Autoren / Künstlerin

 

Helene Appel

 

Anna-Catharina Gebbers

 

Bettina Ruhrberg

 

 

 

www.dorotheaschlueter.com

 

Inhalt

 

(...) Am Anfang stand für Helene Appel zunächst ein formales Interesse: Netze setzen sich aus einer Vielzahl immer gleicher Einzelmaschen zusammen, deren individuelle Kontur sich jedoch jeweils anders ausprägt. Selbst bei einem ordentlich ausgelegten Netz gleicht eine Masche nie der anderen. In Bewegung gebracht fließt das Netzwerk allerdings geradezu gruppendynamisch und die Maschen verhalten sich zueinander wie der Schwarm Fische, der mit dem Netz gefangen werden soll. Diese sonderbare Spiegelung setzt sich in der Rezeption der Werke fort: Der Blick verfängt sich in den Maschen – die interessante Oberfläche fängt den Betrachter ein. Das kaum fassbare Volumen der Fäden entspricht dabei der zweidimensionalen Abstraktion eines gezeichneten Striches. Insbesondere das feine Gewebe der Nylonnetze legt sich so dünn und zart auf die braune Leinwand, dass man es fast übersehen könnte und es je nach Perspektive wahrlich unsichtbar wird. Tritt man an die Leinwand heran, sieht man wie präzise und scharf das Gewebe gemalt ist. Das Maschenwerk selbst wird für das Auge mit dem Näherkommen immer ungegenständlicher; es erzeugt beim Betrachter die aus der Op-Art bekannten irritierenden optischen Effekte und die Vorstellung von Bewegung. Dabei entsprechen die Größenrelationen der abgebildeten Netze – wie alle Bildgegenstände von Appel – der Realität.

 

Das verführerische Spiel der Oberfläche im Werk von Helene Appel zeigt die Aussagekraft des Inszenatorischen in der Kunst: Die Oberfläche ermöglicht der Inszenierung, ihre eigene performative Realität zu erzeugen. Eine Inszenierung gestattet Behauptungen, die auf Wahrhaftigkeits- und Authentizitätsansprüche verzichten können. An die Stelle wissenschaftlicher Validität, Objektivität und Reliabilität treten die Schlüssigkeit und der Auftritt des Werks. Und genauso betreibt Helene Appel die Malerei: Sie ist ihr kein Mittel der analytischen Selbsterkundung oder der Unmittelbarkeit; Malerei ist für Appel eher ein Instrument zur Erprobung von Perspektiven und Situationen, die den Blick des Betrachters lenken. Die Geschichte der Malerei wird so zu einer Abfolge von Inszenierungsformen, die Helene Appel immer wieder spielerisch überprüft, in Frage stellt und in ihre eigene Praxis einfließen lässt.

 

Pfützen aus Kunstharz variieren das Schlagwort »Expanded Painting«: Durch eine spezielle Technik lässt Appel die Oberfläche sich wie Wellen kräuseln. Die Präsenz des Materials vermittelt zugleich Objekthaftigkeit und Assoziationen zu malerischen Aspekten wie dem Schimmern von Dammarharz. Und während Jackson Pollock meinte, durch seine Drippings das tradierte Tafelbild überwunden und eine neue Unmittelbarkeit zwischen seiner eigenen Empfindsamkeit und der künstlerischen Methode geschaffen zu haben, verbannt Helene Appel das Ausleben von Empfindungen ins Reich des Esoterischen. Anders als Pollock, der Malerei und Performance Art verschmelzen lässt, überlässt Helene Appel den Dingen die Bühne.

 

Appel kann die Dinge nur derart präzise malen, wie sie es tut, indem sie sie genau betrachtet und sich ihnen vollkommen aussetzt – und das ist schwer genug wie Hartmut Böhme in seiner dingtheoretischen Untersuchung des Fetischs beschreibt: »Die Dinge einfach auszuhalten, sich ihnen zu konfrontieren, sie durch alle Sinne auf uns wirken zu lassen, sie in ihrer primären Anwesenheit zu belassen und sie nicht gleich in Handlungskreise einzubauen oder rasch über sie hinzugehen, kurz: das Verweilen bei den Dingen, das weiter nichts will, als ihrer inne zu werden in einer Form gesteigerter Selbstaufmerksamkeit, ist nicht so leicht.«  Die Dinge beginnen durch Appels Fokussierung zu leben. Helene Appel tauscht ihre Aufmerksamkeit und ihre Arbeitskraft gegen die individuellen Besonderheiten, die ihr der gemalte Gegenstand im Laufe der Zeit, die sie sich ihm aussetzt offenbart. Für jeden Blick und jeden Pinselstrich, die sie ihrem Motiv widmet erhält sie im Austausch die Entdeckung einer weiteren seiner Eigentümlichkeiten. (...)

 

 

Auszüge aus einem Essay von Anna-Catharina Gebbers

 

Buch

 

Dieser Katalog erscheint aus Anlass der Vergabe des Kaiserringstipendiums 2011 an Helene Appel und der Ausstellung vom 30.09.2011 bis zum 15.01.2012

 

MÖNCHEHAUS

Verein zur Förderung Moderner Kunst e.V. Goslar

 

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Impressum

 

Herausgeber:

Mönchehaus Museum Goslar

 

Ausstellungskonzeption:

Helene Appel

 

Redaktion:

Nora Sdun

Bettina Ruhrberg

Khira Göing

Gudrun Kortlüke

 

Übersetzung:

Gethin Price

Malcolm Green, Berlin

 

Gestaltung:

Christoph Steinegger, Hamburg

 

Druck: Druckhaus Köthen

 

Textem Verlag, Hamburg, 2011, 20 Euro

 

Texte: Anna-Catharina Gebbers

Bettina Ruhrberg

 

ISBN 978-3-941613-81-2

 

Das Kaiserringstipendium wurde von der Stiftung Niedersächsischer Volksbanken und Raiffeisenbanken und der Volksbank Nordharz eG gefördert.

 

 

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