30. März 2019

S C H O C K

Wolfgang W. Timmler, Maske, Berlin 2009. Die Aufnahme zeigt eine hinter Klappstühlen abgestellte Terrakottamaske im Chor der Oberkirche St. Nikolai in Cottbus; das weißgetünchte Apotropaion schmückte einst einen Kämpferstein im Kirchenschiff. Originalbildformat: 2272 x 1704 Pixels

 

Von Wolfgang W. Timmler 

 

Dreizehn Uhr. Die Nachrichten. Zunächst die Übersicht.

In einem blauen Lastwagen hat die Polizei die aus dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gestohlene "Schuld" entdeckt.

In Deutschland ist der Zugverkehr nach den Ausfällen durch das Sturmtief "Dagobert" wieder in Gang gekommen.

Und nun die Meldungen im Einzelnen.

Die "Schuld" ist heute in das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zurückgekehrt. Die Plastik der Schweizer Bildhauerin Gudrun Rücker war am Sonntag aus der Dauerausstellung des Bonner Museums gestohlen worden. Drei Tage darauf hat die Polizei die 280 Kilogramm schwere Eisenplastik in einem blauen Lastwagen sichergestellt. Ein Mann sei festgenommen worden, sagte der Leiter des Landeskriminalamts in Düsseldorf. Dem mutmaßlichen Dieb sei ein Verkehrsunfall zum Verhängnis geworden. Die Polizei hatte landesweit nach einem blauen Lastwagen gefahndet, der am Tag des Raubs vor dem Haus der Geschichte gesehen worden war. Der Diebstahl hatte nicht nur in Deutschland für große Empörung gesorgt. Die "Schuld" hat die Gestalt eines Garnknäuels und besteht aus 4481 Meter Eisendraht. Die Plastik soll an die Schreckenszeit des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland erinnern. Ihr Wert wird auf 1,2 Millionen Euro geschätzt.

 

Schadensfall 3/2019/13

Heute morgen bin ich mit dem Linienbus 5 die Rosenstraße entlanggefahren. Ich habe in Fahrtrichtung rechts an der vorderen Tür gesessen. Ob der Bus an der Ecke Bahnhofstraße kurz gehalten hat, kann ich nicht sagen, und ich habe auch nicht gesehen, ob die Fußgängerampel auf Rot oder Grün gestanden hat, als der Bus in die Bahnhofstraße eingebogen ist. Ich weiß aber noch genau, dass der Bus sehr langsam, ja fast im Schneckentempo gefahren ist. Das ist mir aufgefallen, weil es eigentlich ganz selten vorkommt, dass der Bus so langsam fährt. Ob der Busfahrer das Tempo gedrosselt hat, weil die Fußgängerampel in der Bahnhofstraße noch auf Grün stand, kann ich nicht sagen, weil ich nicht darauf geachtet habe. In der Bahnhofstraße ist der Bus dann mit einem Ruck an der Ampel stehen geblieben, und ich habe noch gesehen, wie die junge Frau mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geprallt ist. Ich kann mich aber nicht erinnern, welches Signal die Fußgängerampel in diesem Augenblick angezeigt hat, denn durch die Vollbremsung ist ein älterer Herr, der auf dem Sitz neben mir saß, hingestürzt, und ich musste mich erst einmal um ihn kümmern. Der ältere Herr sagte, ihm sei wohl nichts passiert, er brauche nur seinen Stock, und ich habe ihm dann hochgeholfen. Ich kann bestätigen, dass sich der Busfahrer sehr besonnen verhalten hat, obwohl er sichtlich unter Schock stand. Er hat erst über Funk den Krankenwagen und die Polizei gerufen und sich dann um die junge Frau gekümmert, die circa einen halben Meter vom Zebrastreifen entfernt auf dem Boden lag und im Gesicht stark geblutet hat. Die junge Frau ist vom Bus weder überrollt noch mitgeschleift worden. Als sie gegen den Bus gelaufen ist, hat die junge Frau vermutlich gerade ein Telefongespräch geführt, denn neben dem rechten Vorderreifen des Busses lag ein kaputtes Mobiltelefon auf dem Zebrastreifen. Ich fahre fünf Tage in der Woche mit dem Linienbus 5 zur Arbeit, und obwohl ich es nicht mit eigenen Augen gesehen habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass die junge Frau die Bahnhofstraße nicht bei Grün überquert hat. Steht nämlich die Verkehrsampel in der Bahnhofstraße auf Rot, dann haben die Fußgänger automatisch grünes Licht und das gelbe Warnsignal für Linksabbieger blinkt. Als der Bus sehr langsam von der Rosenstraße in die Bahnhofstraße eingebogen ist, muss die Fußgängerampel auf Rot umgeschaltet haben. Die junge Frau hat den Bus unmöglich übersehen können, und ich denke, sie hat nicht auf den Verkehr geachtet, weil sie in dem Augenblick von etwas, das nur sie weiß, abgelenkt gewesen ist.

Der Busfahrer, Herr Bastian Wollny, und die Geschädigten, Frau Miriam Hentze und Herr Jakob Goldstein, sind mir persönlich nicht bekannt.

Rainer Maria Brandt

 

Miriam, hier ist deine Tante Cäcilie. Ich habe gestern mehrmals bei dir angerufen, aber dein Telefon war gestört, und ich habe dich nicht erreichen können. Anscheinend ist dein Apparat immer noch gestört. Es meldet sich jedes Mal der Anrufbeantworter, wenn ich deine Nummer wähle. Also, ich hoffe, du hast gestern nicht allzu lange am Bahnhof auf mich gewartet. Das Reisen ist wirklich eine mühselige Angelegenheit. Es kennt weder Ruhe noch Gewissheit. Und manchmal lässt sich das Ziel einfach nicht aus seinem Versteck locken. Ich bin schon im Zug gesessen, als plötzlich die Durchsage kam, die Abfahrt würde sich verzögern. Erst waren es siebzehn Minuten, dann einunddreißig. Schließlich mussten wir alle wieder aussteigen. Wegen einer Sturmwarnung war der Zugverkehr auf der ganzen Strecke für unbestimmte Zeit gesperrt. Auf dem Bahnsteig hat dann eine pubertierende Schulklasse den Schaffner umzingelt und ihm spontan ein Spottlied gesungen. Er hat mir wirklich leidgetan. An der Streckensperrung ist er ja nicht schuld gewesen, aber das Spottlied fand ich sehr gut. Ich habe es mir sogar aufgeschrieben. Moment. Wo habe ich jetzt den Zettel hingelegt? Gerade lag er noch da. Ach, hier ist er ja. Das Lied geht so:

"Nie wieder Deutsche Bahn.

Dauernd kommt man zu spät,

Weil überhaupt gar nichts geht.

Immer wieder Störung! 

Immer rotes Signal!

Und das Zugbegleitpersonal?

Immer ohne Ahnung,

Immer ohne Ahnung!

Ehrlich, Leute, Ihr könnt uns mal!

Nie wieder Deutsche Bahn!"

Nie wieder Deutsche Bahn! Das würde ich auch unterschreiben, obwohl ich weiß, dass ich das nächste Mal wieder den Zug nehmen werde. Ich vertrage das Busfahren ja nicht. Kurz und gut, Miriam. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich wegen des Unwetters gestern nicht kommen konnte, und es tut mir wirklich sehr leid, dass du am Bahnhof umsonst auf mich hast warten müssen. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse. Auf Wiederhören!

 

Hallo, Dieter!

Ich habe inzwischen erfahren, dass du dich wegen meiner jetzigen Situation etwas hilflos fühlst, was ich gut verstehen kann. An deiner Stelle würde es mir bestimmt genauso gehen, und du sollst dich jetzt bitte zu nichts genötigt fühlen. Ich kann gut verstehen, wenn du nichts von dir hören lässt. Ich wüsste auch nicht, was ich dir in der gleichen Situation schreiben würde. Vermutlich habe ich dich jetzt auch ungewollt in eine Zwickmühle gebracht. Du würdest mir vielleicht gerne helfen wollen, aber du weißt nicht wie. Nun, indem du dich ganz normal verhältst. Ich versuche ja auch, mein Leben so normal wie möglich weiterzuführen. Ich weiß nicht, wie ich dir das beschreiben soll. Es fällt mir unendlich schwer, wie du dir denken kannst. Ich bekomme zwar Hilfe von einer Psychologin und auch von den Kollegen, die mir den Rücken stärken, aber ich musste mit der Tatsache, einer jungen Frau die Nase gebrochen und ihr schönes Gesicht für immer entstellt zu haben, erst einmal alleine klarkommen. Wenn es nur nicht so schwer wäre! Mir ist schon klar, dass ich ungewollt alle damit belaste, aber es ist nun mal nicht zu ändern. So langsam habe ich mich aber daran gewöhnt. Nächste Woche ist die Verhandlung, und dann erfahre ich, ob ich den Bus wieder fahren darf. Wenn nicht, muss ich erst mal abwarten und mir überlegen, wie es weitergehen soll. Drück mir die Daumen! Ich werde nicht kampflos aufgeben. Du kennst mich ja. So, nun bist du auf dem neuesten Stand, und was immer du jetzt auch tust, ich habe für alles Verständnis.

Ciao

Bastian

 

- Werden euch die Überstunden eigentlich bezahlt, Dennis?

- Na ja, es heißt, wir könnten sie abbummeln.

- Super! Dann kannst du ja meine Tante mit mir vom Bahnhof abholen.

- Miriam, lass mich doch ausreden! Dauernd redest du dazwischen.

- Du doch auch.

- Das ist unhöflich.

- Das ist es!

- Miriam! Jetzt bin ich dran. Es heißt zwar, wir könnten die Überstunden abbummeln, aber vorgestern ist ein Kollege zum Chef zitiert worden, weil er seine Überstunden aufgeschrieben hat, und eine Standpauke über Teamwork möchte ich mir wirklich nicht antun.

- Du hast selbst gesagt, es würde bestimmt einen guten Eindruck machen, wenn wir Tante Cäcilie gemeinsam vom Zug abholten.

- Das soll ich gesagt haben?

- Du weißt ganz genau, was du gesagt hast!

- Ich kann mich aber nicht erinnern.

- Du bist noch schlimmer, als ich dachte. Ich hasse dich!

- Ich weiß.

- Du tust gerade so, als würde ich dir überhaupt nichts bedeuten.

- Das ist nicht wahr, und das weißt du auch.

- Warum fragst du nicht einfach deinen Chef, ob er dir heute frei gibt?

- Das geht nicht.

- Angsthase!

- Das ist nicht so einfach, wie du denkst.

- Du hast es doch gar nicht versucht.

- Das glaubst du.

- Und? Was hat dein Chef gesagt?

- Nichts. Er ist heute nicht da.

- Umso besser für dich!

- Du bist unmöglich, Miriam!

- Und du ein Angsthase.

- Wo bist du gerade? Noch zu Hause, oder schon unterwegs?

- Schon unterwegs, aber ohne meinen Angsthasen.

- Sehr witzig! Ich mag deine Tante doch auch.

- Du magst sie?

- Ja.

- Wirklich?

- Ich kann sie gut leiden.

- Sehr überzeugend klingst du aber nicht.

- Also gut. Ich mag ihr Geld!

- Ihr Praktikanten seid doch alle gleich!

- Wem sagst du das? Ich wäre auch viel lieber Chef.

- Sei nicht albern! Wieso machst du es nicht so wie ich? Ich stelle mir ihren Besuch wie eine Kreuzung vor.

- Wo es ständig kracht, meinst du? Die Kreuzung kenne ich. Ich wohne dort mit dir.

- Lass mich ausreden! Eine Kreuzung, wo sich drei Wege treffen und gleich wieder auseinandergehen. Dass sie sich kreuzen, kannst du Unglück nennen, du kannst es aber auch Glück nennen, weil sie sich gleich wieder trennen werden.

- Ich kann doch Unglück nennen, was ich will. Das ist mein gutes Recht.

- Klar, ist es das, aber lass mich erst mal ausreden. Ich finde das einfach nicht in Ordnung, wie du dich verhältst!

- Und ich finde es nicht in Ordnung, wie du dich verhältst!

- Du benimmst dich wirklich unmöglich! Lässt du mich jetzt mal ausreden?

- Du redest ja schon die ganze Zeit.

- Und du fällst mir ständig ins Wort! Darf ich jetzt meinen Satz zu Ende bringen? Oder nein, sag du zuerst, was du sagen willst.

 

Sehr geehrte Frau Hentze,

durch Ihre Versicherung wurde ich über Ihre Bemühungen informiert, meine Aussage zum Unfall zu erhalten. Allerdings ist Ihre Post nicht bei mir angekommen, und ich möchte Ihnen hiermit meine Sicht auf das Unfallgeschehen mitteilen. Ich stand letzten Mittwoch mit meinem Wagen in der Bahnhofstraße bei Rot an der Ampel und wartete auf Grün. Vor mir stand ein blauer Lastwagen. In dem Augenblick, als die Fußgängerampel auf Rot umschaltete, überquerten Sie gerade den Zebrastreifen, während der Linienbus aus der Rosenstraße in die Bahnhofstraße einbog. Zum Glück fuhr der Bus ganz langsam, aber noch auf dem Zebrastreifen wurden Sie von ihm erfasst und stürzten hin. Das Ganze spielte sich im Bruchteil einer Sekunde ab. Sie bluteten stark im Gesicht, und ich sah, wie der Busfahrer ausstieg und sich um Sie kümmerte. Die Polizei kam und nach einer Weile auch ein Krankenwagen. Diese Aussage gab ich auch der Polizei zu Protokoll. Für weitere Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Theodor Boddenberg

 

Liebe Tante Cäcilie,

den Gips muss ich zwei Wochen tragen. Dann wird er abgenommen, und ich kann wieder als Kühlerfigur arbeiten, aber Scherz beiseite! Das Merkwürdigste habe ich dir noch gar nicht erzählt. Frau Goldstein, unsere Nachbarin, ist seit Kurzem Witwe, und du wirst es nicht glauben, ich vermute, auch wegen mir. Ganz genau weiß ich es nicht, aber ich kann auch nicht beweisen, ihr Unglück nicht beeinflusst zu haben. An das Schicksal glaube ich nicht, weil beim Schicksal alles bereits entschieden ist und es keine Rolle spielt, was ich will und was nicht. Das Schicksal ist wie ein Kerkermeister. Es lässt mir keine Wahl und macht damit alles gleich sinnlos, ähnlich wie der Zufall, nur auf andere Art und Weise. Beim Zufall ist ja nichts, wie es sein muss. Alles kann genauso gut auch anders sein. Der Zufall ist ein Zaubermeister. Bei ihm trifft etwas mit etwas zusammen, aber keiner kennt den Grund. Warum saß unser Nachbar letzten Mittwoch ausgerechnet in dem Bus, der mich angefahren hat? Auf die Frage gibt der Zufall keine Antwort. Trotzdem geht mir die Frage nicht aus dem Sinn. Dennis sagt, ich bilde mir das nur ein; ich suche mit verbundenen Augen, was sich gar nicht finden lassen will. Und vielleicht hat er sogar recht. Unser Nachbar ist etwas älter als seine Frau gewesen. Er hieß Jakob und ging schon am Stock. Stolpern und Hinfallen war für ihn der Schrecklichste aller Schrecken. Bei der Vollbremsung des Busses ist er nun gestürzt, und zunächst hat es auch so ausgesehen, als hätte er großes Glück gehabt. Im Krankenhaus hat der Arzt bei ihm keine inneren Verletzungen feststellen können und ihn wieder nach Hause geschickt. Am nächsten Tag hat unser Nachbar aber noch immer große Schmerzen gehabt. Er hat Dennis gebeten, ihn ins Krankenhaus zu fahren. Wie sie ihn dort geröntgt hatten, stellte sich heraus, dass er sich beim Sturz mehrere Rippen angebrochen hatte. Das wird schon wieder, hat der Arzt zu ihm gesagt, ein paar Wochen Bettruhe, und alles ist wieder gut. Aber nichts wurde wieder gut. Drei Tage später ist unser Nachbar im Krankenhaus gestorben. Den Leichnam brachten sie von der Station sofort in die Gerichtsmedizin. Sein plötzlicher Tod könnte ja etwas mit dem Sturz im Bus zu tun haben. Zur selben Zeit ist Dennis mit der Nachbarin unterwegs ins Krankenhaus gewesen. Sie wollte ihrem Mann einen frischen Schlafanzug bringen. Sie kommt ins Krankenhaus, und ihr Mann liegt nicht mehr in seinem Zimmer. Er ist weg! Tot! Das ist ein Riesenschock für unsere Nachbarin gewesen! Von der Stationsschwester erfährt sie dann, dass ihr Mann vor einer halben Stunde an einem Herzinfarkt gestorben ist, aber wer weiß, ob das so gestimmt hat. Wer einmal irrt, der irrt auch zweimal. Dennis und ich besuchen die Nachbarin jetzt öfters, damit sie nicht so alleine ist. Ihren Mann will sie anonym bestatten lassen. Er hat es sich so gewünscht.

Viele liebe Grüße

Miriam

 

Diebstahl? Was wisst ihr schon von Diebstahl? Ihr Polizisten denkt doch alle gleich verkehrt. Warum versetzt ihr euch nicht mal in meine Lage? Fünfeinhalb Zentner Eisen hat sich die junge Dame bei mir geborgt. Fünfeinhalb Zentner! Das sind viereinhalb Kilometer Rund-Draht. Und ich Idiot habe ihr den Draht noch geliefert. Irgendwie hat sie mir leidgetan. Das gebe ich zu. Sie kam mit dem Fahrrad auf den Schrottplatz und hat gesagt, sie studiert an der Akademie und sucht jede Menge rostigen Draht für ein Kunstprojekt. Oder hat sie Kunstobjekt gesagt? Ich weiß nicht mehr. Es ist auch egal. Dass sie Ausländerin ist, habe ich nicht gewusst. Sie hat deutsch gesprochen, ohne Akzent. Ihre Hände sind mir gleich aufgefallen. Sie waren schmal und fein, nicht so plump wie meine. Ich habe ihr Fahrrad und den Draht auf den Lastwagen geladen, und wir sind zu ihrem Atelier gefahren. Sei ein Kavalier, habe ich mir gesagt, sie kann die schwere Drahtrolle ja schlecht auf dem Fahrrad ins Atelier schaffen. Na ja, Atelier ist eigentlich zu viel gesagt. Es ist bloß eine winzige Garage gewesen. Dort hat sie den Draht dann zusammengewickelt. Ich verfremde ihn, hat sie gesagt, aber ich habe nicht verstanden, was sie mit Verfremden meint. Ich Trottel! Sie hat den Draht wieder loswerden wollen. Das meinte sie. Mit Gewinn, versteht sich. Gewinnen kann sie aber nur mit Kunst. Das hat sie gewusst. Oh! Ich, Trottel! Sie sagt also nicht, das ist verrosteter Draht, meine Herren und Damen, was ich ihnen verkaufen will. Kein Museum kauft verrosteten Draht. Das tun nur so vertrottelte Schrotthändler wie ich. Das weiß sie. Also betrügt sie ein bisschen. Und wie? Mit Worten. Die kosten ja nichts. Sie gibt meinem Draht einen Namen, einen Namen, den kein Ding haben kann. Ein solcher Name macht viel her bei den Leuten. Er verwirrt. An was denkt ihr, wenn ihr das Wort Schuld hört? An etwas Böses, Schreckliches, Gewaltiges, nicht wahr? Aber der Name ist völliger Blödsinn. Er besagt nichts. Das weiß sie. Und sie weiß auch, niemand lacht los, wenn im Museum ein Haufen verrosteter Draht so heißt. Und wisst ihr auch, warum? Unter Schuld stellt sich jeder etwas anderes vor. Und das ist der springende Punkt! Sie verkauft dem Museum keinen verrosteten Draht. Sie verkauft dem Museum eine Idee. Vom Draht selbst ist keine Rede mehr. Von ihren Schulden auch nicht. Und mich als Schrotthändler hat es nie gegeben. Und in dem Augenblick bin ich mir wie der größte Trottel auf der Welt vorgekommen. Das dürft ihr mir glauben, Leute!

 

Und nun eine erfreuliche Meldung für alle Bahnreisenden in Deutschland.

Nach den witterungsbedingten Streckensperrungen im Raum Aachen, Frankfurt am Main, Hannover, Osnabrück sind in der Nacht wieder erste Züge gefahren. Viele Sturmschäden seien noch am späten Abend beseitigt worden, teilte ein Sprecher der Deutschen Bahn heute mit; der Fernverkehr habe seinen regulären Betrieb wiederaufgenommen, und auch im Nahverkehr seien die meisten Züge wieder fahrplanmäßig unterwegs. Am Mittwoch hatte das Sturmtief "Dagobert" in ganz Deutschland sowie im benachbarten Ausland zu schweren Störungen im Bahnverkehr geführt.

Und hier noch einmal die Übersicht.

In einem blauen Lastwagen hat die Polizei die aus dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gestohlene "Schuld" entdeckt.

In Deutschland ist der Zugverkehr nach Störungen durch das Sturmtief "Dagobert" wieder in Gang gekommen.

Das Wetter.

Wechselnd bis stark bewölkt, vereinzelt noch heftige Sturmböen. In höheren Lagen Schneefälle. Tageshöchsttemperaturen: 3 bis 7 Grad.

Das waren die Nachrichten.