Zwei Bildbände zeigen überraschende Details der Lindenstraße

 

Zwei Bildbände zur Dauerserie Lindenstraße zeigen sowohl die medial vermittelte Realität wie auch die tatsächliche Situation am Drehset auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd. Fotograf Volker Renner lenkt den Blick auf abgeschabtes Linoleum, geblümte Bettwäsche oder ein Telefon mit übermaltem Firmenlogo. Das biedere Wohnzimmer der Serienhelden wird durch die darüber hängenden Scheinwerfer entzaubert. Warum er die Fotos gemacht hat und was ihn an der Serie fasziniert, die am Sonntag zum letzten Mal läuft, hat Renner MDR KULTUR erzählt.

https://www.mdr.de/kultur/lindenstrasse-serie-bilder-set-100.html

MDR Kultur 29. 3. 2020

 

 

Fotografien der Lindenstraßen-Wohnräume

 

Am 29. März 2020 wird Deutschlands älteste Fernsehserie nach über 34 Jahren eingestellt. Gespräch mit Volker Renner, der Fotograf der Fotobücher "Lindenstraße (Index)" und "Lindenstraße (Serientod)". Er hat die Wohnräume und die Kulissen der Soap fotografiert.

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur 26.03.2020

 

 

 

Faust formen

 

Sich in Kunst als politische Praxis hineindenken

Rezension von Jo Schmeiser zum Stimmungs-Atlas »Faust« von Doro Wiese

F – Faust.
Mit Kunst von Anna Lena Grau und Richard Serra.
Von: Doro Wiese
Hamburg: Textem Verlag 2018 160 Seiten; EUR 16,-
ISBN: 978-3-86485-136-0


in »Stimme. Zeitschrift der Inititiative Minderheiten«, 2020

 

 

 

Kultur & Gespenster Nr. 20 »Unter dem Radar«

»So tun, als ob«



Der Philosoph Michael Hirsch über Adornos berühmtesten Satz

»So tun, als ob«

Mit und gegen Adorno: »Es gibt ein richtiges Leben im Falschen«, sagt der Philosoph Michael Hirsch. Ein Gespräch über die Möglichkeit, das beschädigte Leben zu überwinden, und die Rolle, die Kritische Theorie dabei spielen kann.

Interview von Marcus Quent


»Es gibt kein richtiges Leben im falschen« – das berühmte Diktum aus Theodor W. Adornos »Minima Moralia« bildet den Aufhänger Ihres Buches. Ganz programmatisch steht bei Ihnen die Antithese im Untertitel: »Es gibt ein richtiges Leben im Falschen«. Ihnen geht es aber nicht um eine Widerlegung oder abstrakte Zurückweisung, sondern um einen Eingriff in den Sinn dieses Satzes und seinen ­Gebrauch. Inwiefern bedarf es einer Korrektur?

Die ethische Frage nach dem guten oder richtigen Leben kann nicht einfach negativ beantwortet werden. Es gibt kein menschliches Leben, das nicht damit beschäftigt wäre, sich diese Frage zu stellen und irgendwelche Antworten darauf zu finden. Selbst in einer falsch eingerichteten Gesellschaft, in der es kaum Möglichkeiten gibt, das eigentlich richtige Leben zu leben, müssen wir als Einzelne versuchen, ein solches Leben zu führen.

Sie wenden sich damit auch gegen einen Gebrauch des Satzes, bei dem er zum Schutzschild gegen Veränderungen oder zum Beruhigungsmittel verkommt.

Bei Adorno handelt es sich natürlich vor allem um eine Polemik gegen die Schulphilosophie. Adorno greift eine Ethik an, die ihre Disziplin ­einfach weiter betreibt, als ob nichts wäre, die so tut, als könne man ­davon absehen, dass wir in einer falschen Gesellschaft leben. In der ­Geschichte der Adorno-Rezeption dominiert jedoch eine falsche ­Deutung, mit einem leicht defätistischen Unterton.

Ethik und Politik werden dabei voneinander abgetrennt und als isolierte Bereiche gegeneinander ausgespielt. Sie argumentieren stattdessen, dass wir beide Felder gleichzeitig bearbeiten müssen.

Die grundlegende Hypothese Adornos lautet, dass die kapitalistische Gesellschaft falsch eingerichtet ist, dass wir das aber jederzeit ändern könnten. Die Gesellschaft ist prinzipiell änderbar. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Unter den herrschenden falschen Bedingungen sind wir meist dazu verdammt, ein falsches Leben zu führen. Der Untertitel von »Minima Moralia« heißt ja nicht zufällig: ­»Reflexionen aus dem beschädigten Leben«. Wir schädigen uns gegenseitig und beschädigen uns selbst. Der eigentliche Widerspruch zwischen dem Politischen und dem Ethischen besteht in Folgendem: Radikale Politik erfordert, dass unsere ganze Energie in die theo­retische Durchdringung, in die politische Änderung und Neueinrichtung der jetzt noch falsch eingerichteten Gesellschaft fließt. Wenn das passiert, dann blenden wir aber das Spektrum des Ethischen leicht aus. Unsere Sinnbedürfnisse als Menschen, unsere eigene Lebenspraxis müssen wir dann implizit ausblenden. Wir werden sozusagen zu Inst­rumenten der theoretischen Durchdringung und der praktischen Änderung der Verhältnisse. Das ist eine Riesengefahr, weil wir dann das Ethische nahezu auslöschen. Stattdessen müssen wir genau den Widerspruch denken.

Was bedeutet das konkret für unser eigenes Leben?

Wir leben zugleich in zwei Welten. Eigentlich ist kein richtiges Leben möglich – also müssen wir uns anstrengen, im theoretischen Bereich der Konzeptualisierung und im politischen Bereich des Handelns andere Zustände gemeinsam herbeizuführen. Aber wir müssen genauso sehr auf dem ethischen Terrain des Ringens um ein gutes Leben arbeiten. Wir müssen, wie Adorno sagt, unser ­Leben zum hinfälligen Bild eines richtigen machen. Dieses Feld darf nicht vernachlässigt werden. Ich muss als Einzelner sozusagen so tun, als ob es auf mich ankäme, als ob ich Spielräume hätte, um ein anderes Leben zu führen als das herrschende.

Es geht also darum, die Alternative zu verweigern, die besagt: Zuerst das eigene Verhalten ändern, oder aber: zuerst auf die richtige Einrichtung der Gesellschaft hinwirken.

Es ist die Haupttendenz der jüngeren Gegenwart gewesen, beides per­manent gegeneinander auszuspielen. Das ist in feministischen Kontexten so, das ist bei Fragen der Identitätspolitik so. Bei sehr vielen Dingen wird immer so getan, als ob man sich dauernd entscheiden müsste zwischen verschiedenen Tätigkeitsfeldern oder Schwerpunkten. Das ist ein Riesenfehler, denn man läuft damit in die Falle einer Spezialisierung der eigenen Tätigkeit oder des eigenen Wesens.

Sie werfen der institutionalisierten Intelligenz vor, die Dimension der eigenen Lebens- und Existenzweise berufsmäßig zu vernachlässigen. Die Akteure in den kulturellen und wissenschaftlichen ­Institutionen, schreiben Sie, arbeiten im eingespielten Modus der »kritischen Infragestellung«. Was wegfällt, sei der Gebrauch dieses Denkens.

Es gibt eine Tendenz zur Heuchelei in der progressiven Intelligenz. ­Einerseits hat man die zumindest partiell kritischen Arbeitsinhalte, andererseits aber völlig rückständige Arbeits- und Lebensweisen der Theoretikerinnen und Wissenschaftler. Es gibt eine Überfokussierung auf die Arbeitsinhalte, also auf Theorien und Schulenzugehörigkeiten, und ein Zurücktreten von Fragen nach Habitus und Berufsethos, also der ganzen Dimension der Arbeitsbedingungen und Produktionsverhältnisse bürgerlicher Kultur. Die haben sich ja rapide verschlechtert in den letzten Jahrzehnten. Man denke an die Situation in den Hochschulen, in den Zeitungen, im gesamten Kulturbereich: Zunahme von Mehrarbeit, Prekarität und Ungleichheit. Offensichtlich haben die Beteiligten versäumt, darauf zu achten, dass sie nicht nur ­Arbeitsinhalte vertreten – mein Stück, mein Buch, meine Theorie –, sondern dass es eben um das ganze Leben geht. Mit meinem falschen Leben reproduziere ich, wenn ich nicht aufpasse, dieses falsche System. Man muss die Errungenschaften des kritischen Denkens eben auch auf die eigenen Arbeitsfelder und die eigene Arbeitsweise anwenden – auf das ganze eigene Leben.

Auch bei der politischen Linken diagnostizieren Sie seit den siebziger und achtziger Jahren Defätismus, Lähmung, Zersplitterung und letztlich eine Neutralisierung der progressiven Kräfte. Das »Ende der großen Erzählungen« ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Stichwort für Sie. In dieser Situation schlagen Sie einen ideenpolitischen Schritt vor. ­Warum?

In Lyotards Buch »Das postmoderne Wissen«, das 1979 erschien, taucht ja diese Figur des »Endes der großen Erzählungen« auf. Es ist natürlich richtig, sich von einem bestimmten marxistischen Geschichtsdeterminismus oder von einer Geschichts­teleologie verabschiedet zu haben. Aber die Schlüsse, die daraus gezogen wurden, sind verheerend gewesen: das Einläuten eines vermeintlich nachideologischen Zeitalters. Heute sieht man: Das war eben die große ­Erzählung dieser Epoche, an deren Ende wir heute vielleicht leben. Die permanente Maskierung der Agenda ist exakt die Ideologie dieser Jahrzehnte gewesen. Darin besteht eben gerade der Theoriedefätismus: gar nicht zu sehen, wie stark Theorie eigentlich in die gesellschaftliche ­Debatte eingreift, mit ihren Begriffen und Ideen.

Gegen das »Ende der großen Erzählungen« setzen Sie eine ­Rehabilitierung des Fortschrittsbegriffs. Das ist die Kategorie ­gewesen, die als Erstes der Kritik unterzogen wurde. Sie sagen, der Fortschritt, um den es gehen muss, hat nicht so sehr mit ­neuen Erfindungen, neuen Technologien, neuen Objekten zu tun, sondern es geht um einen anderen Gebrauch. Alle wesentlichen ­Elemente stehen bereits zur Verfügung. Nun komme es auf so ­etwas an wie eine Logik des richtigen Gebrauchs.

Fortschritt hat noch gar nicht angefangen – obwohl mittlerweile alle Elemente für eine fortschrittliche Einrichtung der Gesellschaft vorhanden sind. Die Produktivkräfte, die materiellen Verhältnisse, die Institutionen des Rechtsstaats, die demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten, Versammlungsrechte, Arbeiterrechte, Sozialstaat – alle diese Errungenschaften, um gesellschaftliche substantielle Änderungen zum Besseren durchzusetzen, sind da – nicht für alle Menschen, aber für sehr viel mehr Menschen, als es früher der Fall gewesen ist –, aber irgendwie hat sich Fortschritt immer noch nicht ereignet. Das wäre aber jederzeit möglich. Durch unser Zutun und gewissermaßen auch durch so eine Art magisches Quentchen wäre jederzeit ein qualitativer Umschlag, ein ganz anderer Gebrauch all dieser Potentiale, die wir haben, möglich. Wir leben in einem Anachronismus. Es gibt unfassbare Überschüsse an Potentialen, an Möglichkeiten, an Reichtümern. Die sind nur falsch eingerichtet, falsch gebraucht, falsch justiert, die benutzen wir nicht auf die richtige Art und Weise. Wir könnten sie aber jederzeit anders benutzen.

Sie sagen also, bei der richtigen Gesellschaft geht es nicht um das völlig andere, Neue oder Unbekannte, sondern eher um eine Neuanordnung vorhandener Elemente. Kann man sagen, dass Sie damit »das messianische Licht«, in das die Dinge getaucht seien, das bei Adorno immer wieder auftaucht, diese minimale Verschiebung, durch die plötzlich ­alles anders erscheint, nicht von einer äußeren Instanz zu erwarten, sondern von der Art und Weise, wie wir in unserem Alltag Dinge gebrauchen?

Ja. Wobei ich nicht ausschließen würde, dass bei allen Dingen, die uns im Leben gelingen, doch noch so ein gewisses »Etwas« im Raum steht, ein winziger Zusatz, eine Art messianisches Ereignis. Das ist aber natürlich etwas Unverfügbares, das man nicht identifizieren oder antizipieren kann. Was verfügbar ist, sind unsere Übungen, unsere anderen ­Gebrauchsweisen der bestehenden Möglichkeiten und unsere politischen Aktionen. Das ist gewissermaßen die Ebene, wo wir als Einzelne und als Kollektive wirken können. Hier unterschätzen die meisten die Reichweite und Intensität ihrer eigenen Wirkungsmöglichkeiten immer noch. Es geht dabei um einen Blick auf das Konkrete, auf das, wie genau etwas gemacht ist und wie es uns erscheint. Damit ist eine Politisierung des eigenen Alltagslebens verbunden.

Das Alltägliche ist ja eigentlich der Bereich, den radikale Theorien gerne vernachlässigen. Dort, wo es ums Ganze geht, interessiert man sich eher für den großen Bruch, die totale Änderung. Über den zukünftigen Alltag schweigt man sich aus oder verhängt gleich ein Bilderverbot.

Der Alltag ist die Sphäre, in der sich alle gesellschaftlichen Änderungen letztlich konkret bewähren müssen. Nicht nur die Kunst ist, wie Adorno betont, dafür ein Verhaltensmodell, sondern eben auch die Theorie: Denken, Schreiben oder Miteinandersprechen. Sie schulen für andere Verhaltensdispositionen jenseits der zweckrationalen Welt, für die feinen Unterschiede im Alltag. Durch sie können wir lernen, in unserem täglichen Leben genauer auf geistige, ethische Qualitäten zu achten und nicht nur auf intellektuelle Outputs im Kulturbetrieb. Alle Ökonomie, sagt Marx, löst sich in Ökonomie der Zeit auf. Wie lange geht ein Tag, wie viel Zeit verwende ich wofür, für was nehme ich mir die Zeit, wie ist das gesellschaftlich determiniert, und wie kann man gemeinsam diese ­Determinationen fortschrittlich ändern? Freundschaft fällt meistens hinten runter, bestimmte andere ­Bedürfnisse auch. Auch bei den Intellektuellen.

Dennoch akzentuieren Sie das Modellhafte der theoretischen oder intellektuellen Arbeit, und zwar letztlich im Sinne der ­Lebensform, die dabei konstruiert wird. Inwiefern schafft die intellektuelle Arbeit eine exemplarische, modellhafte Lebensform?

Exemplarisch an der intellektuellen Lebensweise und Arbeitsform ist ­etwas, das auf den Marxschen Begriff des Klassenbewusstseins zurückgeht. Eine Klasse oder eine Gruppe von Menschen fängt erst dann an, emanzipatorisch zu werden, wenn sie nicht länger identisch ist mit ­ihrem soziologischen Subs­trat. Erst durch eine Reflexion der eigenen ­potenziell emanzipatorischen Rolle kann ich überhaupt eine emanzi­patorische Wirkung entfalten – und nicht etwa dadurch, dass mir gesellschaftlich eine kritische Funktion zugeschrieben wird, weil ich etwa Journalist bin oder Hochschulprofessor. Nein, erst dadurch, dass ich mir klarmache: Das mögliche andere Leben, das partiell befreit ist von kapitalistischer Lohnarbeit und Warenproduktion, habe ich ja gewissermaßen schon am Wickel. Das heißt, ich tue hier etwas, das eigentlich viel mehr Leute können sollten. Und das gilt es auszubauen und zu universalisieren. Das ist ja die eigentliche Programmatik der Marxschen Arbeits­utopie, der Angriff auf die Lohnarbeit. Das Modellhafte, Exemplarische besteht darin, dass die Tätigkeit der Intellektuellen im weitesten Sinne ­einerseits die Herbeiführung einer möglichen anderen, emanzipierten Gesellschaft ist, aber andererseits ­natürlich gleichzeitig auch schon deren Anfang, der Anfang eines richtigen Lebens selbst. Modellhaft bin ich dadurch, dass ich möglicherweise schon jetzt versuche, so zu leben, wie es in Zukunft vielleicht einmal alle tun könnten.

Die von Ihnen geforderte Änderung des Alltags, die Einübung anderer Gewohnheiten berührt das problematische Feld der ­Erziehung.

Der ganze Komplex der Erziehung ist essentiell. Bei Marcuse gibt es ja das Konzept der »falschen Bedürfnisse«. Das hat Marcuse natürlich harte Kritik eingebracht, weil das eine implizit autoritäre, elitäre oder pater­nalistische Konzeption ist. Das ist schon immer ein großes philosophisches Problem: anderen etwas an­zusinnen. Ich glaube jedoch, dass es ein Fehler ist, Angst vor der Autoritätsposition zu haben. In Wirklichkeit finden ja andauernd, in jeder Sekunde Kulturkämpfe statt, in der Gesellschaft, aber auch in jeder Beziehung, jedem Freundesnetzwerk, jedem Haushalt. Man ringt dabei um die »Umwertung der Werte«, also um das, was Bourdieu Habitus nennt, neue Normalitäten und Verhaltensdispositionen. Die Frage ist nur, mit welcher Idee im Hintergrund wirke ich auf mich selbst und die anderen ein. Die ganze progressive Arbeit besteht eben darin, jetzt noch minori­täre Positionen und Verhaltensweisen potenziell mehrheits- oder anschlussfähig zu machen.

Schon damals stand Marcuse mit seiner rigiden Form der Bestimmung eines allgemeinen Interesses und von richtigen und falschen Bedürfnissen eher am Rande der Debatte. Wie müssen Intellektuelle heute mit diesem Problem umgehen?

Ich glaube, dass man ohne eine gewisse theoretische Rigidität nicht auskommt. Man muss sie dann in einem zweiten Moment natürlich geschmeidiger machen und anpassen, um nicht zu ihrem Opfer zu werden – sei es, indem man selbst verknöchert oder zu eng wird, sei es, dass die anderen einen überhaupt nicht mehr ernst nehmen. Man kommt aber um das prinzipielle Problem der Verall­gemeinerbarkeit von Handlungen nicht herum. Warum sollte das beispielsweise nur auf ökologische Dinge beschränkt sein? Deswegen ist das die eigentliche Formel für alle politischen Kämpfe. Bourdieu hat das auch so definiert: Der Gegenstand der Politik ist der Kampf um die Entscheidung der Frage, wessen Interessen als allgemein gelten können.

Michael Hirsch: Richtig falsch. Es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Textem-Verlag, Hamburg 2019, 192 Seiten, 16 Euro

24.09.2019 Jungle World

 

 

 

Kultur & Gespenster »Unter dem Radar«

Groteskes



Interessante Neuerscheinung auch bei textem: Grotesk – ist das die Verbindung von Grauen und Komik? Das Groteske als ästhetische Kategorie, als ein Ausdruck des Fantastischen oder
kollektiv-karnevalesker Lebensfreude impliziert stets Verstörendes, Normabweichendes und Unangemessenes. Kunst und Welt wird durch das Groteske in einen disparaten, stets unversöhnlichen Spannungszustand versetzt. Von römischen Ausgrabungen über Max Klinger bis hin zu Paul Celan spürt Peter Christian Hall dem Grotesken nach.
Peter Christian Hall, geboren 1940, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Tübingen und Zürich. Er war Nachrichtenredakteur beim Süddeutschen Rundfunk, Redakteur der Zeitschrift medium und stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und veröffentlicht Aufsätze in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Zuletzt besorgte er Ausstellung und Katalog zu Delphine in Offenbach über den Illustrator Marcus Behmer.
Peter Christian Hall: Grotesk. Der Vermittlungsmodus »falsches Zugleich«. Überlegungen zu einem nicht nur ästhetischen Grenzwert. Textem Verlag

Fixpoetry 7. 9. 2019

https://www.fixpoetry.com/fix-zone/2019-09-07/groteskes

 

 

Das Aufreizende der Philosophie

 

Sammlung von Aphorismen


Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Ein Versuch über die Frage, ob Kritik und Weltveränderung noch zusammengehören.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Kaum ein Satz aus dem Werk Theodor W. Adornos ist so oft zitiert worden. Und kaum einer illustriert besser Adornos gestische Philosophie. Theoretische Einsicht und ethischer Impuls fallen zusammen und bilden eine unauflösbare Einheit. Dieser Gestus hat die 1951 erschienene Aphorismensammlung „Minima Moralia“ einen Verkaufsschlager werden lassen, der von Generationen gelesen wurde.

Das gute Leben des Einzelnen ist von der gelungenen Einrichtung der Gesellschaft nicht zu trennen, sagt der Satz und fordert zugleich die noch ausstehende Änderung ein – als ob der Autor widerlegt werden wollte, durch Praxis. Der Ausspruch wirkt in seiner Zugespitztheit, die nur einen Ausweg offen lässt, fordernd, ja geradezu aufdrängend. Es lässt einen zumindest nicht unberührt.

Er hat dementsprechend auch einigen theoretischen Widerspruch auf sich gezogen. Der kürzlich veröffentlichte Band „Richtig falsch. Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“ hat die Gegenthese zu Ador­no augenscheinlich schon im Titel. Autor ist der Münchner Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch.
„Richtig falsch“ ist ebenfalls eine Sammlung von Aphorismen, insgesamt 123 an der Zahl, unterteilt und zusammengefasst in sieben Abschnitten. Schon der erste trägt den Titel „Minima Moralia“ und stellt sich so in die Nachfolge von Ador­nos Werk. Und wie Adorno stellt Hirsch die Frage, auf welche Weise sich eine mögliche gesellschaftliche Veränderung denken lässt, während sie doch unmöglich erscheint.

Die globale Krise unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Hirsch gegenwärtig ausmacht, führt ja gerade nicht zu einer Abkehr von den herrschenden Vorstellungen, sondern nur zu ihrer Brutalisierung. Der sogenannte Kampf ums Dasein weitet sich aus.

Die Krise unserer Wirtschafts- und Gesellschafts­ord­nung führt nur zu ihrer Brutalisierung

Angesichts der drohenden Verschlechterung der sowieso schlechten Bedingungen plädiert Hirsch jedoch nicht für eine Verteidigung des Status quo, sondern für das Denken eines anderen Zustands – auch wenn der sich nicht unbedingt ankündigt. Für Hirsch braucht eine progressive Politik ein Denken, das es wagt, das Unwahrscheinliche, ja fast Unmögliche zu denken.
Schon an Adornos Philosophie war es das Aufreizende, dass sie sich im Bewusstsein von ­Auschwitz und der Atombombe nicht auf Schadensbegrenzung innerhalb des Kapitalismus beschränken lassen wollte. Sie zielte auf Erkenntnis des Ganzen und dessen Änderung.

Das muss man sich jedoch nicht als eine vollständige Umgestaltung der Welt vorstellen, mehr wie die Ankunft des Messias, der alles nur ein bisschen zurechtrückt, schrieb Adorno. So brachte er das Licht, das von der Erkenntnis her strahlt, mit der Erlösung zusammen. Erst eine der eigenen religiösen Anteile bewusste Aufklärung zielt auf das Glück der Menschen statt auf blinde Naturbeherrschung. Auf den Messia­nismus greift auch Hirsch zurück, als Kritik des Fetischs des Neuen.

Sich einrichten

Die Welt ist entstellt, man muss sie wieder zurechtrücken. Es braucht eigentlich nichts Neues, man müsse nur das, was ist, richtig gebrauchen lernen. „Die Wahrheit liegt immer im Gebrauch“, schreibt Hirsch. Auch die des eigenen Lebens. Wozu leben? Und wie? So sind wir wieder beim richtigen Leben. Das freilich soll nicht nur das Privileg einiger weniger sein. Sondern der Maßstab eines jeden Lebens.

An diesem Punkt möchte Hirsch dann auch Adorno widersprechen. „Der Einzelne kann nicht nicht nach einem guten Leben suchen – unter welch schlechten oder falschen gesellschaftlichen Bedingungen auch immer“, schreibt er. Die Frage und die Suche nach dem guten Leben ist eine unhintergehbare Voraussetzung. Das zu negieren, kann – siehe Adorno – dazu dienen, eine theoretische Einsicht zu pointieren. Aber es kann nicht selbst eine theoretische Wahrheit werden, zumindest nicht, ohne dass sich daraus selbst weitere Probleme ergeben.
Hirsch stört sich zuvorderst daran, wie Adornos Satz verstanden wird. Oder wie er gebraucht wird. Denn ohne die Verbindung zu dem Wunsch nach Veränderung bekommt die Aussage etwas geradezu Entschuldigendes. Es gibt halt kein richtiges Leben im falschen. Also ist alles egal.

Doch Hirsch will den Gestus von Adornos Aussage retten – und muss sie deswegen korrigieren, weil sich die impliziten Annahmen, auf die sich Adorno noch stützen konnte, verändert haben.

Nach der Postmoderne

Die Falschheit der Welt kann man, gerade als deren Kritiker, auf eine perverse Art genießen, konstatiert Hirsch. Diese Haltung ist vor allem dann zu beobachten, wenn die Verbindung von Kritik und dem Begehren nach Veränderung verlorengegangen ist. Dieser Vorwurf ist nicht ganz neu, spottete Georg Lukács einst schon über die Frankfurter Schule als „Grand Hotel Abgrund“. Doch Spott ist nicht Hirschs Sache, bemüht er sich doch um eine rettende Lektüre. Und in deren Rahmen ist Adorno ein wichtiger Bezugspunkt, vor allem im Vergleich zu dem, was nachfolgt.

„Nach ein paar Jahrzehnten Unterricht in Poststrukturalismus, Dekonstruktion und Systemtheorie zeigt sich langsam, was alles dadurch verlorenging“, lautet Hirschs Kritik des linken Defätismus. Der spürt zwar noch im unscheinbarsten Winkel des Lebens das Wirken der Herrschaft auf, kann aber diese Befunde nicht mehr in einem Zusammenhang der Weltveränderung stellen. Das Aufspüren der Verstrickungen in die Verhältnisse wird zum Selbstzweck, aus dem der Kritiker seine Befriedigung zieht.

Neben Adorno ist vor allem ­Pierre Bourdieu, der Theoretiker der feinen Unterschiede und des Geschmacks, Gegenstand der Auseinandersetzung. Hirsch argumentiert keineswegs gegen die Einsichten solcher Theorie. Nur gegen deren Gebrauch. Denn seit Adorno und auch Bourdieu gab es einen Funktionswandel der Kritik.

Inzwischen hat sie selbst legitimatorischen Charakter. Sie dient als Ausweis der Funktionalität von Institutionen und nicht als ihr Gegenteil, wie man an Universitäten und Kultureinrichtungen beobachten kann. Die Kritik wird ins Bestehende eingemeindet. Und das kritische Bewusstsein geht mit der, sei’s auch unbewussten, Behauptung der Unveränderbarkeit der Welt einher.

Alles infrage stellen

Das wiederum bedingt einen professionellen Nihilismus, der zwar alles infrage stellt, aus dem eigenen Wissen aber keine Konsequenzen mehr ziehen kann. Oder, anders gesagt, nicht mehr daran glauben kann. So haben es dann auch die Konservativen leicht, den linken Intellektuellen Heuchelei vorzuwerfen.
Das Problem ist, dass sich die kritischen Geister in dieser misslichen Situation eingerichtet haben. Die Identifikation mit dem Betrieb, das Streben nach symbolischer Anerkennung durch diesen und die ruinöse Konkurrenz unter den Kulturarbeitern lähmen das kritische Denken.

Hirschs Buch ist als Versuch zu begreifen, sich mit den eigenen intellektuellen Mitteln dieser Misere zunächst bewusst zu werden – und den Schritt aus ihr heraus zu wagen. Der Autor plädiert für eine linke Ideenpolitik. Es könnte schlicht keine Zukunft geben, wenn es nicht gelingt, andere Formen der Welt­aneignung als die herrschenden zu etablieren.

Damit das gelingen kann, muss man sich lösen. Auch vom perversen Genießen der bloßen Rechthaberei. Man müsse mehr auf die Stimme des eigenen Begehrens hören als auf die Sirenenklänge der Kenntnis des Falschen, schreibt Hirsch. Und deswegen müsse man auch die Spuren des richtigen Lebens festhalten. Um das eigene Begehren und das gute Leben nicht zu verraten.

Ein Lehrstück

„Richtig falsch“ ist ein Lehrstück in intellektueller Aufrichtigkeit, eines Denkens ohne Absicherung – ganz im Geiste der „Minima Moralia“. Ein emphatisches Denken, das das Mögliche und scheinbar Unmögliche erkundet und zugleich den Impuls der Veränderung mitteilt. Und es sich nicht leicht macht, sondern das Wagnis der geistigen Spekulation eingeht.

„Richtig falsch“ ist der seltene und beglückende Fall eines theoretischen Buchs, das ein Verhalten exemplarisch zu zeigen sucht – eine Lektion in Sachen richtigen Lebens, die der intellektuellen Lähmung der Linken den Kampf ansagt.

Jakob Hayner, taz 30. 8. 2019

Michael Hirsch: R - »RICHTIG FALSCH«
Es gibt ein richtiges Leben im Falschen


192 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-86485-135-3

 

 

 

Richtig falsch

 

Richtig falsch. Philosophische Impulse für ein richtiges, ein humanes Leben

Hinweise zu einem neuen Buch von Michael Hirsch.
Von Christian Modehn

1. Das oft zitierte und weit verbreitete Buch von Theodor W. Adorno „Minima Moralia“ (verfasst 1944) hat den Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Der Untertitel legt nahe zu denken, also aus einem „bloß“ „beschädigten“ Leben und nicht aus einem total zerstörten und hoffnungslos korrupten Leben. Das gilt vor allem wohl, wenn man den besonders häufig nachgesprochenen Satz aus „Minima Moralia“ hört: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ( S. 43, in: Gesammelte Schriften, Suhrkamp). Kann also in einem insgesamt falschen Leben, etwa in einem falschen System, auch mein und unser Leben insgesamt nur falsch sein? Wahres humanes Leben ist dann offenbar unmöglich.


2. Gegen diese eher defätistische Interpretation des Adorno – „Spruches“ wendet sich in seinem neuen Buch „Richtig falsch“ der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch: Er hat ein überaus anregendes philosophisches Buch ganz eigener Art verfasst: 123 kurze Essays oder „längere Aphorismen“ lassen sich von diesem Satz Adornos inspirieren, sie umkreisen ihn förmlich und kritisieren und korrigieren ihn. Und diese Leistung finde ich sehr hilfreich! Denn Michael Hirsch weitet das Denken insgesamt. Für mich sind manche Beiträge philosophische Meditationen, Texte zum Innehalten. Zu einer neuen Form des Umgangs mit philosophischen Erkenntnissen wird man förmlich aufgefordert.

3. Das Buch, so wird vom Autor betont, wendet sich an „linke Intellektuelle“. Auf diese Gruppe bezieht er sich kritisch, auch mit neuen Vorschlägen. Zum Trost für die sich nicht als „Intellektuelle“ verstehenden LeserInnen: Man sollte den Begriff „Intellektuelle“ sicher nicht zu eng verstehen und bedenken: Jeder Mensch, der selbstkritisch umfassend reflektiert, ist in gewisser Hinsicht ein Intellektueller. Insofern sind Intellektuelle jene, die unter den widerwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft, Rassismus, Ausgrenzung, Ungleichheit etc. leiden und doch noch reflektierend in der Praxis Auswege suchen. Die Grundüberzeugung ist: Es darf jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher. „Es reicht“ (26).

4. Bei allem differenzierten Wohlwollen für Adorno wird der „berühmte Adorno – Spruch“ kritisch betrachtet. Der Autor meint explizit, Adorno sei dabei im Irrtum: „Der Einzelne kann nicht nicht nach einem guten Leben suchen – unter welch schlechten und falschen Bedingungen auch immer“ (38, auch 34). Auf Seite 165 spricht er von Adornos Obsession, überall nach Falschem und nach Schuldzusammenhängen zu suchen…Und das sei sein Fehler…“Wir müssen die kleinen Spuren des Richtigen festhalten und genießen“ (165). Andererseits hat der Spruch doch noch die Möglichkeit eines dialektischen Sprungs: „Dort, wo das Ganze, wie Adorno sagt, als das Unwahre erscheint, dort schlägt Erkenntnis in die Möglichkeit messianischer Rettung um“ (141). Diese „messianische Rettung“ ist eine „Grundmelodie“ im Buch von Hirsch.
Der Autor bietet Hinweise dafür, dass die als falsch erlebte Gesellschaft gerettet werden könnte: Wenn die Menschen wieder imstande wären, auch zu „empfangen“ (sic!) und nicht nur zu „machen“. Diese Haltung wäre die „Außerkraftsetzung der Herrschaft, der Hierarchien der bestehenden Ordnung. Darin konvergieren emphatisches philosophisches Denken und Religion“,
Die große Veränderung, der wahre Fortschritt (!) der Gesellschaft „hängt nicht nur von uns ab, steht nicht ganz in unserer Macht.“ (S. 141) Wir stehen vielmehr im Zusammenhang „eines göttlichen Elements der Rettung“ (ebd.) Die religionsphilosophischen Thesen beziehen sich auf ein sozusagen konfessionsfrei formuliertes „Göttliches“!

5. Ich finde es jedenfalls erstaunlich, mit welcher Intensität der Autor in diesen doch knappen Kapiteln Themen religiöser Traditionen aktualisiert, vor allem auch im III. Kapitel: Dort wird im Gedenken an Kafka auch vom Gebet gesprochen. Wobei Michael Hirsch von der im Gebet geschehenden „Magie des Rufens und Herbeirufens“ (des Göttlichen) spricht, und dann betont: „Das Heil oder das Heile muss nicht neu erfunden oder erschaffen werden, sondern es ist immer schon da, es liegt irgendwo verborgen…Unsere Aufgabe ist es, diese Herrlichkeit des Lebens zu suchen, immer wieder und immer von neuem“ (71f.) Allerdings finde ich Hirschs Qualifizierung des Betens als „Magie“ unzutreffend. Wenn man philosophisch Gebet als „göttliche“ Poesie versteht, ist sie eine freie Leistung des Menschen, der seine ihm gegebene (!) schöpferische geistige Kraft lebendig werden lässt. Dann ist Gebet keine Magie mehr. Man staunt eher über die gegebenen (!), also geschaffenen geistigen Möglichkeiten…

6. Das Buch bietet viele weitere, der Form des Buches entsprechend knapp formulierte Anregungen, Impulse, die zu denken „GEBEN“. Nur noch ein Beispiel: Zum Umgang mit der Arbeit: Diese wird heute als Zwang zur Selbstvermarktung erlebt und entsprechend erlitten. Gemeint ist das unternehmerische Selbst. „Handle unternehmerisch, heißt der Imperativ“. Damit wird umfassende Selbstverwirklichung, Muße, Zeithaben, politisch Aktivsein usw .fast ausgeschlossen. Das ist „Kapitalismus pur“.

7. Interessant ist, dass Hirsch Denkmotive Heideggers aufgreift, etwa wenn von der „Fülle des Seins“ die Rede ist, in der „uns alles zufällt“ (167), als Gabe. Hirsch spricht wie Heidegger vom „Geheimnis einer Existenz, die als Öffnung, als Da des Seins erscheint“ (158). Auch wenn man den Heidegger der „Schwarzen Hefte“ ablehnt: Die Aussagen Heideggers aus „Sein und Zeit“ haben eine Gültigkeit.
Das von Hirsch präsentierte Denken und denkende Leben setzt sich ab von einer passiven, zuwartenden Existenzform. Sondern tritt ein für das politische Handeln. Ideen haben für Hirsch entschieden „Gebrauchswerte“ (171). „Denken hat eine verändernde Kraft“ (174). Und die Veränderung gilt der Beförderung der Menschenwürde für alle und der Überwindung einer neoliberalen Welt der Herrschaft der Privilegierten und der so genannten Eliten.
Wichtig ist: Wir haben „das Begehren“ in uns, jene unstillbare geistige Leidenschaft, für eine wahre, humane Welt. Bei einer noch so klugen bloß theoretischen Analyse des Elends darf es also nicht bleiben. Das Elend des Ichs, der Gesellschaft, der Welt ist kein Schicksal. Noch einmal: Denn wir leben immer schon inmitten der Utopie des wahren Lebens: Sie spendet das Licht der Erkenntnis. „Diese Utopie lehrt uns, dass wir noch unendlich weit entfernt sind von unseren wahren Möglichkeiten. Das ist die Wahrheit, von der wir ausgehen“ (167).

8. Ich würde mir wünschen, dass bald ein weiteres Buch von Michael Hirsch folgt, in dem seine angedeuteten religionsphilosophischen Hinweise vertieft werden. Und in dem auch die aktuellen Fragen der Natur, der Ökologie, des Klimas und die vielleicht noch mögliche Rettung der Welt einbezogen werden … sowie die Gleichheit aller Menschen, auch der Flüchtlinge (in Deutschland und weltweit).
Michael Hirsch, „Richtig falsch“. „Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“. TEXTEM Verlag, Hamburg, 2019, 192 Seiten. 16 Euro.


Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

POSTED IN DENKBAR, PHILOSOPHISCHE BÜCHER

https://religionsphilosophischer-salon.de/12001_richtig-falsch-philosophische-impulse-fuer-ein-richtiges-ein-humanes-leben-2_denkbar

4. SEPTEMBER 2019 BY CM

 

 

 

Max Klingers „Der Tod am Wasser“


VON PETER CHRISTIAN HALL
FÜR LITMAG, NATUR SPECIAL, SPECIALS

Max Klinger „Der Tod am Wasser“, auch bekannt als „Der pinkelnde Tod“, 1881


Eine Ikone des Grotesken
Peter Christian Hall über einen nicht nur ästhetischen Grenzwert und über ein weithin unbekanntes, wichtiges Gemälde
An seinem Buch „Grotesk. Der Vermittlungsmodus ‚falsches Zugleich'“ (gerade im Textem Verlag, Hamburg, erschienen) hat Peter Christian Hall viele Jahre gearbeitet, viele Ausstellungen besucht, seine Bibliothek mit arkanen Sonderdrucken und bibliophilen Kostbarkeiten bestückt, hat gesucht, gesammelt, recherchiert – und reflektiert. Auf dem Weg entstand auch eine große Ausstellung im Offenbacher Klingspor Museum zum beinahe in Vergessenheit geratenen Illustrator Marcus Behmer: „Delphine in Offenbach“ (2018). Hier exklusiv ein Auszug aus seinem Buch – Rezension dann im CrimeMag September:
Die Rezeptionsgeschichte von Max Klingers 1881 groteskem Gemälde „Der Tod am Wasser“[1] handelt von einem Umschlagen vom Komischen ins Beklemmende. Das Gemälde stellt ein als Versinnbildlichung des Todes dargestelltes menschliches Skelett dar, das, im Zentrum des Bildes am Ufer eines bildbeherrschenden Gewässers stehend, ins Wasser uriniert. Das Skelett, also den personifizierten Tod durch die Stoffwechselfunktion am Leben teilhaben zu lassen, kann man selbstverständlich als eine komische, eine witzige Idee verstehen. Die im Jahr 2003 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (17.3. – 9.6) und im Haus der Kunst München (27.6. – 14.9.) gezeigte Ausstellung „Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit“ hat dieses Bild zum Leitmotiv genommen und als Frontispiz zur ersten Abbildung ihres Katalogs benutzt.[2] Die Initiatoren der Ausstellung und Direktoren der beteiligten Museen, Max Hollein und Chris Dercon, bezeichnen in ihrem gemeinsamen Vorwort das Groteske als „maßgeblichen Modus in der Kunst des 20. Jahrhunderts“ und definieren es als „ein Grenzphänomen, das entweder zur Melancholie und Resignation oder zur Heiterkeit und Frecheit hin ausschlagen kann“. [3] Sie haben ihre Ausstellung als Auswahl jener Kunstwerke verstanden, „die die positiv besetzten witzigen Eigenschaften an den Tag legen“ und „die einen gewissen kühnen, mutigen, ungezähmten Humor bezeugen. Gerade eine solche freche Haltung ist ein Kennzeichen des Grotesk-Komischen“.[4] Dementsprechend haben sie Klingers Gemälde unter dem komisch verharmlosenden Titel „Der pinkelnde Tod“ ausgestellt.[5] Als Klinger dieses Bild, „eine Ikone des Grotesken“[6], 1881 malte, gab er ihm den durchaus unkomischen Titel „Tod am Wasser“. Das Sujet des mit beiden Händen sein imaginäres Geschlechtsteil haltenden und ins Wasser urinierenden Todes war damals ein Tabubruch sondersgleichen, der das Gemälde von jeder öffentlichen Präsentation ausschloss. Dass es mit einiger Wahrscheinlich das Erlebnis des jungen Künstlers verarbeitet, sich mit einer Geschlechtskrankheit infiziert gehabt zu haben, teilt ihm einen existenziellen Ernst ganz eigener Art mit. Die Bildidee, dass der Tod seinen Urin ins Wasser abschlägt, hat allemal einen beunruhigenden Beigeschmack von bedrohlicher Brunnenvergiftung, zumal der aus dem Nichts kommende und folglich auch durch nichts gespeiste Urinstrahl folgerichtig als ein endloser Vorgang vorstellbar ist. Hat der auf einer Eiszunge stehende Tod womöglich die Flut, die das Bild zeigt, nicht nur verunreinigt, sondern überhaupt erst erzeugt? Macht uns der Maler mit dem offenen Meereshorizont seines Gemäldes gar zu Zeugen einer Sündflut, einer globalen Brunnenvergiftung, eines unaufhaltsamen Weltuntergangs?


All das erörtert Bernd Ernsting äußerst detailliert und mit bewundernswerter wissenschaftlicher Gründlichkeit in seinem Beitrag zur Präsentation des Gemäldes im Leipziger Museum der bildenden Künste.[7] Dort ist auch die noch immer nicht ganz lückenlose Provenienz des Bildes nachzulesen, das Klinger seinem Studienfreund und wahrscheinlich auch Beteiligtem an seinen erotischen Abenteuern während der gemeinsamen Studienzeit in Brüssel, Christian Krogh, nach plausibelster Quellenlage 1883 eingerollt als Geschenk mit nach Norwegen gegeben hat, um es vor der deutschen Öffentlichkeit, die der junge Künstler für sich einzunehmen suchte, sorgfältig zu verbergen. Zu sehen war es dann erstmals 1886, als Krogh es entrollt und aufgezogen als Provokation in die Gefängniszelle des Schriftstellers Hans Jæger hängte, der in Oslo eine zweimonatige Haftstrafe wegen angeblicher Verbreitung von Pornographie absitzen musste, die sich auf seinen Roman „Aus der Christiana-Bohème“ bezog. Nach dieser kurzen, auf die Gefängniszelle und deren Besucher beschränkten Öffentlichkeit verschwand das Bild dann wieder im norwegischen Privatbesitz, wechselte als Kuriosum 1915 ohne viel Aufsehen bei einer Auktion in Oslo in einen bis heute ungeklärten langen Privatbesitz in Wiesbaden, wo es wohl auch erst zu seinem prunkenden Rahmen gekommen ist, bis es dann, nach einem kurzen privaten Zwischenbesitz ebenfalls dort, 1971 in einem renommierten Auktionshaus in Hamburg erneut versteigert wurde. So kam es, dass das Gemälde erst 90 Jahre nach seiner Entstehung in verschiedenen Ausstellungen der Öffentlichkeit bekannt werden konnte, bevor es dann schließlich in die größte Klinger-Sammlung, nämlich in die seiner Geburtsstadt Leipzig, fand. Mit gutem Recht schreibt Bernd Ernsting am Schluss seiner so gründlichen wie eindringlichen Bildanalyse: „Müßig zu fragen, wie Klingers Bild, wäre es nicht sogleich ins Exil und anschließend in die innere Emigration gegangen, innerhalb einer Rezeption durch das frühe 20. Jahrhundert Einfluß nehmen, wie es auf Dadaismus und Surrealismus hätte einwirken können…“[8]
Ob man das Bild „Der Tod am Wasser“ eher heiter und frech, vielmehr beklemmend ernst oder auch beides zugleich finden mag, entscheiden eher seine Betrachter und deren Wissensstand als das Kunstwerk selbst. Seine groteske Qualität lädt zum einen wie zum anderen ein. Unbestreitbar ist hingegen das falsche Zugleich seiner Vermittlungsweise: Die Teilhabe des versinnbildlichten Todes am primären Lebensprozess des Stoffwechsels ist eine groteske Erfindung par excellence. Als bedrohliche Einmischung in unser aller Stoffwechsel über die Verunreinigung des Wassers schlägt der Spaß ins Albtraumhafte um. Dämonisch wäre dafür dennoch die falsche Kategorie und karnevalesk nicht minder unangemessen.


Peter Christian Hall
Textauszug mit freundlicher Erlaubnis von Autor und Verlag aus: Grotesk. Der Vermittlungsmodus ‚falsches Zugleich‘. Textem Verlag, Hamburg 2019. 380 Seiten, 16 Euro.


[1] Heute im Museum der bildenden Künste Leipzig
[2] Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit. Hrsg. von Pamela Kort. München Berlin London New York 2003.
[3] Ebd. S. 7.
[4] Ebd. S. 7.
[5] Ebd. S. 38, /Kat. 27.
[6] So Hans-Werner Schmidt bei der Präsentation der Neuerwerbung für das Leipziger Museum am 3. März 2010, zitiert nach PATRIMONIA Heft 348 (2010), S. 26.
[7] „Gemäß den Regeln der Kunst – Wider den guten Geschmack. Max Klingers Tod am Wasser zwischen Physiologie und Philosophie.“ In PATRIMIONIA 348, S. 148-159.
[8] Ebd. S. 129.


Peter Christian Hall, geboren 1940, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Tübingen und Zürich. Er war Nachrichtenredakteur beim Süddeutschen Rundfunk, Redakteur der legendären Zeitschrift medium – zusammen mit Alf Mayer – und stellvertretender Chefredakteur beim Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Er veröffentlicht Aufsätze in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Zuletzt besorgte er Ausstellung und Katalog zu Delphine in Offenbach über den Illustrator Marcus Behmer.

CulturMag, 5. AUGUST 2019

 

 

 

Renaissance der Kritischen Theorie


Adorno/Hirsch Über Michael Hirschs Essay „Richtig Falsch – Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“, in dem der Philosoph ein Ende des Weiterwurstelns postuliert

Jamal Tuschick, der Freitag Community?

https://www.freitag.de/autoren/jamal-tuschick/renaissance-der-kritischen-theorie


„Die Zeit arbeitet für Adorno.“


Das stellt Michael Hirsch in seinem Essay „Richtig Falsch“ fest. Die Einlassungen verschriftlichen ein - dunkle Ecken nicht aussparendes - Nachdenken über die richtige Lebensweise. Richtig ist für Hirsch ein linkes und herausforderndes Projekt im Rahmen eines (auch von linkem Neoliberalismus heiß gemachten) „entzivilisierten Wettbewerbs“.


Ich kann Ihnen nur raten, das Buch zu lesen. Seit Tagen führe ich mir den Hirsch zu und lese das Andere nebenher. Genau beschreibt Hirsch, wie wir die äußeren Zwänge, die unsere Vorgänger*innen in steilen Hierarchien hielten und ihnen ihre Stellung im Gefüge ständig (auch zu ihrer Entlastung) veranschaulichten, nach innen verlegt haben; so dass wir uns selbst die Befehle geben: „im Modus … der Selbstverwertung, Selbstaktivierung und Selbstvermarktung“, getrieben von unserem „unternehmerischen Selbst“ (Ulrich Bröckling). In unserer Lage dienen alle „sozialen Kooperationsbeziehungen“ der Selbsterhaltung. Es gibt keine „Exit-Optionen“.


Hirsch widerspricht Adornos Apodiktum Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Richtig zu leben: das entspräche unter allen Umständen einer ethischen Notwendigkeit, der alle nach ihren Kräften nachkämen. Man könne sich davon nicht verabschieden. Hirsch interessiert zumal das richtige Leben im Kontext des progressiven Denkens. Insofern hat der Text Manifestcharakter:


„In Zukunft wird es darum gehen, dass eine bürgerliche Linke Macht für sich beansprucht und sagt, was sie will und was sie nicht will.“


Diese Macht hat, so Hirsch, Feinde, die sie nicht einfach nur als Wettbewerber*innen am Markt begreifen darf. Hirsch konfrontiert sich und den Leser „mit dem, was sich die Menschheit hat antun müssen, bis das männliche, zweckgerichtete Selbst entstand“. Siehe „Dialektik der Aufklärung“.


Darum geht es dem politischen Philosophen nicht zuletzt. Er klärt die Fronten zwischen offensiven Selbstoptimierern (Killer-Boomer), die dem Schlechten mit allem, was sie haben und sind (mit ihrem wildesten Willen) Vorschub leisten, und den linken Projektteilnehmer*innen aka progressiven Denker*innen.
Die Zeit habe die Kritische Theorie bestätigt. Diese Theorie erlaube es, zwischen richtig und falsch klar zu unterscheiden. Sie zeige, „dass der Diskurs der Krise“ nur einer Legitimation des Weiterwurstelns diene. „Eine gespenstische Kleinmütigkeit, ein überwältigender Konservatismus, beherrscht die (von Furcht gebannten) Geister.“


Hier noch einmal Hirsch/Thaler


Versunkene Kosten


„Die Signatur unserer Gegenwart“ ist der Traum vom Weiterwursteln. Das behauptet Michael Hirsch, und ich kann nicht erkennen, dass Richard Thaler etwas anderes behauptet.


Lange ging die Volkswirtschaftslehre von einem Ideal rationalen Verhaltens aus. Richard Thaler bezeichnet den Prototypen der Vernunft Econ. Diese Figur entspricht der Fiktion des Homo oeconomicus.


Richard Thaler, „Misbehaving. Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät“, aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, Siedler, 510 Seiten, 28,-


Econs finden es besser, mehr als weniger Optionen zu haben; während richtige Menschen froh sind, wenn die Schüssel mit den Cashew-Nüssen, die vor einem Abendessen mit Freunden als symbolische Vorspeise auf den Tisch kommt, um sogleich dem heftigsten Zuspruch ausgesetzt zu sein, schnell wieder abgeräumt wird. Es erleichtert die Gesellschaft, einer Versuchung nicht länger ausgesetzt zu sein. Sie goutiert die autoritäre Intervention (in diesem Fall) des Hausherrn.


Thaler führt Dutzende Beispiele für unvernünftiges und in seinem Fach Jahrzehnte übersehenen Verhalten an. So beherzigen Probanden eher selten das ökonomische Diktum, „versunkene Kosten zu ignorieren“. Offenbar widerspricht es einem Grundbedürfnis, bereits erbrachte Leistungen mit einem positiven Ergebnis verknüpfen zu können. Mich interessiert das besonders, weil versunkene Kosten beinah das Hauptthema jener sind, die mich als Ghostwriter engagieren.


Jeder, der eine Geschichte hat, kann sie erzählen.


Das ist die Quintessenz meiner Erfahrung. Ihr wird widersprochen von Leuten, die sich ihre vermeintlich eigene Geschichte von einem Profi erzählen lassen wollen. In der Regel haben sie etwas Schlimmes erlebt und das soll nicht umsonst gewesen sein. Sie streben eine Amortisation versunkener Kosten an, so wie sie ein Desaster dem Normalverlauf ihrer Existenz einzuverleiben versuchen, anstatt es abzuspalten.


Sie missachten einen Hauptsatz des Lebens: Weg mit Schaden. Oder: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Es geht nur „um den guten Gebrauch der Zeit“, die uns bleibt. (Thierry de Duve, zitiert nach Michael Hirsch, („Richtig, Falsch“)


Dem Titel-Aplomb zum Trotz umkreist Hirsch Adornos Apodiktum Es gibt kein richtiges Leben im falschen mit äußerster Sorgfalt. Er arrondiert die Umgebung und erklärt, worauf es ankommt. Nämlich auf ein gutes Leben als ethische Leistung unter allen Umständen.


In der ursprünglichen Fassung der Fundstelle heißt es: Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben. Hirsch reagiert beinah noch stärker auf die idiosynkratischere Fassung.


*

„Die Signatur unserer Gegenwart“ ist der Traum vom Weiterwursteln. Das stellt Hirsch in einem überwältigend klugen Essay fest. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal etwas so Erhellendes gelesen habe. Hirsch zitiert Walter Benjamin, der im Jetzt der 1920er Jahre die Katastrophe sah, die andere erst der Zukunft zuschrieben. Während Benjamin hoffte, dass mit der Gegenwart die Katastrophe vergehen könne, hoffen wir auf eine möglichst breite, der Zukunft die Wege verstellende Gegenwart. Wir wollen weiterwursteln. Das behauptet Hirsch. Er spricht von einem „konservativen Traum“.


Benjamins hellsichtige Perspektive wirkt wie eine Halluzination, bis man sich klar macht, wie solide gemauert der Aufbau ist. Ein Allgemeinplatz der Resilienzforschung geht genauso: Nicht erst das Burnout ist die Krise. Die Krise ist bereits das, was zum Burnout führt.


*

Der Autor beobachtet eine Rückbildung der Gesellschaft und zugleich ein rigoroses Krisenmanagement der Eliten, die ihre Positionen im neoliberalen Furor eingenommen haben. Wir leben in einer Welt der Abwandlungen und Wiederholungen. In dieser Welt sind Lebensstile Montagen. Gleichwohl rät Hirsch zumindest seiner Klasse, den Intellektuellen, zum unverzagten Weitermachen im Geist politischer Tugendhaftigkeit.


Michael Hirsch, „Richtig Falsch – Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“, Textem Verlag, 190 Seiten, 16,-

 

 

Literaturfunk

Achim Stegmüller: Zerstreuung, Erzählung, Taschenbuch, 154 Seiten, 978-3-86485-181-0, 14 Euro

 

Jan Kuhlbrodt, Samstag, 06.04.2019

 

 

Zu Achim Stegmüllers Zerstreuung

 

„Manchmal werden die Geräusche der Zikaden im Sommer so laut, dass das, was wir im Unterrichtsraum sagen, kaum noch zu hören ist.“

Zerstreutheit ist ein eingeführter Topos in der Kunst und Literaturgeschichte. Das zerstreute Subjekt, dass aufgrund seiner überbordenden Wahrnehmungen und Gedanken sich in der Welt verirrt und clownesk sich verheddert, immer wieder über die eigenen Füße stolpert, oder wegen der heran fliegenden Eindrücke und Gedanken vergisst, was konkret und augenblicklich zu tun ist, Salz mit Zucker verwechselt und den Tee dann dennoch kalt werden lässt, weil seine Aufmerksamkeit plötzlich von einem Vogelschwarm vor einer grotesken Wolkenformation abgelenkt wird. Zerstreutheit als Eigenschaft. Diese Zerstreutheit aber ist es nicht, die Achim Stegmüller meint. Es geht hier um reale Subjektauflösung. Das Feste geht wirklich verloren, nicht nur einem fahrigen wirren Professor, sondern es löst sich auf und zerstreut sich. Die Welt wird zum Kaleidoskop.

 

In der vorliegenden Erzählung, die jüngst im Textem Verlag erschienen ist, zeigt sie sich in 74 kleine Teile aus Situationsbeschreibungen, Erinnerungen, Reflexionen und Zitaten zersplittert.

 

Der Autor Achim Stegmüller selbst ist ein Wanderer zwischen den Welten, zumindest zwischen der japanischen und der deutschen, konkret wandert er zwischen der Kaiserstadt Kyoto und einem der vielen pfälzischen Orte mit Namen Rot hin und her.

 

Das klingt nach großer Welt und kleiner Welt, aber eine derartige Hierarchisierung ließe der Autor wahrscheinlich nicht zu, denn er findet im Großen das Kleine und umgekehrt, oder er findet es nicht, so wie der Protagonist des Textes nach einem Umzug in ein relativ neues Gebäude den Mülleimer nicht findet und bei der Suche nach einem Ablageplatz, den Müll im Rucksack, zunächst auch keinen öffentlichen im Park.

 

Man kann Stegmüllers Erzählung als einen Kommentar zur Globalisierung lesen, aber nicht hinsichtlich einer Globalisierungskritik. Vielmehr dahingehend, dass sich ein Subjekt in einer globalisierten Welt auflöst, zerstreut eben, diese Auflösung aber einen doppelten Effekt hat. Lustvoll und verwirrend zugleich. Zum Einen geht der Protagonist sich verloren, verliert seine festgefügte Identität. Das könnte man als dramatisch beschreiben, es enthält zum Anderen aber auch ein befreiendes Element, denn es ermöglicht Begegnungen, Begegnungen mit dem Fremden, aber auch Selbstbegegnung. Und bei beiden kann man ins Staunen und Wundern geraten. Geschichten und Geschichte schieben sich ineinander und ergeben in neuer Anordnung neue Bilder.

 

Der Erzähler wandert zudem zwischen den Sprachen, denn er unterrichtet Deutsch an einer japanischen Universität, und in dem Maße, wie er sein Deutsch weitergibt, erlernt er die japanische Sprache. Das ergibt eine doppelte Fremdheit, denn die Sprache in die man hineingeboren und hinein gewachsen ist, verliert in dem Moment, da man sie an Schüler vermittelt, die mit einer anderen Sprache kultiviert sind, ihre naturwüchsige Unmittelbarkeit; sie wird beschreibbare und betrachtbare Struktur. Das entbirgt eine doppelte Fremdheit. Hier ermöglicht die Konfrontation mit dem Fremden eine Begegnung mit sich selbst. Das kann lustvoll sein, aber auch schwierig. In jedem Fall aber ist es spannend und interessant.

 

 

 

 

Berliner Gazette

12. 7. 2019

Kilian Jörg

 

Heteronormativität herausfordern: Was bedeutet es, ein queerer Hetero zu sein?

 

Heteronormativität ist eine Weltanschauung, die Heterosexualität als soziale Norm setzt. Die Queer-Bewegung setzt dieser vermeintlichen Norm alle erdenklichen Abweichungen entgegen. Können Männer, die nicht schwul, Frauen, die nicht lesbisch sind, auch Teil dieser widerständischen Bewegung sein? Queere Heteros also? Der Philosoph und Berliner Gazette-Autor Kilian Jörg unternimmt eine Bestandsaufnahme.

 

 

Larissa Kunert hat in ihrer sehr einfühlsamen und pointierten Kritik unserer (Jorinde Schulz und ich) Clubmaschine (Textem 2018) die darin befindliche begriffliche Neuschöpfung der „queeren Heteros“ als „irritierend“ bezeichnet. Ehrlich gesagt, ist dieser Begriff eher intuitiv als überlegt entstanden und so begann ich erst in den Tagen danach zu reflektieren und geistig auszuformulieren, was mir (und uns) vielleicht am Begriff „queere Heteros“ gelegen ist.

 

So sensibilisiert, ist mir in Tischgesprächen und anderen Diskussionen eine seltsame Spannung zwischen den Kategorien hetero und queer aufgefallen. Wo manchmal instinktiv unüberbrückbare Differenzen angenommen werden, möchte ich diese energetisch in Bewegung und Dialog setzen – Irritation als Treibkraft des Denkens nützen! Diese Antwort ist inspiriert von einer sehr gelungenen Kritik und möchte einen fragenden Dialog starten.

 

Ich neige dazu, mich selbst als queeren Hetero zu bezeichnen: ich trage gerne Nagellack und Schminke und finde nichts abturnender als Heteronormativität. Meine prägenden Jahre und sozialen Kontakte kommen vielfach aus Schwulenszenen. Auch viele der Paare, die ich am inspirierendsten finde, sind queer. Zwar verstehe (und lebe) ich mich als bisexuell, finde aber mehr und mehr über mich heraus, dass ich tendenziell eher heterosexuell gepolt bin: also das ich mich öfters vom anderen Geschlecht angezogen fühle als von meinem eigenen (ich bleibe mal in dieser Binarität).

 

Was es bedeutet ein queerer Hetero zu sein

In den progressiven Blasen, in denen ich mich bewege und die mich nähren, kommt es mir fast verstohlen vor, mich als Hetero zu erkennen. Wie vereine ich die Einsicht, als weißer, privilegierter Mann eher auf Frauen zu stehen mit dem tiefen Wunsch die heteronormativen, binären Pfeiler, auf denen sich unsere marode, zerstörerische Kultur errichtet hat, weiter abzutragen? Bin ich unwillens zum Feind übergelaufen? Mir scheint es fast peinlich, aber doch: ich bin heterosexuell (großteils).

 

Ein queerer Hetero zu sein bedeutet für mich also folgendes: zu affirmieren, dass das ganze Universum (wie es Karen Barad anhand der Bohr‘schen Quantenphysik zeigt) queer ist und jeder Mensch zumindest bi (wie es Butler klar unter Rekursion auf Freud‘sche Psychoanalyse demonstriert). Die sexuelle Orientierung, in die man dann im Laufe der Jahre findet (und die sich freilich immer weiter entfalten und verändern kann), ist also immer kontingent, also ein bisschen zufällig gewachsen: egal ob ich mich als homo-, trans-, inter- oder eben heterosexuell finde, ist das immer queer und nie einer Essenz oder Notwendigkeit entsprechend.

Queere Heteros wissen das von sich und bejahen es. Sie setzen die eigene sexuelle Orientierung nicht mehr explizit (durch Gesetze, Forderungen, etc.) oder implizit (Sprachgebrauch, Konventionen, Körperhaltung, etc.) als richtige Norm, von der alles andere eine Abweichung wäre, sondern erkennen das ihre eigene Sexualität eine von vielen gleichwertigen Umgängen mit einem wunderbar queeren Universum ist.

 

Staunen über die queerness der Welt

Auch wenn in Zeiten der clubkulturellen und neoliberalen Verwertungsmaschinen auch queer zu einer Art Kategorie wurde (Nike hat z.B. eine Reihe für queers), behält queer immer auch den originalen Impetus der Unterwanderung und Resistenz gegenüber jeglicher Kategorisierung in sich. In dieser Spannung zwischen Kategorie und Nicht-Kategorie liegt seine Kraft.

 

Wenn wir queer als Kategorie von hetero unterscheiden, riskieren wir dabei, eine Norm zu reproduzieren, die queer eigentlich unterlaufen und auflösen will: dann wären auf der einen Seite die queeren und auf der anderen Seite eben die majoritären Heteros. Queer wäre dann immer noch eine Abweichung von der Norm. Wenn aber auch Heteros queer sein können (und nicht Queere hetero, wie es die Forderung eines jeden Konservativen Umerziehungspfarrer wäre), dann wird queerness zu eigentlichen Hauptkategorie.

 

So wie die Erde und das Universum sind dann auch wir alle queer. Sich von dieser universal queerness in eine heteronormative Heterosexualität zu flüchten ist das Hauptcharakteristikum unserer christlich geprägten, kapitalistischen Gesellschaft, welche die Erde mit ihren starren Kategorien aussaugt und auslaugt. Queere Heterosexualität wäre dazu entgegen gestellt, mit seiner sich als eher hetero herausstellenden sexuellen Orientierung umzugehen, ohne dieses furchtbare kulturelle Erbe weiter zu reproduzieren.

 

Queer heißt in seiner ursprünglichen, englischen Wortbedeutung: „seltsam, komisch, sonderbar, verrückt“. Wenn wir uns das Universum mal außerhalb der normierten Autostraßen ansehen, ist es ziemlich genau das: verrückt, seltsam, komisch, sonderbar. Das Staunen über die queerness der Welt muss gar nicht bei der Sexualität beginnen, kann diese aber auch beinhalten – egal was einen dann anzieht.

 

Shaming und weirde Blicke

Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mich hier auf einem sehr schwierigen diskursiven Feld bewege. Leicht kann man mir cultural appropriation und ästhetisches Handpflücken aus der Position eines extrem Privilegierten vorwerfen: „For someone who is homosexual and queer, a straight person identifying as queer can feel like choosing to appropriate the good bits, the cultural and political cache, the clothes and the sound of gay culture, without the laugh riot of gay-bashing, teen shame, adult shame, shame-shame, and the internalized homophobia of lived gay experience.” (Dora Mortimer)

 

Ich verstehe diese problematische Lage der queer Heterosexuality und habe nicht im geringsten die Absicht, die Diskriminierungen, die queeren Personen widerfahren, zu schmälern oder zu leugnen. Ehrlich gesagt kommen mir die oben angeführten negativen Seiten der queerness alle auch vom eigenen Leib aus bekannt vor. Als geschminkter Mann in der Ubahn begegnen einem Shaming und weirde Blicke, die Leute folgen einem nicht ins Bett oder den Darkroom und begnügen sich mit den ersten Eindruck, der bei mir sehr oft jener eines „queers“ ist.

Die internalisierte Homophobie ist auch für straight leaning queers ein Problem, so lange sie sich nicht hinter der verlogenen Heteronormativität verstecken. Ich fühle mich auch zu Männern hingezogen und möchte diesem nachgehen, diesen essenziell bisexuellen Teil in mir bejahen können. Dagegen stellt sich so einiges in meiner Erziehung, die man langsam abbauen muss.

 

Empathie als notwendige Bedingung eines Wandels

Wenn man Sexualität nicht heteronormativ als reproduktive Aktivität mit klaren Ziel (Baby) zwischen zwei binären Parts begreift, dann ist sie immer ein Prozess: sie kann über die Jahre (in meinem Fall) von mehr gay leaning, über asexuelle Phasen hin zu bi- oder gar Heterosexualität führen, ohne jemals ihren definitiven Charakter erreicht zu haben. Queer verstandene Sexualität folgt dem sich stets auf der Erde wandelnden, multiplen Begehren ohne je eine straighte Form einzunehmen!

Mit Sicherheit sind diese negativen Affekte, die mir als weißem Mann puncto queerness entgegen kommen, geringer als für viele andere. Doch ich kann sie auch nachvollziehen. Und aus der Fähigkeit des Mitfühlens entsteht Empathie als notwendige Bedingung eines Wandels zu einer nicht mehr so verdammt heteronormativen Welt.

 

Sogar noch viel mehr: das eigentliche Wesen (ich spreche hier in einem strategischen Essentialismus) der Welt ist queerness in seiner ursprünglichen wie gegenwärtigen Wortbedeutung. Wenn man gerade eine heterosexuelle Phase durchmacht läuft man – aufgrund der großen Heteronormativität, zu der uns die majoritäre Welt allernorts verführen möchte – Gefahr, diese Wesentlichkeit zu verlieren: sich von der queerness der Welt zu entfremden und damit ein öko-soziales Problem zu werden. Queers lead the way!

 

Nicht verwechseln: Heterosexualität und Heteronormativität

Heterosexualität wird oftmals verwechselt oder synonymisiert mit Heteronormativität. Hierin sehe ich eine Gefahr, denn die beiden sind grundverschieden. Heterosexualität heißt, dass man in diesem queeren Universum jetzt gerade mehr mit Wesen des anderen „biologischen Geschlechts“ derselben Spezies sexuell ist. Heteronormativität bedeutet zu behaupten, dass dies alles andere als queer ist, sondern die Norm, die für alle (implizit oder explizit gefordert) gelten soll.

 

Wenn wir die beiden synonymisieren, laufen wir durch diese Verwechslung Gefahr, Heteronormativität negativ zu bestätigen. Dann ist queerness tatsächlich leicht die Abweichung von der Norm (und die Norm bleibt die Norm). Wenn wir diese Norm aus ökologischer, sozialer, kultureller wie gender-studies Perspektive allerdings als schädlich und katastrophal erkennen, ist die Norm eine Abweichung vom Universum, die wir heilen können und müssen.

 

Wenn wir uns also wieder mit dem Universum und der Erde verschwestern und -söhnen wollen, dann können uns die queers den Weg weisen – denn sie kennen die wunderbare weirde Wirklichkeit und wissen mit ihr umzugehen.

 

 

 

 

Weltroman



„Der Weltroman von Tanja Schwarz ist nur als E-Book erhältlich, mag sein, dass sich kein Printverlag dafür gefunden hat. Und E-Books haben es schwer, einen Weg in die Feuilletons zu finden. Aber dieser Umstand hat auch seine Bedeutung, räumt gerade dieses E-Book doch mit einigen Momenten europäischer Gemütlichkeit auf.“
So begann ich vor einigen Jahren die Besprechung eines Buches, das nun (endlich) auch im Print vorliegt. Ich sage das nicht, weil ich prinzipiell etwas gegen E-Books einzuwenden habe, ich lese sie ja und sie erleichtern mir das Reisen, aber ich habe die Befürchtung, dass Produkte im Print immer noch eine breitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und eine breitere Aufmerksamkeit wünsche ich diesem Roman, der in der Welt spielt, in der heutigen Welt, deren Probleme sich lang schon jenseits aller nationalen Grenzen (auch der Kontinentalen, liebe Europäer) konstituieren, denn die Neuzeit begann mit der Entdeckung Amerikas für die Europäer, und deren krakenhaftem Aufstieg.
Was wir uns also so zusammenfischten, begegnet uns heute als globalisierte Welt, in der natürlich die verschiedensten Akteure hinzutreten und die von einer Krise in die andere stolpert.
"Nachdem am Morgen der Geiselnahme die Maschinen stundenlang still standen, und das Schiff unter stechender Sonne dahintrieb, ging es am Nachmittag weiter."
Das ist ein Satz des Romans, der natürlich nicht als allegorischer gemeint ist. Er stammt aus der Beschreibung einer Szene, einer Geiselnahme vor der Küste Somalias, aber man könnte diese Beschreibung als Allegorie lesen, oder als Beleg, dass sich der Irrsinn des Großen in den kleineren Begebenheiten abbildet. Der Roman aber bleibt eng bei seinen Protagonisten und ergeht sich nicht in belehrender Reflexion. Er ist eher ein spannender Abenteuerroman, der das Danken des Lesers im Fortgang anheizt. Spannend! Weil eng an die Schicksale der Protagonisten geknüpft.
Der Roman erschien als E-Book kurz nach der Finanzkrise, der die von uns so bezeichnete Flüchtlingskrise folgte, und hinter alldem dräut eine allgemeine ökologische Krise, deren Auswirkungen auch hier langsam sichtbar werden. Einerseits haben wir also eine globale Vereinheitlichung und andererseits eine wachsende Unübersichtlichkeit, was das Navigieren auf diesem politischen Planeten nicht gerade vereinfacht. Das ist ein Momentum, dass sich in der Covergestaltung des Buches auf grandiose Art wiederfindet. Im globalen Wirrwarr verlieren sich die Schicksale. Die Schicksalsträger suchen halt in zum Teil archaischen Ritualen.
„Er versucht also im sich einschwärzenden Dämmerlicht zu beten, um die richtige Art Liebe, den Gott für großes ausersehen hat.“
Im Weltroman von Tania Schwarz treffen wir also auf Protagonisten aus verschiedenen Zipfeln der Welt und begleiten Sie ein Stück ihres Weges und durchstreifen Gegenden vom entvölkerten Brandenburg bis in die Megacities Asiens und Afrikas. Es ist also jetzt auf Papier als Forumbuch #2 der Forum Hamburger Autoren in Textem Verlag erhältlich.
Es gibt wenige Autorinnen und Autoren, die sich den Phänomenen der Globalisierung auf diese Weise stellen wie Tanja Schwarz. Und sprachlich ist das Buch eine Wucht.

Jan Kuhlbrodt, 29.04.2019


https://www.piqd.de/literatenfunk/weltroman?r=homepage

 

 

 

AM ERKER Nr. 77, 2019

 

An einem trüben Maimorgen saß der ehemalige Literaturkritiker Fritz Müller-Zech im Bademantel vor einem elektrischen Heizöfchen. Missmutig starrte er auf seine in dicken Wollsocken steckenden Füsse. Es fiel ihm sichtlich schwer, seinen Blick auf den Bildschirm des tragbaren Kleincomputers, den er auf seinen Oberschenkeln platziert hatte, zu richten. Gerade hatte er sich entschieden, seine Kolumne dieses Mal in der dritten Person zu verfassen. Doch die Hoffnung, dass ihm das Schreiben so leichter von der Hand gehen würde, trog. Dabei war ihm eben noch ein Satz eingefallen, den er unbedingt in seinem Text unterbringen wollte. „Ich habe mehr vergessen, als ich jemals wusste“, dachte er und griff nach einem schmalen Paperback, das sich, keine Ahnung wie, an die Spitze eines Bücherstapels in der Nähe seines Hockers geschmuggelt hatte. Zerstreuung hieß das Bändchen, ein Titel, der dem müden Kritiker wie ein Versprechen vorkam. Denn durch Konzentration seiner Schreibkrise beizukommen, hatte sich als erfolglos erwiesen.

Es handelte sich um autobiografische Prosa des Autors Achim Stegmüller, die mit dem, leichtsinnigerweise auf den Einband gedruckten, Gattungsbegriff „Erzählung“ nur schwer zu fassen ist. Rilke-Gedichte, ein Song von David Bowie und das Schicksal des deutschen Revolutionärs und Weltreisenden Georg Forster spielen ebenso eine Rolle wie japanische Office-Ladys. Und damit ist das thematische Spektrum des Buches noch nicht annähernd erfasst, dessen wunderbar zu lesende 74 Kapitel nur durch das Interesse des Autors an dem, durchaus wörtlich genommenen, Phänomen der Zerstreuung verbunden sind. Achim Stegmüller, der seit langem in Japan lebt und arbeitet, fragt sich, was es bedeutet, wenn ein sinnstiftendes Ganzes abhandenkommt. Dem immer noch frierenden Müller-Zech leuchtet das Problem unmittelbar ein, so sehr, dass er vom Präteritum ins Präsens wechselt. Für jemanden, dessen geistiges Zuhause immer noch aus bedrucktem Papier besteht, ist bereits das erste Kapitel des Buches, in dem drastisch die praktische Verwendung einer Zeitung nach der Lektüre geschildert wird, ebenso erleuchtend wie schockierend.

Am Ende breiten sich die Papierreste „als grauweißer Belag“ auf dem Boden aus, um dann „von einem einfallenden Wind in diese oder jene Richtung geweht“ zu werden. Man könnte allerdings auch, denkt Müller-Zech, die alten Zeitungen einweichen und mit Leim vermischt in eine formbare Masse verwandeln. Pappmaché heißt das Zeug, aus dem sich allerlei Figuren formen lassen. Vielleicht wäre das eine Alternative zum Flugmodellbau. Aber so fix, wie der Gedanke da war, ist er auch schon wieder verschwunden. Müller-Zech verstaut das Zerstreuungsbändchen in der Tasche seines Bademantels und widmet sich dem nächsten Buch.

 

Achim Stegmüller: Zerstreuung. Erzählung.

151 Seiten. Textem. Hamburg 2018. € 14,00

http://www.textem.de/2937.html

 

 

 

SPRINGERIN

Heft 2/2019 - Lektüre

 

Doro Wiese:

F – Faust

Mit Kunst von Anna Lena Grau und Richard Serra (Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden, Bd. 21)

Hamburg (Textem Verlag) 2018 , S. 74 , EUR 16

Text: Sabine Rohlf

 

Eine Faust steht für die Schlagkraft sozialistischer Bewegungen, für körperliche Gewalt, für mehr oder weniger anziehende Politiken, die spätestens seit Ende des Kalten Kriegs der Vergangenheit angehören. Sie wurde in zahllosen Bildern, Skulpturen, Texten zum Sinnbild linker und auch rechter Agitation. Wenn ein Buch F – Faust heißt, dann ist das interessant, aber auch ein wenig irritierend. Wie lässt sich mit diesem Motiv und all dem, wofür es stand oder steht, umgehen?

Doro Wiese, Anglistin und Theoretikerin, die sich schon lange für die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Philosophie und Politik interessiert, richtet diese Frage an Moule (2015), eine Skulptur von Anna Lena Grau. Moule ist die überlebensgroße, begehbare Gussform einer Faust. Manche Menschen brauchen eine ganze Weile, um den Abdruck einer geballten Hand im Inneren wahrzunehmen. Erkannt oder auch nicht, vergrößert und verdreht die Riesenfaustform die zum Klischee erstarrte Figur. Und sie beschert ein eindrückliches sinnliches Erlebnis. Monumentalität, Verwirrung und Leere sind drei Stichworte, die einer im Inneren von Moule (das französische Wort für Form oder Abdruck) in den Sinn kommen können.
Es geht in diesem Buch darum, „formale Eigenschaften von Moule im Besonderen und Kunst im Allgemeinen auf ihre politische Wirkung hin“ zu befragen. Das „methodische Scharnier“, so Doro Wiese, bildet die „Ästhetik“, die „Lehre der sinnlichen Wahrnehmung“. Hier wird also am Beispiel der Faustskulptur ausgearbeitet, was bei der Begegnung mit einem Kunstwerk genau passiert: Die über drei Meter hohe, nach Gips riechende Moule, die Fragen aufwirft (was ist das?) und eine ungewohnte Raumwahrnehmung ermöglicht, dehnt die Zeit, reizt die Sinne ganz anders als zum Beispiel ein Videoclip. Erlebnisse der Dauer und Affizierung werden zu widerständigen Begriffen gegen Aktualitäts- und Informationsdominanz, die die moderne und in besonderem Maße die digitale Medienwelt prägen.
Das Buch arbeitet mit Begriffen von Gilles Deleuze und Félix Guattari, Walter Benjamin, Paul Virilio, Tiziana Terranova, Moira Gatens und Genevieve Lloyd und anderen. Seine Denkschritte sind gut erklärt, es ist zugänglich und genau, eine angenehme Lektüre und nebenbei eine gute Einführung in das Denken von Deleuze und Guattari, mit dem die Verfasserin eine „alte Liebe“, wie sie selbst schreibt, verbindet. Ihre theoriegesättigten Ausführungen wären vielleicht sogar ein bisschen zu schlüssig, würde nicht noch etwas anderes hinzukommen: Es ist ein narrativer Rekurs auf ihre Großeltern, KommunistInnen, die ihre Überzeugung auch nach 1933 lebten und entsprechend verfolgt wurden. Eine widerständige Alltagsgeschichte, in Familienanekdoten überliefert, aber eben auch Teil einer großen, durch NS-Gewalt zerstörten Bewegung, zu der die Faust nicht nur als Plakatmotiv gehörte.
Diese in die Auseinandersetzung mit einer Skulptur eingewobene, persönliche Erzählung hat genau jene Qualität, um die es in dem Buch geht: eben das, was nicht in Information aufgeht, etwas, das sich nicht so leicht, auch nicht in einer noch so klugen Argumentation, still stellen lässt und genau deswegen die LeserInnen bewegt. Und zwar nicht, weil „Biografisches“ anrührt, sondern weil Erzählen oder eben Kunst andere Denk- und Empfindungsräume adressieren, aktivieren, öffnen als ein Theorietext.
Der zweite Teil des Buchs widmet sich Hand Catching Clay, einem Video von Anna Lena Grau aus dem Jahr 2015. Richard Serras Film Hand Catching Lead (1968) variierend, zeigt es eine Hand, die Lehmplatten auffängt und zerdrückt. Grau zeigt das Video stets zusammen mit Moule, was Ausbeutungs- und Widerstandsmotive aufeinander bezieht, aber auch Materialität, Körperlichkeit und konkrete Produktion stärker ins Spiel bringt. Die Analyse der beiden Videos und ihrer Korrespondenzen bzw. Unterschiede ist genauso sorgfältig beobachtet und argumentiert wie der erste Teil des Buchs, aber diesmal gibt es keine Familiengeschichte oder andere Überlieferung bzw. Erzählung. Dafür wird hier stärker als im ersten Teil nach den Bedingungen der Arbeit gefragt, sei es in der Fabrik, im Atelier oder am Computer und nach den damit verbundenen Ausbeutungs- und Wahrnehmungssystemen. Der Schluss zieht dann alle Fäden zusammen und plädiert dafür, Veränderung nicht allein in kämpferischer Entschlossenheit, intellektueller Schärfe oder kreativer, selbstausbeuterischer Höchstleistung, sondern in der Reibung all dessen plus Dauer – sich Zeit nehmen! – zu suchen. Außerdem erinnert er daran, was Hände alles können, außer sich zu ballen.
Wir haben es in F – Faust mit einer künstlerischen, einer theoretischen und einer erzählenden Praxis zu tun. Die drei Dimensionen beantworten in ihrem Zusammenspiel die Ausgangsfrage des Buchs: „Wie lassen sich formale und ästhetische Eigenschaften von Moule sowie politische Einwirkungen auf die Sinne begrifflich fassen?“ Sie lassen sich fassen, und zwar in präzisem Beschreiben und Argumentieren wie hier, aber im Hinblick darauf, dass sie wirksam bleiben sollen, nicht fixieren. Wie sie in Bewegung bleiben, zeigt der Text besonders dann, wenn er einer erzählenden Sprache Raum gibt. Natürlich stellt sich am Ende die Frage, was das alles nicht nur für künstlerische Arbeiten, sondern für Ästhetiken des widerständigen Schreibens bedeuten könnte. Aber das wäre ein anderes Buch.

https://www.springerin.at/2019/2/lektuere/if-fausti/

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Buch »Die Clubmaschine« will das postindustrielle Lebensgefühl der Clubgänger verstehen

 

Im Stroboskoplicht der Erkenntnis

 

Ins Berghain gehen, um das postindustrielle Lebensgefühl zu verstehen: Das Buch »Die Club­maschine« von Kilian Jörg und Jorinde Schulz soll einen Beitrag zur Analyse der Gegenwart leisten.

Von

Larissa Kunert

Spätestens seit dem Plagiatskandal um den Roman »Axolotl Roadkill« von Helene Hegemann im Jahr 2010, der das Berghain zum Schauplatz hatte, sind die Partynächte im skandalumwitterten Berliner Technoclub regelmäßig ein Medienthema. Jetzt haben Kilian Jörg und Jorinde Schulz, Mitglieder des Kollektivs philosophy unbound, ein Buch über das Berghain geschrieben. Der in der Taschenbuch-Reihe »Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden« im Hamburger Textem-Verlag erschienene Band »Die Clubmaschine« ist eine Art philo­sophische Skizze mit dem Anspruch, »aus der Dunkelheit eines Clubs makropolitische Spannungen, Tendenzen und Widersprüche unserer Gesellschaft ans Licht zu bringen, den Untergrund dieser Maschinenliebe zu ergründen und das postindustrielle Lebensgefühl zu verstehen«. Der Text will weder rein fiktiv noch subjektiv und schon gar nicht voyeuristisch sein. Vielmehr ist das Vorhaben der Autoren, die sich selbst als begeisterte Clubgänger bezeichnen, epistemologischer Natur. Die Beschäftigung mit einem der derzeit wichtigsten Clubs soll helfen, die Gegenwart zu verstehen. Amüsanterweise hat dieser Ansatz dem Autorensduo innerhalb der größten Berghain-­Facebook-Gruppe den Vorwurf eingebracht, einen ehernen Grundsatz verletzt zu haben: »What happens in Berghain stays in Berghain«.


Besorgte regulars können jedoch beruhigt sein: »Die Clubmaschine« verrät nicht, was sich mit welchen Leuten im Club zugetragen hat. Eine trocken-präzise Analyse spätkapita­listischer Kulturindustrie, die einem das Ausgehen madig machen will, ist das Buch aber auch nicht. Stattdessen handelt es sich um eine bunte und kurzweilige Montage, die Versatzstücke aus den verschiedensten Text­sorten und philosophischen Schulen zusammenfügt, was zu einem wirklich netten Literaturverzeichnis führt: In DJ-Manier vermischt werden Berichte von Freundinnen und Bekannten der Autoren, E-Mails, Facebook-Kommentare, Exzerpte aus Texten von Rainald Goetz, Tobias Rapp, dem Berghain-Türsteher Sven Marquardt sowie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Friedrich Nietzsche und Gottfried Wilhelm Leibniz.

 

Jörg und Schulz entlarven die Vorstellung von totaler »true­ness«, die auf das Berlin der neunziger Jahre häufig bezogen wird, als Chimäre. Auch schon vor fast 30 Jahren gab es Erscheinungen von Gen­trifizierung und Institutionalisierung von und durch Clubs und Techno­kultur. So fühlten sich etwa Punks und Hausbesetzer aus ihrem Haus in Berlin-Mitte gemobbt, damit dort unter anderem einer der ersten Berliner Clubs, die »Ständige Vertretung«, entstehen konnte.

 

Jörg und Schulz machen keinen Hehl daraus, dass sie voreingenommen sind. Zu Beginn schreiben sie über ihre Herangehensweise: »Uns ­interessiert nicht, die Wahrheit über das Berghain aufzuschreiben. Wir könnten es nicht. Die Auswahl der Perspektiven, die Mischung der Erfahrungen und Themen sind von unseren eigenen Sensibilitäten und blinden Flecken geprägt.« Bisweilen wirkt das recht beliebig, etwa wenn konträre Auffassungen unkommentiert aneinandergereiht werden; manchmal sind nicht einmal Zitate als solche gekennzeichnet. So liest man in einer E-Mail, dass Denken mit Fetischisierung anfange und zu viel Aufgeklärtheit dabei nur stören würde. An anderer Stelle wird das Berghain zur »Sozialplastik« erklärt; der nicht unproblematische Begriff wird umstandslos von Joseph Beuys übernommen. Ein paar Seiten weiter wird aus der »Dialektik der Aufklärung« zitiert, um zu beschreiben, wie das Verhängnis des Individuums von ihm selbst durch seine kultur­industriellen Vergnügungen ideologisch affirmiert wird. Dass sich diese Aussagen widersprechen, scheint für die Autoren kein allzu großes Problem darzustellen, schließlich will man ein vielschichtiges Bild des »Phänomens Berghain« erzeugen. Jörg und Schulz bedienen sich dabei durch­gehend eines postmodernen, diskursiven Schreibstils, der viel mit dem Plural (»Sexualität und Sexualitäten«, »Aufmerksamkeiten«) und zuweilen irritierenden Begriffsschöpfungen wie »queere Heteros« hantiert.

 

Trotz mancher Schwächen lässt sich dem Buch einiges abgewinnen. Ein Topos, der sich durch die Lektüre zieht, ist die Dialektik von innen und außen. Der Club ist eine Institution, die per definitionem nur durch den Mechanismus des Ausschlusses existiert. Tatsächlich ermöglicht der Ausschluss, den das Berghain durch seine »harte Tür« so schamlos zelebriert wie kaum eine andere Institu­tion, sich in seinem Inneren besonders und frei zu fühlen. Fraglich ist ­jedoch, ob völlig berauschter Hedonismus wirklich Freiheit bedeutet und inwiefern Praktiken oder Gefühle, die nur hinter geschlossenen ­Türen erlebt werden, emanzipatorisch genannt werden können. Letzlich beruhen sie auf Ausschlüssen, die nach Coolness-Kriterien erfolgen. Unter Philanthropie stellt man sich schließlich etwas anderes vor, als dass Menschen nach stundenlangem Schlangestehen in der Winterkälte ohne eine Erklärung nach Hause geschickt werden, nur weil sie in den Augen der hippen Feier-Crowd als spießbürgerlich gelten. All das hindert Schulz und Jörg nicht daran, dass Berghain mit Nietzsche zur »ethischen Autorität« hochzustilisieren und zum Maßstab von Stil und Geschmack zu erklären, was umso irritierender ist, als sie selbst feststellen, dass Differenz und Devianz in Zeiten des Spätkapitalismus schon längst keine Bedrohung mehr für die herrschende Ordnung darstellen, sondern sich in den allermeisten Fällen durch rasche Kommodifizierung nahtlos in die Sphäre der Warenzirkulation einfügen. Subkulturelle Codes sagen im zeitgenössischen Kontext eben nur bedingt etwas aus und können von Menschen mit unterschiedlichsten Wertvorstellungen verwendet werden.

 

Ergiebig ist die Lektüre immer dann, wenn historische Konstellationen angesprochen werden. So wird zum Beispiel Leibniz’ vorindustrielle Vorstellung einer monadischen Zukunftsgesellschaft, in der Individuen und Maschinen im Kollektiv zusammenwirken, auf das rhythmische Tanzen zu Maschinenklängen bezogen oder die schwindende Bedeutung des Militärs mit der zunehmenden Popularität endloser und physisch fordernder »Feiermarathons« erklärt. Auch die queere New Yorker Ballroom-Szene aus den achtziger Jahren und ihre rasche Verwertung nach der Logik des Kapitals werden dargestellt.

 

Zudem entlarven Jörg und Schulz die Vorstellung von totaler »true­ness«, die auf das Berlin der neunziger Jahre häufig bezogen wird, als Chimäre. Auch schon vor fast 30 Jahren gab es Erscheinungen von Gen­trifizierung und Institutionalisierung von und durch Clubs und Techno­kultur. So fühlten sich etwa Punks und Hausbesetzer aus ihrem Haus in Berlin-Mitte gemobbt, damit dort unter anderem einer der ersten Berliner Clubs, die »Ständige Vertretung«, entstehen konnte.

 

Die komplementär dazu formulierte These, dass Clubkultur in der ­Gegenwart nicht völlig verloren sei, sondern immer noch widerständige und subversive Potentiale berge, hätte von den Autoren hingegen anders begründet werden müssen als mit dem temporär im Exzess verspürten Glücksrausch und der vagen Beschreibung von auswechselbaren »Subjektivitäten«.

Mehr Entschiedenheit in der Form und weniger Eklektizismus hätten dem Text sicherlich gut getan, wollte man wirklich einen präzisen Beitrag zur Gesellschaftsanalyse leisten. Dies kann freilich ohnehin schwer ge­lingen, wenn man das Berghain (auch) als Kunstwerk begreift und ihm transzendierende Qualitäten zuschreibt. Dafür rauscht das Buch mit hohem Tempo durch die Philosophie- und Stadtgeschichte, fängt Ideen, Stimmungen und Emotionen ein und bietet zumindest für Berghain-Fans und jeden, der schon immer wissen wollte, wie es ist, »einer von denen« zu sein, eine mitreißende Lektüre.

 

Kilian Jörg und Jorinde Schulz: Die Clubmaschine. Textem-Verlag, Berlin 2019, 215 Seiten, 16 Euro

 

 

 

KULTURNEWS MÄRZ 2019

 

Lasse Eskold Nehren: DISTINKTION JUCHEI

Aufzeichnungen

Taschenbuch, 192 Seiten, 14 Euro 

Textem Verlag 2019

ISBN: 978-386485-219-0

 

 

 

TRANSATLANTISCHER KULTURTRANSFER



Niels Penke


Die Suche nach Ursprüngen und Ausgangspunkten beschäftigt viele Kulturwissenschaftler*innen, wenn es um Dinge geht, die so selbstverständlich in die Welt getreten sind wie Phänomene populärer Kultur. Unversehens sind sie da, und oft auch nicht mehr allein. Denn was weiterreichende Beachtung gefunden hat, ist bereits in Rezeption übergegangen, verändert sich, schreibt sich fort, geht in Serie. Die Anfänge und Ursprünge geraten darüber schnell in Vergessenheit.
Christian Huck, der bereits 2007 den viel beachteten Band »Das Populäre der Gesellschaft« zum Verhältnis von Systemtheorie und Populärkultur herausgegeben hat, unternimmt in seinem neuen Buch »Wie die Populärkultur nach Deutschland kam« eine solche Archäologie. Dabei geht es ihm weniger um eine Begriffs- oder Strukturwandelgeschichte, die das Populäre bereits im 18. Jahrhundert entdecken würde, sondern um den US-amerikanischen Einfluss im 20. Jahrhundert. Es ist das »transatlantische Ereignis«, dem Huck in insgesamt neun Kapiteln, die jeweils abgeschlossene Einzeluntersuchungen darstellen, nachgeht. Andere Einflüsse — aus England, Frankreich oder Italien —treten gegenüber dieser »besonderen« Beeinflussung zurück.
Hucks theoretischer Zugang ist vergleichsweise offen. Er versteht Populärkultur als transgressives Moment, das »den jeweiligen sozialen, ökonomischen, politischen und technologischen Bedingungen ihrer Zeit und ihres Ortes« entspringt, aber »zugleich über diese hinaus[weist]« und »den Alltag in verlockende Angebote verwandelt«. Motor dieser Überschreitungen ist das Neue, daher meist auch Fremde, von dem Faszination und Innovation ausgehen. In diesem Verständnis eröffnet Populärkultur »Möglichkeiten, die über das Gegebene hinausgehen« und vor allem von jenen angenommen werden, »die nicht mit dem Gegebenen zufrieden sind.«
Was nach altbekannten Subversionsthesen klingt, ist es auch dort, wo es um Praktiken geht. Die spezifischen Interessen einer kapitalistisch geregelten Konsumkultur geraten darüber jedoch nicht in Vergessenheit, wie das erste Kapitel zeigt. Dieses nimmt sich der Geschichte der von August Piefo betriebenen Hamburg-Amerika-Bar an, die, ab 1902 mit »American Fancy-Drinks« werbend, als »Sinnbild« für den Import einer neuartigen US-amerikanischen Unterhaltungsform stand. An diesem Sinnbild verdeutlicht Huck sein Verständnis von Populärkultur »im Spannungsfeld einer [...] doppelten Absetzung« von Hochkultur einerseits, Volkskultur andererseits.
Den Unterschied zur Volkskultur kann Huck am Übergang von »Bretterbude« zu »Palast« pointiert herausstellen. Dieser Wandel, der von Beginn an durch kulturkritische Zeitgenossen als Verfall betrachtet und kommentiert wurde, wird aus den Printmedien der Zeit rekonstruiert. Bemerkenswert an dieser diskursiven Stimmungslage, die zwischen Tageszeitungen, Theaterprogrammheften und Werbeplakaten erzeugt wird, ist die Bedeutung des Quantitativen. In der zahlenmäßigen Überlegenheit liegt der primäre Unterschied zur Volkskultur alten Schlages. Dieser Unterschied, dieser quantitative Abstand äußert sich etwa in dem auf Dauer gestellten Angebot der »größten Bar Deutschlands«, die »täglich« Konzert und »Restauration ersten Ranges« die »ganze Nacht« hindurch versprach. Zwölf Mixerinnen, die am »Riesenbuffet« eine Vielzahl an damals noch unbekannten Getränken kreierten, trugen ebenfalls dazu bei. Diese Superlative verhießen nicht nur ein »kalkulierbares Vergnügen«, sondern auch eines, das jederzeit, und immer geringfügig neu und anders, möglich war. In die Bar »konnte jeder kommen, zu jeder Zeit.« Mit >jeder< sind jedoch — wie in vielen anderen Bestimmungen des Populären —nicht alle gemeint, sondern vor allem Männer, die es sich leisten können und wollen, sozialkonform aufzutreten. Eine Distinktion nach unten aber, zum »rohen Arbeiter«, der an der Tür abgewiesen wurde, gab es auch hier. Denn allzu gewöhnlich durfte die Bar nicht sein, sie wollte ja eine >besondere< Erfahrung garantieren. Wie dieser soziale Zwischenraum mit Leben gefüllt wurde und welche Neuheiten dazu beitrugen, die Bar zu einem erfolgreichen Format werden zu lassen, führt Huck mit Bezug auf die Verstädterung und ihre Begleiterscheinungen aus. Ungebundene Subjekte (der Junggeselle spielt hier eine zentrale Rolle) konsultierten den Ort, an dem »man nicht ständig an seine gesellschaftliche Stellung und seine individuellen Defizite erinnert wurde.« Diese »inklusive Exklusivität« wird Huck zum Kennzeichen dafür, dass mit der Bar etwas Neues entstand, das sich nicht an der Vergangenheit (und Herkunft) orientiert, sondern an der Gegenwart, am »Zeitgeist«.
Analog dazu zeigt er auf, wie sich mit der Bar auch eine ganz neue Semantik des Raumes herausbildet, die soziale Kontakte »zum Unbekannten hin« öffnet. Dies werde befördert durch das egalitäre Nebeneinander an der Theke, das Hierarchieverhältnisse zwischen den Gästen wie auch das zwischen Gast und Bedienung auf Augenhöhe hebt. »Exklusive Momente gleichwürdiger Zusammenkunft« nennt Huck diese Leistung der Bar, ein Chronotopos, an dem das Neue aufscheint, das schnell andernorts wiederholt und weiterentwickelt wird. Aber er beschreibt nicht nur neue Formen des Umgangs, sondern auch neue Formen des Konsums als unbegrenzte Möglichkeiten, »sich dem Anderen« hinzugeben. Im Zentrum steht dabei der Cocktail als Produkt der Trias aus Alkohol, Zucker und Eis — süß, tasty und cool. Was die Zutaten und die oft exotisierenden Namen angeht, ist der Cocktail ein koloniales, was seine Verbreitung angeht, ein globales Produkt. Vor allem das Eis war zunächst eine Sensation, und als industriell hergestelltes Kunsteis ein Triumph über die Natur, der überall dort auf Anklang stieß, wo es warm war. Durch den Zucker als »imperialistisches-kapitalistisches Gut par excellence« verweisen Cocktails auf einen kolonialen Horizont, der überhaupt im Kontext der Bar deutlich zu erkennen ist.
Auf diesen Horizont wie auch dessen rassistische Implikation verweist Huck in fast allen Kapiteln. Denn das Verhältnis von hegemonialer, nehmender und unterdrückter Seite ist auch im zweiten Kapitel bedeutend, in dem es um die Heldenromanreihen »Buffalo Bill« und »Nick Carter« geht. Huck rekonstruiert auch hier Kontexte (vor allem die von »Volkserziehern« geführte Schunddebatte, die ihre Erziehung durch die Hefte gefährdet sahen) und die sozialen Praktiken (wie die Konsument*innen mit den Erzeugnissen umgingen). Er weist auf einen Umbruch gegenüber dem früheren Kolportage-Vertrieb hin und erkennt ein emanzipatorisches Moment darin, wenn Interessierte »nur zu ihrem eigenen Vergnügen« lesen und nicht das, »was Staat oder Kirche diktierten«. Jugendliche stehen dabei im Fokus, die zwar bereits seit den 1870er Jahren mit Erzählungen von >Cowboys und Indianern< unterhalten wurden, die aber Buffalo Bill insofern übertraf, als er ein wiederkehrender Held war, der immer wieder spannungsverheißende Abenteuer erlebte. Auch im Vergleich zur Wild-West-Show, die als Vorbild diente, sind die Hefte nachhaltiger. Huck zeigt dies an ihrem Vertrieb über den alternativen >Auchbuchhandel<, der die Produkte so billig anbieten konnte, dass jeder Schuljunge »sich den Betrag leicht von seinem Taschengeld abknapsen kann«. Auch hier ist es ein Ortswechsel von der strengen Buchhandlung zum offenen Kiosk, der die Populärkultur erschafft. Mit diesen Vertriebswegen, seiner kurzen Halbwertszeit und der bunten Aufmachung wurde »das Heldenserienheft zum kapitalistischen Produkt par excellence«, weil »Standardisierung und Rationalisierung« um einen »Helden als wiedererkennbaren Markenkern« nicht nur ein Massenpublikum adressierten, sondern dies auch mit beständiger, »industrieller Produktion« versorgten.
Doch gehen »Buffalo Bill« und »Nick Carter« in dieser Lesart von Kulturindustrie nicht auf Huck führt anschaulich aus, wozu der Eigensinn dieser Lektüren geführt hat: Nicht nur, dass die Freiwilligkeit Abweichungen vom Lektüreplan der Schule und den Kanones der Kinder- und Jugendliteratur bedeutete, sie führte auch dazu, dass Hefte gesammelt, getauscht und verliehen wurden, was eindeutig nicht im Sinne der Produzenten war. Dazu ein Held »aus alten, präindustriellen Tagen, der das neue Format mit altbekannten Inhalten füllte« — das mochte für erfahrene Leser*innen wenig Anreiz sein, für die Jugendlichen taugte es, um sich von »ökonomischen und moralischen Bevormundungen« zu emanzipieren. In diesem Zusammenhang thematisiert Huck das Problem der Repräsentation, das in Bezug auf >Indianer< und den >Wilden Westen< historisch nachhaltige Stereotype ausgebildet und gepflegt hat, die ein >gefühltes Wissen< über Geschichte und Ethnien erzeugten.
Mehr als nur Variation des Bestehenden und jugendliche Dissidenz hingegen bedeutet die Erfindung des Saxofons, um das es im dritten Kapitel geht, dem »most popular instrument« der späten 1920er Jahre, das vor allem im Jazz seinen Platz findet. Nach Ort und Vertriebsweg ist es hier eine »Gefühlsstruktur«, die das weichtönende Saxofon von anderen Blasinstrumenten unterscheidet. Partizipation und Zerstreuung, Konzert und Tanz sind die zentralen Themen dieses Kapitels, das abermals überzeugend zeigt, wie das Neue eine Differenz zum Bestehenden schafft, an die neue Praktiken anschließen, die sich neue Orte suchen, während demgegenüber der Bezug zum Konsum stets ähnlich bleibt. Wie »sich eine Populärkultur bildet«, zeigen auch die folgenden Kapitel, die ebenfalls sehr erhellende Passagen über die Detektivgeschichte (Edgar Wallace, »Tom Shark«), die ubiquitäre Jeans, den im Bamberg der 1970er Jahre in Mode kommenden Basketball, den kuriosen Import der US-amerikanischen Western-Serie »Daniel Boone« in die DDR, den 80er-JahreTanzstil des Breakdance sowie abschließend über LAN-Partys enthalten. Die Analysekategorien und dabei zu Tage tretenden Motive wiederholen sich und tragen zur Bestätigung der Annahme bei, dass es bei Phänomenen der Populärkultur um die »alltägliche Auseinandersetzung ums Bewahren und Verbessern, um kreative Freiräume und gemeinschaftlichen Zusammenhalt im Angesicht unfassbarer Realität« geht. Vergnügen steht dabei ebenso im Zentrum (wie dies auch in den Theorien Hans Otto Hügels und Kaspar Maases der Fall ist) wie das Moment der Selbsttätigkeit. Populäre Kultur ist demnach dann und dort gegeben, wenn und wo Menschen neue Erfahrungen machen, die wiederum in neue Praktiken und Performances umgesetzt werden, die vorläufig offen sind, während die industrielle Appropriation und rein kommerziell interessierte Bedienung dieser Bedürfhisse ins Massenkulturelle mündet.
Doch nicht alle der untersuchten und beschriebenen Phänomene gehen in diesen Definitionen auf Ein von der Regierung verfügtes Unterhaltungsformat wie die Ausstrahlung von »Daniel Boone« in der DDR ist etwas anderes als die Straßenkultur des Breakdance oder die »post-semiotische« Jeans. Auch das Verhältnis aller dieser Phänomene zur Hochkultur oder zu >Altem< und >Tradiertem< ist nicht immer dasselbe. Und schließlich bricht sich auch das LAN-Party-Kapitel mit der transatlantischen Narrativstruktur. Es ist unleugbar, dass die Menge der aus den USA stammenden populären Phänomene ebenso wie der lange Zeitraum, Tiber den dies geschieht, alle anderen Einflussbereiche rein quantitativ überwiegt. Doch ist der gemeinsame Nenner aller Einzelbeispiele die mediale Resonanz, die Sichtbarkeit schafft und so Zugang und Teilnahme für andere ermöglicht, die wiederum den neuen Praktiken mehr Gewicht verleihen.
Huck liefert ein breites Panorama, das Lifestyle, Literatur, Musik, Sport, Fernsehen und anderes umfasst, also jene Formationen, die für Populärkultur als konstitutiv angenommen werden. Diese haben mit ihrem ersten Auftauchen neue Praktiken, Vergemeinschaftungsformen und Stile begründet. Das ist in jedem der für sich sehr interessanten Kapitel völlig überzeugend. Aber, und dies weist auf eine Schwäche der theoretischen Basis — oder aber des Titels —hin: Diese Reihe ließe sich noch lange fortsetzen, ohne dass sie jemals befriedigend abzuschließen wäre. Wie bestimmte Phänomene einer als Populärkultur aufgefassten oder aufzufassenden kulturellen Praxis ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, lässt sich so ohne Weiteres zeigen. Aber >die< Populärkultur? Diese ist als Ganzes nur über andere Parameter, z.B. der Quantifizierung, in den Griff zu bekommen. Denn erst eine kritische Masse an Stimmen konnte jene Schwelle überschreiten, die für die Aufmerksamkeit der Massenmedien notwendig war — und erst diese Verbreitung konnte jenen Katalog an Praktiken, Szenegemeinschaften und Stilverbünden nach sich ziehen. Gegen diesen Einwand wären Hucks Ausführungen bereits immunisiert, wenn das Buch etwas bescheidener betitelt wäre. Vielleicht >Wie einige populärkulturelle Phänomene nach Deutschland kamen<. Lesenswert bliebe es allemal. •


Christian Huck: Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert, Hamburg 2018.


POP. Kulturund Kritik. • Heft 13 Herbst 2018 • S. 91-95 • transcript

 

GROOVE 2019

Über das Berghain wird traditionellerweise viel geredet, mehr noch wird darüber geschrieben. Keine Lokalzeitung aus einem Umkreis von gut 300 Kilometern, die nicht schon mal jemanden hingeschickt hat, um zu schreiben, wie es dort ist: in der Schlange, unter dem prüfenden Blick der Selectors an der Tür, beim ersten Betreten des imposanten Berghain-Floors oder im MDMA-befeuerten Laberflash mit fremden Menschen auf dem Balkon über der Panorama Bar. Weil vom Berghain selbst so gut wie nie etwas zu diesem Durcheinander aus Stimmen, Perspektiven und Clickbait-Klatsch beigetragen wird, hat sich ein verwirrendes Diskursgeflecht um den Club ausgebreitet, eine Art Mythos ohne Narrativ. Mit Die Clubmaschine (Berghain) haben Jorinde Schulz und Kilian Jörg aus dem Umkreis des Kollektivs philosophy unbound einen Beitrag zur “Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden”-Serie des Textem Verlags vorgelegt, das sich allein schon dem Titel nach an der Philosophie von Gilles Deleuze und Félix Guattari ausrichtet und dementsprechend, na ja, rhizomatisch geschrieben ist. Es legt Zeugnis davon ab, dass das Berghain mit all seinen negativen und positiven Werten zu einem gesamtgesellschaftlichen Fetisch geworden ist und will genau das zu seinem Gegenstand machen.

 

Schon das Eröffnungskapitel “Methode” beginnt mit einem schwammigen politischen Versprechen: Das Duo möchte untersuchen, was “in Detroit als Underground Resistance gegen strukturelle Diskriminierung begann” und mittlerweile ein durch und durch von Verwertungslogik völlig ergriffenes Business ist, das völlig Mainstream-kompatibel geworden sei. “Devianz und Differenz sind keine Bedrohung mehr, sondern können zum Produkt umgeformt und gewinnbringend abgeschöpft werden”, heißt es zwischendurch über den kapitalistischen Clubrealismus, der in seiner Produktion von Ideologie und nicht zuletzt Kapital untersucht werden soll. Das Berghain ist als “Clubmaschine” ein “wirkungsvoller Hybrid”, eine “Sozialplastik” aus “Sprachen und Symboliken aus allen Ebenen und Zeiten der Technokultur”, in der sich “neue Formen der Funktionalisierung und Maschinisierung von Pop- und Gegenkultur” verdichten. Schreiben zumindest Schulz und Jörg, die allerdings zugleich “keine externe Kritik” am Club üben wollen, sondern nur den Mythos verschriftlichen, ein “Hybrid aus Erzählung und Analyse” schaffen, “das genauso viel Fiktion wie Wahrheit enthält.” Alles geht, nichts muss.

Mit Nietzsche im Berghain

Dementsprechend heterogen ist das Buch geschrieben oder besser gesagt zusammengesetzt, genauer im Theweleit-meets-Meinecke-Style aus montierten Versatzstücken zusammengewerkelt: Prosaische und vermutlich fiktive Passagen wechseln sich mit Copy-and-Paste-Wiedergaben aus dem Berghain gewidmeten Facebook-Gruppen und Zitaten aus der Standardliteratur der Clubgeschichte – Rainald Goetz’ Rave, Tobias Rapps nunmehr zehn Jahre altem Lost and Sound, DJ Sprinkles-Interviews und -Voiceovers – oder den kultur- und kapitalismuskritischen Gassenhauern von Deleuze und Guattari oder Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Dialektik der Aufklärung ab. Diese Vorgehensweise hat einige eindeutige Vorteile (weniger Denk- und Schreibarbeit, ein lebendigeres Textbild) und vielleicht noch mehr Nachteile (gegen den Goetz der Rave-Phase wirkt alle andere Techno-Prosa leichenblass, eigene Gedanken wirken immer höchstens epigonal).

Vor allem aber ist sie gerade wegen der sehr kanonischen Selektion (Nietzsche, Leibniz und Spinoza dürfen auch mal ran) der theoretischen Einschübe ebenso unverfänglich wie die wirr tänzelnden Worte im scheinakademischen Passus zur “Methode” von Schulz und Jörg: Während hier noch das Berghain als straff nach neoliberal organisierten Prinzipien organisierter Club gezeichnet wird, geht es im nächsten Moment schon langatmig darum, wie geil darin doch alles sein kann. Beides mag an sich stimmen, wird aber vermischt und mit prätentiösen Truismen wie “Berghain-Erlebnisse ähneln der Masturbation: Sie fühlen sich unheimlich privat an, sind dabei aber universell und austauschbar” versetzt. Das Resultat ist ein heilloses Durcheinander, das seine unterschwellig schwelende Kritik am “Maschine-Werden” im Berghain, in Berlin und dem globalen kapitalistischen (Sur-)Realismus als Ganzem entweder nicht konkretisieren will oder sie immer wieder aufschiebt. Der etwas nachtreterische Nachtrag zum Buches, das Berghain habe den Demo-Aufruf zu “AfD wegbassen” im Sommer 2018 nicht unterzeichnet, entlarvt dann erst am Ende den eigentlichen Vorwurf: Der Club schafft als apolitischer Raum zwar libertäre Möglichkeiten, fördert aber genauso die neoliberale Entpolitisierung der Subjekte, die ihn durchlaufen.

 

 

 

 

 

 

“Was passiert, wenn das Abweichende cool und konsumierbar ist?”

Auch die Stilmelange hat allerdings ihre charmanten Aspekte. Gerade die lebhaft aus der Egoshooter-Perspektive geschriebenen Rave-Berichte haben nicht selten etwas Mitreißendes. Wer Ähnliches erlebt hat, wird darin gute Erinnerungen wiedererkennen, wer nicht, wird sich danach sehnen. Und letztlich läuft ein erkennbar theoretisch-argumentativer Faden durch das Buch, welcher sich wie im MDMA-High von einem Gedanken zum nächsten labert, immer getrieben von den zentralen Fragen: “Was passiert, wenn man das Paradox zur Maschine macht? Was passiert, wenn das Abweichende cool und konsumierbar ist? Was ist, wenn der Prozess der Aneignung so schnell geschieht, dass er sich nicht mehr vom Abweichen von der Norm unterscheiden lässt?” Die Antwort darauf nur lautet leider, und darin liegt der große performative Widerspruch des Projekts, dass dann schnell Bücher über einen Club wie das Berghain geschrieben werden, die es als “Gesamtkunstwerk (…) mit allen Misstönen gut klingen lassen” wollen, wie noch im “Methoden”-Kapitel gewortwitzelt wird. Als Metonymie für die Beschissenheit unserer schönen neuen Welt werden der Club und das Schreiben darüber gleichermaßen zum Kippspiel.

Die Clubmaschine reiht sich in viel überdehntes Geschreibsel über das Berghain ein und macht es nur insofern besser, als dass es als Buchprojekt das Dilemma aller analytisch-kritischen Betrachtungen von Rave mit all seinen physisch-psychosozialen Erfahrungen und dem Getriebe der dazugehörigen Subkultur oder dem kapitalistischen Realismus als solchem zum Ausdruck bringt: Es lässt sich schwerlich nur von innerhalb drüber sprechen, aber auch nicht rein von außerhalb. Dass es nun einerseits die Kommodifizierung der Clubkultur und sie selbst beziehungsweise des Berghains als Fetisch markiert, bedeutet nur eben nicht, dass es diesem Fetisch nicht anheim fallen würde. Schließlich geht es eben ums Berghain – und nicht um einen anderen Club. Das hält das Buch noch deswegen aus, weil es diesen Widerspruch in jeder erdenklichen Form herausstellt. Es ändert jedoch nichts daran, dass Die Clubmaschine deswegen geradezu zwangsläufig keinen substanziellen Beitrag über einerseits den Berghain-Mythos oder die immer schon vorhandene Vereinnahmung von Clubs durch die Außenwelt vorbringt.

 

Die Clubmaschine (Berghain) von Jorinde Schulz und Kilian Jörg ist im Textem Verlag erschienen.

 

Groove

Kristoffer Cornils -

 

 

 


SPIEGEL ONLINE 2019

 

Bar, Basketball und Breakdance - "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam"

Worum geht's? Christian Huck, an der Uni Kiel Professor für Englische und Amerikanische Kultur- und Medienwissenschaft, interessiert sich dafür, welcher scheinbare Quatsch aus Übersee dann doch von der deutschen Alltagskultur angenommen wird - und welche Mechanismen der Aneignung es dabei gibt. Dafür hat er einige Fallstudien aus dem 20. Jahrhundert betrachtet. Das mag so erst mal arg wissenschaftlich und eher trocken klingen. Ist es aber ganz und gar nicht.

 

Kulturimporte aus den USA: Breakin' in Kiel

Denn zum einen hat er als Beispiele für sein Buch "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam" wirklich reizvolle Geschichten ausgewählt: Wie das Saxofon mit dem Jazz Einzug hielt und welche Bilder von Schwarzen und Frauen es transportierte. Oder warum ausgerechnet in Bamberg Basketball zum Publikumsmagneten wurden. Was es mit dem Boom der LAN-Partys auf sich hatte und wo die mediale Berichterstattung darüber irrte.

Weil Huck darüber fundiert, aber auch mit besonderer Freude am unterhaltsamen Detail schreibt, folgt man ihm auch in zunächst vielleicht entlegen wirkende Forschungsbereiche. Zumal das Buch durchgehend mit vielen tollen historischen Fundstücken illustriert ist.

Die überraschende Erkenntnis: Hätten Sie gedacht, dass für den Breakdance-Boom in den Achtzigerjahren der Auftritt einer Crew im "Aktuellen Sportstudio" mindestens so bedeutsam war wie die großen Hip-Hop-Kinofilme der Epoche?

Was kann man mitnehmen? Gleich zu Beginn zeigt Huck, wie die Bar - als Möbelstück wie als Form der Abendgestaltung - eine Reaktion auf die Veränderungen in der Sozialstruktur war: Viele neue Stadtbewohner ohne Familienanschluss, die sich nicht zu Fremden an den Tisch gesetzt hätten, aber an die Bar gelehnt ins Gespräch kamen. Solche Beobachtungen schärfen den Blick auf Trends der Gegenwart.

 

 

Christian Huck:

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Textem, 320 Seiten, 24 Euro

 

 

www.spiegel.de/kultur/literatur/wie-deutschland-vom-pop-gepraegt-wurde-vier-neue-buecher-im-check-a-1240005.html

 

 

www.spiegel.de/fotostrecke/christian-huck-wie-die-populaerkultur-nach-deutschland-kam-fotostrecke-165399.html

 

 

Christian Huck: Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

Spinoza im Darkroom



(…) Ganz anders beschäftigen sich Kilian Jörg und Jorinde Schulz aus philosophischer Perspektive mit der Clubkultur, genauer der „Clubmaschine“, und noch genauer dem („Berghain“), das sie parenthetisch an den Titel ihres gerade im Textem Verlag erschienenen Buches dranhängen. Philosophie meint in diesem Fall, dass sie Fragen nach Exklusivität, Hirnes und Ekstasen nicht nur mit Anekdoten aus Dancefloor, Darkroom und Apotheke anschieben, sondern mit assoziativer Phantasie an Spinoza, Leibniz und Deleuze weiterreichen. Das tun die beiden Twens mal unterhaltsam, mal bedröhnt, gönnen sich ein bisschen Dancefloor-Überhöhung und Theoriekitsch und erklären Partyexzesse und Geistesblitze wie einst Sigmund Freud zu Feldforschung.

Berliner Zeitung, 8. 1. 2019

 

 

Berghain



Schon der Begriff der Clubmaschine, ein Neologismus von Kilian Jörg und Jorinde Schulz, macht den philosophischen Anspruch dieser Lektüre klar. In Anlehnung an Deleuze und Guattaris Begriff der Kriegsmaschine, einem Freiraum für subversive Kräfte innerhalb eines Territoriums der Macht, wird die Clubmaschine als Freiraum und Auffangbecken subversiver Energie in der Wohlstandsgesellschaft des 21. Jahrhunderts dargestellt. „Durch das transhumane Begehren der maschinellen Entfremdung im Clubraum, verfällt die postindustrielle Gesellschaft dem Clubphänomen, weil sie den Maschinen, die sie verlassen haben, nacheifern wollen,“ so die These von Jörg und Schulz.
Anhand einer Betrachtung des legendären Berliner Clubs Berghain, den sie als Kondensat von Subkultur, masturbatorischem Ereignis und Geldmaschine verstehen, gehen Jörg und Schulz ihrer Behauptung auf den Grund. Das Buch ist ein Hybrid aus Erzählung und philosophischer Analyse. Dabei wechselt die Sprache zwischen Deutsch und Englisch, zwischen Kommentaren aus Facebook-Chats im Jugendslang und sich wiederholenden großgeschriebenen sakralen Phrasen. Durch Erfahrungsberichten aus der Ich-Perspektive wird das Club-Erlebnis inszeniert. Es folgen philosophisch-auktoriale Analysen in eloquenter Sprache. Schulz und Jörg wollen makropolitische Spannungen, Tendenzen und Widersprüche unserer Gesellschaft ermitteln und das post-industrielle Lebensgefühl ergründen.
Daran arbeiten sie sich in acht Kapiteln ab: Methode, Tür, Romantik, Hype, Maschine-Werden, Sozialplastik, Paranoia und Clubmaschine. Von der Vorstellung der Methodik bis hin zum Nachtrag aus erzählender Perspektive und dem Verlassen des Berghains nach der Party, alles folgt einer klaren Dramaturgie. Stilistisch und sprachlich lässt sich aber kein klarer Leitfaden feststellen. Diese Extravaganz ist durchaus spannend, kann die Leser*innen aber auch verwirren.
Die Clubmaschine (Berghain) ist sicherlich kein schwärmerisches Disco-Buch oder der nächste Guide, wie man am besten ins Berghain reinkommt, sondern die gesamtgesellschaftliche Betrachtung eines Phänomens mit philosophisch-tiefgründiger Analyse des post-industriellen Lebensgefühls aus historischer und aktueller Perspektive. Kilian Jörg und Jorinde Schulz schaffen es nicht nur eine Vielfalt von Sichtweisen auf das Berghain aufzuzeigen, sondern auch diese kritisch im soziologischen und philosophischen Diskurs einzuordnen.

Felix Linke

https://blogderjugendkulturen.wordpress.com/2019/01/22/die-clubmaschine-berghain/



Die Clubmaschine (Berghain)
Kilian Jörg & Jorinde Schulz
Die Clubmaschine (Berghain)
Textem Verlag, 2018, 215 S., 16,00 €

 

 

DIE PRESSE 2018

Kilian Jörg: Der Club Berghain ist eine Maschine

 

Der Philosoph und Künstler Kilian Jörg aus Wien blickt hinter eine Berliner Partyinstitution. Origineller Befund über das Berghain.

 

Von Madeleine Napetschnig 

19.12.2018 

 

Einige Wochen in Summe dürfte der Künstler und Philosoph Kilian Jörg während der vergangenen zehn Jahre im Berghain verbracht haben – dem legendären Club in Berlin, dessen Mythos vor allem dadurch befeuert wird, dass kaum nach draußen dringt, was drinnen vorgeht: das Treiben und Dahindriften zwischen Floors und Bars, Techno und House, Drogen und Darkroom.

 

„Eine Sozialplastik, ein Kunstprodukt“, nennt und erklärt der 28-jährige Wiener diese rohe Berliner Partyinstitution in seinem neuen Buch „Die Clubmaschine (Berghain)“, das er gemeinsam mit der Autorin und Aktivistin Jorinde Schulz verfasst und über das er zuletzt auf FM4 bei „Im Sumpf“ gesprochen hat. Dass sich diese quasi exterritoriale Zone, dieser „andere Ort“, dieser „safe space“ zur literarischen Figur eignet, haben nicht nur szeneinteressierte Leser durch Helene Hegemanns Roman „Axolotl Roadkill“ (und Airens Blog) erfahren.

 

Dass ebenso eine philosophische Betrachtung und daraus eine größere gesellschaftliche Erklärung gelingen kann, zeigt Jörg, der mittlerweile an zwei, drei weiteren Büchern zu anderen Fragestellungen schreibt, nebst einer Dissertation über ökologische Vernunft. In Text und Wort erweist er sich als unorthodoxer Analytiker und spannender Erzähler: Philosophie betreibt Jörg nicht in abgehobenen Diskursen, sondern nutzt sie heutig und erfrischend. Kant bis Deleuze auf postindustrieller Partyhöhe.

 

Das Wochenend-Paralleluniversum eröffnet sich für den Berghain-Gast ab Freitag, 23.59 Uhr, und endet, wenn ihn die Clubmaschine Montagmittag wieder in seinen Alltag entlässt. Sofern er überhaupt die erste, größte Hürde, den Türsteher, schafft: „Die Gatekeeper werden quasireligiöse Autoritäten über Szenezugehörigkeit“, erklärt Jörg. Aufnahme und Einlass kommen einer Art Initiation gleich, wobei es lang dauert, überhaupt ein „Regular“ zu werden, ein Stammgast mit „umfassendem Wissen der sozialen Netze und Codes“.

 

Große gelenkte Freiheit

 

Zugleich erzeugt der legendäre Ruf, der dem Berghain vorauseilt und längst durch internationale Partytouristen angereichert wird, ein „Kondensat von Subkultur“. Und gleichzeitig das Klischee davon: „Eine rein prekäre Boheme im richtigen Gewand vermengt sich so mit einer ökonomischen Elite, die sich den sozialrealistischen Touch des ,arm, aber sexy‘ als Disneyland-Besuch der trueness gibt.“

 

Was für sie an Selbstentäußerung in den verschiedenen Räumen möglich ist, davon gibt es keine Fotos, es gibt auch keine Spiegel, das Kameraauge am Handy wird beim Eingang abgeklebt. So wird der Club im ehemaligen Fernheizwerk zu einem weißen Fleck von Social Media. Ist das die große Freiheit aus elektronischem Sound, losgelöster Bewegung und euphorischer Verschwisterung? „Und doch hat man das Gefühl einer lenkenden Hand, die alles steuert. Es kann nicht zufällig sein, dass es jeden Sonntag die gleiche gute Party ist – letztlich auch erschreckend. Dass alles immer auf so einer ekstatischen Höhe gehalten wird, passiert nicht von allein. Dahinter steckt viel Arbeit“, meint Jörg – die den Besucher Maschine werden lässt, auch abseits der Tanzfläche.

 

Originelle philosophische Abende

 

Mit einem Kollektiv organisieren Jörg und Jorinde Schulz „Philosophy Unbound“-Abende in mehreren Städten, an denen aktuelle Fragen gestellt und kreativ beantwortet werden. Etwa zum Thema Männlichkeit (heute abend in Wien) oder zu Ökologie und Klimawandel. Jörg selbst lebt als eine Art „Halbnomade“, bindet sich wenig ans Materielle und versucht zwischen den Aktionsorten Wien, Berlin und Brüssel einen so kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen wie möglich. Bleibt auf den Bahnfahrten Zeit fürs Schreiben? „Drei Stunden am Tag zumindest.“

 

Zur Person, zum Buch

Angewandte Philosophie nennt der Wiener Philosoph und Künstler Kilian Jörg seine Methode. Im Kollektiv veranstaltet er „Philosophy Unbound“, heute Abend (20 Uhr) geht's um „A Thousand Masculinities“, Spritzer – Magazin im Odeon, Taborstraße 10, 1020 Wien,

philosophyunbound.tumblr.com.

 

Neues Buch. Kilian Jörg & Jorinde Schulz: „Die Clubmaschine (Berghain)“, Textem-Verlag 2018, 16 Euro, textem-verlag.de

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2018)

 

 

 

DIE CLUBMASCHINE


Ein Buch übers Berghain?

WIR HABEN MIT DEN AUTOREN DER “DIE CLUBMASCHINE”  ÜBER DIE GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTUNG DER WELTBERÜHMTEN PARTYHÖHLE IN BERLIN GESPROCHEN.

Interview  Rob Seekirchner

www.vangardist.com

 

Kaum ein Club in Europa ist so bekannt, aber auch so umstritten, wie das Berghain. Was früher ein Fernwärmewerk war, ist längst zu einem verruchten Utopia für viele Berlinbesucher geworden. Harte Drogen, harter Sex und harter Techno – eben alles was das Herz begehrt. Oder? Kilian Jörg und Jorinde Schulz haben das Berghain genauer unter die Lupe genommen. Daraus entstand ihr Buch “Die Clubmaschine”, das sich mit den sozialpolitische Aspekten dieses Mikrokosmos auseinandersetzt. Wir haben es gelesen und anlässlich unserer Good-Life Issue mit den beiden Autoren gesprochen...

 

Was war eure Motivation das Buch “Die Clubmaschine” in dieser Form zu schreiben? Was ist die Message, die ihr vermitteln wollt? 

Unsere Motivation war eigentlich recht simpel: Mehr oder weniger ein Verarbeitungsprozess der Erfahrungen, die wir dort gemacht haben. Und der Geschichten, Codes und Rituale, die diesen Ort umschweben. Das alles haben wir versucht, auf philosophischer und politischer Ebene zu analysieren. Eine einzelne Message haben wir nicht. Vielmehr wollten wir dem Phänomen Berghain in all seinen Ambivalenzen zwischen Utopie und Dystopie folgen. Das Buch ist deswegen auch ganz absichtlich nicht in linearer Form geschrieben, sondern folgt den Ups and Downs des Lebensgefühls Berghain.

 

Das Berghain wird international oft als der weltweit beste Club gehyped. Was macht dieses ehemalige Fernwärmewerk so anziehend? Wo liegen die Unterschiede zu anderen Clubs?

Darauf gibt es viele Antworten. Das Berghain rutscht auf den diversen Rankinglisten auch immer wieder hoch und runter. Interessant ist aber, dass dieser Club es geschafft hat, zu so etwas wie einer “platonischen Idee des Clubs” zu werden, also einer Art Inbegriff des gegenwärtigen Clubs, mit all seinen Verheißungen, Freiheits-, Subversions- und Entgrenzungsversprechen. Das hat nicht nur mit den Erlebnissen zu tun, die man drinnen machen kann, sondern auch mit dem Hype drumherum, der durch Erfahrungsberichte, Gerüchte, Verhaltenskodizes etc. aufrechterhalten wird. Wir verwenden hierfür den Begriff der Sozialplastik, den wir uns von Joseph Beuys ausgeliehen haben. Mithilfe der Sozialplastik bezweckte Beuys eine Aufstellung, die die Antagonismen und versteckten Triebfedern der Gesellschaft aufdecken kann und in die interveniert werden kann. Das Berghain lässt sich auch als so ein Gesamtkunstwerk verstehen. Clubs hatten natürlich immer etwas mit Kunst zu tun, inzwischen haben sie sich aber zu veritablen Kulturinstitutionen mit religiösem Touch entwickelt. Wir fragen uns in unserem Buch, ob in solchen Technotempeln nicht eine Art spirituelles Bedürfnis in einer vordergründig säkularen, post-industriellen Gesellschaft angesprochen wird. Ob wir hierin nicht eine tiefere Beziehung zu den uns allerorts umgebenden Maschinen suchen....

 

BERGHAIN 

HAS CHANGED US BOTH, YOU COULD SAY 

IT’S FREED US.

  

 

Ihr sprecht im Buch öfters von den “Regulars” – also Personen, die häufig im Berghain anzutreffen sind. Würdet ihr euch selbst auch als “Regular” bezeichnen bzw. geht ihr überhaupt noch ins Berghain, oder war es bei euch auch nur eine Phase?

Regulars waren wir wohl nie im strengen Sinne. Wir hatten beide Phasen, wo wir viel Zeit dort verbracht haben und kennen den Ort mittlerweile schon recht lange. Manchmal stellt sich fast ein Gefühl von Heimeligkeit ein. Das Berghain hat uns beide verändert, befreit könnte man auch sagen. Die Stadien von Ehrfurcht, Initiation, Verklärung, Gewöhnung, Schock, Zynismus, Abklärung und Neubegegnung, die das Buch durchläuft, beschreiben auch unser persönliches Verhältnis zu diesem Ort im Wandel der Zeit.

 

Im Berghain werden synthetische Drogen vertickt und konsumiert, als wären sie Kopfschmerztabletten. Es scheint, als würden andere bzw. keine Gesetze gelten. Braucht unsere Gesellschaft solche Orte als Ventil für die Überregulierung?

Die rechte Presse bringt dafür gerade den Begriff des rechts- oder gesetzfreien Raumes in Stellung. Meist dient er dazu, Handlungsspielräume (und kollektive Experimente, die politisch “gefährlich” werden könnten) zu begrenzen. Bei den jüngsten Rave-Protesten in Tbilisi hat man das in seiner Extremform gesehen. Unter dem Vorwand, hier würden gefährliche Drogen vertickert, stürmten SWAT-Teams das Bassiani, den bekanntesten Club Georgiens. Hier ist es schon lange Praxis, dass “Drogenvorwürfe” verwendet werden, um politische Gegner zu schwächen und zu schikanieren. Der Drogenvorwurf legitimiert also die Repression auf einer breiteren gesellschaftlichen Ebene.

Die Inszenierung eines “Ausnahmezustands” gehört zum Kunstwerk des Clubs und dessen Anziehungskraft. Die vermeintliche Gesetzlosigkeit oder “Freiheitssimulation”, die tatsächlich transformative Kräfte entfesseln kann, ist ein Teil davon. Manchmal ist das Ganze auch nicht mehr als ein Ventil in einem von eng getakteter Arbeit geprägten Alltag - in diesem Fall stabilisiert der Clubbesuch am Wochenende die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Auch am Bahnhof werden Drogen verkauft - unsere ganze Gesellschaft ist von Drogenkonsum zutiefst geprägt (und warum manche legal und andere illegal sind, ist oft nicht nachvollziehbar - Alkohol gilt landläufig nach Heroin und Crystal Meth als die tödlichste Droge, weit mehr als Marihuana oder MDMA z.B.). Berliner Clubs, darunter auch das Berghain, sind Orte, wo mit Drogen experimentiert wird, und wo man auch lernen kann, mit Drogen umzugehen. Natürlich kann das auch schiefgehen - aber unter anderen legalen Bedingungen könnte man den ohnehin existierenden Konsum zum Beispiel durch Drugchecking oder weitere Aufklärungsarbeit sicherer machen.

 

Warum hat das Berghain vor allem beim Bürgertum so einen hohen Stellenwert? Ist die Faszination legitim oder geht es unterbewusst doch um Selbstzerstörung?

Was für wen aus welchen Gründen legitim ist, können natürlich nicht wir entscheiden. Und auch Selbstzerstörung kann manchmal das Richtige sein. Um Rainald Goetz in seiner Büchnerpreisrede zu zitieren: “Jugend hat die Gesellschaft erobert, verwandelt, verbessert und ist selbst dabei kaputt gegangen, immer wieder[...]: Davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstört.” 

Was man aber bemerken kann, ist, dass eine neue, normative Ordnung eines progressiven Bürgertums sich auch Institutionen wie das Berghain vermehrt als Markenzeichen auswählt. Vielleicht als Platzhalter für eine quasi fetischisierte Jugendphase im Leben, die es zu durchleben gilt. Auch als ein Ort, der sinnbildlich für die “Normalisierung” oder “Mainstreamisierung” einer Vielzahl an Subkulturen steht. Das ist auch fortschrittlich, immerhin gehen damit zum Teil auch neue Werte einer offeneren Gesellschaft einher.

 

Könnte man das Berghain als Speerspitze für eine neue, liberale Gesellschaft sehen oder ist es ein Zeichen der Dekadenz?

Sicherlich! Wie gesagt glauben wir, dass es ein neues progressives Bürgertum gibt, dessen Kulturinstitutionen eben nicht mehr unbedingt Oper und Theater sind, sondern eher der Club und das Alternativkulturfestival.

Darüber hinaus ist das Berghain auch Wallfahrtsort eines globalen Authentizitätstourismus, der Berlin als Hauptstadt von Underground und Avantgarde aufsucht. Das ist - unter ökologischen aber auch politischen Gesichtspunkten - ziemlich dekadent. Wie lange es solche Orte, die Queerness, Selbstentfaltung, kollektive Euphorie, gelebte Promiskuität und hocheffizienten Kommerz verbinden, noch geben wird, ist eine spannende Frage. Denn in Zeiten des Backlash werden sie von rechts als Orte der Sünde und des Genderwahns etc. verteufelt und angegriffen. Vielleicht werden wir also demnächst um sie kämpfen müssen.


Sind die Generationen Y und X von der heutigen Gesellschaft und ihren Normen so abgestumpft, dass sie Extreme wie 72h Party im Berghain brauchen?

Wir sehen uns ehrlich gesagt nicht in der Position, über die Rechtfertigung gewissen Verhaltens moralisch zu urteilen und es interessiert uns auch nicht. Auch eine pauschale Charakterisierung von Generationen liegt uns nicht wirklich. Im Buch wollen wir vielmehr das Begehren, das wir in uns und anderen spüren, wenn es um Clubs wie das Berghain geht, nachzeichnen und verstehen. Natürlich kann man sich da denken, dass die Partymarathons eines Berliner Wochenendes auffällige Parallelen zu einer spätkapitalistischen Hochleistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft haben. Andererseits hat der Exzess und das Überschreiten von Grenzen in fast allen Kulturen seinen Platz und erst durch die außergewöhnliche Dauer eines Ereignisses können gewisse transformative - oder besonders einschneidende - Energien freigesetzt werden. Wir würden auf jeden Fall empfehlen, am eigenen Leib zu erspüren, ob solche Extremerfahrungen etwas persönlich bereicherndes haben oder nicht. Allgemeine Werturteile verstellen unserer Erfahrung nach nur den Zugang zum offenen Experiment damit.

 

Würdet ihr eure kleinen Geschwister guten gewissens ins Berghain gehen lassen?

Klar würden wir unsere kleinen Geschwister dort hingehen lassen! Als gefährlichen Ort sehen wir das Berghain wirklich nicht - man muss aufpassen, dass man nicht so eine “teuflische Versuchung” konstruiert, wie sie von rechts oft gezeichnet wird.

Die vermeintliche Gefahr ist viel eher Projektion einer Gesellschaft, die in sich ziemlich kaputt ist, das aber verdrängt. Orte, wo Kaputtheit und Zerstörung sichtbarer sind, weil ihnen Raum gegeben wird, werden häufig in einer Mischung aus Faszination und Grauen mit den Ursachen dieser Destruktion verwechselt. Dabei können sie viel eher dazu beitragen, dass man mit der Kaputtheit der Welt umgehen lernt und vielleicht sogar Dinge ändert. Die zwanghaft heile Welt - das ist doch das Kaputteste, was es überhaupt gibt!

 

Zusammenfassend ist das Berghain eher Utopie oder Dystopie, Good Life oder eben genau das Gegenteil?

Sich zwischen Utopie und Dystopie entscheiden zu müssen, hat schon eine falsche Prämisse: Nämlich, dass ein reines Gutes oder Schlechtes existieren könnte. Ein solches “totalitäres” Denken landet meistens in der Aussichtslosigkeit oder im Zynismus. Die Dystopie, in der wir uns vielleicht befinden, ließe sich am ehesten verändern, wenn wir ihre Öffnungen und Brüche wahrnehmen lernen. Hierfür ist das Berghain ein wunderbarer Übungsort zu Kultivierung von gegenwärtigen Wahrnehmungspraktiken und Riten. Auch wenn wir in der Dystopie leben sollten, wäre das Berghain sicher nicht ihr dunkelster Ort!

Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Kilian Jörg und Jorinde Schulz: 

Die Clubmaschine (B – Berghain)

 

Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden Bd. 20 

Textem Verlag, Hamburg 2018 

ISBN: 978-3-86485-134-6, 215 Seiten, 16 Euro

 

 

 

Carsten Klook: Letzte Nächte in Boohemia, Episodenroman

 

Meine einzige Entschuldigung ist: ich konnte nicht anders, als Bemerkungen über das Buch von Carsten Klook zu machen, nachdem es sich unvermutet in meiner Jackentasche befand.

In der »gloreichen Zeit«, wie dieser Autor sie nennt, hat mir mal ein Autor nach einer Rezension eine Knarre an den Kopf gehalten. Damit rechne ich diesmal nicht – aber bei Autoren weiß man nie ...

»Letzte Nächte in Boohemia« von Carsten Klook

Ich habe vor langer Zeit aufgehört, Bücher zu kaufen; legen Sie mich nicht fest: vor 15 Jahren? Bis dahin waren Regale gesteckt voll mit Büchern mein einziges Mobiliar, und der Verkauf von Beständen hat mir wenigstens einmal das Leben gerettet.

(Ein Antiquariat in Wien, und es ging um das Buch. [Von Juntz‘ Namenlose Kulte, versteht sich, oder das namenlose Opus im ? Meister des jüngsten Tages: dazu ein anderes Mal mehr.])

 

Ich muss ein Buch nicht besitzen, um es schätzen zu können. Eine ausgezeichnet sortierte Stadtbibliothek, gegebenenfalls die Fernleihe und Geschenke haben ausgereicht, um meinen freilich außerordentlichen Lesehunger zu stillen.

Seit rund zwei Jahren bin ich auf Diät. Ich lese noch allerhand, verschlinge aber keine Bände mehr. Von mehreren hundert Seiten am Tag bin ich auf zehn oder 20 abgemagert. Mehr vertrage ich kaum.

Auf meinem Schreibtisch erheben sich zwei wechselnde Türme mit Büchern, in denen ich bisweilen blättere und die wohl nicht dem demnächst fälligen Autodafé zugewiesen werden.

In alphabetischer Reihenfolge:

In Frank Arnaus Das Auge des Gesetzes (München 1965) schlage ich Daten nach, wenn ich der heimischen Polizei auf die Finger schaue.

Samuel Becketts Malone stirbt (Frankfurt/M. 1977), das ich mir mit 18 zuerst anverwandelte, passt zu jeder Lebenszeit.

Die ausgewählten Schriften von Walter Benjamin, Illuminationen (Frankfurt/M. 1977), liegen als Fetisch da. Wesentliche Absätze könnte ich aufsagen.

Dito Strophen aus Das lyrische Werk von Georg Heym (München 1977).

Mit den Byzantinischen Aufzeichnungen von Erhart Kästner, Aufstand der Dinge (Frankfurt/M. 1976), habe ich schreiben gelernt.

Straßen in Berlin und anderswo von Siegfried Kracauer (Berlin 1987) enthält lauter Feuilletons, die ich zu kopieren versucht habe.

Mein Lesebuch von Günter Kunert (Frankfurt/M. 1983) mit mehreren Diamanten der Dichtkunst, habe ich Robert Musils Fliegenpapier wegen aus dem Staub gezogen.

Von Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht (Frankfurt/M. 1984) wird mir nach ein paar Zeilen schwindlig; mit 20 ahmte ich sie in konstruktivischer Prosa nach.

Die Winterreise von Wilhelm Müller mit Illustrationen von Ludwig Richter (Zürich 1984) ist ein Comic-Band.

In den Essays von Susan Sontag, Im Zeichen des Saturn (Frankfurt/M. 1983), entdecke ich auch beim wiederholten Lesen neue Gedankenverbindungen.

 

Ganz zuoberst liegt nun das Buch, das mir zum 60. Geburtstag geschenkt wurde und mich vor die Herausforderung von 208 Seiten stellt: Letzte Nächte in Boohemia oder: Die schwarzen Augen der Kröte (o. O. 2017).

Aber, als hätte der Autor mein Stöhnen erhört, es ist ein »Episodenroman« und bietet sich zerstreuten Lesern wie mir in neun Teilen an.

Da der Autor förmlich über sich nur das Nötigste mitteilt (»geboren 1959, lebt und arbeitet in Hamburg als Schriftsteller und Kulturjournalist«) werde ich mich hüten, mehr zu verraten. Dabei könnte ich Geschichten erzählen …

So viel immerhin sei vorausgeschickt, ehe ich den Anschein einer Rezension erwecke, dass ich beim ersten Durchblättern des meinen hohen Ansprüchen an Bindung zuträglichen Bandes zusammen zuckte. Zu meiner Seite spritzte eine Fontäne aus einem See von Entengrütze, und es war der heißeste Tag dieses Rekord-Oktobers, als ein Eishauch aus der Zeit mich streifte.

Teil sechs muss ich nicht lesen; kenne ich schon; konnte ich mal aufsagen. Habe ich mal illustriert. 

Als ich mir unter anderem mit dem Ertrag aus Rezensionen das Brot bestrich, hatte ich keine Gelegenheit, ein Buch von Carsten Klook zu besprechen, weil es keines gab. An ihm lag das nicht. Den Korrektor gab es schon, aber kein Verleger erkannte dessen Kunst.

Inzwischen liegen dieses und andere Werke vor, und ich bin nicht genötigt, meine Bemerkungen den Konventionen eines Literaturbetriebs anzupassen, den ich nur als kulturanthropologisches Phänomen wahrnehme, wobei ich nicht in Gefahr bin, in zu große Nähe zum Gegenstand der Betrachtung zu geraten.

Klook selbst macht am Schluss seines Buchs eine Anmerkung zum Entstehungsdatum des Obturator, sodass ich kein Geheimnis verrate, wenn ich mein Veteranengeschwätz vorausschicke. (Veteranen im »Literaturkampf«.)

Jedenfalls kramte ich, bevor ich mich an die Lektüre der böhmischen, Verzeihung, boohemianischen (auch da tilt das Prüfprogramm und macht rote Korrekturkringel) Dorfnächte mache, in einer gewissen Kiste nach den Fotokopien meiner Zeichnungen, von denen sich ein paar Fetzen erhalten haben könnten …

Die Originale sind verschollen wie zwei Blätter, die Klook und ich für eine Comic-Serie bei einem gewissen Verlag einreichten. Verschollen, vergraben, vergessen … »zu depressiv«? (Dazu unten mehr.) Ich höre ja schon auf und komme nach über 600 Vorworten zur Sache.

 

»Have you ever been mistreated? Then you knowowow what I’m talkin‘ about« (Steve Marriott, Five long years)

 

In seinem Vorwort skizziert Carsten Klook das Panoptikum von Boohemia als einen »Reigen von prekären Charakteren«, von »merkwürdigen Figuren, die sich durchschlagen« und »sich als Dissidenten begreifen«.

»Die Boheme ist zum Prekariat verkommen. Manche tauchen ab wie Kröten. In deren schwarzen Augen spiegelt sich die Zukunft.«

Klook hat tief und lange in diese Augen geschaut und sich selbst darin gespiegelt gesehen oder mich und andere, die für die bürgerliche Welt verloren sind. Die Versuchung ist groß, aus seinen Porträts einen soziologischen Extrakt zu ziehen, denn seine Aufzeichnungen aus dem Alltag des Wahnsinns sind von dokumentarischer Präzision. Die albernsten Absurditäten erfindet die Wirklichkeit; die Surrealität liegt nur einen Lidschlag neben der Normalität.

»Segmente des Widerspruchs, der Gegensätzlichkeit. Eine Weiterentwicklung Magritte’scher Zustände, diese Himmelsfarben, herauskristallisiert, aufs Wesentliche reduziert.«

Die in Puppenspiel im Heubarg sezierte Hochzeitsfeier auf dem Lande wirft ein Schlaglicht auf die »Gesellschaft im Spätkapitalismus«, das den Studien der in dieser Gesellschaft befangenen Soziologen entgeht. Und wenige »Schriftsatzsteller« sind schamlos genug, sich mit ihren Ansichten auszustellen. Andere unterhalten ihre anständige Leserschaft mit Kalenderweisheiten; Klook spritzt Vitriol in die Gesichter.

Er spürt den Lebensgefühlen solcher nach, die neben der Spur sind. Sie tragen alltägliche Namen wie Tom oder Torben, Ralph oder Palle, und was sie erleben ist von äußerster Belanglosigkeit. Erzählt wird davon mit peinlicher Genauigkeit, als streife Arno Schmidt nicht durch die Heide, sondern vom Hamburger Hafen zum Schulterblatt. »Peinlich« auch in dem Sinne, in dem es die Autobiografie des Ethnologen Michel Leiris ist, an dessen fremden Blick auf das Eigene in Mannesalter viele Absätze in Boohemia anklingen.

Die literarisch gebildete Leserschaft mag sich einige Bewohner dieses Perle, das hinter den Fassaden von Hamburg steckt, als Beckett-Gestalten vorstellen, die, während sie im Schlamm wühlen, an Frauen und Autos denken.

Manche Autoren – ich gehöre dazu – machen vor, sich mit der Welt zu befassen. Doch auch für sie gilt wie für Carsten Klook, was Giorgio Manganelli über ? H. P. Lovecraft feststellte: »Wann immer Lovecraft als vorbehaltloser und unglaubwürdiger Chronist die abseitigen Fratzen beschreibt, von denen sein Dasein erfüllt ist, beschreibt er das einzige unförmige Monster, mit dem er von Grund auf Erfahrung hat, sich selbst.«

Klooks Hauptfiguren agieren nur unter Zwang, wenn man es denn agieren nennen will. Gelegenheit, aus oberwähnten Benjamin-Band zu zitieren: »Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, dass das Leben lebenswert sei, sondern dass der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.«

Alles nur Puppenspiel, nicht wahr? Jedenfalls schlägt Klook einen solchen Ton an: »Eigentlich bin ich an allem schuld, dachte er und hängte sich vorsichtshalber schon mal ans Kreuz.«

Wovon andere im Hochton der Verzweiflung heulen, bildet in Boohemia Aphorismen. Besagte Hochzeitsfeier auf dem Lande, deren Höhepunkt ein Kasperle-Theater ist, liest sich wie das Skript für ein post-existentialistisches Ohnsorg-Theater.

Zu einigen Seiten fielen mir, schon des Sujets wegen, »Die Gespräche der Haschischraucher« ein, und bei genauer Betrachtung fanden sich weitere Ähnlichkeiten mit Alfred Jarrys 1897 erschienenen Tage und Nächte, dem Roman eines Deserteurs. Etwa der oft satzweise zwischen Reportage und Lyrik wechselnde Tonfall.

Jarrys Protagonist Sengle könnte im Klookschen Panoptikum Platz nehmen. Würde ich mich weiter vorwagen, zeigte sich auch eine Verwandtschaft zwischen den Autoren, zwischen dem »Revolverheld und Radfahrer« Jarry und Klook, dem Gedankenmusiker und Sportwagenfahrer.

Mein Favorit in Boohemia ist Einfall der Wörter, die Geschichte eines Bandnamen (sprich Bändnamen)-Erfinders. »Außenstehende« Leser mögen meine Erheiterung über die im Text gelisteten Wortgebilde nachvollziehen können. Doch die besondere Wirkung dieses Textes auf mich liegt in Sätzen, die der Autor aus meiner Autobiografie abgeschrieben hat: »Ihm war nicht geheuer, was Menschen trieb und was sie so trieben. Er selbst war da ein schlechtes oder auch ein gutes Beispiel.«

 

»Über der Szenerie schwebte ein unsichtbarer Geist. Es konnte der Tod sein, der über allem schwebte, aber das bleibt vage …«

 

Sie erinnern sich? »Eishauch« und »Entengrütze«, als ich Obturator las? Ich würde es mir und Ihnen schenken, und Uwe Wandrey, der Obturator nicht in seine Anthologie … nie wieder neunundzwanzig (Reinbek 1990) aufnahm, würde es vielleicht »zu depressiv« finden – aber es ging so wahrhaftig weiter wie Klooks Sittenbilder sind.

(»Ein Junge auf einem Skateboard erstarrte in vollem Schwung vor ihm. An seiner Silhouette konnte Palle eine Schweißnacht entdecken. Pappenheim, dachte er, 1:1, ganz maßstabsgetreu.« [S. 152] »Zu depressiv«? Dass ich nicht lache!)

Seinen ersten Weg in meiner Jackentasche nahm das Buch durch Neukloster. See, Wald und der Blick über die Elbmarschen lockten einst Ausflügler aus Hamburg in das heute der Stadt Buxtehude zugeschlagene Dorf; der jährliche Pfingstmarkt als größter in der Gegend erinnert daran.

Seit einem halben Jahrhundert zerreißt die »Todesstrecke« den Ort. Einmal zermalmte ein Panzer auf Manöver ein Auto, aber vor allem Fußgänger kamen beim Überqueren der Bundesstraße 73 zu Schaden oder zu Tode.

Das Buch begleitete mich zunächst auf den christlichen Friedhof beiderseits der B 73, wobei wir knapp einem Lastkraftwagen entkamen, der über die Hügelkuppe aus Richtung Stade heran raste.

Anschließend gelangten wir in den FriedWald® von Buxtehude im Neukloster Forst, bevor Letzte Nächte in Boohemia auf meinem aktuellen Bücherhaufen eine vorläufige Ruhe fand.

 

ruprecht.art.blog

 

 

 

 

Vom Wunsch, ein Autor zu sein

Frank Witzel: „Vondenloh“

 

Literatur-Besessenheit und Liebestollheit kreuzen sich im Roman „Vonderloh“ von Frank Witzel. Im Mittelpunkt ein Anti-Held, der versucht, sich als Biograf der erfolgreichen Schrifstellerin Betinne Vonderloh zu etablieren – mit zum Teil hanebüchen-herrliche Ideen. Die Neuauflage eines Schlüsselwerks.

Von Tobias Lehmkuhl

 

Der Held oder Anti-Held von „Vondenloh“, Frank Witzels urkomischem und extrem hintersinnigem Roman, trägt bezeichnenderweise keinen Namen – obwohl er sich doch unbedingt einen machen will, sei es als Romancier, Librettist, Journalist oder Biograph. Die Heldin dieses Buches hingegen verfügt über gleich zwei Namen, ihren Geburtsnamen Helga Dahmel und ihren Künstlernamen Bettine Vondenloh. Sie kann sich diese zwei Namen spielend leisten, denn ihr ist beschieden, was dem Erzähler von „Vondenloh“, ihrem verkapptem Biografen, Schulfreund und Möchtegern-Ehemann, versagt bleibt: literarischer Ruhm.

Bettine Vondenloh ist so erfolgreich, dass schon wenige Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung Symposien zu ihrem Werk abgehalten werden. Das Problem ist nur: Der Erzähler des Romans meint es besser zu wissen als alle ihre Interpreten, denn schließlich ist er mit ihrer Biografie vertrauter als irgendjemand sonst, ja ihr ganzes Werk erklärt sich für ihn einzig aus ihrer Lebensgeschichte. Das heißt aus der gemeinsamen kleinstädtischen Vergangenheit.

„Der Komponist Gottfried Heinzell, dem ich im Frühjahr 1996 ein Libretto über die Kindheit der Schriftstellerin Bettine Vondenloh anbot, schrieb mir in seinem Antwortbrief, er empfinde meine Geschichte in ihrer geradezu symbolischen Überhöhung ergreifend, könne sich aber eine tonale Umsetzung nur schwerlich vorstellen. „Vielleicht“, fügte er hinzu, „haben Sie das Thema literarisch bereits ausgeschöpft, so dass meine Musik nur noch Untermalung wäre, nicht aber, wie ich es mir selbstverständlich für meine Arbeit wünsche, tragendes Element.“ Ich verstehe Heinzells Einwand heute sehr gut.“

Auch Dieter Schnebel und Helmut Lachenmann, die es im Gegensatz zu einem Gottfried Heinzell wirklich gibt, winken ab. Unterkriegen aber lässt sich der Erzähler nicht: Irgendwie muss er sein geballtes biografisches Wissen, dass ihn zudem als besessenen Heimatkundler ausweist, an den Mann bringen. Ein ums andere Mal versucht er, Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ unterzubringen, referiert seinen eigenen unveröffentlichten Roman, schreibt Vorträge für Symposien, zu denen er nie eingeladen wird, gibt sich am Ende gar als Vondenlohs Ex-Mann und Feuilletonchef aus München aus, um wenigstens eins seiner Ziele zu erreichen: Dank seiner arkanen Vondenloh-Dahmel-Kenntnisse allgemein respektiert zu werden, am besten aber in Kontakt zu treten mit der verehrten Autorin und Jugendfreundin selbst. Seit 20 Jahren nämlich entzieht sie sich ihm. Und so liest er ein ums andere Mal ihre ersten Geschichten, die sie in der örtlichen Zeitschrift „Bäckerblume“ veröffentlichte, während er selbst es mit seinen Schreibversuchen gleich beim „Merkur“, bei „Sinn und Form“ und „Akzente“ versuchte, vergeblich, versteht sich.

Marcel Proust und die Bäckerblume

„Ihre dritte Geschichte hieß „Fräulein Linder macht einen Ausflug“. Fräulein Linder war die Sportlehrerin der Mädchen. Bei dieser Geschichte wurde ich allerdings schon damals stutzig. Helga erzählte in kurzen Sätzen, wie Fräulein Linder sich an einer Tankstelle einen Gebrauchtwagen kauft, mit dem sie am darauffolgenden Sonntag ins Grüne fährt. Da sie einen steilen Weg in die Berge wählt, beginnt der Kühler zu kochen. Fräulein Linder weiß sich nicht zu helfen, hält an einem Bach und gießt eiskaltes Quellwasser in den Kühler, worauf dieser zerspringt. Ich war erschrocken von der sich immer mehr verdichtenden Symbolik, die mich einen tiefen Blick in Helgas Psyche werfen ließ. Nicht nur, dass ihr Inneres zum Zerspringen angespannt war, immer und immer wieder, wie ja auch in der Geschichte „Herr Kosslers kauf einen Salat“, tauchte die alles überschattende Unfähigkeit auf, etwas Brennendes oder Aufkochendes zu löschen.“

Angesichts der Versuche des Erzählers, die banalsten Geschichten symbolisch zu überhöhen, wird der Rezensent mit seinen Interpretationen selbst vorsichtig. Zumal dem Roman ein 50-seitiger Anhang beigegeben ist, der als Auszug aus einem Materialienband zum Werk Frank Witzels ausgegeben wird und schon alle Deutungen erhält, die man dem Roman „Vondenloh“ aufzwingen könnte. Ein Aufsatz mit dem Titel „Madelaine und Bäckerblume. Die Logik des Traums bei Proust und Witzel“ findet sich da, ebenso eine hinreißende psychoanalytische Abhandlung, die erläutert, inwiefern der Pseudo-Biograph in einem Akt „homosozialer Übertragung“ die Stelle Peter Handkes im Leben Bettine Vondenlohs einzunehmen versucht. Eine oder ein gewisser Maria-Franz Mondner schreibt zudem über ein angeblich getilgtes Kapitel, in dem Joseph Karl Ratzinger von Günter Grass im Schützengraben an die Literatur herangeführt wird, um schließlich nach dem Krieg mit Thomas Bernhard, der unbedingt Priester werden wolle, die Identität zu tauschen und erfolgreicher Autor zu werden.

„Die bislang in der Forschung etablierte Auffassung, gemäß welcher Witzel dieses Kapitel kurz vor der Erstveröffentlichung umgeschrieben und ersetzt hat, weil er Sanktionen der Erben fürchtete, lässt sich wahrscheinlich nicht aufrechterhalten. Anlass scheint vielmehr die Wahl Joseph Karl Ratzingers zum Papst gewesen zu sein, ein Umstand, der beim Leser leicht die Vermutung hätte aufkommen lassen können, Witzel schließe sich einem allgemeinen Zeittrend an, um an dessen kommerziellen Auswüchsen zu partizipieren. Warum Witzel jedoch nicht einfach Namen und Orte abänderte, bleibt bislang unbeantwortet.“

Die Vogel-Strauß-Taktik der Psychoanalyse

Das Spiel mit echten und falschen Namen, mit Wahrheit und Fiktion, durchzieht Witzels ganzen Roman. Als er den Psychoanalytiker Jacques Lacan in einem Hubschrauber über dem Geschehen kreisen und fast, wie die Honoratioren der Stadt, kopfüber in einen Pappmaché-Nachbau des Freud’schen Behandlungssofas stürzen lässt, behauptet er, der Franzose sei auf diese Weise, durch die Verbindung vom sogenannten „Anderen“, französisch „autrui“, mit dem Vogel Strauß, „autruche“, zu der Wortbildung „autruiche“ gelangt und habe darin das Inbild der Psychoanalyse erkannt.

Derart hanebüchen-herrliche Ideen werden vom Erzähler im höchsten Ernst vorgetragen und fügen sich auf diese Weise ganz natürlich in die Geschichte. Müßig, hier noch vom Flugzeugabsturz zu erzählen, der das Geheimarchiv Bettine Vondenlohs offenlegt, ihre vermeintliche Stasi-Tätigkeit unter dem zweifelhaften Decknamen „Aktion Wiegenköder“, die absurde Affäre des Erzählers mit einer Siegfried Lenz-Verehrerin, der Bau einer Joseph-Goebbels-Statue aus Stanniol-Papier oder der finale Vondenloh-look-alike-contest.

Es scheint unmöglich, dieses Buch auf einen Begriff zu bringen: Groteske, Humoreske, Literaturbetriebs-Satire, von Bedeutungen und Referenzen überquellender postmoderner Abenteuer- und Detektiv-Roman, der zudem tief in deutscher Geschichte wühlt, zugleich auch Pop-Erzählung, die den Stones-Hit „Jumping Jack Flash“ noch einmal ganz neu deutet. Man fühlt sich von dieser literarisch-philosophisch-psychologischen Wundertüte ein ums andere Mal hin- und hergeschleudert, mitgerissen und gnadenlos überfahren. Von einem Autorennen übrigens, soviel sei noch gesagt, handelt dieses Buch auch. Und hinterm Steuer sitzt, wie könnte es anders sein, eine Autorin.

 

Deutschlandfunk, 31. 10. 2018

 

 

 

FM4 Radiobeitrag

 

Kilian Jörg: Die Clubmaschine. Über das Berghain

21. 10. 2018

 

Podcast IM SUMPF -> 

 

 

 

 

 

 

 

Michaela Ott: A – Affizierung

 

Kleiner Stimmungsatlas in Einzelbänden Bd. 18, Gustav Mechlenburg, Nora Sdun (Hsg), 118 Seiten, Textem Verlag, Hamburg 2018

Unter „A“ verzeichnet die hervorragende Reihe Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden bereits die Bände Albernheit und Angst. Nun kommt ein sehr viel abstrakterer Titel hinzu. Affizierung bezeichnet die Autorin Michaela Ott, Professorin für Ästhetische Theorien an der HFBK Hamburg, in ihrem umfassenden Werk Affizierung: zu einer ästhetisch-episthemischen Figur (2010) als unabdingbar für eine reflektierende Wahrnehmung. In diesem Band verhandelt sie den Begriff am Beispiel von Filmen aus sogenannten peripheren Ländern, die in ihrer Dramaturgie eigentlich zu schlicht und in ihrer Aussage zu düster seien, um den Entertainment-Ansprüchen des Publikums zu genügen. Die Frage, was diese Filme an sich haben, dass sie in anspruchsvollen Spielstätten zur Vorführung kommen, führt zu den Affizierungsprozessen, die sie gerade durch ihre „Ästhetik der Armut“ bei den Zuschauer*innen in Gang setzen.

Lerchenfeld Nr. 45, Oktober 2018

 

 

Vielleicht ist Psychoanalyse ja keine Wissenschaft, sondern eine Kunst

Hat man in unserer gehetzten Gegenwart noch Zeit, so unverschämt lange auf einer Couch zu liegen? Die Patienten, die auf dem Sofa in Sigmund Freuds Arbeitszimmer lagen, stellten sich diese Frage kaum. (Bild: Robert Huffstutter)

 

Die psychoanalytische Zeitschrift «Riss» macht den Relaunch: Die Siglen Freud und Lacan treten in den Hintergrund. Aber interpretiert wird noch immer, dass es eine reine Freude ist.

 

Ein wenig mehr Psychoanalyse, und die Welt wäre besser. Statistisch belegbar ist dieser Satz natürlich nicht, aber erfahrungsgemäss gilt: Wer um seine Schwäche weiss, muss keine Stärke demonstrieren. Und doch weht der Psychoanalyse ein rauer Wind entgegen.

Während die akademische Psychologie das «unwissenschaftliche» Wissen des Sigmund Freud ausgeschieden hat, ist der psychologischen Therapeutik ein Verfahren, das keine eng getaktete Zielerreichung postuliert, sondern der Zeitlichkeit der Seele folgen will, verdächtig. Viele Sozial- und Geisteswissenschaften schliesslich haben in ihrer Forschung das «Unbewusste», die Pièce de Résistance der Psychoanalyse, aufgegeben. Aber wie soll man ohne diesen Begriff sinnvoll die Wissenschaften von den Menschen betreiben? Beständig sind sie mit ihren latenten Regungen beschäftigt.

 

Schuldlos an ihrer misslichen Lage ist die Psychoanalyse nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann insbesondere in den USA eine Orthodoxie die Oberhand, die ihre Patienten einem rigiden Geschlechterdualismus unterwarf. Der Mann, der seine Männlichkeit, und die Frau, die ihre Weiblichkeit leugnete, sie mussten zwangsläufig in psychische Nöte geraten. Homosexualität galt als Abnormität, und die Frauen, hiess es, litten am «Penisneid». Bis heute will daher der Vulgärfeminismus nichts von Freud wissen, auch wenn dessen einschlägige Ausführungen ambivalent sind. Wir alle, schreibt er, seien als Kleinkinder einmal «polymorph pervers» gewesen.

 

Weg vom Ich

Dazu kam, dass der französische Strukturalist Jacques Lacan, der die Psychoanalyse von ihrer Fixierung auf die Ich-Stärkung befreite, indem er sein «Retour à Freud» und zu dessen Spracharbeit an der Couch praktizierte, sich eines schillernden barocken Vortrags- und Schreibstils befleissigte, der nun gewiss nicht jedermanns Sache ist. Der Stil sollte der Funktionsweise des von Lacan aufgewerteten Unbewussten nahe kommen, kultiviert aber das Hermetische.

«Freud - Lacan»: Eben noch standen die Namen im Titel der psychoanalytischen Fachzeitschrift «Riss», des führenden Organs der an Lacan orientierten psychoanalytischen Bewegung im deutschsprachigen Raum. 1986 wurde der «Riss» in Zürich, im Mekka der Tiefenpsychologie, gegründet: vom Psychoanalytiker und Autor Peter Widmer und vom Psychologen Dieter Sträuli. 

Und jetzt probt die Zeitschrift den Relaunch – ohne Freud und Lacan im Titel, dafür mit pinkfarbenem Softcover, mit dem irritierend leicht rückwärts geneigten I im Schriftzug «Riss», so dass man sich kurz wahrnehmungsgestört wähnt, mit neuem Verlag (Textem, Hamburg) und mit teilweise neuen Redaktoren und Redaktorinnen (siebzehn Köpfe zählt das Kollektiv). Peter Widmer ist noch immer dabei.

 

Eine Art Wissenschaft

Was steht in der ersten neuen Nummer, der Nummer 88? «Fröhliche Wissenschaft» lautet der Schwerpunkt – in Anlehnung an Friedrich Nietzsches wissenschaftskritische Aphorismensammlung aus dem Jahr 1882. Weit hergeholt ist das nicht: Die Psychoanalyse will eine Art Wissenschaft sein, wirft aber den gängigen wissenschaftlichen Methoden Kurzsichtigkeit vor. Einige der «Riss»-Texte tun indes, was zu erwarten war: Sie betreiben raunend und exzessiv Exegese.

Da wird Lacan mit Freud und Nietzsche, Nietzsche mit Freud, Freud mit Derrida und Bataille gedeutet, wie schon in den 1980er Jahren. Das kann noch immer erhellend sein; unter dem Brennglas der Psychoanalyse verliert jedes Phänomen seine Eindeutigkeit – für die klassische Wissenschaft fürwahr eine Herausforderung.

Doch die Schriftauslegung ist oft nur penibel. Monique David-Ménards Meditationen zum Beispiel über den Nihilismus der russischen Anarchisten, mit dem sich Nietzsche befasst habe, ist von einer Eingeweihten für Eingeweihte zu Papier gebracht worden. So verschanzt die Psychoanalyse sich im Ghetto, das ihr der wissenschaftliche und psychologische Mainstream zuweist. Man kann dort ewig seine Mantras wiederholen, aber wen kümmert's?

 

Der Wahn hat Sinn

Einen frischen Ton schlägt Bettina Kupfer an: Nicht ganz stolperfrei schildert sie, wie ihr die Analyseerfahrung bei der Arbeit als Schauspielerin in die Quere kam und wie sie sich tastend als Analytikerin mit Flüchtlingen versucht. Judith Kasper denkt darüber nach, was es heisst, in unserer gehetzten Gegenwart unverschämt viel Zeit für das Liegen auf der Couch zu investieren. Jonas Diekhans erinnert die Therapeuten mit einer Geschichte aus der Frühneuzeit daran, dass der Wahn der Schizophrenen einen Sinn habe.

Alexander Waszynski steuert eine so feine wie elegant formulierte Beobachtung zu einer Frage – einer Frage nur! – des amtierenden US-Präsidenten bei. Und Volker Renners in den USA geschossene Fotoserie von leeren Rahmen, die ihrer Reklametafeln entledigt nun mit stummen Neonröhren auf den blauen Himmel verweisen, gibt dem Heft einleitend und abschliessend eine offene Klammer, wie es einer psychoanalytischen Zeitschrift gut ansteht: Der Platz ist da, was kommt Ihnen in den Sinn, wie wäre er zu füllen? Ja, ein Riss geht durch das Reale.

 

Riss. Zeitschrift für Psychoanalyse. Nr. 88 (2018/2): Fröhliche Wissenschaft. Textem, Hamburg. 231 S., Fr. 24.–. «Riss» erscheint mindestens zweimal jährlich. Jahresabonnement Fr. 79.– zuzüglich Porto.

 

Urs Hafner, NZZ, 11.10.2018

 

 

 

 

Mittelmäßig? - Normalität

WDR 5 Das philosophische Radio | 21.09.2018 | 55:30 Min.

Die Kategorie der Normalität hat eine enorme Bedeutung in Politik, Gesellschaft und insbesondere in der Wissenschaft. Doch was ist überhaupt normal? Studiogat: Lara Huber, Philosophin; Moderation: Jürgen Wiebicke

Lara Huber: N – Normal

 

Kleiner Stimmungs-Atlas in Einzelbänden

Hg. Gustav Mechlenburg, Nora Sdun 

Gestaltung: Christoph Steinegger/Interkool 


Textem Verlag, Hamburg 2018 

Druck: Druckhaus Köthen 

ISBN: 9783864851278 

136 Seiten, 12 Euro

 

Podcast: https://wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/podcast/weltweit/fsk0/174/1740257/wdr5dasphilosophischeradio_2018-09-21_mittelmaessignormalitaet_wdr5.mp3

 

http://www.textem.de/index.php?id=2869

 

 

Geisteraustreibung und Geisteskur zugleich

 

"Vondenloh" von Frank Witzel wurde erstmals 2008 im Textem Verlag veröffentlicht und wird nun von Matthes & Seitz neu aufgelegt. Es geht um den deutschen Literaturbetrieb und ist ein einziger großer Spaß: Amüsant und abgründig, komisch und extrem klug.

Wüßte man nicht, dass Frank Witzel den nun neu aufgelegten Roman "Vondenloh" erstmals 2008 in einem kleinen Verlag veröffentlicht hatte, könnte man denken: Dies hier ist die Rache – an einem Literaturbetrieb, der einen wie ihn allzu lange sträflich ignoriert hat.

Auf den ersten Blick liest "Vondenloh" sich nämlich wie eine groteske Satire auf die Welt der Literatur. Im Mittelpunkt steht die – fiktive – Bestseller-Autorin Bettine Vondenloh, die ein Werk hinterlassen hat, das alle zum Raunen bringt und Symposien füllt. Ihre Markenzeichen: Kurze Sätze, ein makelloser Stil – und kein Roman länger als 120 Seiten.

Ihre Gegenfigur ist der Ich-Erzähler. Auch er ist Schriftsteller – nie aber zu Ruhm gekommen wie Vondenloh, mit der er einst in der Kindheit befreundet war. In seinem 40. Lebensjahr ereilt ihn eine heftige Krise – und er schickt sich an, der Schriftstellerin ein Denkmal zu setzen.

Vertracktes Spiel mit Fakten und Fiktion

Es sind seine Aufzeichnungen von Leben und Werk der Vondenloh, die wir lesen. Und die sich als ein vertracktes Spiel mit Fakten und Fiktion erweisen, das schwindelerregende Haken schlägt, um den Leser Schritt für Schritt auf ganz anderes Terrain zu führen.

Denn, ja: Einerseits begegnen wir den üblichen Verdächtigen des Literatur- und Medienbetriebs, die Witzel hier teilweise bei Klarnamen nennt. Jörg Drews und Hubert Winkels geistern ebenso durch den Roman wie Peter Handke oder Rainhold Kunella. Es wird gedeutelt und wild interpretiert; die einen erweisen sich als Parvenüs, die anderen als Stalker.

Doch der Roman – in dem sich abenteuerlichste Verwicklungen in rascher Folge aneinanderreihen – funktioniert wie eine Falltür: Ehe man sich versieht, landet man im Keller der deutschen Geschichte – und damit im Maschinenraum der Witzel’schen Poetik. Diese übt sich seit Anfang an in der Kunst der Ausgrabung all dessen, was sich unter der schönen Oberfläche der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte und damit auch unserer Gegenwart verbirgt.

Hinab in die Tiefe der deutschen Erde

In "Vondenloh" geht es deswegen oftmals hinab in die Tiefe der deutschen Erde: Verschollen geglaubte Manuskripte lagern in einstigen Bombenkratern; vermeintliche Schätze stören die stillschweigende Übereinkunft der Nachkriegsgemeinschaft, dass man das Alte besser in Frieden ruhen lasse. Das fatale Nachkriegsschweigen, dem eine bis heute anhaltende Sprachordnung folgte, war auch Gegenstand in Witzels jüngsten Roman – und wie aus alten Neurosen neue Störungen in anderem Gewand erwachsen.

Lacan, Freud und Reich feiern deswegen in "Vondenloh" ebenso ein Stelldichein wie überraschende Verwandlungen und beängstigende Permutationen: von Orten, Menschen, Bedeutungen. Das Vergangene ist hier nicht vergangen, sondern feiert fröhliche Wiederkehr.

Dass Witzel als gewiefter Autor am Ende dann alles in Frage stellt, was sein Erzähler uns eben erst als Wahrheit auftischen wollte, ist Teil seiner Methode. Hier ist die Literatur Geisteraustreibung und Geisteskur zugleich. Kurzum: "Vondenloh" erweist sich als einziger großer Spaß: Amüsant und abgründig. Extrem komisch – und extrem klug.

Frank Witzel: Vondenloh, Roman, Textem Verlag

 

Claudia Kramatschek

Deutschlandfunk Kultur 14. 9. 2018

 

 

 

Als der Pop nach Deutschland kam

 

Der Kulturwissenschaftler Christian Huck zeigt in seinem neuen Buch, dass Popkultur in Deutschland immer auch eine Frage neuer Vertriebswege war - für Romane, Musik und Alkohol.

 

Von Birthe Mühlhoff

 

Bücher über Popkultur haben bisweilen die nervige Eigenschaft, dass sie ähnlich cool sein wollen wie ihr Gegenstand. Nicht selten sind es dann auch ehemals eingeschworene Fans, die den Werdegang ins Akademische vollziehen - ganz so wie die Popstars, die von ihnen angehimmelt wurden, ins Autobiografische wechseln. Als wäre es nicht, bei Lichte betrachtet, etwas sonderbar, die eigenen Jugenderfahrungen - Comics, Punk, Techno in den frühen Neunzigern - in universitäre Eichenfässer einzulagern, quasi als nächsten logischen Schritt der Coolness: Erst tritt man als größter Fan, dann als kundigster Chronist auf.

Man kann vermuten, dass Christian Huck, Professor für Englische und Amerikanische Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität Kiel, sich eine gewisse Faszination für Jeans, Breakdance oder Indianer nicht erst anlesen musste, sondern bereits mitgebracht hat. In seinem Buch "Wie die Popkultur nach Deutschland kam" geht es allerdings weder um seine eigene Person noch um seine Generation. Auch sonstige Zugehörigkeitszuschreibungen, Abgrenzungen und Animositäten sind nicht die eigentliche Triebkraft seiner Studie. Genüsslich, aber dank seiner distanziert-akribischen Haltung keineswegs gehässig, erzählt Huck von der Ankunft des Populären.

Zum Beispiel Breakdance: In Deutschland wurde Breakdance vor allem inspiriert durch Filme, zum Teil der Popkultur, als die ursprünglichen Tänzer aus der New Yorker Bronx längst anderen Interessen nachgingen. Amerikanische Spielfilme wie "Wild Style!" von 1982 gaben sich zwar authentisch, waren es aber vor allem hinsichtlich ihrer Begeisterung für etwas, das leider schon vorbei war.

An der Bar sind sich alle fremd

Was man unter Populärkultur eigentlich zu verstehen hat, wird gleich im ersten Kapitel deutlich: Im Jahre 1902 wird in Hamburg nach amerikanischem Vorbild die erste "Bar" gegründet, die "Hamburg-Amerika Bar" auf der Reeperbahn. Erst zwei Jahre zuvor hatte es das Wort "Bar" überhaupt in den Duden geschafft. An einem neuartigen Möbelstück (dem Tresen) werden dort neumodische Getränke verkauft (Cocktails) und tragen so zu einer ganz neuen Form von Geselligkeit bei.

Die Bar ist eben keine Weinstube und auch kein Herrenclub, in dem man gesellschaftliche Regeln zu kennen und zu beachten hätte. Genauso wenig sollte man sie jedoch mit der Schankwirtschaft verwechseln, die einen mir nichts dir nichts dazu bringt, mit fremden Tischgenossen auf Bruderschaft zu trinken.

An der Bar lässt es sich auf Barhockern nebeneinander allein sein, fremd sind sich hier alle. Kein Wunder, dass sich die Bar vor allem in Hafenstädten und Metropolen grösster Popularität zu erfreuen begann. Man kann die Bar als Chiffre für das Populärkulturelle schlechthin begreifen. Sie ist weder ein Produkt der Hochkultur, noch lässt sie sich ohne Weiteres der Massen- oder Volkskultur zuschlagen. "Eine solche inklusive Exklusivität, wie sie nur die Populärkultur bieten kann, ist allerdings ein instabiles Ereignis", schreibt Huck. "Leicht kippt es in eine Subkultur, die sich abschottet, leicht kippt es in eine Massenkultur, die keinen Zusammenhalt mehr erzeugt." Es kennzeichnet sie ein barrierefreier Zugang, der potenziell jedem offensteht, aber - zumindest im historischen Augenblick - nicht von allen genutzt werden will.

Ganz ähnlich war es mit der Begeisterung für Groschenromane wie "Buffalo Bill". Auch diesem Phänomen ging eine Erschliessung von bis dato unbekannten Vertriebswegen voraus. Lesestoff liess sich jetzt nicht mehr nur in alteingesessenen Buchhandlungen erwerben, sondern schnell und einfach am Kiosk mitnehmen, sammeln, tauschen und verleihen. Hilfreiche Erkenntnis: Der Buchhandel und die grossen Verlage sind auch vor Zeiten des Internets bereits schwer unter Druck geraten.

Die vielleicht am weitesten verbreitete Ikone der Popkultur aber ist die Jeans, die Hose der Rebellion, der Halbstarken, in der schon einige Kulturwissenschaftler eine kreative Verarbeitung, Umwandlung und Aneignung der amerikanischen Vorbilder erkannt haben. Nüchtern hält Christian Huck dagegen, dass die ersten "Nietenhosen" in Deutschland durch die sogenannten Steg-Geschäfte Verbreitung fanden, in denen Restbestände der Wehrmacht, und später auch der Besatzungsmächte verkauft wurden. Und schon 1954 wurde die Jeans im Otto-Versandkatalog angepriesen - "also noch bevor James Dean und Marlon Brando die Kinos und die 1956 gegründete Bravo eroberten".

Die Jeans, zeigt Huck, war keine Hose nur für Outsider, im Gegenteil, sie war die erste Hose "für die ganze Familie". Und auch das hatte seine - materiellen bzw. materialistischen - Gründe: Sie bestand aus einem Material, das nicht nur sehr widerstandsfähig war - das waren andere Hosenstoffe auch - sondern die eigentümliche Eigenschaft besass, an ästhetischem Wert zu gewinnen, je abgenutzter sie aussah.

Während es Bars, Jeans und Krimis nach wie vor gibt, ist eines der heiss diskutierten popkulturellen Veranstaltungsformate der Nullerjahre allerdings schon wieder verschwunden, und auch das hat mit Hucks Zentralthese zu tun, dass Pop vor allem eine Frage der Distributionswege ist: Den LAN-Partys ist im wahrsten Sinne des Wortes die materielle Grundlage weggebrochen.

Ist die Populärkultur ein reines Phänomen?

Seit Mitte der Neunzigerjahre stellten Jugendliche ihre Computer in Hobbykellern und Turnhallen auf und verkabelten sie, um gegeneinander in PC-Spielen anzutreten (zu zocken halt!). Seit das Internet schnell und günstig genug ist, um online miteinander zu spielen, hat sich die räumliche Unterbringung unter einem Dach erübrigt, und mit ihr eben auch alles, was mit diesen eltern- und aufsichtsfreien Zusammenkünften einherging.

Die Popkultur kam auf ganz unterschiedlichen Pfaden nach Deutschland - aber aus Amerika, so viel steht für den Amerikanisten Huck fest, kam sie ganz gewiss.

Über K-Pop, Mangas, Bollywood oder Döner müsste ein anderes Buch geschrieben werden. Aber hätte in das Buch die anglofone Popkultur aus Grossbritannien (mit den Beatles und sämtlichen Musikrichtungen, die nach ihnen kamen) nicht noch hineingepasst? Und wie verhält sich die Popkultur, wenn wir schon über die USA im Jahrhundert ihres Imperiums sprechen, eigentlich zu dem, was in der Geopolitik "Softpower" genannt wird?

Der französische Soziologe und Philosoph Jacques Ellul hat bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts auf den möglichen propagandistischen Gebrauch der Populärkultur hingewiesen. Auch China verfolgt heute erklärtermassen das Interesse, nicht zuletzt auch in diesem Bereich zur Supermacht aufzusteigen, die es in ökonomischer Hinsicht längst ist. Und das liesse sich auch untersuchen, ohne dass man sich unverzüglich eines Antiamerikanismus verdächtig machte. Aber für Huck ist Populärkultur reines Phänomen: das, was erklärt werden muss. Und nur erklärt werden kann, wenn man von der Kultur einmal absieht und sich Vertriebswegen und Materialeigenschaften zuwendet.

 

Christian Huck: Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

 

Copyright: Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH

Quelle: SZ vom 07.07.2018

 

 

 

 

 

Puzzle teilen

 

Jockson Pollocks "Convergence" (Quelle: wikipedia)

 

Jackson Pollocks »Convergence« aus dem Jahr 1952 zählt zu den berühmtesten »Drip-Paintings« des amerikanischen Malers. 1964 wurde es zum ersten Mal als Puzzle verlegt und seitdem mehrere 100.000 Mal verkauft. Schon damals zählte es zu den schwersten Puzzles der Welt, obwohl es nur aus 340 Teilen bestand. Heute wird es als 1000 Teile Puzzle angeboten, sodass das Scheitern vorprogrammiert zu sein scheint. Oder nicht? Ein Selbstversuch zeigt, worin der Reiz, aber auch die Krux des Puzzles liegt: An guten Tagen findet man fünf passende Teile, an schlechten kein einziges, so Verworren ist das Motiv, so zusammenhanglos wirken die Ausschnitte. Ein Rezensent auf Amazon.com schreibt als Warnung: »May lead to insanity in previously sane people; may bring sanity to previously insane people.« Vielleicht hätte das Puzzle Jackson Pollock bei seinen psychischen Problemen geholfen? Wahrscheinlicher ist jedoch, dass bisher unauffällige Puzzler in den Wahnsinn getrieben werden und das Scheitern kennenlernen.

Ganz sicher aber lernt man genaues Sehen, denn nur in dem Vergleich der verschiedenen Ebenen der Reproduktion liegt die Chance das Rätsel zu lösen. Dieses sogenannte »vergleichende Sehen« schult auch die Betrachtung des Künstlerbuches von Volker Renner. Für das Buch »Reconstructing Jackson Pollock« hat der Künstler jedes einzelne Puzzle-Teil auf Leinwand fotografiert und in eine Abfolge gebracht.

Statt die Teile des Puzzles zusammenzusetzen, bringt er sie in die für seine Arbeitsweise charakteristische Form der Serie. Die Teile werden dadurch nicht nur zu einem Bild, sondern auch zu einer Metapher für die Fotografie.

Denn ein Foto stellt immer nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit als Ganzem dar, deren Verhältnis zueinander viel diskutiert, aber letztlich ungelöst bleibt – wie das Pollock-Puzzle.

Neu bei textem:

Volker Renner: Reconstructing Jackson Pollock. 1008 Seiten Re- und De-Konstruktion. Textem Verlag, 2018.

 

 

05.08.2018

https://www.fixpoetry.com/fix-zone/2018-08-05/puzzle-teilen

 

 

 

Rezension: Ted Serios. Serien

 

Beeindruckt in allen Bereichen

Vorweg: wer sich auf dieses Buch wirklich einlässt, begibt sich in ein Abenteuer. Er blickt einerseits aus der sicheren Entfernung von mittlerweile rund 50 vergangenen Jahren auf eine Welt und in eine Zeit zurück, die einer Mischung aus Superman-Comics, Spionagefilmen und bedingungsloser Technikgläubigkeit entsprungen zu sein scheint. Andererseits findet er ständig Parallelen zu aktuellen Themen wie virtuelle Realität, Gedankensteuerung von Maschinen oder den Möglichkeiten der Manipulation menschlichen Bewusstseins. Damals wie heute scheint nichts für die Forschung interessanter zu sein, als eine Brücke zu finden, mit deren Hilfe Gedanken zu Materie werden und umgekehrt.

Das Thema

Thema des Buches ist die Gedankenfotografie mit Hilfe von Polaroids am Beispiel von Ted Serios, der in den 1960er Jahren von sich behauptete, mittels Gedankenübertragung Bilder auf Polaroidfilm entstehen zu lassen. Eine Behauptung, die damals weder bestätigt noch widerlegt werden konnte.

Handelnde Personen

Theodore Judd Serios, 1918 – 2006, der von 1964 bis 1967 nach eigenen Angaben die Fähigkeit besaß, mittels Gedankenkraft Bilder auf Polaroidmaterial zu übertragen. Er schaffte es mit dieser Fähigkeit bis in US-amerikanische Fernsehshows, scheiterte aber in seinen Bemühungen, wissenschaftliche Anerkennung zu finden.

Dr. Jule Eisenbud, 1908 – 1999, Professor für Psychiatrie an der Universität Denver. Eisenbud war davon überzeugt, dass Gedankenübertragung und andere parapsychologischen Phänomene existieren und zur Kommunikation genutzt werden können.

Romeo Grünfelder, geb. 1968, Autor und Filmemacher in Hamburg und Berlin, Herausgeber des Buches und darin mit zwei hochinteressanten Textbeiträgen zur Entwicklung der Fotografie und zum Werdegang von Ted Serios vertreten.

Das Buch

„Ted Serios- Serien“ liegt hervorragend in der Hand. Abmessungen und Gewicht passen sehr gut zusammen, der Umschlag besitzt vorne und hinten seitengroße Klappen mit zusätzlichen Infos und erhält dadurch zusätzliche Stabilität. Texte, Fußnoten und Abbildungen sind drucktechnisch ohne Tadel, das Layout ist äußerst reduziert und lässt das Buch im Stil einer wissenschaftlichen Abhandlung erscheinen. Das Cover ziert ein ganzseitiges Foto von Ted Serios bei der Arbeit. Auf Titel oder Covertext wurde verzichtet. Schon im geschlossenen Zustand lassen sich Text- und Bildteil an der Färbung des Papiers unterscheiden. Inhaltsverzeichnis vorne, sogenannte Zeugenaussagen und ein Literaturverzeichnis hinten ergänzen den Inhalt.

Schöner Zusatz: dem Buch liegen mehrere Reproduktionen des Titels sowie einzelner Polaroidfotos auf Karton gedruckt in Postkartengröße bei.

Der Inhalt

Der Inhalt gliedert sich in zwei Textteile, die den Bildteil umschließen. Die Kapitel sind überschrieben mit…

Textteil 1:

  • Vorwort (Romeo Grünfelder)
  • The Psychic Photography of Ted Serios (von Pauline Oehler)
  • The World of Ted Serios (Jule Eisenbud)
  • Sichtbar / Unsichtbar. Kritik einer Zweiteilung (Peter Geimer)
  • Moment mal (Romeo Grünfelder)
  • Die Fotografie als Spur eines Wirklichen (Philippe Dubois)
  • Dalli klick (Romeo Grünfelder)
  • Mischung von Fakt und Artefakt (Peter Geimer)j

Bildteil mit Aufnahmen diverser Sitzungen

Textteil 2:

  • Kleine Geschichte der Gedankenfotografie (Bernd Stiegler)
  • Zeugenerklärungen
  • Session-Protokolle
  • Literaturverzeichnis
  • Danksagungen

Umfang und Inhalt der Texte lassen sowohl Neueinsteiger in das Thema Gedankenfotografie als auch versierte Leser wertvolle Informationen finden. Man erfährt vieles über das Experiment von Ted Serios, wie beispielsweise die Intention, die Aufnahmebedingungen während der sogenannten „Sessions“, die Ergebnisse oder die Rezeption in der damaligen Öffentlichkeit. Ergänzt werden die dokumentarischen Aspekte des Buches durch wissenschaftliche Beiträge zum Thema an sich.

Eng verknüpft mit der Entstehung und Weiterentwicklung der Fotografie werden zu Anfang des 20. Jahrhunderts magische Phänomene propagiert, die in der Seelen- oder Geisterfotografie ihren Höhepunkt finden. Oft auf unzureichend kontrollierbare chemische Prozesse zurückzuführende Anomalien in der Entwicklung des Filmmaterials, wurden von findigen Propagandisten ins Reich des Okkulten erhoben und dem gutgläubigen Publikum teuer verkauft. Kein Wunder, dass die Gedankenfotografie schnell ebenfalls in die parapsychologische Ecke geriet und von der sogenannten seriösen Wissenschaft nicht anerkannt wurde. Weite Teile des Buches sind daher der Erläuterung der Bemühungen gewidmet, die damals angestrengt wurden, um alle Manipulationsmöglichkeiten von vorne herein auszuschließen. Dennoch blieb Ted Serios die wissenschaftliche Anerkennung versagt. Zu viele Elemente der chemischen Entwicklung von Polaroidaufnahmen sind systembedingt nicht kontrollierbar, so dass eine schattenhafte Abbildung immer als reiner Zufall gedeutet werden könnte.

Der umfangreiche Bildteil des Buches besteht aus den in Originalgröße abgedruckten Polaroids verschiedener Sitzungen. Zu Anfang jeder Session wird genau beschrieben, wann und unter welchen Bedingungen die Aufnahmen entstanden. Das Entstehungsprinzip ist immer dasselbe. Ted Serios hält die Polaroidkamera mittels eines röhrenförmigen Abstandshalters, „Gizmo“ genannt, der die Gedanken fokussieren soll, vor sein Gesicht und drückt ab. Oft erhält er dadurch komplett schwarze Aufnahmen (Blacks), manchmal weiße (Whites), manchmal jedoch sogenannte Treffer (Hits), auf denen wenn auch schattenhaft Details von Bildern zu erkennen sind, die er zum Zeitpunkt der Aufnahme vor seinem geistigen Auge hatte.

Unabhängig davon wieviel Glauben der Leser den Versuchen von Ted Serios schenkt, fasziniert das Thema an sich. Nicht nur die Tatsache, dass sich Menschen als Medium oder als angesehene Wissenschaftler ernsthaft damit beschäftigen, sondern auch die Möglichkeit, dass an der Sache vielleicht etwas dran sein könnte und es bekanntlich mehr zwischen Himmel und Erde gibt als wir uns gemeinhin vorstellen können, kann begeistern. Denjenigen, die mit beiden Beinen auf vermeintlich festem Boden stehen, bleiben noch die sorgfältig abgedruckten Zeitdokumente, teilweise als Faksimile, die zu einer Reise in ein anderes Jahrtausend einladen und gleichzeitig eindrucksvoll dokumentieren, dass wir Menschen schon immer auf der Suche nach Dingen sind, die über alltägliche Erfahrungen hinausgehen. Und sei es nur durch das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden…

Für wen ist dieses Buch geeignet?

  • Für Interessierte an Parapsychologie
  • Für Interessierte an Fotografiegeschichte
  • Für Freunde skurriler Typen und deren Lebensgeschichte
  • Für Polaroid-Fans
  • Für alle, die gerne über den Tellerrand schauen
  • Für Freunde hochwertig gemachter wissenschaftlicher Bücher
  • Für Menschenfreunde

Fazit

„Ted Serios – Serien“ beeindruckt in allen Bereichen. Romeo Grünfelder und dem Textem Verlag ist eine beeindruckende und umfassende Abhandlung gelungen. Sowohl Inhalte als auch Aufmachung und Umfang sind hochwertig und komplett. Selbst wer keinen Zugang zum Thema findet, wird durch die weit gefassten Informationen bereichert und erlebt ein weiteres Beispiel dafür, wozu Menschen in der Lage sind.  Alle 5 Sterne.

Die Daten

Romeo Grünfelder (Hrsg.): Ted Serios. Serien erschien am 24. September 2016 im Textem Verlag. 564 Seiten mit 352 Abbildungen, 16,5 cm x 24 cm, Klappenumschlag

ISBN: 978-3-941613-46-1

Preis: 38,00 Euro

 

Rezension: Gerhard Reininger, 26. Juni 2018 bild-akademie.de

 

 

 

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

 

Ein unterhaltsamer Abriss transatlantischer Kulturimporte im 20. Jahrhundert.

Dieses Buch atmet den Geist der akademischen Kulturwissenschaft, ach was, der Volkskunde: Also gerade nicht den von Elite, sondern den Staub von Seminaren, in denen Dozenten und Dozentinnen in geduldigem Provinzsingsang den Unterschied zwischen Populär- und Popularkultur erklären. Es werden nicht Diederichsen und Barthes zitiert, sondern Kaspar Maase und Gabriele Klein. Es geht um Hamburger Cocktails um 1900 und „Counter-Strike“-Partys im hessischen Reiskirchen um 2000, nicht um Stockhausen und Bowie. Alles also ein wenig bräsig und sympathisch zugleich, denn Christian Huck, Professor in Kiel, hat hier populärwissenschaftlich im besten Sinne aufbereitet, wie ein imaginiertes und reales Amerika die deutsche Kultur des 20. Jahrhunderts jenseits der alten Vorstellungen von high und low prägte. Hucks ansprechend gestalteter Abriss macht neun Stationen, alle abseits der üblichen Pop-Geschichtsschreibung, forciert keine neue Theorie der Popkultur, sondern liefert kursorische Einblicke in spielentscheidende Diskurse von Masse, Verblendung und Langeweile – und unterhaltsame Anekdoten.

Steffen Greiner, Musikexpress 7/2018

 

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Christian Huck 

Broschur, ca. 320 Seiten 

Format ca. 16 x 24 cm mit zahlreichen Abbildungen

978-3-86485-187-2, 24 Euro

 

 

 

Wie der Cocktail nach Hamburg kam

 

zu Christian Hucks Buch: »Wie die Populärkultur nach Deutschland kam«

 

LINK ->

 

Volker Behrens, Hamburger Abendblatt, 22. Mai 2018

 

 

 

 

 

 

Buffalo Bill in Dresden

Deutschlandfunk zu Christian Huck: »Wie die Populärkultur nach Deutschland kam«

-> Audio

 

Deutschlandfunk Kompressor, 17. Mai 2018

 

 

Suche nach dem Echten

Von Niklas Dommaschk

Hat Götz Kubitschek einen Eiswürfel an Stelle eines Herzens? Kann man als neurechter Ideologe mitfühlend sein? In dem Roman »Die schwache Stimme« von Andi Schoon begegnet uns Alois Paschen, der diese Frage aufwirft. Der unglückliche Unternehmensberater und Kammermusikliebhaber ist eigentlich zu sensibel, um der Mensch zu sein, der aus ihm geworden ist. Er schwankt zwischen Träumen von einer »reformatorischen Landwehr« und seiner Verachtung für die ordinäre Art eines Freundes, der zum neurechten Vordenker wurde und seine Kinder ­Nazi-Liedgut trällern lässt.

»Die schwache Stimme« ist das literarische Debüt von Andi Schoon, früher Sänger und Gitarrist bei Jullander, heute Professor für Kultur- und Medienwissenschaft an der Hochschule der Künste Bern. Schoon reiht vier kurze Episoden aneinander. Es geht um die Suche nach Sinn, an der Schoons ­Figuren verzweifeln. Alle wollen etwas »Echtes« finden, das ihrem Leben Bedeutung gibt. Der Anthropologe Dieter Ganske etwa reist nach Tanger, um »authentische« Zeugnisse der dortigen Kultur zu finden, ist aber ver­unsichert, wenn er damit konfrontiert ist. So unterschiedlich die Lebensläufe sind, die der Text skizziert, – es werden zugleich auch die unheim­lichen Ähnlichkeiten offenbar. Das mag ein wenig nach »Ideendichtung« klingen, aber zum Glück bleibt der Roman angenehm vieldeutig und hat es nicht nötig, Botschaften zu verbreiten.

Wir lernen Sarah Tobler kennen, eine Hamburger Künstlerin, die zusieht, wie Familienleben und der Job bei Gruner + Jahr aus ihrem Freund einen Spießbürger machen, während sie zwischen Ausstellungen und Kindererziehung zu navigieren versucht. Einmal wird »die schwache Stimme« laut, wenn Sarah nachts »Ihr Arschlöcher« in Richtung Hamburger Hafen brüllt. Sie steht vor dem Golden Pudel Club, das Gebäude von Gruner + Jahr ist nicht weit entfernt. Wer eigentlich gemeint ist, bleibt offen.

Andi Schoon: Die schwache Stimme. Textem Verlag, Hamburg 2018, 120 Seiten, 14 Euro

Jungle World 17. Mai 2018

 

 

 

 

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

TV-Serien, Cocktails, Groschenhefte, Jeans und Saxophone – das transatlantische Ereignis der Populärkultur im 20. Jahrhundert ist ein ganz besonderes. Fremde verlockende Angebote verwandeln den gewohnten Alltag und eröffnen Möglichkeiten, die über das Gegebene hinausgehen. Das ist insbesondere für diejenigen attraktiv, die mit dem Gegebenen nicht zufrieden sind. 

Populärkultur öffnet die Orientierung an Schicht, Geschlecht oder Herkunft hin zur Anziehungskraft des Neuen, die individuelle wie soziale Unterschiede zumindest zeitweise außer Kraft zu setzen vermag und damit exklusive Momente gleichwürdiger Zusammenkunft ermöglicht. Eine solche inklusive Exklusivität, wie sie nur die Populärkultur bieten kann, ist allerdings ein instabiles Ereignis: Leicht kippt es in eine Subkultur, die sich abschottet, leicht kippt es in eine Massenkultur, die keinen Zusammenhalt mehr erzeugt. 

Christian Huck verbindet in seinem Buch "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert" unterschiedliche Facetten und Aspekte der Populärkultur des 20. Jahrhunderts und erzählt transatlantische Geschichten, die unser Bild von Gemeinschaft, Vergnügen und Freiheit bis heute bestimmen. Heute ist er zu Gast im ByteFM Mixtape und hat den passenden Soundtrack dabei. 

Mixtape mit Vanessa Wohlrath, Byte FM 16. Mai 2018

Aktuell ist Christian Huck mit seinem Buch auf Lesereise, präsentiert von ByteFM: 

16.05.2018 Kiel - Landesbibliothek 

21.05.2018 Hamburg - sanktpaulibar 

06.06.2018 Frankfurt am Main - Blumen - Restaurant in der Bar

 

https://www.byte.fm/sendungen/bytefm-mixtape/2018-05-16/12/wie-die-populaerkultur-nach-deutschland-kam/

 

 

 

Deutschlandfunk Kompressor

Das Lesen der anderen

Kultur & Gespenster Nr. 19 »Medienzeit – Computerspiele«

https://www.ardmediathek.de/radio/Kompressor-das-Kulturmagazin/Lesen-der-Anderen-Computerspiele/Deutschlandfunk-Kultur/Audio-Podcast?bcastId=47760956&documentId=52424058

 

 

 

„Aus Beschränkung befreit“

 

Spaltungen für einen Moment überwunden: Der Kieler Kulturwissenschaftler Christian Huck hat ein Buch über Populärkultur zwischen den USA und Deutschland geschrieben

 

Interview Alexander Diehl  

https://www.taz.de/!5504844/

 

taz: Herr Huck, wovon sprechen wir, wenn wir von „Populärkultur“ sprechen – oder vielmehr: Wovon sprechen Sie? Das ist ja ein kleines bisschen sperrig … 

Christian Huck: Für mich geht es immer um etwas, das ich „Ereignisse der Populärkultur“ nenne: Ereignisse, die sich im Rahmen einer gespaltenen, unzusammenhängenden Kultur der Moderne ereignen. Seit es immer größere Kulturen gibt – Nationen und Fabriken werden immer größer – haben die meisten Menschen das Gefühl, dass Männer und Frauen, Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige, Alte und Junge nicht mehr in einer Welt leben. Und nur vor dem Hintergrund dieses Gespaltenen kann sich dann profilieren, was ich das „Ereignis der Populärkultur“ nenne. 

Inwiefern? 

Wenn sich Populärkultur ereignet, so versuche ich auszuführen, dann gelingt es, zumindest für diese Momente, von denen ich schreibe, sich aus Beschränkungen zu befreien – und einander, ich nenne es: gleichwürdig zu begegnen. Diese Ereignisse werden dann immer wieder eingehegt, eingefangen, mit neuen, anderen Spaltungen überschrieben. 

Ist Populär- gleich Popkultur? Der Theoretiker Diedrich Diederichsen macht ja einen deutlichen Unterschied zwischen beidem aus. 

Da würde ich auch von zwei ganz und gar verschiedenen Bereichen sprechen. Popkultur, das sehe ich ähnlich wie Diederichsen, ist eher eine Reflektion auf den Zustand der unzusammenhängenden Kultur der Moderne. Und Popkultur hat gerne auch einen leicht avantgardistischen Touch. Bei Populärkultur geht es mir wirklich um Sachen, die aus der Mitte kommen; die dann zwar keinen Bestand haben, aber in der Mitte etwas geschehen lassen, wo die Spaltung für einen Moment überwunden werden kann. 

In Ihrem Buch geht es um das Saxofon und die Bluejeans, aber auch LAN-Partys, die 1902 eröffnete „Amerika Bar“ in Hamburg-St. Pauli oder Breakdance in Kiel. Wie kam diese Mischung zustande? 

Zum einen sollte es möglichst weit gefächert über das 20. Jahrhundert sein. Zweitens beleuchten alle Phänomene etwas andere Aspekte: Mal ist so etwas wie Vertrieb wichtig, mal sind es die Massen von Menschen, mal die Medien; da sollte sich nichts doppeln. Es war mir auch ein Anliegen, möglichst originäre Forschung zu betreiben. 

Hat das geklappt? 

Zu Jeans gibt es natürlich schon ein bisschen was, das ist ein Sonderfall. Aber zur „Hamburg-Amerika Bar“ oder Basketball in Bamberg gibt es eigentlich noch keinen einzigen Text. Da war mein Wunsch schon, nicht Mengen von Sekundärliteratur durchzuarbeiten, und dann die x-te Interpretation von etwas zu geben – wie Kultur- oder Geisteswissenschaft ja manchmal betrieben wird; sondern an den Materialien selbst Aspekte herauszuarbeiten, die noch nicht so vorgedacht waren. 

Die Materiallage war sicher recht unterschiedlich.

Genau. Manche Sachen haben sich aus dem Grund dann auch nicht ergeben. Ich wollte gerne etwas zu Steakhäusern machen, zu einer bekannten Kette aus Hamburg. 

Ich ahne, welche … gerade dieser Tage fiel mein Blick auf so eine Filiale. Da stand draußen dran: „Best steaks since 1968“. Ich habe mich gefragt: „Warum steht das da eigentlich auf Englisch?“

Der „Block House“-Gründer, Eugen Block, ist damals in Amerika gewesen, zwei Jahre lang, glaube ich, ist er herumgereist, hat Ideen gesammelt. Ich habe ein altes Foto gefunden, von der Eröffnung einer der ersten Filialen: Da hat er Leute rankarren lassen, die sahen aus wie aus einem Karl-May-Film, mit Pfeife und Cowboyhut. Aber trotz langer Verhandlungen, und gar nicht mal aus Böswilligkeit, hat es sich einfach nicht ergeben, da an das Material ranzukommen. Und wenn sich das Material nicht ergab, und es nur aus Sekundärquellen möglich gewesen wäre, dann hab ich es nicht gemacht. 

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem „transatlantischen Ereignis der Populärkultur“.

Das hat erst mal damit zu tun, dass sich eine Notwendigkeit, eine heterogene Gruppe zu einigen, in den USA früher ergab: Da stand man ja vor dem Problem: Die Leute, die herkommen, haben möglicherweise nichts miteinander zu tun. So etwas wie die Dime-Novels, die Groschenhefte, sind dann auch so entstanden: für eine Leserschaft aus Leuten, die kaum Englisch konnten und also auch keine komplexen Geschichten lesen; die nach Bildern verlangten. Und diese Technik ist dann sozusagen als Formel nach Deutschland zurückgekommen und dann wieder in andere Richtungen gewendet worden. Die meisten Sachen sind ja hin und her gegangen. 

Dass etwas aus den USA komme, ist bis heute ein Verkaufsargument. Im Zusammenhang mit der frisch eröffneten „Neuen Altstadt“ in Frankfurt/Main war dieser Tage zu hören, es handele sich um ein architektonisches Disneyland; oder die gern bemühte Chiffre von der „McDonaldisierung“. 

Da gibt es so Schlagworte, die gehen aber meist über historische und materielle Unterschiede hinweg. Man kann nicht global sagen, Phänomene aus Amerika werden so oder so aufgenommen. Man kann aber sagen: Es gibt Zusammenhänge – größere Offenheit, zersiedeltere Leserschaft –, die sich ähneln, hier und dort. Aber ein Heft, ein Sport oder eine Art von Musik treffen in Deutschland jeweils auf eine ganz andere Art von Hintergrund. 

Sie thematisieren im Vorwort auch den Titel des Buches: „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“, das sei „ein wenig irreführend“. 

Genau: Das könnte man falsch verstehen, als wenn da etwas schon fertig wäre, wie ein Container, der nur noch rübergeschifft wird. Es kommt aber vielmehr etwas, das in den USA Populärkultur war, und hier wird es zu einer anderen, einer deutschen Populärkultur. 

Sehr gefreut hat mich das Kapitel über Breakdance in Kiel. Die taz nord hat sich vor einiger Zeit mal des Themas Hip-Hop in – oder aus – der norddeutschen Provinz angenommen. Kiel haben wir dabei auch gestreift, aber nicht so richtig ausgeleuchtet. 

Da ist einiges passiert, bis hin zu größten Ehren: Ali Aksoy von der Breakdance-Crew „The Fantastic Devils“ hat es ja bis in Feridun Zaimoglus „Kanak Sprak“ geschafft, also in die große deutsche Literatur.  

 

Christian Huck, 46, ist Professor für Kultur- und Medienwissenschaften in Kiel, wo er die Theorie der Populärkultur erforscht und lehrt.  

 

BUCH: Christian Huck: „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“, Textem Verlag 2018, 319 S., 24 Euro  

 

Buchvorstellung: Mi, 16. 5., 19 Uhr, Kiel, Landesbibliothek, Wall 47/51 

Lesung: Mo, 21. 5., 19 Uhr, Hamburg, Sanktpaulibar, Spielbudenplatz 29 

 

12./13. Mai 2018 taz kultur nord

https://www.taz.de/!5504844/

 

 

 

Amerika

 

Keine Dokumentation im üblichen Sinn. Einzig der Buchtitel selbst, »Amerika«, gibt Orientierung. Das Buch, im Hamburger Textem Verlag erschienen, aktiviert Erinnerungen, die im amerikanischen Kontext gespeichert sind. Aber muss »Amerika« deshalb in Amerika entstanden sein? Fragen über Fragen, die der in Hamburg lebende Künstler Carsten Rabe, Jahrgang 1975, auf intelligente Weise mit seinem Band auslöst. Am Ende der Lektüre könnte es gut sein, dass der Betrachter mehr über sein eigenes Bild von Amerika weiß als über die Wirklichkeit. Und ja, da ist sie schon, die nächste Frage: Was eigentlich ist Realität, was Fiktion?

 

Carsten Rabe: »Amerika«

97 Abbildungen

205 x 275 mm, 184 Seiten

Geprägter Leineneinband, Kapitelbändchen rot, Fadenheftung

Mit Texten von Nina Lucia Groß und Martin Kreyßig

ISBN: 978-3-86485-184-1 

Textem Verlag, Hamburg 2017, 39 Euro

 

Informationsdienst Kunst, Mai 2018

 

 

Den Kopf extra weit nach oben recken

 

Von Basketball bis Kühlschrank: Der Kieler Medienwissenschaftler Christian Huck stellte am Samstag seine mit großer Entdeckerfreude verfasste Studie „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam“ im Acud vor

 

Die Bar „Hamburg-Amerika“ am Spielbudenplatz im Stadtteil St. Pauli bot zu Anfang des 20. Jahrhunderts nichts als Neuerungen. Nie zuvor hatten Gäste in Deutschland Cocktails trinken und für so wenig Geld eine Tasse Kaffee kriegen können, und das auch noch rund um die Uhr. 

Hier konnten sie ihre gesellschaftliche Stellung draußen vor der Tür warten lassen, um drinnen mit Vertretern sämtlicher Schichten feuchtfröhlichen Klassenverrat zu begehen. Was hier stattfand, veranlasste Christian Huck, Professor für Kultur- und Medienwissenschaften in Kiel, zu untersuchen, „wie die Populärkultur nach Deutschland kam“. In seinem gleichnamigen, im Textem Verlag erschienenen und am Samstagabend im Acud vorgestellten Buch beschreibt Huck diese Populärkultur sinngemäß als Möglichkeit, die überall dort beginnen konnte, wo Berufsausübung und die Erfüllung familiärer Pflichten endeten. Die Besucher der Hamburg-Amerika-Bar lieferten ihm ein sprechendes Beispiel. Denn es handelte sich zumeist um junge bis nicht mehr ganz so junge, unverheiratete Männer, die hier hocherfreut ein Medikament gegen Einsamkeit und damit einen Einstieg in die Gegenwart fanden. Doch außerhalb der Bar meldeten sich auch wenige begeisterte Stimmen, die nicht eingeschüchtert klingen, sondern als seriöse Bedenkenträger anerkannt werden wollten.

Um zu zeigen, wie sie sich anhörten, verweist Huck auf die „Soziologie der Geselligkeit“, wie sie der Soziologe Georg Simmel entwarf. Für Simmel bot die schiere Anwesenheit anderer Menschen in einem vielbevölkerten Schankraum eben nicht die Aussicht, an den besten Unterhaltungen ihres Lebens teilzunehmen, sondern drohte im Gegenteil, „die … Geselligkeit (zu) zerstören“. Es gehört zu den schönen Verdiensten des von Huck mit großer Entdeckerfreude geschriebenen Buchs, herauszuarbeiten, wie Klemmigkeit und Überschwang im selben Moment aufeinanderprallten. Der Autor zeigt an vielen Beispielen, vom Basketball in der Universitätsstadt Bamberg über die auf dem Cover einer Satirezeitschrift Saxofon spielende, von Masken lechzend begaffte Josephine Baker bis zu US-Serien im Fernsehen der DDR, wie angloamerikanische Kultur sich verbessern oder unterhaltsamer werden ließ. Amerika unterbreitete Vorschläge, bis manche Europäer das Abendland untergehen sahen.

Den Höhepunkt der Veranstaltung im Acud erreicht Christian Huck, nachdem er einige dieser von ihm gesammelten transatlantischen Geschichten gelesen hatte. Nun steht er vom Lesetisch und von seinem Laptop auf, legt den gelben Pullover ab und lädt die Anwesenden im T-Shirt ein, durch die Lösung eines auf der Leinwand hinter ihm gezeigten Bilderrätsels einen Songtitel zu erraten.

Was jetzt passiert, ist absolut verblüffend. Etliche erwachsene Menschen verlieren in bester Absicht jede Contenance. Sie entdecken wieder das Spielkind in sich und denken sehr laut darüber nach, auf welches Lied die abgebildete Frau, die einen leer geräumten Kühlschrank abtaut, wohl verweisen mag. Schließlich ruft einer: „Uptown Girl!“ Mit dieser Demonstration von Populärkultur gewinnt Huck mithilfe des selbstverständlich US-amerikanischen Songwriters Billy Joel sämtliche Sympathien.

Im Gespräch danach berichtet er von den Geschichten, die es nicht in sein Buch geschafft haben. „Eine dreht sich ums Essen“, sagt Huck. „Ein Restaurantbetreiber reiste auf der Suche nach Verbesserungen seines Geschäftsmodells nach Amerika. Zur Ausbildung seiner Kellner gehörte, den Blick gen Boden zu richten, sobald sie sich Gästen näherten. In Amerika erlebte er dagegen Kellner, die die Umsätze nach oben trieben, indem sie den Kopf extra weit nach oben reckten.“

Für einen weiteren Band zur Populärkultur dürfte es Huck demnach kaum an Material fehlen.

 

Christian Huck: „Wie die Populärkultur nach Deutschland kam: Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert“.

Textem Verlag Hamburg, 2018,

320 Seiten, 24 Euro

 

Kristof Schreuf, taz Berlin 7. Mai 2018

 

 

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme

 

Nicht an einem Supplement zum Siegeszug der schwachen Stimme in der Popmusik versucht sich der Kultur- und Medienwissenschaftler und Musiker Andi Schoon in seinem Erzählband, sondern er wirft in vier Geschichten kühl erzählte Schlaglichter auf durchschnittlich verstörende Biografien. An seinem letzten Arbeitstag bei einer Consulting-Firma in Berlin-Mitte bemerkt der weltentrückte Waldgänger Alois Paschen, dass der zu ihm sprechende preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz nicht wirklich von seinen Kolleginnen verstanden wird. Auch die Medienkünstlerin Sarah Tobler, eine typische Vertreterin des neuen Kleinbürgertums, stellt bei einem gemeinsamen Käsefondue-Essen mit anderen Schweizer Expats in der Hamburger Diaspora fest, dass die verschiedenen schizophrenen Stimmen nicht mehr exklusiv, sondern zu dominanten Selbst-Techniken geworden sind.

Der Berner Theologe und Ordinarius für Homiletik Konrad Bruckner hält im Berner Münster eine Musterpredigt zum Römerbrief, in der es ihm gelingt, die Widersprüche zwischen Freiheit und Unterworfensein über Karl Barths dialektische Theologie ins Lot zu bringen. Für seine langjährige Freundin, die in Indien an der Botschaft arbeitet, ist all das zu glatt. Wie die anderen Figuren bewegt sie sich in einem geschlossenen Kreis. Ihr Problem: das „Volk“, das sie von den Populisten „verführt“ sehen. Baptiste, der Kunsthallenleiter, erkennt die Künstlichkeit dieser Welt, zerstört die Installationen in seiner Kunsthalle und flieht dann in eine noch geschlossenere Welt, in die Psychiatrie. Andi Schoon versteht es, in diesen unaufgeregten Miniaturen in sympathisch-hellhöriger Weise den schwachen Stimmen in einer Zeit der Latenz auf die Spur zu kommen.

Pascal Jurt, Spex, Mai 2018

Andi Schoon: Die schwache Stimme, Textem Verlag 2018 ·  120 Seiten ·  14,00 Euro ISBN: 978-3-86485-189-6 

 

 

 

Imprint (Jungle World, 5. April 2018)

 

Auszug aus Christian Huck: »Wie die Populärkultur nach Hamburg kam« in der Jungle World. Das Buch erscheint im Mai 2018.  

Wie die Populärkultur nach Deutschland kam. Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Christian Huck 

Broschur, ca. 250 Seiten 

Format ca. 16 x 24 cm mit zahlreichen Abbildungen

978-3-86485-187-2 

24 Euro 

Erscheint Frühjahr 2018

http://www.textem.de/index.php?id=2879

 

 

 

Der Predigtplan empfahl

 

Jonis Hartmann, 4.4.2018 Fixpoetry 2018

 

Frisch ist bei Textem eine kurze Erzählung Die schwache Stimme von Andi Schoon erschienen. Die griffige Buchgestaltung erinnert an Diskursbücher der 60er, der Inhalt greift an derselben Stelle an. Obwohl er alles auserzählt und nicht unbedingt stilistische Wunder bemüht, schafft es Schoon, aus seinen vier Diskurs-Marionetten, irgendwo im Post-...beheimatet, eine durchgehend spannende, anregende Lektüre ihrer krud-singulären bis eitlen, aber vor allem insgesamt hilflosen Geisteswelten zu kreieren. Der üble Wirtschaftler, die Medienkünstlerin, der Musik-Anthropologe und der Theologe wanken durch ihren Alltag, beziehungsweise ihre Alltagsfuge und lassen keine Theorie, der sie sich jeweils verschrieben haben, schadlos. Sie hören und horchen, regen sich auf und diskutieren sich weg. Am Ende bleibt die Ahnung von etwas, das mit Aufhebung zu tun haben könnte. Oder Schwachsein an sich.

Besonders gelungen ist der Part um das Interview mit dem alternden Paul Bowles in Tanger. Es wird wiedergegeben, als ob es sich tatsächlich so ereignet hätte. Bowles, der natürlich ein großer Schriftsteller und zuvor Komponist war, dessen Werken in Marokko aber mehr als zwielichtig zu sein scheint, ein Imperialist seiner selbst scheint's, durchbricht alle Theorien mit einer stoischen Selbstvergewisserung selbst im Angesicht härtester Vorwürfe, die wohl stellvertretend für die Kreativität im Zeitalter der Post in Bezug auf die Quellennutzung fremden (Geistes-) Materials stehen könnten.

Sehr schön an dem Band ist die Typographie, die mal dienend, mal forcierend den Inhalt begleitet. Auch das Übertreten der Erzählregeln durch Schoon macht an dieser Stelle Spaß. Natürlich ist er sich allem bewusst, und die Verknüpfungen à la "schauen wir mal, was der Anthropologe Dieter Ganske dazu sagt..." heben die potentielle Schwere des Erzählten zurecht auf.

»Und ich sage Ihnen noch einmal: Für korrekte und ausgewogene Darstellungen bin ich nicht zuständig. Ich bin Schriftsteller, ich schreibe, was ich will. Das ist mein einziges Privileg. Jetzt beruhigen Sie sich und trinken Sie Ihren Tee. Ich habe heute interessante Post bekommen.«

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme, Textem Verlag 2018 ·  120 Seiten ·  14,00 Euro ISBN: 978-3-86485-189-6 

 

 

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme

 

Andi Schoon kann schreiben, das will ich gleich vorweg stellen. Man liest das Buch in Nullkommanichts, und dabei ist es kein Krimi- oder Fantasy- oder Liebesschmöker. Ich betone das deshalb, weil gut geschriebene Bücher gar nicht so häufig sind, wie man denkt. Die äußere Gestaltung passt kongenial dazu: viel Schwarz mit invertierter Kritzelei, mutwillig vielleicht drei Viertel des Covers bedeckend – nicht mehr –, das macht Freude, das hat schon dieses Suhrkamp-Feeling, das man gleich etwas ganz Tolles zu lesen bekommt.

Und wie gesagt: Der Text ist toll zu lesen. Auch wenn er mir ein wenig wie eine Stilübung vorkommt, ein hastiger Entwurf von Figuren, die Szenarien und Denkprobleme der heutigen Zeit durchspielen sollen (und können). Man kann es ja auf der Buchrückseite lesen: Alois Paschen, Sarah Tobler, Dieter Ganske, Konrad Bruckner werden in vier Miniaturen zum Leben erweckt in ihren jeweiligen speziellen lebensweltlichen und soziologischen Kontexten. Paschen reibt sich an der neuen Zeit, Tobler an der Sättigung, am Rückzug ins Biedermeierliche. Auch Ganske und Bruckner müssen sich auseinandersetzen mit sich selbst und den Dingen um sie herum. Die meiste Zeit gelingt das den Figuren auch glaubhaft. Immer wieder aber kippen die Erzählungen gefühlt in eine Auseinandersetzung der Autorenfigur mit der Welt, ein sprachliches Durchdeklinieren von verschiedenen Lebensmodellen. Die Paschen, Tobler und Co. sind dann eher Vehikel, Sparringspartner, Pappkameraden. 

Mir persönlich hat das Buch gerade dort gefallen, wo die Figuren lebendig werden, wo eine Art von Zorn, ein vitalistischer Ansatz überwiegt. Der wütende, leidende Paschen, die schmollende, unzufriedene, unsichere Tobler – diese Miniaturen haben mich direkt mitgenommen. Etwas weniger wurde es bei Ganske (hier fängt für mich aber die flirrende Welt Marokkos vieles auf), Bruckner erschien mir endgültig gefangen im Klein-Klein einer imaginierten, deutlich theoretisierten Lebenssituation (wobei der Text gerade hier in sich auf eine stärkere Lebenswirklichkeit von Bruckners Schaffen abzielt). 

Um das Ganze zusammenzufassen: Vier Bruchstücke, Bewusstseinssplitter, nehmen sich die Zeit und die in ihr vorkommenden Menschen vor. Das gelingt in einem Text, der sich nur so runterliest. Es gibt Verknüpfungen zwischen den einzelnen Textstücken, die man aber auch hätte aussparen können. Es gibt – natürlich – kein richtiges Ende, am ehesten einen sphärischen Hauch mit Rückbezug zum Buchtitel. Ich hätte mehr lesen können und wollen von Paschen, Tobler und Co. Aber da haben wir wieder den Volksmund: Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Auch das ist in diesem Buch eines von Andi Schoons aufscheinenden Talenten.

 

Andi Schoon: Die schwache Stimme, Textem Verlag 2018 ·  120 Seiten ·  14,00 Euro ISBN: 978-3-86485-189-6 

 

Dieser Beitrag wurde unter Wöllecke liest abgelegt am 4. April 2018

 

 

Ted Serios – Serien

Romeo Grünfelder (Hrsg.)

Ted Serios – Serien

Hamburg: Textem Verlag, 2016

ISBN 978-3-941613-46-1, 563 Seiten, € 38,00

Rezensent:
Eberhard BAUER

»‚Thougthographic‘ Studies of an Extraordinary Mind“ lautete der Untertitel des Buches The World of Ted Serios, das der Denver Psychiater und Psychoanalytiker Jule Eisenbud (1908–1999) 1967 veröffentlichte (Eisenbud, 1967a). Darin schilderte er seine Untersuchungen, die er im Zeitraum zwischen Mai 1964 und Juni 1967 mit Ted Serios (1918–2006) – »a hard-drinking Chi-

9 Dipl.-Psych. Eberhard Bauer studierte Psychologie, Philosophie und Geschichte in Tübingen und Frei­burg; er ist Mitglied des Vorstands des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psycho hygiene e.V. in Freiburg i. Br. und arbeitet als IGPP-Forschungskoordinator. Zudem ist er seit 1970 Redakteur und seit 1980 Mitherausgeber der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie.


Rezensionen                                                                         361

cago bellhop“ – durchgeführt hatte. Dieser hatte während jener Jahre innerhalb und außerhalb der parapsychologischer Forschungscommunity mit seiner „außergewöhnlichen“ Behauptung für erhebliches – und kontroverses – Aufsehen gesorgt, er könne Bilder seiner Vorstellungswelt „direkt“ auf die Filme einer automatisch entwickelnden Polaroidkamera „projizieren“ resp. sichtbar werden lassen, daher „Gedankenbilder“ oder „Psychofotos“. In einer autobiographi­schen Skizze schreibt Eisenbud, dass seine Begegnung und die Arbeit mit Ted Serios für ihn zu einer „weltbilderschütternden“ Erfahrung wurde. „Das typische Serios-Phänomen“, so schildert Eisenbud eine wiederkehrende Versuchssituation mit Ted Serios,

war die Produktion eines fotoähnlichen Bildes, das mehr oder weniger vollständig die Fläche des Polaroidabzuges ausfüllte. Das Ungewöhnliche des Bildes pflegte darin zu liegen, dass die aufgenommene Struktur oder Szene von derjenigen verschieden war, auf die die Kamera gerichtet war, wenn sich der Verschluss zur Belichtung öffnete. Filme und Kameras wurden von den Untersuchern gestellt und vor, während und nach einer Versuchsaufnahme hinreichend kontrolliert und beobachtet: somit bestände die einzige Art und Weise, wie das Serios-Phänomen unter normalen Bedingungen zustande kommen könnte, darin, dass Licht von einer außerhalb gelegenen Quelle durch eine Hilfslinse und einen Mikrofilm fällt (oder von einer Mikrokopie reflektiert wird), die nahe genug vor die Kameralinse gehalten wurden, um den Bildrahmen auszufüllen, ohne dass Teile der tatsächlichen Umgebung abgebildet wurde.“ (Eisenbud, 1974: 37)

Aus Anlass des 10. Todesjahres von Ted Serios hat nun Romeo Grünfelder10 einen Sammel­band zusammengestellt und mitverfasst, der aus sieben Aufsätzen unterschiedlicher Qualität und Provenienz besteht. Besonders hervorzuheben ist in jedem Fall der umfangreiche Bildteil (S. 157–507), der aus „neun Serien mit Einzelbildern [Polaroids, EB] aus verschiedenen Sitzun­gen [zwischen 1965 und 1967, EB] sowie unveröffentlichte[m] Bild- und Datenmaterial“ besteht (Vorwort, S. 10) – ohne Zweifel das dokumentarische (und wertvolle) Kernstück dieses Bandes.11

Das „Vorwort“ des Herausgebers (S. 7–25) gibt einige Basisinformationen zur Rezeption des Ted-Serios-Phänomens, erwähnt die Verdienste von Stephen Braude12 zur Rettung des Eisenbud-Nachlasses und dessen Überführung in die Albin O. Kuhn Library & Gallery der University of Baltimore County (UMBC) unter Leitung des Chefkurators Thomas Beck (S.

10 Grünfelder, Jahrgang 1968, stellt sich – laut Klappentext – vor als „Autor und Filmemacher, Ausbil­dung zum Tischler, Studium der klassischen Musik, Medienphilosophie und Visuelle[n?] Kommuni­kation bis 2001 u. a. bei Bernhard Johannes Blume“.

11 In seinem Vorwort (S. 17) bedankt sich der Herausgeber bei der Rudolf-Augstein-Stiftung sowie der Kulturbehörde Hamburg für eine großzügige finanzielle Unterstützung.

12 Braude, ein guter Bekannter Jule Eisenbuds, ist emeritierter Professor der Philosophie. Zu seinen be­sonderen parapsychologischen Forschungsinteressen gehören Makro-PK-Phänomene; vgl. die gut in­formierende Übersicht über die Ted-Serios-Phänomenologie bei Braude, 2007: 107–126). Darin wird auch die Rolle von Andreas Fischer (IGPP Freiburg) bei der Konservierung des Eisenbud-Nachlasses explizit erwähnt (vgl. Braude, 2007: 125f.).


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16f.). Von dort stammt das in diesem Band reproduzierte fotografische Material. Diskutiert wird weiter die bekannte „Gimmick-Hypothese“— die bis heute kursierende Auffassung von der versteckten Mikrolinse im „Gismo“, also der ominösen kleinen Papierröhre, die Ted zur Produktion seiner „Psychofotos“ offenbar benötigte und in der Kontroverse mit den dama­ligen Kritikern, auch in Deutschland, eine entscheidende Rolle spielte (S. 21f.).13 Grünfelder will sich mit diesem Band auf die „Darstellung einer These“ beschränken, „deren Erforschung sich Institutionen, selbst die, die es als ihre Aufgabe sehen, Parapsychologie als Wissenschaft zu etablieren, nicht widmen können“ (S. 17). Ist dem so? Ich komme später darauf zurück. Es schließen sich zwei faksimilierte Artikel aus der populär gehaltenen amerikanischen Zeit­schrift FATE an – einmal Pauline Oehlers bereits 1962 erschienener ‚Pionier‘-Beitrag über die „psychic photography of Ted Serios“ (Oehler, 1962) und schließlich Exzerpte von Eisenbuds damals gerade publiziertem Buch über Ted Serios (Eisenbud, 1967b). Peter Geimers fotografie­geschichtlicher Beitrag „Sichtbar / Unsichtbar. Kritik einer Zweiteilung“ (S. 69–78 – ebenfalls ein Nachdruck14 – geht auf die „Fotografie des Unsichtbaren“ ein und erläutert die Attraktion, die diese Technik gerade bei der Entstehung von Spiritismus und Okkultismus Ende des 19. Jahrhunderts gespielt hat (S. 77). Romeo Grünfelder ist mit einem weiteren Beitrag „Moment mal“ (S. 79–94) vertreten, der wohl aus „medienphilosophischer“ Sicht geschrieben ist und der Frage nachgeht, wie die zeitliche Abfolge der Polaroid-Bildproduktion Ted Serios’ strukturiert ist – sind die Motive „eingefroren“ oder zeichnet sich eine Dynamik ab?

Philip Dubois’ Beitrag „Die Fotografie als Spur eines Wirklichen“ (S. 95–108), auch ein Nachdruck, bietet im Anschluss an Barthes und Pierce theoretische Überlegungen, was der „indexikalische Status der fotografischen Bildes impliziert“ (S. 106). Nun ja. „Dalli klick“ (S. 109–141), wiederum aus Grünfelders Feder, behandelt Eisenbuds Hypothesen, wie denn Ted Serios’ Sofortbilder zustande kämen – „als Gedanke, als Traumbild, als Erinnerung, als Repräsentation eines präkognitiv wahrgenommenen Zielbilds als auch des plumpen Betrugs“ (S. 132f.), das Ganze freilich „jenseits von Authentifizierungsobsessionen und relativierender Wissenschaftsfolklore“ (S. 125).15

Aus Peter Geimers Buch (siehe oben) folgt ein weiterer Exzerpt unter der Überschrift „Mischungen von Fakt und Artefakt“ (S. 143–156), in dem an interessanten Beispielen aus der Fotografiegeschichte, z. B. an der Entdeckung der Röntgenstrahlung, aufgezeigt wird, wie ungewiss diese Grenze Ende des 19. Jahrhunderts verlaufen ist: „Ob die fotografische Platte also

13 Siehe dazu exemplarisch das Kapitel „Psychofotografie“ bei Prokop & Wimmer (1987: 29–137) oder die Ausführungen von James Randi in dessen Buch Flim-Flam! (Randi, 1982: 222–227).

14 Zuerst erschienen in Peter Geimer: Bilder aus Versehen (Geimer, 2010), nicht 2016, wie S. 69, Fußnote 1, angegeben.

15 Grünfelders dazugehörende Fussnote 43 bezieht sich auf einen Vortrag von mir, in dem ich einen Film der Medienwissenschaftlerin Rebecca Baron Detour de Force (2014) im Kontext der parapsychologi­schen Forschung vorstelle und zu dem eher „ethnographischen“ Zugang bemerke, man erhalte „einen zeithistorisch wertvollen Einblick in die sozialen und wissenschaftlichen Kontexte, die in den 1960er­Jahren auf der Suche nach dem ‚Außergewöhnlichen‘ dominierten“.


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Entdeckungen oder Kontaminationen, Stoff für einen Nobelpreis oder Anlass zur Reklamation hergaben, war nicht auf Anhieb zu entscheiden“ (S. 154). Es folgt der bereits oben erwähnte extensive Bildteil, wobei der Herausgeber die Strukturen der reproduzierten„Serien“ dankens­werterweise in verschiedene Kategorien unterteilt, z. B. in „Motive“, „Fehl-“ oder „Doppelbe­lichtungen“, „‚Blackies‘“, „‚Whities‘“ und dergleichen. Besonders interessant sind die Repro­duktionen der Einzelbildsequenzen des Fernsehexperiments in den KOA Television Studios von 1967. Der Kulturwissenschaftler Bernd Stiegler steuert noch eine „Kleine Geschichte der Gedankenfotografie“ (S. 509–517) bei mit Hinweisen auf die bekannten „Fluidalfotografien“ von Albert de Rochas, Louis Darget und Hippolyte Baraduc – Thema zahlreicher einschlägiger Ausstellungen seit Mitte / Ende der 1990er-Jahre –, und der Band endet mit einer Auswahl von Faksimiles von “Zeugenerklärungen“ (S. 519–524) und „Session-Protokollen“ (S. 525–551).

Zweifellos liegt die besondere Stärke dieses Bandes in seiner Dokumentation des fotogra­fischen Primärmaterials des Ted-Serios-Phänomens, und dem Herausgeber ist zu danken, dass er dieses Material nun der Öffentlichkeit in ansprechender Form zugänglich gemacht hat. Die Hauptquelle, auf die sich Grünfelder bei seinen Ausführungen durchgehend stützt (S. 9), ist die 1975 unter dem Titel Gedankenfotografie erschienene deutsche Übersetzung von Eisenbuds Buch (Eisenbud, 1975),16 die auf Initiative von Prof. Hans Bender (1907–1991), dem Gründer des Freiburger „Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V.“ (IGPP) zustande kam; die Übersetzung wurde größtenteils von der Psychologin Christa Lübke, einer damaligen Mitarbeiterin am IGPP, besorgt. Ein Live-Experiment zur „Gedankenfotografie“ wurde 1967, ebenfalls einem Hinweis Benders auf Eisenbud folgend, in Denver von dem Ber­liner Dokumentarfilmer André Libik im Rahmen eines Fernsehfilmes An den Grenzen der Ver­nunft (Sender Freies Berlin) gedreht und 1968 bei der 11. Jahrestagung der „Parapsychological Association“ an der Universität Freiburg einem internationalen Publikum vorgestellt; Eisenbud, persönlich anwesend, hat sich an einem Rundgespräch, in dem der Film Thema war, beteiligt.17 Auch Benders populäres Sachbuch Unser sechster Sinn, 1971 erschienen, widmet den „Psycho­kinetische Photographien?“ einen Abschnitt (vgl. Bender, 1971: 98, 106–108).18 Ich erwähne diesen historischen Kontext auch deshalb, weil sich in Grünfelders Ausführungen stellenweise eine merkwürdige Ambivalenz in Bezug auf die Rezeption des Ted-Serios-Phänomens im

16 Eisenbud hat 1989 noch eine zweite Auflage seines Buches veröffentlicht, die einen aufschlussreichen „Epilogue“ (Eisenbud, 1989: 217–233) enthält, aber von Grünfelder, soweit ich sehe, nirgends erwähnt wird.

17 Vgl. Rundgespräch: Psi – Psyche – Materie. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, 11, 1968: 132–142. Beteiligt an dem Rundgespräch war auch der Münchner Naturphi­losoph Anton Neuhäusler (1919–1997), der in der genannten Zeitschrift ein ausführliches Referat zu Eisenbuds Buch veröffentlichte (vgl. Neuhäusler, 1970: 26–41) und darin bereits viele Aspekte des vorliegenden Sammelbandes vorwegnimmt.

18 Vgl. die Abbildungen des Live-Experiments mit dem Berliner Fernsehteam bei Bender, 1971: 109– 111. Bender bemerkt bei seiner Darstellung selbst an: „Ein gedrängter Bericht ist in Gefahr, es [das Phänomen Ted Serios] unglaubhaft erscheinen zu lassen“ (S. 108).


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deutschsprachigen Raum bemerkbar macht, insbesondere was die Rolle von Prof. Bender und der parapsychologischen Forschung allgemein betrifft – als habe sich Bender das Aufsehen um das Ted Serios-Phänomen als „public relation“ quasi unter den Nagel gerissen „unter genutzter Nähe zu positiv besetzten, medienwirksamen Parametern“ (S. 18) – was immer das heißen mag.

Zunächst ein Hinweis auf einen schlichten Übersetzungsfehler: Eisenbud war natürlich kein „Ehrenmitglied der Amerikanischen Gesellschaft für Physikalische Forschung (ASPR)“ (Vor­wort S. 8), sondern der „American Society for Psychical Research“, die 1885 nach dem Vorbild der britischen „Society for Psychical Research“ (= Psychische Forschung) gegründet wurde, wobei die SPR auf eine ungebrochene Forschungstradition zurückblicken kann und heute gut aufgestellt ist (siehe unten). Auch bleibt unerfindlich, warum Grünfelder das ihm bekannte IGPP hartnäckig als „Institut für Parapsychologie und Psychohygiene“ (z. B. S. 12, Fußnote 11, S. 86) bezeichnet, obwohl Bender sehr wohl sachliche Gründe hatte, von „Grenzgebieten der Psychologie“ zu sprechen.19

Dies setzt sich fort in schlichter Desinformation, über deren Gründe man nur spekulieren kann: Auf Seite 16 schreibt Grünfelder folgendes: Eisenbud hätte „den damaligen parapsy­chologischen Institution“ [sic!] misstraut, weil „[es] denen nicht gelang, stabile finanzielle wie administrative Verhältnisses ihrer Forschungseinheiten [?, EB] zu etablieren um damit ihren eigenen Fortbestand zu sichern (...) sowie fehlender wissenschaftlich überzeugender Strategien zum Nachweis paranormaler Phänomene, was sich mit wenigen Ausnahmen [!, EB] bis heute nicht wesentlich geändert hat.“ Die Logik ist schwer nachvollziehbar: Offenbar gibt es nun doch einige, wenn „auch wenige“ Forschungsstrategien (immerhin!), mit denen sich paranor­male Phänomene „wissenschaftlich überzeugend“ nachweisen lassen, was, schau an, mit Etzel Cardeñas kürzlich erschienenem Positionspapier im American Psychologist in völligem Ein­klang steht (vgl. Cardeña, 2018). In seiner Fußnote 18 auf der gleichen Seite fährt Grünfelder fort: „In Deutschland führte dieser Umstand [nämlich fehlende Evidenz trotz vorhandener Evidenz, EB] bspw. zur Schließung des einzigen damaligen deutschen Lehrstuhls für Parapsy­chologie der Universität Freiburg im Jahr 2001.“ Das ist gleich doppelt verkehrt: Es hat von der Denomination her nie einen „Lehrstuhl für Parapsychologie der Universität Freiburg“ gegeben, sondern einen „Lehrstuhl für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie“ (mit angeschlos­sener gleichnamiger Abteilung am Psychologischen Institut), und dieser wurde auch nicht 2001 geschlossen, sondern bereits 1998 mit der Emeritierung von Benders Nachfolger, nämlich Prof. Johannes Mischo, der 2001 71-jährig gestorben ist. Grund war auch nicht die angebliche „Dürftigkeit“ des parapsychologischen Forschungsstandes, wie Grünfelder insinuiert, sondern die schlichte Tatsache, dass die damalige Diplomprüfungsordnung für Psychologie die Einrich­tung des Faches „Pädagogische Psychologie“ vorsah und damit für die Psychologieausbildung wichtiger war.

19 Dass man „Telepathie“ und nicht „Telephatie“ schreibt, dass Benders Buch 1971 und nicht 1970 er­schienen ist, dass Thomas von Randow (der Vater) und nicht Gero von Randow (der 1953 geborene Sohn) 1975 mit Bender über angebliche „Schlampigkeiten“ im Spuk-Fall Rosenheim debattierten – Schwamm drüber! Tja, Schlampigkeiten ...


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Grünfelder erwähnt die 1988 erfolgte Schließung des Parapsychologischen Labors an der Universität Utrecht. Diese hing freilich nicht inhaltlich mit dem Thema „Parapsycholo­gie“ zusammen, sondern mit der Tatsache, dass als Resultat von Sparmaßnahmen ungefähr die Hälfte der Institute der damaligen Sozialwissenschaftlichen Fakultät geschlossen wurde. Umgekehrt scheint Grünfelder völlig entgangen zu sein, dass seit Mitte der 1980er-Jahre mit der Einrichtung der „Koestler Parapsychology Unit“ (KPU) an der Universität Edinburgh die akademische Integration parapsychologischer Forschungsthemen eine Blütezeit erlebt (vgl. z. B. Watt, 2016).

Grünfelders Dilemma scheint darin zu bestehen, dass er auf der einen Seite von Ted Serios’ „Psychofotos“ wohl seit Jahren fasziniert ist, aber auf der anderen Seite nicht genau weiß, wie er sein Interesse – angesichts existierender „Diskurshoheiten“ (S. 18) – artikulieren und positio­nieren soll. Daraus resultieren eigentümlich verschlungene Wortgirlanden (Beispiele S. 138~.), die den Leser etwas ratlos zurücklassen. Sie scheinen eher der Drapierung des Autors zu dienen, denn zur Erhellung der „Psychofotografie“ Ted Serios’ beizutragen. Dass dem Paranormalen eine „ästhetische Dimension“ eingeschrieben ist, ist, mit Verlaub, eine Binsenweisheit. Erst die „Schärfe“ einer empirisch herausgearbeiteten Anomalie – Aufgabe einer kritisch reflektierten Anomalistik – bereitet das fluide Feld einer ästhetischen Reflexion.20

Literatur

Bender, H. (1971). Unser sechster Sinn: Telepathie, Hellsehen und Psychokinese in der parapsychologi­schen Forschung. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt

Braude, S. (2007). The Gold Leaf Lady and other parapsychological investigations [darin: “The thoughtography
of Ted Serios: A postscript”, pp. 107–126]. Chicago & London: The University of Chicago Press.

Cardeña, E. (2018). The experimental evidence for parapsychological phenomena: A review. American Psychologist, 73(5), 663–677. doi:10.1037/amp0000236

Eisenbud, J. (1967a). The world of Ted Serios: “Thoughtographic” studies of an extraordinary mind. New York: Morrow.

Eisenbud J. (1967b). The world of Ted Serios. Fate, 20(205), 30–53.

Eisenbud, J. (1974). Gedanken zur zur Psychfotografie und Verwandtem. In E. Bauer (Hrsg.), Psi und Psyche: Neue Forschungen zur Parapsychologie. Festschrift für Hans Bender (S. 37–44). Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

Eisenbud, J. (1975). Gedankenfotografie: Die PSI-Aufnahmen des Ted Serios. Mit einem Vorwort von Hans Bender. Freiburg i. Br.: Aurum.

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Eisenbud, J. (1989). The world of Ted Serios: “Thoughtographic” studies of an extraordinary mind (2nd ed.) [vgl. besonders “Epilogue”, S. 217–233]. Jefferson, NC: McFarland.

Geimer, P. (2010). Bilder aus Versehen: eine Geschichte fotografischer Erscheinungen. Hamburg: Philo Fine Arts.

MacWilliam, S. (2017). An answer is expected. Washington, DC: Connersmith.

Neuhäusler, A. (1970). Die „Psychofotos“ des Ted Serios. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, 12, 26–41.

Oehler, P. (1962). Psychic photography of Ted Serios. Fate, 15(153), 67–82.

Pilkington R. (Hrsg.). (1987). Men and women of parapsychology: Personal reflections. Jefferson, NC: McFarland.

Prokop, O., & Wimmer, W. (1987). Der modern Okkultismus. Stuttgart: Fischer. Randi, J. (1982). Flim-Flam! Amherst, NJ: Prometheus Books.

Watt, C. (2016). 1985–2015: Celebrating 30 years at the Koestler Parapsychology Unit. Mindfield, 3(7), 92–96.

 

 

LEICA-NEWS

 

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