sie zerfallen, zerbröseln und verkrümeln sich in ihre Einzelmoleküle. Es handelt sich um einen physiologischen Vorgang, der als Dissipation bekannt ist. Bei der Dissipation wird Energie frei. Nur aus dieser Zerstreuungsenergie können sich Zufälle und Abenteuer materialisieren.
Vielleicht ist es das, was ich von einer vollkommenen Zerstreuung erwarte: ein seltsam verkehrtes Abenteuer.
(*Dieser Text wurde im Jahr 2000, vor der Existenz von Wikipedia, verfasst. Meine damalige Fußnote zu Baudrillard lautete: Vgl. Videografie der Begriffe, Zitatensammlung der kollaborativen-online-Enzyklopädie) (gs)

28. 3. 2020 (Berlin)
Die Polizei fährt mehrmals täglich im Mannschaftswagen Streife und schaut nach, ob die Ausgangsbeschränkungen eingehalten werden. Sie überprüft auch die Spielplätze, schickt Väter weg, die mit ihren Kindern Fußball spielen. Tischtennisspielen am Böhmischen Platz ist aber noch erlaubt. Hier lernen Kinder jetzt auch Fahrradfahren und Inlineskating. Eine ganze Generation wird sich einmal daran erinnern können, im Frühjahr 2020, zur Zeit des Corona Virus, Radfahren gelernt zu haben. (msg)

28. 3. 2020 (Berlin)
Männliche Mitmenschen
Aufstehen, Frühstücken, Ficken.
Den Rest des Tages mit einer Bewerbung für einen dreimonatigen Asienaufenthalt nächstes Jahr verbracht. (pp)

28. 3. 2020 (Frankfurt)
Hey Babe?ich habe gesehen, du wohnst 15 min von mir entfernt, und da ich eigentlich nur auf der Suche nach Spaß bin, dachte ich mir, ich schreibe dir einfach mal. (...) Wie sieht es bei dir zeitlich aus? Ich habe erst mal frei wegen dem Corona-Virus und bin sehr spontan und da du sowieso nicht so weit weg von mir bist, kann man sich ja ziemlich spontan treffen oder wollen wir kommendes Wochenende festmachen? Trinkst du lieber Rotwein oder Weißwein? Dann würde ich was für uns besorgen und wir machen uns einen gemütlichen Abend und du kannst dann auch bei mir übernachten, wenn du nichts vorhast? Ich denke, du weißt, was dann auch passiert, oder? Melde dich einfach und dann schauen wir mal weiter und wenn du was zum Naschen oder Trinken magst, kann ich es besorgen, muss sowieso noch einkaufen:) (gmx)

27. 3. 2020 (München)
Überleben durch besondere Nähe
Alex, ein Biophysiker der Uni Erlangen, hatte mir im Dezember 2017 beim Frühstück auf der Neumayer-Station das Forschungsprojekt zur Penguin Huddle Dynamic erklärt. Zusammen mit dem Mechatroniker Sebastian war er in der Antarktis, um das Pinguinobservatorium SPOT zu betreuen. Pinguine rücken im Winter zusammen. Sie stehen so dicht gepackt, dass scheinbar jegliche Bewegung verhindert wird, so überleben sie die Minustemperaturen. Das Team aus Erlangen fragte sich (ironischerweise hieß der Studienleiter Daniel Zitterbart): Wie wird der Austausch organisiert, damit sich auch die Pinguine am Rand des Haufens aufwärmen können? SPOT schoss im Sekundentakt Tausende von Aufnahmen der Pinguinkolonie. Die rund 12.000 Tiere wurden als einem Zellhaufen vergleichbare Biomasse aufgefasst (nach Alex legitimiert durch die mangelnde Intelligenz von Pinguinen und einer damit einhergehenden fehlenden sozialen Dynamik). So gesehen war der Pinguinhaufen ein Festkörper. Position und Bewegungsbahn aller Pinguine in der Kolonie wurden aus den Bildsequenzen extrahiert. Die Wissenschaftler machten einen »Taupunkt« aus, bei dem die einzelnen Exemplare die Kohäsion des Kollektivs aufgeben. Es wurde deutlich, dass Pinguine ihre Position und damit die Struktur des Haufens ständig verändern, indem sie ihre Bewegungen genau koordinieren. Sie bewegen sich gemeinsam in periodischen Wellen. Die Geschwindigkeit beträgt circa 12 cm/s. »Die dabei entstehenden Bewegungsmuster erinnern an das Kneten von Teig«, schreibt ein Magazin zur Veranschaulichung. So wird die Wärme gerecht verteilt. (jn)

27. 3. 2020 (Schleswig-Holstein, südwestlich von Elmshorn)
Meine Mutter hat mir eine sehr lange Liste mit sehr überflüssigen Aufgaben gegeben. Als Nächstes schrubbe ich die sehr saubere Terrasse mit Soda. Sie wünscht es sich so, ich find’s klasse. Später muss noch das Nachbarskind diszipliniert werden, das einen Stein auf Vaters Auto geworfen hat, wir sollen zusammen den Hühnerstall ausmisten. (fn)

27. 3. 2020 (Hamburg)
Wie lange wird das jetzt so weitergehen – vielleicht bis Mai, vielleicht bis Juni, vielleicht sogar bis Ende des Jahres, heißt es, und das ist besonders schlecht, wenn man persönlich für den Veranstaltungskalender einer überregionalen Kunstzeitschrift zuständig ist, die auf jeden Fall in vier Wochen erscheinen wird. Aber dann eben voll mit Eröffnungen und anderen Terminen die eben vielleicht, vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt, höchstwahrscheinlich aber überhaupt gar nicht stattfinden werden. Mir kam in den Sinn, die Seiten ganz einfach mit den Absagen zu füllen. Am Ende müssen sie sowieso nur voll werden. (rd)

27. 3. 2020 (Frankfurt)
Ständig in Sorge um meinen jugendlichen Sohn mit Asperger-Syndrom, Handwaschzwang und Bakterienphobie. Geht es ihm gut? Hat er Freude am Leben? Was wird mal aus ihm? Kurze erfreuliche Erkenntnis: Corona-Krise, DAS ist SEIN Jahr! Hände waschen bis zum geht nicht mehr, »Wir bleiben zu Hause« und »social distance«. Nie wieder wird er ohne jede Anstrengung so gut ins System passen. (nag)

27. 3. 2020 (Hamburg)
Die Hände sind vom ganzen Waschen nur noch bröselige Stumpen. Gestern zum ersten mal Desinfizieren vergessen, so wie ich Zahnseide vergesse, nach einer langen Periode erhöhter Zahnobacht. Die trockenen Fingerbrocken schmerzen beim Kneten von allerlei Teig, unter Tränen einen Kuchen gebacken und vom Balkon den anderen Familienzusammenhängen gezeigt. Allgemeiner Applaus, man steht zusammen: Kathrin, Jan, Alexander, Miriam. Anstellen im Rewe, um in der Gefahr genug Eis und Advocaat zu haben. Die Kernfamilie, als vergrößerter Aktionsüberhang, wird aus dieser Zeit als Siegerin hervorgehen, alle anderen Lebenszusammenhänge wurden temporär unsichtbar und illegal gemacht, bis sie sich irgendwann von selber aufgelöst haben, aus Mangel an Übung. Destiny 2 angefangen, laut N. macht der Name gar keinen Sinn. Den ganzen Abend mit D. in der ETZ, der europäischen Todeszone, verbracht. Die verfluchten Aliens, sie haben irgendwas gemacht, vergessen, was, und jetzt bin ich hier und muss es richten, keine Ahnung, wie, und überall fallen Credits raus, also Glimmer und damit kann ich meine Stats verbessern, um irgendwann, also gegen die Aliens oder so, und dann geht endlich die Zukunft los oder Destiny 3. (tw) 

27. 3. 2020 (Hamburg)
Zum Laufen war ich draußen. Nicht spannender als Einkaufen, aber eben nicht Einkaufen. Abwechslung Mangelware. Wenig los, wenig Verkehr. Warte trotzdem an der Ampel. Ich tu immer, als würde ich aus Prinzip an Ampeln warten, dabei bin ich nur viel unfitter, als ich zugeben möchte. Ändert die Pause nix dran, aber vielleicht merkt das so keiner.
Jedenfalls steh ich da und gucke die rote Ampel an und erinnere mich dran, dass ich kürzlich in Wien war und in Wien die Ampeln anders aussehen. Da sind nicht die Figuren rot oder grün, sondern das Drumrum. Da wird der Raum, den die Menschen durchqueren, definiert – als regelkonform oder eben nicht. Überquert Mensch vor der ausdrücklichen Erlaubnis die Straße, begibt er sich in den roten, den Nono-Bereich. In Hamburg wird das Subjekt rot eingefärbt. Du bist falsch. Da gibt es einen entscheidenden Unterschied. Gibt es natürlich nicht, aber in meinem Kopf.
Ich teilte A. meinen Gedanken mit, während wir nahe des Westbahnhofs darauf warteten, die Straße überqueren zu können. Sie lachte. Außerdem sähen die Figürchen auf den Blindenampeln in Wien wie bewehrte Soldaten aus. Als sie mir ein Bild davon zeigt, brauche ich tatsächlich eine Ewigkeit, um etwas anderes zu erkennen.
Was darf man im öffentlichen Raum und was nicht. Wo gehen, wo stehen, wie lange und mit wem. Wann und wie wird man zum illegalen Subjekt erklärt, von wem und mit welchen Konsequenzen. Ob die Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts wohl das Signal meines Telefons mit Sorge verfolgen? Oder denken sie nur: Guck mal, wie viele Pausen der macht. (len)

27. 3. 2020 (Barmbek-Süd, Hamburg)
Homeoffice, Tag 10
Wenn uns beim Spaziergang andere entgegenkommen, weichen wir aus oder bleiben an einer breiteren Stelle einen Moment stehen, bis sie vorüber sind. Mir ist aufgefallen, dass ich dabei irgendwohin blicke, als wäre die Sache peinlich, und nehme mir vor, die Entgegenkommenden nächstes Mal freundlich anzusehen wie Komplizen in diesem grotesken Ballett.
Wenn ich mit Kollegen telefoniere, stelle ich sie mir jedes Mal unwillkürlich an ihrem Büroarbeitsplatz vor. Wie lange wird das Bild bleiben?
Zu den bisher prominenten Corona-Opfern gehört die Psychoanalytikerin Marguerite Derrida. Als Jacques Derrida am 9. Oktober 2004 starb, hat er verfügt, außerhalb des jüdischen Friedhofs von Ris-Orangis begraben zu werden, »um nicht, wenn es so weit wäre, von Marguerite getrennt zu sein«, schreibt Benoit Peeters. (rs) 

27. 3. 2020  (Hamburg)
Gestern den neuen deutschen Rolling Stone gekauft, mit dem Kotzbrocken Eric Clapton drauf. The Torture Never Stops. Dann doch das angenehme »Ihr-könnt-mich-mal-gern-haben-mit-all-dem-neuen-Zeug«-Gefühl beim Durchblättern. Große Rolf Dieter Brinkmann-Story, schön. Es gibt ja nichts Eskapistischeres als den Rolling Stone. Das Blättern. Die kindisch aufgeklebte CD, wie früher die Schallfolie auf der Bravo. Die sinnlosen Listen von Besprechungen von Platten, die man nie hören wird. Und von Konzerten, in die man dann doch nicht geht. Herrlich! So kommt man »zu sich«, wo immer das ist.
Doch gestern: Entspannung beim Rolling Stone-Blättern blieb aus. Ein schales Gefühl. Brinkmann ist noch weiter weg gerückt. Und Trauer: Die besprochenen Platten kannst du dir jetzt gar nicht holen, die Läden sind zu, Paketdienste ziehen Klopapier und Lebensmittel vor. Und die Konzerte sind abgesagt.
Bis auf eine Bemerkung im Editorial ist der Rolling Stone Corona-frei. Das könnte ja toll sein. Ist es aber nicht. Vor und nach Corona ist eine Scheidewand. Oder anders gesagt: Die Gegenwart macht sich so breit, das für Vorher und Nachher kein Platz ist. Es gibt nur noch Gegenwart. Alles wird überdeckt, geht darin unter. Blubb. Töpfchen, koch! Die Vergangenheit wird noch vergangener. Und keine Idee von Zukunft.
Unfassbar abgefuckt alles. Eigentlich soll »Kultur« ja helfen in solchen Lagen. Doch das Vorher-Nachher gilt auch für Bücher. Zwar hat man mehr Zeit, aber ich kann mich auf anderes als Corona-News kaum konzentrieren. Mir ist zufällig Der Zementgarten von Ian McEwan in die Hand gefallen. Was darin steht, ist schlimmer und größer als Corona. Bei Musik: »High Water« von Bob Dylan, obwohl direkte thematische Bezüge ja nicht das Weiseste sind. Die Aufnahme zeigt aber, wie man einer Katastrophe mit Verachtung begegnen kann. (Kurz nachdem ich diesen Text abgeschlossen hatte, ging Bob Dylan weltweit mit »Murder Most Foul« raus, einem 17-minütigen Requiem auf das Ende Amerikas, erzählt von der Ermordung Kennedys her. Mit dem Song kann man sich auf jeden Fall die Zeit vertreiben (und am Wettschreiben darüber teilnehmen). (mh)

27. 3. 2020 (Franken/Berlin)
Bei DJ Heaven geht ab übernächste Woche die Kurzarbeit los. Er arbeitet dann nur noch jede zweite Woche und bekommt noch 65 % des Gehalts. Dann soll das Wohnzimmer neu gestrichen werden.
Meine Mutter hat ihr illegales Business erst mal auf Eis gelegt. Einmal die Woche bäckt sie sechs riesige Laibe Brot in einem vor über 30 Jahren extra dafür angeschafften Großbackofen und verkauft sie an wechselnde Dorfbewohner*innen in der näheren Umgebung. Mein Onkel, der ebenfalls selber backt, hat ihr dafür extra einen Knethaken geschweißt. Donnerstag nachmittags ist normalerweise immer Auslieferungstour, die sich den ganzen Nachmittag hinzieht, weil es bei manchen Bestellerinnen noch Kaffee und Kuchen gibt. Das ist auch der eigentliche Grund, das Ganze zu betreiben. Jetzt darf sie aber nirgends mehr einfach so hinfahren und hat Angst, von der Polizei angehalten zu werden und mit den Lieferungen im Kofferraum aufzufliegen. Mein Vater sagt, sie solle »danach« gar nicht wieder damit anfangen. Ich finde eh, dass acht Euro für einen bestimmt drei Kilo schweren Laib Brot viel zu billig sind. Vor allem, weil sie nie den Strom und das Benzin mit reinrechnet, wie mein Vater dann immer nachlegt. »Und außerdem sind wir ja auch schon alt, wir denken immer, dass wir noch 50 sind.«?Meine Nichte, die alleine über ihren Großeltern wohnt, hat jetzt überhaupt keinen physischen Kontakt mehr zu ihnen, sie geht einfach nur noch die Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Meine Cousine, die im Außendienst arbeitet, fährt weiterhin zu allen Betrieben. Die Dienstreise ihres Mannes nach China, der für einen Autozulieferer arbeitet, dessen Vorstandsvorsitzende eine prominente Kunstsammlerin ist, wurde bereits im Januar abgesagt.
Ich habe mich zu einem Online-Kurs »The Science of Well-Being« von der Yale University angemeldet. Der ist gratis, nur wenn man ein Zertifikat will, kostet der Spaß 44 Euro. »Congratulations on taking part in this journey! Over the next several weeks, we’ll explore what new results in psychological science teach us about how to be happier, how to feel less stressed, and how to flourish more. We’ll then have a chance to put these scientific findings into practice by building the sorts of habits that will allow us to live a happier and more fulfilling life.«?In der DJ-Heaven-Fanclub-WhatsApp-Gruppe fordert jemand: »Morgen hier auch mal ein Entspannungsvideo.« (pp)

26. 3. 2020 (Hamburg-Harburg)
Ab jetzt passiert wieder was. Genug vom Aufräumen und Aufarbeiten. Und: bloß nicht der ersten blöden Idee zur digitalen Repräsentation folgen. Es fühlt sich absurd an, einen öffentlichen Raum zur Aufgabe zu haben – und schwupp, war er weg.
Heute war ich in Crawley. Danke T. Ein schöner Spaziergang! Obwohl genauso surreal wie manches andere gerade, erstaunlich real. Noch realer wäre es gewesen, hätten sich die via Discord-Server gemeinsamen Spaziergänger nicht so gut gekannt. Distanzierungen und Re-Platzierungen im gewohnten Kontext ergeben sich daraus vielleicht zwangsläufig. Vielleicht muss man aber auch einfach noch üben. Nächste Woche wird woanders spaziert, jetzt aber gerade denke ich: am liebsten würde ich den gleichen Spaziergang noch mal machen, wieder am Rande vom Flughafen Gatwick in dieselbe Richtung starten. (ah)

26. 3. 2020 (Köln/Ravensburg/Marseille/Noosa/Washington …)
Was machen die anderen? H. aus Köln schreibt, im Krankenhaus, wo sie arbeitet, haben sie noch relativ wenige Fälle, aber sie werden vorbereitet, als stünde ein Krieg bevor. Hinterher bietet sie auf Whatsapp an, wenn wir ganz crazy Geschichten hören wollen, gern, habe bestellt. Mit Tante G. in Ravensburg telefoniert, sie ist 93 und blind und lebt in einer Wohnung im Altersheim. Das Essen bekommt sie jetzt nicht mehr geliefert, da das Personal aus welchen Gründen auch immer dazu nicht mehr kommt. Sie schafft es aber in den Gemeinschaftsraum zum Essen. Besuch darf sie fast nicht haben. Macht sich Sorgen um die Tochter in Australien, deren Job wegen der Entlassungen auf der Kippe steht. B. schrieb mir gestern auch auf Whatsapp, in Noosa sind die Restaurants etc. geschlossen, aber keine Bewegungsverbote, sie werden sich eine neue Existenz aufbauen müssen, haben schon Ideen, der Optimismus scheint dort ähnlich wie das zu sein, was man von den USA kennt. T. in Marseille sagt, er muss auf seine sowieso immer undisziplinierten Eltern aufpassen und versucht aus der Ferne, den Job in Spanien weiterzumachen. Er wundert sich darüber, dass wir in Deutschland keine Ausgangssperre haben. M. aus Washington schrieb am 19. 3., sie waren mit der ganzen Familie in Norditalien im Urlaub, alles gut, zwei Tage vor der Abreise »explodierte« es alles. Sie waren dann zu Hause in Quarantäne, alle gesund. Sie macht sich Sorgen um uns, wo es doch in Europa alles so viel heftiger ist. Die Sichtweise ist eine Woche alt, heute hat die USA mit Italien gleichgezogen, was die positiven Testungen angeht (80.000), was nichts heißt, vor allem nichts Gutes für die USA, wo kaum getestet wird. In New York mehr Tote als in Deutschland (knapp 300). Was war noch mal der Referenzpunkt? Wo stand Italien vor genau 11 Tagen? Das Zeitgefühl ist ein anderes. Werden wir bitter lachen über unsere harmlosen Gedanken und Beobachtungen heute am 26. März oder auch am 30? (smo)

26. 3. 2020 (Hamburg)
der letzte, von außen zugefügte ausnahmezustand war eine allergische reaktion auf einen wespenstich und die anschließende medikation mit kortison.
das resultat war eine anhaltende überaktivität, die zum mehrmaligen streichen der küche führte. ausräumen, einräumen, streichen und noch mal das gleiche. am liebsten gleich nach den morgendlichen e-mails um 4 h in der früh und in verschiedenen farbkombinationen.
nach der rückkehr aus dem mittlerweile als hochrisikogebiet erklärten new york stellte sich trotz jetlag und verordneter kontaktsperre eine gesteigerte aktivität allerdings nicht ein. das bad war in einem anflug von irrsinn zwischen zwei jobs gestrichen worden. das schlafzimmer und wohnzimmer ebenfalls, nach zu viel wein mal ausgeräumt, am tag gestrichen und wieder weiter – das war alles gerade kurz vor der letzten reise gemacht worden.
das auge wandert und wandert.
kein corona-buch. das sollte mal klar sein.
obwohl ich diese spontan getroffene entscheidung gerade wieder überdenke ... befreundete restaurantbetreiber haben ein weintaxi in betrieb genommen, das kam und hat geliefert. und schon kommen wieder neue ideen. die einflüsse von außen ... (v)

26. 3. 2020 (Hamburg)
F. hat sich die Fingernägel lackiert. Das kommt sonst eher selten vor. Sie hat sonst schon alles ausgereizt. Gesichtsmaske, Pediküre, Zöpfeflechten. Es bleibt einem eben nur noch der eigene Körper als Material, der ganze Gestaltungswille fließt neuerdings in Haare, Haut und Augenbrauen.
Überhaupt sind alle nur noch damit beschäftigt, Körperpflege oder besser: Körpererhaltung, Körperinstandhaltung zu betreiben. Die Tage strukturieren sich nach Bedürfnissen und Dringlichkeiten und wenn endlich wieder Haarewaschen dran ist, dann freut man sich. Oder wenn das Kind in die Wanne kommt, 30 Minuten Wärme und Seife und danach: Danach hat man was geschafft, ist wieder ganz wie neu. Und man fängt direkt wieder bei null an mit dem Schmutzigmachen, Hungrigwerden, Wachsen, Ausfransen, Durstigsein, Müdewerden.
M. erzählt mir genau, wie sie ihre Pasta kocht, und ich bin übertrieben interessiert daran. L. verzweifelt, weil sie das eine perfekte Linsen-Rezept gestern im Halbschlaf online gesehen und jetzt nicht mehr finden kann. N. geht jetzt täglich joggen. S. schickt mir kommentarlos eine Liste an Globuli. R. hat sich Kurzhanteln bestellt und gestern damit trainiert (»Bizeps Explosion«). T. und ich führen uns einmal am Tag selbst spazieren, behutsam und ruhig, als wären wir zwei alte Terrier. Heute biegen wir mal links ab. (ng) 

26. 3. 2020 (Hamburg)
Die immer etwas klapprig wirkende Budni-Verkäuferin sagt, dass sie ab Montag für zwei Wochen Urlaub hat, jetzt aber versucht, ihn zu stornieren: »Ich bin ein Kulturmensch! Wenn ich Urlaub habe, gehe ich normalerweise abends ins Theater und tagsüber ins Museum und in Ausstellungen. Was bringt mir jetzt Urlaub?« (vk) 

26. 3. 2020 (Berlin)
Zahnarzt Corona
Heute morgen frage ich den Zahnarzt, der eine Schutzmaske trägt, eine professionellere als sonst: »Soll ich auch eine Maske anziehen?« – »Ja, dann haben wir endlich mal Gelegenheit, uns in Ruhe zu unterhalten.« (kjp)

26. 3. 2020 (Berlin)
Ach komm
Ich habe mich zwar schon vor Wochen informiert, aber dann doch keine Impfungen mehr machen lassen. Die Grippewelle sei jetzt eh vorbei, meinte der Onkologe. Und bei der Pneumokokkenimpfung hatte ich Angst, mir das Virus in der Praxis zu holen, und außerdem ist gleich nach der Zeckenschutzimpfung letztes Jahr der Lymphknoten angeschwollen.
Leichtigkeit, Leichtsinnigkeit, wo sind sie geblieben? Ein Kind der Freude war ich ja eh noch nie. Geht jetzt alles nur noch im abgesicherten Modus?
Bestellte Bahntickets – aber natürlich nur in einem bestimmten Zeitraum für einen bestimmten Zeitraum, Bahn bleibt schließlich immer noch Bahn – kann man auch später noch flexibel nutzen. Ist doch mal was.
Aber man kann gar nichts mehr in Lebensmittelläden einkaufen, weil entweder die Regale leer sind oder die Angestellten verständlicherweise keine Lust haben, sich an die Kasse zu setzen und sich stattdessen im Laden rumdrücken, während die Schlange durch den ganzen Laden geht. Post das gleiche, aber da liegt ja schon zu normalen Zeiten alles brach. Hab’s trotzdem geschafft, noch Hanfmehl – die Mehlauswahl ist beschränkt und Hanfmehl führt bei mir zum Lachflash – und schwarze Bohnen mit ins neu auserkorene Vorratsfach zu schmeißen. Die nächste Quarantäne kommt bestimmt, wenn das Gesundheitsamt zweimal klingelt.
Und dann wird man noch auf der Straße angeschrien: »Geile Maske – bleib doch zu Hause!« »Mach ich auch, ihr Arschlöcher!« Und backe! Habe heute eine bei Amazon bestellte Pyrex-Kastenbackform aus Glas unter Hochsicherheitsbedingungen aus dem Späti abgeholt – für nur 5 Euro und ohne Porto! »Königskuchenform« nennen sie die auch noch – her damit! Doppelt unnötig, weil ich eine habe, aber eben nicht aus Glas. Und die sind besonders gut, weil nicht beschichtet. Außerdem läuft mein Gasherd nur auf volle Pulle und Glas leitet die Hitze schlechter, d. h. es verbrennt mir ab jetzt kein Kuchen mehr. Los geht’s mit einem getränkten Zitronenkuchen von Betty Bossi. Im Originalrezept steht noch, leider wurde das für die Online-Version gestrichen: »Ein herrlich feuchter Kuchen!« (pp)

26. 3. 2020 (Hamburg)
Wenn du wie wir in der »Kommunikation« arbeitest, kannst du es jetzt sein lassen. Oder weitermachen. Oder es dir jeden Tag neu überlegen, dann ist es am anstrengendsten. Sicher hat man jetzt Zeit, sich was Tolles auszudenken.
Es wird in den nächsten Wochen die fabelhaftesten Social-Media-Formate aller Zeiten geben, die uns süchtig machen sollen auf Isohaft. Aber damit bist du in einer Non-Profit-Welt. Wenn du Geld brauchst, musst du es jetzt woanders herbekommen. Entdecke die Möglichkeiten! Schon in ein paar Tagen werden die ersten jungen Deutschen schwärmen, wie toll es ist, bei der Spargelernte auszuhelfen. Auch um die Jungpflanzen anderer Sorten muss man sich kümmern. (mh)

25. 3. 2020 (München)
Bin heute in der Parkstadt Schwabing gejoggt. An Amazon vorbei und an anderen leeren Büro-Towern, die hier (soweit ich weiß) höher als die Türme der Frauenkirche sein dürfen, weil außerhalb vom Mittleren Ring. Dass alle Schreibtische unbesetzt sind, sieht man, weil die Fassaden bis ganz nach unten aus Glas sind. Außer dem Wind kam mir so gut wie niemand entgegen, nur einen Mann mit zwei Jungen auf Fahrrädern habe ich gesehen. Er hat ihnen ein Straßenschild erklärt, also auf welcher Seite des Radwegs man fährt, wenn der Pfeil nach oben zeigt. Die Straßen der Parkstadt Schwabing sind nach Bauhaus-Größen benannt, z. B. Gertrud-Grunow-Straße oder Anni-Albers-Straße. Aber das Bauhaus-Jahr ist vorbei, jetzt ist ein anderes Jahr. Mein Atelier ist in der Margaret-Schütte-Lihotzky-Straße. Margaret Schütte-Lihotzky war die Erfinderin der Frankfurter Küche und da steht das größte Atelierhaus Münchens. Vor einigen Wochen, vor der Bürgermeisterwahl, hatte die Stadt die Idee, die Ateliermieten an die Quadratmeterpreise von Amazon anzupassen (jeweils Gewerbeflächen in der gleichen städtischen Lage), also um 40 % zu erhöhen. Da hat der Lars von der SPD sich eingesetzt und die Mieten bleiben noch ein Jahr so, wie sie sind. Dann wird wieder ein anderes Jahr sein. (jn)

25. 3. 2020 (Barmbek-Süd)
Homeoffice (Duden-Empfehlung: Zusammenschreibung), Woche 2. Eine tiefstehende Sonne beleuchtet Spinnweben in Ecken. Draußen der eingeschränkte Verkehr erinnert an früher, Vorwendezeit, als die Jogger noch nicht in Scharen durch die Parks liefen und die neoliberale Dynamik die Menschen noch nicht so aus den Häusern trieb, rastlos von Erstjob zu Zweitjob. Die Elstern in einem der Straßenbäume bauen ungerührt an ihrem Nest. Neulich haben wir beobachtet, dass sie die Nester vom Vorjahr in anderen Astgabeln zerstören, als duldeten sie keine Nachbarschaft.
Man sieht dieser Welt die dramatischen Veränderungen der letzten Tage nicht an. Unsere Verunsicherung setzt sich zusammen aus Daten, die über andere Kanäle zu uns dringen und uns veranlasst haben, unser Verhalten zu ändern, während die sichtbare Welt dazu nicht zu passen scheint. Corona ist ein Höhlengleichnis.
Dass der studierenden G. die Gastrojobs weggebrochen sind, L. nicht zurück nach Wien kann, weil sein Mitbewohner in Ischgl war, S. nicht zu ihren Eltern, ist real. Nach einer ersten Phase der Verunsicherung hatten wir beschlossen, tägliche kleine Spaziergänge zu unternehmen, um die bedrückende Fantasie zu besiegen draußen sei die Luft erfüllt von Viren, die uns bald durch Fensterritzen heimsuchen würden.
Die morgendlichen Videokonferenzen verlieren ihre feierliche Dringlichkeit. Routine. Erste Kollegen bleiben der Sache gelassen fern. Es stört mich nicht mehr so, dass ich mich dort sehen muss – wie man sich mit der Zeit ja auch daran gewöhnt, die eigene Stimme zu hören, für viele der Horror der Selbstwahrnehmung schlechthin.
Kann man das weiterdenken in ein transhumanes Zeitalter? Wie werden wir erschrecken, wenn wir dereinst die eigenen Gedanken zu denken bekommen? Das eigene Unbewusste? Die eigenen Gerüche und Geschmäcker auf irgendeine technologisch veräußerte Weise als Sinnesdaten von uns selbst uns »in der Welt« begegnen?
Gestern fiel ein Konzert aus (Tini Thomsen im Stage Club), heute ein Essen mit Freunden. Mehr nicht. Nichts Besonderes. Dass bei allen heute dies und morgen jenes ausfällt, macht Corona aus.
Mein Freund W. war von Anfang an empört. Alles übertrieben, Hysterie, Leute weiden sich am Ausnahmezustand, im Vergleich zur Klimakrise ... Philosophische Distanz ist auch ein Angstlöser. (rs)

25. 3. 2020 (Hamburg)
Vierköpfige Familie auf einer begrünten Fläche hinter dem Volksparkstadion.
In einer einsamen Parkecke Seifenblasen pustend, kommt plötzlich die Frage auf, ob das nun auch gefährlich ist. Wir blasen ja buchstäblich unseren verseuchten Tiroler Odem in die Lauge, die dann über den Park schwebt, um sich eventuell auf einem anderen Parkbesucher platzend zu ergießen. Während Luzie das Gefäß entgleitet, bleibt die Frage offen. (fn)

25. 3. 2020 (Hamburg)
Mehrere Leserbriefschreiber, die über 80 sind, schreiben, sie finden, bevor man das jetzt alles zumacht, soll man halt die Alten opfern, auch wenn das jetzt hart sei. Sie seien quasi bereit. Allerdings unterschiedlich. Eine Frau schrieb, dass sie um den Preis, dass hier das ganze Kollektiv in den Dutt geht, eigentlich nicht geschützt werden will. Hab sie gegoogelt und eine Todesanzeige vom letzten Jahr gefunden, wo sie oben auf der Trauerliste stand, war offenbar ihr Sohn. Ein Mann schrieb, das sei jetzt halt wegen der Arterhaltung wichtig, jetzt braucht man viele frische junge Menschen. Seltsam, was für Ideen dann auf einmal hochkommen, wahrscheinlich ein ehemaliger Arzt. Es gab auch einen Artikel über die Mittelalten, die sich über ihre alten Eltern beschweren, die einfach so unvernünftig seien und nicht in Quarantäne wollen bzw. sich Gefahren aussetzen. Mühsam und störrisch, wie Kinder. Aber vielleicht sind die auch gar nicht so unvernünftig, sondern haben nur eine andere Beziehung zum Tod. So wie die 92-jährige Mutter letztes Jahr sagte bzw. fragte: »Ich weiß gar nicht, woran ich eigentlich sterben soll.« Als sie kurz danach ohne Leiden starb, freuten sich die Freundinnen für sie. (smo)

25. 3. 2020 (Berlin)
Pietro Vernazza plädiert, lese ich auf der Website des Kantonsspitals St. Gallen, für ein Herunterfahren der Maßnahmen in der Schweiz. Vernazza ist Infektiologe mit einigen Verdiensten in der AIDS-Pandemie. Man könne bald herunterfahren, weil das Virus Personen treffe, »die am Ende ihres Lebens stehen. An einem Punkt, an dem sie sich vielleicht selbst sogar auf den Tod vorbereiten oder aufgrund ihres Zustands immer damit rechnen, dass es passieren könnte. Das Leben ist endlich.«?Die Heftigkeit meiner Reaktion überrascht mich. Sie ist nicht restlos durch das zu erklären, was hier gefordert wird; antwortet, glaube ich, eher auf den Schlag, den mir, der »Risikoperson«, die infame Sprache versetzt, die zum Schmuggeln der krispen Botschaft benutzt wird. Ich kann gar nicht glauben, dass ein AIDS-Mediziner zu diesem miesen rhetorischen Kniff greift, nach dem die Opfer »vielleicht« selbst schon zu dem Blutbad bereit sind, das er vorschlägt. Dass er ihnen ein Einverständnis unterschiebt, von dem ich weiß, dass es nicht existiert. Und er weiß es auch. Er muss es wissen. Ich bin seit dreißig Jahren HIV-positiv, mit dauerhaft angeschlagenem Immunsystem und Werten, die man früher »Vollbild AIDS« nannte. Ich nehme das, was Vernazza sagt, eigentümlich persönlich. Wie auch nicht? Und dabei ist noch geschenkt, dass er, wenn er die geringen Verluste abschätzt, alle Kranken, die nicht alt sind und trotzdem sterben werden, unterschlägt. Wer mit geringen Verlusten rechnet, geht stets davon aus, nicht darunter zu sein. Das macht die Verluste akzeptabel.
Wenn mich jemand bequatschen wollte, den Tod zu akzeptieren, habe ich das immer persönlich genommen. Ich bin seit dreißig Jahren an dem Punkt, wo ich ständig damit »rechnen« muss, dass »es« passieren könnte. An dem Punkt ist natürlich immer und überall jeder, nur dass die Möglichkeit für mich halt wirklicher ist, weil sie meinem Bewusstsein durch ein Virus näher gerückt wurde als anderen. Ich identifiziere mich mit den »Alten« (zu denen ich nach epidemiologischen Kategorien sowieso längst gehöre) und reagiere stinkig, weil Vernazza seine Worte in meinen Kopf schmuggeln will; weil er mich zu dem Glauben überreden will, dass ich mich an diesem Punkt auf den Tod vorbereite. Was ich nicht tue. Aber unter Kosten-Nutzen-Aspekten wäre es gut, wenn ich es jetzt täte. Ich soll meinen Tod für so vertretbar halten, wie Vernazza es tut. Ich hätte nicht leben können, wenn ich meine Zeit mit Vorbereitungen auf den Tod verschwendet hätte. Das Leben ist endlich. Ich bin krank und lebendig. Die Alten halten es ebenso. Sie leben, auch wenn »es« immer passieren könnte. Sie leben aber nicht auf das »es« hin. Sie dürfen mehr von sich halten. Vernazza macht mit den Alten das, was wieder und wieder mit den HIV-Positiven gemacht wurde – er macht sie zu Sterbenden. Und je mehr Leute es machen wie er, desto stärker werden die Alten auch so wahrgenommen werden. Ich bin stinkig, weil Vernazza die eigene Brutalität an die Lebendigen delegiert, nur um sich selbst zu entlasten. Er soll nicht fingieren, dass die Opfer mit ihm einverstanden sind und sich als Sterbende verstehen, nur weil es an Betten und Personal fehlt. (dl)

25. 3. 2020 (Berlin)
Hotel Daheim
»Hallo lieber Willi, ich wollte nur berichten. Mich hat heute das Gesundheitsamt kontaktiert. Ein sehr netter Mann, der war sehr gesprächig. Deswegen sind die auch nicht erreichbar, weil der irgendwie schon eine halbe Stunde mit mir allein telefoniert hat. (lacht) Ich hab’ den so richtig abwürgen müssen ... Ein sehr netter Mann, er hat mich über ganz viele tolle Details informiert. So, Anne wurde kontaktiert – sie hatte Kontakt aufgenommen, denn da ist in ihrem Fall was schief gegangen, weil die sich ja nie gemeldet haben, da ist ein Fax nie angekommen und die konnten das jetzt nachvollziehen – weil sie gesagt hat, sie wurde getestet und hat nie eine Antwort vom Gesundheitsamt bekommen. Sie hat heute morgen am Telefon die Liste von Kontaktpersonen mit dem erstellt und da war ich natürlich dabei und der hat sich direkt bei mir gemeldet. Jetzt bekomme ich morgen in meiner privaten Residenz einen Test – also die kommen zu mir nach Hause – im Laufe des Tages. Den Test muss ich zwar selber machen, aber die kommen zur Tür und erklären mir alles und dann in maximal 48 Stunden werden sie sich melden, ob positiv oder negativ. Wenn der negativ ist, dann haben wir alles richtig gemacht und dann ist erstmal gut. Es war ein crazy Typ, so ganz jung und ich hab ihm den Fall von mir geschildert und er hat gemeint, es hört sich schwer danach an, dass es so ist, das ich auf jeden Fall infiziert wurde, er würde es mir auch anhören. Sie kucken, und wenn der Test wirklich positiv ist, obwohl wir ja alles richtig gemacht haben, weil wir ja jetzt die ganze Zeit zu Hause sind und nicht viele Leute getroffen haben und wenn der wirklich positiv sein sollte am Freitag, dann geht sozusagen diese Schleife, die Anne gemacht hat bei mir los. Dann werde ich alle angeben müssen, dann werdet ihr alle endlich kontaktiert und kommt zu eurem Test von zuhause aus. Aber jetzt hoffen wir mal ganz stark, dass das negativ ausfällt, jetzt schon, weil sonst muss ich natürlich ganz zuhause bleiben … Information ist, sie handhaben das jetzt so: 48 Stunden nachdem man wirklich keine Symptome mehr hat – da muss man in sich reinhören – gilt man als virenfrei. Das ist ja eine neue Information. Genau, so wird das jetzt gemacht. Wir testen das jetzt, so. Wenn ihr alle fit seid, dann ist das ja erstmal ein gutes Zeichen. Und meine normale Quarantäne wäre ja jetzt auch Ende der Woche rum, und deswegen würden sie das dann nur so ein bisschen verlängern, wenn ich jetzt noch positiv gelten sollte. Soweit, macht’s gut.«?»Good night, Hornwachte und Umgebung! Geschwindigkeit ist nicht alles. Aber Hauptsache laut. Viel Spaß mit Megadeth!«?»Good morning, Hornwachte und Umgebung! Nach der schweren Kost gestern abend heute zum Start was zum Schmunzeln. Maskottchen und Sicherheitsmänner tanzen zu Bon Jovi.« (pp)

25. 3. 2020 (Hamburg)
Message from the Bad Boy Jesus City Swimmers Club: Der Bad Boy Jesus City Swimmers Club denkt, dass man die Schönheit des Unsichtbaren begreifen muss. Und wenn mikroskopisch kleine Teile die Welt zur Stille zwingen, ist das auch eine Form von Schönheit. Währenddessen: Vögel fliegen über die Städte, Eichhörnchen rennen durch Parks und Straßen, irgendwo ist die Zeit der Kirschblüte und irgendwo anders gleiten Riesenkraken durch die Abgründe des Ozeans. (mm)

24. 3. 2020 (nahe Bordeaux)
schon seit längerem wollte ich für ein wochenende eine gute freudin in amsterdam besuchen, die ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte.
sie hatte karten für ein klavierkonzert geschenkt bekommen, das ausverkauft war: an ca. 90% senioren, die große schwierigkeiten hatten, während der pause auf die toilette und wieder in den saal zurück zu kommen und 10% musikstudenten, von denen wir empört-vernichtende blicke zugeworfen bekamen, als wir während der dritten zugabe fortgingen.
wir fühlten am tag darauf ein leichtes kratzen im hals, fielen abends recht erschöpft in die betten und standen in der darauffolgenden zeit nur noch sehr selten auf. einmal kämpfte ich mich nachts auf die toilette und sah in der küche 2 geschälte und eine kleingeschnittene mohrrübe liegen.
als wir am nächsten nachmittag zufällig gleichzeitig wach waren, klärte meine freundin mich auf, dass sie abends eine gemüsesuppe hatte machen wollen, sich dann aber zu schwach fühlte um weiterzumachen, sich kurz hinlegen musste und bis mittag weitergeschlafen hatte. (hn)

24. 3. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe, bei Hamburg)
B. erzählt, dass der Tauschschrank nahe der Weidenallee mit Sicherheit einer der infektiösesten Orte der Stadt ist, alle 5 Minuten kramen Leute im Sortiment, mal mit einer behandschuhten Hand, die unbehandschuhte wird aber auch zu Hilfe genommen, mal ganz ohne Handschuhe ... den Kindern, die diesen Tauschschrank auch sehr schätzen, ist es sowieso egal.
Ich habe gestern den Schuppen mit dem Ölzeug aufgeräumt – Gummischutzkleidung – Ratten haben eine Schwimmweste angenagt. (nor)

24. 3. 2020 

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird. 

Es ist Zeit.
(Paul Celan)

24. 3. 2020 (Hamburg)
(Freiwillige) Quarantäne, Tag Nr. ich-kann-bis-so-viel-gar-nicht-zählen.
Langweiligste Apokalypse überhaupt. Null Spannungsbogen. Das Wetter ist auch viel zu schön, sonnig, im Norden. Keine Sturmwolken, keine vier apokalyptische Reiter, nicht mal einer.
Gehen alle, die Millionen Rollen Klopapier gekauft haben, zu Gastroenterologen, wenn das vorbei ist? So viel scheißen kann nur bedeuten: fauler Magen. Kommt fauler Magen von faulen Gedanken? Oder mache ich mir Sorgen, dass ich kein Klopapier mehr finde, was meinen Magen verdirbt. The human centipede als Gesellschaft.
»Während sich nämlich [nicht lesbar] mit der äußeren Entfremdung des einfachen Menschen von seiner Umwelt beschäftigt, …«?Die Kamera steht still. Plansequenzen zeigen das Subjekt. Das Subjekt schläft lange, spielt Videospiele, guckt Youtube, fasst sich an, nicht am Gesicht, an den Privatteilen. Privilegiertes Leben mit ALG I.
Die Wirtschaft muss leben, damit wir sterben können. (dt)

24. 3. 2020 (Berlin/Franken)
Uneingeladene Gefühle
Aufstehen, Fiebercheck bis auf die zweite Dezimalstelle. Noch ist alles o.k.. Aus den gestern Nacht noch aussortierten Gläsern zum Wegwerfen doch das Weinglas und das Genoppte wieder zurück gestellt. Unwiderstehlich und widerstandsfähig. Das Hirschgeweih aus Papier, das über der Wohnungstür hing, von der Wand gerissen und das hygge Pseudovogelnest mit den bei meinen Eltern aufgelesenen Vogelfedern, das als Kranz über der Küchentür hing, auch. Heute vielleicht mal die Vorhänge waschen? 23 liegen in Berlin auf der Intensivstation, Erinnerungen an meine Zeit mit Lungenentzündung in der Charité. Gestern endlich mit der Augustinus-Biografie angefangen und weiter mit Gammler, Zen und Hohe Berge. Heute morgen dann die Morgenmeditation verschlafen. Mein 51-jähriger Bruder nennt sich jetzt DJ Heaven und hat eine WhatsApp-Gruppe »DJ Heaven Fanclub« aufgemacht: »Guten Morgen Hornwachte und Umgebung! Unseren täglichen Song gib uns heute: 2 Kids tanzen zufällig zu Skid Rows ›18 and live‹. Viel Spaß!« Aus der Gruppe zweimal die Antwort: » hang loose als emoticon«. Ich traue mich nicht, auszutreten. Wann ich wohl wieder hinfahren kann? Meine Mutter hat nach Ostern Geburtstag und meine Bahntickets sind schon seit Januar gebucht. Aber Freundinnen meinten schon vor Wochen, ich könne mir das abschminken, weil ich mich entweder im Zug anstecke oder ich gar noch meine Eltern anstecke – und das könne ich ja wohl beides nicht wollen. Mit einem Mietauto könne ich fahren. Sie selber besuchen mich auch nicht, weil sie nicht sicher seien, negativ zu sein und mich nicht anstecken wollen. Meine Mutter weiß nicht, ob sie feiert, oder darf sie eh gar nicht mehr? Im Dorf ist schon viel länger als hier alles abgesagt: Kirche, Sportverein, größere Geburtstagsfeiern. Wir telefonieren jetzt öfter und haben uns versprochen, es uns nicht zu verheimlichen, wenn wir uns anstecken sollten. Sonntags fahren sie jetzt immer im Auto spazieren und steigen nirgends aus. (pp)?

24. 3. 2020 (Hamburg)
Sonne
Waren heute zu dritt im Park. Haben zwei Meter Abstand von den anderen eingehalten. Als ich das Tor zum Park mit der Hüfte öffne, erklärt mir eine ältere Dame mit Handschuhen: „Anfassen darf man alles, nur nicht die Finger dann ins Gesicht.“ Ich nicke freundlich und sage, dass ich aber nicht anfassen möchte, weil ich gleich noch mit meinen Finger mein Brot anfassen werde.“ Anklagende Erklärbären. Das nimmt sicher noch zu. Das Internet ist voll. Man liest, was man aus virologischer Sicht darf, was Verschwörungspulmologe Dr. Prof. Wolfgang Wurst noch zu sagen hat, was die Leute sich noch leisten da draußen. Ansonsten wird 21 Uhr geklatscht und 18 Uhr spielen die Musiker*innen aus ihren Fenstern die "Ode an die Freude".
Was macht Angela Merkel grade? Was macht mein Fotolabor??Im Park war es übrigens sehr schön. Atem und spritzender Schweiß der Jogger*innen passiert bestimmt die 2 m–Marke.

Nächster Tag/Müde
Pneumokokkenimpfung machen lassen wegen Asthma. Musste Mundschutz beim Arzt aufsetzen. Hab jetzt zumindest einen Mundschutz.
Sonst versucht, über nichts nachzudenken. Carearbeit ist anstrengend. Wäsche, Spülen, Essen kochen, Laden suchen der Eis verkauft, Kind trösten, 101 Dalmatiner vorlesen (Miese Rollenklischees – habe beim Vorlesen immer Peditas und Pongos Namen getauscht. Wahnsinn, was das macht.), mein erstes Brot gebacken (logisch mit Backmischung ohne Hefe – kann das jetzt. Sind auf den Ernstfall vorbereitet).

Schlafe jetzt endlich. (js)

23. 3. 2020 (Hamburg)
D. hat seit einigen Wochen eine sehr große Menge Barilla-Nudelpackungen in seinem Atelier. Warum?

I have the Barilla packages because I like the contrast between the large penis like drawing on the packet and the tiny penis like pasta inside! I wanted to make a big block of them and then drill a large hole into the block like a kind of mining.
But now if I show it it will just look like a »corona« work, and I am sure there will be a lot of other »corona« works around at that time! Though I am interested in how romantic works (work that that sets out to delineate a basic parameter but doesn’t seek to change it) can find themselves so easily coopted by political and biographical events that happen after they are made but are still local to there time! (df)

23. 3. 2020 (Hamburg)
It’s the virology, stupid, Maß aller Dinge. Überall Verbotsschilder. Ausgangssperre, Schließung, Hausarrest, Kontaktverbot. Quarantäne.
Da beginnen die Guten, die, die es richtig machen, die, die ES verstanden haben, sich wohlzufühlen. Da entsteht Gemeinschaft! Beschützt von Polizei im Park. Die Jagd auf die Unbelehrbaren ist eröffnet.  Ein starker Staat ist ein guter Staat, das zeigt sich jetzt. China: Null Neuinfektionen! Geld bekommt nur, wer vorher schon welches hatte. Es ist auch vieles verzichtbar, wird gesagt. Es wäre auch nicht richtig für die Volkswirtschaft, jetzt alle durchzufüttern. Ausweichende Körper, leere Blicke. Idioten, die aus dem Fenster klatschen. Hier zeigt sich Community. Wie stark sie ist. (mh)

23. 3. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe)?Ein Freund wird in den nächsten Tagen beginnen zu fasten, Einkaufen ist zu nervig. (nor)

23. 3. 2020 (Berlin)
Hallo leise Welt
Der laufende Betrieb war nie so humpelnd wie letztes Jahr: Vom Urlaub aus Italien zurück und rein in den Krebs und in die Chemotherapie und die Immuntherapie und jetzt die Pandemie. Garantiert schreibe ich kein Krebstagebuch, wer soll das lesen? Jetzt ein Pandemietagebuch – wer soll das erst lesen? Ist auch gar nicht systemrelevant – denn alle lesen doch jetzt »Die Pest« von Camus, die 90. Auflage geht in den Druck und es gibt Lieferschwierigkeiten. Endlich mal was Illegales tun und alleine aus der Hema-Thermoskanne Kaffee im Park trinken; das Verlassen der Wohnung ist nur noch aus triftigen Gründen erlaubt. Vielleicht könnte ich damit durchkommen, wenn ich es als ehrenamtliche Tätigkeit an mir selber labele? Die Psychotherapeutin hat das für den nächsten Tag terminierte Telefonat verschoben – sie sagt sie werde krank. Dann wieder nach Hause und telefonieren – die Videokonferenz des kleinen Mannes. Die Pizza vom Vortag auf dem Toaster aufwärmen. Plastikbeutel wegschmeissen, in Plastik gestanzte Erinnerungen: Aus der Kaffeerösterei in Mailand, dem Nobelmuseum in Stockholm, die regenbogenfarbene, die mal poetisch über den Hof wehte und die ganz kleinen, auch die mit den Augen drauf, noch aus Israel. Dazu Nico an. These days. Was ein paar Monate zuvor noch den ganzen Tag lahm legte, macht jetzt nur noch eine kleine Delle in die Stimmung. Wieviel Zeit jetzt plötzlich wieder zur Verfügung zu stehen scheint. Endlich die Haken anbringen, die ich mal gekauft hatte, als ich dachte, es würde jetzt alles anders werden. Bitte nicht nochmal, danke. Kann ich eigentlich noch meinen Kopf so weit nach vorne beugen wie vorgestern beim Livestreamgruppenyoga? Aus dem Fenster schauen war noch in den 1950ern eines der beliebtesten Hobbies – I predict a riot. Ich rupfe stattdessen Bildchen aus den Zeitschriften, lade die Pdfs runter und schmeiße das Papier weg. Würde ich noch rauchen und trinken – jetzt wären die besten Zeiten dafür. Schade drum. (pp)

23. 3. 2020 (Thüringen/Hamburg)
Call of Duty?H. erzählt mir von ihrem Chef, Redaktionsleiter eines Thüringer Regionalradios, der bei Merkels Fernsehansprache letzte Woche zu weinen begann. Das sei ein historischer Moment, sagte er unter Tränen, und er, er sei dabei.
H. mutmaßt – vermutlich ganz zu Recht –, dass dies die erste Krise sei, die ihr Chef je erlebt hat. Und sie ahnt schon – vermutlich ganz zu Recht –, dass in diesem historischen Moment all jene therapeutischen Bedarf und beratende Aufmerksamkeit bekommen werden, deren Existenz und Identität bisher immer schön abgesichert war, und all die Leute, die schon permanent die Krise feststellen konnten, sagen so: Ja eh, und bekommen auch so: Ja eh.
L. erzählt mir von den Vätern in ihrer Nachbarschaft. Seit zwei Wochen sind sie im Kriegsmodus. Sie schleppen Mineralwasserkisten und Großpackungen Mehl in die Altbauwohnung, sie kaufen Vitamine und Eiweißshakes, stocken die Biokostenlieferung auf und pochen auf ihr Bestandskundenrecht, sie desinfizieren die Lenkstangen ihrer Rennräder, sie tauschen sich leise murmelnd via Skype über die neuesten Prognosen aus, sie sind besorgt, sie sind überzeugt: Sie werden ihre Familie da heil wieder rausbringen. Die ganze Grimmigkeit und Sorge ist, sieht man genau hin, ein gut kaschiertes Aufatmen: Endlich werden sie wieder gebraucht. Die heteronormative Kleinfamilie ist in Zeiten von Kontaktverbot und Ausgangssperre und Vorratskäufen die einzig wirklich legitime und legale Gesellschaftsform und einen Mann im Haus zu haben, scheinen die schleppenden und seufzenden Daddys sagen zu wollen, lohnt sich jetzt. Das ist ein historischer Moment, und sie, sie sind endlich auch mal selbst dabei.
Übrigens: Gestern war ich spazieren. Und: Zum ersten Mal ever hatte ich genügend Platz am Gehsteig. Corona-Soldatenväter, ihre Hand schützend auf der Schulter ihrer Laufrad-fahrenden Kinder sind mir wissend nickend ausgewichen. Jogger sind von der Bordkante gesprungen und über die Straße gehechtet, Jungsgruppen mit Kampfhunden haben sich an Hauswände gedrückt. Beim Warten auf die grüne Ampel hat mir niemand in den Nacken geatmet, die Parkbank hatte ich ganz für mich alleine.
Das ist wirklich ein historischer Moment. (nlg)

23. 3. 2020 (Schleswig-Holstein, südwestlich von Elmshorn)
Mich beschäftigt seit meinem Quarantäne-Beginn am Montag vor allem meine Selbstwahrnehmung. Ich schicke mir mit V. kleine Videobotschaften hin und her. Und nun gucke ich dauernd diese Videos von mir selbst an. Ich bin völlig fasziniert. Vielleicht verhalte ich mich auch für die Aufnahme, aber ich nehme mich als merkwürdig süßlich wahr. Innwendig ist’s das totale Gegenteil –, bäuerlich-frisch usw.
2020 #Inventur #Rundgang?Vorhin ist meine Sonnenbrille in einem Farbeimer geweht worden; Ich habe sie 45 Minuten putzen müssen. Hoffentlich passiert morgen etwas Vergleichbares. (fn)

23. 3. 2020 (Hamburg)
Chatroom-Narben ?Krisenburnout ist wahrscheinlich neben Einsamkeit die häufigste Erscheinung während der Tage des Wartens. Ich habe Abdrücke um die Ohren, Chatroom-Narben, Flimmern in den Augen. Alle zwei Stunden eine Konferenz. Mal geht es um Arbeit, mal um Krisenunterstützung, mal um Minigolf, mal einfach so. Die Unmöglichkeit, sich zu treffen, erschafft den Wunsch, sich zu treffen. Ich weiß, wie es allen geht. Wenn die Krise vorbei ist, dann bleib ich einfach wieder zu Hause und frage niemanden, wie es geht: „Ganz o. k., so wie manchmal“, wird eh die häufigste Antwort sein. I. hat die Hoffnung, dass sich vieles verändern wird nach der Krise und die Bewertungen von Arbeit danach neu gedacht wird. Ich höre zu und lächle freundlich, obwohl I. mich gar nicht sieht. Ich habe da keine Hoffnung. Die Menschen werden aufhören zu klatschen, von Geld hat niemand geredet, klatschen gibt’s. Zumal die Leute auf den Balkonen es ja gar nicht sind, die die Bewertung von z. B. Pflegearbeit vornehmen können, sondern das wirtschaftliche Konkurrenzverhältnis der privaten Krankenhäuser. Entweder, es wird jetzt zu umfangreichen Verstaatlichungen kommen, oder es geht danach einfach wieder den normalen Gang. Deutschland schießt sich aber lieber selbst ins Bein, bevor hier etwas verstaatlicht wird. Zu tief sitzt die Angst vor dem Gespenst des Sozialismus, das hatte man ja schon und das war ein Unrechtsregime und insgesamt hatte man in Deutschland zwei gleich schlimme Unrechtsregime mit Hitler und der DDR, und Krankenhäuser zu verstaatlichen wäre dann wie Hitler. Und man wolle ja schließlich nicht krank im Bett liegen, in einem Krankenhaus, das wie Hitler ist. (tw)

23. 3. 2020 (Hamburg)?Im Innenhof spielt jemand „Ode an die Freude“ auf der Trompete.

      Die Nachbarschaft applaudiert.

      Man muss jetzt zusammenhalten.

      WIR müssen jetzt zusammenhalten.

      Ob die, die da applaudieren und vom Balkon aus Woohooo schreien, wissen, dass die „Ode an die Freude“ die Europahymne ist? Das Bild wohlsituierter Eimsbütteler*innen, die von Balkon zu Balkon die Europahymne anstimmen, wäre nur dann noch unangenehmer, wenn unter den Balkonen ein Obdachloser läge, dem dann zugerufen wird, er solle halt nicht so laut verhungern, das wäre hier gerade ein solidarischer Moment.

      WIR sind eben nicht: die anderen.

      WIR sind Europa.

      Ich mache das Fenster zu, schreibe weiter. Ich schreibe am Roman. Seit Tagen, viele Stunden täglich. Ich komme voran. Besser, viel besser als jemals sonst. Es ist grotesk. Ich bin konzentriert und alternativlos.

      Wenn ich schreibmüde bin, lese ich Kristen R. Ghodsees „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“ und denke dann immer: Fuuck, wenn diese ganze Virusscheiße vorbei ist, wird es so verflucht viel aufzuarbeiten geben, was staatliche Befugnisse, Einschränkungen von Grundrechten et cetera angeht.

      Oh Lord! Please don’t let me be Präzedenzfall!

      (– zu singen in der Melodie von „Please don’t let me be misunderstood“; in der Version von Santa Esmeralda natürlich. Nina Simone einfach zu traurig – wenn schon Dystopie, dann mit Disco.)

      Man sollte sich eben nicht einbilden, Sozialismus sei die einzige ursprünglich gute Idee, in deren Namen Staatsterror ausgeübt werden kann. So, wie man sich auch nicht einbilden sollte, Tarantino habe „Please don’t let me be misunderstood“ mit „Kill Bill Vol 1“ bekannt gemacht. Das Lied hat ab November 1977 zwei Monate die deutsche Hitparade angeführt. Die Pointe … äh,  – vielleicht dass alles wiederkehren kann, egal ob sehr repressiv oder sehr catchy? (Hier jetzt vielleicht einfach schnell dieses geil rhythmische Klatschen und Klacken aus dem Lied vorstellen, es groovt so hart, und sonst hält das ja alles niemand aus, und weiter weiß ich auch nicht.)

      8 Tage hat der Monat noch, 80 Euro sind noch auf dem Konto. Bestelle trotzdem Enis Macis Eiscafé Europa, auch, um meine Stammbuchhandlung zu unterstützen. Eigentlich will ich alle unterstützen, mein ganzes Umfeld. Eigentlich müsste ich alle um Unterstützung bitten. Stattdessen skypen wir viel, um ab und an ein Gesicht zu sehen, und irgendwie reicht das. Vorerst.

      Apropos Gesichter sehen: Ich habe mir die Merkel-Rede nicht angeguckt. Und ich will sie nicht sehen. Ich stelle fest: Ich bin nicht mal anti. Mir fällt schlichtweg kein Grund ein, mir das anzugucken. Wenn jemand mich fragen würde: Hey hast du schon dieses Video gesehen, von dem gerade alle sprechen, in dem ein Mann auf eine Bananenschale zuläuft und dann im letzten Moment doch nicht drauftritt, also ist man irgendwie voll erleichtert und freut sich für den Mann, aber dann fällt er krass überraschend in einen Gully?!? – dann würde ich denken: Irgendwie habe ich das Gefühl, ich weiß schon ziemlich genau, was passiert, und wie ich mich dabei fühlen soll, ist auch klar. So geht’s mir gerade auch.

      Ich mache via YouTube ein Full Body Workout. Die Frau mit dem australischen Akzent lobt mich oft und sagt mir, die Schmerzen seien es auf jeden Fall Wert, am Ende sähe ich fantastisch aus in meinem Bikini. Habe den leisen Verdacht, dass sie gar nicht mich lobt. Ist mir aber in diesem Moment echt scheißegal, weil wenn mir schon gerade jemand sagt, wie ich mich fühlen soll, dann doch bitte genau so: ein bisschen stolz auf die kleinen Dinge, die man in diesem ganzen Scheiß irgendwie gebacken kriegt, und ready für meinen persönlichen Halle-Berry-Moment. (len)

22. 3. 2020 (nahe Vancouver/Hamburg)
Cora erzählte gestern auf Skype, dass Jeff täglich in den Filialen, für die er zuständig ist, den Gesundheitszustand der einzelnen Mitarbeiter abfragen muss. Er ist Manager bei Mercedes in British Columbia. Und er muss Kündigungen aussprechen, da das Geschäft zum Stillstand gekommen ist.

Eben mit dem Fahrrad herumgefahren. Nach wenigen Tagen habe ich mich weitgehend daran gewöhnt, dass Leute vor mir ausweichen. Bewusst nahm ich es zum ersten Mal wahr, als ich vor einigen Tagen (Mittwoch?) bei Budni in der Schlange vor der Kasse stand und niesen musste. Da wurde schon mehr Abstand als üblich gehalten, außerdem drehte ich mich zur Seite und nieste in die Armbeuge, konnte dabei aus dem Augenwinkel sehen, wie der Mann hinter mir noch weiter zurückwich. Ein seltsames Gefühl, es mobilisiert die Angst vor Ausschluss. Jetzt, nur kurz danach, ist es weitgehend angekommen: Das hat nichts mit mir zu tun, es ist eine neue Konvention. Und dass dies eine Konvention ist, die die Schwächeren schützt, macht es um so vieles leichter. Aber es gibt auch Unglauben darüber, es klingt schön, ist aber sehr abstrakt. Es ist fast zu einfach, um wahr zu sein. Schutz durch Abstand, eine neue Erfahrung. Ich kam dann beim Lessingtunnel vorbei, wo es einen Engpass für Fahrradfahrer und Fußgänger gibt. Solche Situationen stressen, ich kann zwar einen Abstand zur Person vor mir einhalten, weiß aber nicht, ob die Person hinter mir das tut, und auch nicht, ob der Typ, der entgegenkommt, so lange wartet, bis ich die schmalste Stelle passiert habe. Beim Kung-Fu üben wir, eine Distanz einzuhalten, die Angriff und Flucht ermöglicht. Das ist hier anders, denn es liegt nicht allein an mir, den Abstand zu halten, ich weiß nicht, wie die anderen ticken. (smo)

22. 3. 2020 (Niedersachsen, Oberelbe)
Werden die Horoskope, die in den Zeitungen erscheinen, eigentlich auf die Bedingungen von »physical distancing« umgeschrieben?

Meine Mutter, die seit den 80er-Jahren nicht mehr fernsah, keinen Computer und selbstredend auch kein Smartphone besitzt, sinnierte heute darüber, dass es gar keine Witze mehr gäbe über Politiker – sie meinte, zu DDR-Zeiten hätte es so was noch gegeben. Ich weiß nicht genau, ob das mit in diesen Blog muss, aber ich glaube, ja, denn das ist ja wohl eine art selbstgewähltes »social distancing«, … mit ungeahntem und deshalb unbemerktem und sicher auch ungewolltem Verschrullungsfaktor.

E. macht Piepsgeräusche wie ein Auto mit Einparkhilfe, wenn er an meinem leicht paranoiden Vater vorbeigeht … der antwortet ihm mit ähnlichen Geräuschen mit erhöhter Piepsfrequenz. (nor) 

21. 3. 2020 (Hamburg)
Also heute. Statt wie geplant von Köln nach Paris sind wir heute von Altona bis Rosengarten gefahren. Ich muss immer denken: Wir aktivieren gerade so vieles in uns, was lang nicht gebraucht wurde. Proviant für Fahrradtour packen, uralte Fahrradkarte gefunden und nicht mehr recht gewusst, wie man die benutzt, auswendig lernen oder in der Hand halten? Durch den Hafen geradelt, Kattwykbrücke, Erinnerungen an Jahrzehnte zurückliegende Touren. Warum macht man das eigentlich nicht mehr? Mit ein paar Metern Abstand fragten wir Leute nach dem Weg, große Freundlichkeit, der nette Mann, der uns beflissen auf einen Weg ins Nirgendwo schickte, rief uns hinterher: „Bleiben Sie gesund.“ Wir hoben die Räder über einen umgestürzten Baum und schoben durchs lose Gebüsch den Hang hoch. Irgendwann landeten wir endlich auf dem gesuchten Radwanderweg, von Vahrendorf bis Sottorf und weiter – echt schön. Dann so viele Möglichkeiten, dass wir nicht recht wussten, Schnellentscheid in den Wald rein, wo wir auf einem Reiterweg landeten, der sich immer weiter den Berg hochschlängelte, zwischendrin tollster Sonneneinfall durch die Bäume. Wo die Pferde wohl sind? Ein Wald für uns. Über Wurzelwerk und schließlich durch von Waldfahrzeugen erzeugte Schlammkuhlen wieder auf eine Straße gestoßen. Wie damals als Kind, wenn wir irgendwelche Wege ausprobierten, irgendwo wird`s schon hinführen. Mittendrin hören wir eine Sirene, Schreckmoment, ein Blick auf die Uhr: 12 h, also Probealarm, gab`s ja früher auch … Das Wort „Curfew“ fällt mir ein, meine Mutter erzählte von den tollen Partys nach dem Krieg, wenn Curfew, also Ausgangssperre war und man notgedrungen die Nacht durchfeiern musste. Da das mit dem Kartenwerk nicht so gut funktionierte, musste immer wieder Google Maps her, bis das Handy leer war. Dann auf dem zweiten Handy noch einen Weg durch die Felder bei Francop gesucht, um zur Fähre zu kommen. Schöne Wege, Gegenwind, unwirklich, wir fuhren neben einem kleinen Kanal auf einer Piste, die Google-Empfehlungen zum Abbiegen nach links konnten wir alle nicht nehmen, weil Privatbesitz und abgesperrt. Dann war das zweite Handy auch leer. Auf der Fähre von Finkenwerder dann viel Platz auf dem Oberdeck, einige andere Ausflügler, aber wenige. Am Stand von Övelgönne sind mehr Leute als gedacht, wir hatten gedacht: gar keiner. Darüber nachgedacht, wie befreiend es ist, sich als Schwarzmaler nicht mehr genieren zu müssen, aber das wäre ein anderes Thema. (smo)

21. 3. 2020 (Schwarzwald)?Mauricio Pucci’s »Sneeze Symphonies«?Vor ziemlich genau 100 Jahren verstarb der Komponist Charles Tomlinson Griffes an den Folgen einer Influenza … und gab seinem untröstlichen Geliebten Mauricio Pucci damit den schreckensvollen Impuls zur Schaffung eines neuen musikalischen Genres, genannt »Pandemic New Music«.

Es ist eine mehr als seltsame Koinzidenz, dass das Album ausgerechnet zur Zeit der Corona-Pandemie fertiggestellt wird. Während hier im Atelier die Siebdruckmaschine für die 100 handgedruckten Cover am Start ist, vagabundieren irgendwo im Raum der Republik die 180 Gramm schweren Vinyls durch ihren Produktionsablauf. (gs)

20. 3. 2020 (Hamburg)
Meine Erfahrungen im Medienhaus sind gerade positiv, weil fortschrittlich. Also die andere Richtung, als was ich eben meinte. Seit ca. 2013 habe ich vergebens für flüssigeren Workflow gekämpft. 2015 hatte ich den Auftrag herauszufinden, wie wir in der Abteilung schneller miteinander kommunizieren könnten, ich bekam den Auftrag als „digitaler Verbindungsmann“. Allein die Namensgebung zeigt, wie tief in der Höhle des Analogen meine Vorgesetzten steckten. Und natürlich, selbstverständlich wurden meine Vorschläge abgelehnt. Alle. Da ging es darum, sich innerhalb und mit den Kollegen aus den anderen Abteilungen besser zu vernetzen, auf Datenbänke Zugriff zu bekommen, die uns verschlossen waren, um schnell was überprüfen zu können, und nicht immer zu warten, bis die entsprechende Kollegin vom Kaffeetrinken/aus dem Urlaub zurück ist. Kurz, Transparenz und Kommunikation, vor allem in den Features von Office 365 von Microsoft. Nichts davon wurde umgesetzt. Bis diese Woche. Innerhalb von 3 Tagen kam die Abteilung im 21. Jahrhundert an, quasi in Warp-Geschwindigkeit. Alle im Homeoffice, per Teams von Microsoft Office verbunden, im Gruppen- und Einzelchat, anrufen geht hier auch, Dokumente schicken etc. Probleme werden in kürzester Zeit gelöst, Hierarchien wenig spürbar. Die Arbeitszusammenhänge bewegen sich in einem Raum, der im Wesentlichen im Rechner bzw. auf dem Bildschirm vor uns stattfindet. Keine Begegnungen im Flur, weite und ausgelatschte Wege. Grußformeln und Smalltalk am Fahrstuhl, der irgendwie immer das Hierarchieverhältnis abbildet. Beim Chat fällt das weg, anders als in Mails muss man sich nicht mal ansprechen oder Tschüß sagen, die Kommunikation entspricht der Anrede mit dem Arbeits-Du – es geht darum, zum Ziel zu kommen. Im Handumdrehen fanden wir Möglichkeiten, uns untereinander zu helfen. Wir haben manchmal wenig Zeit, um lange Texte zu bearbeiten, wegen Redaktionsschluss, dann teilen wir längere Texte auf. Normalerweise (also bis vergangene Woche) entscheidet dann die Verteilstelle, den Text aufzuteilen. Die diensthabende Studentin („Botin“) bekommt dann die Abschnitte mit den Namen drauf und bringt sie zu den einzelnen Kollegen. Sie muss viel laufen, denn die Wege sind weit. Gestern machte einer PDFs von Einzelseiten, stellte sie in den Gruppenchat und jeder, der Zeit hatte, nahm sich einen Teil vor. Es war ganz klar, dass das allen gefallen hat, dass Kräfte freigesetzt wurden, es kam eine gute Verbindung auf. Wo die Kollegen sonst einzeln verduftet sind, hat sich jeder mit einem netten Wort im Chat verabschiedet, z. B. mit „Gute Nacht, John-Boy“. Danke, Internet!

Ansonsten wären wir genau jetzt auf dem Weg in den Urlaub, Köln, Paris, Dieppe/Normandie. Interessant die Veränderung von Tag zu Tag. Man hätte es gleich aufschreiben sollen. 6. bis 8. waren wir mit dem Zug in Kopenhagen. Dort war alles komplett normal, es war super! Toll gegessen, nette Bars, viel mit dem Fahrrad rumgefahren und moderne Architektur angeschaut. Zug voll. Die Tage drauf dann schon mal überlegt, ob das mit dem Frankreichurlaub genau so was werden kann. Auseinandersetzung (ich bin der Schwarzmaler). Um den 12. rum meinte ich, wir können nicht mit dem Zug fahren am 20., ich schau mal, ob wir ein Auto leihen, um direkt in die Normandie zu kommen. Dann sickerte von Tag zu Tag in die Vorstellung, wie sich das wohl anfühlen mag in einer Kleinstadt in der Normandie, wenn nicht alle Restaurants auf sind etc. Am Sonntag dann die Übernachtung gecancelt. O. k., stattdessen ein Häuschen in Meck-Pomm oder was an der Ostsee, Radtouren. Fahrrad fit gemacht. Nein, Schleswig-Holstein hat dichtgemacht und mieten geht wohl schon gar nicht mehr. Und heute, am 20., überlegen wir, morgen eine Fahrradtour südlich der Elbe zu machen. Blöd, dass wir nicht noch die Lenkertasche im Fahrradladen gekauft haben, als der noch aufhatte. Fürs Speichennachziehen kam ich vorgestern immerhin bis zur Tür des Ladens, durfte das Rad stehen lassen und nachher wieder abholen. Taschen online bestellt, aber ob das jetzt klappt? Dänemark wurde wenige Tage nach unserem Besuch abgeriegelt, viele Dänen hatten sich in Ischgl beim Skifahren angesteckt. Bestimmt die Dänen, neben denen ich in der Bar saß, wo es so voll war.
So, jetzt räum ich wieder das Atelier ein bisschen auf, meinen erweiterten Lebensraum, solange die 500 Meter von zu Hause noch Transitzone sind ... (smo)

19. 3. 2020 (Berlin)
Europa, du Schönheit

„Europa, du Schönheit, wir haben Angst! Vor dem Hunger, dem Durst und der Stimme der anderen. Wir wiederholen es hinfort: unser Wohlstand ist nicht verhandelbar. Auf den Straßen brüllen wir es, ungefragt und unerwünscht: ihr seid gekommen, um zu gehen. Ihr Einwanderer, wandert aus. Geht weg mit euren Körpern, euren Kindern, euren Wunden. Geht weg mit unsrer Schuld. Bleibt fort mit eurem Schweigen. Und bitte, bitte schweigt! Seid still, ihr Subalterne. Wir bitten, nein, wir drohen: haut ab, wir sind das Volk!“ ((nm), aus dem Archiv)

17. 3. 2020 (Hamburg)
warum bekomme ich von pinterest eigentlich kuchendekorationen und rezepte für »schnellen gurkensalat« angezeigt? das wird mir doch sonst nicht zugeschickt. ich habe den eindruck, mir soll das maul gestopft werden … und das hirn mit kuchenglasur verschmiert. genauso die werbung, lotto zu spielen für 99 cent statt für 6,50 … ?überall ein beklommenes herumgeschleiche in den straßen, auf dem wochenmarkt auf dem spritzenplatz gibt man sich hingegen betont souverän, kauft aber doch den gemüsestand – den, der sonst verschmäht wird, heute aber der einzige ist – leer.
ich treffe r. j., wir plaudern in der sonne auf dem radweg stehend (solange die hamburger radfahrer noch herumzetern wenn man ihre wenigen wege blockiert, ist die welt noch nicht am rande der katastrophe, sollte man meinen), … r. hat eine neue pysiotherapeutin und ist überglücklich, sich wieder bewegen zu können, im vergleich dazu ist ihm ist das virus gerade nicht so wichtig.
d. und e. versuchen, den sound aus »the walking dead« nachzumachen mit dem rick grimes carl ruft. … auf youtube findet sich ein sampler nur mit diesen rufen, stellen wir später fest.
wir verlassen am dienstag nachmittag gegen 17 uhr die stadt und fühlen uns wie verräter. das zum auto tragen der gepäckstücke ist unangenehm.
b. berichtet mir von seinen verhandlungen, ein kfw-darlehen für seinen laden zu bekommen, das gespräch mit der haspa geht so aus, dass die haspa 7 oder waren es 9 % haben will, was das günstige darlehn der kfw zu einem albtraum werden lässt.
mittags habe ich amselartig im beet vor dem büro gekratzt, das tauschregal war voll mit neuer ware, auf der blauen bank vorm bürofenster saß eine frau in der sonne, rastete, schrieb etwas, wir sprachen kurz über das regal – über nichts weiter. später stellte ich fest, dass sie mir eine silbern glänzende postkarte mit nebulösen guten wünschen und einer glitzernden bastelarbeit aus pfeifenputzern (bestimmt nicht, so was gibt es nicht als glitzervariante – aber so etwas in der art) neben die tür gestellt haben muss. (nor)