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09-11-05 10:18
Liebe in Zeiten der Mutation

VON: THOMAS VON STEINAECKER



Manchmal erscheinen auch die Gesichter der nicht infizierten Jugendlichen durch die starken Hell-Dunkel-Kontraste wie Fratzen potenzieller Psychopathen oder Mörder.
 
Charles Burns: Black Hole, Reprodukt Verlag 2005




Da sind sie. Sie lächeln. Ihr Blick geht in die Ferne. Schlägt man Charles Burns’ „Black Hole“ auf, ist man gleich auf der ersten Seite mit eben solchen Porträts konfrontiert, wie sie in den Jahrbüchern US-amerikanischer Colleges von Schülern zu finden sind. Manchmal unfreiwillig komisch, manchmal von einer Unschuld, die dem Betrachter ans Herz geht. Ist das Buch ausgelesen und ist man auf der letzten Seite angekommen, sind sie noch einmal abgedruckt, dieselben Gesichter – auf den ersten Blick. Aber sieht man genauer hin, hat sich etwas verändert. Manchen von den immer noch lächelnden Jugendlichen ist ein Kropf gewachsen, manche Gesichter sind über und über mit Auswüchsen bedeckt, Beulen und Warzen. Etwas muss geschehen sein mit den Porträtierten. Etwas Furchtbares.
 
Das Furchtbare heißt in „Black Hole“ immer nur „The Plague“. Es sind die 70er Jahre, eine typische US-amerikanische Vorstadt. Die College-Studenten freuen sich auf einen schönen Sommer. Eine nur scheinbar perfekte Oberfläche, hinter der sich Abgründe verbergen – Abgründe tief wie Schwarze Löcher. Denn seit kurzem grassiert unter den Jugendlichen eine Krankheit, die sich wie AIDS durch Körperflüssigkeiten, vor allem beim Sex, überträgt. Manchen Infizierten sieht man „The Plague“ kaum an, sie verbergen ihre Mutationen unter einem unscheinbaren Pflaster. Manche der Jugendlichen aber sind grauenvoll entstellt. Mindestens genauso beunruhigend ist jedoch, dass all das keinen zu beunruhigen scheint. Denn statt Gegenmaßnahmen zu ergreifen, ziehen sich die am schlimmsten Deformierten freiwillig in einen abgelegenen Wald zurück. Das ist das Setting. Was den drei Hauptfiguren dann aber auf den schätzungsweise 300 unpaginierten Seiten passiert, das liest sich vor allem als eine Coming-of-Age-Geschichte, die freilich genauso mutiert erscheint wie manche der Protagonisten. Denn einerseits ist „Black Hole“ ein bittersüßes Teenagerdrama um Liebesglück und –schmerz, andererseits eine knallharte Horrorgeschichte mit oft ziemlich ekligen Knalleffekten.
 
Dabei hat „Black Hole“ aber wesentlich mehr zu bieten als nur eine weitere Variante der Teenager-Horror-Dramen, wie sie Wes Craven in den letzten 20 Jahren ins Kino gebracht hat. Denn was „Black Hole“ zu einem herausragenden Beispiel einer Graphic Novel macht, das sind zum einen die kontrastreichen Schwarzweißbilder Burns’, auf denen die Darstellung der Figuren eine genaue Balance hält zwischen Lichtenstein’scher Glätte und expressionistischer Unheimlichkeit. Die komplexe Erzählweise findet wiederum ihre Entsprechung im innovativen Umgang mit der Aufteilung der Panels: Ereignisse in der erzählten Zeit, Träume und Rückblenden laufen manchmal simultan auf einer Seite ab, manchmal besteht die Seite aus einer Fülle von fragmentarischen Schock-Eindrücken, die sich, als Ganzes betrachtet, zu einem stimmigen Gesamtbild, einem Mosaik zusammenfügen. Andererseits lässt sich „Black Hole“ auch als parabelhafte Gesellschaftsanalyse lesen – die Mutationen der Teenager können für vieles stehen: den tabuisierten und sorgenlosen Umgang mit Krankheiten wie AIDS, das Faszinierende, d.h. also sowohl das Schöne als auch das Erschreckende, das mit Sex und Sexualität verbunden werden kann, und schließlich die Abgründe und Geheimnisse, die jeder Mensch so mit sich herumträgt. Manchmal erscheinen auch die Gesichter der nicht infizierten Jugendlichen durch die starken Hell-Dunkel-Kontraste wie Fratzen potenzieller Psychopathen oder Mörder.
 
Man mag in „Black Hole“ vielleicht nicht das Zeitdokument einer an der US-Westküste aufgewachsenen Seventies-Jugend sehen, als das es manchmal beschrieben wird: Außer einigen Hinweisen an der Mode und der Erwähnung von David Bowies damals neuem Album „Diamond Dogs“ erschließt sich nicht ganz, was ansonsten an Jugendlichen, die ständig Gras rauchen, Pornohefte lesen und mit Langeweile zu kämpfen haben, zeittypisch sein soll; vielleicht mag man sich auch an dem ein oder anderem plakativen Schockeffekt oder der unerklärlichen und daher unlogisch erscheinenden Selbstverständlichkeit stoßen, mit der die Eltern im Buch reagieren, wenn ihre Kinder „The Plague“ bekommen. Was die Komplexität der Erzählung, die Tiefe der Charaktere und die durchgehend grandiosen Bilder angeht, ist „Black Hole“ – woran Burns über zehn Jahre gearbeitet hat und das jetzt sowohl in einer Gesamtausgabe auf Englisch als auch in Einzelausgaben auf Deutsch, vorliegt – eine jener „Graphic Novels“, an der keiner, der sich für das Genre interessiert, vorbeikommt.
 
 
Charles Burns: Black Hole. Pantheon. (Englische Ausgabe)
Charles Burns: Black Hole. Reprodukt Verlag. (Deutsche Ausgabe)
 
www.reprodukt.com
 







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