5. August 2019

FROTTAGE

Illustration: Wolfgang W. Timmler: Zebra - Hommage à Max Ernst. Berlin 2018

 

Von Wolfgang W. Timmler

 

In der Nacht hat es zu schneien begonnen. Lautlos schleicht der Lichtkegel eines Autos ins Zimmer und spielt mit den Vorhängen, die halb geschlossen sind. Inez, die Malerin, und Anton, der Dieb, liegen noch wach. Ein schmaler Fluss aus feiner Seide trennt beide. Inez greift nach dem Mobiltelefon und ruft die Sprachbox auf. Eine elektronische Stimme meldet: Keine neue Nachrichten. Inez legt das Telefon zurück auf den Nachttisch, auf dem zwei Gläser und eine angebrochene Flasche Wein stehen.

 

ANTON: Na, du?

INEZ: Was?

ANTON: Wie was?

INEZ: Du machst das absichtlich?

ANTON: Ich weiß nicht, was du meinst.

INEZ: Du wolltest doch vorhin was sagen.

ANTON: Nein.

INEZ: Nicht?

ANTON: Ehrlich nicht.

INEZ: Bestimmt ist es wieder eine Gemeinheit gewesen.

ANTON: Ich verstehe nicht.

INEZ: Du kannst es ruhig zugeben.

ANTON: Ich habe doch gar nichts gesagt.

INEZ: Eben. Du hast dir die Gemeinheit aufgespart.

ANTON: Seit wann kannst du hellsehen?

INEZ: Siehst du, wie du bist?

ANTON: Wie bin ich denn?

INEZ: Nicht komisch.

ANTON: Sehr witzig!

INEZ: Darf ich dich was fragen?

ANTON: Wenn das die Frage ist, kann ich schlecht nein sagen.

INEZ: Wieso schlecht? Du kannst gut nein sagen. Du sagst es sogar sehr gut.

ANTON: Du weißt, wie es gemeint ist.

INEZ: Trotzdem würde ich gerne von dir hören, wie du ja sagst.

ANTON: Nein!

INEZ: Ich wußte es!

ANTON: Was wußtest du?

INEZ: Daß du nein sagst.

ANTON: Also kannst du doch hellsehen?

INEZ: Ich weiß bloß, daß du mir vorhin eine Gemeinheit an den Kopf werfen wolltest.

ANTON: Das kannst du nicht beweisen.

INEZ: Und wenn doch?

ANTON: Dann nicht ohne fremde Hilfe!

INEZ: Fiesling!

ANTON: Vielen Dank.

INEZ: Gern geschehen.

 

Anton, der Dieb, sieht zum Fenster, wo sich der Morgen noch hinter einem dunklen Schleier verborgen hält.

 

ANTON: Hast du schon bemerkt? Es schneit! Kein Gemälde kommt gegen so ein Naturschauspiel an!

INEZ: Ich würde es Grau in Grau malen.

ANTON: Du kannst den Zufall nicht Grau in Grau malen.

INEZ: Max Ernst hat ihn so gemalt.

ANTON: Max Ernst hat den Zufall abgepaust und nicht Grau in Grau gemalt.

INEZ: Immerhin hat er den Zufall für die Kunst entdeckt.

ANTON: Seit wann ist Kunst ein Kinderspiel?

INEZ: Das sagt der Max-Ernst-Experte?

ANTON: Ja.

INEZ: Wo ist dein Max Ernst jetzt?

ANTON: Dreimal darfst du raten.

INEZ: Bist du verrückt?

ANTON: Sie suchen nicht mehr nach ihm.

INEZ: Wieso?

ANTON: Keine Ahnung. Sie werden ihre Gründe haben. Ich überlege, ob ich ihn nicht zurückgebe.

INEZ: Keine schlechte Idee.

ANTON: Ich werde deine Hilfe brauchen.

INEZ: Das ist keine gute Idee.

ANTON: Wieso nicht?

INEZ: Im Museum kennen mich alle.

ANTON: Das ist doch gut!

INEZ: Das denkst du.

ANTON: Ach was! Das klappt schon.

INEZ: Ich glaube, du stellst dir das zu einfach vor.

ANTON: Das klappt bestimmt, glaub' mir.

INEZ: Ich kann dir trotzdem nicht helfen.

ANTON: Und wieso nicht?

INEZ: Ich möchte nicht darüber sprechen.

ANTON: Wieso nicht?

INEZ: Es ist mir peinlich.

ANTON: Ich verstehe nicht.

INEZ: Wenn du es genau wissen willst: Ich kann mich dort nicht mehr blicken lassen!

ANTON: Warum?

INEZ: Darum.

ANTON: Sei nicht albern!

INEZ: Albern? Du hast vielleicht Vorstellungen!

ANTON: Nun gib es schon zu. Du hast den Direktor beleidigt.

INEZ: Das kann dir doch gleich sein.

ANTON: Mir ist es aber nicht gleich.

INEZ: Trotzdem geht es dich nichts an! Außerdem haben wir uns damals noch nicht gekannt.

ANTON: Was soll das heißen?

INEZ: Ich will nicht darüber sprechen!

ANTON: Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst.

INEZ: Ich rege mich nicht auf!

ANTON: Ich höre es doch an deiner Stimme.

INEZ: Meine Stimme ist ganz normal.

ANTON: Nein, eben nicht.

INEZ: Dann brauchst du dringend ein Hörgerät. Schon vergessen? Du bist nicht mehr der jüngste.

ANTON: Das nehme ich jetzt persönlich.

 

Anton, der Dieb, schaut dem Karussell der Schneeflocken zu, das sich mal langsamer, mal schneller dreht, während Inez, die Malerin, sich über den seidenen Fluß gebeugt hat und eine Pantomime aufführt. Ihre rechte Hand umflattert Anton wie ein Schmetterling, fliegt mal hierhin, mal dorthin, dann läßt sich ihre Hand erschöpft auf Antons Schulter nieder.

 

INEZ: Frieden?

ANTON: Frieden.

 

Inez, die Malerin, küßt Anton, den Dieb.

 

INEZ: Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal begegnet sind? Wir haben uns gleich aneinander vorbei verstanden.

ANTON: Ja, das haben wir, weiß Gott! Du hast damals deinen dreißigsten Geburtstag ganz groß gefeiert ---

INEZ: Und du hast mir was ganz Verrücktes geschenkt ---

ANTON: Ich habe dir ein Buch geschenkt.

INEZ: Wirklich?

ANTON: Ja.

INEZ: Das habe ich vergessen. Wie aufmerksam von dir.

ANTON: Du hast gesagt: Das Buch habe ich schon, aber mach' dir mal keine Sorgen. Das ist nicht das erste, das ich umtausche.

INEZ: Ich kann mich nicht erinnern.

ANTON: Ein Dankeschön hätte mir genügt.

INEZ: Danke schön!

ANTON: Bitte schön!

INEZ: Kopf hoch! Wir wollten uns immer so nehmen, wie wir sind.

ANTON: Das war die Bedingung, ja.

INEZ: Keine Kompromisse.

ANTON: Ohne Wenn und Aber, ja. Jeder sollte so bleiben, wie er ist, aber wer bleibt schon so, wie er ist?

INEZ: Endlich fängst du an zu verstehen. Ich wollte die Hoffnung schon aufgeben. Schließlich bist du nicht mehr der jüngste.

ANTON: Du wiederholst dich, aber ich habe wirklich das Gefühl, mich allmählich in meinen alten Herrn zu verwandeln. Das ist mein Ernst. Ich stehe morgens auf und rasiere meinen Vater im Spiegel.

INEZ: Tragisch.

ANTON: Wieso tragisch?

INEZ: Du konntest deinem Vater doch nie was recht machen; an deiner Stelle würde ich mir einen Bart wachsen lassen.

ANTON: Einen Bart? Ich weiß nicht.

INEZ: Mit einem Bart wie der Märchenkönig würdest du mir auch gefallen.

ANTON: Der Märchenkönig war schwul.

INEZ: Was spielt das für eine Rolle?

ANTON: Für dich vielleicht keine, für mich schon.

INEZ: Weißt du, was sich die Leute über dich erzählt haben? Du wärst vom anderen Ufer. Damals kannten wir uns noch nicht.

ANTON: Vielleicht wollten die Leute nicht, daß wir uns kennenlernen.

INEZ: Wieso?

ANTON: Wieso? Bosheit? Mißgunst? Eifersucht? Such' dir was aus! So sind die Leute. Wieso weißt du das nicht?

INEZ: Du magst Schwule nicht?

ANTON: Schwule nicht und Friseure nicht.

INEZ: Friseure überhaupt, oder nur schwule Friseure?

ANTON: Das ist jetzt reine Haarspalterei.

INEZ: Wieso kannst du schwule Friseure nicht ausstehen?

ANTON: Weil sie so viel besser aussehen. Ich meine das wirklich ernst.

INEZ: Du beneidest sie? Es gibt so viele häßliche Leute, die können froh sein, ohne einen Schönheitschirurgen auf die Straße gehen zu dürfen.

ANTON: Danke! Ich weiß, wie ich aussehe, aber noch gehört mein Gesicht mir ganz alleine.

INEZ: Du magst lieber Frauen?

ANTON: Frauen sind was Besonderes.

INEZ: Und was ist mit den Frauen, die dich nicht mögen?

ANTON: Wenn du deine Mutter meinst, bei ihr frage ich mich, ob ich was falsch verstanden habe.

INEZ: Du fragst dich tatsächlich, ob es an dir liegt?

ANTON: Ich versuche nur, fair zu sein, aber manchmal reißt mir der Geduldsfaden. Das gebe ich zu.

INEZ: Wenn sie sagt, du würdest dem lieben Gott den Tag stehlen?

ANTON: Ich bin mir nicht sicher, ob deine Mutter den Unterschied zwischen dem lieben Gott und sich noch weiß.

INEZ: Was ist denn der Unterschied?

ANTON: Der liebe Gott hält sich nicht für deine Mutter.

INEZ: Hah! Sehr witzig!

 

Inez, die Malerin, lacht, und ihre helle Stimme erinnert Anton, den Dieb, an den Mädchenengel, der Inez vor ihrer Menschwerdung gewesen sein muß.

 

INEZ: Und? Was haben die Leute über mich erzählt?

ANTON: Ich weiß nicht. Ich habe es vergessen.

INEZ: Wann?

ANTON: Du kannst vielleicht fragen! Das weiß ich doch nicht mehr.

INEZ: Anton! Du bist so ein gotterbärmlich schlechter Lügner!

ANTON: Ich habe es wirklich vergessen!

INEZ: Du lügst!

ANTON: Ich lüge nicht!

INEZ: Doch, das tust du. Ich kann es sehen.

ANTON: Ach, Unsinn!

INEZ: Dann hör' auf!

ANTON: Womit?

INEZ: Mit Kratzen. Das Kratzen bedeutet, du bist unsicher.

ANTON: Oh, du liebe Güte! Was wird das jetzt?

INEZ: Das ist Körpersprache, mein Lieber. Ich weiß genau, wann du lügst.

ANTON: Ich habe nicht gelogen!

INEZ: Nicht? Dann hör' endlich auf damit. Das Kratzen macht mich wahnsinnig!

ANTON: Bist du sicher, du willst es wirklich wissen? Nicht jede Lüge ist ein Witz.

INEZ: Du mußt es wissen.

ANTON: Mannstoll.

INEZ: Wie?

ANTON: Mannstoll. Mannstolle Hexe.

INEZ: Wer hat das gesagt?

ANTON: Viele.

INEZ: Wie? Viele?

ANTON: Sehr viele.

INEZ: Du lügst!

 

Inez, die Malerin, starrt in den Fluß aus feiner Seide. Wie eine graue Wolke verhüllt das Haar ihren Kopf und fließt in großen Locken über ihre weißen Schultern.

 

INEZ: Wieso hast du ihnen nicht geglaubt?

ANTON: Dreimal darfst du raten! Als ich das erste Mal deine Selbstportraits gesehen habe ---

 

Inez, die Malerin, wischt sich ein unsichtbares Staubkorn aus dem Auge.

 

INEZ: Du warst ganz hingerissen. Ich erinnere mich.

ANTON: Im Gegenteil. Deine Bilder haben mich kein bißchen bezaubert.

INEZ: Nicht? Das hätte ich doch gemerkt.

ANTON: Ich habe gesagt ---

INEZ: Wieso weiß ich das nicht mehr?

ANTON: Ich habe gesagt: Wenn du dich unbedingt selber malen mußt, dann solltest du dir erst mal was überziehen. Nichts anzuhaben und sich selbst zu malen, das kapiert doch heutzutage keiner mehr. Wenn du von dir unbedingt was zeigen willst, das noch keiner gesehen hat, dann mußt du Pinsel und Farbe schon verschlucken.

INEZ: Schonung! So hieß das Buch!

ANTON: Du erinnerst dich?

INEZ: Als wär's heute.

ANTON: Und? Hast du es gelesen?

INEZ: Selbstverständlich nicht. Ich lese nie, was andere mir schenken. Wenn mir das Buch nicht gefällt, würde ich die Leute ja enttäuschen, und das möchte ich nicht.

ANTON: Wie rücksichtsvoll!

INEZ: Daran denken viele nicht beim Schenken. Ich finde, das Schlimmste, was du anderen antun kannst, ist ihnen die Freude zu nehmen.

ANTON: Hast du die andere Ausgabe auch umgetauscht?

INEZ: Nein, wieso sollte ich?

ANTON: Ja, blöde Frage! Wieso solltest du?

INEZ: Reingelegt!

 

Inez, die Malerin, lacht.

 

ANTON: Was ist daran komisch?

INEZ: Alles! Los! Mach' die Augen zu!

ANTON: Wieso?

INEZ: Mir ist kalt. Ich will mir was überziehen. Nun, mach' schon! Sei ein Kavalier!

 

Umständlich streift sich Inez, die Malerin, ihre Bluse über. Dabei stößt sie gegen die leeren Weingläser. Unerbittlich und unwiderruflich ertönt deren Klang.

 

INEZ: Du kannst die Augen wieder aufmachen.

ANTON: Du hast deine Bluse verkehrt herum an.

INEZ: Mist! Wieso?

ANTON: Keine Ahnung. Ich hatte die Augen zu.

INEZ: Ich auch.

ANTON: Du auch? Wieso?

INEZ: Damit du mich nicht siehst.

 

Anton, der Dieb, lacht. Noch einmal ist er der kleine Gauner, jener gerissene kleine Gauner, der sich in die Träume von Inez, der Malerin, gestohlen hat.

 

INEZ: Ich habe dich schon lange nicht mehr so fröhlich gesehen.

ANTON: Dann mach' doch einfach die Augen zu.

 

Inez, die Malerin, und Anton, der Dieb, lachen.

 

ANTON: Du lachst ja so komisch.

INEZ: Was?

ANTON: Hast du einen Ohrring verloren?

INEZ: Nein.

 

Inez, die Malerin, faßt sich ans Ohr.

 

ANTON: Nein, nicht die Seite, die andere.

INEZ: Auch nicht.

ANTON: Dann habe ich mich verzählt.

INEZ: Du bist mir vielleicht einer.

ANTON: Warum müssen wir uns eigentlich immer streiten?

INEZ: Warum wohl?

ANTON: Sag' du es mir!

INEZ: Ich weiß es nicht.

ANTON: Das ist nicht dein Ernst.

INEZ: Was?

ANTON: Du weißt es nicht?

INEZ: Du weißt es auch nicht!

ANTON: Das habe ich auch nie behauptet.

INEZ: Du tust aber so.

ANTON: Mein Gott!

INEZ: Mehr fällt dir nicht dazu ein?

ANTON: Nein.

 

Anton, der Dieb, küßt Inez, die Malerin.

 

INEZ: Wieso suchen sie nicht mehr nach deinem Max Ernst?

ANTON: Er ist nicht echt.

INEZ: Du meinst gefälscht?

ANTON: Und nicht mal besonders gut.

INEZ: Wer sagt das?

ANTON: Der Direktor vom Museum.

INEZ: Du hast mit Doktor Müller-Glewe gesprochen?

ANTON: Ich sage: Warum wollen Sie das Bild nicht wiederhaben? Bis auf den Rahmen fehlt ihm ja nichts. Der Direktor sagt: Das Bild ist nicht echt, und ich rufe gleich die Polizei, wenn Sie jetzt nicht auflegen.

INEZ: Doktor Müller-Glewe hat es mit der Polizei. Ja, das kenne ich.

ANTON: Max Ernst ist mein Schicksal!

INEZ: Wieso verkaufst du ihn nicht ins Ausland, zum Beispiel nach China?

ANTON: Kannst du Chinesisch?

INEZ: Die Welt spricht englisch.

ANTON: Ich bin zu alt für Englisch.

INEZ: Was hat die Sprache, bitte schön, mit dem Alter zu tun?

ANTON: Sehr viel! Du wüßtest das, wenn du Mutter wärst!

INEZ: Fiesling!

ANTON: Außerdem kann ich Max Ernst nicht einfach so verkaufen. Wie stellst du dir das vor? Er ist nicht echt!

INEZ: Das weiß doch niemand.

ANTON: Du vergißt Doktor Müller-Glewe. Nein, ich bringe Max Ernst zurück ins Museum.

INEZ: Wie?

ANTON: Unter deinem Mantel. Er hat genau die richtige Länge.

INEZ: Unter dem Mantel habe ich schon mal ein Gemälde ins Museum geschmuggelt.

ANTON: Laß mich raten: Von Max Ernst?

INEZ: Gibt's eine Pointe? Oder muß ich sie liefern?

ANTON: Du hast recht. Ich rede zuviel von ihm.

INEZ: Ich habe meine Selbstportrait zu den Expressionisten gehängt, und einen ganzen Tag lang haben es die Besucher im Museum betrachten können. Einen ganzen Tag lang bin ich eine Expressionistin gewesen.

ANTON: Das bist du noch.

INEZ: Dann hat Doktor Müller-Glewe die Polizei geholt, und seitdem habe ich im Museum Hausverbot wegen Kunstguerilla.

ANTON: Kunstguerilla?

INEZ: Sag' nichts! Ich weiß selbst, wie doof ich bin.

ANTON: Doofe gibt es heute nicht mehr. Dafür gibt es jetzt die Abtreibungspille.

INEZ: Das ist nicht witzig!

ANTON: Wieso nicht?

INEZ: Das weißt du ganz genau! Wieso fängst du wieder davon an?

ANTON: Das war doch nur Spaß.

INEZ: Du bist fies, so richtig fies.

ANTON: Das ist nicht wahr.

INEZ: Was ist nicht wahr?

ANTON: Egal.

INEZ: Wieso willst du das nicht verstehen? Wieso nicht? Das kann ich nun wirklich nicht verstehen.

ANTON: Lassen wir das Thema.

INEZ: Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. Keiner kann das.

ANTON: Ich habe gesagt, ich verzeihe dir. Und ich verzeihe dir auch, wie du dich vorhin benommen hast.

INEZ: Ich habe doch nur telefoniert.

ANTON: Willst du mich auf den Arm nehmen? Wie ein Flittchen hast du dich benommen. Du verkaufst dich so billig!

INEZ: Was ist daran billig, den Zimmerservice anzurufen?

ANTON: Du hast dir die Lippen geschminkt, bevor du ihn angerufen hast. Wenn das nicht billig ist, was ist es dann?

INEZ: Wieso bist du so? Wieso? Hast du dich das schon einmal gefragt?

ANTON: Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.

INEZ: Was dich nicht interessiert, das gibt es nicht.

ANTON: Und das heißt?

INEZ: Mich gibt es wirklich.

ANTON: Du meinst also, ich soll aufhören, mich für dich zu interessieren? Willst du das? Womöglich gibt es dich dann nicht mehr.

INEZ: Wieso haßt du mich so?

ANTON: Ich hasse dich doch nicht.

INEZ: Doch, das tust du.

ANTON: Sag' nicht so was.

INEZ: Wieso nur?

ANTON: Wieso hast du uns keine Chance geben wollen damals?

INEZ: Das fragst du dich wirklich?

ANTON: Ja.

INEZ: Ich habe es dir doch zu erklären versucht.

ANTON: Nein, hast du nicht.

INEZ: Doch, das habe ich, aber du hast wieder nicht zugehört. Ich habe dir gesagt: Ich will es nicht.

ANTON: Weil du nur dich selbst willst. Hast du dabei auch nur eine Sekunde lang an uns gedacht? Du bist so selbstsüchtig, so gotterbärmlich selbstsüchtig!

INEZ: Wieso verstehst du das nicht? Bei mir geht jede Pflanze ein. Wie könnte ich da für ein Kind sorgen? Ich schwöre dir, es ist niemals um dich gegangen.

ANTON: Nein, nur um dich!

INEZ: Ja, nur um mich! Bis du jetzt zufrieden?

ANTON: Ach, wieso begreifst du das nicht? Max Ernst ist schon Strafe genug! Du hast alles kaputt gemacht!

INEZ: Du glaubst wirklich, ich habe dich bestrafen wollen? Wieso unterstellst du mir so was? Wieso? Willst du, daß ich gehe? Willst du das?

ANTON: Oh, mein Gott, nicht diese Platte wieder, bitte nicht!

INEZ: Wie du meinst.

 

Inez, die Malerin, steht auf, kleidet sich rasch an und geht zur Tür.

 

INEZ: Ich gehe.

ANTON: Wohin?

INEZ: Ich weiß es nicht.

ANTON: Dann wirst du sehr lange unterwegs sein.

INEZ: Hast du sonst noch Ratschläge für mich?

ANTON: Du wirst dich erkälten. Es schneit nämlich.

INEZ: Ich bin Kälte gewohnt.

 

Inez, die Malerin, schlägt den Kragen ihres Mantels hoch und öffnet die Zimmertür. Im Flur brennt noch Licht.

 

ANTON: Das ist nicht komisch.

INEZ: Ich weiß. Es ist, - wie hast du das gleich noch mal genannt, Anton? Billig?

ANTON: Bitte, Inez, geh nicht! Bitte, bleib!

INEZ: Nein, ich muß hier weg. Hier erfriere ich!

ANTON: Sag' nicht muß. Niemand zwingt dich.

INEZ: Ach, nein? Seit wann heißt du Niemand?

ANTON: Sei nicht albern! Schließ' die Tür! Inez! Bitte! Es zieht.

INEZ: Es zieht?

ANTON: Ja.

INEZ: Pardon.

 

Inez, die Malerin, verlässt das Hotelzimmer und lässt die Tür hinter sich offen stehen.

 

ANTON: Inez!

 

Aus der Ferne ist das Klingelsignal des Fahrstuhls zu hören.

 

ANTON: Verdammt!