27. Januar 2019

Die Zarge macht die Tür.*

Dietrich
Katharina Mucha: Diskurskonstruktionen und Selbst
Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
Hackescher Markt-Altglienicke, S9-Fensterblick
Katharina Mucha: Diskurskonstruktionen und Selbst
Katharina Mucha: Diskurskonstruktionen und Selbst
Katharina Mucha: Diskurskonstruktionen und Selbst
Katharina Mucha: Diskurskonstruktionen und Selbst
Hackescher Markt-Altglienicke, S9-Fensterblick

 

Der Mensch ist eine Schlüsselfigur im Haus der eigenen Geschichte, gebaut nur aus Türen; halb offen, halb geschlossenen. Und er ist ein Selbstverrätselungswesen. Seine Seele (die Summe seines Lebens) ein Schloss gebaut um einen Schlüssel zu einer Tür, welche gebaut ist um ein Schloss. Und dann sein Versuch, mit einem Dietrich* rein oder raus zu gelangen. Worte, nichts als Auslegeware in eigener Sache. Katharina Mucha und Annie Ernaux begegnen sich in mir und konstruieren mich auf meiner täglichen S-Bahnfahrt zur Arbeit, vom Hackeschen Markt nach Altglienicke. Sie bilden mich, mit jeder Fahrt aufs Neue. Ich als eine Kreuzung, in täglicher Wiederholung. Einer, der sich durch Kraftverschwendung ernährt, einer, der seine Freizeit überschreibt. Ein Arbeiter auf der Fahrt in eine Lagerhalle. Einer, der leidenschaftlich gern liest und schreibt. Ein Arbeiterschriftensteller? Arbeiter, denn ich spüre meine Klasse, wenn ich Katharina Muchas Wissenschaftsjargon lese, dabei wird ein Teil von mir ausgeschlossen. Kapitelüberschriften wie Deixis und Zeitmodi, Grounding in der Cognitiven Grammer, Überlegungen im Lichte der Mental Space Theory, Diskurslinguistik, Inszenierung der drei Type-Entrenchments im bürgerlichen Trauerspiel wollen nicht in meinen Kopf. Andere, wie Kapitel 4.2: Das Konzept der gehorsamen >> Zärtlichkeit<< im Drama des 18 Jhd. machen mich neugierig. Und da es in ihren Texten auch um sexuelle Gewalt in der Familie geht, muss doch eine körperliche Erdung zu finden sein – so meine Hoffnung.

Anders Annie Ernaux; Sie schließt mich auf feministische Weise, mit „Die Geschichte eines Mädchens“, aus. Ich hatte sie als „Gegengift“ zu Verginie Despontes Subutex angefangen, um „runter zu kommen“. Was aber nicht half. Sie schleuderte mich nur in einen anderen Raum. Um hier Türen zu öffnen, versuchte ich Ernauxs Selbsterfahrungs-Trip mit kleinen Dosen wissenschaftlicher Literatur (Mucha) zu mischen. Beide faszinierten und schlossen mich, als Mann und Arbeiter, auf feministische und intellektuelle Weise aus. Die Mitte-70erin Ernaux konstruierte eine fremdartige Komplizenschaft, indem sie mich mitnahm auf ihre Suche nach der eigenen Geschichte, die der halben Entjungferung im Jahre 1958. Eine mitreißende Komplizenschaft. Kontrapunktisch half Katharina Mucha „Und wenn es viele Realitäten gibt, dann brauchen wir ein flexibles Selbst, oder Teile (Parts) die in den Realitäten unterwegs sein können.“ (Mucha, S.17 ). Und ein zusätzlicher Trick half; Worte als symbolische Handlung zu betrachten. Ich meine echte Handlungen, nicht symbolische. Also Handlungen, die nur symbolisch genannt werden müssen, um sie denken zu können. Wobei denken sich distanzieren und differenzieren heißt. Um sich vom Selbst zu spalten, um selbst sein zu können. Katharina Mucha analysiert Texte von Christian Weise, „Der bäuerlichen Machiavelli“ (1681), über Lessing, Hebbel und Wedekinds Frühlingserwachen (1891) sowie Rundbriefe deutscher Leherinnen (1899–1968) bis zu Erzählungen, Gewaltige Metamorphose (2015) Hrg., Christian Knieps, Friederike K. Moorin, über Gewalterfahrungen. Erzählungen von der Vor-Volksalphabetisierung im 18 Jhd., der sprachlichen Vermittlung über das Theater bis zu heutigen Erzählungen über Gewalterfahrungen in der Familie. Mucha bezieht sich damit auf verschiedene Autor(ität)enschaften anhand von Überlegungen in Soziologie, Linguistik, Literaturwissenschaft und Philosophie. „Diese Vorgehensweise ermöglicht das Fliegen über verschiedene Disziplinen hinweg, auch um die Einladung aussprechen zu können, sich den Flügeln einer progressiven Universalpoesie anzuvertrauen (S. 20). Ein Statement für eine allgemeine Poesie, also die Verschlüsselung durch ein Subjekt. Und ein kunstaffines Plädoyer aus therapeutischer Sicht „... und zwar keine narrative Darstellung sexualisierter Handlungen mit Bezug auf das sprechende Ich, sondern literarische und künstlerische Traumaerzählungen durch das Selbst des Menschen, der überlebt hat, geschützt bleibt und keiner Retraumatisierung ausgesetzt ist ...“. Damit der Schirm der Fantasie erhalten bleibt. Während sie sich, und das ist die wissenschaftliche Seite, für ein genaues, oft formelhaft konnotiertes Zuhören und empathisches Mit-Lesen einsetzt. Sie plädiert für den poetischen Dietrich, um in unserem „sogenannten therapeutischen Jahrhundert“ ins Haus der Vernunft zu gelangen. Hier gilt Zuhören und Aufschreiben als Kritik an Sprech- und Denkverboten, gerade auch in Bezug auf Gewalt in der Familie.

Anschließend lese ich „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Dabei gelingt mir der Einstieg über die allgemeine Nachkriegsgeschichte einfacher. Dann Georges Perce „Die Dinge“, das mich anders beunruhigt auf der Fahrt zur Arbeit.

Wenn der Mensch ein Verrätselungswesen ist, dann auch ein Enträtselungswesen. Ich meine nicht im naturwissenschaftlichen Verwaltungssinne – den der Mythos vom Rätsel des Lebens etc. betreffend, sondern die Verrätselung als Kulturtechnik der Selbstkonstruktion. Dabei dienen ihm Erzähltechniken (auch Kunst) als eine Art der Selbstbildung, weniger der Selbsterkenntnis. Eben nur als Auslegeware im Haus der Türen. Mucha zeigt ein Gesellschaftsbild, bestehend aus Lese- und Zuhörfeldern, ausgehend von poetischen Äußerungen, bis zur Konstruktion von Gesetzen. Denn wenn die Ordnung der Worte der der Dinge und damit der Gesellschaft vorausgeht und sexuelle Übergriffe eine Statusfrage sind, stellt sich die Frage nach einem anderen Narrativ. Aufklärung wäre hier nur eine Selbsttechnik der Transformation, was verdunkelt wurde und werden musste. Das heißt sicherlich auch: Liebe deine Symptome wie dich selbst. Darauf vertrauend, dass der Mensch immer auch ein Übersetzungswesen ist.

 

Christoph Bannat

 

 

* Berliner Außenwerbung am Auto eines Schreiners

https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_(Werkzeug)

 

 

Katharina Mucha: Diskurskonstruktionen und Selbst. Eine kognitionslinguistische Perspektive auf Literatur und Realität vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

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